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vonHelmut Höge 30.08.2006

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Man gönnt sich ja sonst nichts,“ sagen die alleinstehenden Männer – wie zur Entschuldigung. Dabei sind diese Etablissements über die Feiertage immer besonders öde, vor allem Weihnachten – selbst das gemütliche Landbordell „Casablanca“. Es liegt etwa 20 Kilometer von Birstein entfernt in Richtung Schlitz – abseits der Bundesstraße in einem Wäldchen, weswegen es dort so gut wie keinen Durchgangsverkehr gibt, d.h. es lebt vorwiegend von seinem Stammpublikum. Und das sind in der Mehrzahl Bauern bzw. Nebenerwerbslandwirte. Der Besitzer, Adi, spricht von einem „Insidertreff“ , aber das ist Unsinn, denn in Wirklichkeit haben die „Mistbauern“, wie Alice sie nennt, bloß die meisten anderen Gäste vergrault – selbst die wenigen Knechte, die es in der Gegend noch gibt, erst recht die Saisonarbeiter: Polen und Rußlanddeutsche. Die sollen mit ihren Hungerlöhnen nämlich nicht mitbekommen, welche Unsummen die Bauern im Cacablanca verballern – wenn es sie mal wieder „juckt“, wie sie das nennen. Einer, Johann, hat sogar seinen ganzen riesigen Hof hier verpraßt. Seine Frau hatte ihn verlassen und er schaffte daraufhin seine Kühe ab. Stattdessen baute er Stallungen und Scheune zu einer Schweinemastanlage um – mit automatischen Fütterungsanlagen und allem drum und dran. Das kostete ein Vermögen, aber dafür konnte er dann seine Landwirtschaft fast alleine schmeißen. Wenn die Schweinepreise stiegen oder wenn er Gesellschaft brauchte, fuhr er mit seinem alten Diesel ins Casablanca – und das immer öfter, denn er verliebte sich dort irgendwann in Lisa, die eigentlich Olga hieß – und aus Odessa stammte. Sie hatte zuvor in Freiburg eine richtige Sex-Schulung absolviert – und ihn dann regelrecht verhext. Sie sah aber auch sehr gut aus: mit hohen Brüsten und tiefer Stimme. Irgendwann überredete sie ihn zu einem gemeinsamen längeren Ausflug: Sie wollte unbedingt die Alpen sehen. Und Johann fuhr eines morgens auch mit ihr los – bis nach Tirol. Währenddessen verreckten ihm zu Hause seine ganzen Schweine. Sie verhungerten nicht, sondern erstickten im Mist. Es waren Einstreuställe, in denen der Mist immer höher wuchs, mehrere Meter, bis der jeweilige Besatz verkauft wurde. Erst dann wurden die Boxen bis auf den Grund entmistet – und die Mast ging wieder von vorne los. Johann mußte Konkurs anmelden: sein 300 Jahre alter Familienbetrieb kam unter den Hammer – und er verschwand aus der Gegend. Angeblich soll er sich umgebracht haben. Auch Lisa verdrückte sich bald danach. Die Stammgäste gaben ihr die Schuld. „Sie war eine Nummer zu groß für Johann und hat das ausgenutzt“, meinten sie. Irgendjemand erzählte dann, daß sie in Hamburg Anschaffen ginge. Ein ähnliches Kaliber wie sie war Aila – eine Zigeunerin aus Bulgarien: groß und schlank, mit goldenen Ohrringen. Sie saß meist gelangweilt an der Theke und sagte nicht viel, animierte auch niemanden zu einem Piccolo oder „Hawai-Gelumpe“, wie die Bauern die Cocktails von Rosi, der Bardame, nannten, die Adis rechte Hand war und mehr als er den Laden in Schuß hielt, d.h. auf Anstand und Ordnung achtete – bei den Mädchen ebenso wie bei den Gästen.

