Merkwürdig, es passieren so viele schreckliche Überfälle, Morde, Verbrechen jeden Tag, das Soziale erodiert rapide – und gleichzeitig sind alle „Zusammenhänge“, Netzwerke, der Linken seit der „Wende“ (Egon Krentz) in Ost und West erst mal zerrissen. Mühsam versuchen Arbeitslosen-Initiativen, Volxküchen, Grundeinkommen-Aktivisten, Genossenschaftsverfechter, Privatisierungsgegner, Genkritiker etc. sich wieder zusammen zu finden. In bezug auf die Linke kreist die öffentliche Auseinandersetzung jedoch seit geraumer Zeit albernerweise um die RAF und die geheime der Staatsschützer um die „mg“. Michael Sontheimer meint, letztere versuchen damit krampfhaft ihre Stellen zu verteidigen – um nicht mangels „Gegner“ (Feind) abgewickelt zu werden.
Tatsächlich ist es beim jetzigen Stand der Linken wohl ziemlich überflüssig, Luxuskarossen abzufackeln, statt die Arbeit am Begriff und an der (Ver)Sammlung zu forcieren. Kommt noch von außen in Form von Nachrichten hinzu, dass die so genannte „Weltlage“ derzeit anscheinend zu einem regelrechten Weltkrieg tendiert – Irak, Iran, Israel, Libanon, Georgien, Afghanistan, Pakistan, Tschetschenien, Kolumbien, Sri Lanka, Türkei: überall dräut ein Bürgerkrieg und in den EU-Staaten formieren sich die Neonazis, verfolgen Ausländer, Zigeuner, Obdachlose. Die Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigungen, nehmen immer mehr zu. Desgleichen die Kindesverwahrlosung – bis hin zum Kindesmißbrauch. Und dann noch diese trüben Novembertage obendrein.
Fast regt man sich schon nicht mehr auf, wenn man eine Mail wie die folgende bekommt:
Pressemitteilungen
Journalisten und Tageszeitung im Visier (Nr. 186) Berliner Journalisten und Tageszeitungen im Visier 08.11.2007 Nach Informationen der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Berlin-Brandenburg hat das Bundeskriminalamt vom 18. bis 22. Mai 2007 die Post an die Berliner Zeitung, die Berliner Morgenpost, die BZ und den Tagesspiegel im zuständigen Postverteilzentrum „gefilzt“. „Dieses Vorgehen der Ermittlungsbehörden hebelt den Informantenschutz komplett aus“, kritisiert Andreas Köhn, stellvertretender ver.di-Landesbezirksleiter die Aktion. „Wenn die Redaktionen nicht einmal darüber informiert werden, wie sollen Informanten sich dann noch sicher sein, wenn sie mit einer Redaktion in Kontakt treten. Sie müssen jederzeit davon ausgehen, dass Post abgefangen wird.“ Dies erinnere an Methoden, die zu anderer Zeit in diesem Land schon einmal üblich waren. Nach einem Beschluss des Bundesgerichtshofs wurde die Durchsicht und Beschlagnahme sämtlicher an die Verlage gerichteter Postsendungen gestattet. Zwei Briefe an die Berliner Morgenpost und die BZ wurden beschlagnahmt, kopiert und ausgewechselt. Die Aktion des Bundeskriminalamtes stand im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen die so genannte „Militante Gruppe“. Die Fahnder wollten so „Bekennerschreiben“ abfangen. „Das Vorgehen der Ermittler macht deutlich, was bereits heute rechtlich möglich ist“, betonte Köhn. „Wenn der Bundestag am Freitag die Vorratsdatenspeicherung beschließt, wird endgültig der Informantenschutz in Deutschland beerdigt. Wir fordern alle Bundestagsabgeordneten auf, zum Schutz der Demokratie und Pressefreiheit nicht dem Sicherheitswahn zu erliegen und gegen den Antrag von Bundesinnenminister Schäuble zu stimmen.“ *Anmerkung für das BKA: Wir werden unsere Quellen nicht offen legen. Pressestelle des Landesbezirks der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Andreas Köhn – stellv. Landesbeirksleiter Berlin-Brandenburg (Tel.: 030/ 8866 – 4106) Herausgeber: Pressestelle des Landesbezirks Berlin-Brandenburg der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Andreas Splanemann – Pressesprecher (Tel: 030/ 8866 – 4111)
Aus der Praxis der Geheimdienste (mail von heute):
Spatzen im Winter
Ach, es war so schön – nach der Entscheidung des BGH, dass ein Haftbefehl für Andrej definitiv nicht die richtige rechtstaatliche Maßnahme sei, wurde es ruhig. Kein Knacken im Telefon, kein Krisseln im Fernseher, keine Nichtstuer auf der Straße (nur ein paar kaputte Computer). Nun pfeifen alle Spatzen, die noch nicht erfroren sind, von den Dächern, dass die nächste BGH-Entscheidung ansteht, und zack – da sind sie wieder. Ob das in einem kausalen Zusammenhang steht, lässt sich wie immer schwer sagen.
