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vonHelmut Höge 07.08.2006

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Während ich manchmal gefragt werde, warum ich bei der Arbeit keinen praktischen Blaumann trage, gibt es in anderen Berliner Bürohäusern bereits sogenannte Janitor-Dresscodes, d.h. die Hausmeister müssen dort bestimmte Klamotten tragen, die dem Image der jeweiligen Schweinefirma zuträglich sind. Je mehr die Menschen hier verarmen, desto mehr hübscht die Stadt sich gleichzeitig auf. Das war jedoch abzusehen.

Mit der aus dem Punk entstandenen Industrial Music und dann der Technomusik deutete sich bereits akustisch an, dass es den „Working Class Hero“ bald nur noch auf der Bühne geben würde. Nun wird das Rampenlicht aber auch für die stummen – ehemals werktätigen – Massen obligatorisch: In der auf Appearance und Sexappeal erpichten Gesellschaft wechseln ihre Körper sans phrase von der ersten zur zweiten Natur – jedoch nicht ohne Anstrengung, Keuchen und Schmerzen: Um auch dort ihre „Als-Ob-Nützlichkeit“ (H.P. Waldrich) zu demonstrieren! Dies gilt angeblich besonders in der neuen Hauptstadt: „Rasant schüttelt Berlin seinen zwischen strähnigen Haaren, Currywurst und Mielke-Mief angesiedelten Charme ab“, schreibt der Spiegel, „vom Grunewald bis nach Weißensee zieht sich eine neue Phalanx an Hübschmachern. Der Neu-Berliner wolle Botox statt Buletten, verrät der Schönheitschirurg Detlef Witzel, der im schicken Quartier 206 in der Friedrichstrasse operiert.“ Botox wird unter die Haut gespritzt und glättet Falten, Buletten werden oral eingenommen und machen fett.

Es sind beileibe nicht mehr nur die außer Form geratenen Ehefrauen reicher Männer, die sich chirurgisch runderneuern lassen, in der „BZ“ waren es neulich eine Media-Kauffrau, eine Studentin, eine Bürokauffrau, eine Tabledancerin, eine Fitnesscenter-Trainerin und eine Kosmetikerin. Die jungen, unverheirateten Frauen mußten teilweise lange sparen, um ihr „Bodycontouring“ bezahlen zu können. Diesem Trend Vorschub leisten sollte auch noch eine Doku-Sopa über Schönheitsoperationen. Den an Zahl zunehmenden Pornokanälen und Sexmessen wird ebenfalls eine solche körperbewußtseinserweitende Wirkung zugeschrieben. Andere PostproletarierInnen arbeiten erst mal allein an sich – im Solarium, in der Sauna und im Bodybuildingcenter, sie verschönern ihre Haut mit teuren Tattoos und Brillanten im Bauchnabel oder an der Nase, piercen sich Brustwarzen, Schamlippen oder die Zunge, joggen oder schwimmen jeden Morgen, experimentieren mit immer neuen Diäten und kämpfen, wo sie gehen und stehen gegen die heimtückische Dehydrierung. So haben sich z.B. die legeren proletarisch-bürgerlichen Freibäder quasi über Nacht zu Schönheits-Wettbewerbsbühnen gewandelt, die Wurstbuden zu Biokuchen-Büffets und die Sprungbretter zu Siegertreppchen – für die älteren Stammgästen mit vielleicht zu viel Bauch und Haaren an den falschen Stellen wurde darob ihr tägliches Entspannungsbad zu einer Art Spießrutenlauf.

Ist die Schönheit als „Königsweg zum schnellen sozialen Aufstieg“ (B. Guggenberger) einmal akzeptiert, unterwerfen sich Frauen wie Männer klaglos dem mühevollen „Beauty-Kult“. Deswegen werde auch schon bald der Gang zum Schönheitschirurgen so selbstverständlich sein wie ein Friseurbesuch, prophezeit ein Arzt dem „Spiegel“, in dem es zusammenfassend heißt: „Eine unduldsame Offensive gegen alles Hässliche hat die Nation gepackt. In Hannover verpasste ein Arzt einer 13jährigen bereits einen Traumbusen“. Für die Neue Zürcher Zeitung ist dieser Volkswahn ein „ästhetischer Rassismus“, der Kassler Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann subsumierte ihn unter die „Okkulartyrannis“, die es zu bekämpfen gilt.

Derzeit wird jedoch stattdessen eher Wert auf eine In- und Extensivierung des körperlichen Empfindens gelegt – so als wolle man für seine ganzen Investitionen und Mühen nun auch einen anständigen Cash-Flow – in Form von Bodysensations, inneren Ekstasen und Dauerorgasmen – einheimsen. Bereits vor drei Jahren förderte der Berliner PDS-Wirtschaftssenator einem Frauenzentrum mehrere „Striptease-Kurse“ – mit 80.000 Euro. Und im vorletzten Jahr titelte die Bild-Zeitung: „Senat zahlt für perverse Fesselspiele“. Diesmal war es der PDS-Kultursenator, der 100.000 Euro für „SM-Kurse“ rausrückte. Die New Yorker „Village Voice“ widmete diesem „sex-positive weekend between extreme sensuality and sensual extrems in the bohemian neighbourhood called prenzlauer berg“ anschließend zwei lange Folgen.

