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vonHelmut Höge 08.05.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Soll diesem Riesenpoller etwa auch Sitz und Stimme in Latours „Parlament der Dinge“ zukommen? mag sich der Hafenmeister Linus Thurnball (52) aus Newport gefragt haben, als man ihn zu dem 90 Seemeilen weiter südlich angeschwemmten Ungetüm schickte, damit er dessen Entsorgung bzw. Verschrottung in die Wege leite – und er etwas hilflos vor dieser neuen Aufgabe stand. Photo: Peter Grosser.

Ich starrte derweil ebenso ratlos auf den nachfolgenden Text, den anscheinend kein Holzmedium haben wollte – nur Absagen. Schließlich gab ich mir einen Ruck und sagte: Scheißdrauf! stell ich ihn eben nahezu honorarfrei ins Netz, d.h. in diesen albernen blog. Jetzt kommt es auch nicht mehr drauf an – und dieses internet hat schon größeren Mist geschluckt:

Rechtzeitig zum Darwinjahr 2009 verkündete die Verwaltung des Nationalparks „Galapagos-Inseln“, dass sie das Naturschutzgebiet noch mehr als bisher schützen wolle, nicht zuletzt um den Tourismus zu fördern. So soll u.a. der Fischfang verboten werden, die Fischer will man dazu bewegen, Arbeitsplätze in der Tourismusindustrie anzunehmen. Sie weigern sich jedoch einstweilen noch. Während die eine Seite von Umweltschützern unterstützt wird, bekommt die andere Hilfe von Menschenrechtlern.

Über diesen Konflikt – zwischen Natur- und Menschenschutz – diskutierte kürzlich Mac Chapin im Berliner „Mehringhof“. Der Anthropologe ist Direktor des „Center for the Support of Native Lands“ in Arlington, Virginia und arbeitet seit 40 Jahren mit indigenen Völkern im Lateinamerika zusammen. 2008 war zu dem Problem bereits das Buch „Naturschutz und Profit“ von Klaus Pedersen erschienen, das sich nicht zuletzt einem Artikel von Mac Chapin im „World Watch“-Magazin 2004 verdankt (die Amis wollen immer gleich die ganze Welt overwatchen!).

Darin werden die großen amerikanischen Naturschutzorganisationen (WWF, The Nature Conservancy, Wildlife Conservation Society u.a.) kritisiert – in ihrem Umgang mit den Einheimischen, die von ihren „Projekten“ betroffen sind. Vordergründig wollen beide das selbe: Im Amazonasgebiet z.B. wollen die „conservationist“ (Umweltaktivisten) den Regenwald schützen – und die dort lebenden „indigenous people“ (Waldindianer) ebenfalls. 1990 unterzeichneten sie ein Kooperationsabkommen, aber es funktionierte nicht: Die Umweltschützer hatten das Geld und machten Pläne, die Einheimischen sollten helfen, diese umzusetzen. Ersteren ging es um den Erhalt der „Biodiversität“ (ein Begriff, der damals gerade aufkam), letztere wollten verbriefte Rechte für ihr Territorium. Die Naturschutzorganisationen planten dessen „nachhaltige ökologische Entwicklung“, während die Einheimischen ihren Lebensunterhalt weiter mit den natürlichen Ressourcen dort bestreiten wollten. Dazu mußten und müssen sie sich mit mächtigen Gegnern (als Partner) arrangieren: Neben den Naturschutzorganisationen waren und sind das internationale Konzerne, sowie Großgrundbesitzer und die nationalen bzw. regionalen Regierungen und ihre bewaffneten Organe. Die „Waffen“ der indigenen Völker sind diesen Mächten meist intellektuell und technisch unterlegen. Immer häufiger finden sie sich deswegen in Nationalparks oder Naturreservaten wieder – und werden fortan z.B. als „Wilderer“ verfolgt, wohingegen zahlende Touristen in ihrem angestammten Territorium nach Herzenslust jagen und fischen dürfen. Anderswo werden sie von Agrarkonzernen vertrieben, die ihre Wälder abholzen, um Monokulturen anzulegen oder – wie in der Mongolei – von Bergbaukonzernen, die das Nomadenland ebenfalls großflächig verwüsten. In Somalia wurden die Viehzüchter dadurch dezimiert, dass man auf Druck von IWF und Weltbank ihre Brunnen privatisierte.

In den Neunzigerjahren bekamen die „Conservationist“ hunderte von Millionen Dollar an Spenden, sogar von der Weltbank und von umweltschädigenden Multis, u.a. von Ölkonzernen, die sich damit „grünwaschen“ wollten. „Das Geld ist das größte Problem,“ meinte Mac Chapin, „es unterminiert jede lokale Initiative.“ Aber auch die Menschenrechts-Aktivisten benötigen spenden für ihre Arbeit – und müssen ebenso wie die Umweltschützer Erfolge vorzeigen, um weiter an Spenden heranzukommen. Dazu hat sich die Konzentration nahezu aller NGOs auf „Single Point Issues“ bewährt. In der wirklichen Welt hängt jedoch alles mit allem zusammen.

Die kalifornische Anthropologin Shirley Strum studierte, ähnlich wie die Schimpansenforscherin Jane Goodall, 14 Jahre lang Paviane – auf einer englischen Rinderfarm in Kenia, die 18.000 Hektar umfaßte. Als diese verstaatlicht wurde und man Kleinbauern auf dem Land ansiedelte, kam es zum Konflikt: Die Paviane plünderten deren Maisfelder. Dabei wurde immer wieder einer der Räuber getötet. „Ich hasste die Bauern,“ schrieb Shirley Strum in ihrem Buch „Leben unter Pavianen“. Dennoch bemühte sie sich um Deeskalation. Sie war während ihrer 13jährigen Feldforschung nicht ganz so menschenfeindlich geworden wie ihre US-Wissenschaftskollegin Dian Fossey, die Berggorillas in Ruanda studierte (1).

