vonHelmut Höge 21.11.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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1. Herr Karasahin ist Rentner, die meiste Zeit des Jahres lebt er in Istanbul, in einer Wohnung mit Garten am Bosporus oder in seinem Sommerhäuschen in Antalya. Feti Karasahin wurde 1942 in einem Dorf in der Osttürkei geboren. Bereits als Kind musste er schwer arbeiten. 1960 bekam er Arbeit auf einer Baustelle, danach musste er zum Militär. 1966 stellte er sich in Istanbul einer deutschen Musterkommission, um sich als Gastarbeiter in der BRD zu verdingen.  Auf dem Frankfurter Flughafen begrüßte man ihn mit Blumen. Seine erste Arbeitsstelle bekam er bei einer hessischen Baufirma. 1968 kam er nach Westberlin, wo er nach drei Monaten eine Wohnung in Kreuzberg fand. Sie war stark heruntergekommen, stank und hatte eine Außentoilette, außerdem wohnte im vorderen Zimmer noch eine zuckerkranke alte Frau aus der DDR.  Herr Karasahin renovierte die Zimmer zusammen mit seinem Bruder. Der wegen der neuen türkischen Mieter verängstigten Nachbarin erklärte er: „Ich bin auch ein Mensch, habe auch eine Mutter. Du kannst nicht sagen, die Türken haben alle ein Messer. Hab also keine Angst!“ Seiner kranken Mitbewohnerin half er beim Einkaufen.  Die Forster Straße war Anfang der Siebzigerjahre eine dunkle, heruntergekommene Straße: Auf der rechten Seite – zwischen Reichenberger und Paul-Lincke-Ufer – wohnten Ausländer und auf der rechten Deutsche, nicht selten waren es Kleinkriminelle und Alkoholiker. 1977 fing die Stadt an, Häuser zu entmieten. Die Forster Straße 17 und 16 wurden daraufhin besetzt. 1970 hatte Feti Karasahin seine Frau Ipek nachkommen lassen.

Drei ihrer Kinder, die Tochter Birgül und die Söhne Ismail und Ali, blieben erst mal in der Türkei – bei Verwandten. 1973 wurde ihre Tochter Sengül in Berlin geboren,1975 der Sohn Bülent. Kurz danach holten die Eltern Ismail nach Berlin. Ali blieb bis zum Abitur 1986 in Istanbul, dann kam er nach Berlin, um zu studieren. Sein Vater hatte 1982 aufgehört zu arbeiten und war Frührentner geworden, nach mehreren Leistenbrüchen. Seine Frau Ipek arbeitete noch bis 1984 – bei DeTeWe in Kreuzberg. Es war eine schwere Arbeit – und außerdem giftig: „Als sie nach 14 Jahren, 1984, dort aufhörte, hatte sie chronisches Asthma.“  Seitdem er Rentner ist,  pflegt Herr Karasahin seinen  Istanbuler Garten und die Obstbäume und geht in Antalya im Sommer täglich schwimmen. Seine Rente ist so niedrig, dass er z. B. keinen Krankenhausaufenthalt davon bezahlen könnte: In den letzten 18 Jahren war er deswegen nicht mehr beim Arzt. Seine Frau muss sich jedoch regelmäßig behandeln lassen. Dazu fliegt sie nach Berlin. Herr Karasahin besucht dort seine Kinder nur selten: „Für ein dreimonatiges Einreisevisum muss ich jedesmal 50 Euro zahlen und zweimal anderthalb Tage vor dem Konsulat warten. Seit 1985 bin ich nur fünfmal hier gewesen, für meine Frau mit ihrer deutschen Staatsangehörigkeit ist es einfacher“, sagt er.   Die älteste Tochter Birgül ist inzwischen Kindergärtnerin geworden, Sengül Technische Assistentin in Metallografie, und der älteste Sohn Ismail Restaurantfachmann. Bülent und Ali haben Wirtschaft studiert. Sie betreiben jetzt zusammen mit ihren Lebenspartnern das Café „Advena“ in der Wienerstrasse. „Es war immer mein größtes Ziel, dass unsere fünf Kinder eine anständige Ausbildung bekommen. Und das haben wir auch geschafft“, sagt Herr Karasahin, der sich gerne im Café seiner Söhne aufhält und dafür u.a. vier Blumenkästen gebaut und bepflanzt hat. „Ob es mir in Berlin oder in Istanbul besser gefällt? Die Menschen sind überall gut. Nur das Kapital hetzt sie aufeinander,“ sagt er.

2. Eskisehir in Anatolien ist eines der ältesten Städte der Welt, einst berühmt für seine heißen Quellen, ist es heute vor allem wegen seines NATO-Militärflughafens bekannt. Seit langem siedeln sich dort Krimtataren an – in der Türkei  auch Krimtürken genannt. Ihre Heimat war einst unter Katharina der Großen dem russischen Imperium einverleibt worden – und seitdem fanden sie immer wieder in ihren Befreiungskämpfen  falsche Verbündete: Osmanen, Franzosen, Engländer, zuletzt Deutsche – was jedesmal ihre Flucht und Verbannung nach sich zog.  In Eskisehir wurde 1960 der Krimtartare Hakan Ufakcan geboren, seine Großmutter war 1917 mit 16 Jahren dorthingelangt – zu ihren Verwandten, ohne Hab und Gut, im Gefolge der Flucht der Weißen aus Russland, ihre Geschwister waren auf der Krim geblieben. „Aus unserem Dorf, jetzt Stadtteil, hatten vorher schon viele Krimtataren in der Schlacht von Kanakkale gekämpft, 1915 – gegen die Ententemächte England und Frankreich, das haben wir in der Schule gelernt,“ erzählt Hakan Ufakcan. Nach der vierten Klasse, 1969, folgte er seinen Eltern nach Berlin, wo er in die 2. Klasse zurückgestuft wurde. „Am Anfang war ich der einzige Ausländer in der Klasse, alle Schüler haben sich um mich versammelt und wollten mich kennenlernen…So verhetzte, ausländerfeindliche Klassenkameraden – das kam erst später“.

