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vonHelmut Höge 29.07.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Dass jede Neueröffnung einer Starbucks-Caféfiliale quasi automatisch eine weitere No-Go-Area nach sich zieht, weiß man inzwischen. Was aber ist mit den Arealen, auf denen diese US-Kaffeehaus-Kette sich garantiert nicht ansiedelt?

Heute: Oberschöneweide

Übersichtskarte. Photo: quartiersmanagement-berlin.de


„Landete der gewöhnliche Oberschöneweider doch mal im Ehebett statt in der Gosse, ging es der Frau, dem Kind und der Wohnungseinrichtung an den Kragen,“ schrieb Karsten Otte in der BZ-Serie „Mein-Kiez-Tagebuch“, das er 2004 als Buch unter dem Titel „Schweineöde“ veröffentlichte. Der dortige, an der Verbesserung des „Images“ von Oberschöneweide  interessierte Unternehmerstammtisch, meinte dazu 2005 (in der taz): „Alles erstunken und erlogen!“

Übersichtsphoto (im Hintergrund der wiederaufgebaute „Kaisersteg“. Photo: spree2011.de

Wahr war: In dem einst größten  Industriegebiet Berlins, wo zu DDR-Zeiten über 30.000 Menschen arbeiteten, hatte die Treuhandanstalt ganze Privatisierungsarbeit geleistet. Von den  sechs Großbetrieben – „Metallhütten und Halbzeugwerke“, „Institut für Nachrichtentechnik“, „Transformatorenwerk“,“Kabelwerk Oberspree“, „Werk für Fernsehelektronik“ und „Batteriewerk“- überlebte dort an der Wilhelminenhofstraße nur das letztere, das „BAE“ – und auch das nur, weil die Geschäftsführer ihren Laden selbst übernahmen. Sie residieren jetzt in der „Quandt-Villa“. Ihr ehemaliges Verwaltungsgebäude vermieteten sie an die Alkoholikerhilfe „Strohhalm“.

Erich im  Tro: Der Generalsekretär der SED besucht die Werktätigen des Transformatorenwerks. Es gehörte bis 1945 zur AEG und nach 1990 wieder der AEG, die das Werk nach Renovierung abwickelte. (*) Photo: sanierung-osw.de

Das Kabelwerk Oberspree (KWO). Es gehörte bis 1945 zur AEG und wurde in den Neunzigerjahren von einem englischen Konzern gekauft, der es wenig später stillegte (**) Photo: koepenick.net

Das einstige Werk der „Nationalen Automobilgesellschaft“ (NAG) von Rathenau, zu DDR-Zeiten wurden dort – im Werk für Fernsehelektronik (WF) – Fernseher hergestellt, nach der Privatisierung wurde es von Samsung erst modernisiert und dann stillgelegt. (***) Photo: commons.wikimedia.org

Das WF von der Wilhelminenhofstrasse aus gesehen. Photo: robotrontechnik.de


Vom renovierten Samsung-Werk für Fernsehelektronik blieb nur dieses „Kranhaus“ – zu einem Strandcafé umgebaut – übrig. Photo: privatgastronomietipps-berlin.ms

Die noch nicht abgewickelte Rest-Belegschaft des Batteriewerks „Belfa“ hat vor ihrem Verkaufswagen für den „stern“-Photographen Aufstellung genommen. Das Werk  auf der linken  Flußseite in Niederschöneweide, in dem Gerätebatterien produziert wurden, gehörte bis 1991 zum BAE an der Wilhelminenhofstraße in Schöneweide. Dort wurden und werden bis heute Industrie-, Schiffs- und Eisenbahnbatterien hergestellt. Das Belfa-Werk wurde 1993 von zwei Münchner BWL-Schnullis übernommen, die es sukzessive abwickelten.

