vonPaul Wrusch 10.05.2011

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Ein taz.de-Leserkommantar zu unserem Artikel „Das dürfen die“ (http://www.taz.de/1/politik/schwerpunkt-ueberwachung/artikel/1/das-duerfen-die/) lautete:

„Ist das, was wir hier vorhaben, ethisch korrekt? Darf man für eine Recherche lügen? Aber wie sollen wir anders herausfinden, wie die Leute reagieren?“ Antwort dazu? Egal. Wenn ich was raus finden will dann darf ich alles, wenn ich keine andere Möglichkeit sehe. Und ich muss jetzt was machen. Regt sich ja keiner richtig auf. Was soll der Mist? War es nun ethisch korrekt? P. WRUSCH / A. SEUBERT, ich erwarte eine Antwort.

Hier also die geforderte Antwort.

Ist das ethisch korrekt?

Wir haben uns die Frage vor, während und nach der Recherche gestellt. Unter strengen ethischen Gesichtspunkten muss sie mit „Nein“ beantwortet werden. Lügen – und das haben wir ja getan – ist nicht ethisch korrekt. Bei jeder verdeckten Recherche muss man aber erneut abwägen, ob der zu erwartende Erkenntnisgewinn die Vorgehensweise rechtfertigt. In unserem Fall sagen wir: Ja, das hat er.

Wir wollten wissen, weshalb es bei dem diesjährigen Zensus kaum Protest gibt. Ob sich in Zeiten von Facebook und Co. Die Sensibilität bezüglich der Privatssphäre geändert hat. Ob Bürger bereit sind, dem Staat auch Intimstes zu verraten. Aber auch, ob die Menschen überhaupt ausreichend vom Staat über die Volkszählung informiert wurden. Wenn das so wäre, wir hätten wohl kaum Erfolg gehabt – immerhin waren wir Samstag, zwei Tage vor dem offiziellen Start des Zensus in Berlin unterwegs. All diese Fragen hätten wir nicht anders beantworten können als eben durch den Weg, den wir gegangen sind. Insofern rechtfertigt das Ergebnis der Recherche die Vorgehensweise.

Darf man deswegen Alles?

Nein, natürlich nicht. Es ging aber nicht darum, irgendwen vorzuführen. Zu zeigen, wie leicht man auf falsche Interviewer hereinfällt. Wir haben alle unsere Protagonisten nach der Recherche darüber aufgeklärt, dass wir Journalisten sind. Wir haben sie soweit anonymisiert, dass sie nicht mehr erkennbar sind.

Wir können von uns selbst nicht behaupten, dass es uns nicht ähnlich gegangen wäre. Das kann wohl niemand.

Ein weiterer Leservorwurf lautete, wir hätten doch sicher „Freudentänze aufgeführt“, nachdem wir die Wohnungen verlassen haben. Nein, haben wir nicht. Im Gegenteil. Wir waren meist sprachlos und irritiert. Wir hätten uns ein anderes Ergebnis der Recherche gewünscht – mehr Misstrauen, einen besseren Informationsstand, mehr Sinn für Privatsspähre (auch wenn es sich natürlich nicht um eine repräsentative Stichprobe, sondern um eine kleine Zufallsauswahl aus einem Bezirk Berlins handelt).

Damit mögen nicht alle (ethischen) Zweifel an der Aktion aus dem Weg geräumt sein. Gerne können wir das hier ausführlicher diskutieren. Die überwiegend positiven Leserreaktionen haben uns jedenfalls in unserer Annahme bestärkt, dass die Recherche zulässig war.

Paul Wrusch & Annabelle Seubert

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https://blogs.taz.de/hausblog/ist_das_ethisch_korrekt/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Nee, komm @ ringelnatz, bei aller verständlichen Wut, Faust ins Gesicht geht gar nicht. Lieber in die Genitalien treten oder so…
    Spass beiseite.
    Hier ist eine klug geführte, argumentativ hochwertige Diskussion zustande gekommen, in der sehr deutlich herausarbeitet wurde, wie niederträchtig und moralisch verwerflich und wohlmöglich auch illegal (Stichwort Hausfriedensbruch) die beiden Autoren vorgegangen sind.
    Das sollte diesen beiden Randgestalten des Schmutzkübeljournalismus weh genug tun, sofern sie denn in der Lage sein sollten, die hier vorgebrachten Argumente emotional und intellektuell zu verarbeiten.

