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vonHelmut Höge 09.02.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Die ‚unsichtbare Hand‘ funktioniert nur mit der ‚eisernen Faust‘ des Militärs hinter sich.“ (Thomas Friedman, Chefkolumnist der New York Times)

Im Sozialismus wurde nicht wie im Westen nach dem Krieg wiederaufgebaut, sondern er wurde aufgebaut. Ganz wörtlich, durch kollektive industrielle Arbeit – die Sphäre der materiellen Produktion war der Ausgangspunkt. So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben. Es ging um eine neue Gesellschaft, um einen neuen Menschen als gesellschaftliches Wesen. Dementsprechend wurde „die  Wende“ von vielen als „Gesellschaftsverlust“ empfunden, so der jugoslawische Philosoph Boris Buden. Auf den „Sturz der realsozialistischen Regime“ folgten sogleich Versuche einer „identitären Neugründung“. Doch diese mußten bereits im „Postsozialen“ stattfinden: die „Epoche der hohen Sozialität“ war auch im Westen „zum Stillstand“ gekommen, wie die Soziologin Karin Knorr Cetina meint.

Anders gesagt: die „Gesellschaft“ war am Ende. „Wo Gesellschaft war, sind Zonen geworden,“ präzisiert Boris Buden. In ihrem „Requiem for Communism“ kommt die Kulturwissenschaftlerin Charity Scribner  zu dem Schluß: „Mit der Welt des Sozialismus sei auch eine historische Form von Gesellschaftlichkeit verlorengegangen“. Was verlorenging „war eine fundamentale Erfahrung des Sozialen“ – deswegen werde dem „Projekt“ auch weiterhin nachgetrauert. Gleichzeitig wird es als „Ort einer minderwertigen, zurückgebliebenen Kultur“ begriffen. Das bestätigen laut Bude am besten die konkreten „Transformationsprogramme, die der Westen den postkommunistischen Ländern auferlegt, wie zum Beispiel der sogenannte ‚Stability Pact for the South-East Europe‘ und das ‚Tacis‘-Programm der EU“.

Das Ende der Gesellschaft verkündete beileibe nicht Margret Thatcher als erstes – mit ihrem berühmten Spruch, 1987 in „Woman’s Own“: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, ich kenne nur Individuen, Männer und Frauen und Familien – und die denken alle zuerst an sich.“ Der Ahnherr dieses Gedankchens ist der „erste Ökonom der Geschichte“ Adam Smith. Er begriff den Zerfall der Gesellschaft als zwingend aus der „Arbeitsteilung“ resultierend, weil sich dadurch die Erfahrungen der Männer separieren, wie der Soziologe Christoph Kucklick ihn zusammenfaßt. Ihre Gespräche können sich nicht mehr auf „dieselbe Wirklichkeit“ beziehen – die „sympathetischen Ströme zwischen ihnen“ versickern und sie verlernen, ihren „Verstand zu gebrauchen“. Das gilt nicht nur für den Handarbeiter, sondern auch für den Kopfarbeiter und den Geschäftsmann: „Je beschränkter er ist, so Smith, desto besser funktioniert die Gesellschaft“, die es für den ersten Ökonom jedoch eigentlich schon nicht mehr gibt.

Für ihn ist an die Stelle der Gesellschaft die „unsichtbare Hand“ getreten, die die atomisierten und ihre Individualinteressen verfolgenden Menschen derart zusammenhält – und „für Ordnung sorgt“, dass alle etwas davon haben. Die alte „unsichtbare Hand“ (eines Gottes) hält Smith für „feigen Aberglauben“, aber seine neue, der kapitalistischen Arbeitsteilung entsprungene, hat seiner Meinung nach als Deskription bereits den Rang einer wissenschaftlichen Erklärung.  Wie überhaupt die Ökonomie als vermeintliche „hard science“ dazu neigt, sich als  Naturwissenschaft zu gerieren. Marx wollte „Das Kapital“ Darwin widmen. Christoph Kucklick erinnert daran, aus Smiths „unsichtbarer Hand“ wurde zunächst bei Kant die „Naturabsicht“ und bei „Hegel“ die „List der Vernunft“. Da die Biologie inzwischen Leitwissenschaft ist, sucht man heute die „unsichtbare Hand“ im Ameisenhaufen. In diesem herrscht ebenfalls Arbeitsteilung und er funktioniert sogar noch besser als das, was wir nicht mehr unsere „Gesellschaft“ nennen sollen. Der „Spiegel“ veröffentlichte gerade einen zweiten und die FAZ bereits drei lange Artikel über die Arbeiten des Ameisenforschers Bert Hölldobler, der den Ameisenstaat als „Superorganismus“ bezeichnet, dessen Funktionsweise er jedoch ebensowenig erklären kann wie Adam Smith seine „invisible hand“. Der Slawisten-Renegat Karl Schlögel setzt bei der „identitären Neugründung“ der Ostblockstaaten auf den „Ameisenhandel“, d.h. auf die zwecks Handel Herumreisenden ehemaligen Arbeiter und Bauern: Hunderttausende lernen dabei im Westen, so sagt er, daß man „’normal‘ leben und die Früchte seiner Arbeit genießen kann“. Auf diese Weise werden die Marktbesuche ihnen zu „Schulen des Lebens“, d.h. wenn man ein Leben „im Sog und im Schatten des Basars führt“, werden „nicht Institutionen ausgewechselt, sondern eine ganze Lebensform. Und diese hat eine, wenn auch schwer erkennbare  „Ratio“: Sie wird nämlich gelenkt von der „unsichtbaren  Hand“ (der Marktwirtschaft selbst), die „nicht nur stärker als die Faust jedes noch so mächtigen Diktators ist, sondern auch effizienter“, denn sie setzt sich aus der „kollektiven Intelligenz Tausender von Menschen“ zusammen. Von da aus ist es dann nur noch ein Schritt bis zur neuesten „Schwarmtheorie“ sowie der kollektiven Internetintelligenz und dem „Superorganismus“ Ameisenstaat.  Aber das nützt alles ist. Wir müssen schon selbst zusammenkommen und uns einen Kopp machen.

