vonhausblog 12.06.2014

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Vor einer Woche haben wir die Ergebnisse unserer Zählung veröffentlicht, wie häufig Frauen in der taz Artikel schreiben und wie häufig wir über Frauen schreiben. Es fehlte noch die Frauenquote unter den LeserInnenbriefen – und erfreulicherweise hat taz-Leserin Micha Challal seit etwa einem Jahr genau so eine Statistik geführt, die sie uns jetzt zur Verfügung gestellt hat: Nur 30,1 Prozent der gedruckten LeserInnenbriefe stammen von Frauen. Das heißt: Leserinnenbriefschreiberinnen kommen damit bei uns noch weniger zu Wort als Autorinnen, die 35,5 Prozent zu den redaktionellen Inhalten beitragen. Dementsprechend kommt es auch häufiger vor, dass an einem Tag keine einzige Zuschrift von einer Frau abgedruckt wird – das hat Micha Challal an 45 Tagen beobachtet. Aber nur an 6 Tagen wurde kein Leserbrief eines Mannes veröffentlicht.

Micha Chalall schreibt:

Liebe taz,

vor etwa einem Jahr habe ich beschlossen soweit wie möglich regelmäßig zu notieren, in welchem Geschlechterverhältnis Leserbriefe an die taz in der Print-Ausgabe veröffentlicht werden. Mir war häufig aufgefallen, dass der männliche Anteil an Leserbriefen überwiegt. Um dieses Gefühl auch zu bestätigen, dachte ich es wäre am besten, einfach mal eine Liste zu erstellen, wo ich das Geschlechterverhältnis notiere. Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, diese Liste über einen so langen Zeitraum zu führen, aber es ist nun fast ein Jahr daraus geworden, denn ich war immer zu faul mich an diesen Begleitbrief zu setzen. Und es war ja keine große Sache, jeden Tag einen kurzen Eintrag zu machen.

Ich schicke Ihnen nun heute hier im Anhang eine Excel-Datei (hier die Daten online), worin ich aufgelistet habe, wieviel Leserbriefe pro Tag erscheinen, wie viele davon von Frauen sind und wie viele von Männern. Es sind nicht durchgehend alle Tage notiert. Meist habe ich die Wochenenden weg gelassen, denn dann wurden häufig Leserbriefe aus der taz.de veröffentlicht, die von anonymisierten Schreibern stammen. An manchen Tagen hatte ich es schlicht und einfach vergessen zu notieren, an anderen Tagen gab es keine Leserbriefe. Und es gab längere Zeiten, wo ich keine Lust darauf hatte und gar nichts notierte. Aber der relativ lange Zeitraum erlaubt eine gewisse Regelmäßigkeit zu erkennen.

Vor ein paar Wochen habe ich beschlossen die Liste nicht mehr weiter zu führen. Mir war das dann doch zu doof und fast hätte ich das alles in den Tiefen meines Computers versenkt. Im Laufe der letzten Wochen habe ich aber doch gewohnheitsmäßig einen Blick auf das tägliche Geschlechterverhältnis der taz-Leserbriefe geworfen, um doch immer wieder festzustellen, dass die Männer hier überwiegen. Oft ist ein einziger Leserbrief einer Frau dabei, eine Alibifrau sozusagen.

Mein Gefühl hat sich letztendlich bestätigt: die taz veröffentlicht regelmäßig mehr Briefe von Männern als von Frauen. Tatsächlich ist es so, dass sehr häufig nur Männer und keine einzige Frau zu Wort kommen. Nur sehr wenige Male gab es den Fall, wo kein einziger Brief von einem Mann dabei war. Frauen sind selten in der Mehrheit.

Da stellt sich mir natürlich die Frage, woran das liegt. Die taz scheint ja schon für die Gleichberechtigung der Geschlechter einzutreten. Da könnte man doch denken, dass es ein gewisses Selbstverständnis gibt, das ein Bewußtsein bei Gleichstellungsfragen erzeugt.

