vonHelmut Höge 24.10.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Nach der Eröffnung der Verkaufsausstellung „Le Grand Magasin“ in der Neuköllner Kommunalgalerie geht es nun um das sogenannte Rahmenprogramm, d.h. um einige Diskussionsveranstaltungen und Filme zum Thema. Das 1. Thema lautet: „Ware als Kunst“ – und richtet sich nicht mehr an die europäischen Produktivgenossenschaften (um ihre Produkte im Genossenschaftskontext und nicht neben der Marktkonkurrenz auszustellen), sondern in die andere Richtung – an die Kunstvermittler: Kann man Waren mit kollektiver Signatur ausstellen? Heute, da immer mehr Künstler ihre Produkte von bis zu 120 eigenen Mitarbeitern oder von einer bzw. mehreren Fremdfirmen herstellen lassen – und sie bloß noch als Autor signieren…

Das 2. Thema dreht sich dann wieder um Genossenschaften bzw. um Alternativbetriebe und kollektive Existenzgründungen: Wie geht das, speziell in Berlin, wo man so etwas neuerdings staatlich fördert? Und was spricht dafür bzw. dagegen?

Als 3. sollen zwei Filme über die größte Produktivgenossenschaft der Welt – Mondragon – gezeigt werden: einen deutschen unkritischen und einen französischen kritischen. Vorweg oder hinterher wird es eine Diskussion über diese Genossenschaft geben, die derzeit 102.000 Leute beschäftigt. In der Galerie werden einige Elektrogeräte der Mondragon-Genossenschaft „Fagor“ verkauft, u.a. Elektroherde, die preislich z.B. nicht uninteressant für Wohnungsbaugenossenschaften wären.

Zurück zum Punkt 2: Kollektive Existenzgründungen. Hierzu einige Hintergrund-Texte, die sich zumeist noch auf individuelle Existenzgründungen beziehen – sie versuchen die Anfänge zu verfolgen von ABM ab 1989 und deren  spätere Überführung in MAE – nach Umbenennung des Arbeitsamtes in Arbeitsagentur, der  Verabschiedung von „Hartz IV“ und der Gründung der „Job-Center“ (zusammen mit den Komnunen), die ihre  „Klienten“ zur Selbständigkeit ermuntern sollten.  Dazu gründeten sich außerdem jede Menge  „Beratungs-Firmen“…

1. Ethnomarketing

Ein fürchterliches Wort: Ethno-Marketing – markiert es doch den Rückschritt vom internationalistischen Klassenkampf wieder zum globalen Rassen-Ethnien-Nationen-und-Religionen-Krampf. Trotzdem waren die ersten Werbeplakate auf türkisch, die es erst seit ein paar Jahren gelegentlich gibt, eine gute Idee – wenn man das beim derzeitigen Werbe-Overkill überhaupt noch sagen darf, weil es die Idiotenparole „Lernt doch erst mal richtig Deutsch!“ einfach ignoriert und dabei deutlich macht, dass das Kapitel weitaus internationalistischer ist als die Kapitalisten selbst.

In diesem Fall ist damit jedoch eine Kampagne der Berliner Volksbank im Rahmen der diesjährigen Existenzgründer-Messe gemeint, wobei sich deren Ethno-Marketing speziell an unsere russischen und türkischen Mitbürger richtet. Zwar müssen diese als potentielle Gewerbetreibende Deutsch können, aber in der Volksbank und auch auf deren Messestand werden sie erst einmal von türkisch- bzw. russischsprachigen Mitarbeitern bedient. Das starke Banker-Interesse an neuen Märkten – in diesem Fall an den sich eher und öfter als die Deutschen selbständig machen wollenden „Türken“ und „Russen“ – war nicht immer so. Als die ersten italienischen Gastarbeiter nach dem Pinochet-Putsch, das Chile zu einem Billiglohnland machte, anfingen, hier Eiscafés und Pizzerien zu eröffnen, stießen sie noch auf großes Unverständnis. Der Neuköllner Pizzapionier Salvatore da Fiore erinnert sich: „Es gab damals nur ein paar italienische Restaurants in der Stadt. Die Banken gaben keine Kredite an Gastarbeiter. Da sind dann italienische Firmen eingesprungen. Und schließlich haben sich auch die deutschen Banken geändert. Denn der Markt ist schier explodiert. In den Restaurantküchen wurden bald die ersten Araber und Albaner schwarz beschäftigt. Die haben da gelernt – und sich dann mit eigenen Pizzerien selbstständig gemacht“. Bei der Berliner Volksbank merkt man dazu an, dass die Kreditvergabe an Italiener erst seit der EU problemlos sei. Vor zwei Jahren konnte Wladimir Kaminer kein Konto bei einer Großbank eröffnen, weil er nur ein deutsches Übergangsdokument, basierend auf seinem sowjetischen Pass, der ihm von einer russischen Behörde ausgestellt worden war, besaß. Er wich dann zu einer friesischen Sparkasse aus. Hierzu erklärte mir Herr Mamedov von der Volksbank: „Wir verlangen nur eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis!“ Die besaß Wladimir aber schon lange. Bei einer anderen Großbank mußte die taz-Journalistin Lilli Brand neulich für einen 500-Euro-Dispokredit sogar eine Lebensversicherung abschließen, was sämtliche Branchenkenner für überzogen hielten – wenn nicht sogar für über den Tisch gezogen, vor allem, da dies im Rahmen eines Gesprächs über ihr neues Buch auf Abteilungsleiterebene geschah. Auch hierzu passt eine Bemerkung von Herrn Mamedov: „Die Schufa muß natürlich sauber sein!“ Vor der Schufa sind alle gleich! Das kann ich bestätigen. Wie ebenso, dass das neue Insolvenzrecht sehr schuldnerfreundlich ist: Um nämlich den vielen pleite gegangenen Existenzgründern im Osten eine zweite Chance zu geben. Auch das ist eine Art von Ethno-Marketing. Ein großer Elektronikhändler verweigerte dagegen erst neulich einem Kunden die Ratenzahlung auf eine „Premiere-D-Box“, weil der einen türkischen Paß besaß. Als reines Ethno-Planing muß man inzwischen die vielen Neonazi-Attacken auf vietnamesische und türkische Imbißkioske im Osten begreifen. Aber die Armen denken immer nationalistisch, las ich gerade in einer Studie über Kurdistan. Gut, dass die reichen Banken da mit Ethno-Marketing gegensteuern, sie wollen damit jedoch vor allem noch reicher zu werden. Insofern besteht die Gefahr, dass das Ganze nach hinten losgeht.

2. Von der Hartz- zur Altai-Kommission

Seit dem Zerfall der Sowjetunion durchstreifen nicht nur Abrüstungsteams und Unternehmensberater sowie auch jede Menge Heiratslustige die Reste des Imperiums, gedanklich widmen sich auch immer mehr der daheimgebliebenen jungen Leute der russischen Idee. Im Osten, um die Kenntnis von Land und Leuten in klingende Münze umzusetzen und im Westen, um mit dem Erwerb von Sprachkenntnissen neue Perspektiven sich zu eröffnen. Und sei es bloß als „Thema“ für eine wissenschaftliche Hausarbeit. Die Berliner Zeitung „Russkij Berlin“ hat jetzt sogar auf Deutsch eine Webpage mit Nachrichten aus Rußland eingerichtet. Umgekehrt finanziert die Bundesregierung in Omsk eine deutsche Zeitung für späte Nichtaussiedler, wo bereits deutsche Journalisten ausgebildet werden, und fast jede deutsche Stiftung hat inzwischen Büros auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion eingerichtet. Gleichzeitig werden hier immer mehr Russischlehrer gesucht und die deutschen Rußlandkorrespondenten angehalten, fast schon systematisch das riesige Land zu durchstreifen. In Sibirien gibt es bereits feste deutsche Stützpunkte zur Resozialisierung von Neonazis und an strategischen Punkten Rastplätze für Rußlandunternehmer. In Brest-Litowsk einen, der – wie eh und je – vom Technischen Hilfswerk betrieben wird. Sie helfen Leuten wie z.B. einem alten Eichsfelder Fuhrunternehmer, der einfach mit seinem Mercedes gen Weißrußland fuhr, um dort nach einem Logistik-Joint-Venture zu fahnden. An der Grenze ließ er sein neues Auto auf dem THW-Hof und nahm ein altes Taxi. Dieses brachte ihn zu einer jungen Deutschlehrerin, mit deren Hilfe er dann auch die richtige Firma fand. Seitdem düst er ewig hin und her – im Grunde ist das Geschäft nur eine ruinöse späte Liebe. Vielleicht sogar eine heimliche Reparationsleistung. Aber solche Verbindungen vermehren sich seit 1990 sukzessive. Der Zeitpunkt scheint nicht mehr fern, da es auch die ersten Arbeitslosen gen Osten ziehen wird – und zwar organisiert. Individuell ist dies schon lange der Fall: Auf der letzten Berlinale lief bereits der Film eines Pariser Arbeitslosen, dem das Arbeitsamt eine Reise von Jakutsk nach Magadan als „Filmprojekt“ finanziert hatte. Und auch hier wird immer öfter klammen Künstlern und Kuratoren eine Sibirien-Tournee vorgeschlagen, umgekehrt spielte gerade im Haus der Kulturen der Welt eine wunderbare Schamanengruppe aus Kamtschatka auf, die sich ebenfalls mit solchen Auslandseinsätzen eine neue Existenzgrundlage schafft. Überhaupt kann man sagen, dass sich Sibirien langsam aber sicher gen Westen entvölkert. Aus China rücken gleichzeitig chinesische Existenzgründer en masse nach.

Russische Bevölkerungspolitiker und mit ihnen das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel sehen bereits die europäische Verteidigungslinie an Amur und Ussuri wanken. Auch deswegen wird es nach der Hartz-Kommission in bälde eine Altai-Kommission geben. Paritätisch besetzt, damit es nicht wieder zu solchen Idiotismen wie im ersten Anlauf kommt, wo zumeist von völkischer Ideologie beseelte Rechte, aus Innenministerium und NPD, abstruse Wirtschaftspläne im Osten verfochten (in Lettland, Kasachstan und Kaliningrad z.B.). Die Rußlanddeutschen, ihre Klientel, zog es derweil jedoch nach Westdeutschland. Eine deutsche Altai-Kommission müßte eher auf altdeutsche, dabei jedoch mehr auf die im Westen denn Osten Arbeitslosen setzen. Und dabei wiederum die „Rußlandbegeisterten“ unter ihnen rausfischen. Übrigens gibt es auch immer mehr Russen selbst, die – inzwischen in Deutschland lebend – wieder zurück wollen – mindestens temporär. Das heißt, schon das Ansiedlungsverfahren selbst müßte einer gewissen Grundmobilität der Beteiligten Rechnung tragen, d.h. von einer „Pendel-“ bzw. „Transitmigration“ ausgehen. So lebt in Ulan-Bataar z.B. eine arbeitslose Ingenieurin aus Lyon, die sich einmal im Monat in Peking ihre ALU abholt. Und ein in Berlin verheirateter russischer Wissenschaftler jobt in Moskau. Daneben schicken viele russische Emigranten hier ihre Kinder zurück in die Heimat, weil sie dort schneller Abitur machen, eher zur oberen als – wie hier – zur unteren Mittelschicht gehören, und zudem mit ihrem hier noch mitbekommenen Deutschwissen wuchern können. Im Endeffekt läuft das alles auf ein ständig anschwellendes Kommen und Gehen hinaus – „und das ist auch gut so,“ wie der Berliner Regiermeister Wowereit sagen würde, der eine solche Altai-Kommission, die sich in diese Ameisenpfade (mit Kurswagen nach Saratow und Tomsk) planerisch-konstruktiv einzumischen hätte, bereits vorgedacht hat. Ihr Grundgedanke ist schon seit langem eingeschliffen, d.h. seit klar ist, das es für Deutschland im Westen an Kolonien nichts mehr zu holen gibt, und dann noch einmal, seitdem es galt, mithilfe der Sowjetunion der Wirtschaftsblockade im Westen zu entschlüpfen (Rapallo). Seit dieser Zeit gibt es auch das Phänomen der „Rußlandfahrer“ (wieder) jedoch nicht mehr als landlose Bauern, sondern arbeitslose Proletarier, abenteuernde Rebellen und politisch Verfolgte. Dies wird dann auch die neue Klientel sein, wobei sie dort jedoch nicht mehr auf sozialistische Baustellen, sondern auf stellenlose Spezialisten stoßen wird: alle paarhundert Kilometer, und sich ihnen die große Frage „Was Tun?“ quasi noch einmal im Kleinen stellt. Aus den USA kommt derweil – noch etwas verquetscht – die Idee eines Erdölspezialisten, alle schwerkriminellen Schwarzen in Sibirien zu konzentrieren.

