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vonHelmut Höge 26.04.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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1. Die Kleine Aussteigerfibel

Trotz eines starken  Trends zum „Aufsteigen“ wurden in der BRD in den  Siebzigerjahren etliche Ratgeber für „Aussteiger“ veröffentlicht. Es gab sogar einen Verlag, der darauf quasi spezialisiert war: Werner Piepers „Grüne Kraft“, mit seiner Zeitschrift „Kompost“. Von ihm stammt der Parteiname „Die Grünen“ – anfänglich war sein Verlag, den es noch immer gibt,  ein Versandhandel für marokkanisches (grünes) Haschisch.

Die berühmteste „Aussteigerfibel“, also ein mehr oder weniger praktischer Ratgeber für Leute, die aufs Land ziehen wollten, um sich dort, meist im Kollektiv, eine  Subsistenzwirtschaft aufzubauen, war John Seymours „Das große Buch vom Leben auf dem Land“ (1975). Es wird jetzt auch noch von André Meier – in seiner „Kleinen Aussteigerfibel. Landleben für Anfänger von A bis Z“ – empfohlen. Der Ostberliner Dokumentarfilmer, der mit Jürgen Kuttner die „Videoschnipsel“-Vorträge erfand, zog vor zehn Jahren zusammen mit der Journalistin Anja Baum, nach Vorpommern, wo die beiden sich seitdem, von immer mehr Nutztieren und -pflanzen umgeben, in das Landleben einarbeiten.

Im Westen erschien 1977 der dicke Alternativratgeber „Whole Earth Catalogue“, aus dem dann eine „Review“ wurde. Heute betreibt ihr Herausgeber den web-blog: „Cool Tools“. Überhaupt ist das Internet für „Aussteiger“ in Ost und West fast unentbehrlich geworden – egal, ob es um Probleme beim Heizungsbau, um Busabfahrzeiten oder die Schafshaltung geht. Unter den linken Schäfern gilt jedoch ein vor langer Zeit von einem Biologen der Humboldt-Universität veröffentlichtes Buch über Schafe immer noch als das Brauchbarste, Meier erwähnt es leider nicht, wahrscheinlich weil er zwar Hühner, Kaninchen und ein Pferd hält, aber keine Schafe.

Seine „Aussteigerfibel“ unterscheidet sich von den westdeutschen vor allem dadurch, dass es nur in Maßen „alternativ“ ist. In der BRD gab es zwei Sorten von Stadtflüchtlinge: junge, mittellose Aussteiger und wohlhabende, ältere Mittelschichtler. Beide wären geeignet,  den sozialen Raum „Dorf“ wieder zu revitalisieren, nach seiner kulturellen Verwüstung in den 50er- und 60er-Jahren, meinten die Autoren einer  Studie über „Das hessische Dorf“ in den 80er-Jahren. Sie setzten allerdings ihre Hoffnung vor allem auf die ersteren – die „Landkommune-Bewegung“. Denn während diese sich bemühte, von den letzten Bauern zu lernen, wollten die anderen sie darüber belehren, wie man sich fortan anständig benimmt, wenn man nicht mehr die Mehrheit im Dorf hat: dass man Kühe nicht durchs Dorf treibt z.B., weil ihre Scheiße stinkt und die Autos verschmutzt, und dass Hähne erst ab 9 Uhr morgens krähen dürfen. Das diesbezügliche Gerichtsurteil, von so einem aufs Land gezogenen Neureichen in Zeven erwirkt, findet sich auch in Meiers „Aussteigerfibel“, in dem der Autor jedoch noch eine weitere Unterscheidung trifft: Zwischen den Stadtflüchtlingen, die sich lernwillig ins dörfliche Soziotop integrieren wollen und einer anderen „Aussteigerfraktion“, die „aus missionarischem Eifer oder schnödem pekuniären Interesse“ lehrbegierig übers Land zieht, um den dort „Sinn- und Trostsuchenden seelische Erquickung“ aufzudrängen. Meier bezeichnet sie als „Abzocker aus der Esoterikbranche“, die „per Mundpropaganda“ durch die ländliche Aussteigerscene geschoben werden.

Ja, es gibt im Osten inzwischen eine ganze Aussteigerscene – bestehend aus Querulanten und sonstwie Vereinsamten, aus Künstlern und Intellektuellen, Paaren und Kollektiven. Das begann auch dort schon in den Siebzigerjahren, hat nun aber etwas mit den seit der Wende immer günstiger werdenden Immobilienpreisen im Osten zu tun, auf die Meier an einer Stelle seiner „Fibel“ ebenfalls zu sprechen kommt. Mit der aktuellen Finanzkrise dürfte sich dieser postmoderne Trend „Landluft macht frei!“ sogar noch verstärken – wenn man der FAZ-Autorin Ingeborg Harms glauben darf, die neulich in einem langen Artikel – über die neuen Frühjahrskollektionen – schrieb: „Die Wirtschaftskrise wird die Mode verändern.Man übte sich darin zu blenden…Alles reimte sich auf Sport und Sexappeal. Aber nun sei „diese Ästhetik auf den Laufstegen genauso abgemeldet wie auf den Straßen…Phantasien von Aufbruch, Flucht und Rückzug auf das Essentielle liegen in der Luft: zum Beispiel Landleben und Selbstversorgung. Eskapismus ist die stilvolle Antwort auf ein leeres Konto“.