So sorgte sie beispielsweise nach der letzten Schlägerei dafür, daß die Bundeswehr fortan Lokalverbot im Casablanca hatte. Sie brauchte Adi nicht lange zu überreden: der hatte in den Sechzigerjahren selber gedient und haßte seitdem den Bund – insbesondere alle Unteroffiziere, selbst die amerikanischen, die großzügig und harmlos waren, wenn sie sich mal nach einem Manöver ins Casablanca verirrten, wo sie an sich Lokalverbot hatten, „off limits“ hieß das und war von oben – in Fulda – angeordnet worden. Auch für Neonazis war der Puff tabu. Und das kam so: Einer, Mike, hatte eine der Russinnen – damals verdrängten die Russinnen gerade die ganzen Thaimädels – überredet, sich ein „Tattoo“ machen zu lassen. Sie war richtig scharf darauf, nachdem Mike ihr seinen neuen bunten Drachen am Oberarm gezeigt hatte. Er schleppte sie in ein Tätowierstudio nach Gießen. Sie wollte ein kleines Einhorn mit ihrem Namen darunter – Natascha – auf die rechte Arschbacke haben. Mike, das Schwein, hatte jedoch vorher den Tätowierer bestochen – und der machte ihr stattdessen ein Hakenkreuz mit dem Namen Guderian drumherum. Natascha verzweifelte schier – als sie das sah. Sie war so deprimiert, daß sie nicht mehr arbeiten konnte. Adi lieh ihr eine größere Geld-Summe und sie fuhr nach Hause – nach Perm. Dort wollte sie das Tattoo wieder entfernen lassen. Irgendwie bekam das eine Journalistin der dortigen Zeitung „Roter Stern vom Ural“ mit – und die schrieb darüber einen langen bösen Artikel, den Natascha nach ihrer Rückkehr den Mädchen im Casablanca zeigte. Die Überschrift lautete: „Jetzt fallen die Splitter des Dritten Reiches auch auf unser Territorium und in unsere Herzen“. Im Text war davon die Rede, daß die Deutschen nicht einmal davor zurückschrecken würden, die schönsten und besten Uralerinnen fertig zu machen. Es würde sich dort in der Bevölkerung bereits eine Zeitbombe auf Haß und Frust zusammenbrauen. Als Adi und Rosi sich den Artikel übersetzen ließen, waren sie so geschockt und auch angsterfüllt, daß vielleicht irgendwelche Rachekommandos aus Perm im Casablanca auftauchen könnten, daß sie sofort anfingen, alle Neonazis aus dem Laden zu vergraulen. Was den Bauern nur recht war, denn diese jungen Glatzen hatten mehr Schlag bei den Frauen, obwohl sie kaum Geld besaßen. Aber die Russinnen, und auch die Bulgarinnen, die wenig später eintrudelten, waren und sind sehr romantisch eingestellt. Bis auf Aila, die „Türkin“, der vor allem das Kobern am Herzen lag: Für 50 Euro zog sie im Bett nicht einmal ihren Pulli aus – dazu brauchte es weitere 50 – und dann bettelte sie so lange „Gib noch mal 50 und ich blas dir einen, daß du mich nie mehr vergißt“, bis der Freier am Ende für eine lausige Nummer 150 bis 200 Euro abdrückte – und schlecht gelaunt abspritzte. Während Aila danach total aufdrehte: sich vor dem Spiegel drehte und wendete und mit dem Arsch wackelte, dabei sang und lachte und den Freier schlußendlich zum Mitduschen aufforderte. Manchmal besserte sich dadurch auch die Stimmung ihres Kunden. Aber sie hat nie einen zwei mal abschleppen können – außer den Rübenbauer Heinzi: Wenn der besoffen war, brauchte sie ihn bloß in den Schritt zu packen – er hat nur einen Hoden – und sofort ging er mit ihr aufs Zimmer. Auf die Dauer reichte das aber natürlich nicht, zumal sie ihrer Familie in Varna regelmäßig Geld schicken mußte oder wollte. Irgendwann verschwand sie aus dem Casablanca. Niemand weinte ihr eine Träne nach, nicht einmal die anderen Bulgarinnen.

