vontazlab 09.04.2011

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Von Julian Kasten

Foto: Fiona Krakenbürger
Foto: Fiona Krakenbürger
In Berlin arbeiten Journalisten und Politiker oft sehr nah aneinander. Sie treffen sich in Cafes und Wohnzimmern. Auf beiden Seiten finden die Akteure Gründe dafür, doch bestehen dabei auch viele Gefahren. Während den Journalisten mangelnde Distanz zur Politik nachgesagt wird und Politiker verdächtigt werden, ihrem Geltungsdrang dadurch mehr Raum zu verschaffen, kann der Eindruck erscheinen, dass die Berliner Politik-Journalismus-Szene fernab von der Realität in einem Raumschiff schwebt. Drei JournalistInnen, ein Politiker und ein ehemaliger Regierungssprecher mit dem Moderator Gordon Repinski von der taz treffen sich auf dem Medienkongress, um zu dem Thema „Raumschiff Berlin: JournalistInnen als Machtfaktor in der Politik“ zu diskutieren.

PolitikerInnen und JournalistInnen genießen generell keine allzu hohe Beliebtheit und Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Oft geistert das Wort „Politikverdrossenheit“ durch die Diskussionsrunde. Den Medien wird vorgeworfen, zu stark zu personalisieren und künstliche Ereignisse herauf zu beschwören, um Leser zu fischen. Politiker scheinen keine Überzeugungen mehr zu haben, und tischen den Bürgern wich gespülte, von professionellen Beratern bearbeitete Aussagen auf.

Die technische Beschleunigung ist für die Entwicklung verantwortlich

Die Akteure auf der Bühne sind sich schnell einig, dass die Geschwindigkeit der Ereignisse und die der Medien schuld seien. Durch die digitale Technik und die vielen Medienanstalten erreichen die Nachrichten beinahe in Echtzeit die ganze Welt, und nur wenige haben noch die Zeit, ordentlich darüber nachzudenken. Sabine Adler, Leiterin des Hauptstadtbüros bei Deutschlandradio, stellt unmissverständlich klar, dass ein Ausstieg aus dieser Beschleunigung unmöglich sei. Darum wären Analyse und Hintergrundberichte umso wichtiger. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat dazu auch die Mittel.

Jens Spahn von der CDU gibt zu, dass im Alltag kaum Zeit bleibt, zwischen Terminen und professioneller Öffentlichkeitsarbeit über Strategien und Inhalte nachzudenken. In höheren Ämtern müsse der Druck und der Stress noch höher sein. Er vergleicht das Geschehen mit einer Konferenzübertragung der Fußball-Bundesliga, bei dem die Kameras von Tor zu Tor, von Spiel zu Spiel hetzen, bloß ohne Schlusspfiff.

Bei dieser Entwicklung sei es eine verständliche Strategie, so der ehemalige Regierungssprecher Thomas Steg, dass Politiker die wichtige Funktion der Hintergrundgespräche in Cafes und Wohnzimmern von JournalistInnen nutzen. Einerseits kann diese Hinterbühne dazu genutzt werden, unter geringerem Druck und weniger Menschen eigene Motive und Ideen gründlich zu erklären. Die Themen werden oft codiert diskutiert. „Unter1“ bedeutet, dass die Informationen mit Quelle weiter gegeben werden dürfen. „Unter2“ bedeutet, dass die Quelle „aus informierten Kreisen“ zu heißen hat, während „Unter3“-Themen nicht veröffentlicht werden. Im Zuge dessen betont Steg, dass Politiker auf diese Weise gern die Wirkung von neuen Themen abtasten. Die Journalisten werden an dieser Stelle zu Eingeweihten und Vertrauten, im Zweifelsfall sogar zum Politikberater. Genau hier sind auch die größten Gefahren zu suchen. Wenn JournalistInnen in entspannter Atmosphäre von Politikern Themen und Meinungen anvertraut bekommen, die sie nicht veröffentlichen dürfen, ist es nur noch ein kurzer Schritt bis zur Aufgabe der Distanz, die von ihnen unbedingt gefordert ist. Die Medienvertreter begeben sich in einen Raum, der vor der Öffentlichkeit geschützt ist, obwohl sie es sind, die Öffentlichkeit schaffen und den Mächtigen auf die Finger blicken sollen.

Die Aufgaben der Medien werden infrage gestellt

Christoph Schwennicke, stellvertrender Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, sieht die größte Herausforderung darin, die Distanz zu den Politkern zu wahren. Er erzählt von einem Angelausflug mit Peter Ramsauer (CSU). Heute würde er ablehnen, wenn in der Redaktion ein Portrait über den Bundesminister gefragt wäre. Da man sich einander im politischen Berlin nach einigen Jahren gut kenne, sei es sehr schwer, dieses normativ aufgeladene Verhältnis zwischen medialen und politischen System angemessen zu gestalten.

Sabine Adler vom Deutschlandradio ist Mitglied im Wohnzimmerkreis und sieht darin mehr Vorteile als Gefahren. Sie sieht sich als Journalistin in der Pflicht, so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Sie möchte daher auch die Nähe zu den politischen Akteuren haben. Dabei sei es natürlich wichtig, dass beide Akteure sich ihren Aufgaben bewusst sind und keine Freunde werden; Selbst wenn viele Politiker durchaus nett seien, wie Adler betont. Wenn JournalistInnen am Zahn der Zeit sein möchten, und bei den wichtigsten Themen mitreden wollen, sind sie bereits ein Machtfaktor. Sie üben damit Einfluss aus, der ihnen eigentlich nicht zusteht. Es ist schwer vorstellbar, wie dieser enorme Spagat zwischen normativer Erwartung und praktischer Umsetzung gelingen kann. Manche werden Adler glauben, wenn sie immer wieder betont, dass gerade darin die Herausforderung ihrer Arbeit besteht. Sie will glaubwürdig erscheinen, wenn sie von Verantwortung spricht. Das gelingt ihr nicht bei allen Zuhörern. Thomas Steg betont zum Schluss, dass sich die Journalisten und Politiker sich nicht gegenseitig instrumentalisieren dürfen. Die Realität dürfte ganz anders aussehen.

Die Bürger können die Situation nicht überblicken

Sie sind nicht eingeweiht. Letztlich besteht aber auch immer die Frage, ob die Bürger überhaupt immer gern eingeweiht wären. Im Raumschiff toben vielleicht ganz andere Winde als auf dem Boden der Tatsachen. In diesem Sinne beschützen die Journalisten die Bürger vielleicht, indem sie sie zusammen mit Politikern fern halten: Von der Wahrheit.

Den lustigen Part übernimmt übrigens Rob Savelberg, Berlin-Korrespondent der niederländischen Tageszeitung „De Telegraaf“, der berühmt wurde, als er Angela Merkel bei einer Bundespressekonferenz mit kritischen Fragen zum damals neuen Finanzminister Wolfgang Schäuble kurz aus der Fassung brachte. Er kommt als Spezialgast im letzten Drittel der Diskussion und lockert die Runde merklich auf, auch wenn das zur Folge hat, dass sich die Beiträge auf Schäuble und Guttenberg beziehen und deutlich abschweifen. Seine Empfehlung für die Zukunft kommt am Schluss: „Manchmal sollte man das Raumschiff verlassen, und sich schöne grüne Wiesen anschauen.“

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