Die FAZ schrieb über die 1985 von einem US-Kollegen ermordete Forscherin: Ihre Begabung, sich in das Wesen der Gorillas einzufühlen, habe in „extremem Gegensatz zu ihrer Unfähigkeit gestanden, im zwischenmenschlichen Bereich Feingefühl, Diplomatie oder Kompromissbereitschaft zu zeigen“. Shirley Strum erreichte es zusammen mit einem US-Kollegen, den sie später heiratete, dass eine Schule für die Bauern gebaut wurde und man ihnen Landwirtschaftskurse sowie „Wildlife-Erziehungsprogramme“ anbot. Zwar änderte sich daraufhin ihre Einstellung gegenüber dem US-Forschungsvorhaben – bis dahin, dass einer der Bauern meinte: „Lieber haben wir Überfälle durch die Paviane und ein Pavian-Projekt, das sie studiert und uns hilft, als keine Paviane und kein Projekt,“ aber schließlich mußte die Forscherin mit ihren etwa 120 Paviane doch weichen: 1984 fing sie die Tiere ein und siedelte sie auf dem Gelände einer anderen Farm in Kenia an. Sie selbst kaufte sich mit ihrem Mann ebenfalls eine Farm – in der Nähe der Hauptstadt Nairobi. Ein anderer US-Anthropologe, Robert Sapolsky, erforschte ebenfalls jahrzehntelang Paviane in Kenia. Diese lebten in einem Schutzgebiet, das dann jedoch zerstört wurde – und mit ihm die Pavianhorde. Sapolsky kehrte daraufhin nach Amerika zurück, wo er sich seitdem mit den neuronalen Ursachen von Depressionen befaßt.

Von einer anderen Vertreibung berichtete die in New York lehrende Anthropologin Paige West, die auf Papua-Neuguinea acht Jahre lang Menschen studierte – den Stamm der „Gimi“. Um deren Lebensraum war ferner die US-Naturschutzorganisation „Biodiversity Conservation Network“ (BCN)“ besorgt. U.a. kartographieren die BNC-Ökologen, ähnlich wie die Geologen früherer Zeiten, die im Auftrag von Staaten und Bergbauunternehmen unterwegs waren, eine „definierte Fläche“ im Hinblick auf seine Bodenschätze. Nur dass es hier jetzt im Auftrag von Pharma- und Gentechnik-Unternehmen um lebende Organismen ging. „Ziel von BCN war es“, schreibt Klaus Pedersen, „das soziale Leben der Gimi innerhalb von vier Jahren naturschutzkompatibel umzukrempeln“. Paige West bezeichnete deren Aktivitäten zusammenfassend als eine „neoliberale Herangehensweise an den Naturschutz.“ Das Problem bestand nicht darin, dass die Gimis dem Wald, den Pflanzen und Tieren einen anderen „Wert“ beimaßen als die Ökoaktivisten von BCN, sondern darin, dass sie diesen „Dingen“ überhaupt keinen Wert beimaßen, weil sie sich nicht als getrennt von ihnen begriffen. Pedersen zitiert dazu einen Dorfältesten aus Kamerun: „Der Wald gehört nicht uns. Wir gehören dem Wald. Mó-bele hat ihn als unser Zuhause geschaffen. Wenn wir nicht im Wald leben, wird Mó-bele wütend, weil dies zeigt, dass wir Mó-bele und seinen Wald nicht lieben.“

Statt von einer Ökonomie sollte man ihre Wirtschaftsweise besser als „anökonomisch“ bezeichnen, schlug deswegen Jacques Derrida vor. Diese hat auch in anderer Hinsicht Folgen: Eine Mitarbeiterin einer Umweltschutzorganisation, die sich in Laos engagierte, meinte auf der Veranstaltung mit Mac Chapin: „Wir standen unter dem Zeitdruck, dort in fünf Jahren etwas zu erreichen, die Indigenen hatten jedoch ein ganz anderes Zeitkonzept.“ Und auch ganz andere Mittel: Ich sprach einmal mit zwei „Health-Officers“ aus Papua-Neuguinea, die sich auf Einladung der UNESCO zur medizinischen Weiterbildung in Manila befanden: Sie gewährleisteten die medizinische Versorgung und Gesundheitsprävention in schwer erreichbaren Gegenden, in einem lebten auch ihre Eltern als Subsistenzbauern. Ihr Rang war etwas unterhalb von ausgebildeten Krankenschwestern, man könnte sie als „Barfußärzte“ bezeichnen, eingebunden jedoch in ein englisches Gesundheitssystem, das kostenlos war. Einer der beiden „Health-Officer“, er war etwas devoter als der andere, bezeichnete die „Heiler“ und „Zauberdoktoren“, die Geld für ihre Behandlung nahmen, als seine „Hauptgegner“, die er bekämpfte, indem er sie als „Betrüger“ entlarvte. Während der andere, der souveräner wirkte, bei dem „Hauptproblem“ in seiner Region – die Bisse einer bestimmten Giftschlange – sogar die „Heiler“ um Unterstützung bat, die in solchen Fällen die Bißstelle mit Lehm und bestimmten Pflanzensäften beschmierten und dazu Zaubersprüche murmelten: „Das hilft fast immer – und ich spare mein teures Serum,“ erklärte er mir.

Die Allmende, das Gemeineigentum (oder „Common), das jeder nutzen, aber keiner besitzen darf, wird weltweit immer kleiner, allerdings erstarkt auch der Widerstand – gegen seine Privatisierung (die bis hin zur Patentierung von Zelllinien geht) sowie gegen die Vernutzung auch noch seiner letzten Ressourcen. Das geschieht ebenfalls weltweit. Gleichzeitig wird in den industrialisierten Ländern infolge des Internets die Forderung nach Übertragung der neuen virtuellen Allmenden (freie Software, Linux, Wikipedia) auf die Realökonomie laut. Also auf eine Ausweitung der Kampfzone. Von ihren um Patentschutz und Kopierverbot besorgten Gegnern (Universitäten und Konzernen) werden diese Vorkämpfer einer neuen „Peer-Ökonomie“ als (kriminelle) „Netz-Piraten“ beschimpft (2). Während umgekehrt die Menschenrechtler und die um freie Nutzung etwa des Saatguts besorgten „NGO“s (Via Campesina z.B.) von „Biopiraterie“ sprechen, wenn Konzerne – wie Monsanto, Unilever oder BASF – Anspruch auf Saatpatente anmelden oder das „Wissen ganzer Stämme (um den Nutzen bestimmten Pflanzen z.B.) klauen“, wie der „Planet Diversity“-Kongreß 2008 in Bonn befand. Er wurde von der anthroposophischen „Zukunftsstiftung Landwirtschaft“ organisiert, namentlich von Benny Härlin, der zuvor bei Greenpeace arbeitete und früher Hausbesetzer sowie taz-Lokalredakteur war. Heute organisiert er die Kampagnen gegen Genmais-Anbau. Den Begriff der „Biopiraterie“ hatte zuvor bereits die indische Ökofeministin Vandana Shiva popularisiert, deren gleichnamiges Buch 2002 auf Deutsch erschien.

Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Böse so nah ist?! Überall mehren sich die Zwangsnomaden. Und alles kann privatisiert werden – sogar die Sonne und der Wind. In Deutschland wurden einst die Windkraftanlagen gegen die Gebietsschutz beanspruchenden Stromkonzerne und den Staat durchgesetzt – von unten, aber kaum hatten die „local people“ das geschafft, wurde ihnen das Geschäft von den selben Konzernen abgerungen, die nun mit internationalem Venture-Kapital von oben den Gemeinden und Dörfern ganze „Windparks“ vor die Tür knallen. Im Alten Land bei Hamburg versuchte der Senat und der Airbus-Konzern ein Obstbauerndorf per Gesetz zu enteignen, um die Landebahn für ein neues noch größeres Flugzeug zu erweitern. Auf der Eiderstedter Halbinsel gibt es nicht nur einen Widerstand gegen die meist grünen Naturschützer, die hier laut Aussage des Kehdinger Bauern Schmoldt gegenüber dem Spiegel „das Land beherrschen wie einst die Gutsherren“, sondern auch einen wachsenden Unmut gegen die staatlichen grünen BSE-Maßnahmen – vor allem um die existenzzerstörenden Massentötungen von Rindern zu verhindern .Und in der Lausitz baggert der schwedische Energiekonzern Vattenfall trotz Widerstand ein sorbisches Dorf nach dem anderen ab, jüngst wurde gerade das schönste dort – Horno – „devastiert“.

Die letzten Regenwälder der Welt werden vor allem von Öl- und Gasgesellschaften heimgesucht, meinte Mac Chapin, „die großen Umweltschutzorganisationen bekommen Geld von ihnen – und sagen deswegen nichts zu deren Zerstörungen“. Diese Erfahrung machte er in Brasilien, bestätigt wurde sie von der Kassler Soziologin für Entwicklungsländer Clarita Müller-Plantenberg, die Mac Chapin mit Hilfe ihrer Organisation „Forschungs- und Entwicklungszentrum Chile-Lateinamerika“ (FDCL) nach Deutschland eingeladen hatte. Ein im Publikum sitzender Entwicklungshelfer berichtete später von einer ähnlichen Erfahrung in Peru. Zwar gibt es allein in Lateinamerika noch insgesamt 40 Millionen Indigenas, aber viele Völker sind schon so dezimiert, dass die im märkischen Naturschutzgebiet Brodowin von der Biologin Hannelore Gilsenbach redigierte „Zeitschrift für gefährdete Völker – Bumerang“ mitunter sogar ihre kleinsten Ausbreitungserfolge für anzeigenswert hält. Im letzten Heft heißt es z.B.: „Die ‚Negrito‘-Ureinwohner der Andamanen vom Volk der Onge freuen sich über die Geburt eines Mädchens. Es kam am 9.Juli 2008 in Dugong Creek gesund auf die Welt. Damit stieg die Zahl der Onge auf 98 Menschen.“ An anderer Stelle wird vermeldet, dass der kanadische Premierminister sich bei den nahezu zehntausend Ureinwohnern des Landes für ihre jahrelange Mißhandlung durch weiße Erzieher entschuldigt habe: Diese hätten versucht, „den Indianer im Kind“ zu töten. Im Gegensatz zur australischen Regierung, die sich bei „ihren“ Ureinwohnern nur entschuldigte, sicherte ihnen die kanadische auch noch eine Entschädigung in Höhe von zwei Milliarden Dollar zu.

Ein Zehntel der Fläche Brasiliens und ein Viertel der Fläche von Kolumbien sind als Indigene Territorien und ein Drittel der Mongolei ist als Nationalpark ausgewiesen. „Aber“, wie mir ein Förster und GTZ-Mitarbeiter in der Wüste Gobi, wo der Nationalpark alleine 5,4 Millionen Hektar umfaßt, sagte: „das meiste steht nur auf dem Papier“. Immerhin gelang es der GTZ dort, die Viehzüchter in 80 Kooperativen zu organisieren und in die Nationalparkverwaltung einzubinden. Daneben profitieren diese auch vom neuen Naturtourismus. Bisher mußte noch niemand aus der Gobi mangels einer Erwerbsmöglichkeit wegziehen, dafür nahmen die „Communities“ jedoch schon viele Viehzüchter aus anderen Teilen der Mongolei auf, wo sie von großen Bergbauvorhaben vertrieben wurden. Und statt der „Armutswilderei“ gibt es im Gobi-Nationalpark heute nur noch gelegentlich eine „Neureichen-Wilderei“.