Ärger gab es auch einmal mit Alice, eine Oberschlesierin und Akademikerin: Sie sagte zu einem Freier, mit dem sie in einer der Anwärmkojen vor der Videoleinwand im Nebenraum saß: „Du stinkst, scher dich zurück in deinen Kuhstall!“ Er war ein Rübenbauer, Hans, der gar kein Vieh mehr besaß und überhaupt ein guter Mensch ist. Er schlich daraufhin tatsächlich aus dem Laden und nach Hause. Alice, die manchmal mies drauf ist und dann alle Männer hasst, bekam danach ein so schlechtes Gewissen, daß sie es schaffte, Hans, der verheiratet war, eine schriftliche Entschuldigung zukommen zu lassen. Sie konnte sowieso reden wie ein Buch – und hat sogar mal eins geschrieben: über Prostitution. Adi entdeckte es durch Zufall in einer Buchhandlung in Frankfurt – und kaufte es. Er verstand jedoch kein Wort, obwohl er nicht blöd ist: es war Alices Doktorarbeit in Linguistik. Sie hat schon mehrmals einen Freier abgewiesen, wenn auch höflich, was aber auch ungewöhnlich ist. Das mit Hans war jedoch ein einmaliger Ausraster. An sich ist sie nämlich der Meinung: „Wenn man diesem Job nicht wenigstens ein bißchen was abgewinnen kann, dann muß man es sein lassen. Sonst verdient man nämlich nichts oder geht dabei drauf“. Hans hat ihr bald verziehen, meidet sie aber seitdem. Die anderen Stammgäste mögen jedoch ihren schlesischen Intelligenzler-Charme und ihre gelegentlichen Gemeinheiten. Überhaupt dürfen die Frauen im Casablance nicht zimperlich oder etepitete sein, denn manchmal geht es dort nicht nur mit Worten hart zur Sache. Der Lieblingsspruch der Bauern lautet: „Laß die Plünnen man an, da brackern wir so durch!“ Und dann lachen alle. Auch die Mädchen, d.h. den Russinnen und Bulgarinnen mußte man das anfangs noch übersetzen. Jetzt verstehen sie schon längst „Ei gude wie?“.

Es hat dort quasi eine natürliche Auslese stattgefunden: Die Frauen, die sich nicht kumpelhaft drücken und knuffen lassen und keine derben Witze mögen, sind schnell wieder in die Stadtbordelle zurückgegangen, wo die Freier oft so schüchtern sind, daß die Mädels dort fast alles mit der rechten Hand abwickeln können, so erzählte jedenfalls Galina aus Lwow, die in Berlin Anschaffen ging, bevor sie im Casablanca anfing – mit einer verbundenen Hand: „Ich habe eine Sehnenscheidenentzündung,“ erklärte sie Adi, „das geht aber wieder weg. Ich war nur zu gierig und wollte unbedingt das Weihnachtsgeschäft mitnehmen. Dabei habe ich zu vielen Männern einen gewichst“. Den Tip mit dem Casablanca hatte sie im übrigen auch in Berlin bekommen – und zwar von Christian, Ulli und Klaus-Dieter: drei Nebenerwerbslandwirte, die an sich auf dem Bau arbeiten, aber eine Landmaschinen – und vor allem Treckermacke haben. Sie fahren mit ihren dicken „Fendt-Farmer“ sogar ins Casablanca. Einige Vollerwerbsbauern unken, daß sie nichts anderes damit machen. Jedenfalls besuchen die drei – wie auch etliche andere Gäste – jedes Jahr die Grüne Woche in Berlin, um dort die neuesten Treckermodelle zu studieren. Christian und Klaus-Dieter, die unverheiratet sind, haben auch schon mehrmals einige Mädchen aus dem Casablanca auf die Messe mitgenommen – d.h. eingeladen. Das war nicht billig. Sie mußten die Frauen von Adi regelrecht leasen. Umgekehrt lernten die drei in einem Berliner Bordell einmal Galina kennen und überredeten sie, mit ihnen in ihr gemütliches Landbordell nach Niedersachsen zu kommen. Galina kam aber zunächst nur für ein paar Tage, um sich dort erst einmal einen Einblick in die Umstände und Umsätze zu verschaffen. Dann fuhr sie wieder zurück, weil sie in Berlin wie gesagt noch schnell das Weihnachtsgeschäft mitnehmen wollte. Im Casablanca ist Weihnachten nicht viel los: die meisten Stammgäste sitzen zu Hause unterm Tannenbaum – und die Mädchen im Puff ebenfalls: Sie stellen ihren Plastikbaum neben den Spielautomaten auf und schmücken ihn – auf russische Art, d.h. er muß so bunt und vollbehängt sein, daß es „richtig knallt“, wie sie sagen – mit Uhren, billigem Schmuck, kleinen polierten Äpfeln, Bergen von Lametta usw.. Als die Thaimädchen noch die Majorität im Laden hatten, gab es so etwas nicht. Auch die deutschen Mädchen verwendeten ihre Energie lieber darauf, Adi oder Rosi zur Feier des Tages umsonst Drinks rauszuleiern – bis sie alle angeschickert waren und Weihnachtslieder sangen oder depressiv wegsackten. Singen können die Russinnen und Bulgarinnen auch, sogar noch besser und in nüchternem Zustand. Seltsamerweise sind viele ihrer Weihnachtslieder mit den deutschen identisch, so daß sie alle zusammen singen können. Am ersten und zweiten Weihnachtstag spielt dann – wie an vielen Sonn- und Feiertagen – die Countryband „White Wolves“ aus Wächtersbach im Casablanca und Eunice, die einzige Schwarze im Laden, sie kommt aus Ghana, tanzt dazu. Sie tanzt aber auch sonst gerne. Und auf besonderen Wunsch strippt sie sogar dazu – gegen Bezahlung in großen Scheinen. Diesen Wunsch haben die Gäste oft, denn Eunice hat den schönsten Arsch von allen.

