vonHelmut Höge 05.02.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Wie erwähnt will der Siemenschef in Bangalore schon wieder weiterziehen – nach Osteuropa, wo die Löhne noch billiger sind als in Indien. Auf der Siemens-Webpage findet sich jedoch noch der Idiotensatz: „Wer hier keine Niederlassung hat, den gibt es nicht auf der Weltkarte der IT-Industrie“.

Weiter heißt es dort – bar jeder Indienkenntnis und durchaus deutsch-rassistisch-bescheuert: „Vom realen Indien merken die Angestellten in den klimatisierten Räumen an der Mahatma Gandhi Road kaum etwas. In der ruhigen Großraumatmosphäre könnten sich Besucher wie in Europa fühlen, säßen nicht viele indische Frauen in farbenfrohen Saris vor den Monitoren.“

Die Zeitung „The Hindu“ meldete dann: „Siemens Ltd. has decided to freeze all expansion plans in Bangalore in the wake of crumbling infrastructure in the city.

„There will be no more expansion plans in Bangalore. Bangalore is not attractive for investors anymore“, company’s Managing Director Jurgen Schubert said here“

Darum soll es nun umgekehrt weitergehen – das ZDNet.de schrieb zuvor bereits:

„Die Plakatwand mit Bildern vom Oktoberfest, vom Schloss Neuschwanstein und von einem schnittigen BMW wirkt auf den ersten Blick etwas deplatziert inmitten des hektischen Treibens der indischen Sieben-Millionen-Metropole Bangalore. „Warum gehen Sie nicht nach Bayern?“ steht auf dem Plakat. Die großflächige Werbung ist an die Computerspezialisten gerichtet, die in der indischen IT-Hochburg arbeiten. Bayern als führender IT-Standort in Europa biete großartige Chancen, wirbt der Freistaat.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der am Dienstag in Bangalore war, fasste die Aufforderung an die indischen IT-Spezialisten etwas weiter: „Wir erwarten Sie gern in Deutschland, damit das, was Sie können, auch bei uns angewandt werden kann,“ sagte er an die Angestellten des indischen Wipro-Konzerns gerichtet (ZDNet berichtete). Die indische Seite ließ ihrerseits keinen Zweifel daran, dass auch sie starkes Interesse an einer engen Zusammenarbeit mit Deutschland hat. „Dankeschön, Herr Bundeskanzler“ prangte in riesigen Buchstaben im Innenhof des Wipro-Konzerns.

Bayern dagegen ist künftig sogar dauerhaft in Bangalore vertreten – mit einem eigenen Büro namens „Gotobavaria“ (ZDNet berichtete). Es handelt sich dabei um eine regierungsnahe Organisation, die den Medien- und Hightech-Standort München und das bayerische Umland in der Welt bekannt machen soll. „In Kalifornien unterhalten wir bereits seit längerem ein Büro, in Bangalore, Indien, öffnen wir morgen unsere Pforten. Dort veranstalten wir dieses Jahr bereits zum zweiten Mal ein Bavarian Oktoberfest“, berichtete der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei Erwin Huber…“

Das Wirtschaftsmagazin „brandeins“ gab jedoch zu bedenken:

Klar, indische Mitarbeiter sind billiger als Deutsche. Aber auch in Bangalore gilt: „If you feed peanuts, you get monkeys“.

Die Schrödersche „Green-Card“-Initiative, um indische Programmierer nach Deutschland zu locken, rief auch in der sogenannten Hauptstadt (Ost- und West-Berlin) verschiedene Leute auf den Plan. U.a. Sandeep S. Jolly, der jedoch schon bald die Erfahrung machen mußte, dass es so nicht geht, eher umgekehrt – also dass deutsche Firmen ihre Arbeit nach Indien verlagern. Hier der Bericht über Jolly:

Ein indischer  IT-Spezialist in Berlin

Kürzlich wurden die Engländer von der Nachricht schockiert, dass die Regierung plane, ganze Sozialbehörden nach Indien zu verlagern. An indischen IT-Spezialisten fehlt es in Großbritannien nicht, aber im Gegensatz zu den Mitarbeitern von  IT-Firmen in Indien sind sie in Westeuropa natürlich nicht billiger als ihre englischen Kollegen. Bei dem Versuch der deutschen Regierung, IT-Spezialisten aus Indien hierher zu holen, ging es demgegenüber darum, auf die Schnelle Engpässe in dieser expandierenden Branche zu überwinden. Aber der  weltweite Trend, immer mehr Arbeitsvorgänge in Betrieben und Organisationen von hier in Billiglohnländer zu verlagern, ist anscheinend nicht zu stoppen. Die diesbezügliche deutsche Regierungsinitiative scheiterte.  U.a. wurde dabei auch ein in Berlin lebender indischer Geschäftsmann aktiv: Sandeep S. Jolly.

Er wurde 1967 in Ropar geboren, 1982 folgte er seinem Vater nach  Deutschland, der hier für die indische Botschaft arbeitete. 1982 gründeten die beiden in Westberlin eine Import-Export-Firma und eröffneten in Charlottenburg das Restaurant „Golden Temple“. Sie führten hier den Basmatireis ein, was nicht ganz einfach war: „In Europa gibt es eine sehr hohe Reissteuer, höher als die Produktionskosten für Reis in Indien. Und je mehr Reis man einführt, desto höher ist die Steuer.“

