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vonHelmut Höge 29.09.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Weiß man, dass das Wort Frieden (paix) von dem Wort für Grenzmarkierung stammt, vom Pfahl (pieu), von diesem bestellten Pagus (Feld)?“ (Michel Serres)

1972 fanden in den USA Präsidentschaftswahlen statt. Ein kompliziertes und finanziell aufwendiges Verfahren, bei dem die Kandidaten, begleitet von ihrer Familie, ihren Beratern, Helfern und einem Journalistentroß, der sich gewaschen hat, durch das ganze Land jetten, Reden halten, Hände schütteln und Interviews geben. Wenn sie bei diesen Vorwahlen gut abschneiden, werden sie eventuell von ihrer Partei nominiert. Die Demokraten nominierten 1972 notgedrungen den „Anti-Politiker“ George McGovern, nachdem Hubert Humphrey und Edmund Muskie ausgeschieden und der für die Rassentrennung kämpfende George Wallace angeschossen und dabei schwer verletzt worden war. McGovern trat daraufhin gegen den republikanischen Amtsinhaber Richard Nixon an.

Dieser hatte die Präsidentschaftswahl 1968 mit dem Versprechen gewonnen, den Vietnamkrieg zu beenden. Er ließ dann auch Truppenteile abziehen, gleichzeitig beschlossen er und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger jedoch, insgeheim auch noch Laos und Kambodscha zu bombardieren. Sein demokratischer Herausforderer – Robert Kennedy – war nach erfolgreichem Vorwahlkampf erschossen worden, ebenso der mit ihm verbündete schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King. 1968 waren zudem die Amerikaner in Vietnam aufgrund der „Tet-Offensive“ des Vietkong überraschend in die Defensive geraten. Seitdem gewann die Studenten- und Friedensbewegung weltweit immer mehr Einfluß.

Nixons Wahlkampf bestand 1972 vorwiegend aus außenpolitischen Erfolgen zur Entspannung des Verhältnisses der USA zur UDSSR und China. Zwar war der von ihm gleichzeitig angeordnete Einbruch in das Washingtoner „Watergate-Hotel“, um dort im Hauptquartier der demokratischen Partei Abhörtechnik zu installieren, bereits öffentlich bekannt geworden, aber im Wahlkampf spielte dieser „Skandal“ noch keine Rolle. Wohl aber der, dass McGovern den konservativen Senator Thomas Eagleton zu seinem Kandidaten für die Vizepräsidentschaft ernannt hatte – und diesem dann zwei frühere Psychiatrieaufenthalte wegen Depressionen nachgewiesen wurden, woraufhin seine Kandidatur zurückgezogen werden mußte.

Im Journalistentroß von McGovern befand sich der Inlandsredakteur der 1967 gegründeten Pop-Zeitschrift „Rolling Stone“: Hunter S.Thompson. Seine Artikel über die Präsidentschaftswahl 1972 faßte er anschließend zu einem Buch zusammen, das von McGovern und der New York Times als das „beste“ bzw. „wertvollste“ über diese Wahlkampagne bezeichnet wurde. Thompson gilt als Begründer des „New Journalism“ – einer extrem subjektiven, immer wieder abschweifenden Sichtweise, die er auf den Romanautor Jack Kerouac zurückführt. Ihr berühmtester Vertreter ist heute Tom Wolfe. Thompson arbeitete oft und gerne unter Drogen – ihm war fast jedes Rauschgift recht. Bevor er als „Wahljunkie“ zum McGovern-Troß stieß, hatte er selbst in seiner Heimatstadt Aspen, Colorado, für das Amt des Sheriffs kandidiert – wobei seine lokale „Freak Power“-Kampagne ebenfalls schon dem republikanischen Kandidaten unterlegen war, sie verschaffte ihm jedoch ein „High“, das weit über „alle bisher von ihm genommenen Drogen hinausging“.