Wenn dieser „Trend“ anhält, dann könnte es sogar in Meiers Wohnort „Dorotheenwalde“ bald eng werden – was jedoch dem Verkauf seiner „Aussteigerfibel“ zugute kommen dürfte. Dort heißt es aber erst mal noch: Reduzieren Sie Ihren alten  Bekanntenkreis  „auf ein Dutzend wirklich liebenswerte Menschen (d.h. auf ein dörflich verträgliches Maß). Mit ihnen in Kontakt zu bleiben, in ihnen Verständnis zu wecken für Ihre neue weltabgeschiedene Existenz, für Ihr minimalistisches Kommunikationsgebaren, für Ihre textile Verwahrlosung, für Ihr plötzliches Desinteresse an Szeneklatsch und Promitratsch, wird schon schwer genug.“ Das Landleben verlangt einem Stadtflüchtling neben einem solchen oder ähnlichen Reduktionsprogramm aber noch weit mehr ab. Dazu heißt es an einer Stelle – über die Arbeit im eigenen Garten: „Nur so viel sei gesagt: Wer nicht spätestens an seinem zweiten ländlichen Weihnachtsfest zur selbst geschlachteten Gans oder Ente die eigenen Lagerkartoffeln aus dem Keller holen und dazu den frisch geernteten, vom Nachtfrost veredelten Grünkohl legen kann, hat was falsch gemacht.“

Während im Westen einst der Bericht „Die vielen Dinge machen arm“ des aufs Land gezogenen Frankfurter Schriftstellers  Peter Mosler vor allem moralisch daherkam, macht sich Meier darüber Gedanken, was man z.B. tun kann, wenn das Huhn Fieber hat: Erst mal „huehner-info.de“ anklicken, denn der Tierarzt ist teuer, andererseits sollte einem das Huhn lieb sein, denn  „nicht nur der Leib, auch die Seele kann aus der Hühnerhaltung Nutzen ziehen.“ In Brandenburg leben inzwischen schon mehr Hühner als Menschen – und dabei wurden nur die in den Großbetrieben gezählt, von denen es dort eine wachsende Zahl gibt.

Meier ist deswegen wohl zuzustimmen, wenn er meint, „immer öfter wird die industrialisierte Landwirtschaft zur eigentlichen Bedrohung für das dörfliche Leben.“ Die einen begrüßen das, weil sie sich davon einen Arbeitsplatz in nächster Nähe erhoffen, den anderen wird damit jedoch die rurale „Lebensqualität“ empfindlich geschmälert. Ähnlich ist es mit der wachsenden Zahl von Windkraftanlagen, die in Süddeutschland geplant und vorfinanziert – aber in Ostdeutschland, zu ganzen „Clustern“ gebündelt, aufgestellt werden, wodurch sie den Nächstwohnenden Aussicht und Ruhe rauben. Dem noch frischen „Aussteiger“ rät Meier: „Stellen Sie sich auf keinen Fall an die Spitze des Widerstands, sondern suchen Sie rechtzeitig den Kontakt zur Dorfbevölkerung. Halten Sie sich an die alte Mao-Weiheit: ‚Der Revolutionär muss sich in den Volksmassen bewegen wie ein Fisch im Wasser‘. Werden Sie deshalb (erst einmal) Mitglied im örtlichen Angelverein.“

All das kostet natürlich Zeit und Geld, es wäre aber eine schlechte „Aussteigerfibel“, wenn der Autor darin nicht auch auf „einen der problematischsten Aspekte des Landlebens“ zu sprechen käme – auf das „Geld“, d.h. auf das Problem, wie man z.B. auch im strukturschwachen Vorpommern Geld verdienen kann. Dazu bittet er seine Leser, sich einer der folgenden vier Gruppen zuzuordnen: „1. Kann mehr als 73 Liegestütze und einen Nagel ohne Blutvergießen in die Wand einschlagen. 2. Ich weiß, was HTML ist. 3. Ich möchte irgendwas mit Kunst machen. 4. Bin blond, jung, schön und habe Körbchengröße D. 5 Nichts von allem trifft auf mich zu.“ U.a. schlägt Meier dann Nr. 4 vor, sich mit Nr. 2 zusammen zu tun: „Da schon einfache Standaufnahmen von halbleeren Storchennestern in Internet sechsstellige Zugriffzahlen erreichen, müßte der Webauftritt einer attraktiven  Jungbäuerin von den User-Scharen geradezu gestürmt werden.“ Für die Nr. 3 – „Kunst-machen-wollen“ und damit „Geld-verdienen-Können“ – ist inzwischen auch die Dorfbevölkerung laut Meier durchaus ansprechbar. Und es gibt dort mittlerweile auch schon genug staatlich anerkannte Bildungsträger mit Fördermitteln, denen ein aufs Land gezogener Künstler sein „Projekt“ andienen kann: „Seien Sie flexibel, packen Sie Ihr ästhetisches Credo in ein griffiges Kursprogramm und werden Sie vorstellig. Lassen Sie erwerbslose Schweinemastfacharbeiter nach Wassily Kandinskys Farbenlehre Sushi rollen, flechten Sie mit xenophoben Jugendlichen aus Weidenruten die El-Aksa-Moschee, oder klären Sie in Diavorträgen rechtsradikale Schulabbrecher über die multikulturellen Wurzeln ihrer Oberarm-, Rücken- und Gesäßtattoos auf: der Drache und sein Weg über China, die Mongolei, Vorderasien und Rom auf den Arsch von Kevin und Doreen.“

Erst einmal gilt jedoch, um nicht trübsinnig in der neuen Einöde zu werden: „Rammen Sie feste Pflöcke in Ihr neues Leben, besorgen Sie sich einen Hund!“ Denn „nichts geht über ein flauschiges Hundefell, wenn Sie, frisch verlassen, Ihre Tränen trocknen müssen.“ Außerdem hält er „Zeugen Jehovas und fliegende Teppichhändler auf Abstand…Kurzum, ein Hund ist nützlich.“ Schon allein deswegen, weil man sein Herz nicht an ein Huhn, Kaninchen oder Lamm verschenken sollte. „Hier gilt die alte ostpreußische Bauernregel: Mit Essen spricht man nicht!“ Nehmen Sie stattdessen lieber an den Gemeinderatsversammlungen teil – damit dort nicht wohlmöglich über ihren Kopf hinweg irgendein Blödsinn  entschieden wird. Überhaupt ist in der „Aussteigerfibel“ viel davon die Rede, wie man sich ins dörfliche Leben einklinkt – und es werden dabei keine Stadt-Kollektive sondern -Individuen bzw. -Paare angesprochen.