Die Zerstörung der Regenwälder begann laut Mac Chapin in den Fünfziger- und Sechzigerjahren: Bis dahin hatten Malaria und Gelbfieber noch jedes Kolonisierungsprojekt verhindert: „die Hälfte der Leute starb jedesmal.“ Aber dann wurde 1. das DDT entwickelt – und von den amerikanischen Soldaten zum ersten Mal im Krieg gegen Japan eingesetzt, 2. 1947 die Motorsäge erfunden – in Oregon, und 3. Straßenbaugeräte und die Asphaltierung. Dies geschah überall auf der Welt – und bis heute, wobei die medizinischen Mittel immer besser wurden, die Straßenbaugeräte immer größer und die Motorsägen immer mehr. Ein ehemaliger Umweltschützer, der im Publikum saß, ergänzte Mac Chapins Ausführungen dahingehend, dass ein Teil dieser „Errungenschaften“ auch den indigenen Völkern zugute komme. In dem Teil Boliviens, wo er arbeitete, hätten sie das dortige Ökoystem allerdings völlig zerstört, allein „weil sie zu viele waren“. (3)

Dieses Problem – der „Überbevölkerung“ einer Region – hat Timothy Mitchell thematisiert – am Beispiel Ägyptens. Sein Text „Das Objekt der Entwicklung“ erschien gerade auf Deutsch in dem Reader „Vom Imperialismus zum Empire“, den der Afrikanist Andreas Eckert und die Ethnologin Shalini Randeria herausgaben, um zu dokumentieren, wie sich die Globalisierung aus Sicht der Dritten Welt darstellt. In Ägypten waren es Weltbank und IWF, die aus einem Lebensmittel-Exportland mit Hilfe ihrer Agrarexperten ein Getreide-Importland machten, wobei aus dem riesigen „Freiland-Gewächshaus“ des Nil-Schwemmlandes armselige Weiden für deutsche Rinderzuchten wurden – und zigtausende von Fellachen in die Städte abwandern mußten. Seitdem sprechen die westlichen Experten dort malthusianisch-zynisch von „Überbevölkerung“. In Vietnam, wo die US-Luftwaffe mit dem Entlaubungsgift „Agent Orange“ Ähnliches anrichtete, sprachen US-Soziologen von einer „nachgeholten Urbanisierung“. Während man in China und im Iran die „Überbevölkerung“ durch Umwandlung von Weide- in Ackerland und die Ansiedlung von immer mehr Seßhaften auf Nomadenland forciert. Die Mongolen in China fühlen sich bereits auf ihrem eigenen Territorium als Minderheit bedroht, zumal der Staat auch noch ihre Kultur als sezessionistisch angreift.

Die Veranstaltung im Kreuzberger Mehringhof endete versöhnlich: „Menschenrechtler wie Umweltschützer,“ so meinte einer aus dem Publikum, „müßten in einen Dialog mit den Vorstellungen und Ideen der Indigenen treten“, bisher hätten sie sich damit noch nie richtig auseinandergesetzt.

Die Mitarbeiter der GTZ-Ökoprojekte in der Mongolei haben das bisher sehr wohl getan – indem sie sich hüteten, „als Experten aufzutreten“. Eine Viehzüchterin aus der Wüste Gobi erzählte mir: „Nach 1990 war jede Familie auf sich selbst gestellt, und sie wanderte so gut wie gar nicht. Das konnte nur durch die Communities gelöst werden. Das sind Kollektive wie im Sozialismus, aber diesmal bestimmen wir selbst, was zu tun ist. Etwas 2000 Viehzüchter haben sich bisher hier zusammengeschlossen. Schon im ersten Jahr 1999 haben wir das Positive daran gemerkt. Nach sieben Jahren können wir nun sagen, dass es richtig war. Wir haben uns kundig gemacht, wie die negative Entwicklung zustande kam. Außerdem haben wir jetzt bessere Möglichkeiten, unsere Produkte zu vermarkten. Wir bekommen bessere Preise für Kaschmirwolle und Leder, die Schafwolle verarbeiten wir selbst. Die Wilderei hat völlig aufgehört und keine Familie sammelt mehr Feuerholz. Wir wissen heute, wie die Natur zu verbessern ist. Außerdem waren wir drei Mal im Ausland, haben viel gesehen und sind auf neue Ideen gekommen. Ich bin selbst ein Beispiel dafür: Obwohl eine einfache Viehzüchterin habe ich mich in den letzten Jahren sehr verändert und mein Leben verbessert. Wir sind 35 Familien, 144 Menschen und haben 7000 Tiere. 1999 ging es nur sechs Familien gut, der Rest war arm. Wir hatte keinen Zugang zu Informationen und waren zerstreut. Heute geht es uns allen gut.“

Die Gobi-Nomaden sind Mitglied in der „World Alliance of Mobile Indigenous People“ (WAMIP). Einmal im Jahr treffen sich Delegierte von potentiell allen nomadischen Völkern zu einer internationalen Konferenz, die von der UNESCO gesponsort wird. 2005 fand sie in Äthiopien statt, Gastgeber waren hier die Guji-Oromo, die nahe am „Omo Nationalpark“ leben. Ende 2004 hatte die Polizei zusammen mit der Parkverwaltung 463 Hütten der Guji-Oromo niedergebrannt, um die Guji (nomadische Viehzüchter) und Kore (Mais- und Sorghum-Anbauer) aus dem Nationalpark und seiner nahen Umgebung zu vertreiben. Dieser wird von der niederländischen „African Parks Foundation“ gemanagt, die den Park zu „einer Attraktion für Dollar-Touristen ausbauen will“, wie die davon Betroffenen in ihrem Bulletin „The Human Cost of Tourist Dollars“ schrieben.

Neben einer Kritik an solchen und ähnlichen Vertreibungsaktionen sprach sich der Kongreß der nomadischen Völker für eine Unterstützung des Widerstands der Massai in Kenia aus, die dafür kämpfen, dass ihre Weideflächen, die ihnen einst durch englische Kolonialverträge genommen wurden, für ihre Rinderherden wieder zugänglich sind. Außerdem wurde noch auf die anhaltende Verfolgung der „sea gypsies“ (Seezigeuner) in Burma und Indonesien aufmerksam gemacht, deren „Existenz als Kultur und Volk“ besonders gefährdet ist. Während es über die burmesischen „Meeresnomaden“ einige neuere Untersuchungen von französischen Ethnologen gibt sowie auch einen Dokumentarfilm, werden sie in Indonesien als „Piraten und Verbrecher“ begriffen – und seit Auflösung der DDR von der indonesischen Marine mit NVA-Schiffen verfolgt, die ihnen ihre Schiffe abnimmt oder versenkt. Ansonsten waren sich die etwa 120 Delegierten durchaus uneinig, ob sie für die Umwandlung der Weideflächen in Nationalparks oder für eine legale Selbstverwaltung ihrer Territorien votieren sollten, wie es einige Waldnomaden aus Peru forderten. In jedem Fall ging es um „den Erhalt der biologischen und kulturellen Vielfalt“.

