vonHelmut Höge 13.06.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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So sah sich Deutschland lange Zeit – als Europa-Hausmeister. Thomas Mann verdammte seine  „Heimat“ deswegen – von seinem kalifornischen Exil aus. Nach dem Krieg galt der Lübecker aus diesem Grund hier als „Jude“ und „Vaterlandsverräter“. Die Kritik an dem Nobelpreisträger nahm noch zu, als Thomas Mann sich 1947 zurück nach Deutschland wagte. In der Berliner Zeitung hat Harald Jähner darüber heute einen langen Text veröffentlicht.

Der Schriftsteller Otto Flake (1) verteidigte Thomas Mann gegenüber sogar die Kriegsverbrechen als Opfergänge: „Der Deutsche war töricht genug,“ schrieb er, „der modernen Welt die Gefahr vorzuleben, die ihr tatsächlich droht, die Maßlosigkeit nämlich, die auftritt, sobald man die Bindungen zerstört.“ Die westlichen Nationen hätten den bloß „allzu beflissen“ Deutschen „den Kloakendienst“ überlassen, während sie selbst, „die Hände in den Hosentaschen, verächtlich zuschauten.“

Mit dem hausmeisterlichen „Kloakendienst“ meinte Otto Flake die Vernichtung der Bolschewisten und Juden, die für die meisten Deutschen identisch waren. Flake nahm damit die selbe „Weltsicht“ ein wie vor ihm auch schon der Kreis um den „Hitler-Attentäter“ Stauffenberg. Den späteren Sprecher dieses „Widerstands“-Kreises vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß 1945/46 – den zu Arthur Nebes Verteidigung bestellten „Sachverständigen“ von Schlabrendorff, hatte der US-Ankläger Kempner bereits erbost gefragt: „Wieviele Juden darf man denn ermorden, wenn man das Endziel hat, Hitler zu beseitigen – wieviele Millionen?“

Noch deutlicher wurde dann die FAZ – in einem Artikel von Gerhard Nebel heißt es über Thomas Mann: „Dieser Schriftsteller ist eine Linse, der die Strahlen der Partisanen-Bosheit sammelt.“

Die jüdisch-kommunistischen Widerständler in ganz Europa waren damit gemeint – 1950 in der FAZ: zum 70 Geburtstag von Thomas Mann.

Man dürfe jetzt nicht, schrieb Gerhard Nebel dort weiter, „in Geburtstagssentimentalität vergessen, was uns von Thomas Mann scheidet. Er tritt uns als Exponent einer bis zur Dummheit gehenden Abneigung gegen Deutschland entgegen, und diesem Affekt, der ihn zu verzehren scheint, antworten aus dem Volk, dem er einstmals angehörte, Verachtung und Wut. “

In der BRD hasste man ihn, von der DDR wurde er umgarnt. Schließlich entschied er sich, in die (neutrale) Schweiz zu ziehen, wo er dann auch 1955 starb.

1924 hatte ihn schon Gerhart Hauptmann auf die Ostseeinsel Hiddensee locken wollen. Weil ihm jedoch im Hotel „Haus am Meer“ in Vitte, wo die beiden untergekommen waren, stets ein bescheideneres Essen als Hauptmann serviert wurde, reiste er wütend wieder ab. Später rächte er sich in einem seiner Romane, in dem er sich über Hauptmanns Unfähigkeit zur freien Rede lustig machte. Und noch später ließ er sich mit seinem neuen PKW stolz vor Goethes Gartenhaus in Weimar photographieren. Das war 1949, als er auf Einladung der DDR an den Feierlichkeiten anläßlich Goethes 200. Geburtstag teilnahm. Untergebracht waren die Manns im vornehmen Weimarer Hotel Elefant, wo ihnen das Essen allerdings auch nicht schmeckte, obwohl sich die Regierung alle Mühe gab, denn man wollte Thomas Mann zur Übersiedlung von Zürich in die DDR bewegen. Thomas Mann schrieb über seinen Weimar-Besuch anschließend in seinem Tagebuch: „…Die ganze Zeit viel Kaviar, der zu hartkörnig.“

Im Sommer 2007 stellte Antonia H. aus B. die Szene vor dem Goethemuseum in Kaltensundheim mit ihrem gelben Mietwagen nach.

Die dortige „Goethe-Ausstellung“ wurde vom Wirt des dazugehörigen Gasthofs „Zur guten Quelle“ sowie vom Geschichtsverein Kaltennordheim zusammengestellt. Und das äußerst liebevoll. Goethe übernachtete dort 1780, um Meliorationsarbeiten zu inspizieren. Später kam er noch einmal nach Kaltennordheim, um Soldaten auszuheben. In Begleitung des Herzogs Karl August besuchte er außerdem noch Ostheim und Zillbach. All diese Siedlungen bezeichnete er hernach als „leidige Orte und böse Nester“. Der Dichter war damals als Geheimer Rat Mitglied der obersten Regierungsbehörde des Landes und leitete außerdem die Kriegskommission, die Wegekommission und die Bergwerksdirektion.

2009 gab es wieder Streit um Thomas Mann, diesmal betraf es den nach ihm benannten Lübecker Literaturpreis. am 18. Oktober 2008 wurde Daniel Kehlmann aus Wien und Berlin mit dem Preis geehrt. Daraufhin fing die Bayrische Akademie der Schönen Künste in München ebenfalls an, ihre Auszeichnung „Thomas-Mann-Literaturpreis“ zu nennen. Als erstes verlieh sie ihn an Peter Handke. Lübeck protestierte mit einem offenen Brief gegen die Benennung des bayerischen Preises. Dieser würde das Ansehen des Autors beschädigen und zu Irritationen führen. 75 Jahre zuvor war Mann aus München vertrieben worden. der bayrische Akademiepräsident Dieter Borchmeyer konterte: Man werde den Preis nicht zurücknehmen. Das würde die Familie Mann brüskieren, die zugestimmt habe. Er schlägt vor, dass auch die Züricher einen Thomas-Mann-Preis ausloben sollten. Nach Goethe, Lessing und Schiller seien ebenfalls mehrere Preise benannt.

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(1) Otto Flake arbeitete während des 1.Weltkriegs in der deutschen Okkupationsverwaltung in Brüssel. Er zog dann nach Zürich, dort schloß sich dem Kreis der Dadaisten in der Spiegelgasse an, wo zuvor auch Lenin eine Exilunterkunft gefunden hatte.

„1933 unterschrieb Flake wie 87 weitere deutsche Schriftsteller eine Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler, das Gelöbnis treuester Gefolgschaft. Für diese Unterschrift wurde er unter anderem von Thomas Mann, Bertolt Brecht und Alfred Döblin scharf kritisiert. Einer der nun im Internet kursierenden „Merksätze“ von Otto Flake lautet: „Wer mit den Menschen auskommen will, darf nicht zu genau hinsehen.“

Nach Kriegsende 1945 wurde Flake von der französischen Besatzungsmacht in den Kulturrat von Baden-Baden berufen, der mit der Durchführung von Ausstellungen und Vorträgen betraut war.

In der DDR wurde Flakes Das Ende der Revolution (1920) auf die „Liste der auszusondernden Literatur“ gesetzt. 1958 legte Bertelsmann einige Titel des Autors neu auf und erzielte damit eine überraschende Auflage von rund einer Million in 28 Monaten. Am 10. November 1963 starb Otto Flake in Baden-Baden.“ (Wikipedia)

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