Der Autor lebt jedoch inzwischen lange genug auf dem Land, um zu wissen, „ein Großteil der auf dem Immobilienmarkt angebotenen Einfamilienhäuser stammt aus zerrütteten Partnerschaften, es sind Scheidungsobjekte.“ Was, wenn ein solches Objekt nun erneut von einem Pärchen bezogen wird, das sich schon nach kurzer Zeit nicht mehr grün ist – weil Er alles besser weiß oder Sie sich dort entsetzlich langweilt? In jedem Fall gilt: „Ist der häusliche Friede dahin, ist auch die ländliche Idylle futsch…Dann nämlich beginnt meist ein zäher, nervenaufreibender Kampf um eben jene vier Wände, in denen sich das traute Glück verflüchtigt hat.“ Daneben sucht man Trost in der nahen oder entfernteren Nachbarschaft: „Zwar sind in der Provinz der Versuchung Grenzen gesetzt, doch hin und wieder findet sich sogar in der raren Zahl junger Dorffrauen die eine oder andere, die für eine Affäre mit einem unglücklich liierten Stadtflüchtling empfänglich ist.“ Laut Meier kann „die Liebe zu einer lebenstüchtigen Jungmelkerin ein Labsal bedeuten.“  Und wenn daraus eine gemeinsame Existenz wird, dann haben wir eine fast perfekte Integration eines Städters in ein Dorfmilieu vor uns. Darum scheint es dem Autor mit seiner „Kleinen Aussteigerfibel“ im Gegensatz zu den ganzen westdeutschen Vorläufern zu gehen. Diese zogen zwar aufs Land, wollten  aber auf Distanz zu den dort bereits Lebenden bleiben. Die meisten kehrten dann auch nach einiger Zeit wieder reumütig  zurück in die Stadt und in ihre „Scene“, so dass die westdeutsche Alternativ- bzw.  Landkommunen-Bewegung im wesentlichen eine Episode blieb, von der das Dorf außer einer kleinen Abwechslung und einem vorübergehenden Gesprächsstoff nicht viel hatte.

2. Das sündige Dorf

n den Siebzigerjahren beschloß ich, wie so viele andere und dabei sicherlich von der US-Ökobewegung ebenso beeinflußt  wie von der chinesischen Kulturrevolution, aufs Land zu ziehen. In der Wesermarsch blieb ich einmal fast ein Jahr bei einem Bauern. Vorher hatte ich eine zeitlang in einer Landkommune im Nachbardorf – Magelsen – gewohnt, die sich langsam eine „alternative Landwirtschaft“ aufbauen wollte.  Von dort war ich dann mit einem Pferd, das mein Gepäck trug, aufgebrochen, um ihm die Welt zu zeigen und erst mal die „normale Landwirtschaft“ gründlich kennen zu lernen – bevor ich mich in eine „alternative“ stürzte.

Ich kam zunächst jedoch nur drei Kilometer weit – bis zu Dirk, so hieß der Bauer.  Eigentlich sollte ich ihm bloß einige Wochen lang bei der Ernte helfen. Aber Dirk war ein guter Ausbilder – und Kumpel. Sogar um mein Pferd bekümmerte er sich: Er besorgte ein Pony, damit es nicht so alleine auf der Weide stand. Dirk bewirtschaftete einen 100-Hektarhof, der seiner  Frau Edith gehörte. Sie spielte in der Kreishandball-Liga. Dirk traf sich währenddessen regelmäßig mit Doris, der Tochter eines Knechts aus dem Nachbardorf. Als ich bei ihm anfing zu arbeiten, trat er sie jedoch quasi an mich ab. Im Morgengrauen, nach einem Dorffest, gingen Doris und ich an den Deich und küssten uns. Dort stand ein kleines windschiefes Haus, das früher drei alten Frauen gehört hatte, die ein Bordell für Flußschiffer betrieben. Danach mieteten es vier junge Feministinnen aus Bremen. Sie waren selten dort, ich kannte sie aber – über Dirk, der ihnen manchmal Geräte lieh. Sie experimentierten mit Volksmedizin, sammelten Kräuterdrogen und trieben ihre Schwangerschaften selbst ab – mit einer Fahrradluftpumpe. Irgendwann fingen sie dann ein Medizinstudium in Hamburg an und kamen nur noch selten in ihre „Hexenhütte“ am Deich. Doris und ich drangen in ihr Haus ein. Ich ging davon aus, daß die vier Frauen mir einen kleinen Einbruch nicht übelnehmen würden. Danach trafen Doris und ich uns fast täglich. Meistens kam sie im Dunkeln an mein Zimmerfenster, das sich im Erdgeschoß des Wohnhauses von Dirk und Edith befand, und stieg dann zu mir ins Bett. Sie machte eine Lehre als Tischlerin in der Kreisstadt. Wenn wir zu laut wurden, stellte Edith nebenan im Wohnzimmer taktvollerweise den Fernseher lauter oder verließ den Raum.

