von 22.08.2010

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Zum Tod von Karl Wegmann, tazler der ersten Stunde

Foto: Udo Schewietzek
Ein Bild hat sich eingeprägt: das heruntergelassene graue Rollo, davor Karl, liegend, tagelang regungslos, das Kissen zu einer schmalen Kopfstütze zusammengequetscht, das Buch vor dem Gesicht. Karl las nicht, er fraß Bücher mit einer Intensität, bei der arbeiten, schlafen und essen wie lästige Unterbrechungen erschienen. Die Bücher kamen kistenweise, die Regale und Stapel schoben sich wie eine wandernde Endmoräne durch die Wohnung. Millionen Bücher, die meisten Krimis, die bitte etwas härter sein durften, aber gern auch angelsächsische Literatur.

Karl Wegmann hatte im Münsterland eine Kaufmannslehre gemacht, Sozialpädagogik studiert, dann zog ihn die erste Liebe nach Rouen und Paris. Sie hieß Christine, und ihre Mutter konnte kochen. Karl ging mit dem Hund spazieren und lernte Brochette au citron zuzubereiten und seinen berühmten Fisch-Quickie in Estragonsenf mit viel Crème fraîche.

Er war zufällig dabei, als der Staatsfeind Nr. 1 und Anarchogangster Jacques Mesrine im November 1979 von einem Polizeikommando in Paris auf offener Straße erschossen wurde. Darüber schrieb er seinen ersten Artikel und entwickelte vielleicht auch wegen dieses Ereignisses ein großes Faible für Krimis, über die er viele Jahre lang für die taz schrieb.

Doch zunächst wurde er Säzzer in dieser Zeitung, als er im April 1980 nach Berlin kam. 15 Jahre taz, fünf Jahre Männerwohngemeinschaft in Kreuzberg. Die Staubfussel im Flur bildeten meterhohe Knäuel, aber die Stimmung war gut. Sie kochten wie die Weltmeister: Zwiebelkuchen vom Blech, Gulasch halb und halb und flämisches Bierfleisch. An besonderen Tagen holte Karl Chateauneuf du Pape von Edeka, damit ihm „ein Engel auf die Zunge pinkelt“. Wer eine Wette verlor, bezahlte mit Champagner demi sec von Karstadt-Hermannplatz.

Die Glotze stand in der Küche, und Karl wusste, wann Robert de Niro und Clint Eastwood über die Sender gingen. Er lästerte über „Depri-Literatur“, Hanna Schygulla, über Kirchentage und Sport. Dass er selbst ein sensibler sanfter Mensch war, verlässlich und bescheiden, eher der Gegenentwurf zu all den Clintis, das verrieten schon seine leise Stimme und der melancholische Blick. Und irgendwann jenseits der 40 warf er tatsächlich die harten Rockplatten auf den Müll und hörte Johnny Cash, Leonard Cohen und Emmylou Harris. Neil Young und dem Krimi blieb er treu.

Die taz war die erste Zeitung in Deutschland, die auf Computern gesäzzt wurde, was an die Mitarbeiter im Hause besondere Anforderungen stellte. Oft genug blieben die Maschinen einfach hängen. Die heute üblichen Fehlermeldungen gab es noch nicht, nur eine einzige blinkte grün auf schwarzem Grund, wenn der Rechner mal wieder streikte: „Karl fragen!“ Er brachte die Mühle wieder zum Laufen.

Als 1990 die Idee für eine satirische letzte Seite der Zeitung aufkam, war Karl sofort dabei. „Die Wahrheit“ im Haus durchzusetzen war nicht einfach, es gab noch keine Chefredaktion, für Entscheidungen musste das Kollektiv überzeugt werden. Dank des Einsatzes des Technik-Veterans Karl fand sich eine knappe Mehrheit, und Karl wurde Redakteur. Von der Aufmachung der Seite, die seit 20 Jahren nahezu unverändert ist, bis zum Cartoon von Tom, den Karl in die Zeitung brachte, sind die Spuren, die er in der taz hinterlassen hat, bis heute sichtbar.

1984 war eine neue Säzzerin in die taz gekommen. „Sehr nett“, gestand Karl. Er war entrückt, rauchte 60 Zigaretten und kochte die besten Brochettes seines Lebens. Für Regina. Als endlich ein zweites Paar Schlappen vor der Tür mit der grauen Jalousie stand, hatte Karl die Liebe seines Lebens erobert. Sie blieben zusammen.

Der Krebs kam rasend schnell, Karl hat ihn mit erstaunlicher Würde ertragen. Er ist am vergangenen Dienstag, am 17. August, im Alter von 54 Jahren gestorben. Mathias Bröckers, Manfred Kriener und Ralf Sotscheck

Siehe auch: Artikel von Karl Wegmann über die Geschichte der Wahrheits-Seite

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