Zwei mal im Monat ist Adelstag, dann tanzt nicht nur Eunice. Die Adligen, das sind zwei Brüder, Gemüsebauern, die Adel mit Nachnamen heißen. Manchmal bringen sie noch einen Kumpel mit, der Lutz heißt, eine Erdbeerplantage zum Selberpflücken hat und einen Cadillac-Leichenwagen fährt. Damit wird er nie angehalten, meint er, und fährt deswegen auch besoffen. Bisher hat er recht behalten. Allerdings kennt er auch die meisten Sheriffs in der Gegend persönlich – und wenn die ihn als fahruntüchtig einschätzen, schicken sie ihn bloß auf dem kürzesten Weg – über die Feldwege – nach Hause. Lutz und die zwei Adels-Brüder trinken und feiern im Casablanca meist oben auf den Zimmern, weswegen die anderen Stammgäste sie für „arrogant“ halten. Aber bei den Frauen sind sie beliebt: sie lassen jedesmal eine Menge Kohle da und sind in sexueller Hinsicht nicht sehr anspruchsvoll, ja sogar höflich und pflegeleicht. Manchmal reicht es ihnen schon, unter den aufmunternden Rufen und Gesten der Mädchen sich selbst einen runter zu holen. Und anschließend tragen sie sogar die leeren Sektkübel nach unten, zahlen ihre Zeche bei Rosi an der Bar und verschwinden wieder. Als ob sie ein schlechtes Gewissen hätten.

Die anderen Stammgäste haben das manchmal auch, aber nur, wenn sie mal wieder pekuniär über die Stränge gehauen haben. Und dann grämen sie sich zu Hause, d.h. sie meiden das Casablanca für eine Weile. So lange, bis ihre Kumpel sie überreden, doch wieder mitzukommen. Meistens schenkt Adi ihnen dann erst mal einige Runden auf Kosten des Hauses ein, bis sich die alte Gemütlichkeit wieder einstellt. Auch die Mädchen lassen gelegentlich mit sich handeln, gehen sogar umsonst auf irgendein Dorffest mit oder in ein schniekes Restaurant in der Stadt. Am Liebsten in das teuerste hessische Restaurant in Schotten, das der Tochter einer russischen Gräfin gehört. Dies gilt insbesondere für die beiden Weißrussinnen, Lena und Ludmilla, die vom Land kommen und sich was darauf zugute halten, daß sie ein Händchen für Bauern haben. Lena ist sogar mit einem Milchbauern scheinverheiratet, den sie dafür regelmäßig umsonst „verwöhnt“, d.h. er zahlt ganz normal, aber sie steckt ihm anschließend das Geld wieder heimlich zu. Er, Ludwig, verdient weniger als sie, und ewig muß sie sich seine Klagen über die Molkerei anhören. Auch über „Brüssel“ und die „Schikanen der Grünen“ kann er stundenlang lamentieren. Lena hat auf diese Weise schon fast fließend Deutsch gelernt.Umgekehrt nervt sie seitdem alle Mädchen mit ihren Kenntnissen der EU-Agrarpolitik.

