vontazlab 09.04.2011

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Von Philipp Möcklinghoff

Kaum ein Thema erhitzt derzeit die Gemüter so sehr, wie die Diskussion um den Islam. Verträgt er sich nun mit dem christlich-jüdischen Wertekanon der westlichen Gesellschaften oder nicht? Nur wenige Menschen schreiben sich keinem der beiden Lager zu, deren Fronten sich zunehmend zu verhärten scheinen. Die Prozesse der Entfremdung spürt scheinbar jeder.

Die Trennlinie der deutschen Gesellschaft verläuft derzeit sehr wohl zwischen Integrierten und Nicht-Integrierten. Doch diese Kategorien mit Deutschen und Muslimen gleichzusetzen, verfehlt die Realität und zeugt von einer affektiven Ablehnung des am offensichtlichsten Fremden. Sicherlich ist die Debatte über und vor allem mit dem Islam wichtig. Doch das inflationäre Gerede von Integration von Migranten, womit in der Regel Muslime umschrieben werden, ist in erster Linie ein Stellvertreterkonflikt.

Wenn es nicht um Muslime geht, wer sind denn dann diese Nicht-Integrierten? In der Soziologie spricht man von den sogenannten „Überflüssigen“, mittlerweile ein Fachbegriff in den Gesellschaftswissenschaften. Gemeint ist die Masse der Menschen, die kaum oder gar kein eigenes Einkommen besitzen, die staatliche Förderung erhalten, die in den sozialen Wohnungsbausiedlungen am Rande unserer Städte leben – kurz: die Menschen, die aufgrund ihres sozialen Status von unserer Ego- und Konsumgesellschaft ausgeschlossen sind. Denn nur wer genügend Geld hat, kann sich selbst verwirklichen.

Es handelt sich nicht nur um Arbeitslose von denen ich spreche, um dem Klischee gleich zu Beginn vorzubeugen. Der Soziologe Berthold Vogel beschreibt vier verschiedene soziale Gruppen, aus denen sich die Überflüssigen zusammensetzen. Nur eine davon besteht aus Erwerbslosen, doch alle haben eines gemeinsam: Sie leben in prekären Verhältnissen, vom Heer der Zeitarbeiter bis hin zu den neumodischen IT-Nomaden, und sind auf Hartz IV zur Existenzsicherung in verschiedener Abstufung angewiesen. Ihre Lebensrealitäten stehen oft in krassem Widerspruch zu denen, die durch die Medien den öffentlichen Raum dieses Landes dominieren. So kommt es, dass diese Schichten auf sich gestellt bleiben, ihre Probleme interessieren nicht, wahrscheinlich weil sie überfordern. Der oft gehörte Satz „Wer sich anstrengt, wird in Deutschland auch einen Job finden.“ zeigt nur zu deutlich, dass wenn man sich schon mit den Problemen dieser Menschen befasst, ihnen die Verantwortung für die eigene Situation selbst zugeschrieben wird. Spätestens seit Schröders Kanzlerschaft ist das in den meisten Medien unverhohlene Praxis.

