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vonHelmut Höge 05.11.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Das ist meiner, der große dunkle Koi da! Den hat mein Vater hier im Frühjahr ausgesetzt, weil er zu groß für unseren kleinen Gartenteich wurde.

Ein Rundgang durchs Aquarium

Seit 1913 gibt es in Bremerhaven das sogenannte „Nordsee-Aquarium“, an das 1928 die „Tiergrotten“ gebaut wurden. Das Aquarium arbeitet, um seinen Fischbestand immer wieder aufzufüllen, mit dem Bremerhavener „Institut für Meeeresforschung“ zusammen, das 1986 in das „Polarforschungsinstitut“ integriert wurde. Die Lebendfische für das „Nordsee-Aquarium“ kommen außerdem auch noch von der „Bundesforschungsanstalt für Fischerei“, zu der das in Bremerhaven stationierte Forschungsschiff „Anton Dohrn“ gehört, das jedoch stillgelegt werden soll. Das „Nordsee-Aquarium“ wird seit über 20 Jahren von Werner Marwedel betreut. Nebenbei war er noch lange Zeit Mitglied im Verein der Bremerhavener Aquarienfreunde. Zu Hause besitzt er keine Aquarien, aber gelegentlich übernimmt er im Verein den „Aquariums-Notdienst“. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit, während wir von Becken zu Becken gingen:

In unserem Verein hatten wir bei rund 100 Mitgliedern lange Jahre nur eine Frau dabei, einmal – in der Glanzzeit – sogar zwei. Das ist auch in anderen Städten so. Begeisterte Aquarianerinnen gibt es zwar, aber man muß sie wie Stecknadeln im Heuhaufen suchen. Hier im Nordsee-Aquarium kommen die meisten Fragen über irgendwelche Fische auch von Männern. Als ich hier anfing, hatten wir außer Nordsee-Aquarien nur einige wenige Becken mit tropischen Fischen. – Wir hatten einen Eichhörnchenfisch in rot, diese Art haben wir immer noch, die halten sich meistens im Dunkeln auf, am liebsten in Höhlen. An der Höhlendecke oft mit dem Bauch nach oben. Wenn sie an einer Wand entlangschwimmen, drehen sie ihr auch den Bauch zu. Dann hatten wir einige Kaninchenfische, die sich alle paar Minuten umfärbten: Mal hatten sie ein Schachbrettmuster, mal waren sie gestreift, dann einfarbig gelb, dann wieder braun. Wie kaum ein anderer Fisch waren sie Stimmungen unterworfen. Sie wurden aber hier nicht besonders alt, sie waren zu empfindlich. Ein Seemann – Herr Sielinsky – schenkte uns dann noch einen grauen Doktorfisch. Er hatte ihn beim Tauchen im Roten Meer, nach dem 6- Tage-Krieg – als der Suez-Kanal gesperrt war, gefangen. Damals war er Fünfmarkstück groß. Wir haben ihn heute noch. Dann das Fuchsgesicht, der sieht auch aus wie ein Dachs und ist auch so gestreift. Eine irreführende Bezeichnung also. Genauso wie bei jenem Drückerfisch, dessen lateinische Bezeichnung besagt, dass es sich um einen „schwarzen“ handelt, bloß, der ist überhaupt nicht schwarz, eher blau-violett. Die Wissenschaftler, die ihn benamten, haben ihn wahrscheinlich als Spiritusleiche vor sich gehabt, und da war er schwarz. Oft hat man auch Männchen und Weibchen verschiedenen Arten zugeschlagen, weil sie so unterschiedlich gefärbt waren. Manchmal müssen heute noch Umbenennungen vorgenommen werden. Leider bekommen wir nur selten Fische geschenkt. Die Korallenfische kaufen wir von Großhändlern oder bekommen sie von anderen Aquarien im Austausch.

Hier, in Becken 1, das ist ein Kabeljau, von einem Krabbenkutter gefangen. Das ist ein Weibchen, die sitzt mit ziemlicher Sicherheit jetzt steif voll Laich, und das wird ihr auch wohl das Leben kosten. Nur in den seltensten Fällen werden die im Aquarium ihren Laich los. Wenn Männchen dabei sind, kommt es gelegentlich vor, die treiben häufig. Aber die Chance, aus dem besamten Laich was hoch zu kriegen, ist gleich Null. Wenn man Glück hat, kommt es bei ihr zu einem Notlaichen. Ich kann sie aber nicht rausnehmen aus dem Becken und streifen, wie es die Fischer beispielsweise mit Lachsen tun, sie ist zu groß und würde sich dabei verletzen, außerdem kann ich sie gar nicht halten, sie ist viel zu glatt. Die meisten dorschartigen sind sehr berührungsempfindlich, das ist auch der Grund, warum sie so gut wie nie in Aquarien zu sehen sind.

Hinten, im Reservebecken, haben wir noch junge Kabeljaus, die kann ich aber nicht nach vorne ins Aquarium tun, die würde sie gleich auffressen. Die sind von Krabbenfischern an der Wurster Küste gefangen worden. Im Frühsommer kommen die Krabben langsam in Küstennähe. D.h. sie werden nur „Krabben“ genannt. Eigentlich sind das Sandgarnelen, hier nennt man sie auch Granat. Ihnen folgen die Jungdorsche. Bei dem Weibchen im Becken sind etliche Seewölfe. Dass die so alt aussehen und teilweise zahnlos sind, liegt daran, dass sie in der Natur zweimal im Jahr einen Zahnwechsel durchmachen. Sie ernähren sich fast nur von hartschaligen Tieren. Also von Muscheln, Krebsen, Krabben – von richtigen Krabben, im Plattdeutschen „Dwarslöper“ genannt: Seitenläufer. Dazu gehört auch der Taschenkrebs. Diese Seewölfe nun werden in der Gefangenschaft unwahrscheinlich faul: Sie gewöhnen sich sehr schnell an die Nahrungsbrocken, die wir ihnen geben, und rühren dann hartschalige Tiere nicht mehr an, versuchen gar nicht erst eine Muschel beispielsweise zu knacken, und dadurch werden ihre Fangzähne vorne nicht mehr beansprucht und spröde, brechen dann leicht ab. Deswegen sehen einige von diesen Seewölfen, wenn sie so zahnlos träge in dem im Aquarium aufgespannten Fischernetz dösen, wie Greise aus.

Hier im Eck-Aquarium, das ist ein kleiner Heringsschwarm. Die sind sehr schwierig zu halten. Das Schlimmste ist ein Stromausfall. Die sind es gewohnt, dass morgens das Licht angeht und abends aus. Wenn es aber mal tagsüber ausgeht, dann heißt das für sie: Feind von oben! Die sehen einen Schatten und hauen ab, wobei sie hier dann gegen die Scheibe oder die Steine schwimmen und sich mindestens den Kiefer brechen. Die haben relativ schwache Kiefer. Man sieht hier, dass viele von ihnen einen deformierten Kiefer haben, das hat aber andere Ursachen, wir sind noch am Rätseln: möglicherweise liegt es an der Nahrung, eine Mangelerscheinung also. Heringe verlieren auch sehr leicht ihre Schuppen, die sehr lose aufsitzen und nur durch eine extrem schwache Außenhaut geschützt sind. Wenn man diese Fische anfaßt oder sie erschreckt irgendwo gegenschwimmen, dann rieseln die Schuppen wie Konfetti herunter. Die Stellen, wo die Schuppen fehlen, werden dann leicht von Bakterien und Pilzen befallen. So kostet uns jeder Stromausfall einige Heringe. Wenn so ein Schwarm eine Weile im Aquarium gelebt hat, dann ist die Gefahr mit der Zeit allerdings nicht mehr so groß: Sie lernen es, sich darauf einzustellen, dass sie hier nicht mehr derart weitläufig – wie im Meer gewohnt – reagieren können. Dieser Schwarm hier, von ca. 20 Fischen, das waren mal 200. Die kriegen wir aus dem Aquarium in Wilhelmshaven, die haben einen eigenen Kutter mit einer Fangvorrichtung im Jadebusen: Ringwadennetze, die funktionieren mit vertikalen Absperrungen, mit denen die Heringe gewissermaßen in die Kammern reingelotst werden, wo sie dann rausgeschöpft werden, also gar nicht an die Luft kommen. Das ist die schonendste Art des Fangens überhaupt. Bei uns haben einzelne Heringe schon bis zu sieben Jahren überlebt. Sie sind Dauerfresser, die füttert man besser mehrmals am Tag wenig, als einmal viel. Das habe ich aber erst im Laufe der Zeit herausgekriegt.

Wir hatten bei denen im Becken noch einen Hummer mit drin. In jungen Jahren häuten die sich sehr oft, später dann immer seltener. Das ist für die nicht ohne Risiko, die sind dann nämlich, weil der neue Panzer sehr weich noch ist, der Gefahr ausgesetzt, von Fischen und anderen gefressen zu werden. So ist der hier auch gestorben: – die Fische haben ihn angeknabbert. In der Natur verstecken die Hummer sich zwischen Steinen, hier im Aquarium ging das nicht. Und so ein Hummer ist für die Fische eine Delikatesse. Manchmal kommt es auch vor, dass ein Fühler oder eine Schere beim Häuten im alten Panzer steckenbleibt und dann laufen die bis zur nächsten Häutung halbamputiert herum. Sie sind aber in der Lage, sie beim nächsten Mal wieder neu auszubilden. Wenn es sich um eine Schere handelt, ist die regenerierte manchmal allerdings etwas kleiner – vorübergehend. Aber das grenzt auch so schon an ein Wunder, wenn man sich vorstellt, dass der unter seinem Panzer, an dem die Schere fehlt, eine neue ausbilden muß – dass die da drunter also irgendwie Platz finden muß.