Dirk saß abends meist in der Kneipe. Es gab zwei im Dorf: eine für Bauern, eine für Knechte, und darüberhinaus noch Annis – nichtangemeldeten – Küchen- Ausschank. Dort saß Dirk am Liebsten. Meistens gingen wir nach der Arbeit erst mal zusammen in die Knechts-Kneipe. Bevor ich zu betrunken und müde wurde, verließ ich ihn aber. Dirk rief mir dann nach: „Sag Edith, ich komme auch gleich!“ Die Knechts-Kneipe wurde von Achim und seiner Freundin Ella bewirtschaftet. Sie arbeitete nebenbei noch auf einer Autobahnraststätte. Achim machte mit Dirk Lohndrusch-Geschäfte und trank gerne mit ihm. Zu Hause mußte ich manchmal Edith trösten. Ich half ihr beim Abwasch und plötzlich fing sie an zu weinen. Erschrocken streichelte ich ihr die Schulter. Einmal hackte ich mit ihr und zwei anderen Frauen aus dem Dorf ein 10-Hektar-Zuckerrübenfeld. Am Ende jeder vierten Reihe hatten sie eine Doppelkorn-Flasche zu stehen. Am Ende unserer Arbeit wußte ich, wer wen mit wem im Dorf betrog. Gelegentlich traf sich Dirk nachts noch mit Doris, das machte mich irgendwann eifersüchtig. Einmal waren die beiden zusammen auf dem Heuboden – und ich mußte sie von unten am Förderband mit Heuballen bedienen. Um sie beschäftigt zu halten, beförderte ich die Ballen immer schneller hoch, ich schuftete wie ein Stachanowist, und stellte an dem Tag einen neuen Ballenrekord auf. Nur war ich hinterher völlig erledigt.

Dirk brachte mir alles mögliche bei – schweißen, mauern, tischlern, Geräte reparieren, und wie man z.B.  den Traktor rückwärts fahren läßt und dann selbst den Anhänger ranhängen kann. Auf die Weise konnte man alleine aufs Feld rausfahren. Ich lernte auch, Ferkel zu kastrieren und den Tieren Spritzen zu geben. Einmal fuhren wir nach Lüneburg und bauten in einem pleitegegangenen Heide-Schweinemasthof für 100.000 DM Futterautomaten aus. Dirk behauptete, es wäre alles rechtens. Ständig mußte irgendetwas besorgt, umgebaut oder ausgebaut werden. „Der Betrieb läuft noch nicht rund,“ erklärte Dirk mir immer wieder.

Auf dem Hof des Schwiegervaters versammelten sich im Herbst die Frauen des Dorfes um Edith und schlachteten gemeinsam ihr Geflügel. Sie standen in einer Wolke von Federn und Blut, tranken Korn und machten böse Bemerkungen über alle Männer, die dort vorbei kamen. Je nach Alter: witzig, ironisch oder zynisch. Auch ich bekam mein Fett ab. Ein Polizist aus der Kreisstadt hatte im Jagdverein damit geprahlt, daß er öfter mit Doris schlafen würde. Der eingeheiratete Dirk wollte daraufhin – durchaus klassenbewußt, er war Sozialdemokrat – die Ehre der Knechtstochter Doris wiederherstellen, konnte sich dabei jedoch begreiflicherweise nicht richtig ins Zeug legen. Irgendwie schaffte er es dann aber doch – mit Achims Hilfe. Das hatte jedoch nur zur Folge, daß der Polizist fortan hinter mir her war: Immer wieder kontrollierte er mich, wenn ich mit Dirks Opel unterwegs war. Doris war ein prima Kumpel und sie erregte mich zudem, wenn ich sie nur ansah. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, daß sie mich nicht ganz für voll nahm. Vielleicht lag es an dem komplizierten Herr-Knecht-Verhältnis, ganz sicher aber auch daran, wie ich in der Wesermarsch war: Es sollte nur eine kurze Etappe für mich sein und ich schwankte zwischen Über- und Unteridentifizierung mit Dirks Landwirtschaft. Um mich länger zu halten, gab er mir gelegentlich ein Schwein zum Grundlohn dazu, das ich auf eigene Rechnung verkaufte. Außerdem meldete er mich bei der Berufsgenossenschaft als „Betriebshelfer“ an, als sein Schwiegervater eine Kur bewilligt bekam. An meiner Arbeit änderte sich dadurch nichts, aber ich bekam mehr Geld dafür. An sich brauchte ich aber nichts. Alles, bis hin zum Tabak, besorgte Edith, und in den Kneipen zahlte Dirk. Wenn ich ihm bis morgens Gesellschaft leistete, sagte er: „Lange Tage, kurze Nächte/ das ist was für Bauernknechte!“ Er weckte mich jedoch immer erst um sieben, obwohl es schon um sechs mit dem Füttern losging. Dirk beabsichtigte, über kurz oder lang die Regie für  beide Höfe vom Schwiegervater übertragen zu bekommen, aber der, obwohl bereits alt, zögerte noch. Sie stritten sich oft. Ich sollte vermitteln. Der Schwiegervater versuchte, mich auf seine Seite zu ziehen, aber ich fand ihn hinterhältig. Ihm waren einst bei Stalingrad die Zehen abgefroren.

Ein Mädchen aus der Nachbarschaft, Liane, schien sich für mich zu interessieren. Sie hatte schwellende Formen und einen Silberblick. Wir trafen uns an einer Feldweg-Kreuzung, wo sie Brombeeren pflückte. Auch sie hatte angeblich mal was mit Dirk gehabt: Zusammen mit der Tochter des reichsten Bauern im Dorf, der für die CDU im Landkreis saß, hatte sie mit Dirk und Achim sowie einigen anderen Jungbauern auf der Damentoilette der Knechts-Kneipe rumgemacht. Dirk selbst hatte dies mir gegenüber einmal angedeutet. Wobei sich mir erneut die Vorstellung eines derb-geilen Abenteuers aufgedrängt hatte – das in beschämendem Kontrast zu meinen eigenen harmlosen Zärtlichkeiten stand. Selbst der CDU-Landrat haute an der Theke der Bauern-Kneipe seiner Tochter wie eine Stute auf die Schenkel. Alles erregte mich, sogar wenn ich mein Pferd auf der Weide besuchte und meine Nase in ihr wohlriechendes Fell drückte.

Manchmal saßen wir – Edith, Dirk und ich – aber auch ganz harmlos und harmonisch abends im Wohnzimmer, tranken Tee, kuckten Fernsehen und diskutierten neue Anbauvorhaben, erwogen ihr Für und Wider. Einmal bezahlte die beiden mir sogar die Druckkosten für ein Flugblatt, das ich dann auf dem Tunix-Kongreß 1978 in Berlin verteilte, vorher halfen sie mir auch noch beim Zusammenfalten der 2000 Din-A-Drei-Blätter.

