Kulturrevolution

Wir bereiten uns schon mal auf die Diskussion im Anschluß an die Vorpremieren des Films „Taxischwestern“ von Fang Yu – im Club der polnischen Versager und im taz-café – vor. Der Genosse Semler hat sich dafür aus der Stabi gleich eine ganze Batterie von Harvard-Chinoiserien ausgeliehen. U.a. „The Unknown Cultural Revolution – Educational Reforms and their impact on China’s Rural Development“ von Dongping Han New York/London 2000. Das Buch behandelt einen Aspekt, der auch immer in den Diskussionen über die chinesische Kulturrevolution zu kurz kommt: Man redet immer über die armen gebildeten Jugendlichen, die zu  Millionen aufs Land geschickt wurden,  aber kaum oder nie über die armen Bauern, die sie  ertragen  und  oft sogar ernähren mußten.  Schon gar nicht wird  – wie in dem Buch –  thematisert, dass die Bauern auch was von diesen ganzen „Intellektuellen“ hatten –  d.h. was lernten. Angeblich soll ihnen das bereits mit Beginn der Privatwirtschaft unter der Regierungsparole „Bereichert Euch!“ zugute gekommen sein, indem sie sich geschickt der neuen Marktwirtschaft anpassten. Nicht zufällig sind die zehn oder zwanzig reichsten Chinesen ehemalige Bauern. Das Buch von Han kostet im Versandhandel leider über 100 Euro.
Hier ein paar weitere Daten:

Vor 40 Jahren begann in China die Große Kulturrevolution, ausgelöst durch Maos Wandzeitungsparole „Bombardiert das Hauptquartier!“ Bald darauf attackierten die sich zu Roten Garden formierenden Jugendlichen alle Autoritäten im Land – bis hin zu ihren Eltern. In den meisten sozialistischen Ländern stieß diese Bewegung auf großes  Befremden. Schon ab 1960 hatten sich die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und KPCh derart verschlechtert, daß die UDSSR alle Entwicklungprojekte in China stoppte, ihre Aufbauhelfer und Berater zurückrief und sämtliche Kredite aufkündigte. China zahlte sie mit Lebensmitteln zurück, was dann zusammen mit mehreren schlechten Ernten und den Überspitzungen während des „Großen Sprungs nach vorn“ zu Hungersnöten führte.

Im gleichen Jahr gelang trotzdem noch eine gemeinsame Erklärung auf der Moskauer Weltkonferenz aller Kommunisten, aber schon 1963 wurde der chinesische Delegierte auf dem 6.Parteitag der SED ausgepfiffen, woraufhin sich die Koreaner und die Vietnamesen mit ihm solidarisierten und es zu „tumultartigen Szenen“ kam. Als später bei einem Verkehrsunfall in der DDR mehrere chinesische Diplomaten ums Leben kamen, sprach man in Peking von einem „Mordanschlag“. In ihrer Berliner Botschaft wurde daraufhin ein Mitarbeiter des DDR-Außenministeriums, der zur Kondolenz gekommen war, verprügelt. Anschließend hängte das Botschaftspersonal Transparente aus dem Fenster „Nieder mit dem Revisionismus“ und „Blut wird mit Blut vergolten!“ Auf der anderen Seite kam es aus Protest zur ersten und einzigen FDJ-Demonstration – gegen den chinesischen Antirevisionismus und gegen die Kulturrevolution, die von den im Moskauer Exil lebenden KPCh-Kadern als endgültigen „Verrat“ Maos am Marxismus-Leninismus kritisiert wurde. 1968 artete diese „Polemik“ an den chinesisch-sowjetischen Grenzflüssen Amur und Ussuri zu regelrechten Schießereien aus, wobei auf beiden Seiten Soldaten starben. Einmal zeigten die chinesischen Grenztruppen den sowjetischen dort ihre nackten Hintern. Ältere Mongolen empfinden in Erinnerung an diese frivole Geste noch heute eine klammheimliche Freude!