Hakans Familie  wohnte zunächst in Moabit. „Damals durften die türkischen Mädchen abends noch nicht raus, höchstens mit ihrer Familie. Und wir als türkische Jungs durften nie in Diskotheken: ‚Nur für Deutsche!‘ hieß es immer, das selbe bekam man zu hören, wenn man eine Wohnung mieten wollte, oder in bestimmte Berufe rein wollte – handwerkliche z.B.: Uns haben nur Industriebetriebe ausgebildet.“  Hakan begann nach der Mittleren Reife eine Schlosserlehre bei Siemens. Gleichzeitig gründete er mit drei Freunden die Band „Kervan“ (Caravan), in der er Bassguitarre und später Saxophon spielte. Die Gruppe vertonte Texte von Nazim Hikmet und Cem Karaca, aber auch eigene. Sie traten mit ihrer Tanzmusik auf Hochzeitsfeiern, im „Halkeri“ (Volkshaus) am Kottbusser Damm, wo sie auch übten, und schließlich in den ersten türkischen Clubs auf. Seine Mutter arbeitete als Hilfsarbeiterin, war aber eine gelernte Schneiderin – und nähte ihrem Sohn Schlaghosen für seine Auftritte. Hakans Vater arbeitete als Schlosser bei der KWU im Wedding. Sein Sohn fing 1983 als Schlosser im Waggon Union Werk an. „Mit Musik Geld zu verdienen, war damals nie so im Blick.  Jetzt haben wir übrigens gerade wieder mit Proben angefangen – zur Hälfte noch in der alten Besetzung, im Sommer geht es dann wieder los – mit türkischer Rockmusik.“  1985 war Hakan aus der Band ausgestiegen, um in die Türkei zu gehen – seine Eltern hatten sich getrennt, woraufhin seine Mutter nach Eskisehir zurückgekehrt war, damals waren viele Türken wieder zurückgegangen. Hakan kehrte aber schon bald von dort wieder nach Berlin zurück, wo er eine Anstellung als Kraftswerksmonteur fand. Nebenbei spielte er diesmal noch Fußball – bei Anadolu Spor. Über einen Bekannten seines Vaters kam er dann mit einem Unternehmer in Kontakt, der eine Diskothek in Antalya eröffnete, dort war Hakan bald für die Technik verantwortlich. Aber nach dem Golfkrieg 1990 blieben die Touristen weg – und die Diskothek ging pleite, Hakan zog erneut zurück nach Berlin. Hier heiratete er kurze Zeit später. Jetzt hat er bereits drei Kinder und seine Tochter geht auf die Kreuzberger Musikschule, wo sie Klavier lernt, Hakan hilft ihr, wie ebenso seinem jüngsten Sohn, der Fußball spielt, denn Hakan hat inzwischen einen Trainerschein gemacht, um die Jugendlichen in seinem Verein zu trainieren. Daneben hat er auch noch einen Taxischein gemacht und sich ein eigenes Taxi angeschafft.

Sein Schwiegervater betreibt am Görlitzer Bahnhof ein Restaurant, Hakans Frau hilft dort in der Küche aus, er selbst hilft dem Schwiegervater bei Behördensachen. Außerdem stellt er noch zusammen mit seinem Partner Kemal Zigarettenautomaten auf und vermietet Gasgrillgeräte vermietet. Vor einigen Jahren fing Hakan an, sich für die  Geschichte der Krimtataren zu interessieren, außerdem träumte er von einem Pferdehof – zur Produktion von Stutenmilch. „Mein Großvater hatte 400 Hektar Land, auf denen er Weizen anbaute, als Kind habe ich oft auf seinem Mähdrescher gesessen. Er hat als Krimtatare auf deutscher Seite gekämpft – in der Wlassow-Armee. Zuletzt ist er von Klagenfurt aus zu Fuß in die Türkei geflüchtet. Er hat dann eine Rente von der BRD gekriegt, hat sich bei Eskisehir niedergelassen und meine Großmutter geheiratet. Seine Familie war auf der Krim geblieben – nach 45 hatten die unter den Sowjets eine schwere Zeit. Wir haben immer noch Kontakt zu ihnen, auch zu den dort lebenden Angehörigen meiner Großmutter, besonders zu der Tochter ihrer Schwester: Die ist Tänzerin gewesen und  unterrichtet jetzt Volkstanz auf der Krim, manchmal laden die Krimvereine in der Türkei sie ein. Verwandte von mir in Eskisehir haben kürzlich eine Stiftung gegründet, um die Rückkehr der einst nach Sibirien verbannten Tataren auf die Krim zu unterstützen. Mein Vater ist ein Krimtatare aus Bulgarien, die haben ebenfalls auf deutscher Seite gekämpft, viele sind dann 1944 von dort aus in die Türkei geflüchtet.  Von unseren Verwandten leben einige in New York, außerdem haben wir noch zu den in Bulgarien gebliebenen Kontakt. Da gab es 1988 eine Überführungsaktion vom türkischen Ministerpräsidenten Özal, bei der viele Krimtataren in die Türkei kamen. Hier in Berlin gibt es einmal die Weißen – also ehemals reiche Krimtataren, die 1917 nach Deutschland geflüchtet sind. Dann die aus der Türkei als Gastarbeiter hierhergekommen, ich kenne etwa ein Dutzend. Und dann gibt es noch etliche, die nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Berlin ausgewandert sind.

In der Türkei sind die ‚Krimtürken‘ überall integriert. In unserem Dorf waren sie fast alle Sozialdemokraten. Ein Verwandter meiner Mutter, Hassan Polatkam, brachte es als Mitglied der Demokratischen Partei sogar bis zum Minister, nach dem Militärputsch 1961 wurde er jedoch hingerichtet.“  Hakans Schwiegervater will demnächst ein zweites Restaurant in Kreuzberg bewirtschaften, er hat Hakan und seine Frau gebten, dort mit einzusteigen. Die beiden sind aber noch unentschieden. Hakan liebt die Unabhängigkeit bei seinen jetzigen Tätigkeiten, einschließlich des Taxifahrens.

3. Izmir kommt aus Izmir und Ankara aus Ankara. Deswegen heißen sie auch so. Izmir hat früher als Lagerarbeiterin gearbeitet, und Ankara war verheiratet und hat ein Kind. Jetzt arbeiten die beiden Frauen in Bordellen: Izmir in Neukölln und Ankara in Kreuzberg. Es gibt nicht viele türkische Prostituierte in Berlin, obwohl die türkischen Männer lieber zu ihnen als zu allen anderen gehen,  weil sie denken: Die verachten mich nicht, sie sind schließlich auch Türken — und sie verstehen mich besser, wenn es darauf ankommt.  Neulich passierte es nun, dass einige junge türkische Männer in das Neuköllner Bordell kamen, in dem Izmir arbeitet. Die drei hatten nur Augen für sie. Schließlich sagte der Jüngste zu ihr: „Izmir, ich möchte mit dir aufs Zimmer gehen!“ Da erkannte sie ihn: Es war Mehmet, der Sohn ihrer früheren Nachbarin in der Muskauer Straße.  Als er noch klein war, hatte Izmir oft auf ihn aufgepasst, und er im Gegenzug hatte er sie „Tante“ genannt. Später bei Grillfesten hatte sie mit ihm Ball gespielt. Sie schüttelte den Kopf.: „Das geht nicht! „Ich bin deine Tante. Such dir eine andere“, sagte sie und wies in die Runde.  Es kommt nicht oft vor, dass eine Frau sich im Bordell Nein zu einem Kunden sagt. Mehmet blieb hartnäckig.  Die anderen Mädchen, die um sie herum saßen, lachten. Mehmet war jung und sah gut aus: „Stell dich nicht so an“, sagten die Mädchen zu Izmir. Die  ging erst einmal in die Küche, um sich einen Kaffee zu holen. Mehmet folgte ihr. Er bat sie noch einmal, mit ihm aufs Zimmer zu gehen. Izmir blieb hart. Mehmet erzählte ihr, dass sie schon mit all seinen Freunden aufs Zimmer gegangen wäre. Sie hätten ihm von ihr erzählt und von ihr geschwärmt. Außerdem hätte er immer von ihr geträumt, als er klein war, sagte Mehmet und grinste sie an.