In der selben Molkerei, die Ludwig mit seiner Milch beliefert, arbeitet Jens – ein ehemaliger Milchbauer, der seinen Hof aufgeben mußte und den daraufhin seine Frau verließ, weil sie fortan nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten konnte und die beiden sich deswegen auch nichts mehr zu sagen hatten, wie sie meinte – seitdem er in der Fabrik war und sie zu Hause, wo es nur noch ein bißchen Geflügel zu versorgen gab. Jens gehört seitdem ebenfalls zu den Stammgästen des Casablanca, wo er sich des Mitgefühls der Bauern sicher sein kann. Sie sind nicht nur immer an Berichten aus Abnehmerbetrieben hochinteressiert, sondern sehen in ihm auch eine ihnen möglicherweise selbst drohende Zukunft, wenn er von der eintönigen Fließbandarbeit und entwürdigenden Akkordlöhnen erzählt, die von staatswegen verboten gehören. Wenn die Bauern über ihren langen Arbeitstag stöhnen, entgegnet er ihnen: „Wie gerne würde ich ganze Nächte durch dreschen, wenn ich nur wieder mein eigener Herr wäre“. Auch das hören sie gerne. Und es ist nicht falsch, denn wie oft kommt es vor, daß einer der Stammgäste vom Feld weg mal eben einen Abstecher ins Casablanca macht, um auf die Schnelle eine Nummer zu schieben oder nur um zu kucken, ob einer seiner Kumpels dort gerade ebenfalls eine Pause macht. Wenn ja, dann kann die Arbeitsunterbrechung unter Umständen Stunden, bei schlechtem Wetter sogar Tage dauern.

Der Erntekapitän, Jörn, der so heißt, weil er mehr Maschinen als Hektar hat und von deren Vermietung lebt, schläft sogar im Sommer manchmal in einem der Zimmer der Mädchen und

schwingt sich dann von da aus morgens wieder auf seinen Bock, um weiter zu arbeiten. Das Casablanca ist für alle solche landwirtschaftlichen Eventualitäten und Spontaneitäten gerüstet – und hat deswegen zu jeder Jahres- und Tageszeit quasi durchgehend geöffnet, auch über die Weihnachtsfeiertage, angeblich nur der Mädchen zuliebe.

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kommentare

  • Jimmy Cooke

    Warum denn Vervogelsbergisieren, Weihnachten wird doch auch in anderen Bordellen gefeiert.

    950 Bordelle gibt es in Berlin – so viele wie Banken in Frankfurt, dazu kommt noch das verbumfiedelte Wellness-Großbordell am Halensee. Am meisten haben die Frauen hier während der Grünen Woche und über Weihnachten zu tun. Im Frühjahr kommen die unternehmungslustigen Landwirte aus nah und fern, und zum Jahreswechsel treibt es sogar an Land vereinsamte Seeleute von der Küste in die Hauptstadt: „Die sitzen dann an der Theke, besaufen sich und fangen an zu heulen – beim ersten Weihnachtslied“, so die nun nur noch an der Garderobe arbeitende Jeanine, die sich einmal während der Festtage sogar eine Sehnenscheidenentzündung im rechten Handgelenk wegholte: „Ich war zu gierig, weil ich das ganze Weihnachtsgeschäft mitnehmen wollte – und hab zu vielen Männern einen gewichst“.

    Die meisten Gäste sind allein in Berlin lebende Männer, denen an den Feiertagen die Decke zu Hause auf den Kopf gefallen ist. „Man gönnt sich ja sonst nichts“, sagen sie oder auch – fast entschuldigend: „Ich habe nicht mal mehr einen Weihnachtsbaum in meiner Wohnung, für mich alleine bringt das nichts!“ In der Neuköllner Sputnik-Bar ist dafür alles festlich geschmückt. Sogar die Mädchen haben sich für Heiligabend herausgeputzt – und zum Beispiel einige Lamettafäden in ihre neue Reizwäsche gestopft. Die „Russinnen“ erzählen, wie sie „früher“ Weihnachten feierten. Vera, Ljuba und Nadjeschda (zu Deutsch: Glaube, Liebe, Hoffnung) kommen aus Workuta und machen neben der Arbeit in der Bar noch – als „sibirische Modelle“ – Haus-, Hof- und Hotelbesuche. Die drei sind hier ordentlich verheiratet. Aber Vera und Ljuba müssen dafür noch „viel Geld“ abzahlen. Nadja dagegen, die es, „obwohl keine Studierte, ganz alleine hierhergeschafft“ hat, muß noch für ihren Sohn zu Hause aufkommen: „Meine Mafia ist mein Kind!“ Da in Rußland immer noch der Gregorianische Kalender gilt, wird das Jolkafest dort 13 Tage später gefeiert, und so können die Frauen hier noch schnell „das Weihnachtsgeschäft“ mitnehmen und anschließend „problemlos“ in Workuta Weihnachten feiern. Das muß auch so sein: „Denn wir brauchen das Geld dringend, zum Beispiel für Geschenke!“ Diese kommen, wenn es irgendwie geht, an den Tannenbaum, denn in Rußland wird der Weihnachtsbaum mit allem möglichen vollgehängt: „Es muß richtig krachen! Sterne, Kugeln, Gebäck, auch Lametta und Uhren.“