Das Event in der Kastanienallee hieß „Explore04“ und bestand aus 45 Workshops, in denen es um „Anale Vergnügen für Anfänger und Fortgeschrittene, Erotische Massagen, Fußfolter, Japanisches Bondage, Die Wahl der Qual, Yoga, Tantra, Atem- sowie Orgasmus und Ejakulationsübungen“ ging. Die amerikanische Sexdozentin Tristan Taormino, der besonders die gelungene Verbindung von „Spiritualität und kreativer Sexualität“ in Berlin gefiel, gelang es laut eigener Darstellung, in einem ihrer Kurse „einer Praktikantin namens Paula, die an einer Synthese zwischen Exhibitionismus, Piercing und Feminismus arbeitete, einen ziemlich dicken Stöpsel in ihren Arsch einzuführen – ohne dabei Paulas hochgeschobenes weißes Kleid mit Öl zu bekleckern“. Auch die anderen Kursteilnehmer waren es zufrieden, während die Übung eines deutschen Dozenten, in der jemand mit einem Spezialseil durch Fast-Erhängen zum Orgasmus gebracht wurde, sie eher abstieß: „So genau wollte ich das eigentlich gar nicht wissen,“ meinte z.B. eine Physiotherapeutin aus Eisenhüttenstadt, die gerade ein eher meditatives Tantra-Seminar in Mecklenburg hinter sich hatte. Am meisten beeindruckten auf der „Xplore04“ anscheinend die drei Kurse „SM und Zen: Schmerz, Durchlässigkeit, Hingabe“ des Oldenburger Professors Rudolf zur Lippe.

In der Studentenbewegung war er vor allem bekannt geworden mit einem zweibändigen Werk über die „Naturbeherrschung am Menschen“, in dem er die Bühnentänze und Ballette der italienischen Renaissance sowie des französischen Absolutismus aus den jeweiligen Produktionsverhältnissen abgeleitet hatte. Wenig später veröffentlichte er ein ähnlich feingeistiges Werk über „Bürgerliche Subjektivität – Autonomie als Selbstzerstörung“. Inzwischen ist er jedoch offensichtlich eher an praktischen Körperübungen, wenn nicht an einer „Naturbefreiung am Menschen“ interessiert, „um die bürgerlichen Abpanzerungen auch sozusagen handfest aufzusprengen“, wie eine seiner Kursteilnehmerinnen, Tänzerin im Hauptberuf, vermutete. Bei Freud hieß es einst – aufklärerisch: „Wo Es war, soll Ich werden“, nun befinden wir uns anscheinend am anderen Ende: „Wo Ich war, soll Körper werden“ – bzw. „Kunst“, wie Martin Reichert das einmal in der taz nach einem Selbstversuch ausdrückte. Dazu mußte er sich vor einer Filmerin erst einmal ausziehen: „Jetzt vor der Kamera frage ich mich, ob ich nicht doch etwas zu dünn bin für diesen Job, ob ich nicht doch Mitglied in einem Fitnessstudio werden sollte. Entgegen der ursprünglichen Abmachung bin ich völlig nackt und am ganzen Körper rasiert.“ Anschließend, bei der Vorführung, kamen dann seine ganzen Freunde an, „um mal zu kucken, wie es ist, wenn ich Kunst bin“.

Diesem allgemeinen Hang und Drang kann sich anscheinend auch die Regierung nicht länger entgegenstemmen: „SPD zieht zurück: Zahnersatz bleibt frei“, titelte der Tagesspiegel. Demnächst gibt es vielleicht sogar noch „Spanking“ auf Krankenschein. Die Organisatorin der Veranstaltung „Xplore04“, Caprice Dilba, ehemals leitende Angestellte einer PR-Agentur, erzählte, dass sie ihren Partner auf einem SM-Workshop kennenlernte: Ihr wurden erst die Augen verbunden und dann peitschte er sie aus – „seitdem sind wir ein Paar“. Früher signalisierten schmerzhafte Prügel meist das Ende einer Liebesbeziehung – heute den Anfang!

Und deswegen geht es auch erfolgreich weiter mit dem Peitschenpärchen, das soeben ein weiteres „Wochenende zur Kunst der Lust“ – „Xplore06“ genannt – organisierte. Weil dieser Veranstaltungsmarathon nicht mehr vom Senat finanziell gefördert wurde – war diesmal auch die Bildzeitung mit dem Tantra-Event zufrieden.

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