In der taz macht man sich gerade einen Kopp um das „Abschreiben“, auch „Copy and Paste“ genannt –  wo diese Praktik das „geistige Eigentum“ verletzt, ob das wirklich Schade um diesen Kitt der bürgerlichen Gesellschaft wäre, wenn sich denn jemand darüber hinwegsetzt. Wie z.B. gerade Helene, die Tochter des Volksbühnen-Dramaturgen Hegemann – in ihrem Erfolgsbuch „Axolot Roadkill“. Während die Intenlligenzblätter das Für und Wider von Helenes Abschreiben (aus einem anderen Buch, das nur in der Subkultur zirkulierte) erwogen, unter besonderer Berücksichtigung ihres jugendlichen Alters, sollten die taz-Schreiber nun ein persönliches Abschreibe-Erlebnis beisteuern – in einem Satz, das sah dann so aus:

1984 veröffentlichten wir ein Rotbuch mit dem Titel „Vogelsberg“, das aus lauter Geschichten/Ideen aus der Weltliteratur bestand, die wir nur im Sinne einer lokalen Wiedervereinnahmung „vervogelsbergisiert“ hatten – allerdings nicht unter unseren Namen, sondern unter „Agentur Standard Text“.

Jemand meinte: Das mache den ganzen Unterschied zu Helene aus, mal abgesehen, dass sie Material aus der Subkultur in den Mainstream hievte und ihr genau umgekehrt vorgegangen seid. „Abwärts treibt der Sinn!“ – Novalis.

Mir fiel ein, dass in der Studentenbewegung alle geklaut haben – und zwar in Supermärkten, Kaufhäusern und großen Buchhandlungen. Ein Buch damals, von der Kommune 1 herausgegeben, hieß „Klau mich!“ Es gab Frauen-WGs in Charlottenburg, wo es nur Kaviar, Lachs und Ähnliches zu essen gab – denn man klaute natürlich nicht ausgerechnet das Billigste, im Gegenteil: je teurer die Dinge waren, desto handlicher waren sie zu klauen, zudem ließ sich ein solcher Diebstahl damit rechtfertigen, dass dabei nur überflüssiger Luxus von oben wieder nach unten verteilt wird. Wir hatten ja wirklich kaum Geld. Und das „geistige Eigentum“ war damals noch kein Thema, man diskutierte eher über „Gewalt gegen Sachen“, die gerechtfertigt schien, zumal in einer sogenannten „Überflußgesellschaft“. „Eigentum ist Diebstahl!“ Es ging dabei die ganze Zeit um „Gesellschaft“: wie sie „gestürzt“ und im Sturz eine neue gebieren könnte. Die Mitläufer redeten natürlich von „reformieren“. Gleichwie, man stellte sie sich als eine Art Patchwork von (agrarischen und industriellen) Allmenden vor – mit Seitenblick auf Kibbuzim, Kommunen und Produktivgenossenschaften. Durchaus einfach und primitiv. Aber 68 wurde auch das Internet aus der Taufe gehoben. Und ebenfalls 68 veröffentlichte ein Harvardarsch „The Tragedy of the Allmende“. Aber während weltweit die letzten Allmenden, Kibbuzim und (chinesischen) Kommunen – also das reale Kollektiveigentum – verschwindet, wurde gleichzeitig das geistige Eigentum (ausgerechnet) kollektiviert: „Open Source“. Für die Konservativen – vor allem in den USA – war auch das noch oder schon blanker Kommunismus.

Die Male, da man Texte von mir plagiiert/geklaut hat, habe ich mich immer gefreut, weil sie dadurch verbreitet werden und vielleicht neue Eingänge finden. Für Gilles Deleuze scheinen diese sogar die einzig wertvollen „Begegnungen“ zu ermöglichen. Jedenfalls redet er auf seiner DVD „Abécédaries“ davon, dass ihn im Zusammenhang seines Buches über Leibniz, in dem er den Begriff der „Falte“ als zentral herausstellte, besonders gefreut habe, dass sich 1. der französische Verband der Papierfalter bei ihm meldete: „Uns ist der Begriff ebenfalls zentral!“ und 2. der Verband der Surfer: „Uns geht es doch auch darum, ständig auf der Falte zu bleiben.“

Eine Gewinnbeteiligung muß Helene Hegemann natürlich schon dem Plagiierten zugestehen, womit wir wieder bei der „invisible hand“ wären, das war bei mir anders: da ist noch niemand mit dem Geklauten reich geworden.

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kommentare

  • Für den Soziologen Georg Simmel verhalten sich Geselligkeit und Gesellschaft zueinander wie Form und Inhalt, die Geselligkeit ist für ihn eine „Spielform der Gesellschaft“.

    „Ich habe etwas entdeckt,“ sagte der US-Justizminister Robert Kennedy kurz vor seiner Ermordung, „dass meine Welt nicht die wirkliche Welt ist.“

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