vonHelmut Höge 06.07.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Nationaler Donner


Deutschlandfahnen-Demo (1). Photo: indymedia

Gleich nach der Wende ersann der Elektriker Peer Wagner aus Leipzig angesichts wachsender Fastfood-Konkurrenz und immer seltener erteilter Imbißstand-Genehmigungen eine mobile „Variante“, wie man in Sachsen sagt: einen „Bratwurstbauchladen“ – für den man keine „Standgenehmigung“ braucht. Er besteht aus vier Campingkühlakkus, Gasflasche, Grill, Sonnenschirm und Tragegurte. Einschließlich der Ware – achtzig Würstchen, Senf, Ketchup und Brötchen – wiegt das Ganze etwa 30 Kilogramm. Und nichts davon darf während des Verkaufsvorgangs den Boden berühren: „Das ist der Knackpunkt!“ Nötig ist also ein tragfähiger Verkäufer. Interessierte Kunden fragten Wagner immer wieder: „Ist das nicht zu schwer auf die Dauer?“ – worauf er antwortete: „Mit jeder Wurst wird’s leichter!“ Für seine Konstruktion erwarb er bald ein Euro-Patent und ein US-Patent, dann ließ er diese „ambulante Verkaufseinrichtung“  in Serie herstellen und bot sie kräftigen Arbeitslosen an – inklusive eines „Lizenzvertrags“ mit „Gebietsschutz“, auf  Wunsch auch mit einem „Wurstliefervertrag“. Über Peer Wagners „erfolgreiche Erfindung“ eines „Bratwurstbauchladens“ berichtete ich 1995 in „Die Zeit“. 9 Jahre später berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ noch einmal über ihn. In der Überschrift war von einem „Bratwurst-Krieg in Leipzig“ die Rede: Dort verkauften immer mehr „neue Selbständige“ Bratwürste auf der Straße, einige mit zum Grill umgebauten Fahrrädern oder vom Rollstuhl aus, obwohl sie nicht behindert waren. Die Stadtverwaltung entschloß sich einzugreifen: Sie verloste neun Stellplätze – und dabei ging ausgerechnet Peer Wagner leer aus. Der „geistige Vater der mobilen Bratwurst“ (SZ) protestierte. Die zuständige Amtsleiterin entgegnete, man könne für ihn „keine Extrawurst braten“, dann ruderte sie aber – nach einer einstweiligen Verfügung von Wagners Anwalt – doch auf „Duldung“ zurück. Nun kam jedoch neuer Ärger – diesmal aus Berlin: Zu seinen  „Franchisenehmern“ gehörte dort anfänglich der zuvor arbeitslos gewordene Hotelangestellte Bertram Rohloff. Über ihn und seine „Erfolgsgeschichte“ berichtete jetzt ganz groß die „Süddeutsche Zeitung“: Sie bezeichnete  ihn als „Erfinder des ‚Grillwalkers'“. Eine dreiste Lüge, dachte ich, und rief sofort Rohloff an. „Peer Wagner hatte einen Traum vom Fliegen, wir haben ihn wahr gemacht!“ sagte er. Es sei nämlich so, dass Wagner  an  seinen „Bratwurstbauchladen“ eine versteckte Stütze eingebaut habe, die durch das Hosenbein in den Schuh des Verkäufers führe. Verschiedene  Ordnungsämter hätten das bemängelt, denn genaugenommen berühre das Gestell  damit ja doch wieder den Boden. Der von ihm 1998 erfundene „Grillwalker“ käme dagegen ohne Stütze aus.

Als ich Wagner 1995 interviewte, hatte der mir nichts von einer „versteckten Stütze“ gesagt, nun gab er es am Telefon jedoch zu, allerdings würde er inzwischen ebenfalls  „Bratwurstbauchläden“ ohne eine solche Stütze anbieten – für Orte, in denen die Ämter besonders pingelig seien. Seine Konstruktion sei zudem insgesamt leichter geworden, so dass auch Frauen sie tragen könnten. Sie dürften bloß keine schwache Blase haben, aber das gelte für Männer ebenso. Seine früheren „Bratwurstbauchläden“ seien ohne Stütze zu schwer gewesen, so dass man sie den Verkäufern eigentlich nicht zumuten konnte. Auch die Konstruktion von Rohloff (die laut SZ alles in allem etwa 20 Kilo wiegt) sei noch zu schwer –  wenn man sie 8 Stunden täglich trage, deswegen brauche man dafür auch einen „schnellen Personalwechsel“.  Peer Wagner ist inzwischen  mit seinem „Bratwurstbauchladen“, der nur noch etwa 18 Kilogramm wiegt, ein „bei Touristen und Einheimischen beliebtes Leipziger Original“, behauptet jedenfalls der „Spiegel“, der ihn 2006 ebenso wie „Die Zeit“ noch einmal interviewte: Da hatte er nämlich – rechtzeitig zur WM – einen schwarz-rot-goldenen Senf erfunden, den er „Deutschlandsenf“ nannte und als „Gebrauchsmuster“ schützen ließ. „Seit der Fußballweltmeisterschaft trauen sich die Menschen wieder, Deutsche zu sein,“ meinte er damals. Dieses neue „gesunde Nationalbewußtsein“ hat jedoch bei seinem Bratwurstverkauf auch Nachteile, wie er bei der jetzigen WM feststellen mußte: „Der Umsatz hängt direkt vom Spiel der deutschen  Mannschaft ab. Nach dem 1.Spiel – gegen Australien – gab es zwar einen enormen Schub, aber der hielt sich leider nicht.“