Vis à vis der „Quandt-Villa“ auf dem BAE-Werksgelände befindet sich auf dem  KWO-Gelände noch die   „Rathenau-Villa“. In diese  zog 2003 eine Landesentwicklungsgesellschaft, um aus dem „heruntergekommenen  Problemviertel“ wieder eine „Topadresse“ zu machen. Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft wurde zum Umzug von Karlshorst nach Oberschöneweide, in die Gebäude des Kabelwerks (KWO), bewegt – für 150 Millionen Euro. Daneben wurde eine 1945 von der SS gesprengte Fußgängerbrücke über die Spree, der Kaistersteg, wiedererrichtet. Mit dem Umzug der FHTW in den  Kiez wandelten sich die zuletzt  rechten Schichtarbeiterkneipen an der Wilhelminenstraße zu schicken Studentencafés.

Wilhelminenhofstrasse. Photo: drehscheibe-foren.de

Die Schienen auf der Wilhelminenhofstrasse für die Versorgungszüge der Fabriken wurden inzwischen abgebaut. Photo: sanierung-dsw.de

Ein ehemaliger Ruhnke-Manager erwarb das Gelände des Transformatorenwerks (TRO) – und siedelte dort Künstler an. Ihr Berufsverband BBK bekam Ateliers. Fast alle Wohnhäuser wurden saniert. Nun heißt es bereits in einem Faltblatt „Kunst am Spreeknie: „Mittlerweile tut sich etwas. Stadtentwicklungspolitiker, Investoren, Glücksritter und Spekulanten haben ihren Fokus auf Oberschöneweide gerichtet. Die ersten schicken Büros, Ateliers und Wohn-Lofts sind vermietet.“ Am Wochenende veranstaltete das „Kiezbüro „meineschoeneweide.de“ drei Tage der offenen Galerie-Tür. Allein das studentische Programm  „Schnipseljagd“ auf dem Campus der FHTW war kaum zu schaffen. Der eingezäunte Campus  befindet sich jetzt  zwischen zwei Strand-Cafés, wovon eins mit einem teuer umgebauten Kran prunkt. In der Fabrikhalle des anderen Cafés – „Industriesalon“ genannt – zeigte der DDR-„Menschenphotograph“ Georg Krause Arbeiter an ihren Maschinen in den Fabriken der Wilhelminenhofstraße – der „traurigsten Straße Berlins“, wie die BZ 2005 titelte. Im „Atelierhaus 79“ begann eine „Führung“: „Vom Kabelwerk zur Denkfabrik“. In einer Ausstellung wurden Produktionsprozesse (von Elektronikröhren) aus dem Werk für Fernsehelektronik (WF) gezeigt, verbunden mit Video-Interviews von einstmals dort Beschäftigten und Exponaten aus dem früheren WF-Museum im „Behrends-Turm“: ein DDR-Mikrowellenherd, Baujahr 1963 und Störsender, um den antikommunistischen Westsender  RIAS vom Territorium der DDR fernzuhalten.

Vor allem erstaunte auf dem etwa zwei Kilometer langen  Rundgang durch die „Kunst am Spreeknie“ wieviel Künstler (und sogenannte „Kreative“) es doch anscheinend in der Stadt geben muß, wenn jetzt schon wieder ein neuer Kiez von ihnen derart „revitalisiert“ wird. Bald gibt es nur noch Kunst-Kieze. Der Charlottenburger Künstler Thomas Kapielski meinte einmal: „Nach Berlin zogen immer nur solche, die im Malen eine eins und im Rechnen eine fünf hatten.“ Hoffentlich bleibt das so! Obwohl mir manchmal doch schon ein regelrechter Kunst-Haß hochkommt. Und junge Frauen, die – fleischfarbene Trikots tragend – Schleiertänze in den leeren Fabrikhallen beiderseits der Spree vorführen, kann ich bald auch nicht mehr sehen. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von Anja Schwanhäuser über diese ganzen Kunstschwärme („Ethnographie einer Berliner Scene“) kommt allerdings zu dem Schluß, dass es sich dabei jedesmal um ein und die selbe Truppe handelt: „Diese Szene schweift im Stadtraum umher und funktioniert seine Leerstände zu ‚locations‘ um.“ Alles klar.