Nun ist mir natürlich nicht bekannt, wie Sie die Auswahl der Leserbriefe organisiert haben und nach welchen Kriterien Sie da arbeiten. Ich kann da nur spekulieren.

Bekommen Sie mehr Leserbriefe von Männern?

Wenn ja, warum ist das so? Haben Männer ein stärkeres Mitteilungsbedürfnis?

Haben Frauen keine Stimme? Halten Frauen sich mehr zurück, wenn es darum geht, die Meinung zu äußern?

Wenn dem so ist, dann frage ich mich natürlich, wie sehr jede/r von uns durch Erziehung dem Geschlechterklischee angepasst ist und sich dessen oft gar nicht bewußt ist (der aktive Mann und die passive Frau).

Ich nehme an, dass Sie die Leserbriefe nicht nach Geschlechter, sondern eher nach Themenbrisanz sortieren. Aber in diesem Fall stellt sich auch die Frage, ob Sie die Meinungen von Frauen als weniger interessant empfinden? Warum könnte das so sein? Wer wählt die Leserbriefe zur Veröffentlichung aus? Ein Mann oder eine Frau?

Oft habe ich beobachtet, dass Briefe von Frauen meist zu sogenannten „Frauenthemen“ veröffentlicht werden. Bei sachlich-fachlichen, bei politischen Themen, da überwiegen die Männer.

Ich lasse diese Fragen jetzt einfach mal so stehen und überlasse es Ihnen was Sie damit anfangen.

Schöne Grüße,
Micha Challal

taz-LeserInnenbriefredakteurin Gabi von Thun antwortet:

Liebe Michaela Challal,

da haben Sie sich ja viel Mühe gemacht. Vielen Dank.

Die Leserinbriefredaktion wird seit über 25 Jahren von Frauen betreut.

Tatsächlich ist es so, dass mehr Männer Leserbriefe schreiben als Frauen. Meine stellvertretende Kollegin und ich sind in aller Regel darauf bedacht, die Briefe unserer Leserinnen möglichst mit ins Blatt zu nehmen. Aber es gibt tatsächlich Tage, an denen uns keine Zuschriften von Frauen erreichen. Und in aller Regel schreiben mehr Männer als Frauen. Warum das so ist? Keine Ahnung.

Und ja, wir versuchen, ohne vorher auf den Absender zu schauen, nach Themen zu sortieren. Und wenn ich dann merke, dass es wieder nur Männer sind, die dazu schreiben, suche ich nochmal nach, ob nicht doch noch irgendwo eine Zuschrift von einer Frau dabei ist.
Nein, wir halten die Briefe von Frauen nicht für unwichtig(er). Und Frauenthemen sind uns sehr wichtig.

Und wenn Sie heute ins Blatt schauen, werden sie feststellen, dass dort die Briefe von vier Frauen und einem „Alibi“Mann veröffentlicht sind. Wäre schön, wenn das häufiger der Fall sein könnte.

Vielleicht schreiben Sie ja demnächst mal zu einem sachlich, fachlich, politischem Thema einen Leserinbrief. Das würde uns freuen.
Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen einigermaßen zufriedenstellend beantworten.

Mit freundlichen Grüßen
Gabi v. Thun

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https://blogs.taz.de/hausblog/schlechte-frauenquote-leserinnenbriefe-in-der-taz/

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kommentare

  • Micha Chalall schreibt einen Leserbrief und benutzt auch dieses richtige und sachliche Wort. Ihr antwortet die Leserinnenbriefredakteurin aus der Leserinnenbriefredaktion. LeserINbrief…. Ernsthaft?

    • Es antwortet nicht die „Leserinnenbriefredakteurin“, sondern die „LeserInnenbriefredakteurin“.

      Bei der taz sind wir uns einig, dass ein Wort nicht deshalb richtig sein muss, nur weil es so im Duden steht. Nicht einig sind wir uns, welches in diesem Fall das „richtige und sachliche“ Wort ist. Daher kann das jeder hier so schreiben, wie sie oder er will. Mehr Infos: http://www.taz.de/!31423/

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