vonHelmut Höge 01.11.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Dr.Seltsam – den man früher den Stalin von Bad Schwartau nannte, kenne ich nun schon über 20 Jahre. Er war theaterkritiker bei der taz. Und als wir alle dort aufhörten, aus Solidarität mit Sabine Vogel und Regine Walther-Lehmann, weil man diesen beiden taz-redakteuren wegen des Kapielskischen Adjektivs „gaskammervoll“, das sie nicht rausredigierten, gekündigt hatte, war es Dr.Seltsam zusammen mit Wiglaf Droste, die als erstes die Idee äußerten – im Künstlerhaus Bethanien, das uns ebenfalls aus Solidarität ein Atelier zur Verfügung gestellt hatte (das dann der taz-hausmeister Jens mit Büromöbeln ausstattete): „Wir wollen überhaupt nicht mehr für irgendeine blöde Zeitung schreiben, wir tragen jetzt unsere Texte auf Bühnen vor!“ Wir anderen – etwa zehn Leute – fanden die Idee nicht besonders aufregend: Sie war schon während und nach der russischen Revolution aufgekommen. Dort trugen die Autoren dem analphabetischen Publikum komplette ungedruckte Zeitungen vor – bis hin zu Wetterberichten und Kochrezepten. Später wiederholte sich das zu Solidarnosc-Zeiten noch einmal in Polen – hier jedoch aus Papiermangel.

Bei Droste und Dr.Seltsam stand dahinter weder das eine noch das andere, sondern ein großer Redakteurs-Verdruß. Aus ihrer Idee wurden dann zwei Lesebühnen – und schließlich eine ganze Lesebühnen-Bewegung. Und endlich ein Touristenunterhaltungsprogramm, wo es nicht mehr um experimentelle Texte und Gespräche bzw. Diskussionen ging, sondern um möglichst viele Lacher pro Minute. Bei Droste sowhl als auch bei Dr.Seltsam machte anfangs auch Michael Stein als Autor und Vorleser mit. Auch ihm wurde das alles bald zu glatt. Statt aufzuhören versteifte er sich jedoch auf das Erzählen von Geschichten – ohne Textvorlage, dafür jedoch mit großer politischer Unkorrektheit. Um in Schwung zu kommen, trank er dazu vorher und nachher Absinth. Und nun ist er gestorben, ich glaube an Krebs, den er nicht mit den üblichen A- und C-Waffen „bekämpfen“ wollte, sondern mit alternativen, ich glaube „buddhistischen“ Mitteln bzw. Techniken. Aber sie halfen nicht – jedenfalls bei ihm nicht. Wo Wiglaf Droste zur Zeit steckt, weiß ich nicht. Dr. Seltsam betreibt schon seit längerem eine Diskutierbühne im „Max & Moritz“ Oranienstraße, daneben schreibt er manchmal für die Junge Welt. Vor ein paar Tagen erreichte mich folgende Rundmail von ihm:

Liebe Freunde, im Anhang schicke ich euch einen Reisebericht über
Auschwitz, den ich eigentlich für die Junge Welt geschrieben habe, der
von dem zuständigen Redakteur aber nicht angenommen wurde; ich verbreite
ihn deshalb über meine eigenen Kanäle, weil ich ihn gut und wichtig
finde. Logisch, sonst hätt?ich ihn ja nicht geschrieben. Aufgrund dieser
nichtjournalistischen Verbreitung habe ich nun aber erheblichen Ärger
mit dem Redakteur bekommen, dessen Ablehnungsgründe ich seiner Meinung
nach falsch wiedergegeben habe.Den genauen Ablauf habe ich am Ende des
Anhangs als Bonustrac abgedruckt. Ihr könntet mir sehr helfen, indem ihr
bei allen Weiterverbreitungen dieses Textes nicht weiter behauptet, S.H:
würde den Text für latent antisemistisch halten. Im Gegenteil, es ist
davon auszugehen, daß die Antideutschen etc. gegen mich die
Antisemitismuskeule schwingen werden und da ist die Aussage, S.H: findet
diesen Text nicht antisemitisch eine große Hilfe. Ich weiß, das klingt
alles ziemlich behämmert und möglicherweise steckt was anderes dahinter,
was ich aber nicht weiß und nicht verstehe. Besonders den Roten
Webmaster bitte ich, die betr. Aussage zu berichtigen, du kannst ja
stattdessen den Ersatzartikel von Ulla Jelpke abdrucken. Ich finde, der
spricht für sich. Alle Empfänger bitte ich um weite Verbreitung. Der
Inhalt dieses Artikels wird Gegenstand einer hoffentlich spannenden
Diskussion in DR.SELTSAMS WOCHENSCHAU am Sonntag, dem 18. November 2007
13 Uhr im Max und Moritz, Oranienstr. 162 in Kreuzberg, gemeinsam mit
Heinrich Fink und Susanne Willems. Bis dahin! Viele Grüße aus Berlin von
Dr. Seltsam