    Uhren?! Die ganze Theke lacht über diesen anscheinend immer noch lebendigen russischen Uhrtick. „Was habt ihr denn gegen Uhren?“ fragt Ljuba, nimmt ihre Armbanduhr ab („800 De-Mark hat die gekostet!“) und geht zu Dängs kleinem buddhistischen Hausaltar, der über dem Spielautomaten hängt. Däng hat dort ihre das Geld hereinwinkende Nang-Goag-Hin-Leu-Statue mit goldenen und silbernen Lamettagirlanden geschmückt und zwischen die Räucherstäbchen noch kleine rote Lametta- Quirls gesteckt. Sie werden über Weihnachten auch zum Piccolo serviert. Die Frauen benutzen sie, um – „magenschonend“ – die Kohlensäure aus dem Billigsekt rauszurühren. Ljuba knotet ihre goldene Uhr an Dängs Altar-Lametta und tritt prüfend zurück: „Sieht doch gut aus?!“ Es sieht wirklich schmuck aus, das muß auch die nichtchristliche Däng zugeben, die jedoch jeder Festdekoration etwas abgewinnen kann, wenn sie nur teuer genug war und liebevoll arrangiert wurde.

    Karin, die schon etwas ältere Bardame (sie arbeitete über zwanzig Jahre bei einem Familienzirkusunternehmen) meint: „So ’ne kostbare Uhr würde ich da aber nicht hängen lassen. Früher haben wir bei uns zu Hause übrigens auch immer nur das teuerste Lametta verwendet: das schwere. Nach dem Fest, nach Neujahr, wurde es zusammen mit den Kugeln und der gläsernen Baumspitze eingepackt und kam wieder auf den Dachboden.“

    Ein bisher schweigsam gebliebener Gast am Ende der Theke outet sich daraufhin als Ostler: „Bei uns gab’s das Bleilametta, so hieß das, nur im Intershop. Wer keine Devisen hatte, kaufte Alu-Lametta. Dessen EVP – Einzelhandelsverkaufspreis – lag zuletzt bei 18 Pfennig pro Tüte, es hing aber wie Sauerkraut im Baum. Mein geiziger Vater hat bis zuletzt, er ging 84 in Rente, immer in seinem Betrieb – das Werk für Fernsehelektronik – die Schnipsel aus den Lochern in den Büros eingesammelt und als Silvesterkonfetti mit nach Hause genommen. Als Toilettenpapier benutzten wir – sogar noch bis zur Wende – das Durchschlagspapier aus dem WF, das er sauber geviertelt hatte. Bleilametta hatten wir ganz früher auch mal: Von seiner Schwester, unserer Tante Trudi, die im Westen wohnte. Das wurde einzeln aufgehängt und auch wieder so verpackt, das kam nie mit Ostlametta in Berührung. Später brachte uns Tante Trudi Alufolie auf Papprollen mit, das gab’s bei uns auch nicht. Ebensowenig Reißwölfe in den Büros – die hatte nur die NVA und die Stasi. Deswegen haben sich die Ostfirmen dann auch 90/91 als erstes alle einen Aktenvernichter zugelegt. Mein pfiffiger Vater ist gleich nach der Währungsunion, als man alles kaufen konnte, mit Tante Trudis letzter – nun quasi entwerteter – West-Alufolie in seinen früheren Betrieb gerannt und hat sich dort am neuen Schredder sein Lametta selber gemacht. Sah aber auch aus wie Sauerkraut! Außerdem war das Lametta – zwar teurer geworden, aber nicht mehr knapp. Alu war ja ein begehrter Rohstoff in der DDR gewesen, so daß wir zum Beispiel die Tannenbäume in der Schule immer nur mit Wattetupfer – als Schneeflöckchen – schmücken durften. Ich habe dennoch in den letzten DDR-Jahren bei mir zu Hause das Lametta nicht mehr aufgehoben, sondern es immer mit dem Baum zusammen nach Neujahr weggeschmissen. Soll ja angeblich ökologisch nicht gut sein. Deswegen gibt es seit einigen Jahren auch kein Bleilametta mehr im Westen. Jetzt habe ich mir zum ersten Mal schwedische Glaskugeln gekauft und eine Ganzumspannung für meinen kleinen Tischbaum. Es sollte wie Engelshaar wirken: Tut es aber nicht – es sieht scheiße aus! – Wie halten Sie es denn mit dem Baumschmuck? Sie sind doch bestimmt aus dem Westen…“