3. Großmeister als Türsteher

Auf der Suche nach Geldbeschaffungsmaßnahmen – nicht für uns, sondern für die Kunst – stießen wir am 1. Mai in der Oranienstraße auf ein großes Standbild am Straßenrand, das einen steinewerfenden Autonomen zeigte. Sein Kopf war ausgeschnitten, jeder konnte seinen Kopf reinstecken und sich von Freunden mit Handy fotografieren lassen. Für diesen Spaß verlangte der Besitzer, der das Bild vermutlich selbst gemalt hatte, einen Euro.

Das war war eindeutig eine schnelle informelle Einahmequelle. Etliche Passanten und Demonstranten gingen auf diesen Deal ein. Antonia Herrscher fotografierte einige. Sie arbeitet im „Netzwerk Istanbul-Berlin“ mit und schwärmt von der „informellen Architektur“ dort, die zumeist auf „nächtens besetztem Land“ (Gecekondus) entsteht und bereits ein Drittel der Stadtfläche ausmacht. Etwas Ähnliches gebe es hier nur bei den Wohnwagenleuten und bei den zwei Türken hinterm Mariannenplatz, die sich eine eigentlich zur DDR gehörende Verkehrsinsel aneigneten, sie umgruben und darauf Brett für Brett zwei Datschen errichteten, sagt sie. Drum herum pflanzten die beiden Türken Gemüse an, das sie verkauften. Ansonsten gebe Berlin jedoch in puncto informelle Architektur nicht viel her.

Überhaupt tun sich die Berliner schwer mit Existenzgründungen auf experimenteller Basis. Vor Beginn einer Ich-AG schickt das Arbeitsamt sie erst mal in einen Kursus der Industrie- und Handelskammer. Dort bekommen sie gesagt, wie man als Einzelkämpfer/Unternehmer sich mit Banken, Versicherungen, Finanzamt, Lieferanten etc. zu arrangieren hat – und dass diese alle notwendig sind. Am Ende hat man jedoch eine Existenzgründung mit hohen Schulden, wenn man sich überhaupt noch traut.

Vom Arbeitsamt über die IHK bis zu den Beratungsfirmen ist keiner dabei, der den Arbeitslosen rät, sich gemeinsam selbständig zu machen, also alles Geld zusammenzuschmeißen, um ein kollektives Projekt auf unverschuldetem Niveau anzufangen. Die Jüngeren kommen allerdings selbst darauf: Dauernd eröffnen sie Clubs, wo statt der Preis- eine Spendenliste an der Wand hängt und der Kaffee aus einer Maschine kommt, die 9,90 Euro kostet. Dafür läuft kostenlos ein Film und im Keller spielt eine Punkband.

Wegen des „informellen Charakters“ dieser Kollektivprojekte darf man ihre Existenz nicht publik machen. Alles läuft über Flüsterpropaganda. Dennoch brummen diese Läden. Die Mehrzahl der deutschen Existenzgründer in spe („Eine Existenz gründen muss so natürlich wie das Atmen, wie Geborenwerden oder Sterben sein“, J. P. Sartre) schreckt jedoch selbst vor den abgesichertsten Businessplänen zurück. So dass die Berliner Volksbank es schon fast aufgegeben hat, mit ihnen ins Geschäft zu kommen. Stattdessen stellte sie russische und türkische Sachbearbeiter ein, die nun ihre „Scenen“ beackern: „Die Türken und Russen sind eher bereit, sich selbständig zu machen.“ Das bestätigte bereits die taz-Autorin Ekaterina Beliaeva, die sich als arbeitslose Elektroanlagenbau-Ingenieurin eine Ich-AG ausdachte, die aus zwei Fremdenführer-Touren bestand: einmal aus dem Besuch kleiner Produktionsbetriebe in Mitte und zum anderen aus dem „russischen Berlin bei Nacht“. Beide Touren funktionierten, es kamen aber immer nur etwa so viele Teilnehmer, wie die vielen Heilpraktikerinnen hier Patienten haben: zu wenig, um davon leben zu können, weswegen viele noch nebenbei jobben müssen.

Das tat auch E. B., die dabei jedoch oft derart übel ausländerfeindlich angemacht wurde, dass sie schließlich nach Moskau zurückging. Ihre Scene vermisst seitdem die regelmäßig von ihr im Monbijou-Park organisierten Schachtourniere, auf denen sie eine „informelle Hühnersuppe“ anbot. Dort spielten stets auch einige „Profis“ mit. Diesen stellt sich das Existenzproblem ähnlich wie E. B., denn vom Schachspiel allein können nicht mal die – meist im Kreuzberger Schachclub organisierten – Großmeister wie die Armenier Lewon Aronjan und Gabriel Sagisjan und der Russe Sergej Kalinitschew leben. Sie brauchen daneben noch „informelle Einkünfte“. Einer arbeitet als „Türsteher“, ein anderer als „Werbeprospektverteiler“.

Er träumt von einer genial-antikapitalistischen afrikanischen Subvariante: Zur Vorbereitung des Maji-Maji-Aufstands gegen die deutschen Kolonialherren in Ostafrika verteilte der „Prophet“ Kinjikitile eine vor Kugeln schützende Medizin, zugleich begannen seine „Boten“ mit einer „Flüsterpropaganda“, für die die Empfänger zahlen mussten. Das Geld holten diese sich von weiteren willigen Empfängern der Botschaft wieder. Das System funktionierte also nach Art eines „Pilotenspiels“. Es war so erfolgreich, dass Tansania heute weitgehend deutschfrei ist und Kinjikitile ein Volksheld.

4. Brüderliches Risiko-Sharing

Das „Advena“ (Der fremde Gast) war eine normale linke Kneipe in der Wiener Straße, bis der Besitzer Hürsel Simsek wieder eine Stelle als Erzieher annahm und Ali Karasahin mit seinem Bruder Bülent letzten Sommer das Lokal übernahm. Die beiden Ingenieure renovierten den Laden erst mal gründlich: Als Unternehmensberater konnte Bülent Karasahin für Investitionen aufkommen. Bis auf den Thekenbereich ist alles neu: Toiletten, Polstersitzbänke und eine floralflankierte Sitzecke. Der türkische Maler Yoldas gestaltete unaufdringlich die Wände. Auch die „mediterrane Küche“ ist neu: Es gibt jetzt Provencalisches Lamm und Menemen (gebratene Paprika und Tomaten mit Ei). Einmal wöchentlich wird eine Band – vornehmlich mit Jazz – aufspielen und daneben die beliebte Musikauflegerin Ipek einheizen. Sie hat ihre Auftritte im „SO 36“ reduziert – auf die schwul-lesbische Türkendisconacht „Gayhane“.

Die ehemalige Kiezmiliz- und Künstlermeile zwischen Oranienplatz und Spreewaldplatz hat sich nach Abzug der westdeutschen Touristen, die seit 1990 vornehmlich Mitte und Prenzlauer Berg ansteuern, sichtlich wieder erholt: diesmal mit türkischem und indischem Kapital! Den Anfang machten das „Kafka“ und das „Amrit“ – zwei Kreuzberger Projektemacherkneipen, die inzwischen selbst nach Mitte hin bzw. in den Sushi-Trend rein expandierten. Im „Kafka“ las einmal die kleine Tochter eines Gastes – Texte von Kafka. Und das „Amrit“ wurde anlässlich einer Kuttnerveranstaltung über Videoclips aus Bombay und Bitterfeld berühmt – weil seine Besitzer, zwei Brüder aus Bombay, dort „Bombaybomb“-Cocktails in den Pausen verkauften – und die verdiente Volksbühnen-Gardrobiere Gabi hinterher meinte: „So viel Betrunkene habe ich hier seit 1960 nicht mehr erlebt!“

Überhaupt verdanken sich hier viele Neueröffnungen bzw. Expansionen brüderlichem Risiko-Sharing. Das Spektrum der Neueröffnungen reicht vom kleinen Edelsupermarkt in der Manteuffelstraße bis zu einem riesigen Blumengeschäft. Und aus der ältesten Pizzeria des Problembezirks, „Samira“, ist über eine kurzzeitige spanische Bewirtschaftung ein echtes italienisches Restaurant geworden. Anfangs gehörte es – ebenso wie die „Stiege“ – einer Gruppe linker Palästinenser. Dort, nahe der Kneipe „Zum Mohr“ am Moritzplatz, hebt jetzt – ausgehend von einem afrikanischen Laden in der Dresdner Straße und dem Dritte-Welt-Zentrum in der Oranienstraße – ein afrikanischer Existenzgründungsschub an: von der ehemaligen Besetzerkneipe „Pinox“ bis zum „Mandela“ am Spreewaldplatz.

Am Görlitzer Bahnhof eröffnete das türkische Frühlokal „Linie 1“ und der kleine aber feine Friseur „Caprice“ – mit Freitagsnachtdienst. An der Wiener Ecke Lausitzer wich derweil die letzte proletarische Suff- einer türkischen Männerkneipe und diese wiederum einer Bar für den internetten Amüsierpöbel, der sich durch eine Billigpension der Mitwohnzentrale Wiener Straße touristisch wieder angereichert hat. Davon profitiert nun auch das neue „Advena“, das am 5. Oktober eröffnete. Vis-à-vis hat sich bereits die Feuerwehrwache hübsch gemacht: mit einer flammendgelb bis -roten Fassade – von einem Künstler mit ABM-Kraft gestaltet.

5. Voll im Gründerwahn

Die Straße des 17. Juni ist eine Allee der Hand-, Sex- und Kopfarbeiter. Erstere machen sich dort gerne als Trödler selbständig, und die mittleren kann man gut und gerne als Begründerinnen des „Koberns“ bezeichnen. Nur bei den letzteren hängt es noch irgendwie. Ihretwegen gab es heuer in der Technischen Universität zum zweiten Mal die „Gründertage“. Mir kam diese „Experten“-Veranstaltung wie eine deprimierende Versammlung von Parasiten und Zwischenhändlern vor – auf der Suche nach den letzten verwertbaren Ideenentwicklern. All die Standfrauen in Chanel- Kostümen von H&M und gepflegten Anzugmänner mit flippigen Schlipsen (Soll heißen: „Seht her, ich bin wahnsinnig kreativ“) waren Festangestellte – von Banken, Versicherungen, Patentanwälten, Gründerzentren-Entwicklern und dubiosen Senatsprojekten. Um die 24 Standplätze voll zu kriegen, hatte man selbst die im Osten gerade ihre Filialen reduzierende Hamburgerkette „Mc Donald’s“ zum Franchiser- Fangen eingeladen. Auf allen Monitoren gaben hochbezahlte Amis den abwesenden Ostakademikern gute Ratschläge – auf englisch.

Bei den „Grundlagen-Foren“ scheute man nicht einmal vor dem abgestandensten taz-Witz „Design bestimmt das Bewußtsein“ (als Marketing-Veranstaltung) zurück. Da wendete sich der zukünftige Selbständige bereits mit Grausen! Aber es kam noch dicker: Die meisten „Anbieter“ wollten ihm nämlich gar nicht in den Steigbügel helfen, sondern ans Portemonnaie gehen – und offerierten Möbel, Immobilien, Check-Point-Charly-Büros (mit und ohne Sekretariatsservice), TÜV-Gutachten, großkotzige Finanzierungen oder ISDN („Ihre Verbindung in die Unabhängigkeit“). Dazu hatten sich unselbständige Werbefuzzis tolle Sprüche ausgedacht: Die Berliner Landesbank – diesmal statt mit einer Minigolfanlage mit einem Clown angetreten – verteilte ein „Start Up 97“-Programm, und die Berliner Volksbank fragte jeden: „Sind sie fit für die Selbständigkeit? Machen Sie den Existenzgründer-Test am Computer.“

Die selber extrem um ihre Existenz ringende Berliner Service- Gesellschaft „Zukunft im Zentrum“ (ZiZ), aber auch die Potsdamer Technologie- und Innovationsagentur (TINA) versprachen uns – trotz alledem, „mit Kompetenz die Zukunft (zu) gestalten“. Und die altehrwürdige Volkshochschule (Vhs) machte sich vollkommen unironisch Mut – mit dem Slogan: „Selbständig in die Zukunft“.

Bei so viel zündender Zukunft sehnte man sich unwillkürlich nach der allerjüngsten Vergangenheit. Sogar eine „Zeitarbeitsfirma“ war vor Ort dabei: wahrscheinlich um die letzten „Part- Time-Loser“ für sich zu gewinnen. Das einzig Sympathische an den ganzen Gründertagen waren die herzzerreißenden Kittelschürzen der TU-Cafeteriafrauen, die so mürrisch aussahen, als wäre ihr Outsourcing bereits beschlossene Sache. Die Gespräche, die ich dort am Nebentisch belauschte, drehten sich übrigens alle entweder um einen ISDN-Zweitanschluß oder um den neuen BMW.