Hier schwimmt eine ganz besondere Seltenheit: ein Schellfisch. Jetzt ist der drei Jahre bei uns. Es gibt kein anderes Aquarium, das Schellfische hat. Vor drei Jahren hatten wir erstmalig elf bekommen, davon blieben drei am Leben, und dann bekamen wir ein Jahr später noch mal sechs, von denen ebenfalls drei übrigblieben, so dass wir insgesamt sechs überlebende besaßen. Vor etwa einem Vierteljahr starb dann der erste von denen und so ging das weiter, so dass der hier der letzte ist und der sieht auch noch ganz gut aus, nur auf dem einen Auge ist er blind. Seine Mitschwimmer hatten etliche Blessuren und Lädierungen gehabt. Schellfische sind ausgesprochen heikel. Viele Dorschartige sind, wie gesagt, schwierig zu halten und schwierig aus dem Wasser zu holen. Das geht eigentlich nur mit Jungtieren, die sich näher an der Wasseroberfläche aufhalten. Wenn es gelingt, die schonend zu fangen, kann man den einen oder anderen dann auch zum Schautier machen.  Bei den größeren Schellfischen ist das kaum möglich. Die leben in größeren Tiefen und müssen dann erst einmal eine Druckabnahme aushalten, wenn sie ins Schleppnetz geraten. Danach werden sie die ganze Zeit mitgeschleppt und müssen den Wasserdruck beim Ziehen sowie den Druck der nach ihnen ins Netz gehenden Fische aushalten. Schließlich wird das Netz aus dem Wasser gehievt. Das führt wieder zu einer plötzlichen Druckabnahme und dann wird das Netz am Stert geöffnet und die ganzen Fische poltern aufs Deck, wobei die zuerst ins Netz Gegangenen zuunterst zu liegen kommen. Eine Chance gibt es eigentlich nur, wenn unter den zuletzt gefangenen, also an Deck obenauf liegenden Fischen Schellfische dabei sind und man gleich eine mit Wasser gefüllte Wanne daneben stehen hat. In den 15 Jahren, die ich hier bin, haben wir zwei oder drei solche Fälle gehabt, dass wir auf diese Weise an lebende Schellfische herangekommen sind, aber auch die sind am nächsten Tag jeweils immer gestorben. Die sind aus den Reservebecken gar nicht erst in die Schaubecken gekommen. Dieser hier stammt von den Leuten vom Forschungsschiff „Anton Dohrn“, die einmal das Glück hatten, einen Schwarm zu erwischen, in dem die Tiere noch nicht voll ausgewachsen waren und die sich zum anderen an Bord wahnsinnig bemüht hatten, die Tiere am Leben zu erhalten: Sie haben laufend das Meerwasser in den Becken gewechselt und zusätzlich noch Eisstücke mit reingehängt. Schellfische sind sehr temperaturempfindlich. Wenn der hier stirbt, ich glaube nicht, dass wir noch einmal welche bekommen werden. Die „Anton Dohrn“ wird verkauft demnächst und die „Walter Herwig“, die die Aufgaben mit übernehmen wird, die hatte zwar mal Becken an Bord, aber die sind schon vor Jahren ausgebaut worden und ich weiß nicht (auch die Leute von der Bundesforschungsanstalt wissen es noch nicht), ob sie wieder welche eingebaut bekommen. In den letzten Jahren hat die Versorgung mit lebenden Fischen durch diese Schiffe sowieso nachgelassen, weil die andere Forschungsaufgaben und dementsprechend andere Fahrtprogramme durchzuführen hatten. Die „Victor Hensen“ – vom „Institut für Meeresforschung“ – wiederum ist zum Fangen dieser hochmaritimen Arten nicht ausgerüstet: Sie ist kleiner als die „Anton Dohrn“ und hat ganz andere Fangvorrichtungen an Bord: – Grundschleppnetze in der Hauptsache, sogenannte „Dredschen“. Damit können sie uns höchstens Plattfische, oder auch mal, mit Glück, Knurrhähne beschaffen. Mit großem Glück: die Viecher sind nämlich so schnell, die schwimmen aus den Schleppnetzen wieder raus, bzw. lassen sich damit gar nicht erst einfangen. Die „Hensen“ hat uns vor allem hochinteressante niedere Tiere mitgebracht, die wir immer gerne genommen haben, um die Becken farbenfroher und abwechslungsreicher zu gestalten: Seenelken und Seerosen z.B..

Die Besucher fahren natürlich auf die Sachen ab, die im Wasser frei herumschwimmen und ein bißchen Größe zeigen.  Beim Schellfisch hier, die Mitschwimmer, das sind graue Knurrhähne. Als die gefangen wurden, war ich selbst mit auf Fahrt. Da hatten wir 75 graue Knurrhähne im Netz. Das war früh morgens und ich war hochbeglückt darüber. Aber gegen Abend, als es schon wieder in Richtung Küste ging, da hatten sich bereits alle wieder verabschiedet – bis auf vier Tiere. Die sind dann nachts hier noch in die Becken reingekommen. Am nächsten Morgen lebten nur noch zwei, und die haben wir heute noch. Vor einigen Jahren bekamen wir dann von der „Anton Dohrn“ noch zwei weitere Knurrhähne, die sich witzigerweise beide gehalten haben. Das ist insofern merkwürdig, als wir in der Zeit davor, über zehn Jahre, nie einen grauen Knurrhahn hier zu Gesicht bekommen hatten, rote schon eher, obwohl die grauen in der Nordsee häufiger vorkommen. Der rote ist weiter im Süden beheimatet, im Mittelmeerbereich. Im Spätsommer kommt er teilweise bis in die Nordsee. Die roten Knurrhähne sind dekorativer, sie geben mehr her als die grauen: – die Brustflosse ist größer und herrlich blau eingefaßt, sieht aus wie ein Schmetterlingsflügel.

Hier im Aquarium muß man immer auch an die Besucher denken. Ich persönlich kann mich über irgendeinen neuen unscheinbaren kleinen Krebs freuen, den wir noch nie gehabt haben, aber die Besucher wollen entweder etwas ganz Verrücktes sehen – mit solchen Hauern! Wie ein Wildschwein! Oder es muß entweder knallgrün oder knallrot sein, dass einem am Besten die Augen weh tun, und dann muß es im Becken auch noch hin und her flitzen wie aufgezogen. Wenn etwas nur am Boden liegt, dann ist das todlangweilig, dann wird an die Scheiben geklopft. So etwas hassen wir natürlich, aber was soll man machen? Immerhin gibt es aber doch auch viele, die unsere Bemühungen wenigstens interessant finden.

Zum Beispiel hier bei den jungen Katzenhaien: Jetzt sieht man das nicht mehr, da hängen sonst immer eine ganze Reihe von Eikapseln. Die sind jetzt alle ausgeschlüpft. Ich hänge die einzeln ins Becken, normalerweise hängt man die als Traube auf und dann veralgen die, und dann ist ein Ei unbefruchtet, das wird schlecht, verpilzt und wird faul, wobei dann alle anderen nach und nach auch befallen werden und dann kommt nichts mehr dabei raus. Um das zu verhindern, habe ich eine Konstruktion gebastelt, so dass die Eikapseln jetzt quasi wie auf einer Wäscheleine im Becken hängen. Anfänglich, weil ich was darüber schreiben wollte, habe ich jedes Ei auch noch numeriert, mit kleinen wasserfesten Reitern. Auf alle Fälle, wenn jetzt ein Katzenhai-Ei mal schlecht wird, macht das nichts. Die anderen kriegen wir fast alle durch.

In diesem Becken hier, der Meeraal, der war schon beinahe zu groß, als er gefangen wurde. Je älter die Fische, desto schwerer ist es, sie in der Gefangenschaft zu halten. Das erste halbe Jahr hat der kein Futter angenommen. Er war damals etwa halb so groß wie jetzt. Zum Teil lag das daran, dass er an der Küste Süditaliens gefangen wurde. Dort hatte er es wärmer gehabt. Wir sind hier durchweg auf Nordsee orientiert und müssen deswegen das Wasser kälter fahren. Da brauchte er also erst einmal eine ganze Zeit, um sich zu akklimatisieren. Das soll nicht heißen, dass Seeaale nicht auch im kalten Wasser vorkommen: Man hat schon in der irischen See welche gefangen, auch in der Nordsee, aber er war eben Mittelmeerklima gewohnt. Und wie bei allen Fischen ist es so, dass bei zunehmender Kälte die ganzen Stoffwechselvorgänge langsamer ablaufen, sie weniger fressen usw.. Aber nach einem halben Jahr fing er dann an, erstmalig nach was zu schnappen und heute frißt er mir aus der Hand. Ich erschrecke mich aber immer noch. Mit ihm geht das nämlich folgendermaßen: Ich halte einen toten Tintenfisch in der Hand, plätschere kurz, das merkt der sofort und kommt mit der Nase hoch und guckt. Dann weiß ich schon, jetzt darf ich mich gleich nicht erschrecken, denn es gibt einen enormen Knall: Er reißt das Maul gewaltig auf, zieht dadurch die Beute rein und knallt das Maul wieder zu. Alles blitzschnell.  Er saugt nicht, sondern zieht die Beute im Sog durch das Aufreißen des Mauls rein.

