vonBlogwartin 28.04.2013

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Karl-Heinz Ruch. Foto: Anja Weber
Karl-Heinz Ruch ist Verlagsgeschäftsführer der taz. Foto: Anja Weber
„Die taz wird vermutlich die erste Tageszeitung sein, die sich ein tägliches Erscheinen nicht mehr leisten kann“, liest man in einem Interview des Mediendienstes Kress-Report mit dem Spiegel-Gesellschafter und Freitag-Verleger Jakob Augstein und wundert sich. Hat er da was nicht mitbekommen, weil er mit anderen Dingen beschäftigt war? War es nicht das Verlagshaus Gruner + Jahr, das sich seine Financial Times Deutschland, war es nicht die SPD mit dem Medienhaus Dumont Schauberg, die sich die Frankfurter Rundschau nicht mehr leisten wollten? Steht nicht gerade die taz besser da als andere, weil sie ein anderes Geschäftsmodell hat und vom Anzeigengeschäft nicht existenziell abhängig ist?

Die gedruckten Medien sind in Not. Schlagzeilen, die man heute beinahe jeden Tag über entlassene Chefredakteure und aufgelöste Redaktionen lesen kann, haben immer den gleichen Hintergrund: die gedruckten Auflagen sind im Sturzflug, Leser und Anzeigenkunden wenden sich dem Digitalen zu.

Die Verlage müssen sich beeilen, wenn sie die digitale Zukunft noch erreichen wollen. Dabei ist Größe beim notwendigen Wandel keineswegs ein Vorteil. Auch Marktführer können abstürzen. Wichtiger als Größe für das Überleben ist die Frage, ob ein Verlag heute mit diversifizierten Geschäftsmodellen antritt und nicht einseitig abhängig ist.

Das gibt es bei Verlagen aber nur selten. Meist lebten sie von Zeitungskäufern und Annoncenkunden sehr gut – und dieses Geschäftsmodell wird nun zunehmend schlechter.

Nehmen wir den Spiegel, der nicht nur seine Chefs rausschmiss, sondern auch das gerade neu gestartete Magazin, die deutsche Ausgabe des New Scientist, ohne jede Schamfrist sofort wieder vom Markt nimmt. Sieht das nicht nach Panik und Feuer unterm Dachstuhl aus?

Dabei weist der Spiegel in seiner letzten veröffentlichten Konzernbilanz 2011 einen Umsatz von 317 Millionen Euro und einen Gewinn von 43 Millionen aus, was ja sehr gut aussieht. Die Umsätze verteilen sich auf Anzeigen (92 Millionen Euro), Vertrieb (140), TV (46) und Online (32). Das sieht dann schon weniger gut aus, weil den drei konventionellen Erlösbereichen, die heute stark unter Druck stehen, der Zukunftserlösbereich Online mit einem Anteil von nur 10 Prozent am Gesamten gegenübersteht.

So oder ähnlich sehen heutzutage in vielen Verlagshäusern die Rechnungen aus. Von einem Rückgang der traditionellen Kernerlöse ist sicher auszugehen. Wie viel am Ende mit digitalen Geschäften kompensiert werden, ist höchst unsicher.

Apropos Augstein. Mit den Gewinnen aus seinem Gesellschafteranteil von 6 Prozent am Spiegel sichert Jakob Augstein löblicherweise das Erscheinen der Wochenzeitung Freitag, an der er über seinen 50-Kanonen-Verlag beteiligt ist. Ausweislich der letzen veröffentlichten Bilanz 2011 dieses Verlages kostet das im Jahr über 2 Millionen Euro. Bleibt zu hoffen, dass die Spiegel-Quelle nicht vertrocknet.

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https://blogs.taz.de/hausblog/medienkrise-wer-im-glashaus-sitzt/

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kommentare

  • Halbe Wahrheit:

    „Schlagzeilen, die man heute beinahe jeden Tag über entlassene Chefredakteure und aufgelöste Redaktionen lesen kann, haben immer den gleichen Hintergrund: die gedruckten Auflagen sind im Sturzflug, Leser und Anzeigenkunden wenden sich dem Digitalen zu.“

    Es gibt auch noch andere Gründe. Ich arbeite selbst in einem Verlag und hier liegen ne Menge Blätter rum. Ferner sehe ich ja täglich wie die Redakteure (und ich betone Redakteure) täglich die u.a. dpa-Meldungen zusammentackern.

    Wenn man die div. Blätter mal quer liest ist es schon erschreckend wie selbst simple dpa-Meldungen für die hauseigene Zielgruppe zurechtgtrümmert werden. Es braucht weniger Redakteure und wieder mehr Journalisten.

    Die Zeitungen sind ätzend beliebig geworden. Meinereiner hat mittlerweile Abbestellt, weil uninteressant geworden: Frankfurter Rundschau, taz, Hamburger Abendblatt. Bekommen tue ich nur noch die Zeit – fragt sich nur noch wie lange.

    Online schau ich ab und zu mal rein bei tagesschau, taz, bbc, reuters. heise.de – die mag ich noch ganz gerne.

    Vielleicht sollten sich die Zeitungen mal so richtig fragen ob es nicht auch an ihnen selbst, dem beliebigen Content und den Redakteuren liegt das die Auflagen in den Keller gehen. Das es Online hervorragend funktionieren kann – mit werbung – zeigen spiegel und leider springer.

  • Ich schließe mich Herrn J. De Lapuente vollkommen an.
    Weniger ist mehr. Wann kommt man denn noch zum Zeitunglesen? Am Wochenende, zum Frühstück.

    Herr J. Augstein sollte sich lieber darum kümmern, dass von dem guten alten Freitag nicht bald nur ein beliebiger Blog übrig bleibt.

  • Einerlei mal, ob die taz nun weiterhin täglich erscheint oder nicht – wäre es denn so schlimm, wenn eine Zeitung nicht täglich erscheinen würde? Das würde uns viele „Nachrichten“ ersparen, die keine sind. Man könnte sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.

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