    Der Ostler meinte mich. „Ich wollte früher ebenfalls immer Lametta im Tannenbaum haben,“ erwiderte ich, „dazu bunte Kugeln, Glühbirnengirlanden et cetera. Das ganze Angebot aus den Kaufhäusern eben. Aber meine Künstler-Eltern fanden das alles zu spießig, zu unkünstlerisch – und schmückten den Baum statt dessen mit roten, polierten Äpfeln, kleinen selbstgeschnitzten und selbstbemalten Holzfiguren, Spekulatius, Strohsternen, Stearinkerzen und so was.“

    „Das sah aber doch bestimmt auch schön aus“, meinte Olga, die gerade mit einem älteren Kunden aus einem der Zimmer hinten zurückgekommen war und mit dem Mann wieder an der Theke Platz genommen hatte. Olga kommt aus Kiew und hat dort früher als Friseuse gearbeitet. Mit ihr, die Mitte 1995 hier anfing – in der Sputnik- Bar, zu der noch drei weitere Etablissements gehören, zwischen denen die Mädchen „rotieren“ -, hatten die Russinnen erstmalig die Thai- und Polen-Majorität im Laden gekippt. Jetzt arbeiteten nur noch Däng aus Thailand und Ewa aus Polen dort, alle anderen „Mädchen“, etwa zwölf, kamen aus der Sowjetunion, weswegen sie sich immer mehr spezifizierten – und als „baltische“, „sibirische“, „Schwarzmeer-“ usw. „Modelle“ annoncieren ließen. Außerdem wurden ihre Gastspiele hier immer kürzer. Nur Karin aus Schöneberg blieb dieselbe und an Ort und Stelle – hinter der Theke, ebenso Jeanine, die jedoch wie gesagt nur noch als Gardrobiere arbeitet: „Bei mir hat sichs ausgefickt,“ meint sie.

    Während Olga ihre Lamettafäden am Oberteil zurechtzupfte, hatte Karin die Reste des Weihnachtsschmucks, den sie für die Bar eingekauft hatte, wiedergefunden, das heißt die halbleeren Verpackungen: „Es gibt jetzt drei verschiedene Sorten Lametta auf den Weihnachtsmärkten – im Handel. Hier, Olga, kannst dich aufhübschen! Mit Brillant Eislametta, Thüringer Weinachtsbaumschmuck oder Qualitäts-Stanniol- Lametta – in drei Farben: silber, gold und metalliclau. Das ist das Beste!“

    „Wieso das denn?“ fragte Olgas Freier. „Weil es draufsteht“, antwortete Karin und schenkte ihm einen Piccolo ein. „Nein, metallicblau ist eine Geschmacksverirrung bei Lametta. Außerdem: das beste Lametta kennt ihr ja überhaupt nicht, weil ihr dafür zu jung seid.“ Er blickte sich im Laden um. „Ich rede jetzt nicht von den Rangabzeichen und Orden der Wehrmachtsoffiziere, die man früher auch Lametta nannte.“ Und zu Olga gewandt: „Für Teilnehmer am Rußlandfeldzug gab’s im Zweiten Weltkrieg sogar eine spezielle Auszeichnung, den Gefrierfleischorden – so wurde der genannt…“ „Prost, darauf trinken wir doch prompt einen“, sagte Olga. Ihr Freier ging darauf nicht ein und fuhr stattdessen fort: „Das beste Lametta war aber was anderes: Ihr habt vielleicht mal davon gehört, daß die Alliierten über den Städten, bevor sie die Bomben abwarfen, ihre Ziele mit sogenannten Christbäumen markierten. Das waren Leuchtkerzen, die von weitem wie brennende Weihnachtsbäume aussahen. Unsere verwendeten dagegen – zur Abwehr der Bomber – neben der Flak noch Lametta, das waren Wolken aus abgeworfenen Stanniolpapierschnipseln, die das gegnerische Radar verwirren sollten.“