Die militant-antiautoritäre Bewegung der Jugend wurde erst mit Hilfe des Militärs kanalisiert und dann dadurch, dass die „gebildete Jugend“ Chinas nahezu komplett aufs Land geschickt wurde, um die „3 Mits“ umzusetzen: mit den Bauern leben, lernen und arbeiten. Gleichzeitig ging es dabei um eine Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit. Diese und ähnliche Ideen stießen über den Umweg USA, wo es eine ernsthafte sinologische Forschung gab, auch in Westeuropa auf große Resonanz: In Westberlin verteilte die Kommune 1 z.B. 10.000 von der Ostberliner Botschaft gestiftete Maobibeln auf einer Kudamm-Demo, auf Transparenten tauchten immer öfter Maokonterfeis auf – in Vorwegnahme der heute von chinesischen Künstlern weltweit  vermarkteten Soz-Pop-Motive. Hier zog es einige Jahre später die linken Studenten massenhaft aufs Land – und in die Landwirtschaft. Vielleicht hätte es sogar nie eine  Anti-AKW-Bewegung ohne die chinesische Kulturrevolution gegeben, die 1976 von oben beendet wurde: Die rebellische Jugend kehrte wieder in die Städte und an die Unis zurück. Ihre Erfahrungen spiegelte dann die so genannte „Narben-Literatur“ wider, die nahezu komplett – um Maos Irrweg aufzuzeigen – auch in der DDR und in der BRD veröffentlicht wurde. Kürzlich hat der junge Schriftsteller Yu Hua im Zusammenhang seines Bestsellers „Brüder“ die These aufgestellt, dass die von Deng Xiaoping 1978 eingeleiteten „4 Modernisierungen“, mit denen der kollektive Altruismus zugunsten einer egoistischen Profitsucht abgelöst wurde, ohne die antiautoritäre Kulturrevolution unmöglich gewesen wäre. Erst diese trieb den Chinesen das  2500 Jahre lang eingedrillte hierarchische Denken von Konfuzius aus. In Berlin eröffneten die Chinesen jetzt allerdings zusammen mit der einstigen Maoismus-Hochburg FU ihr erstes Kulturzentrum ausgerechnet unter dem Namen „Konfuzius-Institut“. Wahrscheinlich will man auch damit wieder einmal „gegensteuern“. Ein Zurück zum bauernpartisanischen Denken des „Großen Steuermanns“ wird dabei jedoch nicht herauskommen.

30% von dem, was Mao tat war schlecht, der Rest aber gut – das ist heute die offizielle „Wahrheit“. Daneben wurde der „Maoismus“ in die Kunst abgetrieben.

Die Kunstmesse „Art Forum“ hieß früher „Freie Berliner Kunstausstellung“ – und jeder konnte dort ausstellen: die alten Mundmaler aus Spandau ebenso wie die Jungen Wilden vom Moritzplatz. Lange Zeit dominierte dort der „sozialistische Realismus“. Mit dem neuen Namen ist die Messe nun ganz vornehm und teuer geworden und wird von zumeist gutbetuchten Galeristen bestückt. Obwohl es kaum zahlungskräftige Kunden in der Hauptstadt gibt, zieht das „Art Forum“ immer mehr Galeristen, auch aus dem Ausland, an. 2005 wurde deswegen bereits neben den Messehallen am Funkturm auch noch das Umspannwerk im Prenzlauer Berg ( als „Berliner Liste“), die Arena in Treptow (als „Kunstsalon“) und die Backfabrik nahe des Alexanderplatzes (als „Preview Berlin“) von Galerien aus nah und fern mit – zumeist gegenständlicher – Kunst bestückt. Zugleich eröffnete das „Haus der Kulturen der Welt“  eine Ausstellung mit Kunst aus „Südostasien“. Daneben wurde auch noch  im Rahmen der diesjährigen Asien-Pazifik-Woche mit dem „Schwerpunkt Korea“ auf etlichen der über 250 Veranstaltungen Kunst gezeigt.