Deutschlandfahnen-Demo (2). Photo: Richard Kelber

Soziales Gewitter

„Wir leben jetzt, so wird uns gesagt, im Computer-Zeitalter. Wie steht es um das Gespür der Ludditen? Werden Zentraleinheiten dieselbe feindliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie einst die Webmaschinen? Ich bezweifle es sehrOEAber wenn die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren… Jungejunge! Es wird unglaublich und nicht vorherzusagen sein, und selbst die höchsten Tiere wird es, so wollen wir demütig hoffen, die Beine wegschlagen. Es ist bestimmt etwas, worauf sich alle guten Ludditen freuen dürfen, wenn Gott will, dass wir so lange leben sollten.“ So endete 1984 ein Text des  US-Schriftstellers Thomas Pynchon in der „New York Times Book Review“, in dem er die alte Frage beantwortete: „Is it o.k. to be a Luddit?“ Der „untergetauchte“ Pynchon lebt noch immer, grad hat er wieder einen neuen Roman veröffentlicht. Und „Ludditen“, das waren die Mannen um „King Ludd“, den es wahrscheinlich nie gab, wohl aber die „Ludditen“: lose Kampfbünde von durch Privatisierung der Allmende in die englischen Städte Vertriebenen, die  dort nun durch die Maschinisierung der Webereien erneut ihre Vertreibung zu gegenwärtigen hatten. Vom Bauer, „Leveller“ und „Digger“, zum Arbeiter zum Obdachlosen und zum Ludditen. Später, als der Spuk vorbei war, bezeichnete man sie als „Maschinenstürmer“ und dieses Wort bedeutete bald so viel wie eine „Donquichotterie“.

In den „Grundrissen“ schrieb Karl Marx „Wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produktionsbedingungen und ihnen entsprechenden Verkehrsverhältnisse für eine klassenlose Gesellschaft vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichotterie. Rosa Luxemburg kam später in ihrer Kritik an Eduard Bernsteins Revisionismus noch einmal auf diese Anspielung auf Cervantes zurück: „Da sind wir glücklich bei dem Prinzip der Gerechtigkeit angelangt, bei diesem alten, seit Jahrtausenden von allen Weltverbesserern in Ermangelung sicherer geschichtlicher Beförderungsmittel gerittenen Renner, bei der klapprigen Rosinante, auf der alle Don Quichottes der Geschichte zur großen Weltreform hinausritten, um schließlich nichts andres heimzubringen als ein blaues Auge.“

Dies hat zuletzt Volker Braun noch einmal durchexerziert in dem „Schichtbuch: Machwerk“. Sein „Donquichotte“ heißt darin „Flick“ und war „Durchreißer“ im Lausitzer Braunkohlekombinat – bis er entlassen wurde. Nun muß und will er sein Arbeitsethos in die neue Zeit hinüberretten – als „1-Eurojobber“, das kann nur schief gehen. Aber immerhin kommt dabei „der alte Havariemeister“, begleitet von seinem Neffen, der noch nie gearbeitet hat, als „1-Europäer“ weit herum – bis er endgültig in die Grube fährt („mit ihm ist eine Zeit zuendegegangen“) – und ein anderer „Experte ‚ganz ruhig‘ die Arbeitsagentur Nord betritt und den „Tisch der Sachbearbeiterin mit einem 5-Liter-Kanister Spiritus in Brand“ setzt. Die „erleidet daraufhin einen Schock; aber auf dieses Mittel setzt Verf. nicht“ – fügte Volker Braun hinzu. Da haben wir wieder den Luddismus – die Donquichotterie geht ihr voraus. Als in Berlin das spanische Kulturinstitut eingeweiht wurde, brachte das  ZDF in einer „Heute-Sendung noch einmal alles durcheinander – als es uns erklärte: „Das Kulturinstitut Cervantes ist nach dem berühmten spanischen Autor Don Quichotte benannt.“

Die Ludditen-Bewegung entstand 1811 in Nottingham (Forest?) und wurde 1814 militärisch zerschlagen, etliche Beteiligten deportierte man nach Australien. Laut Wikipedia ist „der Luddismus „einer der großen Kampfzyklen der englischen Arbeiterklasse Anfang des 19. Jahrhunderts. Er ist eingebettet in eine allgemein zunehmende Unruhe, die 1817 zum Aufstand von Pentrich führte“. Und jetzt mehren sich schon wieder, diesmal weltweit, die Betriebs- „Sabotagen“ und – „Spionagen“ von Mitarbeitern, die sich schlecht behandelt, zu schlecht bezahlt oder von Entlassung bedroht fühlen. Die Wirtschaftspresse spricht von einer zunehmenden  „Illoyalität unter Arbeitnehmern“ und nennt Zahlen. Die Arbeitsgerichte entscheiden zwischen „schwerer“ und „leichter I.“. Aber „die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren“ noch nicht, d.h. sie laufen noch nicht zusammen. Pynchon erweist sich damit als marxistischer Determinist: Es ist die wissenschaftlich-technisch-ökonomische Geschichte selbst, die den „Luddismus“ quasi frei gibt. Was wir im Augenblick haben ist ein luddistischer Überhang von Nochnicht – ein Vorgriff in Form eines Vorfalls hier und da. Die Linke – zuletzt auf Kongressen, Volksbühnen und Buchtagen – bemüht sich, sie aufzufangen und zu bündeln, aber das ist ein Rückfall in „Donquichotterie“ – jedenfalls in den (blauen)  Augen von Pynchon.

Protestdemo. Photo: Schneider

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