Es hätte endlos so weitergehen können. Im Spätherbst schaffte ich es dennoch, mich endlich aufzuraffen – und mit dem Pferd weiter zu ziehen: in Richtung Süden. Zwar arbeitete ich dann im darauffolgenden Jahr noch einmal einige Wochen bei Dirk und Edith auf dem Hof, aber diesmal ohne rechten Schwung. Dann brachte ich das Pferd zu Freunden in die Toskana und kaufte anschließend mit einer Freundin zusammen in Norddeutschland einen Traktor und einen Wohnwagen, den wir dort dann ausbauten. Anschließend machten wir uns mit dem Gespann wieder auf den Weg – erneut in Richtung Süden, wobei wir bis in den oberhessischen Vogelsberg kamen. Von Dirk und Edith hörte ich nie wieder etwas – bis 2004. Da erfuhr ich per mail von einem Magelser, dass Edith sich mit einem Wohnwagen davon gemacht hatte. Wenig später bekam ich dann auch eine Mail von ihr selbst –  obwohl sie diese Art von Kommunikation eigentlich nicht mochte, wie sie schrieb: Ihren Zirkuswagen hatte sie irgendwann verschenkt, zusammen mit dem Tränkeeimer meines Pferdes, den ich damals bei ihr auf dem Hof gelassen hatte – und lebt nun in einem festen Haus in der Nähe von Konstanz am Bodensee. Zur Zeit hat sie eine Vertretungsstelle als Berufsschullehrerin: „Ich unterrichte lernbehinderte Jugendliche im 1.-3. Lehrjahr Beiköchinnen/ Beiköche und Hauswirtschaftshelferinnen. Zu dem Job bin ich auf ungewöhnliche Art und Weise gekommen, richtig ausgebildet bin ich dafür nicht.“ Als sie wegen einer kleinen Operation ins Krankenhaus mußte, schickte ich ihr einige Bücher von Maria Mies – einer Soziologin aus Köln, die nun wieder in ihrem Geburtsort in der Eifel wohnt und über Feminismus, Subsistenzwirtschaft und  Dritte-Welt-Landwirtschaften schrieb. Edith arbeitet  ebenfalls an einem Buch, sie fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie einige Teile aus diesem Text hier darin verwenden würde…So dreht sich alles, eine Art agrarischer Neospiralismus.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/04/26/landluft_macht_freitips_fuer_aussteiger/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Um aber wieder auf das obige Thema zurückzukommen:

    Dazu möchte ich hier noch auf den taz-blog der „Aussteigerin“ und seit einigen Jahren im märkischen Oderland-Dorf Reichenow lebenden Filmerin Imma Harms hinweisen: „jottwehdeh“ heißt ihr blog. Sie beschäftigt sich ebenso wie Gabriele Goettle zur Zeit mit „Geld“ – und veranstaltete dazu neulich bereits einen ersten Workshop in Reichenow. Es ging ihr dabei um den auf Reziprozität beruhenden Gabentausch – gegenüber dem äquivalenten Warentausch.

    Außerdem glaube ich mich erinnern zu können, dass die Gruppe „Nichtkommerzielle Landwirtschaft“ (NKL) auf der „Lokomotive Karlshof“ (eine Gruppe ausgestiegener Diplomlandwirte) ebenfalls einen Workshop – zum Thema Landwirtschaft – plant.

    Aber vielleicht verwechsel ich das auch mit dem „Projekthof am Wukensee – Wukania“: Elf „Aussteiger“ und ein Pferd, die Teil des Netzwerks „Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit“ sind (www.gegenseitig.de).

  • Sie soll hier trotzdem erzählt werden:

    Steven K. wurde 1983 in Charlottenburg geboren. Anfangs wohnte er bei den Großeltern, seine Mutter hatte Drogenprobleme. Als er sechs wurde, nahm sie ihn zu sich nach Neukölln. Seine Mutter arbeitete inzwischen als Prostituierte, um sich Geld für Drogen zu beschaffen, 1994 wurde sein Bruder geboren, was der Mutter noch mehr „Probleme“ bereitete. Steven wurde oft von ihr verprügelt, auch ihre Männerbekanntschaften hielten sich nicht zurück. Er musste auf seinen kleinen Bruder aufpassen und wurde deswegen von seiner Mutter oft aus der Schule genommen. Sein Spielzeug verkaufte sie für Drogen.

    Nach vier Jahren hatte er „die Schnauze voll“ und machte ihr seinerseits „Stress“. Er hatte angefangen zu kiffen und begriff langsam einiges. Vor seiner Mutter hatte er „keinen Respekt mehr“, ihm fehlte „eine Autorität“, wie er rückblickend meint. Als er 15 wurde, schmiss seine Mutter ihn raus und sorgte überdies dafür, dass er kein „betreutes Wohnen“ vom Sozialamt bekam. Drei Jahre lebte er auf der Straße, eine Zeit lang in einer verlassenen Schule, wo er sich von der Außenbeleuchtung Strom abzapfte und auf dem Mädchenklo Hanf anbaute: zweieinhalb Kilo erntete er alle drei Monate, die er an einen Araber verkaufte.

    1999 bekam Steve seinen ersten Graffitiauftrag, gleichzeitig begann er damit, sich durch Raub zu finanzieren. „Mit Zeichnen und Malen hatte ich schon in der 6. Klasse angefangen. Der Auftrag kam vom Onkel eines guten Freundes, der einen Laden in der Budapester Straße am Zoo hatte. Dort lernte ich drei Jugendliche kennen, die andere Jugendliche abzogen, also überfielen. Mit denen bin ich mitgegangen. Da konnte man gut Geld mit machen. Eine Zeit lang bin ich dann alleine auf den Ku’damm gegangen – zum Abziehen. Ich war mit einem Messer bewaffnet und wurde bald gesucht – dann auch geschnappt Ende 1999. Wegen etwa einem Dutzend schwerer Raubüberfalle steckte man mich erst mal sieben Monate in U-Haft.