Nie wieder Auschwitz?

Ich hatte immer ein bißchen Angst vor Auschwitz, ich fürchtete schlechte Träume danach und
lange Depressionen, wie ich sie nach Mauthausen hatte. Aber ich bin
jetzt über 50 und irgendwann soll man sich als deutscher Mensch
seiner Geschichte stellen. Schließlich gab den Ausschlag, daß
der KZ-Besuch ausgerechnet für den 3. Oktober geplant war und
das ist sicher die beste Art, diesen perversen Nationalfeiertag
angemessen zu begehen. Die Teilnehmer der Junge-Welt-Leserreise
trafen sich vor Abfahrt und am Ende der Fahrt in der Redaktion zum
Austausch ihrer Erwartungen und zum Kennenlernen. Neben den
Organisatoren, dem Redakteur Stefan Huth und der Historikerin Dr.
Susanne Willems waren zwanzig mehr oder weniger prominente Leser und
Autoren beteiligt, so die Peter-Hacks-Biografin aus Frankreich, ein
kommunistischer VW-Arbeiter, Motoradfans und die Tochter vom
Chefredakteur. Das Fazit von fast allen Teilnehmern war, daß
man sich in einer mehr oder weniger linken Gruppe einigermaßen
geborgen fühlte, was angesichts der niederschmetternden
Wirkungen des KZs wohltuend ist. Jeden hat an irgendeiner Stelle der Reise die emotionale Wucht der Nazibrutalitäten überwältigt, bei mir war es angesichts der Kinder: Wieviele zukünftige Einsteins und Gerrons sind hier zerstört worden! Die Hohlheit unsrer Kultur- und Medienwirklichkeit gibt täglich Zeugnis davon, dass die besten Geister Europas nachhaltig ausgerottet wurden, und damit meine ich nicht nur die Juden. Vor der Abreise wurde manche groteske Beleidigung diskutiert, die man als Kommunist heute beim Besuch von KZ-Gedenkstätten einstecken muß, etwa die „Roten Kapos“ von Buchenwald oder das „NKWD-Speziallager“ in Sachsenhausen, und man hoffte, das würde in Polen anders sein, schließlich hat eindeutig die Rote Armee das Lager befreit und es wurde nicht „weiterbenutzt“. Aber je länger wir in den KZ-Resten umherzogen, umso mürrischer wurden wir: Auf dem weltberühmten Haus der Kommandantur von Birkenau prangt heute eine großes Holzkreuz über das ganze Lagergelände, es wurde in eine Kirche umgewandelt! Die Befreiung Auschwitz`durch die Sowjetarmee wird zwar von den Museumsführern erwähnt, aber es gibt davon keine sinnlichen Zeichen mehr, kein Denkmal, keine Bilder. Der kleine sowjetische Soldatenfriedhof am Eingang ist weitgehend befreit von roten Sternen etc. Die russische Abteilung der Memorial-Ausstellung ist seit Jahrzehnten gesperrt, obwohl die meisten KZ-Opfer russische Kriegsgefangene waren, vermutlich können sich die polnischen und die russischen Geschichtsforscher nicht einigen. Deutsche Opfer und polnische Kommunisten kommen überhaupt nicht vor; „unsere Regierung saß in London“, erzählte der ansonsten eindrucksvolle ehemalige Direktor des „Muzeum Auschwitz“ Kasimierz Smolen in gutem Deutsch, seinerzeit im Untergrund und dann Lagerschreiber. Das alte Aufbewahrungshaus der SS für die Büchsen mit Zyklon B, das sogenannte Theater, ist heute ein Kloster der Karmeliterinnen und ein riesiges Holzkreuz von Papst Woytyla beherrscht die Hinrichtungsstätte an der alten Kiesgrube und überragt die Mauern. Katholiken