von 20.04.2013

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Von Christian Wyrembek

Was braucht es, um mit einem Bierlaster gegen Atomkraft zu demonstrieren? Was braucht es, um die Eigentümer von Waffenkonzernen bekannt zu machen? Es braucht Profis, weiß taz-Redakteur Martin Kaul. Und deshalb hat er gleich drei Drahtzieher zivilen Ungehorsams zum Werkstattgespräch „Profis, bitte!“ auf das taz.lab eingeladen.

Gemeinsam ist den dreien, dass ihre Aktionen fast immer rechtliche Grenzen überschreiten. Schließlich sollen sie es in die Öffentlichkeit schaffen – damit die Menschen wichtige Probleme diskutieren. Doch was braucht es neben Öffentlichkeit und engagierten Menschen zum zivilen Ungehorsam noch?

Manfred Redelfs ist Leiter der Rechercheabteilung von Greenpeace. Redelfs weiß, dass es für Aktionen Wissen braucht: „Wir können uns Fehler nicht erlauben“, sagt er. Eine hohe Glaubwürdigkeit ist für ihn wichtig, um eine Öffentlichkeit für die Themen von Greenpeace herzustellen. Dazu fährt er auch selbst auf Recherchetour in die USA, um am Hafen herauszufinden, wann die Schiffe mit Gen-Soja in See stechen. Diese beklebte Greenpeace dann mit Plakaten gegen Gentechnik. Eine Schlauchboot-Aktion, wie man sie von Greenpeace kennt.

Redelfs und sein Team fahren natürlich auch ins Wendland, um sich die Strecke des Castortransports nach Gorleben näher anzusehen. Er erzählt von einer Tankstelle am Weg des Atommülltransports, die letztlich auch während der Protesttage mit Getränken beliefert werden muss. Und so tarnte Greenpeace 2010 einen LKW als Bierlaster. Dieser ließ an einer Stelle der Transportstrecke eine Betonkonstruktion hinab, in der Demonstranten so verkeilt waren, dass man sie von außen nicht befreien konnte, ohne sie zu verletzen. Redelfs amüsiert sich noch heute über die Aufschrift des Bierlasters: „So herzerfrischend anders“. Das Ergebnis: Eine Verzögerung des Castors und mediale Aufmerksamkeit.

Glück braucht es natürlich auch, um mit diesem LKW durch die Polizeikontrollen zu kommen: „Die Polizei wollte nur einen Lieferschein sehen. Den hatten wir selbstverständlich dabei“, so Redelfs.

Georg Janßen ist Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Und auch er hat den Castor blockiert – mit einer Pyramiden-Konstruktion, in der er 2011 mit anderen Demonstranten feststeckte. Teilweise habe er Angst gehabt vor unbesonnenen Reaktionen der Polizei, die ihn verletzen könnten, sagt er.

In der Vorbereitung sei Verschwiegenheit wichtig, erklärt Janßen. Schließlich soll die Aktion nicht zuvor bekannt und verhindert werden. „Dazu ist eine hohe Disziplin nötig.“ Und nicht zuletzt braucht es Geduld. Ein Jahr dauerte die Vorbereitung der Aktion. Ein Jahr Vorbereitung für eine Blockade, die Janßen nach 15 Stunden abbrach – unter der Bedingung, dass die Polizei in einer Pressemitteilung den großen Erfolg des Protests anerkennt. Die Aufmerksamkeit wurde also erreicht.

Und es braucht Kreativität. Das weiß Philipp Ruch, der mit seinem Zentrum für Politische Schönheit eine – nach seiner Interpretation – „Kunstaktion“ gegen den Waffenhandel des deutschen Waffenkonzerns Krauss-Maffei Wegmann durchführte. In einer großen Kampagne bot Ruch 2012 denjenigen 25.000 Euro, die die nötigen Informationen liefern, um die Besitzer des Waffenkonzerns ins Gefängnis zu bringen.

Wenn Waffen- und Panzerlieferungen nach Saudi-Arabien legal seien, so müsse es einen anderen Weg dazu geben, meint Ruch. Das Ziel dahinter: Die Besitzer des Konzerns öffentlich bekannt machen. Und so zeigte Ruch die Porträts ebendieser auf zahlreichen Plakaten. „Wir wollten, dass sie nicht mehr drumherum kommen, uns anzuzeigen“, erzählt Ruch und verweist auf die grundgesetzlich verankerte Kunstfreiheit, mit der er gewinnen würde: „Wir wussten, die Anzeige rettet uns“, so Ruch.

Viel Applaus ernten die drei dafür aus dem Publikum des taz.labs. Doch sie bekommen auch eine Frage gestellt, die sich aufdrängt: Woher haben sie die Gewissheit, moralisch im Recht zu sein? „Jede Aktion bei Greenpeace ist eine Güterabwägung“, antwortet Redelfs. Es werde immer über die Verhältnismäßigkeit diskutiert. Und für Ruch scheint die Sache noch klarer. Wenn es um die moralische Berechtigung geht, sieht er sich die Betroffenen an. In seinem Fall sind das die Opfer der Waffen von Krauss-Maffei Wegmann.

 

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