1988 begann Sandeep S. Jolly an der TU Wirtschaftsinformatik zu studieren, noch im selben Jahr gründete er zusammen mit einigen Kommilitonen die „Jolly & Partner GbR OHG“, in der sie eine Software für den medizinischen Großhandel entwickelten. Nachdem die Firma Albis eine Software für Arztpraxen – erstmalig auf Window-Basis – entwickelt hatte, gründete er 1992 zusammen mit seinem Vater auch noch die Firma „teta“, die die Albis-Software fortan vermarktete – und dazu niedergelassene Ärzte in einem bestimmten Postleitzahlgebiet der Ex-DDR beriet. „Die meisten Ossis waren zu dem Zeitpunkt schon von Wessis  verbrannt. Es war schwierig, wenn ich als Inder mit Turban da bei ihnen in Mecklenburg-Vorpommern auftauchte“. Aber Sandeep S. Jolly vermarktet auch heute noch die Albis-Software an ostdeutsche Ärzte, zwar hat er inzwischen einige Gebiete abgegeben, aber 150 Praxen sind es noch immer. Ab 1993 kam das D2-Netz, „das auch und gerade von Ärzten genutzt wird, indem es ihnen ein ‚mobile office‘ bestehend aus Labtop und Handy ermöglicht“. Der Firma „teta“ erweiterte sich dadurch ihr Geschäftsbereich.

Als sich 1995 der Telekom-Markt öffnete, fing Sandeep S. Jolly auch noch mit der „Betreuung der Kommunikation von Unternehmen“ an, wozu u.a. die Installation und Wartung von ISDN-Anlagen gehört. Seiner Meinung nach sind zunehmend auch bei mittelständischen Firmen „schnelle Entscheidungen“ gefragt. Während der Asien-Pazifik-Woche in Berlin, an der Sandeep S. Jolly teilnahm – gewann er  erneut den Eindruck, „dass die Chinesen und Koreaner den Deutschen mehr und mehr Aufträge wegschnappen“.

Seine Firma arbeitet  Optimierungskonzepte für die Kommunikation mittelständischer Unternehmen aus, die bis zu ihrer  Finanzierung reichen, „wobei wir uns das Geld dafür natürlich auf dem Markt holen müssen, aber wir bieten Fixpreise an.“ Es geht dabei 1. um die Software, 2. um die PCs und 3. um die Telefonanlage eines Betriebs. Auch dem Service-Center der Industrie- und Handelskammer und der Börse, wo Sandeep S. Jolly mit seinen Mitarbeitern einen Büroflügel belegt, optimierte „teta“ bereits die Telefonanlagen.

1999 gründete er „als eine Art von Heimwehbewältigung“ die Firma „IT-India“. Damals hatte Bundeskanzler Schröder gerade die Idee einer Green Card für IT-Spezialisten vom Stapel gelassen – und  „der Bedarf der deutschen Unternehmen, Kontakte nach Indien zu bekommen, war sehr groß“. Die „IT-India“ sollte eine „Brücke“ sein – sowohl für Firmen von hier als auch von dort nach hier. „Wir haben viele Investoren aus Indien nach Deutschland geholt. Deren letzte Investition findet gerade in Adlershof statt. Vorrangig ging es zunächst um Investitionen im IT-Bereich, also nicht um das Outsourcen nach Indien, sondern darum, dass der IT-Markt nach Indern verlangte. Und plötzlich war dabei mein Manko ein Plus geworden, es war anerkannt, dass die Inder im IT-Bereich was zu sagen haben“.

Aber die Wirtschaftsförderung war damals noch nicht offen für Indien und die IT-Spezialisten dort wollten auch gar nicht so gerne nach Deutschland. Der Bundeskanzler hatte ihnen verkündet: „Kommt her, hier verdient ihr viel Geld!“ Sandeep S. Jolly flog daraufhin mit einigen Geschäftsführern der IT-Abteilung der Bewag, heute Vattenfall, nach Indien, um dort Gespräche zu führen: „Die haben auch IT-Leute engagiert, das hat Vattenfall geholfen, aber nicht den Indern“.

Sie hatten erst einmal große Visaprobleme, ihre Frauen durften nicht mitkommen, auch die Kinder nicht. Dann wurde das Visa nur auf vier Wochen ausgestellt, sie sollten dafür 65.000 Euro Einkommen im Jahr nachweisen und einen Mietvertrag. Schließlich wurden alle nach Steuerklasse 1 behandelt, weil ihre Familien nicht hier waren, und sie mußten sozialversichert sein, obwohl sie hier gegebenenfalls gar kein Arbeitslosengeld bekommen hätten. „Nach dem ersten Gehalt haben die meisten  wieder ihre Koffer gepackt. Die Amerikaner sind da flexibler. Außerdem spielen die familialen Bindungen bei den Indern eine weitaus größere Rolle als bei den Deutschen, was man hier nicht berücksichtigt hat.“

Sandeep S. Jolly setzte sich dann  umgekehrt dafür ein, dass ein Teil der Arbeit von hier nach Indien verlagert wird. Dazu eröffnete er Büros in Neu-Delhi, Bombay und Chandigarh. „Im IT-Bereich kann man dort Leute auf Honorarbasis einstellen, es ist in Indien alles etwas einfacher als hier.“ Trotzdem bleibt er mit seiner Firma in Berlin, außerdem baut er für seine Familie hier gerade ein Haus. Und dann beteiligte er sich kürzlich an der Gründung eines „German-Indian Round-Tables“ von mittelständischen Unternehmen, wo es ebenfalls um eine Intensivierung der Geschäftskontakte von hier nach dort und umgekehrt geht.

Das Interview mit Jolly fand bereits vor geraumer Zeit statt. Inzwischen hat sich in Berlin trotz des Fehlschlags mit den Green-Card-Indern hier jedoch eine allgemeine Indisierung ergeben – über Bollywoodfilme, indische Restaurants (die geradezu boomen) und verschiedene Uniprojekte.

In der russisch-türkisch-deutschen Disco „Rodina“ an der Jannowitzbrücke in Berlin finden seit einigen Wochen regelmäßig „Bollywood-Parties“ statt, organisiert vom „Bombay Beach Club“. Am vergangenen Samstag traf ich dort auch einige Siemens-Azubis bzw. ehemalige Azubis.