Der Betriebsratsvorsitzende des Batteriewerks BAE/Belfa, Hans-Peter Hartmann, kandidierte nach seiner Entlassung durch die o.e.Westeigentümer aus München für die PDS. Das Photo zeigt ein Wahlplakat von ihm auf der Wilhelminenhofstrasse vor dem leerstehenden Kulturhaus des BAE/KWO. Auf anderen Wahlplakaten versprach Hartmann, sich in seiner Partei und als Abgeordneter im Bundestag für „Arbeitsplätze“ einzusetzen.


Details:


(*) AEG – Am Ende gescheitert. Der Verkauf des Marienfelder AEG-Werkes, in dem derzeit noch mit 680 Mitarbeitern Antriebssysteme hergestellt werden, sowie der Reste der einstigen AEG-Zentrale am Hohenzollerndamm an ein Tochterunternehmen des französischen Konzerns Alcatel ist perfekt. Auch die EU-Kartellkommission hat jetzt zugestimmt. Zusammen mit dem gerade erfolgten Verkauf der Bahntechnik an den Weltkonzern ABB ist damit AEG in Berlin in drei Teile zerschlagen.

Der Stuttgarter Autokonzern erwarb die 1882 von Emil Rathenau in Berlin gegründete „Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft“ 1985, drei Jahre nachdem die AEG einen Vergleich angemeldet hatte. Trotz stets anderslautender Meldungen aus der Konzernzentrale wurde der stolz dazuerworbene Elektromulti seitdem Stück für Stück abgewickelt. Daran haben auch einige Ost-Zukäufe der AEG nach der Wende nichts geändert – so der Dresdener VEB Starkstromanlagenbau, das Hennigsdorfer Lokomotiv-Werk (LEW) und das Transformatorenwerk in Oberschöneweide (TRO).

1987 wurden die Mainzer AEG- Werke an Mannesmann verkauft, 1990 ging die AEG-Kabel Berlin an Alcatel Alsthom, 1991 die AEG-Elektrowerkzeuge an Atlas Copco, im selben Jahr wurde AEG-Olympia in Wilhelmshaven geschlossen und die AEG Mobile Kommunikation an den französischen Konzern Matra verkauft.

1992 übernahm GEC Alsthom einen Teil der AEG-Eisenbahntechnik sowie die AEG-Kanis. Der AEG-Hausgerätebereich wurde schließlich an den schwedischen Konzern Electrolux verkauft, der für 38 Millionen Mark auch den Markennamen AEG („Aus Erfahrung Gut“) dazu erwarb. Kurz darauf wurden auch noch die AEG- Zählertechnik an Kromschröder und die AEG-Lichttechnik in Springe an den Konzern Philips verkauft.

Zu dem seit einigen Monaten wegen mehrerer Korruptionsfälle schwer angeschlagenen französischen Konzern Alcatel gehört beispielsweise das deutsche Elektronikunternehmen SEL. In den von Alcatel aufgekauften Firmen wurden und werden seitdem zügig Arbeitsplätze abgebaut. Der Stuttgarter SEL-Betriebsrat spricht sogar davon, die französische Konzernmutter habe sein Unternehmen „buchstäblich ausgeplündert“. Als SEL Interesse an einer Übernahme des „Instituts für Fernmeldetechnik“ in der Wilhelminenhofstraße/Ecke Edisonstraße zeigt und deswegen ständig SEL-Manager dort auftauchten, zeigte es sich, dass sie sich in einem besonders gesicherten Institutsgebäude, das kein SEL-Ingenieur zu DDR-Zeiten betreten durfte, weil es quasi der Stasi gehörte, sehr gut auskannten. Sie hatten also anscheinend zu DDR-Zeiten unter Umgehung der Embargo-Bestimmungen mit der Stasi Geschäfte gemacht.