6. Arbeitsmarktpolitik in situ

„Wir brauchen mehr Existenzgründungen und freie Berufe“, so das Motto des Kongresses von Arbeitssenatorin Christine Bergmann und ihrer Kollegin Regine Hildebrandt – zur Forcierung der „neuen Selbständigkeit“. Beiden Politikerinnen kann ich stundenlang zuhören, insbesondere Ministerin Hildebrandt mit ihrer wunderbaren Mischung aus Detailwissen, Berlinismen und analytischer Schärfe. Diesmal ging es ihr um die Scheinselbständigkeit, zu deren Bekämpfung sie gerade einen Gesetzentwurf vorlegte. Mit der Deregulierung nimmt die Scheinselbständigkeit epidemische Ausmaße an. Ein West- Richter, Lösche vom Landessozialgericht, meinte jedoch, kein Gesetz sei besser als neue; auch mit dem von der Ministerin kritisierten Arbeitnehmerbegriff aus dem 19. Jahrhundert würden die Gerichte den „Mißbrauch“ – die Entstehung neuer „Weber“ – vernünftig bekämpfen können. Die Politiker sollten sich auf die Steuergesetzgebung konzentrieren.

Ich arbeitete zwölf Jahre scheinselbständig in der Landwirtschaft und im Güternahverkehr und hatte den Eindruck, die geschätzte Brandenburger Ministerin ließ trotz aller Kirchenbindung die radikale Konsumkritik aus den Sechzigern vermissen und steckt immer noch – als West- Kritikerin, mindestens als Ost- Populistin – in einer Art Aufholjagd: Schrankwand, Rundumversicherung, Kreditkarten, Advocard, Hi-Fi-Ausrüstung, Handy, Internetanschluß, Ehemann, Kinder, Datsche, neue Heizung, neues Auto, neue Küche (allein in Berlin gibt es über 500 Küchenstudios). Wer sich auf diese distinktiv-endlose Elendsspirale begibt, der wagt es natürlich nicht, an seinem Arbeitsplatz auch nur aufzumucken. Der muß also von Gesetzes wegen wenigstens einigermaßen geschützt werden – vor allzu brutaler Ausbeutung, die ihn tendenziell immer unter die Schwelle der Konsumfähigkeit zu drücken trachtet.

Dies ist zwar laut dem Spiegel– Soziologen Beck auch für das Kapital langfristig selbstmörderisch, aber vorderhand trifft es erst einmal den gemeinen Ostler, und dessen bester Vorkämpfer ist eben die Ministerin Hildebrandt. Für mich dagegen, der ich nicht ein gadget aus diesem ganzen Scheißhaufen besitze und das auch nicht bedaure, bedeutete die Scheinselbständigkeit (bis zur Gründung der Künstlersozialversicherung) eher ein weites Feld, um alle möglichen Arbeiten/Existenzweisen kennenzulernen. Daß meine Arbeitgeber dabei eine Menge Geld sparten, war mir nur recht, da es das Betriebsklima verbesserte, was mir weitere (intime) Kenntnisse bescherte. Die Arbeitssenatorin Christine Bergmann gab einen Überblick über die diversen Hilfen und Förderungen zur Unterstützung von „neuen Selbständigen“. Ihr Staatssekretär Peter Haupt ergänzte am Schluß, daß sie mittlerweile dabei sind, mehr und mehr „Selbständigen-Elemente“ fest anzustellen, ja, daß sie sogar versuchen, die Verwaltung „unsicher zu machen“, damit es zu mehr Selbständigkeit (über Outplacement/Outsourcing) komme.

In Berlin werden in diesem Jahr 8.000 Existenzgründungen von den Arbeitsämtern gefördert. 1995 waren es deutschlandweit 70.000: Der Anteil der Selbständigen an der Gesamterwerbsbevölkerung ist steigend. In Eberswalde gibt es schon ein EU- gefördertes Pilotprojekt, in dem ein Teil der Arbeitslosen als Unternehmer und ein anderer Teil als ihre zukünftigen Mitarbeiter ausgebildet werden. Bei all diesen Fördermaßnahmen schienen mir eher die neuen Existenzgründer die wahren Scheinselbständigen zu sein. Während ich in den nicht kranken- und rentenversicherten Jahren das Gefühl hatte, wirklich selbständig zu sein, habe ich erst jetzt, nach des Bundesfinanzministers Anziehen der Steuerschraube und der stagnierenden Einkünfte, das Gefühl, zunehmend scheinselbständiger zu werden. Das meint, daß der Zwang zunimmt, nur um des bloßen Geldes wegen irgendwelche Scheißaufträge anzunehmen, deren Spielräume auch noch immer enger werden.

7. Arbeitsplatz-Doppelstrategien

Einmal im Kollektiv: am Samstag auf der Straße des 17. Juni vor der Brandenburger Torheit – die DGB-Kundgebung gegen Sozialabbau. Und zeitgleich die Individualstrategien am anderen Ende der Straße im TU-Hauptgebäude: „Gründertage“. Während hier rund 800 Damen in sandfarbenen Kostümen mit „Gucci“-Halstüchern und Herren in hellen Sakkos mit Bügelfalten zwischen den Ständen von Banken, Unternehmensberatern, Industrie- und Handelskammern sowie Innovationscentern herumschlenderten, standen dort etwa 43.283 mit Bussen aus Eberswalde, Hoyerswerda, Barnim, der Prignitz und Cottbus herangeschaffte Gewerkschaftsmitglieder, kenntlich an ihren roten Schirmmützen mit „IG Metall“-, „IG Bau“- und „IG BSE“- Emblemen, vor holländischen Großleinwänden, Bratwurstbuden und Toilettencontainern. Dem kollektiven Abwehrkampf gegen Sozialabbau entsprechend hörten sie face to face den kämpferischen Reden der DGB-Sprecher zu, pfiffen, nickten und schwenkten Gewerkschaftsfahnen. Anschließend verdrückte man sich in kleinen Gruppen in Richtung Kurfürstendamm. „Jetzt haben wir es dem Klassenfeind aber mal wieder gegeben“, meinte ein Teilnehmer aus Oranienburg ironisch.

Auffallend war, daß die Teilnehmer an der Kollektivveranstaltung weitaus dickbäuchiger waren als die bei den Gründertagen. An Beratern für „Machen Sie sich doch selbständig!“ fehlte es dort nicht, eher schon an Existenzgründungswilligen. Die Hostessen am großen Stand der Berliner Landesbank/Sparkasse spielten aus Langeweile Golf. Ja! Golf: Es gab eine Mini-Driving- Range bei der LBB.

Denn, wie eine Untersuchung von Capital jüngst ergab: „Für die Kontaktpflege im Business gibt es nichts Besseres als den feinen Sport.“ Freilich schwankt der „zusätzliche Umsatz“, den das Golfspiel mit Geschäftspartnern einbringt, von Branche zu Branche noch stark: zwischen 30 Prozent (Auto/Chemie/Pharma/ Computer) und 1 Prozent (Maschinenbau/Banken/Versicherungen). Für karrierebewußte Individualstrategen ist es jedoch ebenso wichtig zu wissen, daß „rund 70 Prozent aller Positionen ab einem Jahresgehalt von 175.000 DM mit golfspielenden Bewerbern besetzt werden“. Die Bankgesellschaft Berlin trägt diesem Faktum auch real Rechnung, indem sie – über den Vorstandssprecher ihrer Hypo-Tochter: Landowsky – den ehemaligen Alliierten-Golfplatz in Wannsee bespielen läßt.

Auf den Gründertagen wurde speziell dem hohen Golfspieler- Anteil in der Branche „Computer“ dadurch Rechnung getragen, daß schon mal an jedem zweiten Stand ein Bildschirm flackerte. „Ohne Computer geht heute gar nichts mehr“, meinte einer der TU-Pförtner ganz unironisch. Anscheinend trifft dies auch auf die „Innovationscenter“ zu, von denen es bald in und um Berlin ebenso viele wie Golfplätze gibt. Erwähnt sei der Steglitzer „Focus Mediport“, das „Technologie- und Gründerzentrum Spreeknie“ sowie Norbert Meisners Borsig- Zentrum „Phönix“.

Das Dumme an diesen Centnern ist nur, daß die damit verbundene vertikale Entmischung zugunsten einer horizontalen Homogenität den jungen Ausgründern die Existenz eher schwerer als leichter macht: Ein Jungunternehmer aus Kreuzberg, dem man Räume in Adlershof angeboten hatte, sprach von dortigen „Notgemeinschaften“ und meinte damit, daß seine High-Tech-Firma gerade die „Kreuzberger Mischung“ benötige – also die Nähe zu Handwerks- und Zuliefererbetrieben. Was sie gerade nicht brauchten, das sei die Nähe zu anderen High-Tech-Firmen, die ähnliche Dinge wie sie entwickeln. Um es kurz zu sagen: Während es am einen Ende des 17. Juni um die Solidarität ging, war am anderen Ende eher Entsolidarisierung angesagt.

Auch die Existenzgründer flanierten anschließend noch über den Kurfürstendamm und vermischten sich dort mit den Demo- Teilnehmern zu einem Zug von Konsumenten – im Leerlauf quasi (denn die Läden hatten am Samstag nachmittag alle geschlossen).

8. Der Schinken – eine Erfolgsstory

Dickes Lob von der ansonsten doch eher zu Skepsis neigenden Dorothee Wenner: „Du hast ja wirklich Ahnung von Wirtschaft!“ Wir hatten den vom Lichtenberger Bezirksamt veranstalteten „Tag der offenen Tür“ für Existenzgründer – im Kulturhaus Karlshorst, vis-à-vis des sowjetischen Offizierskasinos – besucht und dort auf einem Zettel per Ankreuzen geraten, wieviel Jungunternehmer/neue Existenzgründer es bereits im Bezirk gibt (3.000, 5.000 oder 7.000?).

Ich hatte mich für die mittlere Zahl entschieden, den Zettel in eine Urne geworfen und deswegen dann eine Woche später einen Anruf von der für die Wirtschaftsberatung im Bezirk zuständigen Frau Gadau bekommen: „Glückwunsch, Sie haben einen Schinken gewonnen!“ Abzuholen in der Magdalenenstraße 1, Zimmer 106.

Als ich ein paar Tage später dort vorbeikomme, ist gerade Mittagspause. Die Pförtnerin, Frau Pietzsch, gibt mir den Rat, „solange“ das weitläufige ehemalige Stasi-Gelände zu besichtigen. In der „Forschungs- und Gedenkstätte“ wimmelt es wie üblich von tumben Ami-Touristen, die immer wieder gern dem „Bösen“ in seine erloschenen Augen schauen – hier den zwei Bronzeplastiken von Marx und Dscherschinsky: „Die beiden großen Vorbilder des MfS“. Gegenüber dem Foyer der Firma Horch & Guck residiert jetzt die westdeutsche Möbelfirma Kusch & Co, und links nebendran sitzen die Sesselfurzer von Gauck & Co. Rechts nebendran haust das Arbeitsamt VI, wo bärtige Sachbearbeiter leichtbekleideten Thailänderinnen die Aufenthaltsgenehmigung mit Stempel & Co verlängern. Die Kneipe inmitten dieses Horrorensembles heißt „Feldherrenhügel“ – ohne Scheiß!

Ich habe das große Glück, einer Thailänderin mit Silikonbrüsten, die in Baden-Baden anschaffen geht, wie sie mir später erzählt, aus dem steckengebliebenen Aufzug helfen zu können, indem ich mit brachialer Gewalt einfach die Türen aufdrücke und ihr galant zur Freiheit hochhelfe. Dafür lädt sie mich auf den „Feldherrenhügel“ zu einem „Drink“ ein, das Ding hat jedoch geschlossen. Ich verspreche ihr, sie im „Club Chérie“ zu besuchen, wenn ich mal zufällig in Baden-Baden bin.

Zurück zum Bezirksamt: Vor dem Hochbauamt diskutieren vier ratlose Bauherren an zwei BMWs, einen Porsche und einen Mercedes gelehnt: „Ich habe am 3. in Zehlendorf meine Anträge reingereicht und am 29. Bescheid bekommen“. „Das nützt uns jetzt gar nichts.“ „Ich sag’s ja bloß.“ „Was machen wir nun?“ „Gehen wir erst mal was essen!“ „Kennt sich einer hier in der Gegend aus?“ Das wird bestimmt wieder ein Investment-Flop.