Ein ähnliches „High“ erlebte er dann auch in dem fast ein Jahr dauernden „Nachbarschaftswahlkampf“ von McGovern, weil er sich mit ihm „identifizierte“, wie er schreibt, obwohl der konservative Senator aus South Dakota Hunter S. Thompsons „3-A-Kampagne“ – „Acid“ (Legalisierung von Drogen), „Amnestie“ (von Deserteuren) und „Abtreibung“ ablehnte, um die „Normalwähler“ nicht zu verschrecken. Wie bei jedem Wahlkampf ging es auch hier darum, eine Mehrheit für sich zu gewinnen (obwohl nur Minderheiten produktiv sind). Dies bedeutete, dass er sich morgens vor Studentinnen als Feminist gerierte, mittags vor Farmern als halber Rassist, abends vor einem Supermarkt gegenüber Arbeitern als halber „Sozialist“ und nachts in der Hotelsuite gegenüber seinen reichen Geldgebern als Neoliberaler. Seine PR- und Kampagnenberater hatten die Aufgabe, sein derart täglich zerfaserndes „Image“ anschließend wieder zu ründen, so dass der Kandidat auch weiterhin für „Ehrlichkeit“ und „Charakter“ stand. Manches hätte seine Truppe besser machen können, aber „das Fundraising funktionierte so gut, dass man fast schon von einem Wunder sprechen konnte,“ meinte McGovern hernach. Für ihn, den Vietnamkriegsgegner, ging es darum, vor allem die „junge Generation“, die nicht nach Vietnam geschickt werden wollte – d.h. die „Erstwähler“ – zu „mobilisieren“. Das lief auch bis zum Parteitag, der ihn nominierte „großartig – aber was dann im Fernsehen rüberkam, das war“ laut McGovern „nichts als eine Menge aggressiver Frauen; sie sahen eine Menge militanter Schwarzer, sie sahen langhaarige Kids, und ich denke, eben diese Kombination, die mir ja zur Nominierung verhalf, hat viele abgeschreckt“ (ihn zu wählen).

Ähnlich urteilt auch Thompson: Gerade die befreienden „sozialen Umbrüche“ der Sechzigerjahren bewirkten, dass „die ‚Stimmungslage der Nation‘ 1972 derart rachsüchtig, habgierig, bigott und rückhaltlos reaktionär war“. McGovern machte anschließend „die Medien“ für seine vernichtende Niederlage verantwortlich, wobei er seinen Unterstützer Hunter S.Thompson natürlich von dieser Schelte ausnahm. Dieser wechselte dann als Rolling-Stone-Redakteur zur Außenpolitik, als solcher erlebte er 1975 die überstürzte Evakuierung der letzten Amerikaner und ihrer Verbündeten aus Saigon – auf LSD. Die Präsidentschaft der Bushs begriff er später vollends als „faschistisch“. Nachdem George Bush Junior 2004 bei den Wahlen im Amt bestätigt worden war, erschoß sich Hunter S. Thompson Anfang 2005 mit seinem Lieblingsrevolver.

Hier auf dem Poller-Testgelände in Colorado werden die Pfähle/Poller (Bollards) von morgen getestet. Alle Photos: Peter Grosse

P.S.: So wie es ein großer Fehler des SDS und der Außerparlamentarischen Opposition war, sich partout als Partei zu re-formieren, um als „Grüne“ in Wahlkämpfen erfolgreich zu sein, ließ sich auch Jerry Rubin, ein amerikanischer „Führer“ der aus der Friedens- und Hippiebewegung entstandenen „Youth International Party (Yippies), einmal als Kandidat aufstellen. Monatelang war er mit Wahlkampf beschäftigt. Hinterher meinte er reumütig, dass er sich dabei in ein absolutes Arschloch verwandelt hätte: „Man muß die Menschen da abholen, wo sie stehen!“ – positiv ausgedrückt. Es geht ja auch nicht darum, sie zu überzeugen, sondern darum, dass sie einen wählen.

Das ist der Punkt: Die APO war nach ihrer Transformation in die grüne Partei äußerst erfolgreich – aber das hatte nichts mehr mit ihren ursprünglichen Ideen zu tun, im Gegenteil, sondern betraf bloß einige Personen.

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