Izmir musste an Mehmets Eltern denken. Was, wenn die beiden davon erführen. Sie hätte ihren Sohn zur Unmoral verführt, würden sie ganz sicher denken. Das wäre furchtbar. Sie erschrak und blieb bei ihrem Nein. Mehmet verließ das Bordell, in den Tagen und Wochen darauf bedrängte er sie jedoch erneut. Sie wurde zum Gespött der Mädchen, außerdem begann sie zu befürchten, dass Mehmet irgendwann „etwas Verrücktes“ anstellen könnte.   Bei ihrer Freundin Ankara in der Kreuzberger Nachtbar war zuvor ein junger Mann namens Alpay aufgetaucht, der ebenfalls partout mit seiner „Tante“ aufs Zimmer wollte. Ankara und er waren tatsächlich über fünf Ecken miteinander verwandt. Sie hatte ihn wiederholt auf Feiern getroffen, und mit der jüngsten Schwester seines Vaters war sie sogar näher befreundet.  Ankara überlegte nun kurz und sagte dann – betont geschäftsmäßig: „100 Mark, 30 Minuten.“ Er nickte, und sie gingen aufs Zimmer.  Anschließend lächelte Alpay glücklich, zog sich an und verabschiedete sich dankend von Ankara.  Schon am nächsten Tag kam er wieder – und am übernächsten Tag auch. Ankara fragte ihn auf dem Zimmer, ob er nicht zu viel Geld für sie ausgebe. Alpay gestand ihr, dass er derzeit nur wenig verdiene, aber seine Ausgaben einschränken werde. Außerdem habe er Freunde.  In Ankara stiegen  dunkle Vorahnungen hoch: Was, wenn er sich das Geld klauen würde und seine Familie dahinter käme, wofür er es ausgab? Was für eine Schande! Die Prostitution ist wirklich ein Übel, dachte sie beschämt, sie zieht eine Sünde nach der anderen nach sich: „Was soll ich bloß tun?“  Beide „Tanten“ denken inzwischen darüber nach, nicht nur das Bordell, sondern gleich die ganze Stadt zu wechseln, um nicht sehenden Auges ins Unglück zu laufen. In gelassenen Momenten geben sie allerdings zu, dass das hartnäckige Interesse der beiden Jungs manchmal auch direkt gut tue.

4. Auf dem „Türkisch-Europäischen Kulturfest“ vor dem Brandenburger Tor, u.a. auch die „Türkische Folklore Gemeinschaft e. V.“ auf.  Dieses Tanz-Ensemble hat seine Vereinsräume in der Kreuzberger Wrangelstraße 22. Vereinsvorsitzender ist Muzaffer Topal. Der 1966 in Akcaabat geborene Volkstanzlehrer kam 1981 nach Berlin, wo er sich zunächst zum Elektrogerätemechaniker ausbilden ließ und im Fernstudium Volkswirtschaft studierte. 15 Jahre arbeitete er dann als Qualitätskontrolleur bei einer Neuköllner Elektrofirma, wo man ihn außerdem zum Betriebsratsvorsitzender wählte. 2002 wurde seine Firma jedoch von einem westdeutschen Konzern aufgekauft und der Standort Neukölln dichtgemacht.  Die „Türkische Folklore Gemeinschaft“ hatte er bereits 1986 gegründet. Der Verein hat heute 40 erwachsene Mitglieder, und seine Räume in der Wrangelstraße werden von etwa 60 Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 25 Jahren genutzt. Die Folkloregruppen treten inzwischen nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Orten auf – seltsamerweise öfter in Ost- als in Westdeutschland. Muzaffer Topal ist neben seiner Vereinstätigkeit seit 1994 auch noch Mitglied der CDU, für die er vier Jahre im Ausländerbeirat des Bezirks Kreuzberg saß. 1995 heiratete er, im vergangenen Jahr bekam seine Frau ihr erstes Kind. Seit er arbeitslos ist, hat er zwar mehr Zeit, sich der „ehrenamtlichen Jugendarbeit“ zu widmen, aber das ist keine Dauerlösung. Gelegentlich springt er noch als Aushilfskraft in der Bäckerei seines Cousins ein, er sucht jedoch einen neuen Job in seinem erlernten Beruf. Nebenbei muß er sich nun auch noch um „Sponsoren“ kümmern, denn seinem Folkloreverein wurden die staatlichen Fördergelder gekürzt.

5. Der Weddinger Hörgeräteakustikmeister Jens Hettwer eröffnete 1980 am Schäfersee sein erstes Fachgeschäft. Er ist nun in zweiter Ehe mit der türkischstämmigen Fatma verheiratet. Er hat zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe und sie zwei fast erwachsene Töchter. Nachdem die beiden sich zusammengetan hatten, wurde die türkische Sprache für Herrn Hettwer langsam zur zweiten Heimatsprache.  Vor einem Jahr eröffnete er in der Stettiner Straße ein zweites Hörgerätegeschäft speziell für türkische Kunden und mit türkischen Mitarbeitern. Diese sprechen in bezug auf ihren Chef von einer umgekehrten Integration.

Von einem befreundeten Schweizer Lehrer erfuhr das Ehepaar Hettwer unlängst von einer Tagesschule für körperlich und geistig Behinderte in der Türkei – in Anamur -, dem die Schließung drohte, weil die Schüler dort mit Bussen aus den Dörfern abgeholt werden und es dabei Transportprobleme gab: nämlich aus Geldmangel nicht genug Sprit. Um diesen Mangel zu beheben, eröffneten die Hettwers ein Spendenkonto und initiierten eine „Deutsch-Türkische Festwoche“ – mit einer großen Tombola, deren Gewinne türkische und deutsche Geschäftsleute spendeten: ein Reisebüro z. B. eine Flugreise nach Istanbul – was dann der 1. Preis wurde (die insgesamt 50 Sponsoren rückten 100 Gewinne raus, es gab keine Nieten!). Dazu kamen dann noch Werbemaßnahmen – wie Plakate, Fähnchen für die Sonnenblumenkerne kauenden Kinder auf der Straße, ein türkisches Musiktrio, eine Bauchtänzerin aus Reinickendorf, „Hörtest-Aktionstage mit kostenlosem Hörgeräte-Check“, ein Fass „Eschenbräu“, hergestellt vom Weddinger Braumeister Martin Eschenbrenner, und ein üppiges Buffet, für das allein Frau Hettwer drei Tage lang Essen zubereitete.

Die Verlosung fand am letzten Tag in und vor dem Geschäft in der Stettiner Straße statt – inmitten eines gelungenen türkisch-deutschen Mix, wobei die Deutschen großenteils aus Altweddingern mit Hörproblemen bestanden, was sie jedoch nicht daran hinderte, laufend schnoddrige Bemerkungen zu machen. „Mutter, da kannste jets mittanzen!“, rief einer, als die Bauchtänzerin Daniela dran war. Die Zahnarztassistentin tanzt übrigens normalerweise nur im Winter, weil sie im Sommer Hochseejachten von der Ägäis in den Atlantik überführt.

Dann gab es da noch „Den Debattierer“, einen Kfz-Schlosser, der auf Ferraris spezialisiert ist – und nur reden, aber kein Los kaufen wollte. Ferner einen dicken Tombolagewinner, der mir erklärte: „Ich hab mir och so ’ne Lauscher hier jekooft. Aber ick vertrach se nich. Is war, weil meene Olle imma gesacht hat: ,Mensch, musste den Fernseher so laut machen?!‘ „

Von Herrn Hettwer erfuhr ich dann noch, dass die Hörprobleme zunähmen – aufgrund der vielen Alten. 14 Millionen Hörgeschädigte gebe es bereits in Deutschland, „aber nur 1,5 Millionen tragen bisher ein Hörgerät“. Somit gebe es also noch viel zu tun für ihn, wären die Weddinger nicht „durch ständig neue Reformankündigungen aus der Politik so verunsichert, dass sie ihr Geld lieber in der Tasche lassen“.