Mit ihm im Becken leben noch einige Schollen. Hier vorne, das ist gerade eine linksäugige. Bei Schollen gibt es gewissermaßen Links- und Rechtshänder. Wenn die aus dem Ei kommen, schwimmen sie erst einmal wie andere Fische auch. Im Verlauf von drei bis vier Wochen wandert dann langsam das eine Auge hoch, bis es an der Kopfkante ist. Dieser Vorgang ist programmiert nach der Art des Plattfisches. Das gehört mit zum Bestimmungsschlüssel der Arten. Bei der Flunder, beim Steinbutt und bei der Scholle – entweder rutscht bei denen das linke Auge oder das rechte rüber. Wenn wir also einen Plattfisch bestimmen sollen, gucken wir erst einmal: ist er links- oder rechtsäugig? Dann geht es weiter: ist die Seitenlinie ganz gerade oder gebogen, welche Form hat sie? Dann der nächste Punkt: ist die Haut glatt oder hat sie Höcker? Die Zeichnung ist erst einmal noch uninteressant, weil die Arten sich darin ähneln können – wie Flunder, Kliesche oder Scholle; da gibt es Übergänge oder Standortformen, und dann gibt es gemeinerweise auch Blendlinge: das sind zufällige Kreuzungsprodukte – beispielsweise zwischen Flunder und Scholle. Weil es da Überschneidungsgebiete gibt – sie leben zusammen und da laicht vielleicht ein Schollen-Pärchen ab und gleich nebenan ein Flunder-Pärchen – kann es passieren, dass der Samen in die falsche Richtung abgeht, oder auch, dass sogar zwei verschiedene Tiere miteinander laichen. Und dann kommt jetzt noch dazu, um die Sache noch kniffliger zu machen: dass einige Arten links- und rechtsäugig sein können. Bei der Flunder ist das am Häufigsten – etwa 30 Prozent. Bei der Seezunge und Rotzunge habe ich es noch nie erlebt, auch noch nicht beim Steinbutt.

Der Seeaal, der hier mitschwimmt, läßt die in Ruhe, weil sie ihm zu groß sind. Aber dafür hat er was anderes angestellt: Wir hatten, als der noch Futter verweigerte, drei Flußaale mit im Becken, auf die war ich immer sehr stolz, weil das die ältesten Mitschwimmer hier im Aquarium waren. Jetzt haben wir noch einen – seit 1966 lebt der hier. Obwohl das – wenn man so will – hier eine Vergewaltigung für ihn ist. Normalerweise leben die Aale ungefähr zehn Jahre in Süßgewässern, also in Flüssen, zumindest die Weibchen. Bei den Männchen streitet man sich heute noch so ein bißchen darum. Da fressen die sich also dick und fett und dann gehen sie auf die Reise ins Sargassomeer, sie fressen nicht mehr, der Darm bildet sich zurück, alles nur noch Geschlechtsorgane, die sich ausdehnen: beim Männchen Sperma, beim Weibchen Eier. Im Sargasso-Meer ist der Laich ausgereift und wird dort abgelaicht und dann sterben die Aale. Die Larven nehmen, wenn sie ausgeschlüpft sind, anschließend den gleichen Weg zurück, den die Eltern genommen hatten. Beim Lachs ist das ähnlich so. Im Aquarium haben die Aale die Möglichkeit, älter als zehn, vierzehn Jahre zu werden, aber sie können nicht mehr wandern. D.h. einige haben es doch geschafft. Als ich 1970 hier anfing, hatten wir noch acht Flußaale. Und immer, wenn wir frisches Seewasser bekamen für die Becken, haben die das mitgekriegt – gerochen. Dann wurden die unruhig, ganz high, und verspürten einen unbändigen Drang zum Wandern: Sie kamen alle aus ihren Verstecken nach oben, die Nase an die Stelle, wo das frische Meerwasser einlief und ein- oder zweimal im Jahr passierte es, dass die eine Lücke in der Aquarium- Abdeckung fanden, und wenn wir am nächsten Morgen kamen, dann lag irgendwo eine Aalleiche. Wir haben dabei aber auch schon mal Glück gehabt und er saß nur ein paar Becken weiter in einem anderen Aquarium und wir brauchten ihn bloß zurückzutragen. Auf alle Fälle: von den ursprünglichen acht Flußaalen waren nur drei übriggeblieben, und die waren dann mit dem Meeraal zusammen. Als der seine Fastenzeit beendet hatte, fraß er als erstes einen davon auf. Drei Wochen schwamm er mit einer dicken Beule am Bauch herum und dann kam das Aalgerippe, sauber, ohne Fleisch drum herum wieder zum Vorschein: die Wirbelsäule samt Schädel. Na gut, immerhin fraß er wieder, und dann nahm er danach auch Futter von uns an. Als er dann aber noch einen zweiten Flußaal fraß, war ich doch sauer auf ihn. Da habe ich den letzten dann gerettet und in ein anderes Becken getan. Einen Vorgänger von diesem Seeaal hatten wir in Becken 7, als ich anfing. Der ließ sich auch gut füttern, der war damals schon einige Jahre hier, und verhielt sich etwas anders als dieser hier – er sitzt ja gerne, der andere schwamm ständig umher. Eines Tages fraß er nicht mehr. Wir waren zu zweit hier auf der Station – damals noch: „Sag mal, hat der bei dir was gefressen?“ – „Nö!“ – „Bei mir auch nicht!“ Das Tier sah dabei nicht schlecht aus – „Frißt der vielleicht seine Mitschwimmer auf?“ – „Nö!“ Der wurde immer dicker, und dann fiel mir auf: der Kopf wurde langsam spitzer, und die Augen größer, der Bauch stärker. Irgendwann habe ich dann geschnallt, dass das ein laichreifes Weibchen war. Als ich mal frei hatte, starb es.

Zu der Zeit haben wir die durch Unfall gestorbenen Tiere noch an die Bären draußen verfüttert. Das war so üblich (würde ich natürlich mit meinem eigenen Hund nicht machen), aber das hatten wir von unseren Vorgängern noch so übernommen. Mein Kollege hat dann den toten Meeaal aufgeschnitten und fast einen 10-Liter-Eimer voll Laich herausgeholt. Daran war der gestorben – an Laichverhärtung. Wenn das nicht rauskommt, dann sterben die daran. Nur selten gibt es ein Notlaichen. Der rote Knurrhahn schafft das meistens – manchmal auch nicht: Vor einer Woche haben wir ein reifes Knurrhahn-Weibchen auf diese Weise verloren. Die roten Knurrhähne sind da hinten im Becken, dies hier sind Aalmuttern – ein irreführender Name. Er kommt daher, dass man lange Zeit nicht wußte, woher die Aale stammen. Sie kamen plötzlich als Glasaale den Fluß herauf, aber woher? Jemand stellte die Behauptung auf, wahrscheinlich ein Fischer, die erzählen oft solche Märchen, er hatte wohl eine solche „Aalmutter“ aufgeschnitten und darin kleine Fische entdeckt, die genau wie Glasaale aussahen – diese Art bringt lebende Junge zur Welt, und deswegen hat er sie Aalmutter genannt, eine völlig irreführende Bezeichnung.

Das ist meine älteste Tochter, Victoria.

Im nächsten Aquarium, die Seerosen und Seenelken, haben wir vom Institut für Meeresforschung, einige auch vom Aquarium Helgoland. Lange Jahre haben wir diese Tiere regelrecht verbraucht; die wurden regelmäßig hier angeliefert und wir haben die ins Becken gesetzt, die siedeln sich dann auf den Steinen an, und wir haben die mit Muschelsaft gefüttert. Die dickkörnigen Seerosen, die in den Tentakelkronen nicht so fein verästelt sind wie die Seenelken, sind weniger heikel in der Ernährung, weil sie große Futterbrocken annehmen. Bei den Seenelken ist das anders – die nahmen kein Futter an und zehrten von ihrer eigenen Substanz, so lange bis sie verschwunden waren, nur noch ein kleines Klümpchen. Das kriegten wir lange Zeit nicht richtig in den Griff. Wir haben alle möglichen Rezepte für sie zusammengestellt – mit Vitaminen und in den abenteuerlichsten Zusammensetzungen. Irgendwann ist mir aufgefallen – wir hatten gerade sehr viele neue bekommen und die auf mehrere Becken verteilt -, dass die immer dann herrlich standen, wenn ich gerade die Fische gefüttert hatte. Ganz extrem war dieses Verhalten, wenn ich Kalmare verfütterte. Daraufhin habe ich gezielt den Saft dieser Futtertiere, der übrigbleibt, wenn man sie ausschlachtet, in ein Becken mit Seerosen und Seenelken geschüttet – und siehe da: sie gingen hoch wie explodiert. Und damit hatte ich es. Inzwischen sind wir so weit, dass wir Kalmare auf Vorrat im Mixer zubereiten und durch einen Stoff passieren und dann die Flüssigkeit in Tagesportionen abgepackt tieffrieren. Dann braucht man morgens nur noch so einen Würfel aus der Tiefkühltruhe holen und ins Becken geben. Dazu kriegen sie dann noch einmal in der Woche jede ein Stück Muschelfleisch. Mit einer Pipette, die ich mir dafür extra gebaut habe – vor allem für die Seenelken. Bei den Seerosen ist das einfach: sobald ein Tentakel mit dem Fleischstück in Berührung kommt, explodieren am Ende seine Nesselkapseln und die Nesselfäden halten das Fleisch fest, bis die anderen Tentakeln sich rübergebeugt haben und die Nahrung zur Mitte hin in die Mundöffnung, die zugleich auch After ist, reindrücken. Der Magen befindet sich im Stielteil – im Gastralraum. Er ist – anders als bei uns – eine Sackgasse. Bei den feintentakeligen Seenelken purzelt ein Stück Fleisch meistens herunter. Wenn ich es aber mit der Pipette mit leichtem Druck genau in der Mitte des Tieres plaziere, dann zieht sich die Seenelke zusammen und ihre Tentakeln bilden einen Wulst drumrum, so dass der Futterbrocken nicht mehr rausfallen kann und das Tier in der Lage ist, das Fleisch langsam in sich „reinzuschlürfen“. Auf diese Idee ist mal jemand aus Köln gekommen, als er – entgegen der Weisung des Aquariumsdirektors – auch die Seenelken einfach mit großen Muschelfleisch-Stücken fütterte. Als der Direktor dahinter kam, war er entsetzt: Diese Tiere sind doch Planktonfresser! Noch entsetzter war er, als er erfuhr, dass die Seenelken schon seit Monaten so gefüttert wurden. Aber seitdem weiß man, dass das möglich ist.