aus aller Welt hatten hier einen Wald von tausend Kreuzen aufgestellt, die nach israelischen Protesten wieder entfernt worden sind. Janusc Korczac, ein weltberühmter linker Pädagoge, der mit seinen Kindern ins Gas ging (allerdings in Treblinka), habe ich nicht gefunden, dafür Pater Kolbe, vor einigen Jahren in Rom seliggesprochen; er ließ sich anstelle eines Familienvaters freiwillig in den Hungerkerker sperren und starb, ob allerdings den „Märtyrertod“, darf bezweifelt werden, den Nazis war Christus ziemlich egal, sie wollten vor allem alle Polen ausrotten, die Abitur hatten, um nachhaltig jeden Widerstand zu verhüten. Die Kapelle für den seligen Kolbe ist ausgerechnet in dem Keller in Auschwitz I, der als erste Versuchsgaskammer für 800 sowjetische Gefangene diente. So entsteht immer stärker der Eindruck, daß katholische Kräfte im Bunde mit dem reaktionärsten polnischen Nationalismus und der Kazinsky-Regierung das „Muzeum“ für ihre Propaganda okkupiert haben. Sicher waren die ersten Opfer Mitglieder des polnischen Widerstands, aber der bestand doch wohl aus mehr Fraktionen als nur der antikommunistischen Heimatarmee. Nationalismus, Katholizismus und Trupps von jungen Israelis mit Nationalflagge überdecken die historische Funktion von Auschwitz als Arbeitsbörse des deutschen Großkapitals. (Wie autoritativ die offiziellen Muzeums-Verwalter gegen diese Ansicht vorgehen, dokumentiert der Anmerkungskrieg im Auschwitzbuch: “ …Salmen Löwenthal: „Die Geschichte von Auschwitz-Birkenau als Arbeitslager im allgemeinen, und im besonderen als Vernichtungslager von Millionen Menschen wird – wie ich glaube – der Welt nicht gut genug überliefert“. Anmerkung des Herausgebers: Auschwitz war kein Arbeitslager, es war ein Konzentrations- und Vernichtungslager, in dem Arbeit eine Methode der Vernichtung war. (F.P.)“ Auschwitz, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 2005, S.273) Wer es nicht besser weiß, bekommt beim bloßen Durchschreiten des “Muzeums“ den Eindruck, daß Auschwitz offenbar vom Vatikan befreit wurde! Daß Pius XII. ein guter Freund Hitlers war und ihn als erster diplomatisch anerkannt und zu seinem antibolschewistischen Kreuzzug animiert hat, weiß hier keiner. Als ich angesichts einer Bestellung von Zyklon B zum Zwecke der „Judenumsiedlung“ durch den SS-Offizier Kurt Gerstein, die dort im Original ausliegt, darauf komme, daß es sich hier um denselben Gerstein handelt, der den Vatikan über die Judenmorde informierte, wie Rolf Hochhuth es im „Stellvertreter“(1963) darstellte, sagt mir die Museumsführerin, daß hier in den Räumen darüber nicht diskutiert werden darf. Allerdings gibt es hier überhaupt keinen Ort, wo über die Mittäterschaft der Kirchen diskutiert werden darf. Nicht mal ihre eigenen Patres und Nonnen, die von den Nazis getötet wurden, hat die Kirche in Schutz genommen, stattdessen laufen zahlreiche Gruppen von uniformierten Priestern und Nonnen herum, meist aus Südeuropa, denen hier erkärt wird, daß ihr Gott Auschwitz zugelassen hat, um den Christen die Chance zum Martyrium zu geben. Wie gnädig. Und was war Sein Plan mit den Juden?