Zu meinem Erstaunen trugen ein paar Mädels dem Anlaß entsprechend sogar weite wallende indische Kleider. Ich kam mit einigen in Berlin arbeitenden indischen Jungs ins Gespräch. Sie kamen aus Bombay – und hatten mit Siemens nichts zu tun, obwohl auch dort der Konzern dick vertreten ist.

Einer, ein angehender Ingenieur, arbeitete kurz bei Daimler-Chrysler, genauer gesagt bei „debis“ am Potsdamer Platz.  Er sollte dort der Entwicklung eines individuellen Verkehrsleitsystems zuarbeiten. Nach einigen Monaten hörte er jedoch frustriert wieder auf, weil er sich dort zu sehr ausgebeutet fühlte: Seine Freundin sollte er sich abschminken und stattdessen ein Handy zulegen, um immer erreichbar zu sein.

Er hatte aber noch für einen Monat Gehalt von debis zu bekommen: „Schreiben Sie eine Rechnung!“, sagte ihm sein Debis-Chef, der Direktor für Mobility Services, Rummel. Das tat er: 1.400 Mark für 80 Stunden. Sodann erschien im September ein Artikel in einer Berliner Zeitung, die ihn zitierte. Wenig später kam das Geld – jedoch nur 700 Mark. Der junge Inder rief Rummel an. Der schrie ihn an und wies auf den Artikel hin: „Mehr Geld kriegen Sie nicht!“ „Was habe ich damit zu tun?“, fragte er, „Sie können doch nicht einfach meine Rechnung ändern.“ Wieso nicht?! „Ich bestimme hier die Spielregeln“, erwiderte Rummel.

Bei DaimlerChrysler überlegt man sich übrigens gerade, ob man Debis nicht besser abstoßen sollte. Abstoßend genug ist diese Firma bereits!

Von den Bombayern erfuhr ich dann noch, dass es in Bangalore und in Bombay eine ähnliche neue und junge Mittelschicht gäbe, die in Bangalore sei jedoch aufgrund der Präsenz von Siemens und anderen Multis, die bloß auf Programmierer und Callcenter aus seien, sehr langweilig und stumpfsinnig, während die in Bombay wild gemischt wäre – und auch nicht in bezug auf die Umgangsformen derart von ausländischen Konzernen dominiert (siehe die obige deutsch-arschlochhafte Siemensbemerkung über ihr Bangalorebüro).

Wir waren uns einig: Die deutschen und angloamerikanischen sowie auch die französischen Manager in Indien brauchen mehr Prügel als Butterkuchen – wenn dabei was Vernünftiges – und Lebenswertes – bei rauskommen soll. Mir gingen die Prügel jedoch nicht weit genug! Eine Firma, eine Belegschaft, die Manager hat oder meint zu brauchen – gehört auf den Abfall der Geschichte! Sie ist nicht auf der Höhe der Zeit! Manager gehören liquidert – wir müssen uns selbst managen!

Nun zu Bombay – bzw. zu einer kleinen Bombay-Erfahrung, die sich um das moderne neue „Bombay-Girl“ rankte:

Im Sommer 1998 erzählte Vilma Fernandes, die zusammen mit ihrem Mann Lancy in einer der politischen Basisgruppen von Bombay – namens „Awakening“ – aktiv ist, ihrer Freundin Dorothee Wenner aus der Berliner Burma-Gruppe, daß sie es geschafft hätten, für die berufstätigen Frauen Bombays, die am Stadtrand wohnen,  zwei mal täglich einen ganzen Sonderzug, den „Lady’s Special“,  gestellt zu bekommen – von der Central Railways Company. Eine zeitlang hätte ihre Gruppe sogar eine spezielle Zeitung für diesen Frauenzug herausgegeben. Als Dorothee danach Bombay besuchte – wegen einer literarischen Recherche über die indische Schauspielerin „Fearless Nadja“- fuhr sie mehrmals mit diesem Frauenzug, wobei sie einige der regelmäßigen Benutzerinnen näher kennenlernte. Dabei kam ihr die Idee, über sie einen Film zu drehen – und der wurde ihr dann auch – vom NDR – finanziert. Sie hat das Talent, sehr überzeugende Film-Konzepte zu schreiben und außerdem zuvor auch schon in anderen Ländern NDR-Filme gedreht, die jeweils von Fremden handelten, die ihr irgendwie nahe standen – zumindestens in bezug auf die Klassen-Zugehörigkeit bzw. den Drift dahin, wo man nun die sogenannte „Neue Mitte“ vermutet.

Die im „Lady’s Special“ morgens aus den Randbezirken in das Zentrum Bombays zur Arbeit fahrenden jungen Frauen begreifen sich selbst als zur „Mittelschicht“ gehörig. Jedenfalls die Gruppe von 11 Frauen im Alter zwischen 19 und 29, die das Filmteam von Dorothee dann im August/September 1999 vier Wochen lang begleitete. Die Frauengruppe nannte sich „Train-Friends“, weil sie versuchen, im Zug stets zusammenzusitzen. Zwei fahren morgens sogar extra zwei Stationen zur Endstation – in die entgegengesetzte Richtung, um für alle Plätze zu reservieren. Ihr Selbstverständnis als „Mittelschichts“-Frauen resultiert weniger aus ihrer Einkommenshöhe als aus der Wahl der „Train-Friends“:

Rashmi (24), die als Sekretärin in einem alteingesessenen Architekturbüro arbeitet, wo sie faktisch die Büroleiterin ist, saß zuvor im Zug immer mit Frauen aus ihrer Kaste zusammen, aber deren Gespräche langweilten sie irgendwann, so daß sie sich für ihre fast zweistündige Fahrten von und zur Arbeit eine andere Gruppe suchte. Desungeachtet wird sie bald einer von ihren Eltern arrangierten Kasten-Verheiratung zustimmen. Einzig Yogita (25), eine ausgebildete Buchhalterin, drängt – als „selbständiges Bombay-Girl“ – nicht darauf, verheiratet zu werden, im Gegenteil: Ihr geht das ganze Hochzeitsgerede auf den Geist und sie möchte lieber ledig bleiben.