Hier, diese Nelke ist gerade umgefallen. Im Moment haben die Algen auf den Steinen wieder arg zugenommen und da können sie sich nicht mehr so richtig schneckenförmig fortbewegen, wenn sie den Standort wechseln wollen. Sie lassen sich dann einfach umfallen und richten sich woanders wieder auf. Beweglich sind sie also, aber sie reagieren nicht auf die Fütterungszeiten – dass sie vorher schon unruhig würden oder so. Wie die Katzenhaie beispielsweise, die den ganzen Vormittag verschlafen und dann kurz vorm Füttern anfangen, unruhig im Becken herumzuschwimmen.

Die Haie schlafen bisweilen so fest, dass ich mit den Händen mal einen von einem Becken ins andere setzen konnte, und der das erst im anderen gemerkt hat und erschrocken aufgewacht ist. Hier, bei diesem großen Katzenhai-Weibchen ist mir mal was Dummes passiert: Ich hatte zwei Praktikantinnen und denen habe ich das Füttern gezeigt. Bei dem Hai-Weibchen habe ich ihnen gesagt: „Die ist ein bißchen dumm, da müßt ihr das Futter in der hohlen Hand für sie hinhalten. Sie ist ungefährlich, sie kommt dann an und nimmt sich das. Da braucht ihr keine Angst bei zu haben.“ Und dann habe ich es den beiden Mädchen vorgemacht, muß dabei aber wohl nicht richtig aufgepaßt haben und die Finger ein wenig gespreizt, denn die hat mir dabei so in den Finger gebissen, dass ich vor Schmerzen den Beckengang entlang gesprungen bin. Das war, als ob mich ein Nußknacker gepackt hätte.

Das gleiche ist mir mal mit jungen Dorschen passiert, das sind junge Kabeljaus, bzw. Kabeljaus, das sind geschlechtsreife Dorsche aus der Nordsee. In der Ostsee heißen sie immer Dorsche. Die Wissenschaftler unterscheiden gewisse subtile Standortunterschiede, aber an sich ist das alles ein und dasselbe. Die Mitschwimmer vom Katzenhai-Weibchen, die gefleckten Seewölfe, die sind sogar so bissig, dass sie die Fischer durch deren Stiefel hindurch in den Fuß beißen, die stehen deswegen in Weidekörben an Bord, wenn das Netz mit Seewölfen auf Deck geleert wird. Als Aquarium-Fische sind die aber sehr nett, nicht bösartig, und sie sind alle Individualisten, zeigen oft ganz unterschiedliche Verhaltensweisen und sind sehr neugierig. Wenn ich da oben stehe, kommen sie alle an. Die würden mir wohl auch die Finger abbeißen, wenn ich sie ins Wasser hielte, aber nur, weil sie denken, das ist Futter, nicht aus Bösartigkeit. Früher überlebten diese Fische hier immer nur kurze Zeit: Laut alten Aufzeichnungen, die ich mir mal vorgenommen habe, lebte der gestreifte Seewolf, heute in Becken 1, durchschnittlich drei Monate; der gefleckte Seewolf schaffte es maximal einen Monat, am Leben zu bleiben; und die Wasserkatze oder auch blauer Seewolf (haben wir zur Zeit nicht) bestenfalls zwei Wochen. Das Wasser war denen zu warm. Das änderte sich erst 1972, als hier die Anlage verbessert wurde. Die gefleckten Seewölfe schaffen es jetzt bis zu viereinhalb Jahren. Mit der Zeit verschwinden allerdings ihre dunklen Flecken und sie werden einfarbig braun. Das ist vielleicht auch eine Mangelerscheinung.

Der Herr da hinten z.B. hat schon unterschrieben!

Das hier ist eine Amphore – bei den Korallenfischen, aber keine echte. Die habe ich gebaut. Damals war ein junger Tierpräparator hier (zur Vertretung eines kranken Kollegen), der seine Lehrzeit gerade beendet hatte und der sehr interessiert war. Den habe ich gebeten, doch mal aus Polyester mit mir was zu bauen. Das wollte der auch gerne machen, aber wir brauchten dazu Material, für etwa 100 Mark. Die bekamen wir nicht – kein Geld mehr in der Kasse zum Jahresende, woraufhin mein Chef mir das Ganze ausreden wollte. Aber ich wollte unbedingt eine Amphore haben: als Höhle für bestimmte Krebse und Fische, vor allem Muränen. Der Präparator musste dann wieder gehen und ich habe begonnen, mit Zement zu experimentieren. Damit hatte ich sowieso schon angefangen, verschiedene Aquariumsaufbauten draus zu machen. Als Kern nahm ich Styropor, den ich mit Zement ummantelte. Eine Armierung aus Metall durfte ich nicht verwenden, weil das im Seewasser oxydiert und das Wasser vergiftet. Wenn diese Zementamphoren mit der Zeit ein wenig zerbröseln, ein Henkel abbricht, Algen sich darauf festsetzen und Seepocken, dann sehen die sehr original aus.

Dieser Rotfeuerfisch, der da gerade drumherum schwimmt, der ist giftig. Das Gift befindet sich hauptsächlich in seinen hartstrahligen Rückenflossen, die er zur Abwehr benutzt. Wenn er sich angegriffen fühlt, stellt er diese Flossen hoch. Das Gift ist ein Blutgift auf Eiweißbasis und sehr unangenehm, wenn man auch nicht gerade daran stirbt. Es gibt kein Gegengift dafür. Die Fälle, wo Leute von Rotfeuerfischen gestochen werden, passieren immer häufiger, weil immer mehr Aquarienfreunde diese gefährlichen Tiere halten.   So Gruseltiere scheinen sowieso immer beliebter zu werden. Bei Karstadt in den Zooabteilungen gab es früher Meerschweinchen, Papageien und Guppies. Und heute Vogelspinnen, Giftschlangen, Krokodile und Piranhas…Der Stich eines Rotfeuerfisches ruft einen wahnsinnig stechenden Schmerz hervor, der sich ausbreitet. Man wird wie benebelt vor Schmerzen. Es braucht Wochen und Monate, bis man völlig wiederhergestellt ist. Auch die Atemwege werden zeitweilig davon in Mitleidenschaft gezogen. Ich habe zwei Fälle kennengelernt: Das eine war ein Kollege, den ich gebeten habe, seine Erfahrung damit mal aufzuschreiben für unsere Zoo-Zeitung, so etwas interessiert die Leute nämlich. Und ich habe jetzt auch noch einen amerikanischen Artikel dazu übersetzt. Der andere Fall war in Aurich. Ein älterer Aquarianer, schon fast 80, der aber immer noch seine Fische sich selber zweimal im Jahr im Mittelmeer fing. Viele seiner Fische, die er besaß, hatte er sich selbst gefangen. Und weil einige von denen mittlerweile zu groß geworden waren, fuhr ich dort hin, er wollte sie uns schenken. Ein Gegenmittel nun hat im letzten Jahr mein jetziger Chef – Dr. Wandrey – in Hamburg erfahren: Man muß sofort die Stichstelle erweitern, wie beim Schlangenbiß, und dann heißes Wasser darauf gießen. So heiß wie möglich, weil dieses Eiweißgift dabei langsam gerinnt oder jedenfalls am Ausbreiten im Körper gestoppt wird. Einige Ärzte hatten bisher kaltes Wasser empfohlen, das bewirkt aber genau das Gegenteil. Dem amerikanischen Artikel habe ich entnommen, dass es in Australien ein richtiges Gegengift dafür gibt, aber man kommt da nicht dran. Es wird unter Verschluß gehalten oder darf nicht ausgeführt werden.

Bei der Muräne hier, einer Sternmuräne, sagt man, dass ihre Mund- Schleimhäute giftig sind. Auf alle Fälle ist ihr Blut, genauso wie beim Aal, giftig. Die Muräne nebenan habe ich lange Zeit als „unechte, falsche Netzmuräne“ geführt. Es gibt zwei Arten – bei der einen sind es schwarze Flecken auf weißem Grund, bei der anderen ist es umgekehrt – und diese hier ist eine Lycodontis favagineus, die haben wir nun auch schon einige Jahre hier. Zuerst lebte sie noch mit einem Schlangenaal zusammen.