Im Herbst 2008 wurde das auf der Konferenz in Barcelona noch einmal in Form einer Deklaration bekräftigt. Obwohl die Naturschützer dies nur begrüßen können, gibt es doch einen gravierenden Unterschied zwischen ihnen und den nomadisch lebenden Indigenen: Während die Nomaden den Raum beherrschen, nehmen die Seßhaften ihn in Besitz, sie zerstückeln und markieren ihn, um ihn aufzuteilen. Zwar hat auch der Nomade Punkte (Wasserstellen, Winterplätze, Versammlungsorte), aber die Frage ist, was ein Prinzip des nomadischen Lebens ist und was nur eine Folge: „die Punkte sind den Wegen, die sie bestimmten, streng untergeordnet, im Gegensatz zu dem, was bei den Seßhaften vor sich geht,“ schreiben Gilles Deleuze und Félix Guattari in „Mille Plateaux“. Während der Seßhafte „einen geschlossenen Raum unter den Menschen aufteilt, verteilt der Nomade die Menschen und Tiere in einem offenen Raum, der nicht definiert und nicht kommunizierend ist“. Anny Milovanoff kommt in „La seconde peau du nomade“ (Die zweite Haut des Nomaden) zu dem Schluß: „Der Nomade hält sich an die Vorstellung seines Weges und nicht an eine Darstellung des Raumes, den er durchquert. Er überläßt den Raum dem Raum.“

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(1) Der holländische Autor Midas Dekkers fragte einmal den Tierfilmer Sir David Attenborough, ob die Primatenforscherin Dian Fossey, mit der Attenborough befreundet gewesen war, nicht zu weit gegangen sei – bei ihrer Verteidigung der Berggorillas gegenüber den von ihr sogenannten Wilderern: „Ja,“ antwortete der. „Und sie ging überhaupt zu weit in ihrer Abneidung gegen die Afrikaner. So ließ sie die Bauern in Ruanda wissen, dass sie ihr Vieh nicht im Naturpark weiden lassen durften. Aber es ließ sich kaum sagen, wo der Park begann und endete. Und die armen afrikanischen Bauern hatten nur wenig zu essen. Wenn ihr es doch tut, sagte sie, treffe ich Gegenmaßnahmen. Trotzdem tat es einer von ihnen. Also jagte sie jeder seiner Kühe eine Kugel ins Rückrat. Sie tötete sie zwar nicht, doch sie lähmte sie und raubte dem Besitzer damit Hab und Gut.

Einst verschwand ein Gorillababy. Dian glaubte, zu Recht oder zu Unrecht, dass sie den täter kannte und kidnappte seinen Sohn. Sie band Afrikaner mit Stacheldraht an einen Baum und prügelte sie durch. Das ist keine Art, um die Unterstützung der ansässigen Bevölkerung zu bekommen. Wie auch immer – seit dem Tod von Dian Fossey [sie wurde 1985 ermordet] ist kein einziger Gorilla mehr verschwunden.“

(2) Auf einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin führte der Verteidiger der Wissens-Piraten Lawrence Lessig aus, wie das „andere Amerika“ damit umgeht:

Das begann mit „Pistolen und Eisenbahnen“: Mit diesen europäischen Technologien, „die eine vorher nie gekannte Machtfülle in die Hände von Einzelnen legten,“ eroberte die amerikanische Bevölkerung einst den Westen. Nun wiederhole sich diese Entwicklung in umgekehrter Richtung: „An der amerikanischen Westküste wurde eine neue elektronische Kultur geprägt. Mit E-Mail, Filesharing und Weblogs verfügt der Einzelne über Möglichkeiten, die früher den Mächtigen vorbehalten waren“. Lessig meinte, vor fünf Jahren hätte sich noch kaum jemand für sein Thema – „Copyrights“ – interessiert. Es ging ihm darum, dass die Computertechnologie mit ihren ganzen Remix-Möglichkeiten zwar den Kulturschaffenden neue Freiheiten eingeräumt habe, die Copyright-Gesetze diese jedoch wieder einschränken – und deswegen geändert werden müßten, um nicht ähnlich wie zu Zeiten der Prohibition eine wachsende Zahl von Menschen zu kriminalisieren.

Der „Krieg gegen die Piraten“ (Raubkopierer) sei „im Prinzip McCarthyismus: ‚Wer das Urheberrecht in Frage stellt, ist ein Kommunist!‘ so drückte sich neulich ein US-Politiker aus.“ Das es auch anders geht, beweise Japan: Neben den Manga-Comics“ gibt es dort „Dojinshis“ – leichte Variationen der Hauptmangas, die von zigtausenden angefertigt und getauscht werden. „Ihr Markt ist eigentlich illegal, diese außergewöhnliche Praxis hat aber eine außerordentliche Kreativität hervorgebracht.“ Die amerikanischen Gesetze und die Industrie setzen dagegen alles daran, die Benutzer auf bloße Kosumenten – „Couch-Potatoes“ – zu reduzieren: „Wir singen, erzählen, schreiben immer weniger als früher…Es geht mir nicht um Ungehorsam, sondern um eine Reform der Gesetze, um die Kulturproduktion wieder da hinzubringen, wo sie schon einmal war.“ So wurde z.B. das Sampling in den USA als illegal klassifiziert: „Die meist schwarzen Musiker brauchen nun Copyrights für jedes Bit. Die Ingenieure meinen zwar, das ist nicht machbar, aber die Anwälte sagen, die Sache sieht vielversprechend aus.“