Die Zug-Freundschaften sind den Frauen sehr wichtig. Und durch das tägliche Filmen wurden sie zumindest vorübergehend noch wichtiger. Täglich trugen die Frauen tollere Saris bzw. die traditionellen Hosenanzüge Salwar Kameez. Jeans sind den weiblichen Angestellten in Bombay sowieso nicht erlaubt, höchstens dürfen sie sie am Samstag zur Arbeit anziehen – wodurch dieser Arbeitstag inzwischen klammheimlich zu einem halben Feiertag wurde.Das Verbot galt natürlich nicht für „unsere“ bei einer US-Fernsehgesellschaft angestellten Produktionsassistentin Yaja, die mitunter als einzige Inderin im Zug „westliche Kleidung“ trug.

Wegen der Enge der Abteils im überfüllten Lady’s Special hatte Dorothee nur ein kleines Team mitgenommen: Einen polnischen Werbefilmer aus Manila als Kamermann (Christoph Janetzko), eine englische Germanistin als Tonfrau (Caroline Goldie) und einen Berliner Glühbirnenforscher als Beleuchter (mich). Die mitgeschleppten Lampen erwiesen sich insbesondere im Abend-Zug als zu lichtschwach, so daß die Eisenbahngesellschaft um Hilfe gebeten werden mußte. Man weiß dort mit Medien umzugehen. Jede indische Zeitung hat eine eigene Eisenbahn-Korrespondentin und insbesondere deren „Ansprechpartner“ bei der Central Railways, Mukul Marwah, ist ein besonders begeisterungsfähiger junger Intellektueller. Sogar in Poona gestrandete taz-Mitarbeiter haben ihn schon als Sponsor für ihre Party-Dokumentationen angesprochen – wenn auch bisher vergeblich. Der „Hamburger Filmproduktion“ organisierte er im Handumdrehen sechs Elektriker, die fortan täglich zwei Gleichstrom-Scheinwerfer im Abteil installierten. Dadurch erhöhte sich die Anzahl der Teammitglieder schlußendlich auf über dreißig Personen.

Zu der vierköpfigen europäischen Kerngruppe und der Beraterin Vilma Fernandes kamen erst einmal die beiden Produktionsassistentinnen vor Ort: Cheryl und Jaya. Erstere ist eine freischaffende Literaturwissenschaftlerin und daneben bei der Gruppe „Awakening“ tätig. Letztere arbeitet bei einem Wirtschafts-Fernsehsender in Bombay und war von Mukul Marwah zur Teamunterstützung engagiert worden. Dazu kamen noch 12 Fahrkarten-Kontrolleurinnen, von denen jedoch nur zwei – Misses D’Souza und Misses Balla – täglich in Erscheinung traten. Die anderen zehn verteilten sich unauffällig im Abteil – und simulierten eine weitere Gruppe von Train-Friends, die sie genaugenommen ja auch waren. Irgendwann beschwerten sie sich jedoch bei Mukul Marwah, daß sie zu wenig in die Dreharbeiten einbezogen würden, woraufhin die Regisseurin, Dorothee, sie bat, einfach ihre schwarzen Dienstjacken überzuziehen, die sie in Plastiktüten bei sich trugen, und vor der Kamera die Fahrkarten zu kontrollieren. Dabei erwischten sie tatsächlich eine Schwarzfahrerin, die Dorothee damit quasi ins offene Messer hatte laufen lassen, als sie sie bat, ins Kunstlicht zu rücken, um sich kontrollieren zu lassen. Alle waren peinlich berührt – ob der zu echten Kontrolle: und das nicht in einem Spielfilm. Der Dokumentarfilm-Regisseurin gelang es jedoch später, ihr schlechtes Gewissen dadurch zu entlasten, daß sie der Frau das Strafgeld heimlich zurückerstattete.

Dann war da außerdem noch Mukul Marwahs Stellvertreter Mister Shekar, der vorne auf der Lok mitfuhr – zusammen mit zwei männlichen Polizisten, während bei uns im Abteil zwei weibliche Polizisten an der offenen Tür Wache schoben. Sie trugen olivfarbene Uniform-Saris und waren mit einem Rohrstock bewaffnet. Ansonsten jedoch sehr schüchtern. Im Gegensatz zu der wunderbaren Misses Balla, die quasi den Oberbefehl im Waggon innehatte, bis auf einmal, als auch noch ihre Chefin, die „Madame“ – Herrin über alle 80 Fahrkartenkontrolleurinnen auf der Strecke – mitfuhr.