Unser allererster Chef, den ich hier noch erlebt habe, hatte beim Großhändler eigentlich zwei Muränen bestellt. Aber als die beiden Tüten ankamen, mit den Tieren, da war in der einen ein Rotfeuerfisch, den er auch bestellt hatte, und um den tobte die ganze Zeit ein Schlangenaal, es waren ingesamt zwei, die habe ich genommen und sie ins Becken gesetzt. Mein Chef stand derweil vor dem Glas und schaute sie sich an. Ich ging dann auch rum, um sie mir anzuschauen, sah sie aber nicht mehr: sie waren weg! Und sie blieben auch weg. Aber nach einigen Tagen sah man einen aus einer Fuge der gemauerten Rückwand rausgucken. Eigentlich hatte der Maurer alles dicht verfugt, aber die hatte doch noch ein winziges Loch gefunden. Der andere steckte im Sand. Diese Burschen haben die unheimliche Begabung, sich blitzschnell im Sand – mit ihrer verhärteten Schwanzspitze zuerst – reinzudrücken. Man kann gar nicht so schnell gucken. Irgendwann tauchen sie dann ganz woanders wieder auf – vorsichtig mit dem Kopf zuerst. So bleiben sie stundenlang liegen – bis Futter kommt, das riechen die sofort, mit ihren zwei langen Nasenröhren und – zackzack – kommen sie dann an. Ich habe die mit Sandgarnelen gefüttert. Diese Schlangenaale sind ja sehr klein, aber wie werden mit riesigen Garnelen fertig. Ich habe sie sehr gemocht!  Als wir nun die Netzmuräne bekamen, hatte ich einen der Schlangenaale gerade in ein anderes Becken getan, aber dafür war da noch eine Stern- oder Schneeflockenmuräne mit im Aquarium. Kurz darauf fehlte zuerst der Schlangenaal und dann auch die Sternmuräne. Den Schlangenaal habe ich verzweifelt gesucht, aber nicht gefunden. Als nun auch noch die Sternmuräne fehlte, sah man, dass die Netzmuräne bedeutend größer geworden war – da hatte sie beide Fische gefressen. Ich habe sie dann strafversetzt zu den großen Fischen in ein anderes Becken. Und da passierte dann noch was: mit einem Rotfeuerfisch. Ich weiß nicht, ob der schon tot war, oder ob sie ihn getötet hat, auf alle Fälle haben wir bei der Fütterung gemerkt, dass sie ihn von unten gebissen hatte und sich um ihn herum drehte. Das machen Aale gerne, dass sie sich um einen Nahrungsbrocken drehen, um ihn zu zerkleinern. Als wir angelaufen kamen, sahen wir, dass sie den Rotfeuerfisch schon in zwei Hälften zertrennt hatte.  Ich nehme an, dass sie aus Freßlust einfach den ersten besten Fisch angegriffen und getötet hat. Wir haben dann umgebaut und umgeplant und dann hat sie Einzelhaft bekommen. Eigentlich ist das Becken jetzt ein bißchen zu klein für sie.

Wenn wir mit dem Urlaubsangebot zufrieden sind, dann zeigen wir das auch!
Man hat so den alten Erfahrungswert, dass Fische in kleinen Aquarien auch klein bleiben, bei ihr stimmt das aber augenscheinlich nicht, die ist immer weiter gewachsen. Ganz allein ist sie seit dem Herbst nicht mehr: Sie hat noch eine Putzergarnele dabei. Da habe ich zuerst auch nicht geglaubt, dass das gut geht. Wir hatten zwei bestellt, es kam aber nur eine, und der fehlte eine Schere. Die kam erst bei der nächsten Häutung wieder, da war die Garnele also wieder komplett. Sie verstand sich schon am ersten Tag mit der Muräne – ist gleich auf der rumgeturnt und ans Maul gegangen und hat ihr mit der einen Zange zwischen den Zähnen rumgepult. Die meisten Korallenfische kennen die Putzergarnelen und suchen gezielt deren Kolonien auf. Die Garnelen gehen denen ins Maul und kommen aus den Kiemen wieder raus. Es gibt aber auch Fische, die fressen die Garnelen einfach auf – Rotfeuerfische und Drückerfische beispielsweise.

Hier in dem großen Becken, das ist jetzt der Doktorfisch, den ich eingangs bereits erwähnte. Es gibt eine ganze Reihe von Doktorfischen. Der Name kommt daher, dass sie am Schwanzstiel zu beiden Seiten ein herausklappbares Messer haben, scharf wie das Skalpell eines Baders. Deswegen nannte man sie früher auch Seebader, später dann – mit der Verfeinerung der Medizin – Chirurgenfische. Im Nachbar-Aquarium haben wir noch andere Doktorfische: den blauen Palettenfisch und den Philippinen-Doktorfisch. In der Gefangenschaft sind sie durch die Bank alle etwas heikel, weil sie eine dünne Haut haben. Sie sind durch sehr wenige Schuppen nur geschützt, was heißt, dass sich auf ihrem Körper leicht irgendwelche Parasiten ansiedeln können. Sie reagieren auf Wasserveränderungen immer sehr negativ. Als wir den grauen Doktorfisch bekamen, Fünfmarkstückgroß, von jenem Seemann, habe ich ihn zuerst in ein leeres Becken getan, in dem nur eine Zylinderrose lebte. Und dann waren da noch kleine Nesseltierchen – sogenannte Hydroid- Polypen, die sich explosionsartig vermehrt hatten (vergleichbar etwa mit dem Vorstadium von Quallen): Sie sind zuerst festsitzend wie Seenelken, machen da eine gewisse Entwicklung durch und lösen sich dann vom Boden, um freischwebend durchs Wasser zu driften – als medusenähnliche Tiere, die sich später erneut irgendwo festsetzen. Diese Art von Polypen nun saß fest und vermehrte sich durch Knospung, wobei sie einen regelrechten Rasen bildete. Der Doktorfisch, als der ins Becken kam, hat die als erstes völlig abgeweidet. Das ist ihm gut bekommen. Er nahm danach nämlich auch Futter, das wir ihm anboten, und wuchs kräftig, so dass er irgendwann zu groß fürs Becken war und in ein größeres mit anderen Fischen zusammengesetzt werden konnte. Er hat etliche Aquarien bisher schon durchwandert, und ist immer größer geworden. Als er etwa 20 cm groß war, kam er in das Korallenfisch- Becken, in dem er jetzt ist. Zuletzt war er in Becken 17 zusammen mit Fledermaus-Fischen, das ging auch wunderbar. Zusammen mit denen kam er dann in das große Becken und als erstes hat er dort die armen Fledermaus-Fische gejagt und die fürchterlich unter Streß gesetzt. Ich musste die laufend behandeln – mit Kupfersulfat-Lösung, das ins Wasser geschüttet wird, dabei muß man die genaue Dosis finden – zu wenig nützt nichts, zu viel ist tödlich. Fledermaus-Fische haben eine noch empfindlichere Haut als Doktorfische. Man benutzt sie auch als Indikator für schlechtes Wasser – sie reagieren als erste darauf. In Köln hält man sie deswegen zusammen mit den wertvollen Karett-Schildkröten: Die Fledermaus-Fische zeigen rechtzeitig an, wenn das Wasser erneuerungsbedürftig ist. Bei uns waren sie ständig von einem Hautparasiten – Oodinium – befallen, weil der Doktorfisch sie unter Streß hielt. Er ist sehr starken Stimmungen unterworfen. So wie er jetzt gefärbt ist – fast durchweg grau – ist er ganz unaufgeregt und in normaler, guter Befindlichkeit: zufrieden. Wenn er sich freut, beispielsweise wenn Futter in Sichtweite gerät, wird der Schwanz schneeweiß und die Körperfärbung dunkler, die Einfassung der Rückenflosse in Ocker kommt deutlicher heraus und zusätzlich violette Wellenlinien. Wenn er sich ärgert, wird der Schwanzstiel superweiß und der Körper ganz dunkel – fast anthrazitfarben, dann ist er so erregt, dann möchte er am liebsten die Scheibe einschlagen vor Aggessivität und dann geht er irgendeinem Mitschwimmer ans Leder. Und so hat er vor kurzem den armen Kugelfisch angefallen, mit der er sich lange Zeit gut verstanden hatte. Die schwammen immer zusammen, aber urplötzlich mochte er ihn nicht mehr leiden. Der Kugelfisch ist sowieso ein bißchen doof. Was Futterannahme betrifft, da ist er ein bißchen dösig: Wenn die anderen längst satt sind, hat er erst gemerkt, dass es was gab, und dann ist er auch noch sehr langsam. Andererseits, wenn man ihm mit dem Finger zu nahe kommt, das ist mir mal passiert, dann stanzt er einem sauber ein Stück Haut heraus. Gerade neulich wieder beim Scheibenputzen, da hatte ich mich auf den Rotfeuerfisch konzentriert, was ich immer tue, und da kam der Kugelfisch von der anderen Seite und ich freute mich noch über seine Zutraulichkeit, aber – bumms – hatte er mich am Wickel. Zwar trage ich dicke Handschuhe, aber da beißt der auch noch durch. An dem Tag jagte der Doktorfisch ihn derart, dass ich das Becken mit einer Scheibe unterteilt habe, eine Woche lang, dann beruhigte sich der Doktorfisch wieder und ich habe sie erneut zusammengelassen. Wegen seiner ewigen Jagd auf die Fledermaus-Fische kam mein Chef damals an und sagte zu mir: „Wissen Sie was, den geben wir nach Berlin!“ – „Nee!“ hab ich gesagt, „nur über meine Leiche!“ Ich hatte ja über die Jahre hinweg fast so ein inniges Verhältnis zu dem bekommen, als hätte ich ihn an meiner Brust aufgezogen. 14 Jahre ist der schon hier. Total ungewöhnlich für so ein empfindliches Tier. Wir haben uns dann geeinigt und die Fledermaus-Fische nach Berlin gegeben, da konnte ich mich leichten Herzens von trennen, weil ich für die ja laufend neue Kupferlösung anrühren musste. Das war eine Katastrophe.

Später hat der Doktorfisch mal mit seinem Dorn, (den kann er als Angriffs- und Verteidigungswaffe benutzen, indem er ihn aufstellt) eine Süßlippe, ein absolut harmloser Fisch, ein Geschenk aus Köln, dem hat er mit seinem Schwanzstiel einen Schlag an die Seite verpaßt, und die Süßlippe hat sich natürlich furchtbar erschrocken und ist abgezischt, wobei der Dorn ihr einen Schnitt von der Kieme bis zur Schwanzwurzel gerissen hat. Eine böse Wunde, die ist nachher aber wieder verheilt. An sich haben die beiden sich gut vertragen. Aber irgendwann hat der Doktorfisch eben wieder mal einen Rappel bekommen. Der Chef hat irgendwo noch ein Foto von der Verletzung der Süßlippe. Das kann ich Ihnen nachher mal zeigen.