    Anstelle von Faust in Fresse: Schlage die beiden doch lieber mit der Peitsche deines Intellekts.
    Das sollte ausgesprochen leicht zu bewerkstelligen sein – guck dir einfach diese unsägliche Reportage an und was die Autoren hier im Blog fabriziert haben. Mit den beiden scheint intellektuell nicht besonders viel los zu sein.
    Das solche Pfeifen bei der taz arbeiten dürfen, ist eigentlich erschreckend.
    Ein Gutes hat diese Reportage aber auch: Ich hatte überlegt, taz.de regelmäig einen kleinen Obolus per Dauerauftrag zu überweisen, habe mich aber dagegen entschieden. Leichte Zweifel, ob das eine gute Entscheidung ist, sind aber geblieben.
    P. Wusch hat darauf verwiesen, dass durch seine Reportage einige Leser einen „Erkenntnisgewinn“ erzielt hätten. Ja, ich auch! Meine taz-zahl-ich-nicht-Entscheidung war goldrichtig!
    In diesem Sinne vielleicht doch einmal ein aufrichtiges Dankeschön an die Autoren… vermutlich habt ihr mir viel Geld gespart.
    Vielleicht sollte ich dieses Geld an die „Opfer“ eurer Aktion spenden, denn die könnten jetzt bestimmt anwaltlichen Rat gebrauchen, um euch, bzw die taz auf Schmerzensgeld zu verklagen.
    Habt ihr gut hingekriegt, wirklich. Hochachtung!

  • …doch, eine spontane Faust auf eure Nasen wäre „ethisch“ gerechtfertigt gewesen nach dem durch Lüge erzwungenen Zutritt zu Wohnungen, also den absoluten Privatbereich. Denn nur so wäre euch die Unzumutbarkeit eures Tuns „erfahrbar“ gewesen. Nach einer solchen Retourkutsche brauchtet ihr euch auch nicht so zu winden mit eurem pseudo-ethischen „Bedenken“. Lächerliche überflüssige „Recherche“ …

  • @Paul Wrusch, (@not amused)

    Ich bin schockiert, dass ihr offensichtlich die Betroffenen nicht um Erlaubnis gebeten habt, die Details zu ihrer Privatsphäre zu veröffentlichen – zumal ihr die ja durch Täuschung bekommen habt.

    Zwar finde ich es OK eure subjektiven Eindrücke zu lesen – dafür ist die Reportage ja da und das ist ehrlicher als bei einer Umfrage von sechs Personen irgendeine Form von „Objektivität“ oder gar Distanz vorzutäuschen (hier unterscheide ich mich von @not amused) – aber intime Informationen ohne Nachfrage preiszugeben verstößt meiner Ansicht nach gegen Ziffer 8 des Pressekodexes („…Die Presse achtet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung…“), wenn nicht sogar Ziffer 1 (Die Wahrung der Menschenwürde).

    Die Betroffenen, die sich oben gemeldet haben sollten überlegen, ob sie sich nicht zumindest beim Deutschen Presserat beschweren. (Im Prinzip kann das auch jedeR andere an deren Stelle machen).

  • @ Paul Wrusch
    „Journalistisch nicht vertretbar wäre es aus meiner Sicht gewesen, diese Angaben völlig frei zu erfinden.“
    Es hat niemand von euch verlangt, irgendetwas frei zu erfinden oder eine Stellungnahme angefragt, wieso ihr das nicht getan habt.
    Der Frage ist gewesen, wieso ihr nicht auf die Veröffentlichung gezielter Indiskretionen verzichtet habt.
    Zum „Erkenntnisgewinn“ hätte es definitiv ausgereicht, wenn ihr geschrieben hättet, welche Fragen ihr gestellt habt und das darauf freimütig geantwortet wurde. Aber Sie finden ja: „Das ist der Form der Reportage geschuldet.“ Alles klar. Da fragt man sich natürlich, was für eine „Form der Reportage“ die Autoren im Sinn hatten.
    Der Verzicht auf allzu detallierte Beschreibungen eurer subjektiven Eindrücke wäre deutlich seriöser gewesen, aber dadurch hättet ihr natürlich nicht diesen scheinheilig-betroffenen und reißerischen Gesamteindruck erzielen können.