Frau Gadau von Zimmer 106 hat Urlaub, aber Frau Lüth springt für sie ein und holt mir den Schinken aus dem Kühlschrank der Kaffeeküche. „Eigentlich bin ich nicht zuständig.“ Trotzdem kann sie mir verraten, daß die Existenzgründermesse mit Show- Einlage – es tanzte ein Kinderballett – ein großer Erfolg war, wenn man von den Rückmeldungen der zufriedenen Beteiligten ausgeht. Auch die Ballettschule, von Frau Frost war im übrigen eine Existenzgründung. Dazu gab es noch ein Seminar „Das Betriebskonzept – Kernstück der Existenzgründung“. Es wurde von einem Professor der FHTW und von Frau Dr. Haupt von der Wirtschaftsforschungs GmbH organisiert, die gelegentlich auch Standortanalysen für das Wirtschaftsamt des Bezirks macht. Zum Jahresende wird es im Karlshorster Kulturhaus noch eine „Handwerker-Kirmes“ geben, sonst ist erst mal nichts weiter geplant.

Frau Gadau, Frau Lüth, Frau Pietzsch, Frau Frost, Frau Dr. Haupt, Frau Noy Tschitagonk (aus dem Fahrstuhl) – was für interessante und dazu, soweit ich das beurteilen konnte, gutaussehende Existenzen diese ehemalige Stasi-Hochburg doch heute neu begründet! Hoch zufrieden ziehe ich mit meinem eiskalten Schinken in der Mittagshitze von dannen.

9. Land der immer früh aufgestandenen Arbeiterin

„Bilder und Legenden aus dem mitteldeutschen Industrierevier“, so heißt eine Ausstellung der Stiftung Bauhaus Dessau, die am 30. Oktober auf den Fluren und im Hörsaal des Verwaltungsgebäudes der Filmfabrik Agfa/Orwo in Wolfen eröffnet wurde. Bereits die Zugfahrt von Berlin über Bitterfeld nach Wolfen führte in das Thema ein: Auf den meisten Plätzen des bonbonfarbenen Interregio saßen Frauen, die sich auf dem Weg nach Hause weiterbildeten – sie blätterten in Akten, Führerscheinunterlagen, Software-Programmen oder Gesetzestexten. Im Mitropa-Bistro unterhielten sich zwei ältere dauergewellte Geschäftsführerinnen von Beschäftigungsgesellschaften über anstehende ABM-Kürzungen. In den Abteils der ersten Klasse saßen dünne, kurzhaarige junge Karrierefrauen, die immer mal wieder eilig an das Kartentelefon gingen, um ihre Ankunft anzukündigen oder Verabredungen zu treffen.

Das mitteldeutsche Braunkohlen- und Industrierevier ist schon lange eine Region weiblicher Berufstätigkeit – nicht immer in der freiwilligen Variante. Das erste Großkraftwerk, Zschornewitz, wurde 1915 in erster Linie von Frauen erbaut – die Männer befanden sich im Krieg. Auch im Zweiten Weltkrieg waren es primär die Frauen, die die dort ansässige kriegswichtige Produktion ausbauten, hinzu kamen bald Zwangsarbeiterinnen aus West- und Osteuropa. Nicht minder groß war dann der Frauenanteil am Wiederaufbau der Industrieanlagen nach 1945. Bis zuletzt, 1990, waren von 15.000 Beschäftigten in der Wolfener Filmfabrik fast 9.000 weiblich. Orwo war damit der größte Frauenbetrieb der DDR, er wurde von einer Frau geleitet (siehe unten). Frauen waren es auch, die das riesige Werk nach der Wende wieder abrissen – auf ABM-Basis. Von den zuletzt 1.500 Entsorgungsstellen werden jedoch bis zum Jahresende nur noch maximal 150 übrigbleiben.

Überwiegend Frauen waren es auch, die auf die Barrikaden gingen, als die Treuhand-Nachfolgeorganisation Mitte vergangenen Jahres Massenentlassungen bekanntgab. Von den damals 3.300 ABM-Kräften, die in den zwei Beschäftigungsgesellschaften GÖS- Wolfen und ÖSEG-Bitterfeld konzentriert waren, sollten rund die Hälfte gehen. Es kam zu Straßenblockaden und Demonstrationen, an denen sich 7.500 Menschen beteiligten. In dieser Region sei das „die größte Demo seit der Wende“ gewesen, schrieb die Mitteldeutsche Zeitung.

Mit Trümmerbeseitigung begann die berufliche Karriere vieler Arbeiterinnen des mitteldeutschen Industriereviers, mit Trümmerbeseitigung endete sie nach der Wende. Doch zur Ausstellungseröffnung war so gut wie keine der Orwo-Frauen gekommen. „Die wollen davon noch nichts wissen, zu tief ist die Enttäuschung über den Arbeitsplatzverlust“, kommentierte der Noch- Betriebsratsvorsitzende Hartmut Sonnenschein. „Das dauert auch noch mindestens fünf Jahre, bis sie wieder hierherkommen und sich Ausstellungen wie diese hier angucken können. Dann werden sie wahrscheinlich sogar stolz sein: ,Hier habe ich mal gearbeitet!'“

„Schafft Arbeit, darauf kommt es an!“ hatte vor 200 Jahren Fürst Franz-Leopold III. von Anhalt- Dessau erklärt, als er nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges als einer der ersten aufgeklärten Fürsten Deutschlands sein Land aus bitterer Armut zu einem prosperierenden Kleinstaat dirigierte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde dann die Braunkohle buchstäblich zur Basis für das Industrierevier zwischen Dessau, Wittenberg und Bitterfeld. Dessen musealisierte Reste – vom Riesen- Braunkohlebagger-Ensemble in Golpa-Nord („Ferropolis“) über das „Kraftwerksdenkmal Zschornewitz“ bis zum Wolfener Filmmuseum – mutieren nun zu einem Erlebnis- und Freizeitpark, der als „Korrespondenzregion“ für die Hannoveraner „Expo 2000“ ausgewiesen ist und von der „Expo“- Chefin Birgit Breuel finanziell gefördert wird. An der Umsetzung ist das Bauhaus Dessau beteiligt, das gestern seinen 70. Geburtstag feierte. Es besteht aus der Akademie, dem Archiv und der Werkstatt. „In der ,Werkstatt‘ macht man gerne Pläne zum sanften Tourismus, Masterpläne und Spaziergangsforschung“, erklären die beiden Dokumentarfilmer Kerstin Stutterheim und Niels Bolbrincker, deren Ausstellung „Land der Arbeit“ nun schon das dritte Bauhaus-Projekt über das Industrierevier ist. „Die jetzigen Bauhaus-Mitarbeiter sind zwar zum großen Teil aus dem Osten, sie haben aber etwas Manschetten, sich dem gemeinen Volk zu nähern.“ Es gibt jedoch ein Frauenprojekt, auf das diese Einschätzung nicht zutrifft. Die ehemalige Orwo-Kombinatssoziologin und jetzige Bauhaus-Mitarbeiterin Babette Scurrel versucht in Wolfen mit arbeitslosen Filmarbeiterinnen „Häuser der Eigenarbeit“ zu realisieren, das heißt, Eigenheime auf ABM-Basis zu errichten.

Daneben gibt es in Wolfen noch einen aktiven Frauenverein, der im eigenen Haus im Neubaugebiet Wolfen-Nord Beratungen durchführt. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, die frühere Säuglingskrankenschwester Renate Schenk, hält dort unter anderem Existenzgründerinnen-Seminare ab. Anstelle des Bürgermeisters, ihres Vorgesetzten, war sie bei der Ausstellungseröffnung zugegen. „Die Frauen haben die Wende besser überstanden als die Männer, weil sie flexibler sind“, meinte sie. „Sie haben sich schneller aus der Arbeitslosigkeit hochrappeln können, sie versuchen, etwas Neues anzufangen.“

„Die Ausstellung ist der Versuch, eine Brücke zu schlagen vom ,Land der Arbeit‘ zu etwas Neuem“, bemühte sich auch Harald Kegler vom Bauhaus Dessau in seiner Eröffnungsrede um Optimismus. Der entbehrt leider jeder Grundlage: Ebenso wie die ausgestellten Fotografien und Texte noch kein utopisches Moment enthalten, kämpft auch die Region derzeit vor allem mit den Folgen der stupiden Treuhand-Deregulierung, die sie auf die brutalen Besitz- und Politikverhältnisse der Dreißigerjahre zurückwarf.

Seit ihrem Machtantritt hatten die Nationalsozialisten eine Politik der Autarkie vom Weltmarkt verfolgt. In Leuna und an drei anderen Standorten „auf der Braunkohle“ ließen sie Hydrierwerke zur Produktion von „deutschem Benzin“ errichten. Nach 1945 wurden die Fabrikbesitzer als Kriegsverbrecher enteignet und das mitteldeutsche Industrierevier zur Schwerpunktregion für die Autarkiebestrebungen der DDR ausgebaut.

Noch während der Wende entwarfen die westdeutschen Stromkonzerne unter Führung des Branchenriesen RWE für den Fall einer Wiedervereinigung einen „Stromversorgungsvertrag“ – im Kanzleramt. Und damit war klar, daß die Zukunft der mitteldeutschen Braunkohlereviere wieder von den Konzernen an Rhein und Ruhr abhing. Das Lausitzer Revier übernahm die RWE-Tochter Rheinbraun, nachdem zuvor etliche Bergbaubetriebe mit zigtausend Beschäftigten abgespalten worden waren. Diese übertrug die Treuhand dann sogenannten Sanierungsgesellschaften. Sie sollen mit einem jährlichen Aufwand von 1,5 Milliarden Mark und 15.000 ABM- Stellen die alten Tagewerke in Naherholungsgebiete mit Seen und kostbaren Uferimmobilien umwandeln. Auch diese sechs langfristig angelegten „Groß- ABM“-Gesellschaften gehören mittlerweile überwiegend den Energiekonzernen von Rhein und Ruhr – allen voran RWE. Für jede ABM-Stelle kassieren sie 20 Prozent Regiekosten. Und auch bei der Privatisierung des geräumten und sanierten Doppelindustrieparks Bitterfeld-Wolfen wird die RWE wohl das Rennen machen.

10. Erste Messe über Geldbeschaffungsmaßnahmen (GBM)

Hierbei handelt es sich um eine Verschiebung: von West nach Ost bzw. von Kreuzberg in den Prenzlauer Berg. 1997 fand im Rahmen der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst Kreuzberg eine Ausstellung über ABM statt, die jedoch mehr eine normale Werkschau von Künstlern zum „Faktor Arbeit“ war, nachdem zuvor der von der CDU majorisierte Lottorat der Stadt sein finanzielles Veto gegen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema „ABM“ eingelegt hatte. Es folgten Ausstellungen über „Arbeitslosigkeit“ und „Innenstadt-Aktionen“ gegen die Verdrängung Leistungs- und Konsumschwacher sowie ebenfalls aus aktuellem Anlaß ein Kongreß über Hochstapelei. Davor war bereits der Neuköllner Künstler Thomas Kapielski an einer „Hochstaffelei“ erfolgreich gewesen. In der Zwischenzeit wurde der beliebteste deutsche Verbrecher der Nachkriegszeit „Dagobert“, alias Arno Funke, in Moabit zu neun Jahren verknackt. Bis heute gilt der inzwischen zum Buchautor und Computergraphiker umgeschulte Kaufhaus-Erpresser als vorbildhaft. Insbesondere seine elektronischen Bastelarbeiten für seine Erpressungen, Geldübergabegeräte genannt, hatten Avantgarde-Charakter in den Neunzigern und lösten damit das „Berlin-Design“ der Achtzigerjahre, wie er sich insbesondere unter dem Westberliner Label „Geniale Dilettanten“ entwickelt hatte, ab.

Der Gedanke, daß jedes Kunstwerk auch und zugleich ein Geldübergabegerät ist, stieß dann jedoch vor allem in den Anarcho-Dichterkreisen des Prenzlauer Bergs auf Resonanz. Insbesondere bei dem aus der Galerie Oderbergerstraße 2 hervorgegangenen ABM-Büro „glückliche Arbeitslose“, das zu dem Begriff gleich eine ganze Messe-Veranstaltung organisieren wollte, nachdem der Punkdichter Papenfuß daraus den allgemeineren Begriff „Geldbeschaffungsmaßnahme“ (GBM) geprägt hatte. Aus Bezirks-Fördermitteln standen dann auch bald 15.000 DM für diese GBM-Messe zur Verfügung, außerdem zwei Fabriketagen auf dem „Pfefferberg“. Im Endeffekt war dann zwar der Rahmen – der eigentlich von den Men in Sportswear, z.B. albanische Hütchenspieler, und Mädchen in Dessous (Alice Frohnert) über artistische Selbstreflexionen bis zu stinknormalen Cash-Cows reichen sollte – wieder einmal zu eng geraten. So sprang z.B. die Dresdner Bank mit der Bemerkung ab: „Sie verstehen, daß wir nicht alle Geldbeschaffungsmabnahmen unterstützen können“. Und der Sprecher eines Braunkohle-Strom-Verbundkonzerns konnte gar nicht verstehen, was ausgerechnet seine Firma mit Geldbeschaffungsmabnahmen zu tun hatte. Auch eine Künstlerin hatte damit an sich „keine Probleme“. Sie wunderte sich jedoch, daß ihre Zuhörer in Kunstakademien sich meist weniger für ihre Werke (an sich) als für ihre „Verbindungen“ und „Verhandlungen“ (für sich) interessierten.