Schließlich seien noch unsere beiden Köchinnen Kiran und Sunita erwähnt sowie der Fahrer Shrikant und der Putzmann Ramdas. Diese vier mußten bei Anmietung einer großen Wohnung in der Cuffe Parade quasi mitübernommen werden. Die Regisseurin hatte dafür der Mieterin, einer amerikanische Journalistin, die zu einem Filmfestival nach Kanada geflogen war, 1100 Dollar – für vier Wochen – überwiesen. Das war billiger als im Hotel zu wohnen. Leider stellte sich bald heraus, daß die Wohnung genaugenommen dem Sugardaddy der Amerikanerin gehörte, ein alter Zuckerfabrik-Besitzer namens Shantila, der die Abwesenheit seiner jungen Geliebten nutzen wollte, um sich mit einem noch jüngeren Mädchen im Appartment zu vergnügen, so daß wir dann doch einige Male auf Hotels ausweichen mußten. Die Regisseurin handelte schließlich eine Art Belegungskompromiß mit dem Besitzer aus, der sich sowieso eigentlich gerade von einer schweren Herzoperation erholen mußte. Zu der Wohnung im zwölften Stock mit Blick über eine Bucht, die etwas bordellhaft eingerichtet war – bis hin zu einer üppigen Kamasutra-Bibliothek, gehörten genaugenommen auch noch zwei Fahrstuhlführer – und halb ein weiterer Chauffeur mit einem eigenem Taxi: Alagar, dem die Regisseurin jedoch eher privat verpflichtet war – noch von ihrem ersten Bombay-Besuch her. Von daher rührte auch ihre Bekanntschaft mit dem Avantgarde-Filmemacher Riyad Wadia, der sich dann bereiterklärte, den „Social Manager“ fürs Team abzugeben, d.h. die geselligen Abende zu organisieren, was ihm mit leichter Hand gelang. Er ist der Großneffe der 1997 verstorbenen Stuntqueen Fearless Nadja, die in einem ihrer Stummfilme bereits mehrere der Eisenbahn feindlich gesinnte Männerbanden über die Dächer eines fahrenden Zuges verfolgt hatte: und das alles ohne Drehgenehmigung. Auch in ihren anderen – insgesamt 56 – Filmen konnte die griechische Artistin ihren guten Ruf als Vorkämpferin der indischen Frauenbewegung festigen.

Speziell für Bombay ist das Kino sehr wichtig. Die Filmbranche belegt einen ganzen Stadtteil. Über 10 TV-Sender strahlen rund um die Uhr meist aus Filmen ausgekoppelte Videoclips mit Indi- bzw. Hindupop-Songs aus. Und Bahnhofskinder betteln nicht um warme Mahlzeiten, sondern um das tägliche Kinogeld. Selbst ein Vorortkino wird so üppig betrieben, dab es 70 Mitarbeiter beschäftigt. Mit einigen Frauen aus dem Zug besuchten wir an einem Sonntag das „Plaza“-Kino in Bombay-Dadar. Dort lief gerade „Taal“. Die Tanzmusik aus diesem Film hatten die Frauen im Zug bereits auf ihren Walkmen-Cassetten. Ein Lied kannten sie auswendig. Sie sangen überhaupt oft und gerne im Zug. Jedoch nur, wenn Sajina dabei war, die besonders musikalisch war und zu Hause mit ihrem Bruder auf Instrumenten spielte. Ihr Vater arbeitete als Karikaturist bei der Times of India, sie als Programmiererin in einer Software-Firma. Sie sah so kultiviert aus, daß sie ganz zart wirkte, was ein schöner Kontrast zur eher zupackend-ländlichen Physiognomie von Rashmi war. Alle „Train-Friends“ wohnten bei ihren Eltern. Das galt auch für die zwei Töchter von Vilma Fernandes, die mehrmals im Zug mitfuhren und -spielten, sowie für Meenakshi Shedde, eine Filmredakteurin der Times of India, die später einen langen Artikel über die Dreharbeiten im Zug schrieb. Die 38jährige Journalistin bezeichnete sich ebenfalls als ein typisches Mittelschichts-„Bombay Girl“. Wie man sich überhaupt in ihrer Zeitung gerne über diese neue „Mittelschicht“ ausließ – manchmal sogar hämisch gereimt: Wenn z.B. deren „Ford“ und „Opel“ mal wieder die Hauptstraßen zu einem neueröffneten Shopping- oder Bowling-Center verstopften. Und „Bombay Girl“ – so heißt inzwischen natürlich auch ein Bollywood-Film. Die Kritikerin Meenakshi Shedde stellt gerne Kulturvergleiche an. Zuletzt lud man sie zu einem Jugendfilmfestival nach Hannover ein. Dort wollte sie unbedingt eine Gemischt-Sauna besuchen, d.h. eine die von Männern und Frauen gemeinsam genutzt wird. Anschließend schrieb sie Dorothee Wenner per E-Mail: „Das hätte ich nicht überlebt, wenn ich meine Brille aufgehabt hätte, gut, daß ich so kurzsichtig bin!“ Im Jahr zuvor war sie in London gewesen, wo sie in einer Wohnung einmal ein Bad genommen hatte: „Das war das erste und letzte mal, daß ich meinen Körper sah,“ erzählte sie später. Ich erwähne ihre Bemerkungen hier, um damit anzudeuten, daß das postmoderne „Bombay-Girl“ eher keusch und romantisch gestimmt ist. Vielleicht im Gegensatz zu ihren modernen Eltern, die sich – jenseits aller Kasten – als Arbeiter in einer der vielen, inzwischen jedoch zum großen Teil abgewickelten Textilfabriken (die ersten entstanden in Bombay bereits um 1850) kennen und lieben gelernt hatten.

Die Gruppe „Awakening“ hat sich wiederholt mit diesem hindufundamentalistischen „Backlash“ befaßt, der sich 1993 bereits in antiislamistischen Pogromen – auch und gerade in Bombay – äußerte. In ihrer letzten Schrift „The Fractured Society“ behauptet die Gruppe, daß die industrielle Demokratie Indiens das Kastenwesen nicht überwunden, sondern nur gezwungen habe, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. So würden z.B. selbst in den USA arbeitende Computeringenieure daheim in Indien offen ihren Wunsch nach einer Kastenheirat annoncieren.