Auch seine „Alman-Türk-Senligi Haftasi“ könnte sich zu einer regelmäßigen Einrichtung entwickeln, zumal er im nächsten Jahr sowieso 25-jähriges Geschäftsjubiläum feiert. Das Ehepaar Hettwer will jedoch erst mal die nachbarlichen Reaktionen abwarten – und sich ansonsten von dem Stress erholen.

6. Songül Cetinkaya wurde 1974 in Schwäbisch-Hall geboren, nach dem Abitur studierte sie an der Uni Konstanz Anglistik, Germanistik und Sport, aber nach einem Unfall verlor das Sportstudium seinen Sinn, „ich wollte jedoch trotzdem etwas Körperliches machen“. 1996 zog Songül nach Berlin,  sie wollte jedoch keine Lehrerin mehr werden.  Stattdessen bewarb sie sich bei der taz – und wurde in der Lokalredaktion eingestellt. Nach 3 Jahren verließ sie die Zeitung jedoch wieder: „Ich schrieb viel über die türkische Community, die ganzen Klischee- Türkenthemen, das hatte ich irgendwann satt.   Ihre Eltern waren davon ausgegangen, dass sie nach dem Studium nach Hause zurückkehren würde. Sie hatten noch das „Klischee“ im Kopf: Ihre Töchter machen eine Ausbildung, finden einen Beruf und heiraten dann. „Wir waren fünf Mädchen zu Hause, alle sind nach der Schule mit der Mutter putzen gegangen, in einer kleinen Klinik, wir konnten also nie ausgehen oder in einem Jazz- oder Volleyball-Kurs abends mitmachen. Rückblickend war es jedoch wichtig für mich – schon so früh gearbeitet zu haben. Und immerhin durfte ich dann auf ein Internat in Künzelsau gehen. Aber nachdem meine ältere Schwester einen Deutschen kennen gelernt hatte und mit dem mehr oder weniger abgehauen war, haben meine Eltern mir das Internat verboten und ich musste ein Jahr lang als Externe auf das 40 Kilometer entfernte Gymnasium gehen, bis mein Vater mir dann doch erlaubte, dort auch wohnen zu dürfen“.   In Songüls 17köpfiger Familie haben inzwischen alle einen deutschen Paß, bis auf ihren kleinen Bruder: Er wurde drogenabhängig und kriminell und sollte abgeschoben werden, aber seine Familie kämpfte für ihn, das ging bis vor den europäischen Gerichtshof – und dabei schafften sie im Februar 2005 einen Präzedenzfall. „Mein Bruder hat drei Therapien abgebrochen, dann habe ich ihn nach Berlin geholt, wo ich für ihn einen Platz in einer Therapiegruppe für türkisch-arabische Problemjungs gefunden habe, die stark mit diesem türkischen Ehren- und Respekt-Ding arbeitet. Das hat funktioniert.“

„Für die armen türkischen Mädchen hat jeder Verständnis, aber nicht für die vielleicht kriminellen türkischen Jungs. Dabei haben die es ganz und gar nicht leichter als wir. Da kommt auch noch die Ehrensache dazu und dass sie die zukünftige Altersvorsorge für die Eltern sind. In den letzten Jahren haben sich meine Eltern komplett verändert, was u.a. damit zu tun hat, dass sie die Drogen-Therapie meines Bruders begleitet haben. Ein Problem war auch, dass wir schon in der 3. oder 4. Klasse mehr wußten als die Eltern, die aber so tun mußten, als wüßten sie alles, sind ja schließlich Eltern, das bewirkt Respektverlust und auch Mitleid.“    „Als mein kleiner Bruder vor 3 Jahren zu mir kam, wohnte ich mit meinem deutschen Freund zusammen. ‚Das geht nun nicht mehr, dass ihr während ich hier bin zusammen in einem Bett schlaft“, meine er. „ihr seid nicht verheiratet, unsere Eltern waren viel zu weich, bei mir wärst du mit vielem nicht durchgekommen‘. Mein Freund hat dann um des lieben Friedens willen tatsächlich klein beigegeben: 10 Tage haben die beiden dann in einem Bett zusammen geschlafen und ich auf der Couch – bis mein Bruder in Therapie ging.“    Songül hatte 1997 auch angefangen, Bauchtanz zu lernen, ein Jahr später unterrichtete sie in der Tanzschule bereits die Anfänger. Daneben besuchte sie noch Yoga-Kurse. „Meine Eltern hatten mir früher nicht erlaubt, einen Tanzkurs, in der Volkshochschule z.B., zu belegen, aber ich wußte eigentlich die ganze Zeit, dass ich eine gute Tänzerin bin. In dem Bereich bin ich jetzt Profi geworden – und davon überzeugt, dass auch der Körper den Geist bilden kann.“  „Erst vor kurzem ist es mir gelungen, die Songül, die meine Eltern sehen und die, die ich gerne sein möchte, zusammen zu bringen. Als drittes kommt noch die Erwartung der Gesellschaft dazu, eine emanzipierte Türkin zu sein, eine starke Frau, die ihren Weg geht: auch das ist Druck! Ich soll immer stark sein! Das Training von Bauchtanz -Weiblichkeit -, Yoga – Entspannung -, und Pilates – Effizienz und natürliche Haltung helfen mir enorm dabei.“

„Zur Zeit mache ich eine Ausbildung als Pilates-Trainerin. Es geht dabei um eine Stärkung der Tiefenmuskeln und ein körperlich-seelisches Gleichgewicht durch eine natürliche Haltung, ausgehend von der Wirbelsäule. In Amerika machen das vor allem Tänzer. Es gibt Pilates-Trainer, die mit Vorstellungsbildern arbeiten, ich möchte es andersherum machen: Wenn ich das und das mit meinem Körper mache, was passiert dann in meinem Kopf?  Ich dringe z.B. seit meinem Training in lauter verschüttete Erinnerungen ein. Außerdem haben sich bei mir alle möglichen Bereiche verändert: Mein Freund und ich haben uns getrennt, meinen Arbeitsplatz im Tanzstudio habe ich aufgegeben und mich selbständig gemacht und familiär ist auch viel passiert.“     Als Journalistin hatte sie einmal ein Start-Up-Unternehmen aus der IT- Branche porträtiert. Dieses warb sie 2000 quasi von der taz ab: Sie sollte für die Firma einen Kinder-Onlinedienst aufbauen. Die Firma ging 2001 pleite, danach verdiente Songül ihr Geld nur noch als Tanz- und Yoga-Lehrerin. „Außerdem wurde ich dann auch noch für einen Arte-Film engagiert ‚My Sweet Home‘ – ein Berliner Multikulti-Lowbudgetfilm, und habe an einem Werbespot für die ‚Zitty‘ mitgewirkt. Hat beides sehr viel Spaß gemacht!“    Songüls Eltern waren sehr zufrieden mit ihr gewesen, als sie bei der taz und dann auch bei der IT-Firma arbeitete, wo sie ein gutes Gehalt bekam und dann sogar eine Sekretärin hatte, umso enttäuschter waren sie, als sie das alles hinschmiß, um zu tanzen. Kürzlich besuchte ihr Vater sie jedoch in Berlin und auch im Tanzstudio – und war beeindruckt: „Du bist da ja eine richtige Lehrerin,“ meinte er und war stolz auf sie.