    Ihr outet euch mit eurer Reportage als indiskrete Schmierfinken. Unschön.
    Ihr könnt euch ja einfach ein paar moralische Grundsätze zusammenschustern, die dazu passen, dann wird sich das schlechte Gewissen (falls vorhanden) schon wieder beruhigen…. Für Anregungen stehen euch die Kollegen von gegenüber sicher gern mit Rat und Tat zur Seite.

  • Paul Wrusch:

    Wallraff? Ich hatte eher an Ihren Kollegen Heiser und dessen Schleichwerbe-Recherche gedacht. Erstaunlich, dass Sie dabei gleich an Wallraff denken…

    Finden Sie es tatsächlich angemessen, so auf Diskussionsbeiträge zu reagieren? Die Sie sich, nur nebenbei bemerkt, höchstpersönlich gewünscht haben?

    Ihre auf mich reichlich infantil wirkenden Belehrungen hinsichtlich der Realibilität und Validität von Studien und berechtigtem Misstrauen gegenüber einigen „Experten“ haben bei mir persönlich leider keinen Erkenntnisgewinn erzielt.
    Ich bin auch tatsächlich gar nicht überrascht, dass es keine sozialwissenschaftlichen Studien darüber gibt, die erklären, wie sich Menschen im Mai 2011 verhalten, wenn zwei Tage vor Start der Volkszählung falsche Volkszähler vor ihrer Tür stehen und Dinge fragen, die der Staat nicht fragen sollte.

    Wollten Sie mich mit Ihren Ausführungen beleidigen? Oder wollten Sie eventuell Ihren Sinn für Humor zum Ausdruck bringen? Sollte es letzteres gewesen sein – leider nicht angekommen.

    Im Grunde hätte ich erwartet, dass Sie in der Lage wären, zu verstehen, was ich Ihnen – offenbar erfolglos – versucht habe, zu vermitteln.

    Wie Sie selbst formuliert haben: „Letztlich ging es ja auch darum, Leser zum Nachdenken über einen allzu offenen Umgang mit intimen Daten anzuregen.“
    Dafür wäre es aus meiner Sicht journalistisch angemessener gewesen, wenn Sie sich im Vorfeld die Mühe gemacht hätten, dieses Phänomen etwas genauer zu recherchieren. Im Grunde ist das alles nichts Neues und zu dem Thema gibt es genügend seriöse Studien.
    Diesbezüglich werde ich Ihnen selbstverständlich keine Auskunft erteilen. Sie verfügen wahrscheinlich über die notwendige Kompetenz, Ihre Arbeit selbst zu erledigen.

    Sind Sie sich sicher, den Kommentator „Hitzkopf“ richtig verstanden zu haben? Seine Intention war meinem Verständnis nach nicht, Ihnen oder jemand anders offen körperliche Gewalt anzudrohen. Auf mich wirkt sein Beitrag eher wie ein – offenkundig gescheiterter – Versuch, Sie dafür zu sensibilisieren, dass Ihr Verhalten möglicherweise als ausgesprochen übergriffig interpretiert werden könnte und Sie eventuell mit entsprechend aggressiven Reaktionen konfrontiert werden könnten.

    Aus dem Beitrag von Gantenbein in Ihrem Artikel auf taz.de und dem Kommentar von @DD_says hier im Blog können Sie vielleicht ableiten, wie entwürdigt und vorgeführt sich Ihre „Opfer“ angesichts Ihrer offenherzigen Schilderungen über Ihre persönlichen Eindrücke fühlen.
    Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich bei diesem Menschen zu entschuldigen? Das wäre sicherlich eine anständige, mutige und ethisch korrekte Vorgehensweise.