P.S. Zwei Jahre nach diesem Interview erfahren wir von Werner Marwedel: Der Doktorfisch ist tot! Noch mal ein Jahr später teilt das „Nordsee-Aquarium“ mit, dass Werner Marwedel in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist.  Das Interview mit ihm führte ich zusammen mit Burkhard Scherer.

Da habe ich eben noch eine Qualle gesehen. Kann nicht sein, oder?

Fischfang-Erinnerungen

In Bremerhaven, der westdeutschen Stadt mit den meisten Arbeitslosen neben Wilhelmshaven, war bis 1983 „die größte Fischereiflotte“ stationiert. Sie befand sich zuletzt im Besitz der Firmen Nordstern (Frosta), Dr.Oetker und Nordsee. Letztere gehörte früher dem US-Konzern Unilever, dann geriet sie in den Besitz der US-Assett-Dealers Apax Partners München, der sie filettierte, zuletzt wurde 2005 die „maritime Restaurantkette“ an den ehemaligen Bäckereibesitzer Kamps und die japanische Bank Nomura verkauft. Das Fischfang-, – verarbeitungs- und -verkaufsunternehmen „Nordsee“ legte allein 70 Schiffe still und entließ 5.000 Mitarbeiter. Die Reste der Flotte – acht Schiffe, die den drei Firmen zuletzt noch gehörten – kauften schließlich die Isländer. Sie erwarben nach der Wende auch noch das, was nach einem für die Treuhandanstalt erstellten „Versenkungsgutachten“ der Roland-Berger Unternehmensberatung München von der DDR-Fischfangflotte übrigblieb.  In Bremerhaven hingen an der Hochseefischerei außerdem noch zwei Werften sowie etliche Schiffsausrüster und Netzmachereien, die ebenfalls pleite gingen. Auf den restlichen Werften wurden zumeist Containerschiffe gebaut, sogenannte Zahnarzt-Pötte, die zum Beispiel die Münchner Conti-Reederei Dr. Wagner als Abschreibungsobjekte auflegt.

Nach der Vulkan-Pleite wurde die Belegschaft von einer Beschäftigungsgesellschaft namens MyPegasus übernommen, die dem schwäbischen IG-Metall-Juristen Jörg Stein gehört, der sich zuvor schon mit riesigen ABM-Kontingenten zum „größten Arbeitgeber Sachsens“ aufgeschwungen hatte – vorübergehend. Auch die Bremerhavener Vulkanarbeiter wurden bald wieder „freigesetzt“. Sie werden kaum irgendwelchen Billigarbeitsplätzen im Süden hinterherziehen. Fast alle haben eigene Boote und arbeiten nicht selten nach Feierabend in Vereinen mit, in denen man alte Schiffe – auf ABM-Basis – restauriert.  In Bremerhaven gibt es inzwischen mehr solch stiller Museumsschiffe als bemannte. Dennoch boomt auch das Hafengeschäft – mit Containern und Autoverladung. Gerade wurde der Strom- Kai verlängert, sein weiterer Ausbau ist bereits in Planung. Aber Arbeitsplätze schafft das wenig: Die sogenannte Loco-Quote wird im Hafen immer niedriger. Zudem gehört der ganze Betrieb mit 700 Beschäftigten der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft und das ist der Prototyp eines sozialdemokratischen Versorgungsmonopols: immer in den roten Zahlen die nur im Sozialismus – weil dort Planerfüllung- und -übererfüllungsszahlen – etwas Positives waren.  Bremen und Bremerhaven sind, obwohl 60 Kilometer auseinanderliegend, ein Stadtstaat. 1825 erwarb Bremens Bürgermeister Smidt das Land an der Wesermündung vom damaligen englisch-hannoverschen Königshaus. Das Geld stammte zumeist von süddeutschen Auswanderern, die manchmal monatelang auf ein Schiff nach Amerika warten mußten und in dieser Zeit in Bremen erbarmungslos ausgenommen wurden.

Jetzt haben die „Süddeutschen“ aber den Spieß umgedreht. Vorläufiger Höhepunkt ist der Masterplan für einen „Ocean Park“ in Bremerhaven – für zwei Milliarden Mark -, mit dem ein Wiesbadener die Stadt aus der ökonomischen Misere zu ziehen verspricht. Echte Haie sollen die Besucher umschwimmen, die in Glasgängen durch Riesenaquarien wandeln. In Berlin versucht damit auch gerade ein Hotelinvestor sein Glück. In Bremen wollte man sich gleichzeitig – wegen der Zukunft und aus Verbundenheit mit dem Dasa-Konzern mit einem noch kostspieligeren und ebenfalls von Süddeutschen bzw. von Amerikanern (der Firma „Pro Fun“) geplanten Einkaufs- und Erlebnis-Center namens „Space-Park“ zieren – um der arbeitslosen Jugend einen echten Ausweg aus ihrer irdischen Misere aufzuzeigen: In der Weltraumeroberung, die jedoch in den USA, ebenso wie in Rußland gerade drastisch reduziert wird. Nicht zuletzt deswegen, weil sie in den letzten siebzig Jahren das „Hauptproblem“ nicht gelöst hat, wie ein russischer Kosmonaut das nannte: „Wir können zwar in den Weltraum fliegen, dort arbeiten und wieder zurückkehren, aber wir haben keine natürliche menschliche Betätigung im Weltraum – im Zustand der Schwerelosigkeit – gefunden. Bis jetzt haben wir keine produktive Arbeit dort oben entwickeln können. Ich empfinde das als persönliches Versagen“.

Der Bremerhavener „Ocean Park“ wurde von der Bevölkerung noch vor Grundsteinlegung abgeschmettert, der Bremer „Space Park“ ging bereits kurz nach seiner Einweihung pleite.  Island gehört im Gegensatz zu Norddeutschland mit 3,4% Arbeitslosigkeit zu den wenigen ökonomisch prosperierenden Regionen in Europa, wobei dort die Fischerei die Landwirtschaft als Haupterwerbszweig abgelöst hat. Inzwischen beschäftigt die isländische Fischverarbeitungsindustrie schon polnische und russische Gastarbeiter in Größenordnungen. Dieser Prozeß begann damit, daß das Land während des Zweiten Weltkriegs seine Fischfangflotte modernisierte und dann sukzessive seine Schutzzone von 3 auf 200 Meilen rings um die Insel ausdehnte – was schließlich auf eine Wirtschaftshoheitszone von 758.000 Quadratkilometer hinauslief. Dabei kam es – insbesondere mit den Engländern – zu zwei „Kabeljau-Kriegen“, ein dritter bahnt sich seit einiger Zeit bereits mit Norwegen – bei Spitzbergen – an.  Die isländischen Fischbestände erholten sich trotz der ausgeweiteten Schutzzone nur langsam, so daß weitere Schutzmaßnahmen eingeführt wurden: 1984 ein Quotensystem, nach dem jedem Schiff für die einzelnen Fischarten eine bestimmte Fangmenge zugeteilt wird. Die Quoten können getauscht und verkauft werden. Unter den Schiffseignern mendelten sich dabei bereits einige „Quoten-Barone“ heraus, die heute in Saus und Braus, z.B. in Spanien, leben – und so das auf Gleichheit abzielende isländische Sozialgefüge durcheinanderbringen.  Neuerdings leidet insbesondere die isländische Fischverarbeitungsindustrie zunehmend darunter, daß immer mehr Trawler ihre Fänge selbst verarbeiten und sie außerdem direkt in Bremerhaven anlanden, wo sie doppelt so viel dafür bekommen wie in Island. Inzwischen stammen schon fast 80% aller in Bremerhaven gelöschten und verauktionierten Fische von isländischen Trawlern. Der deutsche Großhandel hat mit den isländischen Reedereien regelrechte „Fahrpläne“ ausgearbeitet, um eine größere „Versorgungssicherheit“ zu erreichen.

Es gibt 270 Fischarten vor Island, gefangen werden aber vor allem Kabeljau, Schellfisch, Seebarsch, Lodde und Plattfische. In Fischzuchtbetrieben werden daneben noch Lachs, Forelle, Saibling und Heilbutt gemästet. Die isländische Fischindustrie verarbeitet etwa 1.500.000 Tonnen Fisch jährlich. Seit 1991 können isländische Fischereiprodukte zollfrei in die Europäische Union eingeführt werden. Wegen seiner klugen Fischereipolitik will Island jedoch nicht der EU beitreten, obwohl es Beitragszahler ist, weil es die Kontrolle über seine nationale Hauptressource Fisch, um die das Land so lange gekämpft hat, nicht in die Hände der Gemeinschaft geben will. In der Hauptstadt von Island, Reykjavik, gibt es seltsamerweise kein Aquarium, dafür jedoch Fischgeld, d.h. auf den isländischen Münzen – 1-Kronen, 5-Kronen, 10-Kronen, 50-Kronen und 100-Kronen – hat man die hauptsächlichsten Fischarten (und eine Krabbenart) geprägt, die den Reichtum der Insel ausmachen: Geld = Fisch. Allerdings wurde die Fischindustrie jetzt von der Aluminiumindustrie als Haupteinnahmequelle der Isländer abgelöst. Schon gibt es aber eine in- und ausländische Protestbewegung gegen den geplanten Bau von fünf weiteren Aluminiumfabriken, die immer mit einem Staudamm und einem Wasserkraftwerk einhergehen. Und die isländische Fischfangflotte wird ständig modernisiert.