Er ist jetzt Rentner, früher arbeitete er im Audi-Werk und zuletzt als Taxifahrer. Auch Songüls Mutter bekommt jetzt eine Rente: 80 Euro im Monat. „Meine Eltern haben mir früher immer so leid getan – sie konnten sich nicht richtig ausdrücken, waren unsicher usw. Aber als Taxifahrer hat mein Vater dann besser Deutsch gelernt und kennt nun viele Leute in der Stadt, die ihn grüßen.“    Songül ist Alevitin, in bezug auf den Glauben hat sich bereits ihre Mutter kämpferisch gezeigt: „Sie hat immer offensiv ihr Alevitentum verteidigt, auch wenn die Nachbarn sie daraufhin abgelehnt haben. Viele Aleviten haben ja sogar gefastet, um sich nicht zu outen und auch beim Militär nicht getraut, sich als Aleviten zu erkennen zu geben.“  Einmal war Songül auf einer Pressekonferenz der Ausländerbeauftragten des Senats, die dort eine Broschüre über „islamisches Leben in Berlin“  vorstellte. Gleich der erste Satz darin, der von einer fundamentalistischen Religionsgemeinde da reingeschrieben worden war, erboste sie derart, dass sie die Ausländerbeauftragte in Erklärungsnot  brachte: der alevitische Glaube gehöre nicht zum Islam, hieß es dort. Für alle islamischen  Religionsanhänger und Ethnien aus der Türkei gilt jedoch, dass sie als „Schwarzköpfe“ hier in vielen Bereichen diskriminiert werden – seit der Wiedervereinigung sogar noch mehr als früher. Was aber speziell ihre Eltern betrifft, meint Songül: „Seit sie einen deutschen Pass haben, sind sie nicht mehr so beleidigt.“

7. Das Neuköllner Café „Ton Ton“ in der Boddinstraße 10 Ecke Isarstraße – gehört Ergün Sen aus Izmir. Der Vierzigjährige arbeitete von 1969 bis 1979 bei Daimler-Benz in Marienfelde. Er war politisch aktiv und kritisierte gelegentlich den Betriebsrat: „Die haben vor allem ihren Arbeitsplatz gesichert und es nicht ehrlich gemeint.“ Dann wurde er krank und mußte sich operieren lassen: „Gleich anschließend haben sie mich deswegen rausgeschmissen, aber der Hintergrund war politisch – der Betriebsrat wollte mich weghaben.“  Als Arbeitsloser und nur noch Gelegenheitsarbeiter hatte er „irgendwann das Gefühl, kaputtzugehen: Ich mußte etwas tun, und da habe ich mir überlegt, ein Café zu eröffnen, obwohl ich keinerlei Gastronomieerfahrung besaß.“ Ergün fuhr erst einmal nach Izmir und besorgte sich das dafür notwendige Geld von seiner Familie. Das Café in der Boddinstraße, das er dann am 1. Januar 1985 eröffnete, war zuvor eine traditionelle deutsch-proletarische Eckkneipe gewesen. Als erstes entfernte Ergün die Gardinen an den großen Fenstern, damit man rein- und rausschauen konnte: „Es ging und geht mir um das Miteinanderleben – offen und ehrlich.“

Dann stellte er einen Billardtisch auf und kaufte ganz viele Pflanzen. An die Decke hängte er einige Fahrräder: „Eine alternative Kneipe braucht alternative Symbole – ohne Worte!“  Der Name „Ton Ton“ bedeutet „viele Tonnen – das ist politisch gemeint, kurz gesagt: Mehrere tausend Kilo kann niemand bewegen. Es ist jetzt eine linke Kneipe – keine Drogen, keine Spielautomaten, keine Schlägereien, viele Frauen kommen alleine her und fühlen sich hier wohl. Obwohl ich also völlig ahnungslos angefangen habe, hatte ich Erfolg.“  Allerdings ging Ergün dabei die Ehe in die Brüche, sein Sohn wurde jedoch ihm zugesprochen. Wegen seiner Kneipe hat Ergün kein Privatleben mehr, er schläft sogar meistens dort. Und weil es gesamtwirtschaftlich und also auch in seiner kleinen Wirtschaft immer schlechter läuft, muß er alles alleine machen: „Ich habe im Moment große Sorgen und kaum noch Zeit für die Außenwelt. Obwohl ein sehr aktiver Mensch, habe ich mich trotz meiner politischen Ideologie immer mehr abgekapselt. Und dann muß ich mich auch selber noch zunehmend einschränken: Meine Klamotten kaufe ich nur noch beim Trödler, und essen tu ich nur Kleinigkeiten – Porree mir Reis, Porree mit dies und Porree mit das. Aber ich versuche, das hier weiterzumachen, damit diese Kneipe hier im Kiez was bedeutet.

Zwar unterstützen mich Freunde, aber bei einer persönlich aufgebauten Kneipe ist mit einer anderen Person hinter der Theke gleich eine ganz andere Atmosphäre, also darf ich nicht krank werden. Davor habe ich richtig Angst. Meine Rentenversicherung kann ich schon lange nicht mehr zahlen. Die Leute haben ja alle kein Geld mehr und auch keinen Mut. Wie lange kann das noch so weitergehen – bis es zum Knall kommt? 5.000 Mark muß ich für die Kneipe im Monat zahlen, ich habe schon versucht, mit meinem Vermieter zu reden. Und dann habe ich mir überlegt: Was kann ich noch wo einsparen? Ich habe die 75-Watt-Birnen bereits alle auf 15 Watt reduziert. Und die Getränke hole ich selber ab, um die Anlieferkosten zu sparen. Die Espresso-Maschine ist schon über ein Jahr kaputt, ein Ersatzteil fehlt, ich kann sie jedoch nicht reparieren lassen.“  Trotz 16stündiger Arbeit kommt Ergün Sen also zunehmend schlechter über die Runden. Wie kann man ihn unterstützen – außer gelegentlich dort vorbeizuschauen und eine Runde zu schmeißen? Lange Zeit kam ich jedoch nicht einmal dazu. Und als ich neulich doch mal vorbeischauen wollte, war aus dem „Ton Ton“ schon ein toskanafarbenes Restaurant geworden. Von einem früheren Gast erfuhr ich, dass Ergün Sen nach seiner Pleite wahrscheinlich zu seiner Freundin nach Hamburg gezogen  sei.

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kommentare

  • türkische Städte:

    „Hören Sie auf, von Berlin als Ost-West-Drehscheibe zu reden. Akzeptieren Sie vielmehr, dass Ihre Stadt eine Grenzstadt ist, ein Fluchtpunkt für arme Migranten aus dem Osten“. (John Czaplicka, Urbanist)