Andere potentielle Aussteller blieben aus Zeit- oder Geldgründen fern. Die nach Luxemburg umgezogene Alice Frohnert z.B., die etwas zu den Themen „Der Schoß ist keine Einbahnstraße“ und „Die Mädchen sitzen auf ihrem Vermögen, sie wissen es nur nicht“ sagen sollte. Dafür übernahm eine kenianische Prostituierte die Essensversorgung auf der Messe. Nebenbei referierte sie noch über das in vielen afrikanischen Ländern von unten organisierte Selbst-Finanzierungssystem „Merry Go Around“. Ihr in Berlin praktiziertes sah so aus, daß reihum fünf Leute 250 DM im Monat spenden und dieses Geld einem geben, der gerade eine größere Anschaffung tätigen oder schnell irgendwohin reisen muß. Außerdem leben einige Frauen der „Bank“ auch noch davon, daß sie für 28 DM am Tag ihre Pässe an illegale Kenianerinnen verleihen: Dabei hilft, dass alle Farbfilme der Welt auf weiße Gesichter – zwölf Uhr Mittags New Yorker Sommerzeit – geeicht sind, was die schwarzen Gesichter – besonders auf automatisch photographierten Pabbildern – nahezu ununterscheidbar macht. Den Einleitungs-Vortrag hielt die polnische Ethnologin Malgorzata Irek aus Oxford: GBM-Geschichten aus ihrer vierjährigen von der Thyssen-Stiftung finanzierten Forschung im „Schmugglerzug Warschau-Berlin-Warschau“, über den sich in Westberlin u.a. ein kompliziertes polnisches Putzfrauen-Netzwerk etablierte. Die Bosnierin Zenija demonstrierte dagegen praktisch, wie man aus Zinnsoldaten Fünfmarkstücke schmilzt, die sich in den Berliner Clubs zu echten Zwei- bzw. Einemarkstücken umrubeln lassen. Der russische Alltags-Forscher, Wladimir Kaminer, zeigte in einer Messe-Koje Faksimiles aus seiner anhaltenden „Papier-Magie“ – Ausländerbehörden, Sozialämter, Kultureinrichtungen, Arbeitsämter und Bezirksbüros betreffend. U.a. hatte er seit seiner Übersiedlung 1990 fünf Dostojewski-Stücke auf ABM-Basis inszeniert. Daneben half er immer wieder Landsleuten bei Misch-Ehen, -Scheidungen, Visa-Problemen und sonstigen Geldbeschaffungs-Angelegenheiten – und berichtete hernach darüber in der FAZ. „So war diese Messe zuerst ein Panorama der Lebenskunst in ökonomisch ausweglosen Verhältnissen“, lobte denn auch die FAZ hernach. Besonderen Zulauf hatte ein „Runder Tisch“ der „Sportsfreunde der Sperrtechnik“, in deren ausgebuchten Workshops die Leute lernten, wie man selbst komplizierteste Schlösser öffnet. Dazu wurden noch Lehrfilme über die Sicherheitstechnik verschiedener Autotypen gezeigt. Den teuersten Messestand hatte der Alltagsforscher Andreas Seltzer (vom Verein für Vollbeschäftigung) aufgebaut, der später zudem noch über den Touristen in der Dritten Welt – als lebende Geldübergabegeräte – referierte. In drei süddeutschen Video-Kabinen zeigte er gegen Geldeinwurf kurze Ausschnitte aus Polizeischulungsfilmen über die Tricks von Taschendieben. Wer sie alle sehen wollte, mußte ein Vermögen opfern. Ãhnliches galt auch für eine belgische Sängerin mit Band, die ihre Stücke erst nach Einwurf von fünf DM vortrugen – in einer Art Live-Duke-Box. Eine Berliner Künstlerin stellte daneben Fotos von ihrer GBM in Puket auf: Sie hatte sich dort mit einem professionell angefertigten Plastikschild an den Strand gesetzt, es hatte die Aufschrift „Ein Kuß zehn Baht“ (ein Baht sind etwa 50 Pfennig). „Ein Thailänder hat mich sogar fünfunddreißig mal geküßt,“ berichtete sie nicht unstolz. Auch die „Arbeitsmaterialien“ des Berliner Verlags „Das Arabische Buch“, die auf der Messe verkauft wurden, befaßten sich zum überwiegenden Teil mit den Geldbeschaffungsmabnahmen bzw. Ökonomien und ihrem Hin und Her zwischen Berlin und der Dritten Welt. Da es sich in der Mehrzahl um akademische Abschlußarbeiten handelte, konnte man daran zugleich erkennen, wie sich in den letzten 15 Jahren die fachliche Selbstreflexion in den ehemals kolonialistischen Begleitwissenschaften zu einer Forschung gewandelt hat, die mehr und mehr auch für die Feldforscher selbst existentielle Anstöbe entbirgt.

„Es gibt immer zu viel Deutung und nie genug Fakten, die Akte durch Deutung sind am gefährlichsten für die Freiheit, so hatte es der Foucault-Assistent Francois Ewald 199drei im Berliner Wissenschafts-Kolleg einmal ausgedrückt. Den eigentlichen Stichwortgeber für die Veranstaltung, Dagobert, konnten und durften wir nicht einladen, geschweige denn feiern, weil zuvor gerade dessen Besuch auf einer Prominenten-Party für Ãrger in der Justizbehörde gesorgt hatte, die daraufhin verlauten ließ – sinngemäß: daß der derzeitige Freigang von Arno Funke, der im April 2000 entlassen werden soll, einzig seiner Resozialisierung diene (dazu zählt man z.B. seine Lesungen), aber nicht – damit er gegenüber irgendwelchen SPD-Politikern und Arbeitgeberpräsidenten öffentlich mit seinen Verbrechen prahle – oder sich jedenfalls prächtig amüsiere. Das würde jedwedem Straf- und Besserungsgedanken zuwiderlaufen. Wir hatten eher das Gefühl, damit sollte unserer Selbstorganisation objektiv die Spitze genommen werden. Dennoch gelang es, ein neues Durcheinander – für die Dauer der Messe – anzurichten, in dem verschiedene ökonomische Organisationen bzw. Operationen sichtbar wurden, die beispielhaft bis hilfreich sein könnten. Jedenfalls für die nicht-kapitalinitiierten, „postproletaroiden Kümmerexistenzen“, wie die akademische Transformationsforschung einen Großteil der hier erwähnten Akteure abfällig nennt – mindestens so lange sich diesen noch keine Anlageprobleme aus ihrem gewerblichen Streben nach Einkünften auftun.

11. Notkontakt oder Wunschpartner

Bei vielen ausländischen Autoren, mit denen ich zusammen arbeite, ist mir aufgefallen, daß ihr anderes Hiersein u.a.. den Umgang mit Behörden betrifft, wobei ihnen viel Zeit abverlangt wird. Einige sind dabei regelrechte Experten geworden – für Sozialamt, Arbeitsamt, Ausländerpolizei, ABM-Anträge, Scheidungen, Scheinehen etc. Zum Beispiel Lilli Brand, eine ukrainische Krankenschwester, die ständig Behördenärger hat – und auch meist darüber schreibt. Aber auch der mongolische Zeitungskorrespondent Batjargal: Neben seiner eigenen behördlichen Existenzabsicherung ist er noch damit beschäftigt, ein mongolisches Info-Zentrum in Berlin zu organisieren und regelmäßig eine Mongolen-Disco zu veranstalten – was ebenfalls mit Behördengängen verbunden ist. Wladimir Kaminer hat einen Steuerberater und eine Agentin, aber vorher hatte er dermaßen viel mit Ämtern zu tun – allein drei mal bekam er eine ABM-Stelle, um Dostojewski zu inszenieren, daß er mit den Formularen in unserer „Messe über Geldbeschaffungsmaßnahmen“ (GBM) eine ganze Koje tapezierte. Beim englischen Horno-Aktivisten Michael Gromm sind es die Kontakte zu den Grünen und ihren Stiftungen, die er so virtuos handhabt, daß diese ihn unterstützen – zuletzt bei seiner webpage „Vattenfall-Watch“. Dabei geht es um den schwedischen Staatskonzern, dem jetzt die Lausitzer Braunkohle gehört. Ich arbeite ihm gelegentlich zu, ebenso dem serbischen Regisseur Zoran Solomun. Der alleinerziehende Vater hat eine Filmproduktionsfirma „Ohne Gepäck“, von der aus er immer wieder die TV-Anstalten mit Treatments traktiert, um seine Filmprojekte zu realisieren. Man ist glaube ich geduldiger mit fremden Ämtern als mit den eigenen – und sieht die deutschen als Ausländer eher als Herausforderung an. Für mich sind sie dagegen eine Beleidigung: Sie zwingen mich, zwischen Größenwahn und Nichtigkeitsgefühl taktisch auszubalancieren – und statt um die Wahrheit geht es stets um Darstellung.

Kommt noch hinzu: Meine Ämterkontakte in den Fünfzigern und Sechzigern – bis hin zu Lehrern und Musterungskommissionen – waren Feindberührungen, die mich demütigten. Und bisher habe ich es noch nicht geschafft, ein neues „gesundes“ Verhältnis zu ihnen zu entwickeln, nur den Kontakt zu beschränken – auf Finanzamt, Künstlersozialversicherung, Postbank, Vermieter. Zwanzig Jahre bin ich auch diesen Institutionen aus dem Weg gegangen. Stattdessen war mein Adreßbuch eine Art alternatives Sozialversicherungssystem. Gemeint war damit ein (er)wachsendes Netz von Solidarbeziehungen, das zu guten Zeiten weit ins Ausland reichte. Irgendwann verblassten die Adressen jedoch – und man übernachtete z.B. nicht mehr bei Freunden, sondern im Hotel, bzw. versuchte an offizielle Einladungen (zu einem Filmfestival in Havana etwa) ranzukommen. Ein Jahr lang versuchte ich mein Leben auf einer untergeordneten Universitätsstelle (in Oldenburg) quasi zu legalisieren. Aber der Preis dafür war mir zu hoch. Der nächste Anlauf geschah mit der Gründung der Künstlersozialkasse. Legalisiert man sich an einer Stelle, zieht es automatisch andere nach sich – in diesem Fall Finanzamt, Steuern, Berater, Staatsschulden, Entschuldigungsbriefe, Ratenvereinbarungen, Pfändungsdrohungen, eidesstattliche Versicherungen etc. Freilich ist auch eine Rundumerneuerung der vorderen Gebißpartie beispielsweise drin, sowie ganz allgemein ein gepflegteres Aussehen – bis hin zur Anschaffung eines anständigen Rasierapparates – und dann sogar eines zweiten, der unaufdringlich in der Wohnung einer Freundin deponiert wird. Statt des nicht mehr alternativen Adreßbuches kam irgendwann ein „Terminplaner“ ins Spiel – und darin wurden die Adressen-Eintragungen noch viel funktionaler. Mit dieser Legalität komme ich jedoch bis heute nicht klar, sie rutscht mir immer wieder weg, entgleitet mir aus den Händen, was aufs Neue Anträge, Bittbriefe, Formulare zur Folge hat. Ich bin ratlos. Das Beste wäre Auswandern.

12. Jörg Stein – ein Nachritt

Die JW rief an: „Wir brauchen einen Nachruf auf Jörg Stein“. Den hatte ich gerade für eine Westberliner Zeitung geschrieben, deswegen erlaubte ich mir, ihn einfach zu wiederholen. In der Zwischenzeit hatten sich mehrere IG-Metall-Funktionäre, vor allem aus Süddeutschland, bei mir wegen dieses Nachrufs gemeldet. Wir redeten am Telefon kurz hin und her, dann versprachen sie mir, ihre Position zu Stein per E-Mail ausührlicher darzulegen – aber dann kam nix mehr, gar nix!