    „Und was soll daran so gut sein?“ fragte Olga. „Moment. Wer die Bombenangriffe überlebt hatte, sammelte das Lametta am nächsten Tag ein. Es lag überall rum und wurde dann als Baumschmuck verwendet: Weihnachten 1944, und sogar noch 45. Damals hat man ja alle möglichen Kriegsmaterialien friedensmäßig umfunktioniert. Konversion nennt man das heute.“

    Der Ostler am anderen Ende der Theke bestellte zwei neue Piccolo für Däng und für sich und meinte dann: „Das stimmt nicht. Die alliierten Bomber hatten damals noch gar kein Radar. Sie waren es aber, die das Lametta abwarfen, um damit die deutschen Radaranlagen außer Kraft zu setzen! Das funktionierte nur mangelhaft, aber als Weihnachtsbaumschmuck taugte das Lametta anschließend schon, das ist richtig!“

    „Woher wollen Sie das denn wissen? Sie können doch gar nicht dabeigewesen sein!“ entgegnete der Alte. „Mein Vater hat es mir erzählt, außerdem habe ich es in vielen Büchern über den Zweiten Weltkrieg gelesen.“

    „Bücher! – und dann wahrscheinlich noch aus der DDR, die lügen doch alle, gerade was den Krieg betrifft. Nein, nein, ich bleibe dabei, das war deutsches Lametta!“ „Kinder streitet euch nicht“, warf Karin ein und gab Nadja, die neben mir stand, fünf Mark, um Musik zu drücken. „Heute ist Weihnachten“, meinte Nadja, „da kann ich doch auch selber mal ein paar Jolkafestlieder singen. Soll ich?“

    Erst mal wollte auch ich noch meinen Senf zum Lametta dazugeben: „Meines Wissens war das kleingeschnittene Silberfolie und die wurde von den Alliierten abgeworfen. Die Deutschen besaßen so etwas ab 43 gar nicht mehr. Neben dem Lametta-Aufsammeln war übrigens auch das Bombensplitter- Suchen damals sehr beliebt: als Andenken an die Luftkämpfe, die dann ebenfalls in den Weihnachtsbaum gehängt wurden.“ „Das haben Sie wohl auch aus Büchern?! unkte der Alte und blieb bei seiner Meinung.

    Nadja fing leise an, ein Weihnachtslied zu singen, die anderen drei „Russinnen“ stimmten ein, schließlich sogar die „Polin“ Ewa. Die fünf Frauen hatten das ganze Repertoire drauf. Es waren dieselben Lieder, die man auch in Deutschland zu Weihnachten singt. Später gingen sie zu Adaptionen neuerer Madonna-Songs über, obwohl keine von ihnen Englisch konnte. Karin bemerkte zufrieden: „Gut, daß dies Jahr keine Seeleute da sind, die würden uns die ganze Stimmung versauen!“ Olga lachte: „Genau wie bei uns! In Odessa und Sebastopol, wo die Schwarzmeerflotte liegt, ist die Stimmung unter den Matrosen auch immer furchtbar depressiv über Weihnachten. Seeleute sind Muttersöhnchen und so sentimental. Man sagt deswegen bei uns, wenn jemand wegen Nichts weint: ,Spar dir deine Lamettatränen!'“

    Eine Gruppe gutgelaunter Türken kam herein, von denen einer, so viel ich wußte, der Barbesitzer war. Als Olga sich zu ihnen gesellte, entschloß sich der alte Freier, aufzubrechen. Ljuba half ihm in den Mantel. Beim Abschied sagte er: „Ich werde auf jeden Fall die Lametta-Frage klären – bis zum nächsten Mal. Sie haben mich unsicher gemacht. Bitte bemühen Sie sich ebenfalls, meine Herren, vielleicht treffen wir uns ja noch mal… Frohes Fest alle zusammen!“

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