Doch was passiert, wenn man diese „Unterschicht“ sich selbst überlässt? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich etwas weiter ausholen: Hannah Arendt hat auf überzeugende Weise beschrieben, wie die Werte der Aufklärung – geknüpft an Marktwirtschaft und Industrialisierung – spätestens seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 für den Großteil der Bevölkerung der ersten deutschen Republik nichts als leere Versprechen waren. Leere Versprechungen vom Wohlstand für alle, ausgesprochen von einer Elite, die sich mit der Zeit zunehmend vom Volk entfernte. Jeder kennt die Bilder von Arbeitern, die ihren Lohn säckeweise nach hause schleppen mussten, während die oberen Schichten Kunst und Kultur der Goldenen Zwanziger frönten. Diese wachsende Entfremdung der deutschen Gesellschaft habe dazu geführt, dass einem kleinen „Pöbel“ in der Gestalt Hitlers und seinesgleichen ein derartiger Aufstieg ermöglicht wurde, so die amerikanische Philosophin. Man wollte den exklusiven Kreisen „da oben“ einen Denkzettel verpassen. Da kamen diese bestimmt und lautstark auftretenden Herren, die so gar nicht in die etablierten Kreise der Höhergestellten passen wollten, gerade recht. Deren eigentliche Absichten wurden dabei nur zu gern übersehen.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Ein zweites Nazideutschland am Horizont will ich nicht beschwören. Es geht mir vielmehr darum, dass sich ein immer größer werdender Teil der in Deutschland lebenden Menschen von den, den öffentlichen Diskurs bestimmenden Schichten nicht oder nicht mehr repräsentiert fühlt. Das Vertrauen in die bekannten staatlichen Institutionen schwindet. So ist es verständlich, dass einer Frau zu Guttenberg die Selbstjustiz gegen Kinderschänder von vielen hoch angerechnet wird. Der Rechtsstaat ist in den Augen dieser Menschen offenbar kein Garant mehr für die Zuweisung einer gerechten Strafe. Und ihr Mann, der zwar in seiner Karriere kaum Ergebnisse vorzuweisen hat, hat sich geschickt als Opfer eines verstockten Bildungsbürgertums inszeniert, welches mehr Wert auf ihre abgehobenen Initiationsriten zu legen scheint, als auf frischen Wind in der Politik und das vermeintliche Anpacken wichtiger Themen. Laut ZDF-Politbarometer ist Guttenberg noch immer der wichtigste Politiker Deutschlands, und das seit Wochen ungeschlagen. Mich hat diese Meldung sehr überrascht, immerhin hört man vom charismatischen Adligen in den „seriösen“ Medien, die auch ich vorwiegend konsumiere, seit seinem Rücktritt fast nichts mehr. Allerdings gibt es in Deutschland eine wachsende Parallelöffentlichkeit, ein Indiz ist das Überholen der Quote von „heute“ (ZDF) durch die „RTL News“. Hier ist der Minister und seine Gattin nach wie vor ein beliebtes Thema.

In Deutschland herrsche ein vergiftetes Klima, so der Politikwissenschaftler und Historiker Hamed Abdel-Samad während einer Diskussionsrunde auf dem Berliner Medienkongress von taz und Freitag. Er wendet sich gegen den Begriff der Parallelgesellschaft, der zu sehr mit dem Islam assoziiert sei und spricht statt dessen von asymmetrischen Gesellschaften innerhalb Deutschlands. Es ist nicht schwierig, diese abstrakte Formulierung mit einigen, wenn auch subjektiven Beispielen zu illustrieren.

So spricht die bildungsbürgerliche Jugend abschätzig vom „Unterschichten-TV“ und meint damit die platten Inhalte von RTL und Co. Das so titulierte Programm wird gern gesehen, nicht wegen seiner Qualität, sondern aus Belustigung über Leute, die sich so etwas „wirklich anschauen“. Daneben etabliert sich neuerdings für Faulenzen der Begriff „hartzen“ in Anspielung auf die gleichnamigen sozialen Unterstützungsprogramme. Die gesamte sog. Unterschicht wird so unbewusst unter Generalverdacht gestellt, faul und Arbeits-unwillig zu sein. Während am anderen Ende des sozialen Gefälles die Beleidigung „du Opfer“ zum festen Wortschatz gehört, was wiederum zeigt, was man auf keinen Fall sein will: Ein Verlierer des Systems. Die Sprache erlebt eine neue Qualität der sozialen Abschottung und Ausgrenzung.