Immer wieder kamen die Frauen im Zug oder wenn wir sie morgens bzw. abends bei sich zu Hause filmten, aufs Heiraten zu sprechen. Vanita (28), die als Telefonistin in einem neuen Dienstleistungsunternehmen arbeitete, war bereits verheiratet, ihr Mann ging jedoch gleich nach der Hochzeit als Gastarbeiter nach Dubai. Ebenso Anjali (29), die in einer z.T.von Deutschland finanzierten Sozialhilfestation Prostituierte zur Aids-Prävention qualifiziert. Sie hatte bereits ein achtjähriges Kind, daß dann auch gut und gerne im Film mitspielte. Ähnliches galt für den Ehemann, der trotz aller Unbill stets freundlich blieb. Dreharbeiten nimmt dort anscheinend jeder gerne in Kauf – wo man sich sogar noch fürs Photographiertwerden bedankt und  überall scheinbar mühelos eine gute Figur zu machen versteht.

Die Hauptrolle fiel auf quasi natürliche Weise der bereits erwähnten Rashmi zu, in deren Elternhaus wir deswegen mehrmals drehten, so daß bald auch ihr Bruder sowie ihre Schwester, die beide noch aufs College gingen, mit dabei waren, letztere zählte ohnehin zum Train-Friends-Anhang. Priya (29), die im Lager einer Textilfabrik arbeitet, hatte einen jungen Arbeitskollegen, Sachin, den sie gelegentlich auch privat traf. Dazu kamen ihr nun die Film-Ausflüge sehr gelegen, so daß er bald ebenfalls zum Team gehörte. Einmal – auf dem Rückweg von einem Picknick am Wasserfall, wo übrigens alle angezogen badeten, und seltsamerweise hinterher in keinster Weise derangiert aussahen – verteidigte Sachin mich im Zug gegen zwei Dorfjugendliche, die irgendetwas Ausländerfeindliches gesagt hatten, was ich jedoch gar nicht verstand. Die beiden ihm verbal Unterlegenen holten daraufhin den Dorfschläger und seine drei Assistenten. Als diese auf Sachin losgingen, warf sich Rashmi mutig dazwischen. Auch als wir umstiegen und das selbe noch einmal – auf dem Bahnsteig – geschah, rettete sie die Situation. Wir hatten an dem Sonntag ohne offizielle Begleitung gedreht und waren etwa zu zehnt gewesen. Während Rashmi die ganze Gruppe schützte, hatten die „Künstler“ eher unsolidarisch an ihr „teures Equipment“ gedacht.

Nach knapp drei Wochen passierte es trotzdem, daß wir meinten, es könnte nun ewig so weiter gehen. Man kannte sich beim Namen, traf sich fast täglich mehrmals, war mit den übrigen Familienmitgliedern vertraut und sogar mit diesem oder jenem Vorgesetzten. Die Dreharbeiten paßten sich dem Alltag an. Die Frauen feierten mit einer Torte Geburtstag im Zug, bereiteten ihr Gemüse für das Abendessen dort vor, kauften von fliegenden Händlern Saristoffe, Schmuck, Stirnverzierungen (Bindis), gaben Bettlerinnen und Eunuchen Almosen, zeigten Photos herum oder nahmen Flugblätter entgegen – die einen riefen dazu auf, jetzt beim besonders billigen Gold zuzugreifen und die anderen rieten, von der ökonomisch unsinnigen Sitte des Gold-Hortens endlich abzulassen.

Die Frauen betonten immer wieder, daß und wie gerne sie täglich zur Arbeit gingen, der finanzielle Aspekt sei ihnen dabei nicht so wichtig. Ihr monatlicher Durchschnittsverdienst wurde auf etwa 200 DM geschätzt. Bei einem Essen in einem ganz unterdurchschnittlichen Restaurant kam heraus, daß sie außer ins Kino so gut wie nie ausgingen. Obwohl fast genauso gut ausgebildet, waren sie Welten entfernt von den jungen „Kreativen“ aus der oberen Mittelschicht, zu der etwa Riyad Wadia zählte, die u.a. nächtens weit draußen auf dem Land drogenbefeuerte Techno-Partys veranstaltete, wohin man nur mit einem Privatauto und nach einer komplizierten Schnitzeljagd gelangte.

Auch die Dreharbeit wurde langsam Alltag. Man nahm nur noch das an Geräten mit, was wirklich gebraucht wurde. Und fühlte sich auch von der vielen Armut nicht mehr so gehetzt. Der Zeitungshändler an der Ecke kannte uns inzwischen mit Namen und der Blinde daneben fand freundliche Worte für einen. Am Bahnhof Victoria Terminus liehen wir uns US-Videos über das indische Eisenbahnnetz aus. Wer nicht gebraucht wurde, setzte sich ab und ging Einkaufen oder suchte nachdenklich gestimmt ein Künstlercafé auf. Beim Abschied wurden Tränen vergossen. Der Unterschied zwischen der Nähe, die man erreicht hatte und der Distanz, die bald nach der Abreise wieder da sein würde, schien dann doch zu groß. En passant wurde vorher noch schnell ein quasi-offizielles Ereignis mitgenommen – d.h. filmisch genutzt. Es hatte nur symbolisch etwas mit den Frauen im Zug zu tun, dies jedoch geradezu herzergreifend: Zum Geburtstag des Gottes Krishna wird alljährlich während der Regenzeit das „Gokulashtami“-Fest veranstaltet. Dazu fahren die jungen Männer tanzend, trinkend und singend auf Lastwagen durch die Stadt. An bestimmten Orten hat man für sie „Dahi handis“ – mit Joghurt, Safran und Kleingeld gefüllte Tontöpfe – über die Straße in etwa 10 Meter Höhe aufgehängt. Die Männergruppen müssen Pyramiden bilden, um an den Topf heranzukommen. Am 3. September 1999 nun beteiligte sich erstmalig auch eine Frauengruppe an diesem uralten Gewinnspiel-Ritual: In der Mehrzahl arbeitslose Textilarbeiterinnen, deren Betriebssportgruppe sich noch nicht aufgelöst hatte. Zu ihrem Auftrittsort – in einer Seitenstraße – kamen derart viele Journalisten, dass sich die Filmteams gegenseitig interviewten. Ihre Photos von der zwölfjährigen Vidya Kamte, die schließlich auf der Spitze der Frauenpyramide den Tontopf zerschlug, erschienen anderntags in allen Zeitungen. „Die Frauen greifen nach dem dahi handi – und nach dem Himmel!“ freute sich zuletzt unsere feministische Beraterin Vilma Fernandes. Und so soll es ja auch sein!