    Die Vorwürfe hinsichtlich Voyeurismus und Boulevardniveau sind aus meiner Sicht nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Auch in der Bildzeitung und bei Privatsender-Reportagen finden sich häufiger mal vergleichbare Berichte.
    Da geht es dann zwar eher um versteckte Recherchen zu Themen wie „Haut die Autowerkstatt ihre Kunden über’s Ohr?“ und „Schreibt der Arzt mich krank, obwohl ich gesund bin?“, aber das methodische Vorgehen ist weitgehend identisch.
    Aber wer möchte sich schon anmaßen, zu beurteilen, ob die o.g. Themen journalistisch weniger relevant sind als der persönliche Umgang mit intimen Daten…

    Was mich wundert: Sie haben fast jedem Kommentator persönlich geantwortet. Nur demjenigen nicht, den Sie durch Ihren Artikel offenkundig gekränkt und beleidigt haben.
    Das halte ich für unsensibel, weil Sie diesem Menschen durch Ihre Ignoranz aller Voraussicht nach zusätzlichen Schmerz zufügen.

    Letzteres sehe ich durch den jüngsten Beitrag eures „Opfers“ bestätigt.

  • Sie haben mit Ihrem Unmut völlig recht.

    Die „Reportage“ halte ich auch für zumindest bedenklich.

    Allerdings sehe ich bei der taz – insbesondere auch bei der Chefredaktion – schon ein hohes Maß an Anstand und journalistischer Aufrichtigkeit. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass die taz sich mit einer Rüge des Presserats „schmücken“ würde.

    Ich glaube schon, dass die Chefredaktion auf Ihre Beschwerde hin reagieren wird. Alles andere würde mich wundern.

  • Meinen Unmut über die Indiskretion habe ich der Chefredaktion und den beiden Redakteuren recht deutlich ggü. geäußert. Ob sich diesbezüglich jemand der Angesprochenen zu einer Reaktion aufgefordert fühlt, bleibt abzuwarten. Mit einer Rüge seitens des Presserates wird sich die taz eher schmücken, als darunter leiden. Der hier strapazierte Begriff „Reportage“ täuscht darüber hinweg, dass der Artikel n i c h t s mit dem Umgang der Zensus-Daten zu tun hat, sondern eine eigene Gattung dastellt:
    Schnüffelei in Privatangelegenheiten. Das passt eher zu rtl 2-Formaten und hat wenig mit Aufklärung zu tun. Nun ja, die Redakteure sind beide noch jung und müssen sich ihre Lorbeeren erst noch verdienen….

  • @1000 Fliegen können sich nicht irren?

    Das soll auch nicht unser Hauptargument sein. Allerdings haben etliche taz.de-Kommentatoren sowie andere Leserreaktionen gezeigt, dass viele von den Ergebnissen und der Offenherzigkeit der Protagonisten erstaunt waren und einen Erkenntnisgewinn erzielt haben. Letztlich ging es ja auch darum, Leser zum Nachdenken über einen allzu offenen Umgang mit intimen Daten anzuregen.

    @Anne O’Nym

    Es stimmt, wir hätten vielleicht eher den Begriff „moralisch“ verwenden sollen. Dass viele bedeutende Vorgänge durch Lügen aufgedeckt wurden, stimmt natürlich (wir maßen uns allerdings nicht an, hier den Wallraff gemacht zu haben). Hier kommt dann wieder die Abwägungsfrage zwischen Erkenntnisgewinn und Recherche zum Tragen. Aber auch in Wallraff-Fällen mag das Lügen moralisch fragwürdig sein. (Vielleicht lege ich aber auch gerade zu hohe moralische Maßstäbe an…)

    Im Übrigen wäre ich erstaunt, wenn es sozialwissenschaftliche Studien darüber gäbe, die erklären, wie sich Menschen im Mai 2011 verhalten, wenn zwei Tage vor Start der Volkszählung falsche Volkszähler vor ihrer Tür stehen und Dinge fragen, die der Staat nicht fragen sollte. Falls doch (oder wenigstens ähnlich gelagerte Studien) nur her damit. Wobei man sich auch nicht immer auf Studien verlassen sollte. Genausowenig wie auf so genannte Experten.

    @DD, Peter und Stefan K

    Wir haben tatsächlich einige individuelle Angaben gemacht, sowohl zu den Personen als auch zu Wohnungen etc. Das ist der Form der Reportage geschuldet. Die Reportage lebt von der Beschreibung von (realen) Eindrücken, nicht von erfundenen. Deshalb auch die Angaben zu Sexualverhalten, Drogenkonsum Wohnungen etc. Journalistisch nicht vertretbar wäre es aus meiner Sicht gewesen, diese Angaben völlig frei zu erfinden.