Der zweite Referent, Peter Baldwin, schien diese Entwicklung sogar zu begrüßen, denn er sah das Problem weniger in der gesetzlichen Einschränkung der Kreativität als in der generellen Erosion des „Privaten“ – als dem „Eigentum der Bürger“. Der Musiker Will Rogers sagte einmal „Prohibition ist besser als gar kein Alkohol!“ Der Jurist Lawrence zeichne ein zu schwarzes Bild von der Entwicklung. „Nach Lage der Dinge muß die Kreativität eben ein paar Kurven nehmen – es wird immer Hacker geben“. Und dass die neue Freiheit des Internet eingeschränkt wird, stimme auch nicht, „denn es gibt immer mehr Weblogs“. Außerdem müsse man sich fragen, „ob die Kreativität wirklich davon abhängig ist, zitieren zu dürfen: Wenn ich umformulieren kann, brauche ich auch keine Copyright-Anwälte zu fürchten.“ Es gehe hierbei um die Natur der Kreativität, die mit der Renaissance als „göttlicher Funke“ im Künstler/Wissenschaftler begriffen wurde, diese Idee hätten wir aber längst hinter uns gelassen, heute sei die ganze Wissenschaft eine „große Gemeinschaft – und schon weit weg vom Besitz an Wissen. Was vermissen wir denn aufgrund der strengen Copyrights?“ Der im Publikum sitzende „Free-Software-Fighter“ Volker Grassmuck vermißte z.B. ein nicht-denunzierendes Wort für „Raubkopierer“, das selbst der Soziologe Dirk Baecker kürzlich noch in seiner diesbezüglichen Studie für den Microsoft-Konzern verwendete. Ein anderer Zuhörer erinnerte in dem Zusammenhang an einen SDS-Beschluß, der ausdrücklich die Raubdrucker ermutigte, sie jedoch gleichzeitig zur Mäßigung ihrer Gewinnabsichten verpflichtete. Mit dem „Kopiergroschen“ für Autoren habe man hier später eine quasi-gewerkschaftliche Lösung gefunden – bei den „Xerox-Usern“. Dieser „Freigeist“ walte auch heute noch im Europäischen Parlament, insofern es dort – inspiriert von der „Open-Source-Bewegung“ und „Linux“ – Bestrebungen gäbe, „die Patentierbarkeit computerimplementierter Erfindungen“ einzuschränken. Schon warne die Industrie und die FAZ vor Milliardenverlusten und Arbeitsplatzgefährdung in Größenordnungen. Logisch!

Später interviewten Frank Hartmann und Bernhard Rieder für die Netzeitung „Telepolis“ dazu den französischen Philosophen Michel Serres, einem Bündnispartner des Wissenschaftssoziologen Bruno Latour. Die beiden hatten zuvor eine Serie von Gesprächen über Wissenschaft und Erfindungsgeist geführt, die dann im Merve-Verlag erschienen war:

Monsieur Serres, Sie sind ein Philosoph, der sich mit neuen Technologien, Kommunikation und Medien beschäftigt. Warum?

Michel Serres: Schon mein erster Artikel aus dem Jahr 1961 versucht die Frage zu beantworten, wie man ein Netzwerk beschreibt. Damals gab es freilich noch kein Internet, mich hat also die Logik des Netzwerkes interessiert. Bis 1972 habe ich fünf Bücher über Kommunikation publiziert, die alle auch auf Deutsch übersetzt worden sind und die einen gemeinsamen Übertitel haben: Hermes. In der griechischen Mythologie ist Hermes der Götterbote. Nach dem Boten kamen dann die Hindernisse der Kommunikation: der Parasit – der auch manchmal Initiator sein kann. Danach habe ich ein Buch über die Engel geschrieben, Angelos, wieder ein Botschafter also.

Ihr Ansatz folgt also weniger der klassischen philosophischen Tradition des Dialogs, sondern geht eher in die Richtung von Übertragung, Botschaften?

Michel Serres: Ja stimmt, die philosophische Tradition spricht immer von Dialogen. Von Plato bis Leibniz gibt es offensichtlich nur die Technik des Dialogs, während es bei mir eher um die Übertragung in einer pluralistischen Welt geht. Das heißt, die Kommunikation passiert in einem Netz, während sich der Dialog immer von einer einzelnen Person zu einer anderen ereignet. In der Kommunikation können es fünfhundert oder fünftausend sein – eigentlich egal wie viele. Aber diese schaffen sich Möglichkeiten der Übertragung von Botschaften, die sich vom Dialog völlig unterscheiden.

Aber selbst im Dialog sind wir wohl eher zu viert als zu zweit. Das ist ganz einfach: da gibt es Sie und da gibt es mich, aber wir können nur sprechen, wenn wir gemeinsame Wörter kennen. Das ist, was ich die Intersektion, die Überschneidung des Vokabulars nenne. Diese Überschneidung lässt sich durch eine Person symbolisieren, nämlich den guten Engel. Er hilft uns beim Sprechen, weil er unser symbolisches Gemeingut verwaltet. Weiters gibt es da noch den Parasiten – die Statik, Geräusche, die verhindern können, dass wir uns verstehen – der böse Engel. Es gibt immer die Hilfe und auch das Hindernis. Wir sind also immer zu viert.

Ich habe mich für Kommunikation interessiert, philosophisch, aber auch was die Interpretation, die Darstellung betrifft. Denn die Fragen der Kommunikation sind recht alte, Leibniz war der erste Philosoph der Kommunikation. Außerhalb der Philosophiegeschichte, in der Geschichte der Literatur oder sogar der Geschichte der Religionen stellt sich das Problem der Kommunikation eher auf praktische Weise. Zum Beispiel: Wie bringt man Wissen in die Sahara? Welche praktischen Probleme gibt es beim Tele-Learning? Tatsächlich existiert aber keine philosophische Tradition zu diesen Fragen. Dafür könnte es einen einfachen Grund geben: bis vor kurzem waren die Philosophen eher in den Wissenschaften vom Menschen gebildet als in den exakten Wissenschaften, und wenn man von diesen nichts weiß, dann ist es schwer über die neuen Technologien und ihre Praxis zu sprechen.