Umgekehrt hat sich die deutsche Musealisierung der Fischfangflotte inzwischen von Bremerhaven bis nach Island ausgedehnt: Dort in Vik hat man einen Gedenkstein für die in der isländischen See ertrunkenen deutschen Fischer aufgestellt. Die Initiatoren schreiben: „Das Kapitel Hochseefischerei ist in der deutschen Wirtschaft im Wesentlichen abgeschlossen. Deshalb hat sich 1997 ein „Arbeitkreis Geschichte der deutschen Hochseefischerei“ gebildet, der vom Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven wissenschaftlich betreut wird – und dazu beitragen will, die mit der Hochseefischerei verbundenen Erinnerungen zu sammeln, zu bewahren und aufzuarbeiten…Die Vorstellung des Denkmal-Objekts rief in Island Rührung und große Begeisterung hervor“.  Gleichzeitig hielt man die letzten noch lebenden deutschen Hochseefischer an, ihre Island-Erlebnisse aufzuschreiben. Der ehemalige Matrose Jens Rösemann tat dies z.B. in Form eines Briefes an seinen Enkel Armin, u.a. schrieb er: „Vielleicht meinst Du, dass wir Tierquälerei betrieben hätten. So dachte ich zuerst auch. Vor allem hatte ich etwas Angst, wenn ich vor einem Kabeljau von über einem Meter stand, der mit dem Schwanz schlug und sein großes Maul aufsperrte. Aber so ist das in der Natur, einer frißt den anderen. Und wir lebten nun davon, dass wir Fische fingen. Später sah jeder von uns nicht mehr das einzelne Tier, das da an Deck lag. Es war Geld! Davon lebten wir und unsere jungen Familien daheim.“

Hier bin ich!

Fischer im Grenzgebiet

Arnim Lossow ist Fischer im vorpommerschen Dorf Glashütte. Mitten durch seinen See geht die deutsch-polnische Grenze in der Nähe von Stettin. Zu DDR-Zeiten war die Gegend Jagdgebiet der NVA-Generäle und ihrer Gäste.  Im Frühjahr und Sommer hab ich die besseren Fische, weil meine Seite des Sees flach ist. Aber jetzt im Herbst und im Winter haben die Polen den besseren Fang. Da verziehen sich die Fische ins Tiefe. Ich halte mich noch an die Grenze, doch die Kollegen drüben, für die gilt schon das vereinigte Europa. Bis an meinen Bootsschuppen kommen sie manchmal ran. Als drüben im Schloss Stolzenburg (heute Stolec) noch die polnische Grenztruppe war und die Jungs öfter bei mir angelten, da hieß es bloß: „Ich Hauptmann in Pomellen, kein Problem“. Jetzt hatten wir die Polen zum Herbstfest eingeladen – die beiden Dörfer Glashütte und Stolzenburg waren vor dem Krieg eine Gemeinde. Dort das Rittergut, hier die Glasproduktion.

Man kann zu Fuß durch den Wald rüber laufen. Damals haben hier einige hundert Leute gearbeitet. Mit der ABM-Truppe habe ich eine Chronik darüber gemacht, vor allem zur Geschichte der Glashütte, die bis 1929 in Betrieb war. Fürs Heimatmuseum wurde auch ein Modell dazu gebaut und Erklär-Tafeln im Dorf aufgestellt. Man sieht ja heute nichts mehr, weil die Fabrik komplett abgerissen wurde. Na jedenfalls, es war das erste Treffen der beiden Dörfer seit 1945 und es hat was gebracht: Früher haben die Polen mir die Netze aus dem See geklaut, dann waren sie weg. Heute grüßen sie erst und klauen dann die Netze. Für 200 Euro kann ich mir dann das Zeug in Stettin auf dem Markt zurückkaufen. Den See wollte ich schon 1979 haben, aber der Kreis war dagegen. Ich musste in die Jagdwirtschaft. Doch wenn General Hoffmann zur Jagd kam, hieß es: „Sieh zu Arnim, der isst gern Fisch“. Ich habe dann die Netze extra länger stehen lassen, damit mehr drin war. Den Fisch hat sich der General selbst geholt und mich dann zum Schnaps eingeladen. Da hab ich 1982 meinen ersten Tequila getrunken. Später kam Hoffmanns Nachfolger Kessler und auch Schalk-Golodkowski war dabei. Sigmund Jähn war besonders großzügig. Er stellte für die Treiber an jedes Geweihende des erlegten Hirsches eine Flasche Moskowskaja. Und das waren fast immer 14- und 16Ender, die hier geschossen wurden. Die Jagdhütte steht immer noch. Man hat einen herrlichen Blick von dort über den See. Jetzt gehört sie dem Rotary-Club und verfällt langsam. Die Jäger legen heute ihre Strecke woanders. Bis zu 5000 Euro zahlen sie für einen großen Hirsch oder einen Mufflon. Nur für den Abschuss – das Fleisch kostet noch mal extra. Es sind Adlige aus Bayern oder Barone aus Belgien, alles Leute mit Geld. Wie sagte mein alter Chef: „Der Trog ist der gleiche, fressen nur andere Schweine draus“. Es sind Trophäenjäger, bei denen es zu Hause keine Hirsche mehr gibt. Meinen Fisch nehmen sie aber auch gern mit. Als Kompott sozusagen. Wenn der Baron anruft und frisch geräucherten Lachs mitnehmen will, steh ich um vier Uhr auf. Kein Problem, der zahlt schließlich ordentlich. Doch das allein hält mich nicht über Wasser. Über den Winter hab ich zum Glück wieder eine ABM im Nachbardorf. Anschließend fahre ich noch raus, nach den Netzen gucken. Sechs Hechte waren heute drin. Über die Woche leppert sich das zusammen: Aal, Karausche, Barsch oder Karpfen. Ich räuchere den Fisch und bring ihn auf Bestellung an die Haustür. Doch viele Leute zahlen nicht gleich und vertrösten mich auf später. Ausgerechnet die, die es dicke haben. Letztes Wochenende hatte ich über 250 Euro Außenstände. Das ist keine Zahlungsmoral, nee.

Nach der Wende hatte ich mich gleich selbstständig gemacht. Bis 1995 lief das Geschäft auch ganz gut. Dann übernahm ich den Fischladen in Pasewalk, aber das war mein größter Fehler. Die Angestellten kosteten zuviel und ich fing an, alles allein zu machen: Morgens um drei nach Wolgast: Fisch geholt und um acht wieder zurück. Mit dem Auto vierzig Dörfer abgeklappert und abends noch zum See. Um zehn war Feierabend. Das habe ich ein Jahr gemacht und dann ist mir der Sargdeckel auf den Kopf gefallen: Herzinfarkt. Danach musste ich kürzer treten, zur Reha und eine Diät machen. In der Zeit fing ich an, Polnisch zu lernen. Inzwischen bin ich öfter in Stettin als in Pasewalk. Mich interessiert, was dort passiert. Mein Großvater hat noch im Stettiner Finanzamt gearbeitet. Zweimal in der Woche gehe ich zum Sprachkurs. Das kostet fast nichts, trotzdem kriegen wir jedes Mal kaum sieben Leute zusammen. Wenn ich um neun ich ins Bett gehe, lerne ich immer eine halbe Stunde Vokabeln mit Kassette. Und wer weiß, wenn wir jetzt öfter mit den Polen feiern, bleiben vielleicht eines Tages auch meine Netze stehen.

Den Text schrieb Anja Baum für die taz-kolumne „Agronauten“.

Das hier ist mein großes Tierbild, sind aber keine Fische drauf.

Ein Kibbuz-Ableger

Wenn Benjamin Wohlfeld „Koi“ sagt, klingt es wie „Goi“. Er meint aber die japanischen Zucht- oder Designer-Karpfen, die einen Meter groß und hundert Jahre alt werden können und zwischen 5 und 50.000 Mark kosten. Seine Fischfarm in Staaken wird von brasilianischen Killerhunden bewacht, gegen die Fischreiher hilft ein kleiner Zaun um die Zuchtbecken. Der in einem Kibbuz aufgewachsene 68jährige bildete 25 Jahre lang staatliche Guerillaebekämpfungseinheiten aus, wie die GSG 9 in Deutschland und ähnliche Krisenspezialkräfte in Uganda.  Dabei lernte er – in Spandau – seine jetzige Frau kennen. Als Hobby-Aquarianer („Wenn die anderen Karten spielten und tranken, habe ich Tiere beobachtet“) baute er sich dort nach seiner Pensionierung eine Zierfisch- Zucht auf, die inzwischen zum größten Koi-Handel Europas gedieh. Nebenbei baut er aber noch, mit IWF-Geldern, Speisefisch- Zuchten auf – in Marokko und Kolumbien zum Beispiel. Vor dreizehn Jahren privatisierte er in China die erste Zierfischzuchtfarm. Seinem Anlagenbau haftet immer noch etwas Kibbuz-Pionierhaftes an, das sich in Staaken harmonisch mit den Resten der ehemaligen Zeppelin-Motor-Fabrik-Architektur verbindet: Nichts wird weggeworfen, aus Pflastersteinen werden Mauern, und selbst die Auspuff- Abwärme des Generators wird noch zum Heizen des Gewächshauses benutzt.  Eine Wand des Büro- und Lagergebäudes hängt voll mit Urkunden von den „Nishikigoi Championaten“, der Duisburger „Inter-Koi“ und der „Belgian Open“ in Huyzingen, wo Wohlfelds Zuchtfische einen Preis nach dem anderen einheimsten. Vier mit ihm geschäftlich verbundene Kibbuzim, die seit 17 Jahren Kois züchten – unter dem Label „Mag Noy“ – haben inzwischen auf dem Weltmarkt bereits den Japanern den Rang abgelaufen, was die Fachzeitschrift ZZA zu der Überschrift „Der Mythos Japan wackelt“ verleitete. Auch das Hochglanzmagazin Koi-Kurier aus Mülheim schreibt: „Die Israelis kommen!“