    „Die Stadt, wo so viele da sind, dass keiner mehr da ist…“ So empfand Kurt Tucholsky das alte Berlin. Mir geht es im neuen eher umgekehrt: An den Sonntagen wirken ganze Viertel wie ausgestorben und alle Läden sind zu – das macht mich depressiv, ebenso manche Abende in Kreuzberg, wenn die Straßen schon um 22 Uhr wie leergefegt wirken und in den Kneipen die Stühle hochgestellt werden. „Kreuzberger Nächte sind lang…“ das war einmal – vor der verfluchten Wende. Freilich, es gibt kein Problem in Berlin, das fünf Millionen Inder nicht lösen könnten – man läßt sie aber nicht! Selbst der lächerliche Vorstoß von Kanzler Schröder, hochspezialisierte IT-Inder mit einer Green Card ins hiesige Land zu locken, endete kläglich: 1999 gründete der in Berlin lebende Sandeep S. Jolly, dessen Firmen in der Berliner Börse domiziliert sind, dafür und „als eine Art von Heimwehbewältigung“ die Firma „IT-India“: „Der Bedarf der deutschen Unternehmen, Kontakte nach Indien zu bekommen, war sehr groß“, erklärte er mir dazu. Seine neue Firma „IT-India“ sollte als eine „Brücke“ fungieren: „Wir haben schon viele Investoren aus Indien nach Deutschland geholt. Deren letztes Engagement fand in Adlershof statt. Vorrangig ging es zunächst um Investitionen im IT-Bereich, also nicht um das Outsourcen nach Indien, sondern darum, dass der IT-Markt nach Indern verlangte. Und plötzlich war dabei aus meinem Manko hier, ein Inder mit Turban zu sein, ein Plus geworden, es war anerkannt, dass die Inder im IT-Bereich was zu sagen haben“. Aber die Wirtschaftsförderung war damals noch nicht offen für Indien und die IT-Spezialisten dort wollten auch gar nicht so gerne nach Deutschland. Der Bundeskanzler hatte ihnen verkündet: „Kommt her, hier verdient ihr viel Geld!“ Sandeep S. Jolly flog daraufhin mit einigen Geschäftsführern der IT-Abteilung von Bewag/Vattenfall nach Indien, um dort Gespräche zu führen: „Die haben auch IT-Leute engagiert, das hat Vattenfall geholfen, aber nicht den Indern“. Sie hatten erst einmal große Visaprobleme, ihre Frauen durften nicht mitkommen, auch die Kinder nicht. Dann wurde das Visa nur auf vier Wochen ausgestellt, sie sollten dafür 65.000 Euro Einkommen im Jahr nachweisen und einen Mietvertrag. Schließlich wurden alle nach Steuerklasse 1 behandelt, weil ihre Familien nicht hier waren, und sie mußten sozialversichert sein, obwohl sie hier gegebenenfalls gar kein Arbeitslosengeld bekommen hätten. Als dies führte dazu: „Nach dem ersten Gehalt haben die meisten wieder ihre Koffer gepackt. Die Amerikaner sind da flexibler. Außerdem spielen die familialen Bindungen bei den Indern eine weitaus größere Rolle als bei den Deutschen, was man hier nicht berücksichtigt hat.“ Sandeep S. Jolly setzte sich dann umgekehrt dafür ein, dass ein Teil der Arbeit von hier nach Indien verlagert wird. Dazu eröffnete er Büros in Neu-Delhi, Bombay und Chandigarh. „Im IT-Bereich kann man dort Leute auf Honorarbasis einstellen, es ist in Indien alles etwas einfacher als hier.“ Im Endeffekt werden absurderweise mehr Berliner nach Indien ausgewandert sein als umgekehrt. Es gab Jahre, da waren es so viele – die dann bei ihrer Rückkehr ins graue Berlin regelmäßig durchdrehten, dass das Kreuzberger Urban-Kankenhaus eine spezielle Therapiegruppe nur für diese „Indienfahrer“ einrichtete. Jetzt finden für sie in einigen Discos regelmäßig „Bollywood-Parties“ statt, wo die deutschen Mädels in indischen Kleidern erscheinen. Einmal traf ich dort auch einen echten Inder, ein angehender Ingenieur. Er arbeitete zuletzt bei Daimler-Chrysler, genauer gesagt bei „debis“ am Potsdamer Platz. Er sollte dort der Entwicklung eines individuellen Verkehrsleitsystems zuarbeiten. Nach einigen Monaten hörte er jedoch frustriert wieder auf, weil er sich dort zu sehr ausgebeutet fühlte: Seine Freundin sollte er sich abschminken und stattdessen ein Handy zulegen, um immer erreichbar zu sein. Er hatte aber noch für einen Monat Gehalt von debis zu bekommen: „Schreiben Sie eine Rechnung!“, sagte ihm sein Debis-Chef, der Direktor für Mobility Services, Rummel. Das tat er: 1.400 Mark für 80 Stunden. Dann erschien ein Artikel in einer Berliner Zeitung, die ihn zitierte. Wenig später kam das Geld – jedoch nur 700 Mark. Der junge Inder rief Rummel an. Der schrie ihn an und wies auf den Artikel hin: „Mehr Geld kriegen Sie nicht!“ „Was habe ich damit zu tun?“, fragte er, „Sie können doch nicht einfach meine Rechnung ändern.“ Wieso nicht?! „Ich bestimme hier die Spielregeln“, erwiderte Rummel. Bei Daimler überlegt man sich inzwischen, nach Chrysler auch noch diese Scheißfirma debis abzustoßen. Die Gewerkschaften und die Deutsche Bahn AG zogen bereits vom Potsdamer Platz weg und nun eventuell auch noch debis: Bald ist auch dort keiner mehr da, würde Tucholsky klagen, mir wäre es jedoch recht: der Potsdamer Platz hat in Berlin nichts zu suchen, diese Drehscheibe gehört hier nicht hin! Aber, oh Wunder, für die sich leerenden Läden dort finden sich plötzlich Interessenten, die indische Restaurants eröffnen wollen. Überall machen „Inder“ auf – die Oranienburger- und die Oranienstraße sind schon fast in indischer Hand, auch im Osten kann man inzwischen hinkommen, wo man will: überall gibt es einen Fast-Food-Inder. Das Essen ist zwar durchweg Scheiße, aber die Läden brummen. Statt IT- kamen also FF-Inder. Auch gut!

  • türkische Straßen:

    1987 veröffentlichte Marie-Luise Scherer im Spiegel eine große Reportage über Kreuzberg und speziell die Waldemarstraße, wobei sie die Umstände des Todes einer Punkerin namens Ingrid Rogge erforschte, die 1979 – mit 17 – ihr kleinbürgerliches Elternhaus in Saulgau verlassen hatte und nach Kreuzberg gezogen war. 1985 fand man ihre mumifizierte Leiche auf dem Dachboden der Waldemarstraße 33. Dort im 3.Stock des 3.Hofes gab es damals eine Kommune, in dem „Lederleute“ wohnten – „Die Walde“ genannt, wo Ingrid Rogge sich zweitweise aufgehalten hatte. 2000 erschien ein SFB-Dokumentarfilm über sie, gedreht von Erwin Michelberger, der ebenfalls aus Saulgau stammte: „Hat es was genützt, dass wir erwachsen geworden sind?“ So lautete dabei seine Ein- und Ausgangsfrage – mit der er die „Walde 33“ umkreiste, wo sich 1979 neben der Kommune das „Frontkino“ befand und hintendran ein Kinderbauernhof. Der Regisseur fand Archivmaterial über diverse Polizeieinsätze und auch noch zwei Frauen aus der Kommune sowie einen jungen Mann, der 1979 zwölf Jahre alt war und in der Fabriketage aufwuchs. Außerdem interviewte er den Betreiber des Frontkinos, der ihm ein teures Nan-Goldin-Originalfoto von sich schenkte, was den Regisseur sehr verblüffte. Als er in der Waldemarstraße drehte hatte sich diese längst verändert – war schick geworden: mit Medien-Start-Ups und Biofirmen in den Fabriketagen. Marie-Luise Scherer hatte 1987 noch geschrieben – z.B. über die graue Neuapostolische Kirche vis à vis der Walde 33: „Mittwochs und sonntags vor den Gottesdiensten stehen in schwarzen Anzügen die naßrasierten und engelbleichen Apostel vor dem Eingang, begrüßen die Gläubigen mit Handschlag, um hinter dem letzten die Tür abzuschließen. Denn draußen ist die Wildnis Waldemarstraße, wo der Leibhaftige seine Täter rekrutiert, sie Steine werfen läßt und ihnen auf dem weißen Kirchenputz die Hand führte bei der gesprühten Botschaft „Bullen prügeln – Jesus schweigt“. Heute ist das Gebäude der Christensekte ein alevitisches Kulturzentrum: Es ist immer offen, es wird getanzt und Tee getrunken. „Ins Auge fällt die Nummer 41 mit einem über die ganze Front gemalten Dreieck, auf dem ein Typ in einer Pose von Weltverachtung an den Trümmern seines Motorrades lehnt,“ schreibt M-L Scherer. „Neben ihm das Motto: ,Our dream is your desaster.‘ Hier wohnt der Phönix-Klan, eine Rockergruppe.“ Das Haus mit dem Wandbild gibt es noch, auch noch den Spruch: „Das Wort hat die Genossin P 38“ darunter. Aber die Rocker sind weiter gezogen oder (klein)bürgerlich geworden. Die übrigen Anwohner beschrieb die Spiegelreporterin damals so: „Die Waldemarstraße hat sich zur Unterscheidung ihrer Bewohner drei Kategorien geschaffen: Normale, Nichtnormale und Türken. Die Normalen sind wenige ausharrende alte Frauen, die sich während der Sanierung nicht umquartieren ließen; die sämtlich einheimischen Mieter der Nummer 23, einem Neubau von 1958; einzelne männliche Alkoholiker und eine straßenbekannte Familie mit sieben Kindern. Die Nichtnormalen sind ehemalige Besetzer, die, rechtlich abgesichert, ihre Eroberungen weiter bewohnen. Sie bilden das breite Spektrum der Freaks, was im Wortlaut der Scene jeden bezeichnet, der sich „aus dem System ausgeklinkt“ hat. Unterhalb dieser Grundbedingung dividieren sich die Freaks dann nach zugespitzten Vorlieben oder biographischem Stigma in Körner-Freaks, Öko-Freaks, Leder-Freaks, Knast-Freaks, Heim-Freaks, Alt-Freaks usw.“ Viel zitiert wurde insbesondere M.L. Scherers Satz: „Dem unfehlbaren Nichtnormalen ist jeder faschistisch, der Anzeichen von Versöhnung mit dem „Schweinesystem“ zeigt. Als Anzeichen der Versöhnung reicht schon ein rasiertes Gesicht unter einer verbindlichen Frisur, ein Wintermantel, dessen Normalität nicht durch einen Tuareg-Turban, einen am Hinterkopf hängenden Fuchsschwanz oder von Filzknoten gebündelte Rasta-Strähnen gelöscht wird. Eine Frau darf scharf aussehen, den Pelz einer geschützten Tierart tragen und Gold auf den Lidern, wenn ihr darüber nicht das irisierende Moment von Sperrmüll abhanden kommt.“ Aber diese „Nichtnormalen“ waren zumindestens in der Waldemarstraße eine kleine Minderheit: Zu fünfundsiebzig Prozent wurde sie damals von Türken bewohnt: „Es sind etwa hundert Großfamilien, die, meistens miteinander verwandt, aus dem ostanatolischen Dorf Kelkit stammen. Die nächste Großstadt ist Erzurum. Viele haben innerhalb Kreuzbergs drei oder vier sanierungsbedingte Umquartierungen hinter sich, bis sie ans unterste Ende der Preisklasse, in die Waldemarstraße, zogen. Was die Straße so billig machte, war ihr geplanter Abriß für eine Autobahn durch ein ungeteiltes Berlin…Die aufgegebenen Häuser durften die Türken zu Ende wohnen. Auf diese Weise gehören sie zu den frühesten Ansässigen einer Straße, deren Existenz nur noch schraffiert in der Stadtplanung vorkam.“ Die Autobahnpläne wurden dann jedoch fallen gelassen – und es griff eine ebenso liebevolle wie ökologische „Objektsanierung“ der Altbauten, was u.a. dazu führte, dass die „zitty“ damals titelte: „Türken raus aus Kreuzberg – warum nicht?“ Und die Bezirksverwaltung „Zuzugsbeschränkungen“ erfand, um weitere Türken in Kreuzberg abzuwehren. M.L. Scherer zitierte eine deutsche Anwohnerin: „‚Wenn wir in Tirol im Urlaub sind‘, sagt Frau Wegener, ,und Kreuzberg erwähnen, wird nur aufgeschrien: ,Dann kommt ihr ja aus Ankara!‘ Die Waldemarstraße erwache erst nachts zum Leben. Zwischen drei und vier Uhr morgens gegenüber nur helle Fenster. ,Ick weeß nich‘, sagt Frau Wegener, ,die leben, gehn nich zur Arbeit und fahrn große Autos.‘ Sie tippe auf Heroin, will aber nichts gesagt haben.“ Auch heute stehen noch viele junge Türken bei den Deutschen unter Dealerverdacht. Ob die in der Waldemarstraße wohnenden noch immer mehrheitlich aus dem Dorf Kelkit stammen, ist nicht ganz klar, immerhin hat man ihnen in der Waldemar Ecke Adalbertstraße inzwischen einen Dorfplatz geschaffen, wo tagsüber die jungen Mütter mit ihren Kindern sitzen. Und schräg gegenüber hat ein Männerlokal mit dem Namen „Köylüm“ eröffnet, was man mit „Dorfkrug“ übersetzen könnte. Seitdem immer mehr Türken arbeitslos geworden sind, weil die Betriebe, in denen sie arbeiteten, dicht machten bzw. nur noch Ostdeutsche einstellen, gibt es in der Waldemarstraße auch noch einige weitere türkische Existenzgründungen – wie Internet-Cefé, Kiosk etc.. Es ist fast eine rein türkische Straße geworden. M.L.Scherer schrieb noch: “ Trotz ihrer Mehrheit geben die Türken hier nicht den Ton an. Sie sind das aus problemlosen Mietern bestehende Rückgrat der Straße. Sogar ihre oft übervölkerten Wohnungen, in denen außer den drei ursprünglich gemeldeten Personen über Nacht vierzehn gemeldete Personen im Kaffeeschlamm der kleinen Tassen rühren, sind den Wohnungsgesellschaften keine Aufregung wert. Ihnen ist dieses türkische Schlaumeiertum lieber als der Barrikadenton der Nichtnormalen, deren Weltverbesserung ständig „Plenum angesagt“ sein läßt; die für die Nutzung einer Etage als Kräuteretage, für ein Gründach oder die mit „Grauwasser“ zu betreibende Toilettenspülung die härtesten Bandagen der Mitbestimmung anlegen und es darüber auch Nacht werden lassen für den Baustadtrat, den Protokollanten, die ehrenamtlichen Mietervertreter, die nicht ehrenamtlichen, die Blockarchitekten der „Behutsamen Stadterneuerung“ und die Sozialplaner. Die Türken haben solche Anliegen nicht. Sie ziehen sich vor den Türen ihrer penibel sauberen Wohnung die Schuhe aus, richten ihren levantinischen Wirklichkeitssinn aufs Sparbuch und versprechen ihre halbwüchsige Tochter einem Anwärter aus Kelkit. Die hellen Gesichter der türkischen Männer mit den gestanzten Schnurrbärten unter ihrem akkuraten Haarschnitt geben der Waldemarstraße eine Wirkung von Intaktheit. Die Ausstattung ihrer Neugeborenen ist königlich. Windelhose, Strampelhose, Hemdchen, Jäckchen, Schnuller und Schnullerdöschen sind Orgien der Abgestimmtheit, was die Leute von der Säuglingsfürsorge mit der sprachlosen Wendung „da schnallste ab“ kommentieren. Das Verhältnis der Türken zu den Deutschen ist sortiert: Wenig Kontakt bringt wenig Reibung, dafür Vorbehalte.“

  • türkische Kneipen:

    „Alles Tamam am Taksim!“

    In der Skalitzerstraße nahe dem Görlitzer Bahnhof eröffnete 2004 das Gartenlokal „Feuerwasser“. Um von dort einen Zugang zur Wiener Straße zu haben, musste die Feuerwache nebenan ihre Zustimmung geben – was sie auch versprach.