Sie müssen keine Angst haben, wenn die pessimistischen Philosophen Ihnen heute sagen: ah, mit der Einführung dieser und jener neuen Technologie wird der Mensch diese und jene Fähigkeiten verlieren. Antworten Sie ihnen mit Nein! Denn im präziseren Sinn ist die Befreiung von der erdrückenden Pflicht, diese oder jene Sache tun zu müssen, ein Gewinn. Wir haben wieder Platz, wahrscheinlich sogar freien Platz in den Synapsen des Gehirns, der für gänzlich neue Funktionen zur Verfügung steht, transzendentere als die früheren. Ich glaube – und daher rührt mein Optimismus -, dass jedes Mal, wenn wir eine kognitive Funktion freisetzen, eine neue auftritt, die sich mit der alten gar nicht mehr messen lässt. Das ist außergewöhnlich, denn noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte ist unser Kopf so befreit gewesen. So befreit für die Entdeckung von Neuem. Niemals.

Sie sind also Optimist, wenn es um die neuen Technologien geht, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung vom Zugang ausgeschlossen ist und die westliche Welt über Patentrechte und Ähnliches das Wissen in der abendländischen Hemisphäre halten will.

Michel Serres: Natürlich gibt es Hindernisse, aber diese Hindernisse wären ohne die neuen Technologien noch viel größer als mit ihnen. Denn wenn man über keine neuen Technologien verfügt, wird alles kostenintensiver – nehmen wir nur einmal den universitären Campus alten Stils. Es gäbe ohne Technologien gar keine Möglichkeit, das Wissen überhaupt aus unseren Breiten in die Welt hinauszubringen. Die digitale Kluft ist also wesentlich kleiner, als es die Kluft davor gewesen ist.

Meinen Sie, mit „parasitären“ Strategien wie illegalem Download oder Hacken von Wissen ließe sich die Kluft noch weiter verringern?

Michel Serres: Das ist natürlich eine ziemlich gute Sache. Es wird vielleicht der Moment kommen, da die dritte Welt eine Piratenflagge hisst. Und auch das wäre eine gute Sache. In meinen Augen ist es niemals ein Verbrechen Wissen zu stehlen. Es ist ein guter Diebstahl. Stehlen Sie doch das pythagoräische Theorem, das würde mir gefallen.

Der Pirat des Wissens ist ein guter Pirat. Wenn ich noch einmal jung wäre, dann würde ich ein Schiff bauen, das so hieße: Pirat des Wissens. Was in der Wissenschaft derzeit schlimm ist, ist dass die Firmen ihr Wissen kaufen und es deshalb geheim halten wollen. Und deshalb werden die Piraten morgen die sein, die im Recht sind. Man wird das Geheimnis piratieren.

Im deutschsprachigen Raum hält man den Krieg oft für den Vater des technologischen Fortschritts. Ihre Position unterscheidet sich davon doch recht drastisch.

Michel Serres: Historisch gesehen ist es sehr schwer zu sagen, dass die Technologien vom Krieg herstammen. Eigentlich weiß man überhaupt nicht, woher sie kommen. Ich habe da eine Theorie, aber jeder Philosoph hat eine Theorie. Für mich kommen sie vom Körper. Die Verwendung im Krieg ist eine mögliche Verwendung von Technologie. Ich glaube nicht an diesen fatalen Zusammenhang von Krieg und Technologie.

In diesen Tagen wurde das entschlüsselte menschliche Genom publiziert. Sie haben sich ja auch mit der Biologieauseinandergesetzt. Welche Position kann die Philosophie hier noch einnehmen?

Michel Serres: Die Philosophie – das weiß ich nicht. Schließlich wird die Philosophie von tausenden verschiedenen Menschen betrieben. Meine Position ist sehr präzise: Was haben unsere Vorfahren erfunden, als sie mit der Landwirtschaft begannen? Was haben unsere Vorfahren getan, um den Weizen, um das Schaf zu erfinden? Das wissen wir nicht. Sie haben aber einen neuen Typ von Tier, von Pflanze erfunden. Wie genau, wissen wir nicht wirklich. Aber es hat nie eine Henne gegeben, die den Hühnerstall verlassen hätte, um wieder im Urwald zu leben. Unsere Vorfahren haben damit einen außergewöhnlichen Schritt gemacht, das Erbgut betreffend, ohne es zu wissen.

Was unsere Vorfahren erfunden haben, war wirklich unglaublich, nämlich neue Arten von Tieren und Pflanzen, die uns über Tausende von Jahren ernährt haben. Sie haben also die Schwelle zur Meisterung der Reproduktion des Lebenden überschritten. Sie haben das Erbgut einer Art verändert, ohne es zu wissen, einfach indem sie den Phänotyp gezähmt haben. Heute sind wir in genau der gleichen Situation wie unsere Vorfahren, als diese die Landwirtschaft und die Viehzucht erfunden haben. Neue Landwirte eines neuen Neolithikums.

Dabei handelt es sich nicht um eine kulturelle Überformung wie etwa bei der Schule, sondern um einen Eingriff in die biologische Substanz. Da liegt der Unterschied. Wir wissen nicht, auf welche Pflanze der Weizen zurückgeht. Beim Mais wissen wir es. Was aber auf jeden Fall passierte, ist ein technischer Sprung, der die Spezies selbst verändert hat. Und heute sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir genau das wieder tun. Aber diesmal sind wir uns dessen bewusst, während unsere Vorfahren dafür blind waren. So beschwört die Technologie einen längst vergessenen Moment unserer Frühgeschichte. Dieser Moment ist vielleicht ebenso wichtig wie der, an dem wir begannen, so zu leben wie wir es heute tun – mit Brot, Wein und Lammkoteletts. Vor der Erfindung der Landwirtschaft hatten unsere Vorfahren nämlich weder Brot noch Wein noch Lammkoteletts.