Nahezu überall waren chinesische Künstler präsent. Nicht selten mit mehr oder weniger verfremdetem, d.h. verpoptem oder versextem, Sozialistischen Realismus, Agitprop – wie man ihn aus der Kulturrevolution kennt, wobei einige chinesische Künstler betonen, dass sie damit heute quasi ihre Vergangenheit „dekonstruieren“  und andere, wie wichtig ihnen diese Jahre zwischen 1966 und 1976 waren. Angesichts so mancher Bilder  fragte man die Galeristen dann auch verwundert, ob sie wirklich erst nach 2000 entstanden seien, denn viele unterscheiden sich kaum von den damaligen Propagandapostern. Einen Querschnitt davon – aus den Jahren 1921-1971 – veröffentlichte 2003 der Taschen-Verlag, mit einem Vorwort von Anchee Min (siehe meine Literaturliste im blog). Zehn Jahre vorher hatte das Haus der Kulturen der Welt in seiner Ausstellung „China Avantgarde“ bereits einige  Sozpop-Künstler, wie Yu Youhan (Jahrgang 43) und Liu Wei (Jahrgang 63), gezeigt. Und Alexander Ochs in Mitte eine Galerie für asiatische Gegenwartskunst eröffnet, ihr folgte kürzlich seine zweite Galerieeröffnung in Peking.

Der Unterschied zwischen der Propagandakunst der Kulturrevolution und der freien Kunst heute besteht darin,  dass die heutigen Künstler nicht mehr für die Weltrevolution, sondern für den Weltkunstmarkt arbeiten. Und der will anscheinend die chinesische Kunst auf ironische oder sonstwie Bearbeitungen dieser heroischen Epoche fixieren – den Anstoß dazu gab Andy Warhol 1972 mit seinen seriellen Mao-Porträts. Von den jetzigen chinesischen Künstlern seien hier die im Umspannwerk gezeigten Kulturrevolutions-Bilder von Cay Yi Lin erwähnt. Ihre Galerie „YourArt“ in der Oranienburgerstrasse schreibt über die 1960 in Fujian geborene Cay Yi Lin: „Obwohl sie  als Siebenjährige bereits in den Reisfeldern arbeiten mußte, verehrt sie den Vorsitzenden Mao noch immer für all das, was er für China getan hat“. Ähnlich äußerte sich die Tänzerin Luo Lili, die zuletzt im Haus der Kulturen der Welt anläßlich einer Ausstellung über die „Schönheit“  auftrat: „Während der Kulturrevolution war ich noch ganz jung. Und es war eine große Freude für uns, für die Arbeiter und Bauern unter ganz bescheidenen Bedingungen auf dem Land zu tanzen. Zu dieser Zeit kannten wir keine Individualität. Der einzige Sinn des Tanzes war es, dem Volk zu dienen. Zu dieser Zeit waren wir glücklich. Ich fühlte mich allen anderen sehr nah, ob es Soldaten oder Bauern waren. Ich empfand damals, dass unsere Herzen und die aller anderen eins waren…“ Wie anders ist es dagegen, nun auf den komischen Kunstevents in Berlin anzuzutanzen…

Zu diesem ganzen momentanen China-Hype gesellte sich dann auch noch das Nachrichtenmagazin der Spiegel – mit dem Aufmacher:  „Mao – Anatomie eines Massenmörders“. Das Titelbild zeigte den Kopf des großen Vorsitzenden, wie er gerade von einem chinesischen Arnulf Rainer mit Baseballmütze auf dem Kopf übermalt wird. Einige Galeristen waren peinlich berührt. Einer erinnerte sich: „Vor elf Jahren hat der Spiegel sogar mal eine ganze Serie aus den zotigen Erinnerungen des Mao-Leibarztes Zhi-Sui Li gequetscht“. Ein anderer argwöhnte: „Will uns da die CIA etwa unsere Chinabegeisterung und den dazugehörigen Markt vermiesen?“