Anfang des Jahres 2004 war Dorothee erneut in Bombay. Dort stieg sie an einem Spätnachmittag in den „Lady’s Special“ – und siehe da: all ihre „Train-Friends“ saßen noch auf ihren Plätzen.

P.S.: Dorothee drehte 2005 noch einen Film: „Unser Ausland“, in dem u.a. der  Innenarchitekt Jehangir Mody aus Bombay die deutsche „Gemütlichkeit“ erforschte. Und 2006 hatte ihr zusammen mit Urmi Juvekar gedrehter Film „Shanti Plus“ Premiere im „Arsenal“, zusammen mit zwei anderen Filmen, die ebenfalls „Indien“ thematisierten und das Ergebnis des Großprojekts „Moving Spirit“ bildeten.

In „Shanti Plus“ geht es um die Hippies in Goa, aus der Sicht der einheimischen Händler, die quasi von ihnen leben. Für den zweiten Film „India in Mind“ haben Merle Kröger und Philip Scheffner dagegen hier – in Hoch-, Flach- oder Landhäusern – lebende Indien-Freaks interviewt. Für eine Münchner Marketingfrau ist Yoga das Ein und Alles; ein Internet-Studentinnenforum verteilte erst alle männlichen Bollywood-Stars auf ihre Gruppe und ersetzt nun mittels „Photoshop“ die Gesichter der weiblichen durch ihre eigenen; ein ehemaliger Indienfahrer und jetziger Reisebüroleiter kocht regelmäßig indisch usw..

Der dritte Film „A Spiritual Journey“ begleitet den Sinnsucher und Regisseur Peter Zorn durch Indien zu den Zentren seiner geistigen Musen Mme. Blavatsky, Krishnamurti, Sri Aurobindo usw. Es ist dabei viel von „sich selbst suchen“ und „finden“ die Rede. Aber Zorn selbst blieb dabei angenehm gelassen.

Merle Kröger und Dorothee Wenner sind alte Indienhasen: Letztere hatte zuvor im gemeinsamen Kulturgroßprojekt „Import – Export“ unter anderem „Mercedes-Benz in Indien“ gewürdigt; Erstere hatte den Bollywood-Krimi „Cut“ veröffentlicht.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2007/02/05/siemensbangalore-bombay/

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kommentare

  • Unter dem Begriff der „Modernen Nomaden“ verhandelte die FAZ am 26.2. noch einmal das immer drängendere EU-Problem der Arbeitsmigranten:
    „Denn nahezu allen Industriestaaten droht auf Grund alternder und schrumpfender Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten ein in dieser Form noch nicht dagewesener Mangel an Arbeitskräften. Die Kommission schätzt, dass auf dem Kontinent bis zum Jahr 2030 rund 20 Millionen Menschen fehlen werden. Deshalb denkt man in Brüssel darüber nach, wie Menschen aus Afrika, Asien und Lateinamerika angelockt werden könnten, und tüftelt an einer Greencard, die nach amerikanischem Vorbild den Weg in die EU ebnet.“

    In diesem Zusammenhang schreibt der FAZ-Autor auch über den Schröderschen Greencard-Vorstoß für IT-Fachleute vor allem aus Indien:

    Deutsche Politiker tun sich hier besonders schwer. Die Regierung Schröder reagierte immerhin auf das dringliche Flehen der Informationstechnik-Branche im Jahr 2000 mit einer Greencard. Doch auch dieses Ticket strotzte vor Reglementierungen: Es galt nur für eine Branche und war auf fünf Jahre begrenzt. Dem abwanderungswilligen indischen Spezialisten wurde ein klares „Jein“ als Antwort auf die Frage gesendet, ob er denn in Deutschland willkommen sei. Immerhin wurden aber von 20 000 möglichen dann doch fast 18 000 Greencards vergeben. Der Zusammenbruch des Neuen Marktes ließ die Aktion jedoch mehr oder weniger in der öffentlichen Versenkung verschwinden. Dass die Zahl der offiziell Arbeitslosen im Jahr 2005 dann auch noch auf mehr als fünf Millionen anschwoll, verstärkte zudem protektionistische Tendenzen in allen Parteien. Als Ergebnis verweigert Deutschland als eines von wenigen EU-Ländern den Arbeitnehmern aus den neuen Mitgliedstaaten bis ins kommende Jahrzehnt hinein den Zugang zum Arbeitsmarkt.

    Dabei mehren sich hierzulande dank des Aufschwungs die Hilferufe. IT-Unternehmen klagen schon wieder über 20 000 unbesetzte Stellen. Und selbst vermeintliche Sorgenkinder wie der Bau suchen Personal. In Berlin sei kein polnischer Polier mehr zu bekommen, jammern die Unternehmen. Wenig verwunderlich, verdient doch rund eine dreiviertel Million polnischer Bauarbeiter ihr Geld mittlerweile in Großbritannien. Dort sind die Löhne höher und die gesetzlichen Hürden niedriger als in Deutschland.