    Draußen habe ich anfänglich nur Tags gemacht, bis auf ein paar Bombings, damit mein Name überall bekannt wird – in der ganzen Stadt und darüber hinaus. Einmal habe ich irgendwo in einer märkischen Allee an einen Baum gepisst und dabei mit dem Messer meinen Namen reingeritzt. Drei Jahre später haute mich ein Freund an: ,Ey, ich habe deinen Namen neulich sogar an einem Alleebaum entdeckt‘ – ebenfalls beim Pissen.

    2001 hatte ich in Moabit meinen Prozess. Ich war noch Jugendlicher und bekam zwei Jahre auf Bewährung. Danach nahmen meine Großeltern mich wieder bei sich auf. Seitdem wohne ich bei denen in Moabit. Graffiti habe ich immer weiter gemacht, ich traf dabei Leute, die mich weitergebracht haben – nicht nur immer diese Standard-Bombings. Meine wurden dann immer bunter, ich habe mir die Hochglanzmagazine Backspin und Overkill geklaut. So was wie die dort abgebildeten Bombings und Buntbilder wollte ich auch machen. Zwischen 2001 und 2004 schaffte ich, was ich mir vorgenommen hatte, dass ich überall bekannt wurde.

    Der Kern der Graffitibewegung in Berlin bestand damals aus etwa 400 Leuten. Ich war zwar nicht der Beste, aber einer der Bekanntesten. Heute ist die Szene anders: Die Jungen kennen mich nicht mehr, und die Alten machen jetzt auch oft Kunst oder Auftragsgraffiti. Die Werte von damals sind verloren gegangen. In meinen Kursen im Jugendzentrum versuche ich, sie den Kids wieder nahezubringen. Dazu gehörte, dass man mit einem Bombing über ein Tag rübergehen durfte und mit einem Buntbild über ein Bombing. Einzelne haben auch das nicht geduldet, und andere haben sich nicht an diese Regel gehalten. Aber heute sind sie allgemein verschüttet.

    Es gibt so viele Leute, die sprühen – darunter verfeindete Crews. Früher gab es diesen Hass untereinander nicht. Man traf sich am Writerscorner in der Friedrichstraße oder am Alex. Gibt’s nicht mehr. Heute gibt es wieder eine Verbindung zum Hiphop, die Rapper spannen gerne Graffitikünstler ein, bei den arabischen ist das allerdings seltener der Fall. Die meisten neuen und guten Graffitikünstler kommen aus dem Osten, während die meisten Rapper aus dem Westen kommen.

    Auch das Material hat sich geändert: Früher waren die Dosen schweineteuer. Wir sind immer in die Baumärkte, haben uns eine Kiste vollgepackt und die dann in die Gartenabteilung zu anderen Kisten gestellt. Nachts sind wir dann übern Zaun gestiegen und haben unsere Kisten mit Dosen abgeholt. Das ging ein Jahr gut, dann haben die das gemerkt und wir haben die Dosen wieder einzeln geklaut. Heute gibt es Hersteller, die sehr gute Dosen sehr billig anbieten. Früher kostete eine 18 DM und jetzt 3 Euro 70 in besserer Qualität. Der Dosendruck ist auch höher geworden, sodass man damit schneller arbeiten kann. Für die meisten Graffiti an der S-Bahn, die bunten Linepieces, da braucht man aber immer noch eine Woche, wenn man ein bis zwei Stunden nachts an ihnen arbeitet.

    Graffitimalen ist bei mir mit der Zeit zu einer Sucht geworden: ich musste überall meinen Namen hinschreiben – ging nicht anders. Meine ganze Stadtorientierung lief bald nicht mehr über Straßennamen oder Gebäude, sondern über die Graffiti. Das machen viele Sprüher so: sie kucken beim S-Bahn-Fahren nach Graffiti – und ärgern sich über die Scheibenkratzer. Das habe ich auch eine Zeit lang gemacht, scheibenkratzen, es dann aber sein lassen: ich will auch rauskucken.

    Es gibt einige markante Gebäude in der Stadt, da reißen sich die Sprüher drum. Es hat zum Beispiel nur einer bisher geschafft, den Reichstag zu bemalen. Und der wurde gleich darauf geschnappt. Mich haben sie zehn Jahre lang gar nicht erwischt. Ich gehörte zu den Vorsichtigen – besonders wenn es um Züge, S-Bahnen und so was ging. Aber kürzlich bin ich mit einer Gruppe auf ein altes Industriegelände in Charlottenburg. Das war da schon fast eine Wall of Fame – also sah nicht besonders gefährlich aus. Gerade da haben sie mich aber erwischt. Und deswegen bekomme ich nun einen Prozess. Das war mein Ausstieg aus der Szene.

    Jetzt sprühe ich nur noch in meinem Keller oder im Malkurs, im Moabiter Jugendzentrum „VIP-Lounge“. Das Einzige, was ich sonst noch mache, ist, dass ich Aufkleber habe, die ich mitnehme und klebe – wenn ich z. B. durch Bayern fahre. Dafür hängen jetzt meine Bilder im Bundestag, in der Berliner Bank im Wedding, bei ein paar Privatleuten und in Arztpraxen. Oder ich male im Auftrag Wände oder Türen an – in Kinder- und Jugendclubs, das sind meine Hauptauftraggeber. Die Arbeit mit den Kids macht mir Spaß, ich versuche, sie von den ganzen Fehlern abzuhalten, die ich selber gemacht habe.