Seit den 60er-Jahren brauche ich morgens bloß die Todesanzeigen in der FAZ zu lesen – und schon habe ich gute Laune. So auch neulich, als ich zwei Todesanzeigen für Jörg Stein in der FAZ entdeckte. Der schwäbische Arbeitsrechtler wurde nach der Wende vom IG-Metall-Chef Steinkühler in die Treuhandanstalt (THA) geholt. Die THA wollte vor der Privatisierung ihrer Ostbetriebe so viele Arbeitsplätze wie möglich abbauen, um die Unternehmen für Käufer „interessanter“ zu machen. Die entlassenen Belegschaften wurden in Beschäftigungsgesellschaften „zwischengeparkt“. Dieses Parkgeschäft übernahm Jörg Stein, indem er die Betriebsräte bearbeitete.  In der Treuhand hieß es schon bald: „Ohne Herrn Stein läuft bei uns gar nichts!“ Bei den ostdeutschen Betriebsräten war der „Totquatscher“ dagegen verhasst. So meinte etwa der Betriebsratsvorsitzende des Motorradwerks Zschopau: „Der Stein, das war die schlimmste Erfahrung meines Lebens!“ Am Ende waren jedoch die meisten DDR-Betriebe von Mitarbeitern entleert – und Stein der größte Arbeitgeber Ostdeutschlands geworden: „Dafür kann ich aber nix“, sagte er mir einmal, „die ganzen Betriebe waren doch übervölkert.“ Die ostdeutsche Betriebsräte-Initiative verglich sein Vorgehen mit einem Pilotenspiel bzw. Kettenbrief: „Jede neue entlassene Belegschaft bringt ihre Sozialplan-Gelder in die steinsche Beschäftigungsgesellschaft ABS ein und dann kann diese eine Weile lang wirtschaften, bis die Belegschaft des nächsten liquidierten Betriebes – mit neuem Geld – an die ABS angekoppelt wird“. Für Jörg Stein selbst blieben bei diesem Spiel Millionen hängen. Allein für die „Sozialplanbegleitung“ der liquidierten Mikrotechnologischen Gesellschaft Frankfurt/Oder kassierte er 500.000 Mark.  In seinen ABS-Gesellschaften verblieben die Mitarbeiter rund ein Jahr, danach gingen sie in Umschulung, ABM oder in die Arbeitslosigkeit. Um sie dahin zu kriegen, bombardierte Stein die Betriebsräte mit Faxen. Dem Betriebsratsvorsitzenden des Ökokühlschrankherstellers Foron schrieb er zum Beispiel: „Ich habe Euch ein Gesamtkunstwerk geliefert…Ihr wißt nämlich nicht, um was es geht – das ist keine Wessi-Arroganz, sondern hat Sinn und Zweck – nämlich Kompetenz“. In seinen Schriftsätzen zitierte er gerne „den lieben Kollegen B. Brecht: ,Bitter bereut, wer des Weisen Rat scheut'“

und behauptete von sich selbst: „dass beim lieben Gegner, nämlich der Treuhand, oder westdeutschen Konzernen, in der Regel das ,Zittern‘ anfängt, wenn man meinen Namen hört. Ich bitte Euch aus diesem Grund, mir mit dem Respekt zu begegnen, mit dem mir auch der Klassenfeind gegenübertritt“. Respekt, für einen, der „sieben Geschwister hatte („nur Sonntags gabs Fleisch“), der ein gestandener „68er“ gewesen sein wollte („ich tröste mich damit, Friedrich Engels war ebenfalls gut betucht“), aber auch ein „Realist“ war („Wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft, wo die Einkommenshöhe Indikator für den Erfolg ist“). Im Eifer des Gefechts und des Geschäfts mit den Riesensummen, die er dabei hin und her schob, kam er immer wieder dem Mandantenverrat nahe. Zwar bezeichnete der Treuhand-Sprecher Schöde ihn schon beizeiten als „Wanderer zwischen den Welten“, aber die THA und Stein selbst stritten ab, dass er sowohl für die Treuhand als auch für die IG Metall und die Belegschaften arbeitete. Doch: Steinkühler bezuschusste sein Büro mit monatlich 50.000 Mark, die THA via Honorarvertrag monatlich mit über 70.000 Mark.  Als alles getan war, gründete Stein im schwäbischen Millionärsstädtchen Reutlingen die Firma „mypegasus“, mit der er fortan auch die überschüssigen und überflüssigen Belegschaften aus westdeutschen Betrieben einsammelte – so die Bremer Vulkanwerft-Arbeiter, einen Teil der Philipp-Holzmann-Belegschaft und Mitarbeiter von SEL, Mannesmann, AEG. Die Steinsche Beschäftigungsgesellschaft mypegasus ist fast konkurrenzlos: Zwar gäbe es noch vier oder fünf Firmen ähnlichen Typs, meint deren Geschäftsführer Schwille, sie sind aber nur regional tätig.  Diese lokalen oder nur für und von einem Betrieb gegründeten Beschäftigungsgesellschaften sind jedoch weitaus effektiver, insofern sie die Arbeitsbedürfnisse und Umschulungswünsche der Betroffenen besser berücksichtigen. Über die Todesanzeige hat der Geschäftsführer Schwille ein Credo von Jörg Stein setzen lassen: „Effizienz bedeutet die Suche nach Kooperationsdividenden“. In Wahrheit handelte es sich stets um nahezu parteienverräterische Kriegsgewinnlerdividenten!

13. Letzter Ausweg: ABM

In Pritzwalk nennt man sie die „Viererbande“: Günter Schinske, Gabi Schult, Uschi Preuß und Sylvano Schmidt, genannt Max. Günter, Gabi und Max arbeiteten bis zur Wende als Melker in einer LPG, Uschi war zuletzt Verkäuferin in einem LPG-Blumenladen.

Recht eigentlich bildeten sie das Scharnier zwischen dem Alten im Untergrund und der neuen Oberfläche von Pritzwalk. Die vier lernten sich über ABM kennen. Genaugenommen handelte es sich dabei um eine der ABM vorgeschaltete „Integrationsmaßnahme“ (IM), über die die „immer schwieriger werdenden Langzeitarbeitslosen“ als Kollektiv erst einmal quasi ABM-reif gemacht werden sollten.

Das Arbeitsamts-Curriculum sah die Einübung von Bewerbungsschreiben, Ausfüllen von Steuererklärungen sowie die Vermittlung rudimentärer Englisch- und Schreibkenntnisse vor. Die  Westberliner (Kunst-)Dozenten Peter Funken und Thomas Kapielski  setzten jedoch primär auf „Hilfe zur Selbsthilfe“ und organisierten mit der IM- Gruppe z.B. bei einem Teilnehmer rechtzeitig vor Winterbeginn eine Brennholzhack-Aktion, bei einer anderen die Bepflanzung ihres Vorgartens… Max fuhr einen Wartburg, morgens holte er erst Uschi, dann Günter und Gabi zum Kursus ab: Die beiden wohnten außerhalb von Pritzwalk, und die Integrationsmaßnahme fand im Sozialgebäude der ehemaligen Zahnradfabrik statt, das eine DGB-nahe Qualifizierungsgesellschaft als eine Art General- Ausbildungsübernehmer für die ganze Region angemietet hatte. Es gab dort sogar zwei Kantinen – auf ABM- Basis. Und oben in den ehemals VEB-eigenen Fitnessräumen eine Kegelbahn, die von der IM- Gruppe gerne aufgesucht wurde.

Auch während ihres Betriebs-Praktikums sorgte Max mit seinem Wartburg für den Transport der Viererbande: Uschi und Max arbeiteten bei einer Forellenzuchtanlage, die ein ehemaliger Mitarbeiter von der Treuhand auf Pachtbasis privatisiert hatte. Gabi arbeitete in den Gewächshäusern eines Gärtnerehepaares, und Günter verdingte sich auf der Kiesgrube eines Fuhrunternehmers aus seinem Dorf. Er half ihm, eine in Berlin billig erworbene Schnellbauhalle auf seinem Schuttplatz wieder aufzubauen. Günter hoffte, dort eine Festanstellung zu finden, sein Chef bot ihm auch die Übernahme der Kosten für einen LKW-Führerschein an, aber das kollidierte dann mit Günters Arbeitslosenstatus und zerschlug sich so. Max suchte sich im Westen Arbeit: Erst als Reisevertreter für ein Münchner Unternehmen ( „Zum Überreden bin ich aber gar nicht geeignet“) und dann am Fließband einer Bremer Molkerei (hier stellte sich das Problem, eine zweite Wohnung anmieten zu müssen, was in der „Probezeit“ ein zu großes finanzielles Risiko war). Gabi und Uschi wurden von ihren Chefs, denen sie sich als Praktikanten angedient hatten, anschließend nicht übernommen.

Dafür versprach das Arbeitsamt dem gesamten IM-Kursus einen Übergang in reguläre AB-Maßnahmen. Nachdem man ihre Westdozenten rausgeschmissen hatte (weil diese sich nicht eng genug an die Kurs-Curricula gehalten hatten), betreute eine ortsansässige Computerfirma die IM-Gruppe weiter. Günter und Max näherten sich unter der Leitung ihrer neuen „Klassenlehrerin“ dem High-Tech-Gerät primär über das Karten-Patience-Programm, ansonsten wurden sie über das neue Rentenrecht und die Rechtschreibreform informiert. Uschi wurde Klassensprecherin. Als solche war sie u.a. für das Alkoholtestgerät verantwortlich, mit dessen Hilfe allzu betrunkene Kursusteilnehmer festgestellt und dann von der Teilnahme ausgeschlossen werden sollten. Kurz vor dem mit einem schriftlichen „Zertifikat“ endenden Kurs teilte die Klassenlehrerin ihnen mit, daß es keine „Auffang-ABM“ gäbe.

Max bereitete daraufhin nach Ablauf einer Anstandsarbeitslosigkeitsphase doch seinen Umzug nach Bremen vor, Uschi, die Alleinerziehende ist, bekam ein schweres Hüftleiden und mußte fürderhin an Krücken gehen. Gabi gab „die Hoffnung“ nicht auf, aber Günter meinte immer mal wieder: „Ick hab‘ keene Zukunft mehr.“ So fiel langsam die „Viererbande“ auseinander, aber anläßlich einer Kunstausstellung über ABM  – von einem ihrer ehemaligen  Westberlin-Dozenten, Peter Funken, organisiert – sah man sie in einem Videofilm über ihr 13monatiges Bemühen, von der „Marktwirtschaft“ angenommen zu werden.

Jedesmal wenn das Filmteam (Funken, Höge, Wenner) aus Berlin anrückte, und es kam über ein Jahr lang alle paar Wochen, war die „Viererbande“ zu jeder szenischen Schandtat bereit. In den Zwischenzeiten zogen sie sich jedoch immer mehr in ihre Wohnungen zurück, tranken Schnaps und verfolgten die Welt quasi nur noch über dürftige Fernseh-Features und billige US-Serien. Derweil verschlimmerte sich Uschis Hüftleiden, ihr Freund kam ins Gefängnis, dann auch ihr großer Sohn und schließlich nahm man ihr auch noch den kleinen Sohn weg. Max bekam, kurz bevor er seine Stelle in der Molkerei bei Bremen antreten konnte oder mußte, eine Herzattacke und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Als er wieder rauskam, war er ein anerkannter  Frührentner – mit 600 Euro im Monat. Günter und Gabi wohnten in einem Einzimmerhaus auf dem Dorf, wo – am anderen Ende – auch Gabis früherer Ehemann mit ihren vier Kindern lebte. Jedesmal wenn er einen Alkoholentzug abgebrochen hatte, ließ er seinen Frust an seinen Töchtern, aber auch an Gabi aus. Regelmäßig trafen sich die 17 Pritzwalker Neonazis bei ihm. Im Suff überredete er sie, Gabis und Günters Vorgarten zu verwüsten. Diese trauten sich manchmal im Dunkeln nicht mehr auf die Straße. Auch die reißerischen Sat.1-Reportagen von morgens bis abends stimmten sie nicht gerade optimistisch.

Aber Günter behielt trotzdem seine gute Laune und seinen Witz. Er war ein Pferdenarr, regelmäßig fuhr er nach Neustadt auf den Pferdemarkt. Und Pferderennen im Fernsehen – das war wie Parteitag für ihn. Einmal holte er sich ein Pony, kam aber nicht klar mit dem wilden Hengst. Gabi machte derweil ihren Führerschein und kaufte sich ein altes Auto. Und ein Telefon schafften sie sich auch noch an.  Ich dachte bereits, sie würden es langsam schaffen – und es sich mit zusammen 1.000 Euro  im Monat (bei 120 Euro Miete) gemütlich machen. Günter bekam sogar das vage Versprechen auf einen Halbnachtsjob: Er sollte im Winter Platzwart bzw. Nachtwächter auf der Kiesgrube werden, wo der Besitzer immer mehr Schrottautos abstellte.

Aber dann aß Günter plötzlich nichts mehr, und bald konnte er auch keine Flüssigkeit mehr bei sich behalten – zum Arzt wollte er auch nicht. 14 Tage später war er tot: auf dem Weg zur Toilette zusammengebrochen. Seine Mutter, die im selben Dorf wohnte, und Gabi nahmen während der Vorbereitung seiner Beerdigung über 10 Kilo ab. Die genaue Todesursache wußten sie nicht und wollten sie auch nicht wissen: „Er hat einfach keinen Sinn mehr im Leben gesehen – keine Hoffnung!“ Und das war wahrscheinlich die Wahrheit.