Stalins Name, auf dessen Befehl Auschwitz befreit und die überlebenden Kranken geheilt und gerettet wurden, kommt ebenfalls nirgends vor, dafür steht „Katyn“ auf dem übergroßen Gedenkkreuz an der Marktkirche von Oswiecim, obwohl die Urheberschaft dieses Massakers unklar ist. Auf den Erklärungstafeln im „Muzeum“ steht kein deutscher Text, obwohl Deutsche die größte Besuchergruppe sind. Weil es noch Überlebende gibt, die Anfälle kriegen, wenn sie deutsch lesen müssen, zurecht. Der Galgen, an dem der Lagerführer Höß mit dem Gesicht zu seiner Wirkungsstätte 1946 aufgehängt wurde, steht noch neben der „kleinen“ Gaskammer in Auschwitz I und ist eine kleiner Trost in dem endlosen Grauen. Leider sollen genau diese Zeichen demnächst entfernt werden, wie uns die heutige stellvertretende Muzeumsdirektorin Krystyna Olesky berichtete. Frau Olesky erzählte uns auch von den makabren Zahlenspielen der „modernen Geschichtswissenschaft“: Früher würden die vergasten polnischen Juden als „Polen“, mithin Polen als eine der größten „Opfernationen“gerechnet, nun habe man aber die Juden „rausgerechnet“, jetzt habe man nur noch 140.000 Polen und 4 Millionen Juden. Ob die vergasten Juden damit einverstanden sind, noch postum ihrer Staatsangehörigkeit beraubt zu werden, wurde nicht diskutiert. Der polnischen Regierung gefiel es und auch Israel kann so rückwirkend die Toten von zwanzig Nationen als eigene Staatsbürger reklamieren. Die Anmerkung, daß man damit ja die Rassengesetze der Nazis noch im Nachhinein rechtfertigt und übernimmt, verschluckte ich lieber. Die banale Macht des Antisemitismus wirkt übermächtig weiter:

Ich lernte aus dem einzigartigen Werk von Pelt/Dwork „Auschwitz von 1270 bis heute“ (Büchergilde Ffm 1999), daß sich die polnische Regierung weigerte, am 27. Januar 1995 bei den offiziellen Feiern zur Befreiung von Auschwitz des jüdischen Holocaust zu gedenken. Über diese überhebliche Bagatellisierung des Leidens ihrer Glaubensbrüder erzürnt, veranstalteten jüdische Gruppen in Birkenau eine gesonderte Feier. Zu ihnen gesellte sich Roman Herzog, deutscher Bundespräsident und einziger Würdenträger, der den offiziellen Feiern in Krakau fernblieb. „Zwar wissen wir, daß Gott gnädig ist, doch bitten wir dich, habe keine Gnade für jene, die diesen Ort schufen,“ betete Elie Wiesel, Auschwitz-Überlebender. „Erinnere dich an die nächtliche Prozession von Kindern, von mehr Kindern und noch mehr Kindern, so verängstigt, so schön. Wenn wir nur eines von ihnen erblicken könnten – unser Herz würde brechen. Doch es brach nicht das Herz der Mörder.“ Im 50 Kilometer entfernten Krakau klagte Walesa in der Jagiellonen-Universität über die Versuche der Deutschen, Polens intellektuelle und geistige Stärke zu vernichten. Die Juden erwähnte er nicht. (S.411)