    Killroy was here!, damit fing alles an – gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, ein Ami war das. Inzwischen sind die meisten Graffiti – zumal an S-Bahn-Strecken und Autobahnen – eindeutig eine Verschönerung. Es gibt viele Graffitikünstler, die nur auf Droge arbeiten können – Amphetamine meistens, ich habe immer nur Zigaretten und Haschisch gebraucht. Dazu kommt der Adrenalinausstoß: andere Leute sind zwei Stunden ins Kino gegangen, ich bin über die S-Bahn-Strecke geschlichen. Das ist auch schlimmer geworden: Früher konnten wir uns noch vor dem ,Wachschmutz‘ hinterm Busch verstecken. Heute fliegt der BGS mit Wärmebildkameras über die Strecken. Und sie stellen Fallen auf: etwa einen Stadtrundfahrtbus, der nachts auf offener Strecke – vorm Ostkreuz – hält. Da denkt doch jeder: Den muss ich machen, da fährt mein Bild um die ganze Stadt. Und zack! haben sie ihn.

    Seit 2004 wurde ich ruhiger. Das war natürlich auch gut für meine Akte. 2003 bin ich aber erst mal zur Bundeswehr, ich war als Scharfschütze in Torgelow stationiert, in der Nähe von Pasewalk ist das. Ich habe mir da die silberne Schützenschnur verdient. Nach dem Bund kamen alle möglichen Maßnahmen vom Arbeitsamt. 2005 fing ich eine Ausbildung zum Maler/Lackierer an. Da habe ich ein halbes Jahr kein Geld gekriegt und aufgehört. Dann habe ich mich von den Drogen entwöhnt – es ging nicht mehr, ich bin aus Moabit nicht mehr raus. 2006 habe ich da eine Künstlerin kennengelernt, die war von der „VIP-Lounge“, wo sie malte. Von ihr erfuhr ich: Sie bräuchten da noch einen Graffitimaler. Ein halbes Jahr habe ich das ehrenamtlich gemacht – und dann Malkurse gegen Bezahlung gegeben.

    Die Leiterin der „VIP-Lounge“, Frau Winter, hat mich darauf gebracht, Leinwände zu benutzen. Auf meine erste Leinwand – 50 mal 70 – habe ich eine Skyline gemalt, inzwischen bin ich schon fast ein Skyline-Experte. Manchmal habe ich so viele Aufträge, dass ich welche an Freunde abgebe. Die arbeiten auch meist in der „VIP-Lounge“, habe ich nach und nach da reingeholt. Funda zum Beispiel, die kann sehr gut fotorealistisch malen, nicht sprühen, sondern mit Aquarellfarben. Sie malt ab, während ich mir was ausdenke, wobei ich jedoch noch meinen Stil suche.

    2005 hat mir das Arbeitsamt eine berufsvorbereitende Qualifizierungsmaßnahme bei „Zukunftsbau“ in Mitte verpasst. Erst wollte ich da meinen Schulabschluss nachmachen, aber ich habe wie gesagt ein Autoritätsproblem. Deswegen habe ich wieder aufgehört damit. Ich kam dann in ein „Profiling“ bei Zukunftsbau: das war auch Scheiße, habe ich aber zu Ende gemacht, ohne dass was bei rausgekommen ist.

    Ein Jahr später habe ich dort dasselbe noch mal mitgemacht – und geriet an den Profiler Gert Groszer. Mit dem komme ich gut klar. Der hat mich wie ein Mensch behandelt, nicht wie einen Hartz-IVler, und hatte Interesse an meinen Graffiti. Er hat jetzt auch eine Ausstellung in der Prignitz in einem Jazzkeller in Dahlhausen für mich organisiert. Da habe ich ein Bild verkauft. Bei allen meinen bisherigen drei Ausstellungen habe ich jeweils ein Bild verkauft, komischerweise immer die, die mir selbst am wenigsten gefallen. Angefangen habe ich mit 25 Euro pro Bild, mittlerweile bin ich schon bei 100-200 Euro.

    Es lässt sich alles so weit gut an. Aber es ist mir was dazwischengekommen: Der Exfreund meiner Freundin Corinna hat sie so penetrant verfolgt, auch eingesperrt, geschlagen und bedroht, dass ich ihn zu Hause besucht habe. Das war moralisch in Ordnung, aber nicht rechtlich: Ich habe dafür 1 Jahr und 9 Monate ohne Bewährung bekommen, wegen Körperverletzung. Dagegen bin ich in Berufung gegangen. Der Exfreund von Corinna hat wegen Freiheitsberaubung und und und nur eine Geldstrafe von 450 Euro gekriegt. Jetzt warte ich auf meine Berufungsverhandlung und bau mir in der Zwischenzeit einen Laden aus: ,Dirty Handz‘ soll er heißen.

    Mein Opa ist kürzlich gestorben – an Krebs, und meine Oma braucht mich jetzt. Früher hat sie mir geholfen und mein Material finanziert, deswegen bleibe ich nun erst mal bei ihr in der Wohnung.“

  • Lieber Bernd,

    ich habe mich telefonisch bei Meier und bei Baum erkundigt: Sie leben noch zusammen, haben sogar noch ein Kind gezeugt – und sind guter Dinge. Fast schon unheimlich!