    Initiiert hat es Cahit Aslan, ein Garten-, Landschafts- und Raumgestalter, der oft und gerne mit den vier Elementen arbeitet. Am Lokal ist es ein großer Brunnen im Garten, aus dem unentwegt Feuer und Wasser sprudeln. Nachdem er damit fertig war, übernahmen drei junge Leute, Kerem Atasever, Kaan Müjdeci und Sascha Wilczek, das Objekt, wo sie zuvor schon das Sinema Cekirdek (Sonnenblumenkernekino) betrieben, in dem freitags und samstags alte türkische Spielfilme gezeigt wurden, dazu gab es Zuckerwatte, Halva, Eis und frisch geröstete Kichererbsen sowie Sonnenblumenkerne. Ansonsten sind die drei beim Multikulti-Karneval aktiv und Herausgeber eines kostenlosen Veranstaltungs-„Magazins der Kulturen“ namens Tellal („Ausrufer“ auf Arabisch). Das Gartenlokal war zuvor ein türkischer Zockertreff, der sich jedoch nicht rentierte. Überhaupt mussten die meisten türkischen Männerlokale mangels Umsatz inzwischen steuerbegünstigten Kultur- und Sportvereinslokalen weichen. Das „Feuerwasser“ muss noch den Vorbesitzer auslösen, ein Problem, an dem Cahit angeblich scheiterte. Im Gartenlokal, wo die drei neuen Betreiber inzwischen den Feuerwasser-Brunnen von Cahit Aslan abrissen, soll es nach einer Renovierungspause neben dem Kino noch Lesungen sowie Musik- und Tanzveranstaltungen geben – eine indische Tänzerin und eine Bauchtänzerin wurden quasi schon unter Vertrag genommen. Andersherum hat das Künstlerhaus Bethanien Interesse an einer Kooperation mit dem „Feuerwasser“ gezeigt, das dann in „Vor Wien“ umbenannt wurde. Im Künstlerhaus, das heißt in der aus Geldmangel geschlossenen türkischen Bibliothek, wurde erst einmal eine Ausstellung mit türkischen und deutschen Künstlern eröffnet: „Berlin-Istanbul vice versa“.Und diese Schau war wiederum Vorspiel für ein ähnliches, größeres Istanbul-Berlin-Kunstereignis im darauffolgenden Jahr, daneben wurde ein „Netzwerk Istanbul-Berlin“ installiert.

    Und seitdem verging kein Monat, da nicht irgendwo in Kreuzberg oder Neukölln irgendein türkisch-deutsches Kulturprojekt stattfand. Flankierend dazu zog es immer mehr deutsche Kulturschaffende an den Bosporus, um dort weitere „Projekte“ anzuleiern. Gegen Istanbul verblasste bald New York – dem Mußmekka aller Kannkünstler im Kreuzberg- Kiez.

    Der „Networker“ Kaan Müjdeci knüpfte erst einmal Kontakte zum Hebbeltheater, wo ihn eine Dramaturgin schon bald als „den größten türkischen Filmer hier in der Stadt“ präsentierte. Danach eröffnete er in einem ehemaligen türkischen Metzgerladen in der Oranienstraße 34 eine sofort von jungen Projektemachern aus Husum, Hamburg und dem Rheinland gut und gerne angenommene Großkneipe – ohne Namen und teilweise ohne Putz an den Wänden, die er mit scheußlichen Sperrmülllmöbeln und romantischen Einschußlöchern an den Wänden ausrüstete.

    Nebenan in der Oranienstraße 33 wohnte einst eine Drogistin namens Hertha Kerp, deren Mann im Krieg gefallen war. Vom 22.Juli 1944 bis zum 26.April 1945 fand dort der wegen des Stauffenberg-Attentats auf Hitler gesuchte Mitverschwörer Kurt von Hammerstein, der später Intendant beim RIAS wurde, Unterschlupf. Er vertiefte sich in dieser Zeit laut Hans Magnus Enzensberger „in Physikbücher, die ihm seine Verwandten besorgten. Als er jedoch nach Haarwasser verlangte, das Gelieferte aber zurücksandte, weil es nicht das richtige sei, riß seiner Schwester Helga die Geduld: ,Wir würden bald aufgeschmissen sein, wenn wir so weitermachten,‘ ließ sie ihm ausrichten.“

    Helga von Hammerstein war mit Leo Roth, der dem illegalen Apparat der KPD und der Komintern angehörte, liiert gewesen. Er wurde später in Moskau hingerichtet, sie, die für den Abwehrdienst der Roten Armee arbeitete, kam jedoch ungeschoren davon – und sagte sich später vom Kommunismus los. Wieder zurück in Berlin bat sie einen Bekannten, den untergetauchten Klavierstimmer und Zeichner im botanischen Garten, Oskar Huth, der Lebensmittelkarten für versteckte Juden fälschte, einen Ausweis für ihren Bruder Kurt von Hammerstein herzustellen. Das tat Oskar Huth, darüberhinaus unterstützte er Kurt von Hammerstein regelmäßig mit Butter, die er mit seinen gefälschten Lebensmittelkarten erwarb. Mit seinem neuen Ausweis traute sich Hammerstein, der nun Hegemann hieß, gelegentlich zusammen mit Oskar Huth auf der Oranienstraße spazieren zu gehen. Beide waren mit Revolvern bewaffnet.

    Der Projektemacher Kaan Müjdeci gehört zu den türkischen Künstlern, die es nach der Wende in die Stadt zog, er ist nicht der Sohn eines „Gastarbeiters“ sondern stammt eher aus einer Istanbuler Mittelschichtfamilie. Sein Lokal in der Oranienstraße sieht von innen nach außen gesehen so aus, als sei es nach einem Bombenangriff soeben neu eingeglast, aber ansonsten halbzertrümmert so gelassen worden. Das Provisorische entspricht dem Geschmack der Projektemacher, die überall auf der Welt gleich aussehen – und sich ja auch mit ihren Labtops sofort nach überallhin vernetzen. Das machen sie gerne.

  • Große Bewunderung. Scheinbar ist das alles nur so heruntergeschrieben. Aber der Autor ist sehr sorgfältig,vermeidet Übertreibungen, bleibt streng bei der reinen Schilderung. Das Ergebnis ist, daß man über das reale Leben und ein paar Schicksale aus Berliner Stadtbezirken mehr erfährt als auf den meisten anderen Wegen.

  • Mir wurde gesagt, daß Ergün mit dem Bagger in seine eigene Baugrube gefallen ist und dabei starb. Das Pink Floyd Konzert vor dem Nrandenburger Tor habe ich im Ton Ton gehört.

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