vonBlogwart 12.05.2015

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Von IGNACIO RAMONET (aus dem Editorial der 1. deutschen Ausgabe)

Dank der engagierten Zusammenarbeit der tageszeitung und der
WochenZeitung erscheint heute in Deutschland und der Schweiz eine fast
vollständige Übersetzung von Le Monde diplomatique. Die
deutschsprachigen Leser werden sich die berechtigte Frage stellen, um
was für eine Zeitung es sich handelt und was sie in einer Welt der
explosionsartig sich vermehrenden Medien von der übrigen Presse
unterscheidet.

1954 von Hubert Beuve-Méry gegründet, ist Le Monde diplomatique die
Monatszeitung für internationale Politik mit der weltweit höchsten
Auflage (230.000 Exemplare). Aber dies sagt noch nichts aus über unser
journalistisches Ethos. Man könnte sagen, daß wir uns bemühen, eine
andere Sichtweise zu wahren. Und hinzufügen, daß wir unsere Leser
grundsätzlich für mündig und gebildet halten. Wir teilen mit ihnen den
leidenschaftlichen Wunsch nach Wissen und Verstehen. In einer Welt, die
von großen Beben erschüttert wird - Fall der Berliner Mauer, Golfkrieg,
Zusammenbruch der kommunistischen Macht in der UdSSR, Ende der Apartheid
oder Nahost-Friedensprozeß. Aber der Planet ist auch gefährdet durch
Armut, Umweltzerstörung, Finanzspekulation, Migrationen, Anwachsen von
Nationalismus und Rassismus, Triumph der Fernsehkultur, Preisgabe des
Südens, neue Spannungen im Mittelmeerraum...

Die Artikel sollen sich durch Charakter und Festigkeit auszeichnen. Die
vorhandenen Mißstände und Ungerechtigkeiten erinnern uns ständig von
neuem daran, wie wichtig es ist, am Begriff des Engagements festzuhalten
- für Gleichheit, soziale Gerechtigkeit, Toleranz, Solidarität und
Demokratie. Manche werfen uns vor, für uns sei Journalismus ein neuer
Humanismus, und sie haben nicht einmal unrecht, denn der Mensch bleibt
der Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Gibt es eine "Methode Monde
diplomatique"? Nein, aber einige Prinzipien. Zum Beispiel nie Interviews
zu veröffentlichen, diese häufige Faulheit des modernen Journalismus;
nicht hinter "großen Namen" herzulaufen, die man in vielen anderen
Publikationen lesen kann; unsere Spalten sowenig wie möglich den
Politikern zu öffnen (und vor allem nicht jenen, die die Macht ausüben
und überall zu Wort kommen); nicht zu akzeptieren, daß "Aktualität" vom
Fernsehen und den anderen großen Medien definiert wird...

Arroganz? Wie soll man denn anders seinen logischen Verstand bewahren,
wenn einem permanent das Getöse der im Scheinwerferlicht stehenden
Journalisten und Politiker entgegendröhnt, die gemeinsam diese neue
Macht aus Politik und Medien bilden? Wie soll man sich anders vor dem
unablässigen Trommelfeuer von Umfragen aller Art schützen, die mit der
Geburtszange eine trügerische "öffentliche Meinung" ans Licht zerren?
Bei Le Monde diplomatique schätzen wir das fruchtbare Schweigen der
Vernunft, die Ruhe und Abstand braucht, um nach und nach die Heftigkeit
der Dinge zu erfassen.

Journalisten, Professoren, Bildhauer, Schriftsteller aller Länder finden
sich auf den Seiten von Le Monde diplomatique; sie bieten eine komplexe,
globale, nicht-eurozentrische Sicht einer mit jedem Tag enger
verflochtenen Welt. In einer klaren, für alle verständlichen Sprache
vermitteln sie kompetent und voller Empathie ihr Hintergrundwissen über
eine vor Ort erlebte Realität. Sie helfen uns, einen "Sinn" zu finden
und jene obskurantistische Auffassung zu überwinden, alles sei
unübersichtlich, die Welt sei absurd.

"Nicht jammern, nicht lachen, nicht hassen, sondern verstehen", sagt
Spinoza. Wir bei Le Monde diplomatique glauben, daß eine der Funktionen
der Presse tatsächlich die ist, den geschichtlichen Moment, den wir
durchleben, besser zu verstehen. Verstehen befreit, macht uns erst zu
Citoyens. Um dieses zerbrechliche und oft ephemere Gut besser zu
verteidigen: die Demokratie.
(Das Foto zeigt das LMD-Büro gegenüber des taz-Hauses in der Rudi-Dutschkestr.)
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https://blogs.taz.de/hausblog/le-monde-diplomatique-seit-zwanzig-jahren-in-der-taz/

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