In beiden Zeitschriften sowie im Fachmagazin der Angel- Heimtierbranche, „Treff“ aus Gummersbach, bietet Benjamin Wohlfeld regelmäßig Händler-Reisen zu den Koi-Kibbuzim an. In Staaken veranstaltet er darüber hinaus Lehrgänge über „die Haltung und Zucht dieser handzahm werdenden Fische.“  Die Nachfrage in Deutschland begann vor etwa zehn Jahren – als sich die Anstrengungen der Ökobewegung mehr und mehr in Feuchtbiotopen hinter Eigenheimen niederschlugen. Heute gibt es drei Millionen Aquarien und 2,5 Millionen Privatteiche. Der Zubehör- und Tiermarkt dafür hat inzwischen ein Volumen von 310 Millionen D-Mark, was gut ein Viertel des gesamten Heimtierbedarfsmarktes entspricht. Die „Könige der Gartenteiche“, die Kois, nehmen darin einen zunehmend größeren Posten ein.  Benjamin Wohlfeld, der neben seinem Sohn noch sieben weitere Mitarbeiter beschäftigt, bezeichnet seine Branche als „besonders prozeßfreudig“: Nicht nur, daß ein Zoogroßhändler versuchte, ihn bei „Mag Noy“ in Israel auszubooten, auch im direkten Handel bescheißt man ihn gelegentlich, zum Beispiel indem übermäßig viele Fische nach dem Versand als tot deklariert werden. Das Geld aus juristischen Siegen führt Benjamin Wohlfeld nicht wieder in seine Handelskreisläufe ein, sondern spendet es Krebs- Organisationen. Seine Mutter und seine Schwester starben vor einigen Jahren an dieser Krankheit.  Derzeit steht ein besonders komplizierte Prozeß gegen den Berliner Senat an, in dessen Besitz sein 7.500 Quadratmeter großes Grundstück im Mai 94 von der Ostberliner Stadtgemeinde überging. Danach wurde jedoch festgestellt, daß das Gelände der Stadtgemeinde gar nicht gehört hatte. Bevor der Bezirk Spandau Strom- und Wasseranschlüsse legen und Wohlfeld sein 1993 von der Treuhand mit Kaufoption gepachtetes Land erwerben kann, muß also erst einmal die Eigentumsfrage neu geklärt werden. Und das dauert. Die Hobby-Aquarianer drücken ihm die Daumen, denn sie kaufen oft und gerne bei ihm Fische, Umwälzpumpen und dergleichen.

Benjamin Wohlfeld kennt sich hervorragend aus. Nicht nur weiß er, wie man kranke Fische mit was für einem Medikament behandelt und wie man ihnen sogar Spritzen gibt, er experimentiert auch viel. Unlängst ließ er z.B. fleischfressende junge Piranhas unter pflanzenfressenden aufwachsen. Zunächst ernährten sie sich kümmerlich von deren Kot, dann stellten sie sich jedoch vollständig um, wobei sie sich auch äußerlich den Vegetariern anpaßten. Die „Berliner Zeitung“ schrieb: „Wohlfelds Spezialität ist die Züchtung von neuen Gruppen und Rückzüchtungen“. Auf der „Grünen Woche“ initiierte er einen „Goldfisch-Wettbewerb“. Dann mußte er jedoch erst mal wieder juristisch kämpfen, denn beim Bezirksamt Spandau hatten sich „taiwanesische Investoren“ gemeldet, die Wohlfelds Gelände wollten – und weil man auf dem bereits eingeleiteten Klageweg nicht schnell genug weiter kam, hetzte man erst einmal das Umweltamt mit einem Durchsuchungsbeschluß auf seine Fischfarm. Laut Aussage eines ehemaligen Mitarbeiters von Wohlfeld würde man dort „unerlaubt mit gefährlichen Abfällen“ hantieren, d.h. bei der „Entsorgung des mit Desinfektionsmitteln und Antibiotika versetzten Wassers, in denen sich rund 500.000 Fische befinden, würde gegen diverse Umweltschutzbestimmungen verstoßen“. Das Gelände, das zum früheren Flugplatz Staaken gehört, ist bereits mit Altlasten verseucht. Wohlfelds Sohn meint: „Bei uns läuft alles über Filteranlagen“. Neben dem Bezirksamt, das erst mal gerichtlich klären lassen muß, ob es das Grundstück überhaupt an die taiwanesischen Investoren verkaufen darf, meldete sich bei Wohlfeld dann auch noch eine Erbengemeinschaft, die meint, ihr gehöre das Grundstück. Benjamin Wohlfeld weiß jetzt überhaupt nicht mehr, an wen er eigentlich die Miete zahlen muß – gepachtet hat er das ganze über die Treuhandanstalt von dem nicht mehr existierenden „Metallindustriewerk Staaken“, dem Rechtsnachfolger des dort einst ansässigen „VEB Polygraph“, der aus der zerbombten Zeppelin-Motorfabrik hervorging und das Grundstück seinerzeit wegen Baumaßnahmen einfach der Stadtgemeinde weggenommen hatte. Er läßt sich aber nicht entmutigen: „Wir machen einfach weiter.“

Komm her, Du!

Die Erforschung der Tintenfischforschung: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/11/01/krakeoctopustintenfischkalmar/

Eine Reise zu den isländischen Fanggründen: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2006/08/16/

Sowie auch: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2006/08/21/hummeln-auf-island-und-drumrum/

Peter Grosse schickte dann noch dieses Photo zum Thema:

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/11/05/fische_zeigen_10/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Neues von der EU-Fischereipolitik:

    spiegel.de – 15.12.2010

    Im Netz der Fisch-Feilscher

    Auf dem Fischkutter von Dieter Pahlke hat die EU-Politik zwei Kerben hinterlassen. Pahlke ritzte sie im Abstand von 38 Zentimetern in ein Holzbrett, nachdem die Verordnung 2187/2005 verabschiedet worden war. Jetzt steht er am Steuer, während sein Lehrling das Netz einholt, am Horizont die Küste von Rügen. Dorsche und Flundern platschen auf das Deck, viele sind tot, sechs Stunden im Schleppnetz waren zu viel für sie.

    Der Lehrling greift einen Dorsch und hält ihn an das Holzbrett. Zu kurz. Der Fisch geht über Bord. Der junge Dorsch ist ein Opfer der europäischen Fischereipolitik. Alle meinen es gut mit ihm, er sollte noch wachsen und viele Kinder zeugen, und doch musste er sterben, weil die gesetzlich erlaubten Netzmaschen zu klein sind. Dass er ganz umsonst starb, weil niemand ihn essen darf, liegt an Artikel 15 der Verordnung 2187. Der schreibt vor: „Untermaßige Fische sind unverzüglich wieder ins Meer zu werfen.“

    Es muss einem Fischer seltsam vorkommen, frischen Fisch auf diese Weise zu entsorgen. Pahlkes Lehrling sagt: „Was wir nicht dürfen, dürfen wir nicht.“ Fischen ist kompliziert geworden, Fisch essen auch. Wer in der Kantine gefährdeten Kabeljau bestellt, muss sich rechtfertigen; wer eine Seezunge kauft, hat Babyschollen auf dem Gewissen, die als Beifang in den Netzen hängen bleiben. 30 Prozent der europäischen Fischbestände stehen vor dem Kollaps, schätzt die EU-Kommission.

    Fangquoten haben daran nichts geändert. Rund jedes zweite Meerestier, das wir in Europa essen, wird inzwischen importiert. Und zugleich werfen Fischer tote Fische ins Meer, weil diese kleiner sind als vorgeschrieben, weil die Fangquote für diese Art schon ausgeschöpft ist oder weil die Kapitäne einfach nur Platz brauchen für wertvollere Fische. Das Meer leert sich, die Flotte ist zu groß, die Subventionen sind zu hoch. Jeden Fisch „bezahlen die Europäer praktisch zweimal“, stellt die Europäische Kommission nüchtern fest: „einmal im Geschäft und dann noch einmal über ihre Steuern“.

    Aber jetzt soll alles besser werden. Die Kommission hat ein Strategiepapier geschrieben und zahlreiche Lobbygruppen angehört, im kommenden Jahr will sie die Fischereipolitik so gründlich umkrempeln wie nie zuvor. Doch schon fordern Wissenschaftler eine noch viel radikalere Reform. Dieter Pahlke steht in seinem Kapitänshäuschen und zündet sich eine Zigarette an. Er hält nicht viel von Wissenschaftlern. Der Ostseehering ist gefährdet, sagen die. Hering ist genug da, sagt Pahlke, der allerdings oft 14 Stunden von seinem Heimathafen auf Fehmarn nach Rügen tuckert, weil dort mehr zu holen ist als in Schleswig-Holstein. Schiffsdiesel wird subventioniert.

    spiegel.de – 15.12.2010

    EU beschränkt Fischfang in der Nordsee

    Die Fischer in der Nordsee und im Nordatlantik dürfen im kommenden Jahr insgesamt weniger Fisch fangen als 2010. Darauf haben sich die zuständigen EU-Minister am frühen Mittwochmorgen in Brüssel einstimmig geeinigt – nach einem etwa 17 Stunden langen Verhandlungsmarathon. Nach Angaben des Bundesagrarministeriums wurde für Kabeljau ein Rückgang der Fangmenge um ein Fünftel beschlossen, für Seelachs um 13 Prozent. Die Fangmenge beim Hering wurde um 22 Prozent erhöht, bei der Scholle um 15 Prozent. Die deutschen Nordseefischer dürften nach ersten Berechnungen im kommenden Jahr etwa 2.900 Tonnen Kabeljau und 10.000 Tonnen Seelachs fangen. Der Kompromiss orientiere sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Schutz der Fischbestände, sagte Staatssekretär Robert Kloos.

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