Dies alles sind kleine Zeichen dafür, dass der Ton unter der Oberfläche – von den Abgehängten dieser Gesellschaft mit „political correctness“ umschrieben – rauer geworden ist. Das in solchen Zeiten der Ruf nach der starken Hand lauter wird, wie es die Proteste gegen Guttenbergs Rücktritt zeigen, beweist die Geschichte immer wieder. Seit es die Bundesrepublik gibt, scheint der soziale Friede sicher. Doch vielleicht sollten wir uns in diesem Punkt nicht allzu sicher sein. Ein Blick nach Ungarn, einem zeitgenössischen Paradebeispiel für eine gescheiterte Demokratie, lässt mich frösteln. Laut dem ungarischen Philosophen G.M. Tamás sind sich die Ungarn weitgehend im klaren über den autoritären Charakter ihrer neuen Regierung. Doch wünscht sich niemand die demokratischen Zeiten zurück, da sie vor allem für Ungerechtigkeit und Doppelmoral städtischer Eliten stehen. Das Scheitern beim Lösen der soziale Frage hat entscheidend zum Ende von demokratischen Regierungen beigetragen. Wir sollten die Augen vor dieser neuen alten sozialen Frage, mit der wir heute wieder konfrontiert sind, nicht weiter verschließen. Die Zukunft des gesamten liberal-demokratischen Projekts könnte davon abhängen.

Zum Weiterlesen

Berthold Vogel: „Überzählige“ und „Überflüssige“, Berliner Debatte INITIAL 15/2004

Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955)

G.M. Tamás: Es gibt keine Trauer um die Demokratie. Das ungarische Desaster, taz vom 03.01.2011 (nachlesbar auf taz.de)

Joachim Huber: Zweites Deutsches Nachrichtenfernsehen. „Breaking News“: RTL ist mit „Aktuell“ erfolgreicher beim Publikum als das ZDF mit „heute“, der Tagesspiegel vom 30.03.2011 (nachlesbar auf tagesspiegel.de)

ZDF Politbarometer vom 01. April 2011

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kommentare

  • Guter und durchdachter Artikel!
    Dass „Überflüssige“ laut Autor schon ein Fachbegriff sein soll, hat mich doch sehr erschreckt. Andernorts wird ja oft von „Überzähligen“ gesprochen, auch ein sehr kalter Begriff, aber im Kontext nicht so überspitzt zynisch.
    Es muss in Zukunft schlicht auch darum gehen, Menschen, die nicht an der reinen Arbeitsgesellschaft teilnehmen können, trotzdem eine soziale und kulturelle Teilnahme zu ermöglichen. Viel zu oft beschränkt sich dagegen die öffentliche Rhetorik darauf, ihnen abzuverlangen, ebendieser Arbeitsgesellschaft möglichst wenig zur Last zu fallen, also, egal wie verzweifelt, stets auf Arbeitssuche zu bleiben, jeden noch so dünnen Strohhalm zu ergreifen und in der Zwischenzeit mit einem Minimum an Unterstützung auszukommen. So kann es nicht ewig weitergehen, wird sich doch diese Problematik im Zuge der Technisierung und des sich somit verringernden Bedarfs an körperlicher und einfacher handwerklicher Arbeit weiter verschärfen (ohne natürlich dem professionellen und geübten Handwerk die Daseinsberechtigung absprechen zu wollen). Würden die Menschen wieder das Selbstvertrauen erlangen, auch in prekären Verhältnissen nicht nur Bittsteller sein zu dürfen, sondern immer auch als soziales, kreatives und unabhängiges Individuum wahrgenommen werden zu müssen, wäre dies die beste Medizin gegen die Hoffnungslosigkeit der einen und die Abstiegsängste der anderen, die sich immer mehr verbreiten, inklusive der angesprochenen, drohenden Konsequenzen (auch wenn ich es kritisch sehe, immer gleich das schlimmste Szenario an die Wand zu malen, aber auf diesen Punkt ist der Autor ja selbst noch einmal eingegangen). Auch ein selbstbewusster Umgang mit moderner Informationstechnologie könnte hier möglicherweise einen kleinen Beitrag leisten, von dem vielleicht auch die Gesamtgesellschaft durch die dabei entstehenden, immateriellen Güter und Ressourcen wiederum profitieren könnte.

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