(3) Dahinter verbirgt sich kein quantitatives, sondern ein qualitatives Problem: „Die nicht-abendländischen Kulturen haben sich nie für die Natur interessiert; sie haben die Natur nie als Kategorie verwendet und konnten damit nie etwas anfangen,“ schreibt Bruno Latour in seiner Streitschrift für eine neue „politische Ökologie: Das Parlament der Dinge“. An anderer Stelle erklärt er dazu: „Wir wollen damit nur sagen, dass die anderen Kulturen, gerade weil sie nie in der Natur gelebt haben, für uns die konzeptionellen Institutionen, Reflexe, Routinen bewahrt haben, die wir Abendländer brauchen, um uns der Idee der Natur zu entwöhnen.“ Die nicht-abendländischen Kulturen, die letzten wilden Völker, haben sich nie als von der Natur getrennt empfunden/begriffen. Die Wilden behandeln die Natur nicht „gut, sondern überhaupt nicht. Sie vermengten nicht Natur- und Gesellschaftsordnung, „sondern ignorierten die Unterscheidung“. Stattdessen entfalteten sie ihre Ordnungsprinzipien in einer einzigen Ordnung, „die wir, die Abendländer“ gerne getrennt untergebracht sähen. „Genauer, sie weigern sich [bis heute], nur zwei Kollektoren zu verwenden, von denen der eine, der soziale, allein als politisch gilt, während der andere, die Natur, außerhalb jeglicher Macht, jeder öffentlichen Äußerung, jeder Institution, Humanität oder Politik stünde. Wenn die anderen Kulturen auch nicht die schönen Einheiten bilden, die ihnen der Exotismus überstülpt, so sind sie zumindest nicht auf einem Auge blind.“

Kurzum: „Die Weißen sind weder der Natur nahe, weil sie, und nur sie, endlich dank der Wissenschaft wüßten, wie die Natur funktioniert, noch ihr fern, weil sie das althergebrachte Geheimnis der trauten Zweisamkeit mit ihr verloren hätten. Und die ‚anderen‘ sind der Natur nicht nahe, denn sie haben diese nie losgelöst von ihrem Kollektiv gesehen, noch haben sie sich von der Natur der dinge entfernt, weil sie diese irrtümlicherweise stets mit den Anforderungen ihrer Gesellschaft vermengt hätten. Weder die einen noch die anderen sind der Natur fern oder nahe.“

Für Latour folgt daraus, dass wir eine neue politische Ökologie brauchen – eine, die auf der Höhe ihrer Praxis ist.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/05/08/naturschutz_vs_menschenrechte/

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kommentare

  • Kürzlich fand in Weimar ein Symposium über die „Die Macht der Dinge“ statt.

    Dabei ging es in gleich mehreren Vorträgen um die Akteur-Netzwerk-Theorie von Michel Callon, Bruno Latour, John Law und Madeleine Akrich. Man könnte auch noch Isabelle Stengers, Shirley Strum und Donna Haraway dazu zählen sowie einige hundert an allen neuen Soziologien interessierte Jungwissenschaftler, die sich auch schon im Merve-, Transcript- und Suhrkamp-Verlag mit der ANT auseinandersetzten.

    Der Witz daran ist, dass sie die Dichotomie zwischen Natur und Gesellschaft, Objekt und Subjekt, Fakten und Fetische überwinden will.

    U.a. mit der Benamung von Tieren unter Beobachtung fing die Akteurs-Netzwerk-Theorie an. Das war z.B. bei der Pavianforschung von Shirley Strum und von Barbara Smuts der Fall, die damit über die bis dahin gängige Praxis der Verhaltensforscher hinausgingen, die „ihre“ Tieren bloß numerierten. Und ihnen vor allem nicht zu nahe kamen. Bei vielen angloamerikanischen Anthropologen, Biologen und Psychologen hat natürlich auch die Benamung nichts an ihrer beschränkten Sichtweise geändert: Diese Evolutionisten meinen weiterhin, dass sie sich auf dem Feld der Naturgeschichte bewegen, also nach wie vor das Verhalten einer Art untersuchen – und nicht die Geschichte von Individuen in einer Horde, Gruppe oder Herde, die eine eigene Geschichte hat, welche sich von der anderer Horden, Gruppen und Herden unterscheidet. Das wird sich aber wohl bald ändern.

    Kürzlich entdeckten z.B. einige Paläoontologen im Zusammenhang einiger Werkzeugfunde, dass nicht nur die Menschen, sondern auch die Schimpansen eine „Steinzeit“ kannten. Sie reden natürlich nicht darüber. Aber das ist kein Grund mehr, dass die Primatenforscher ebenfalls darüber schweigen. Andere Forscher entdeckten ganz verschiedene „Kulturen“ bei ein und der selben Affenart, je nachdem wo die jeweilige Gruppe, Horde lebte. Die einen wuschen ihre Früchte im Wasser, andere schnitzten Speere, um damit Buschbabies aufzuspießen, wieder andere entasteten kleine Zweige, um damit Termiten zu „angeln“ und noch andere benutzten dicke Knüppel, um damit Fische im Wasser zu erschlagen. Bei einigen Paivanen verlassen die jungen Weibchen ihre Gruppe und suchen sich eine neue, bei anderen sind es die Männchen…

    Einer der Akteur-Netzwerk-Theoretiker, John Law, wird in Weimar ein Referat über die ANT halten. Ansonsten sollen die Dinge selber dort zu Wort kommen, deswegen ist jeder Teilnehmer aufgefordert, ein Ding – nicht größer als eine Zigarettenschachtel (was natürlich eine Nichtraucher-Provokation ist) – mitzubringen. „Bring‘ das Ding mit, dass Deine Forschung infiziert!“ lautet die Aufforderung an sie.

    Das sogenannte Impulsreferat hielten die Wiener TRAFIKANTEN auf der Weimarer Konferenz, und Barbara Wittmann vom MPIWG Berlin wagte schlußendlich ein Konferenz-Resümee. Dazwischen hielten neben John Law u.a. auch die Weimarer Bernhard Siegert, Cornelia Wismann, Friedrich Balke und Markus Krajewski Referate. Das Ganze fand vom 23.- bis 25 April im Hauptgebäude der Uni und im ACC statt.

  • Das Buch “Naturschutz und Profit” nimmt durchaus Bezug auf den Artikel von Mac Chapin im “World Watch”-Magazin 2004, dass es sich diesem Beitrag „verdankt“ ist ein bisschen übertrieben. Die erste persönliche Begegnung mit Naturschutzflüchtlingen im Februar 2003 in Comitán, Chiapas, Mexiko, war für den Autoren wesentlich prägender.
    http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,286,7.html

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