Die Armee in Israel hingegen finanziert für Angehörige der letzten Gymnasialklassen regelmäßige Auschwitzfahrten, um hier Kraft und Gefühle für den aktuellen Kriegsdienst zu sammeln. Von diesen Gruppen, die in beschwörenden Ritualen ihrer toten Vorfahren gedenken und dabei mit ihrer Nationalfahne und völkischem Brimborium Zeitzeugen hören und mit Haß auf die Mörder ihrer Großeltern angefüllt heimkehren zum Krieg gegen die Palästinenser, wimmelt es in Birkenau. Es sieht so harmlos aus, und ich wurde erst von einer Israelin in Berlin darüber aufgeklärt, daß diese Schülerreisen ein Beitrag zur Wehrertüchtigung sind; sie selbst hatte sich strikt geweigert, daran teilzunehmen, obwohl ihre Großmutter dort getötet wurde. Sie ist eine strenge Gegnerin des Israelischen Kriegsregimes und sie hält es mit Fanny Reisin:

„Die Regierenden in Israel mißbrauchen nicht nur meinen Namen. Sie haben die Stirn, sich auf meine ermordeten Vorfahren zu berufen. Sie schämen sich nicht, meine in den KZs und Massengräbern des Naziregimes um ihr Leben gebrachten Großeltern zur Rechtfertigung ihrer Untaten in Libanon und Palästina heranzuziehen. Die Toten können sich nicht wehren. Aber ich, die ich im Schatten ihrer Ermordung geboren wurde und aufwuchs, spreche Ihnen das Recht ab, Ministerpräsident Olmert, Verteidigungsminister Peretz und allen voran Ihnen, Oberkommandierender Halutz, ich spreche Ihnen das Recht ab, sich auf mein Gedenken an die schuldlos Ermordeten zu berufen, wenn rohe Gewalt Ihr Programm und Mord und Zerstörung Ihr Tun ist. Es schändet die Toten, wer im Gedenken an sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht.“( Fanny-Michaela Reisin „Nicht in unserem Namen!“Ansprache bei der Demonstration „Stoppt den Krieg in Libanon und Gaza“ , Berlin 15.08.2006)

In dem ausführlichen Gespräch mit der Vizedirektorin Olesky kritisierten wir, daß die wirtschaftlichen Verwertung der Häftlingsarbeit gar nicht mehr vorkommt: Das Lager AuschwitzIII Monowitz IGFarben ist komplett unauffindbar als hätte es nie existiert, die über 80 Arbeitslager, für die Auschwitz die

„Zeitarbeitervermittlungstelle“ war, sind kaum Gegenstand der Ausstellungen, so daß man sich nur an den Kopf fassen kann, was die Nazis doch für unverständlich blöde Rassisten waren. Aber bei Pelt/Dwork lese ich: „Im April trafen zehn slowakische Transporte ein und es wurden 9655 slowakische Juden registriert. Keiner dieser Transporte brachte alte Personen oder kleine Kinder, und es gab keine Selektionen an der Rampe,“ sondern die Arbeiter wurden den deutschen Firmen zur Vernutzung überstellt. Waren die Arbeiter „fertig“, wurden sie der SS zurückgegeben und frische neue Menschenware kam in die Fabriken. „Es sind paradiesische Verhältnisse fürs Kapital, wenn die Arbeitskraft nichts kostet,“ sagte mir mal der Stadtführer in Linz-Mauthausen.

Dabei hatte gerade Auschwitz eine zwingende ökonomische Logik; es stand verkehrsgünstig „auf Kohle“ und sollte Herzstück eines Feudalreiches der SS im Osten werden. Unser geliebter Ehrenvorsitzender der VVN , Julius Goldstein, mußte in der Kohlenzeche Brzeszcze-Jawiszowice untertage Zwangsarbeit leisten und ein Teil unserer Gruppe folgte seinen Spuren in 750 Meter Tiefe. Die Selektion, die Trennung der Arbeitsfähigen von den Unfähigen, erinnert an das Fördern und Fordern der Hartz-Agenda: Alle Überflüssigen, die nicht für die Arbeit gebraucht werden, sollen möglichst wenig kosten. Der Zwang, sich ausbeuten zu lassen, ist der einzige Existenzzweck des Menschen im KZ wie im Kapitalismus. An jedem Häftling verdienten sie im Durchschnitt