Um zu beweisen, wie schrecklich und terroristisch die Kulturrevolution war, hatte die BRD und die DDR in den Siebzigerjahren bereits über 100 Romane und Berichte von Chinesen veröffentlicht, die darin ihre Erfahrungen als Rotgardisten und aufs Land verschickte gebildete Jugendliche verarbeitet hatten, wobei man im Westen, um Übersetzungskosten zu sparen, meist auf bereits ins Amerikanische übersetzte Werke zurückgriff. Obwohl oft von inzwischen im Ausland lebenden Chinesen geschrieben und auf das westliche Publikum abzielend, sind viele dieser heute fast nur noch im Antiquariat zu bekommenden Bücher durchaus lesenwert, auch wenn die mehrmals übersetzten Übersetzungen manchmal unfreiwillig komisch wirken: Wenn z.B. Kuomintang-Soldaten wie originalpreußische Offiziere parlieren oder junge Pekingerinnen genauso albern „kommunizieren“ wie ihre Altersgenossinnen in der Berliner  Club-Scene. Und die CIA hat tatsächlich an so manchem Werk kreativ mitgewirkt: z.B. an Yao Ming-les „sensationelle Enthüllungen“ über die Verstrickungen des  Mao-Nachfolgers und dann gescheiterten Putschisten Lin Biao mit der Sowjetunion. Der Spiegel konzentrierte sich nun bei seiner Mao-Attacke auf die ehemalige Rogardistin Jung Chang, die  in den USA soeben die zweihundertste Mao-Biographie veröffentlichte. Zuvor war sie bereits mit einer verkitschten Familiensaga berühmt geworden: „Wilde Schwäne“. Daneben wurde hierzulande auch noch der Roman aus der Kulturrevolution „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ von Dai Sije viel gelesen – und in Frankreich inzwischen auch verfilmt. Er ist noch verlogener als das Buch von Jung Chan. Die inzwischen 53jährige Autorin hat für die  Abrechnung mit ihrem Ex-Idol Mao (es hatte ihr einst das „Herz gebrochen“, weil sie zu spät zu einer Massenversammlung gekommen war und den Großen Steuermann „nur noch von hinten“ gesehen hatte) so berühmte Kriegsverbrecher  wie die amerikanischen Ex-Präsidenten Ford und Bush Senior, den Ex-Außenminister Kissinger und die ehemalige philipinische Diktatorengattin Imelda Marcos interviewt – denen sie heute jedes böse Wort über Mao glaubt. Die Marcoswitwe hatte einmal laut Jung Chan „einen heftigen Flirt mit dem großen Vorsitzenden“ gehabt.

Aus dieser ganzen „Rahmenhandlung“ hat der Spiegel nun eine 16-Seitenstory gezimmert. Ich will hier Mao nun nicht gegenüber diesen Hamburger Miesmachern verteidigen, aber das hat der ewig sexhungrige Massenmörder – Vorbild für Millionen von der Kulturrevolution begeisterter Jugendlicher auf der ganzen Welt – nicht verdient! Man kann das ganze Heft aber auch als konstruktiven Beitrag der Hamburger zur momentanen Mao-Manie begreifen, wie es ein in Berlin lebender chinesischer Künstler – einst Rotarmist der ersten Stunde – im „Canta Maggio“ in Mitte zu später Stunde vorschlug.

1 Kommentar

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  1. Wenn, dass meine Urgroßmutter gewusst hat. Ihr gehörte nämlich eine der Villen in der zu DDR Zeiten die chinesische Botschaft untergebracht war (bis 1950 war Frau Anna Zimmermann, Eigentümer der Villa Heinrich-Mann-Str. 13, Berlin-Niederschönhausen, Prügeleien wären in ihrem Hause undenkbar gewesen !