    Noch kann die Politik hierzulande umsteuern. Wirtschaftsminister Michael Glos wollte die Sache in die Hand nehmen, sich vor allem für eine Lockerung des Aufenthaltsrechtes einsetzen. Er ist am Koalitionspartner SPD gescheitert. Ein neuer Versuch wäre dringend angebracht, und allzu viel Zeit sollte er sich damit nicht lassen. Denn andere Länder schlafen nicht.

  • Über den Mercedes-Benz-Film „StarBiz“ von Kröger/Wenner schrieb die taz:

    „Jetzt haben wir ein Auto, aber keine Geschichte“, sagt Urmi Juvekar resigniert am Ende. Einen ganzen Film lang hat sie Drehbücher rund um den Mercedes ersonnen, aber kein Entwurf konnte sie überzeugen. Im Radio singt eine quietschige Stimme „Schlaf ein, meine Prinzessin“, und die Drehbuchautorin fährt in ihrem geliehenen Benz unter einem Schild mit der Aufschrift „der Weg zum Reichtum“ der Sonne entgegen.

    Merle Kröger und Dorothee Wenner, die Macherinnen von „StarBiz“ hingegen, haben für ihren Film unzählige kleine und größere Geschichten gefunden. StarBiz ist eine Road-Doku. Ihre Protagonistin, Urmi Juvekar, macht sich auf, den Mythos Mercedes in der indischen Gesellschaft zu entschlüsseln und trifft unterwegs Menschen, die leidenschaftlich mit dem dreizackigen Stern verbunden sind. So entsteht eine Reihe von Momentaufnahmen. Und es entsteht ein Film über Luxusoasen in Entwicklungsländern.

    „Wenn du einen ,Merc‘ fährst, dann hast du das Gefühl, es geschafft zu haben“, erklärt Ravi Chopra, einer der Großen der Bollywood-Industrie. Chopra selbst hat „es geschafft“. Er hat das indische Nationalepos Mahabharata in Serienformat verpackt und Amitabh Bachchan einen der Größten im indischen Show-Biz unter Vertrag. Und selbstverständlich fährt auch Chopra Mercedes: einen seriösen für tagsüber und einen roten Sportwagen für abends, das ist er seiner Publicity schuldig. „Bollywood“, erklärt er, „ist Projektionsfläche für die Träume und Ziele der Menschen. Und die erwarten von mir einen repräsentativen Lebensstil.“

    Mercedes dient zur Abgrenzung gegen das Elend, manchmal im buchstäblichen Sinne. Anna Maria Huber, Frau des Geschäftsführers von DaimlerChrysler Indien, spricht vor allem davon, wie man diesem lauten, unordentlichen Indien entgehen kann. „Manche indische Menschen“, erzählt sie beim Interview vor dem Pool, „haben die Kinder auf ihrem Weg zur Schule immer durch die Scheiben der M-Klasse angestarrt.“ Gott sei Dank kamen die Hubers auf die Idee, das Glas zu tönen, um solche Ein- und vermutlich wohl auch Ausblicke künftig zu verhindern.

    Mercedes ist in Indien Sinnbild für westlichen Luxus, den zu erreichen längst ein höchst indischer Wert geworden ist. So stehen die Karossen von DaimlerChrysler nicht für deutsche Technik, Präzision oder gar westliche Werte. Sie sind vielmehr die Insignien der eigenen nationalen Elite oder zumindest derer, die so verstanden werden wollen.

    Demzufolge wehrt sich auch Urmi Juvekar aus Bombay, die als Vertreterin einer neuen Generation angesehen werden möchte, den ganzen Film über gegen die Macht des Sterns. In ihren Plotentwürfen geht sie gegen das indische Image von Mercedes an. „Ein Mann ist von einem Mann getötet worden, der einen ,Merc‘ fährt, sein Sohn …“ Außerdem, sagt sie, verhärte Mercedes, wenn er in Filmen auftaucht, die gängigen Geschlechterklischees. „Das ist ein Männerauto. In keinem Film fährt eine Frau Merc.“ Und überhaupt: „Das beste Auto für Indien ist der Shaktiman Truck der Armee.“

    Vinay Choudary – „jemand, der dir erklärt, warum etwas, was dir gefällt, dir nicht gefallen sollte“, wie Juvekar ihn einführt – sieht DaimlerChrysler als ein Beispiel dafür, wie Indien die Global Players absorbiert und sie in die eigene Kultur integriert. Choudary findet, dass der Mercedes im Grunde nur noch zu älteren Männern passt. Als Juvekar ihn vor seinem Haus abholt, erklärt er ihr, dass sie mit diesem Auto unmöglich jemanden zu einem Date abholen könne. „Du hast immer schon Männer eingeschüchtert, aber damit hast du jetzt den Vogel abgeschossen.“

    Und so ist „StarBiz“ auch ein Film über eine neue Generation von Indern der Großstädte, die sich irgendwie von den Werten der 40-plus-Generation lösen möchte, aber so recht noch kein eigenes Modell gefunden hat. Deswegen kommt Juvekar auch mit ihren Plots rund um den „Merc“ nicht weiter.

    So kritisch wie sie blicken nur wenige auf die Dekadenz. Ram Kisan Lal Yadar zum Beispiel hat sich, wie viele seiner Kollegen, kopierte Radkappen mit Mercedesstern an sein Taxi geschraubt, während er davon träumt, einmal Fahrer für einen Mercedesbesitzer zu sein. Und im prosperierenden Puna arbeitet der Schwabe Hans-Michael Huber schon längst nach dem indischen Prinzip der Familiendynastie: „Für ihn gibt es die E-Klasse, seine Frau fährt C-Klasse, und zum vierzigjährigen Firmenjubiläum will er eine S-Klasse für seinen Vater.“ (JUDITH LUIG)

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