1700 Reichsmark, sagt Michail Romm in dem Film „Der gewöhnliche Faschismus“, nach Abzug derVergasungs- und Verbrennungskosten von 10 Mark. Je mehr wir uns über diese Frage ereiferten, desto klarer wurde mir, daß Auschwitz im Gegenteil ganz „gewöhnlicher Kapitalismus“ war, die Hartz4-Macher in der SPD der Bundesrepublik haben genau dieselbe Grundeinstellung: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! „Selbst wenn es keine zweckbestimmte Arbeit gab, wurden die Häftlinge zu völlig sinnlosen Tätigkeiten gezwungen“ Auschwitz, S.213) Wie beim Ein-Euro-Job nach Hartz4! Man sollte ganz ernst nehmen, was die Nazis über das Tor schrieben: „Arbeit macht frei“, es könnte heute über jedem Jobcentereingangstor stehen, nur das direkte Umbringen hat das Kapital aufgegeben, ein Kind von 120 Euro ernähren zu lassen, hat langfristig allerdings dieselbe Wirkung. Man kann ein Kind mit Armut genauso umbringen wie mit Gas.

Ich kann gut nachvollziehen, was Frau Olesky beim Abendbrot ihrer Familie über unseren Besuch erzählt haben wird: „Diese Deutschen! Erst machen sie Auschwitz, und dann wollen sie hinterher auch noch alles besser wissen!“ Aber ich sah die Zwillingsopfer von Dr. Mengele, mit dessen Forschungen deutsche Pharmafirmen viel Geld verdient haben und begann wieder ein bißchen zu weinen. Wer vom Faschismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.

Bonustrac: „Das deutsche Haus“ heißt die Jugendbegegnungsstätte bei den Einwohnern von Oswiecim, der Volkswagenkonzern ist Hauptsponsor und verbreitet stapelweise seine Reklame im Empfangsraum:“ Innovativ, werthaltig, verantungsvoll – diese drei Werte sollen das Profil der Marke Volkswagen weiter schärfen.Der neue Markenclaim demonstriert zudem Selbstbewußtsein: Volkswagen – das Auto.“

Einträge im offenen Gästebuch der Begegnungsstätte:

„Es ist schwer zu begreifen, was geschehen ist. Gymnasium Voerde 13.9.07“

„Was hier geschah, scheint falsch – unwahr.“

„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint, ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre und ich glaube an Gott auch wenn ich ihn nicht sehe. Inschrift Warschauer Getto. Wesergymnasium Vlotho 17.9.07“

„Wer Auschwitz gesehen hat, weiß, daß es keine Alternative zur europäischen Einigung gibt. F.H. Meran, Südtirol“

„Es war Hammer Geil hier. WG Böblingen“

„Hey ho war echt fett hier. Elbe Gymnasium Boizenburg“

„Was auch nicht schlecht ist ist die Tatsache, daß man hier rauchen kann, das hat uns erspart, mitten in der Nacht rauszugehen. Wir haben uns gut amüsiert. Laura, Frankreich, 10.4.07“

„Hüte deine tüte, denn high sein bedeutet frei sein! Chr.H.“

„Freude – Friede – Leben, aber wir gingen durch eine tote Hölle. P.S. Rammstein ruls. Chr.W.“

„Ich hatte Angst, überhaupt hier her zu fahren…Ich zeige ungern meine Gefühle, aber ich konnte einfach nicht mehr und es ist so grausam…ich mußte weinen! Ich danke dafür, daß ich die „wirkliche“ Realität erfahren habe. Und ich werde mich dafür einsetzen, daß die dreckigen „Neo-Nazis“ auch die Wirklichkeit erfahren werden!C.L.“

„Hi Leute, wir kommen aus Gifhorn von der Albert-Schweizer-Schule. Polen ist ein schönes Land, mit hübschen Mädchen, es ist hier billig. Die Weiber sind nicht so eingebildet wie in Deutschland. Wir fahren (Sic!) am Donnerstag in einer geilen Disco in Krakau. Hier gibt es geiles Essen. K.C. 25.4.07“