    Wir haben alle Protagonisten über unsere Recherche informiert. Um Erlaubnis, ob wir die Eindrücke und Angaben nutzen dürfen, haben wir nicht gefragt. Auch haben wir die Passagen nicht zur Kenntnis vorgelegt. Die Personen sind so weit verfremdet, dass sie nicht erkennbar werden. Nach einem längeren Diskussionprozess in der Redaktion und mit den verantwortlichen Redakteuren haben wir uns für dieses Vorgehen entschieden. Wenn dennoch enge Freunde die Protagonisten erkennen können, tut uns das aufrichtig leid. Aber auch die Angaben zu Beruf und Wohnungsgröße, Wahlverhalten etc. sind für die Aussage des Textes aus unserer Sicht wichtig, da sie etwas darüber aussagen, wen wir angetroffen haben.

    @Hitzkopf

    Nein, es ist nicht ethisch (moralisch) vertretbar, jemandem offen Prügel anzudrohen.

  • Ich halte die Recherche der Autoren für journalistisch gerechtfertigt.

    ABER: ich frage mich auch, ob eine Veröffentlichung der intimen Antworten notwendig war für die „Botschaft“ des Artikels, ob die Betroffenen dazu um Erlaubnis gefragt wurden und ob sie die sie betreffenden Passagen vor Drucklegung lesen durften.

    Dazu bitte ich Paul Wrusch und Annabelle Seubert um Antwort.

  • P. Wrusch und A.Seubert äußern den Wunsch, hier im Blog die ethische Korrektheit ihrer Arbeit zu diskutieren.
    Es kommt zu einer Diskussion, der die Initiatoren aber dezent fernbleiben.
    Überaus befremdliches Verhalten.

  • @ Jens:
    Wärst Du der taz immer noch so aufrichtig dankbar, wenn Du in die Falle gelockt worden wärst und entsprechende Peinlichkeiten über dich – nur mangelhaft anonymisiert – publiziert worden wären?

    Sicher, immer toll und aufschlussreich, wenn es um andere geht. Wenn man durch entsprechende Berichterstattung allerdings selbst zu einem „schlimme[n] Aspekt[e] der Wirklichkeit“ gemacht wird, ist es vermutlich ganz schnell vorbei mit Spott und „Betroffenheit“.

  • Oha.
    Vielleicht solltest Du über deine Möglichkeiten nachdenken, dich gegen das Gebahren der taz zur Wehr zu setzen.
    Strafanzeige wäre denkbar – hier haben sich Leute Zugang zu deiner Wohnung verschafft, indem sie dich getäuscht haben. Meines Wissens ist so etwas Hausfriedensbruch und kann entsprechend geahndet werden.
    Eine weitere Möglichkeit wäre eine Beschwerde beim Presserat, eine Anleitung dazu befindet sich unter
    presserat.info/inhalt/beschwerde/anleitung.html

    Die taz sollte es eigentlich sogar freuen. Es ist doch prima, wenn sich die Bevölkerung eben doch nicht alles gefallen läßt. Dabei sollte es egal sein, ob es sich um Übergriffe seitens des Staates oder seitens der Presse handelt.

  • Vielen Dank für diese richtige Einschätzung! Tatsächlich hat die taz über mich einige Informationen gedruckt, die -im Kontext gedruckt und lesbar – durchaus für Freunde und Bekannte mein Profil erkennbar machen. Und weil dort intime Dinge zu lesen sind, bin ich reichlich verärgert über diese taz-Lust am Yoyeurismus, die mit Kritik am Zensus und zu unkritischen Bürgern nichts zu tun hat. Hier macht die taz das, wovor sie ja vermeintlich warnen wollte: Sie geht bewußt indiskret mit Daten und Informationen um und erreicht bei Hinweisen auf Sexverhalten, Drogenkonsum etc. Boulevard-Niveau. Hier wäre Zurückhaltung fair gewesen- und ethisch.

  • Für mich war bei dem Artikel die wichtigste Frage, ob ihr eure Befragten nicht nur aufgeklärt habt sondern auch um Erlaubnis gefragt habt, ob ihr die Szenen verwerten dürft. Insbesondere habe ich mich gefragt, ob eure „Opfer“ wirklich zugestimmt haben, ihr Sexualverhalten im Artikel mitzuverwerten – und selbst wenn, frage ich mich, ob man es überhaupt hätte veröffentlichen müssen.