[Update: Der BGH gibt die Entscheidung morgen, Mittwoch, gegen 12 Uhr bekannt.]
Und so begab sich also folgendes:
Auf dem Weg zur Kita, um mit unserer Tochter zum Eltern-Kind-Turnen zu gehen, unternahm Andrej noch einen kurzen Abstecher zum Büro der telegraph-Redaktion. Die Straßenbahnfahrt hatte (durch den Abstecher) eine etwas chaotische Streckenführung. Auf dem Rückweg vom telegraph begegnete er nach dem Umsteigen in die Tramline 8 (Greifswalder/Mollstraße) einem jungen Mann zum zweiten Mal, der ihn knapp eine halbe Stunde zuvor schon in der Tramline 4 Richtung Weißensee, auf dem Hinweg, begleitet hatte. Für alle NichtberlinerInnen: um aus dieser Fahrtrichtung in die besagte Linie 8 zu wechseln, hätte er mindestens dreimal umgesteigen müssen – in einer halben Stunde nur sehr sportlich zu schaffen. Der ungeschickt zugestiegene mutmaßliche Beamte war aber nicht der einzige mit eher offensiver Vorstellung vom Überwachen. Ein anderer, der ebenfalls in der Straßenbahn saß und Andrej begleitete, hatte Kopfhörer auf und murmelte beim Aussteigen den Namen der Haltestelle in seinen Kragen „Rosa-Luxemburg-Platz“. Kein Wort vorher und keins hinterher – für eine normale Telefonkommunikation ziemlich einsilbig. Mal angenommen, dass es Teil einer ordnungsgemäßen Observation ist, dass die jeweiligen Beamten ab und an ihren Standort an die Zentrale oder die KollegInnen durchgeben, kann ich mir nicht vorstellen, dass im Handbuch vorgesehen ist, dass das in der Bahn neben der Zielperson stattfindet, und nicht etwa beim Aussteigen?
Gerade heute abend habe ich mich bei der Vorbereitung der Veranstaltung in der NGBK morgen wieder darüber unterhalten, ob es Absicht oder Trotteligkeit ist, wenn Überwachung spürbar wird. Wir waren uns einig, dass es wahrscheinlich nicht eindeutig zu entscheiden ist – manchmal sollst du es mitkriegen, manchmal war die Methode technisch noch nicht ganz ausgereift, manchmal waren die Azubis am Werk, oder zuwenig Beamte im Einsatz, weil die jetzt immer alle zur Abteilung für islamistischen Terror abgezogen werden (Hallo GdP). Neuerdings müssen sie wahrscheinlich alle im Ringelreihen um die Atomkraftwerke fliegen.
Auch eher aus der Kategorie ‚putzig‘ eine Begebenheit der letzten Woche:
Nach einem Telefonat eines Beschuldigten mit einem Journalisten, in dem es u.a. um BKA-Chef Zierckes Rede bei der BKA-Tagung zum Thema ‚Tatort Internet‘ ging und die sichtlich schlechte Laune, die er nach einer Frage zum mg-Verfahren entwickelte, fand noch ein weiteres Telefonat statt. Und nach diesem klingelte nochmal das Handy: die vorher Angerufene meldete sich: „Ja, warum rufst du nochmal an?“. Bei ihr hatte es auch geklingelt.