„Hübi hat nen Kleinen! Das weiß die THT2b aus Ratingen

Anmerkung: Eine kürzere Fassung
dieses Textes schrieb ich im Auftrag der Jungen Welt als
Reisebericht. Von JW-Redakteur Stefan Huth wurde er abgelehnt, er sei
„grottenschlecht“ und „nicht faktenfest“, das stimmt, denn
ich habe keine wissenschaftliche Forschungsarbeit vorgelegt, sondern
was mir aus diesen drei Reisetagen und einiger Lektüre dazu
impressionistisch in Erinnerung geblieben ist. Meiner persönlichen
Erinnerung nach sagte Stefan auch, die Nichterwähnung von
Auschwitz als Hauptsätte des Holocaust und der Satz „und nicht
nur die Juden“ könnte als latent antisemitisch ausgelegt
werden. Jetzt rief er mich aber empört an, dass habe er nie
gesagt und er fände meinen Text auch keineswegs antisemitisch.
Gut So! Denn einige falsche Israelfreunde werden diesen Text bestimmt
antisemitisch finden und ich hoffe, daß Stefan mich dann
gehörig in Schutz nehmen wird! Wir werden sehen. Aber jeder
Leser kann selbst beurteilen, welche Art von Text der Redakteur NICHT
für „grottenschlecht“ hält, nämlich den an dessen
Stelle abgedruckten. Ich finde daß das gebetsmühlenartige
Ausrufen „Nie wieder Auschwitz“ uns nicht vor einem neuen
Faschismus schützt, sondern nur das Aufdecken der
zugrundeliegenden Denkstrukturen, die es aber nicht nur bei Nazis,
sondern auch bei der SPD und bei der Linkspartei gibt („Arbeit ist
Würde“ etc) Ich finde Arbeit scheiße und möchte für
diese Auffassung nicht bestraft und nicht vergast werden! Die genaue
Anzahl der Arbeitslager ist unklar, Auschwitz I hatte knapp 40, aber
von Monowitz aus sind 27 weitere betrieben worden und einige deutsche
Firmen hatten dazu noch „eigene“ KZ, die nicht mitgezählt,
aber von Auschwitz mit Arbeitern beliefert wurden. Jedenfalls waren
63 % der Lagerinsassen zur Arbeit ausgeliehen, die andern bauten im
Lagergelände, wer nicht arbeitete wurde vergast. Für mich
als Literaten beginnt der Faschismus mit der politischen Phrase, egal
ob rechts oder links. Der „historisch singuläre Völkermord“
ist ein Kampfmythos der bürgerlichen Geschichswissenschaft und
Blödsinn. (Vgl. Artikel zur Fotostrecke in der Jungen Welt vom
20./21.10. 2007) Die Bilder sind aber sehr schön!
DR.SELTSAMS WOCHENSCHAU Jeden Sonntag 13 bis 15Uhr
im Wirtshaus Max & Moritz in Berlin–Kreuzberg. Eintritt frei.
M&M Oranienstraße 162, 10969 Berlin. U8 Moritzplatz, Bus M 29.
Monatliche Programmvorschau auf der website www.drseltsam.net Alle Texte von mir und über mich auf: www.drseltsam.net/blog Emailadresse: drseltsam@drseltsam.net

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2007/11/01/ein-gastbeitrag/

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kommentare

  • …so ein schwachsiniger Text. Allein die Oberflächlichkeiten über Polen sind ein graus … und selbst für einen emigrierten Polen, der den dortigen Nationalismus nicht aushalten konnte schwer zu verkraftem … aber richtig übel wird es einem bei dem untauglichen Versuch -mit einigen kritisch angehauchten Floskeln- sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzten. Aber hier sind sich die Antideutschen und Alt-Stalinisten gleich, sie fallen im Geschichtsunterricht regelmässig durch…

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