    Was für einen Sinn hat es, dass ein Mensch den ich nicht kenne, einmal im Monat Sex hat? Viel wichtiger ist doch, dass er euch eine genaue Angabe gemacht hat – und auf der Ebene hättet ihr es vielleicht auch belassen sollen.

    ps. Ich glaube @Anne O’Nym hat recht: Ihr solltet mal eure Begrifflichkeiten prüfen. Vermutlich meintet ihr nicht „ist das ethisch korrekt?“ sondern „entspricht das unseren moralischen Vorstellungen?“. Der Artikel an sich ist „Ethik“, nämlich das Nachdenken über die Moral…

  • Ist es ethisch korrekt, Strafanzeige gegen Personen, die sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Zugang zu meinen Privaträumen verschafft haben, zu erstatten oder besser noch: Diese direkt selbst zu verprügeln?

  • Ganz aufrichtig: Vielen Dank für den Augenöffner. Erschütternd, dass im gut verdienenden, grün wählenden, kreativ arbeitenden Milieu die Souveränität, das Selbstbewusstsein und auch das Misstrauen nicht groß genug ist, nein zu sagen oder eine Antwort einfach mal schuldig zu bleiben.
    Die Recherche hätte ich mir nicht zugetraut, das Unwohlsein kann ich gut verstehen. Die Ergebnisse rechtfertigen das Vorgehen. Das ist investigativer Journalismus.
    Die Titanic hätte das auch gedurft, der taz bin ich aufrichtig dankbar – weil sie nicht Satire praktiziert hat, sondern schlimme Aspekte der Wirklichkeit ans Tageslicht gebracht hat, die mit höflichen, anständigen und korrekten Mitteln verborgen geblieben wären. Respekt!

  • Ich täte mir an Stelle der Autoren überlegen, welche der Daten, die sie teilweise genauestens in TAZ-online veröffentlichten, nun Freunde und Bekannte der Ausgefragten („Name geändert“, haha!) sprachlos und irritiert machen. Gut zu erkennen dürften die Befragten durch ihr TAZ-Profil ja sein. Ohje.

  • Was sind für euch strenge ethische Gesichtspunkte? Das interessiert mich jetzt wirklich.
    Ich finde es etwas verwirrend, wenn hier mit solchen Begrifflichkeiten um sich geschmissen wird. Kann es angehen, dass ihr euch über Ethik Gedanken macht, es aber für euch gar nicht so recht klar ist, was Ethik ist? Vielleicht könnte Wikipedia da weiterhelfen.

    Wieso darf man denn eures Erachtens „unter strengen ethischen Gesichtspunkten“ im Rahmen einer Recherche nicht lügen?
    Ihr haltet euch für Journalisten. Dann müßtet ihr doch eigentlich wissen, dass viele bedeutende Sachverhalte, Skandale, usw. überhaupt erst aufgeklärt worden sind, WEIL investigative Journalisten gelogen haben, was das Zeug hält. Was mit Sicherheit auch unter allerstrengsten ethischen Gesichtspunkten vertretbar ist.

    In eurem Fall mag die Sachlage anders aussehen. Die korrekte Frage wäre gewesen: Darf man für eine überflüssige Recherche lügen?

    Ich halte eure Aktion für ethisch nicht vertretbar. Denn wirklich recherchiert habt ihr offenbar nicht. Sonst hättet ihr bereits im Vorfeld genügend Material (sozialwissenschaftliche Studien etc.) zum Thema gefunden, die das „Ergebnis“ eurer „Recherche“ bereits vorweggenommen haben.

  • Ich möchte an dieser Stelle nicht beurteilen, ob ihr ethisch korrekt gehandelt habt.

    Was ich aber besorgniserregend finde, ist folgendes Zitat:

    „Die überwiegend positiven Leserreaktionen haben uns jedenfalls in unserer Annahme bestärkt, dass die Recherche zulässig war.“

    Diese Aussage wirkt auf mich persönlich wenig intelligent und sehr unreif.

    Mit dem Argument solltet ihr euer Handeln vielleicht nicht unbedingt legitimieren. Denkt mal darüber nach, was alles schon passiert ist, weil die Mehrheit zugestimmt hat…

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