    Einer, der wie die Künstlerkommune GRAF schon in den Siebzigerjahren in die Prignitz geszogen ist und wahrscheinlich auch auf deren Fest sein wird, ist Gert Großer. Mit ihm wollte ich nach der Wende als Beiblatt zur Montatszeitschrift „Die Mark“ einen „Märkischen Sandboten“ herausgeben – es wurde aber nicht viel mehr daraus von meiner Seite als ein Porträt von ihm:

    Er, Gert Groszer, war in den Siebzigerjahren von Berlin, aus einer Kommune, in die Prignitz gezogen, wo er zunächst in einer Meliorationsgenossenschaft arbeitete. 1979 trug die Partei dem Philosophen an, über ein „SED-Mandat“ das Bürgermeisteramt in Grabow zu übernehmen. Zwar beriet ihn dabei sein Freund und Stellvertreter, Hans Bork, ein Bauer aus Grabow, aber Groszer dachte in zu großen Zusammenhängen – die kleinen Probleme der Leute, die zu ihm kamen, damit er sie löse, behandelte er wie seine eigenen, „nichtigen“ – er vergaß sie schlicht: „Nicht mutwillig. Beispiel: Versorgung im Konsum. Ich habe doch nie gemerkt, ob bestimmte Fleisch- oder Gemüsesorten fehlten, das hat mich nie interessiert, da bin ich einfach auf was anderes ausgewichen.“

    Für die größeren Probleme, Pflasterung der Sandwege etwa, hätte er die örtliche LPG bemühen müssen, doch die gehörte zu den ärmsten des Kreises und ihr Vorsitzender, „der General“ genannt, war außerdem Groszers erklärter Gegner im Gemeinderat, zudem Vorsitzender des Sportvereins, für den der völlig fußball-desinteressierte Groszer ebenfalls nichts übrig hatte. Dafür organisierte er Konzerte mit klassischer Musik, erst im Dorfgasthof, dann in der Bibliothek seiner Kuckucksmühle, die er sich für wenig Geld gekauft und mit Hilfe seiner Kommunarden in der Stadt ausgebaut hatte.

    Aber so wie er sich nicht für die Versorgungsengpässe bei den Lebensmitteln in der Verkaufsstelle interessierte, hatten die Grabower kein Interesse an seinen Kulturveranstaltungen. 1989 fuhr er zu den Demos nach Berlin, trat aus der Partei aus, und organisierte in Grabow einige „Einwohnerversammlungen“.

    Auf einer solchen erklärte sich „der General“ zum Gegenkandidaten – bei der Kommunalwahl 1990. Groszer kandidierte aber nicht wieder, stattdessen unterstützte er seinen bisherigen Stellvertreter, der dann die Wahl auch gewann. Groszers Unterstützung bestand u.a. darin, dass er dem CDU-Gegenkandidaten nächtens auflauerte und dabei überraschte, wie er sich bei der LPG-Miete mit Silagefutter für seine Privatrinder eindeckte, und damit war er aus dem Rennen geworfen. Später hatte „Der General“ noch einmal Pech: Da flog sein nicht-angemeldeter Laden hinterm Wohnzimmer, in dem er vor allem Alkoholika verkaufte, auf. Daran hatte Großer aber keine Schuld. Er arbeitete inzwischen in einer Berliner Qualifizierungs- und Betreuungsgesellschaft, in der auch sein alter Kommunarde Klaus Labsch untergekommen war. Wenn er mit seinen „Schülern“ unterwegs zum Arbeitsamt in der Rudi-Dutschke-Strasse ist, macht er manchmal eine Kaffeepause im taz-café, dann sehen wir uns. Einmal legte er mir dabei nahe, einen seiner „Schüler“, den Graffiti-Künstler „Steven K.“, dem er bereits eine Ausstellung in Wittstock organisiert hatte, zu porträtieren. Das geschah dann auch. Aber das ist eine ganz andere Geschichte – hat nichts mit „Aussteigen“ zu tun.

  • Bernd H. aus W. schreibt:

    Lieber Aushilfshausmeister,
    die obige Rezension der Kleinen Aussteigerfibel, auch Meier-Bibel bei uns in der Prignitz genannt, klingt ja so, als hätten sich Meier und Baum getrennt, als spräche der Autor, Meier, aus Trennungserfahrung und als hätte er sich bereits in eine Jungmelkerin im Nachbardorf verliebt. Das wäre aber traurig. Wir sind nämlich große Fans der Dorfkorrespondentin neuen Typs Anja Baum – und wünschen ihr weder Ärger noch Leid.

    Sollte dennoch das Befürchtete wahr sein, leite ihr doch bitte die Einladung des Landhausberaters Mario Kern von der bereits in den Siebzigerjahren in die Prignitz gezogenen „Gruppe Rosenwinkel Ausbau Fünf“ (GRAF) zu:

    Liebe Freunde,
    es ist uns ein Fest, Euch zur Party nach Rosenwinkel rufen zu können.
    Die lang entbehrte Gelegenheit aufzutakeln, anzubändeln oder abzuziehen,
    von all den schönen Erlebnissen zu plaudern und
    mit alten und neuen Bekannten zu tanzen und
    mit kalten Getränken die Freundschaft zu erhalten.

    Freitag, den 29. Mai 2009

  • Lieber Hausmeister –

    auf das eingangs erwähnte KOMPOST Magazin folgte das HUMUS-Magazin…
    Da mir gerade nach fast 30 Jahren meine Lagerräume gekündigt wurden, stehen hier dieser Tage (naja, noch zwei, drei Wochen) 60 volle Kartons mit HUMUS- & KOMPOST Ausgaben und warten auf eine Entsorgung.
    Dabei ist doch noch erstaunlich viel vom Inhalt auch heute noch aktuell bzw äußerst lesenswert. Plus hoher Schmunzeleffekt beim Durchblättern garantiert!
    Eine 2 kg-Auswahl davon gibtz für 10€.
    (Grüne Kraft, Alte Schmiede, 69488 Löhrbach)

    Wer hat Interesse, Platz oder gar mehr Geld um diese Preziosen vor dem reinen Papier-Recyling zu bewahren?

    Zum bröseligen Namen: 1971 gründete ich die Grüne Hilfe, als Dealer-Rechtshilfe. Noch heute wird vielen, die durch Drogen mit dem Recht in Konflikt kamen, unter diesem Namen geholfen. Doch jetzt ereifert sich plötzlich eine Grüne (die Grünen gründeten sich erst Ende der 70er), daß man man dieser Hilfe den Namen doch aberkennen sollte, da sie den Grünen doch ein schlechtes Image …

    Frühlingsgrüne Grüße

    *pi*

    http://www.gruenekraft.net

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