Reportage über 24-Stunden-Pflege mit deutsch-tschechischem Preis ausgezeichnet
von Matthias Kalle und Lin Hierse
Viele Unrechtssysteme funktionieren gerade deshalb so gut, weil kaum jemand wirklich hinsehen will. Das gilt auch für die sogenannte 24-Stunden-Pflege. Frauen – meist aus Osteuropa – leben Wochen und Monate in deutschen Haushalten, kochen, putzen, pflegen, trösten, und all das häufig ohne Pausen, klare Verträge, ohne den Schutz, den unser Arbeitsrecht ihnen eigentlich garantieren soll.
Unsere Kollegin Leonie Gubela hat diese Realität sichtbar gemacht. Ihre Reportage „Wer hilft ihnen?“, die Anfang des Jahres in der wochentaz erschienen ist, erzählt diese Missstände nicht abstrakt, sondern folgt den Lebensgeschichten der Betroffenen.
Sie hört zu, fragt nach und zeigt auf diese Weise, auf welcher prekären Grundlage unser Pflegesystem aufbaut. Der Text stellt auch die Frage, wer hier eigentlich wen pflegt: die Betreuerinnen ihre Arbeitgeber – oder ein Land die eigene Bequemlichkeit?
Für diese Recherche ist Leonie Gubela jetzt mit dem Deutsch-tschechischen Journalistenpreis ausgezeichnet worden. Die Jury hebt insbesondere hervor, wie präzise der Text die strukturellen Probleme benennt, ohne die Menschen dahinter aus dem Blick zu verlieren. Dass eine solche Anerkennung ausgerechnet für eine Recherche über Care-Arbeit vergeben wird, ist kein Zufall, sondern ein Zeichen dafür, dass journalistische Aufmerksamkeit genau dort gebraucht wird, wo Abhängigkeiten am größten sind.
Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung. Und wir freuen uns für Leonie Gubela, deren Arbeit beispielhaft zeigt: Eine gute Reportage will nicht nur berichten. Sie will auch wirklich verstehen.
Fünf tazler*innen für Oscar der deutschen Medienbranche nominiert
von Anne Fromm
Der Reporter:innen-Preis ist so etwas wie der Oscar der deutschen Medienbranche. Einmal im Jahr wird er vergeben, für die herausragendsten Texte des Jahres. Prämiert werden spannende Recherchen, eine fantastische Stilistik, Interviews, die besonders anregend oder unterhaltsam sind, Essays, die die Komplexität der Gegenwart klug zusammenfassen.
In diesem Jahr wurden 940 Texte und Projekte für den Preis eingereicht, und unter den Nominierten finden sich einige tazler*innen.
Dinah Riese und Nicholas Potter sind in der Kategorie „Bestes Interview“ nominiert für ihr Gespräch mit Äsmet Tekin und Valentin Lutset, die den Anschlag von Halle überlebt haben. Lutset saß mit seiner Frau in der Synagoge, als der Attentäter versuchte, das Gebäude zu stürmen. Tekin arbeitet mit seinem Bruder in einem Döner-Geschäft, in das der Attentäter einen Sprengsatz warf und einen Kunden des Ladens erschoss. In dem Interview „Ein Schmerz, der uns zusammenhält“ vom 8. Oktober 2024 sprechen Tekin und Lutset über ihre Freundschaft.
Jonas Waack besuchte nach der Bundestagswahl das Dorf Kieve in Mecklenburg-Vorpommern, der einzige Ort in dem Bundesland, in dem nicht die AfD, sondern die SPD die Wahl gewonnen hat. Für seine Reportage „Das Dorf der Unbeugsamen“ ist er als „Newcomer“ nominiert.
Die Kategorie, in der tazler*innen historisch die besten Chancen haben, ist das Essay. Hierüber gingen immer wieder Preise an die taz, in diesem Jahr sind gleich zwei Kolleginnen nominiert: Manuela Heim für ihren Text „Eine moralische Verletzung“, in dem sie beschreibt, wie New York mit Obdachlosigkeit umgeht und was Deutschland davon lernen kann.
Auch nominiert ist Jette Poensgen mit ihrem Text „Zecke? Nehm ich als Kompliment“. Darin beschreibt die 15-Jährige, wie sie in der Brandenburger Provinz bei Nazi-Sprüchen auf dem Schulhof dagegenhält.
Die Preisverleihung findet am 8. Dezember in Berlin statt. In elf Kategorien wird der Preis „von Journalisten für Journalisten“ seit 2009 vom Reporterforum e. V. vergeben.
Weitere taz-Texte mit Auszeichnung hier lesen: taz.de/ausgezeichnet