An einem schönen warmen Spätsommertag fuhren wir alle auf den Dorffriedhof, um ihm das letzte Geleit zu geben, wie man so sagt. Cirka 60 Leute hatten sich mit Blumen um die kleine Kapelle versammelt – viele weinten. Auf Gabis Wunsch spielte eine gemietete Beerdigungsrednerin „Ave Maria“ und ließ dann in ihrer Trauerrede noch einmal Günters Leben Revue passieren – ein bißchen zu kritisch für meinen Geschmack, aber besser als verlogen: Ausführlich kam sie dabei auf seine Arbeitslosigkeit, den Alkohol, das Fernsehen und seine Pferdeleidenschaft zu sprechen.

Der Friedhof lag inmitten eines blühenden Rapsfeldes. Von irgendwoher blökten Schafe. Flieder, Schneeball, Rotdorn und Kastanie blühten. Gelegentlich überflog ein Storch oder ein Bussard die Kapelle.  Später erzählte mir der Schwager von Günter, daß die LPG ihn 1987 als Fahrer beschäftigt hatte, ohne daß er einen Führerschein besaß. Es kam deswegen zu einem Gerichtsverfahren gegen Günter, das man als Schauprozeß aufzog – und deswegen live im Radio übertrug. Aufgrund Günters witziger Antworten sei das Ganze aber nach hinten losgegangen: „Günter war anschließend ein richtiger Held in der Region“. So hatte er z.B. auf die Frage das Richters, ob er ein Konto besäße, geantwortet: „Ja, ein Fallskonto!“ – „Was ist das denn?“ – „Falls was drauf ist!“ In seinen letzten Lebensmonaten schimpfte er übrigens am liebsten über den Euro.  Und seine letzten Worte zu mir am Telefon lauteten: „Der Sozialismus hat uns schon ruiniert, aber der Kapitalismus wird uns nun endgültig fertigmachen!“

Es war trotz allem eine schöne Beerdigung. Nur mit Mühe konnte ich meine Tränen zurückhalten. Schwalben schossen durch die Luft, und die Lerchen jubilierten über den Feldern. Mit der alten Goetheschen Weisheit „Es gibt nichts Schöneres auf Erden, als morgens eine Lerche zu hören und mittags eine zu essen“, gewann ich beim Leichenschmaus im Haus seiner Mutter langsam meine Fassung wieder. Es war die erste Beerdigung in meinem Leben. Leider nicht die letzte.

MAE als Ziel

Der o.e. Dozent der Vorbereitungsmaßnahme für eine  ABM-Stelle, Peter Funken, leitete einige Jahre später erneut eine solche Maßnahme – diesmal jedoch für eine MAE-Stelle. Und auch nicht mehr auf dem Land, sondern in Berlin-Reinickendorf. Während die erste „Maßnahme“ in Pritzwalk auf einen Film hinausgelaufen war, der dann auf Peter Funkens NGBK-Ausstellung über „Arbeit“ gezeigt wurde, gipfelte die zweite in Reinickendorf in eine Ausstellung von Bildhauerarbeiten – im halb leerstehenden Gewerbe- und Dienstleistungszentrum „Anthropolis“.

Da stehen sie nun, die 19 weißen Porenbeton-Objekte – auf schwarzen Kartonsockeln: Ein „Fußball mit Stiefel“ von Yannick Philipps: Der Künstler war früher ein erfolgreicher Fußballspieler. Zwei „ineinanderverschlungene Ringe“ von Christiane Raikow: Sie möchte heiraten – und weiß auch schon, wen. Ein „Labyrinth“ mit überraschendem Ausgang – eine Leiter. Dieses Werk gab der Ausstellung den Titel: „Wege aus dem Labyrinth“. Die Künstlerin Vera Rayan meint dazu, „das Leben“ laufe ihr „wie im Labyrinth“ ab. Ein kleines „Boot“ auf einem stillen See von Renate Plechata: Sie möchte wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen. Ein „Mobiltelefon“ in Flaschenform von Nicole Liebow: Sie wünscht sich, dass ihr Vater sie auch mal nüchtern anruft. Ein Suzuki-„Motorrad“ GSXR 1100W von Karola Weinert: Sie hatte zwei Autounfälle und traute sich nicht mehr aus dem Haus, hat jetzt aber einen Freund mit Motorrad und es geht  ihr wieder besser. Ein „Gesellenbrief“ mit Weltkugel von Michaela Hölz: Sie brauchte einen Abschluß, um einen guten Job zu finden. Den hat sie nun auch gefunden. Ein BKS-„Schlüssel“ von Doris Wyrwas: Sie wünscht sich eine eigene Wohnung. Die hat sie kürzlich auch bekommen. Einen „Pinsel mit Eimer und Farbfleck“ von Patrick Etsch: Er würde gerne Maler werden. Ein „Herz“ in dem ein Stück fehlt von Sven Radüntz: Seine Beziehung ging kaputt. Ein „Schwert“ mit einem Trinkkelch von Sven Hacker – als „Symbol für einen Befreiungsschlag“. Eine „Schatzkiste“ von Dejana Roca – als „Symbol für Geld“ – genug um sich „alles leisten“ zu können. Ein „Kleeblatt“ von Andrea Reisch: Es steht für Glück und alles, was sie sich wünscht – auf dem Sockel. Ein „Berg“ von Krzystof Pasdzierny, der aus Stettin kommt: „Berge gibt es da nicht.“ Er möchte gerne mal in einem kanadischen Hochgebirge wandern. Ein „Elefant“ von Marko Thiel: Er sammelt schon lange Elefantenskulpturen. Ein „Kleid“ von Jasmin Lübke: „Für mich ist schöne Mode wichtig, darum habe ich aus dem Ytong-Stein ein Abendkleid herausgearbeitet.“

Drei der Künstler stellten darüberhinaus noch einige weitere Ytong-Objekte aus. Sie alle wurden in einem Bildhauerkurs angefertigt, den der Designer Klaus Schröter und der Kunsthistoriker Peter Funken leiteten. Dabei handelte es sich um eine halbjährliche „Stabilisierungs-Maßnahme“ nach §16 des Sozialgesetzbuches, ausgearbeitet vom vorbestraften Wirtschaftsverbrecher Peter Hartz, mit dem die „Leistungen der Jobcenter zur Eingliederung“ geregelt werden. Die beiden Maßnahmeleiter haben bereits mehrmals Erfahrungen in und mit solchen Kursen gesammelt: „Die allermeisten Teilnehmer haben komplizierte oder problematische Biographien,“ schreiben sie, „oftmals keinen Schulabschluß und keine Berufsausbildung. Gescheiterte Beziehungen, psychische Probleme und Schulden erschweren ihre Situation zudem…Etliche Teilnehmer wohnen im Heim. Oft bestimmen Suchtprobleme oder psychische Probleme den Alltag.“

Bei ihrer künstlerischen Arbeit wurden sie dann „mit Gestaltungsfragen konfrontiert“, u.a. mit der Umsetzung einer Vorstellung bzw. Fotovorlage ins Dreidimensionale, mit Materialproblemen und der Handhabung von Werkzeugen. Bei der Ausstellung mit Sockel -, Katalog- und Plakatherstellung, Werbung und Einladungen zur Eröffnung. Insgesamt mit Gruppenarbeit. Die Maßnahmeleiter  gehen davon aus, „dass das exemplarische Lösen dieser selbstgestellten Aufgaben Mut machen kann, die Lösung von ganz praktischen Alltagsproblemen voranzutreiben.“ Denn im Kurs wird „Sehen, Hinschauen und Handeln“ gelernt, „und mit dem Schritt in die Öffentlichkeit geschieht auch noch etwas Gesellschaftliches, sogar Politisches.“

Das Format „Stabilisierungsmaßnahme“  wird jedoch laut Peter Funken demnächst abgeschafft: Es war eine Art Vorlauf zur MAE (Mehraufwands-Entschädigung) – den sogenannten 1-Eurojobs, und sollte erst einmal „das Abrutschen verhindern“. Auf der Ausstellung, die „als Projekt auch eine ‚Erfolgsgeschichte‘ ist,“ kann man darüber Mehr erfahren.

Sie findet vom 8. bis 22. Okt. 2008 im 5. Stock des Hauptgebäudes der „Anthropolis“, Aroser Allee 76, 13407 Reinickendorf statt, und ist täglich von 9 bis 15 Uhr geöffnet, sowie auch nach telefonischer Vereinbarung: 030 – 568 297 75

P.S.: Während der Vorbereitung auf die  Reinickendorfer Ausstellung „Wege aus dem Labyrinth“ schälte sich, ähnlich wie auch bei der Neuköllner Ausstellung „Le Grand Magasin“, das nun mit MAE-Kräften betrieben wird,  eine Art „Kerngruppe“ heraus. Diese macht jetzt im Reinickendorfer „Anthropolis“-Center zusammen Musik und hat auch schon einige künstlerische Folgeaufträge dort acquiriert. Das geht in eine ähnliche Richtung wie die Gruppe von Arbeitslosen und Künstlern in Dresden Prohlis, wo Adam Page und Eva Hertzsch seit Jahren mit ihrem Kunstprojekt „For Sale“ zugange sind – die dortige Gruppe will demnächst u.U.  eine „Kulturgenossenschaft“  gründen.

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kommentare

  • Sehr geehrter Herr Hoege,

    leider kann ich erst heute auf Ihren Text antworten.

    Trotz unseres langen und intensiven Gespräches scheinen einige
    Informationen bei Ihnen nicht angekommen zu sein. Leider waren Sie ja
    nicht selbst auf dem Fashion Weekend, denn sonst hätten Sie erkannt,
    dass es nicht darum ging, irgendwelche Klamotten für sogenannte „Lohas“
    zu verkaufen, sondern, dass es darum ging, die Kreativität und die
    Vielfalt ganz phantastischer Designer und Designerinnen zu zeigen, die
    sich in Neukölln niedergelassen haben!

    Vielen DesignerInnen ist es tatsächlich wichtig, dass Naturfasern
    verwendet werden und dass die Stoffe nicht chemisch behandelt wurden.
    Ist das für die TAZ heutzutage nicht mehr interessant?
    Und eine Besonderheit dieser jungen UnternehmerInnen ist es außerdem,
    dass es sie interessiert, woher die Stoffe stammen, die sie verwenden,
    oder dass es sie interessiert, unter welchen Produktionsbedingungen ihre
    Kleidung hergestellt wird. Ist es für die TAZ heutzutage nicht politisch
    und sozial korrekt, wenn UnternehmerInnen Kleidung statt in Bulgarien
    für 50 Cent / Stunde in Berlin herstellen lassen? Das die Kleidung dann
    mehr kostet als die Billigware aus China versteht sich von selbst.
    Interessant in diesem Zusammenhang ist aber, dass die Preise weit
    entfernt sind von denen der „Öko-Luxus-Loha-Klamotten“, die Sie in Ihrem
    Text beschreiben.

    Nun denn, vielleicht beschäftigen Sie Sich an anderer Stelle noch einmal
    wirklich mit dem Thema und schauen ein wenig hinter die Kulissen, in der
    Zwischenzeit hätte ich gerne zumindest eine Korrektur.

    Bitte berichtigen Sie folgendes:
    Magdalena Schaffrin hat Ihren Firmensitz in der Neuköllner Sanderstraße.

    Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen
    Sabine Hülsebus

  • Letztes Karl-Marx-Straßen-Event:

    „Dort sind sie zu Hause, in Woolworth-Jeans (zumeist Ausverkaufsware bis 49 DM) und von Raubzügen auf AL-Volksvertreter erbeuteten Schlabberpullis.“ (Der frühere Neuköllner CDU-Bürgermeister Arnulf Kriedner)

    Die Neuköllner Karl-Marx-Strasse hat die größte Dichte an Handyläden und Schnäppchenmärkten, dafür machten dort mehrere Kaufhäuser dicht. Nun gibt es jedoch eine Initiative von Gewerbetreibenden, mit Geldern vom Senat: die „Aktion! Karl-Marx-Strasse“ mit dem „Leitbild 2020“. Dieses verspricht, dass die Einkaufsstraße „wieder erfolgreich“ und sogar „ein junges, buntes Hauptzentrum Berlins sein wird“. Zu den „Revitalisierungs-Maßnahmen“ gehörten am vergangenen Wochenende drei „Mode-Events“: In dem allzu schwach frequentierten „Arcaden“-Komplex hatte Christoph Böhm (Galerie „bauchhund“) eine „Laufsteg-Bühne“ aufgebaut, mit der die Passanten auf einem roten Teppich à la Wowi ins Innere des „Centers“ gebeten und mit „Scheinwerferlicht und Blitzlichtgewitter“ empfangen wurden. Mehrere Monitore übertrugen ihr dummes Gesicht. Das Medienereignis hieß denn auch „Neukölln zeigt Gesicht“. In der leerstehenden Alten Post schräg gegenüber fand derweil im Foyer „Threading Trends Berlin“ statt – mit Textilkunst aus Berlin und New York, einer „Nacht und Nebel“-Aktion und einer „Anarcho-Häkelrunde“ von Amy J. Klement. Die Publikumsmassen zog es indes nach oben in die Schalterhalle – zur Modemesse „Neukölln zieht an“. Eine Initiative des Vereins „Wirtschaft und Arbeit in Neukölln“ und des Bezirksamts, Abteilung Wirtschaftsförderung, die von der Projektmanagerin Sabine Hülsebus organisiert wurde. Die Veranstalter hatten sich ein professionelles „Kuratorium“ geholt: die Galeries Lafayette, eine Modeschule, eine Event-Agentur, ein Modeförderverein, ein Fashion-Week-Ausrichter und eine Senatsverwaltung. Das kostetete – und deswegen war die Liste der Sponsoren noch länger: C&A, eine Model-Agentur, eine Reinigungsfirma, ein Stadtmarketing-Büro usw.. Das Kuratorium wählte aus den vielen wegen der billigen Mieten im „Problembezirk“ angesiedelten Mode-Designern, die sich beworben hatten, „die 25 besten aus“. 15 bekamen jeweils einen Stand und 10 einen Gemeinschaftsstand. Für die Teilnahme mußten sie 50 Euro zahlen, dafür bekamen sie kostenlos Werbung, u.a. die „Abendschau“, und einen Beitrag im Katalog („Lookbook“). Quer durch die Schalterhalle hatte man zudem einen „Catwalk“ gebaut, auf dem Models beiderlei Geschlechts ihre Entwürfe vorführten. Zwei Designer präsentierten Herrenmode. Anschließend wurde ein Preis verteilt – an die „Ökoluxus“-Modemacherin Magdalena Schaffrin aus der Neuköllner Auguststrasse. Sie darf ihre Loha-Klamotten nun drei Monate lang im Kaufhaus Lafayette verkaufen. „Das Ganze war ein großer Erfolg und eine gelungene Standort-Maßnahme,“ meinte die Projektmanagerin anschließend. Am Tag darauf machte das FAZ-Feuilleton leider mit einem großen Mode-Artikel auf, dessen erster Satz da lautete: „Die Wirtschaftskrise wird die Mode verändern.“ Der auf Georg Seeßlens Thesen zur globalen Prostitution im Neoliberalismus basierende Text von Ingeborg Harms kam zu dem Schluß: „Man übte sich darin zu blenden…Alles reimte sich auf Sport und Sexappeal.“ Aber nun sei „diese Ästhetik auf den Laufstegen genauso abgemeldet wie auf den Straßen…Phantasien von Aufbruch, Flucht und Rückzug auf das Essentielle liegen in der Luft: zum Beispiel Landleben und Selbstversorgung. Eskapismus ist die stilvolle Antwort auf ein leeres Konto.“ Kaum haben wir gelernt, was das US-Wort „Loha“ überhaupt heißt – in der taz erst vor wenigen Wochen: „Lifestyle of Health and Sustainibility“, da müssen wir uns von „Gesundheit“ und „Nachhaltigkeit“ auch schon wieder verabschieden, erst recht von allem „Ökoluxus“-Fummel. Das trifft den Kudamm, die Friedrichstraße, die Schloßstraße und die Karl-Marx-Allee schwer – erst recht die Neuköllner Karl-Marx-Straße und ihr brandneues „Leitbild ‚jung, bunt, erfolgreich – handeln, begegnen, erleben'“. Macht aber nichts. „Vom Ernst des Lebens halb verschont/ist der schon, der in Neukölln wohnt!“ heißt es in einem Beitrag von Thomas Kapielski aus der Weserstraße zur „Inventur“-Ausstellung des Neuköllner Heimatmuseums.

  • Manager müssten sich wie „Raubtiere“ benehmen, die jetzige Ordnung basiere auf „Banditentum“, sei „irrational“ – Alain Badiou über das derzeitige Krisenspektakel:

    So wie man sie uns präsentiert, ähnelt die globale Finanzkrise einem dieser schlechten stereotypen Filme, der von der Erfolgsfabrik ausgeheckt wurde, und die man heute das „Kino“ nennt. Nichts fehlt, inklusive der überraschenden Wendungen, die für Angst und Schrecken sorgen: Unmöglich ist es, den Schwarzen Freitag aufzuhalten, alles bricht zusammen, alles wird zusammenbrechen? Aber die Hoffnung bleibt. Im Vordergrund, verstört und zusammengedrängt wie in einem Katastrophenfilm, die Schar der Mächtigen, die Feuerwehrmänner des Finanzbrands – Sarkozy, Paulson, Merkel, Brown, Trichet und andere -, die tausende Milliarden in das Loch stecken. „Rettet die Banken!“ Dieser edle, humanistische und demokratische Ruf schallt aus der Brust jedes Politikers und Journalisten. Ein Happy End, ich glaube und fühle es, ist für die direkten Akteure des Films, das heißt für die Reichen, ihre Dienerschaft, ihre Parasiten, für diejenigen, die sie beneiden, und für diejenigen, die sie beweihräuchern, sowohl in Anbetracht der Welt als auch der Politiken, die sich in ihr entfalten, unausweichlich.

    Wenden wir uns vielmehr den Zuschauern dieser Show zu, der sprachlosen Masse, die das Halali der in Bedrängnis geratenen Banken wie einen weit entfernten Lärm vernimmt, die von den wirklich ermüdenden Wochenenden der kleinen glorreichen Truppe der Regierungschefs eine bloße Ahnung hat. Sie sieht die astronomischen und unverständlichen Summen an sich vorbeiziehen und vergleicht sie automatisch mit den eigenen Ressourcen, oder sogar, bei einem sehr beachtlichen Teil der Menschheit, mit der eindeutigen Nichtressource, die den bitteren und zugleich tapferen Boden ihres Lebens ausmacht. Ich behaupte, dass dort das Reale ist und dass wir zu ihm nur Zugang haben werden, wenn wir uns von der Leinwand des Spektakels abwenden, um die Masse jener zu berücksichtigen, für die der Katastrophenfilm samt seinem kitschigen Ausgang (Sarkozy küsst Merkel und alle Welt weint vor Glück) niemals etwas anderes als ein Schattenspiel war.

    Man hat diese Wochen oft von der „Realwirtschaft“ (der Produktion der Güter) gesprochen. Man hat ihr die irreale Ökonomie (die Spekulation), von der das Übel ausginge, gegenübergestellt, da ihre Vertreter „unverantwortlich“, „irrational“, „Raubtiere“ geworden seien. Diese Unterscheidung ist absurd. Der Finanzkapitalismus ist seit fünf Jahrhunderten ein wichtiger Teil des Kapitalismus im Allgemeinen. Was die Eigentümer und Manager dieses Systems angeht, so sind sie allein für Profite „verantwortlich“. Ihre „Rationalität“ ist an den Gewinnen messbar, und Raubtiere sind sie nicht einfach, sondern müssen sie sein. Es gibt folglich im Warenlager der kapitalistischen Produktion nichts „Realeres“ als auf ihrer Handelsetage oder in ihrer Spekulationsabteilung.

    Die Rückkehr zum Realen kann nicht in der Bewegung, die von der schlechten „irrationalen“ Spekulation zur gesunden Produktion führt, bestehen. Es ist die Rückkehr zum unmittelbaren und reflektierten Leben all derer, die diese Welt bewohnen. Von dort aus kann man den Kapitalismus samt dem Katastrophenfilm, den er uns in der letzten Zeit aufzwingt, beobachten, ohne schwach zu werden. Das Reale ist nicht dieser Film, sondern das Publikum.

    Was sieht man, wenn wir uns abwenden oder zurückwenden? Man sieht, und das ist, was man sehen nennt, einfache und seit langer Zeit bekannte Dinge: Der Kapitalismus ist nichts als Banditentum, irrational in seinem Wesen, verheerend in seinem Werden. Schon immer hat er sich einige kurze Jahrzehnte des bestialisch ungleich verteilten Wohlstands mit Krisen, in denen astronomische Wertmengen verschwanden, mit blutigen Strafexpeditionen in alle Zonen, die ihm strategisch wichtig oder bedrohlich erschienen, oder mit Weltkriegen, in denen er sich erholt hat, bezahlen lassen. Lassen wir dem so gesehenen Krisenfilm seine didaktische Kraft. Kann man angesichts des Lebens der Menschen, die ihn anschauen, noch wagen, uns ein System anzupreisen, das die Organisation des kollektiven Lebens den niedrigsten Trieben, der Habsucht, der Rivalität, dem mechanischen Egoismus, überlässt? Die Lobrede auf eine „Demokratie“ zu halten, in welcher die Regierenden so ungestraft die Diener der privaten Gewinnaneignung sind, dass sie selbst Marx erstaunt hätten, der dennoch bereits vor 160 Jahren die Regierungen als „Agenten des Kapitals“ bezeichnet hat? Zu affirmieren, dass es unmöglich ist, das Loch der „Sozialversicherung“ zu stopfen, aber dass man, ohne zu zählen, Milliarden in das Loch der Banken stopfen muss?

    Die einzige Sache, die man sich in dieser Angelegenheit wünschen kann, ist, dass sich diese didaktische Macht in den Lektionen wiederfindet, die die Völker und nicht die Bankiers oder die Regierungen, die ihnen dienen, und die Zeitungen, die den Regierungen dienen, aus dieser düsteren Szene ziehen. Ich sehe zwei Ebenen dieser Rückkehr zum Realen. Die erste ist deutlich politisch. Wie der Film gezeigt hat, steht der „demokratische“ Fetisch im geschäftigen Dienst der Banken. Sein wahrer Name, sein technischer Name, den ich seit langer Zeit vorschlage, lautet: Kapital-Parlamentarismus. Es ist folglich angebracht, eine Politik anderer Natur zu organisieren, wie es seit zwanzig Jahren viele Experimente zu tun begonnen haben.

    Sie ist in großer Distanz zur Staatsmacht und wird es ohne Zweifel lange Zeit sein, aber das macht nichts. Sie beginnt nah am Realen, durch die praktische Allianz der Menschen, die am Unmittelbarsten bereit dazu sind, sie zu erfinden: die neuen Proletarier, die aus Afrika oder von woanders herkommen, und die intellektuellen Erben der politischen Kämpfe der letzten Jahrzehnte. Sie wird sich Punkt für Punkt erweitern, entsprechend dem, was sie zu tun fähig sein wird. Sie wird in keiner Weise eine organische Beziehung zu den bestehenden Parteien unterhalten und zu dem Wahl- und institutionellen System, das sie am Leben erhält. Sie wird die neue Disziplin derjenigen erfinden, die nichts haben, ihr politisches Vermögen und die neue Idee dessen, was ihr Sieg sein würde.

    Die zweite Ebene ist ideologisch. Man muss das alte Verdikt umkehren, nach welchem wir am „Ende der Ideologien“ seien. Wir sehen heute sehr deutlich, dass dieses angebliche Ende keine andere Realität hat als das Ordnungswort „Rettet die Banken“. Nichts ist wichtiger, als die Leidenschaft der Ideen wiederzufinden und sich der Welt, so wie sie ist, mit einer allgemeinen Hypothese, der antizipierten Gewissheit eines ganz anderen Laufs der Dinge, entgegenzustellen. Gegen das bösartige Spektakel des Kapitalismus setzen wir das Reale der Völker, der Existenz aller in der eigentlichen Bewegung der Ideen. Das Motiv einer Emanzipation der Menschheit hat nichts von seiner Kraft verloren. Sicherlich, das Wort „Kommunismus“, das lange diese Kraft bezeichnet hat, ist erniedrigt und verkauft worden.

    Aber heute dient sein Verschwinden nur den Verfechtern der Ordnung, den fiebrigen Akteuren des Katastrophenfilms. Wir werden es in seiner neuen Klarheit wieder auferstehen lassen. Das ist bereits seine alte Tugend. Denn wie Marx vom Kommunismus sagte, bricht er „am radikalsten mit den überlieferten Ideen“ und lässt eine Assoziation hervortreten „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Totaler Bruch mit dem Kapital-Parlamentarismus, nah am Realen der Völker erfundene Politik, Souveränität der Idee: alles ist da, das uns vom Krisenfilm freimacht und uns der Fusion lebendigen Denkens und organisierter Aktion übergibt.

    Übersetzung: Frank Ruda

  • soxoniaphönix vor stadt wehlen.
    joo das sieht blöd aus

    die menschen sind nicht alle freundlich oder respektvoll.
    aber es geht gut

    ich hab ein vogel beim eichelrunterwürgen
    zwar reicht die entfernung, aber ich hab mich dennoch gegen ein mikro und fürs tele entschieden

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