Alcatel hat überall in Europa Produktionsstätten, zum Beispiel mehrere ähnliche Werke für antriebsorientierte Automatisierungstechnik wie das in Marienfelde, so daß der Verdacht, es gehe der Cegelec dabei primär um die AEG-Vertriebswege oder um Marktbereinigung, nicht ganz abwegig erscheint. Als die Marienfelder AEG-Betriebsräte sich unlängst mit dem Neuköllner Arbeitsamtsleiter trafen, fragte der: „Wer hat Sie noch mal gekauft? Alcatel!? Da können Sie sich ja gleich einen Strick nehmen.“

Die Betriebsräte haben für solchen Galgenhumor mittlerweile etwas übrig: „Als wir von unseren ehemaligen AEG-Hauptstandorten im Wedding, Brunnenstraße und Drontheimerstraße, 1984 wegzogen nach Marienfelde, hatten wir 1.200 Beschäftigte. Seitdem haben wir vier Abbau-Wellen mitgemacht. Jedesmal wurde uns versichert: Jetzt geht’s aber aufwärts! Ende 1992 begründete einer unserer Manager die anstehende Kurzarbeit folgendermaßen: ,Im Prinzip sind wir erfolgreich. Es besteht jedoch das Problem, daß wir zur Zeit die Meßpunkte für den Erfolg nicht definieren können.'“

Den Weg ins endgültige Ende sehen die Betriebsräte in der Strategie der „Business Units“. Das sei eine Art Blockentkernung des Unternehmens. Ende des Jahres, so die Erwartung der Marienfelder Betriebsräte, „werden wahrscheinlich die Aktionäre ausbezahlt und die AEG aufgelöst werden, obwohl das in Stuttgart immer noch dementiert wird.“

Die Auflösung wird schon deswegen nötig sein, weil es bald mehr AEG-Rentner als -Beschäftigte gibt, und nur die letzteren werden mitverkauft. Für die anderen trägt die AEG weiterhin die Kosten. Das war schon 1982 das Problem bei der Daimler-Übernahme gewesen: Zuvor hatte die AEG sich bei ihrem Vergleich 60 Prozent ihrer Pensionsansprüche entledigen müssen. Diese wurden von einem Pensionssicherungsverein, hinter dem die Allianz steckt, übernommen. Für die Betroffenen hatte das unter anderem die Auswirkung, daß ein Teil ihrer Rente fortan nicht mehr inflationsangepaßt war. 1962 arbeiteten allein bei der Westberliner AEG noch 24.000 Menschen, 1982 waren es noch 11.300 und 1992 noch 6.000.

Die Aufteilung der verbliebenen AEG-Werke in „Business Units“ zieht unter anderem eine erneute Dezentralisierung der verschiedenen Vertriebe nach sich. Mit der Folge, daß der Vertriebsapparat in der ehemaligen AEG- Zentrale Hohenzollerndamm eigentlich schon gar nichts mehr vertreibt. Auch dort wird Personal abgebaut.

Gleiches gilt für den AEG-Kondensatorenbau in der Sickingenstraße, wo 1994 200 von 700 Beschäftigten entlassen wurden und jetzt noch einmal die Hälfte. Auch beim Ostberliner Transformatorenwerk TRO steht eine erneute Massenentlassung bevor, derzeit arbeiten dort noch etwa 600 Mitarbeiter. Das Spandauer AEG-Werk mit 1.100 Arbeitskräften wird aufgelöst, die Hälfte der Belegschaft geht rüber in den Hennigsdorfer AEG-Schienenfahrzeugbau (ASF), wo jedoch von den noch rund 3.000 Mitarbeitern noch einmal 1.000 entlassen werden. Komplett verkauft werden soll die kleine Zählerproduktion mit 80 Beschäftigten, die die AEG noch im einst riesigen Elektoapparatewerk (EAW) in Treptow unterhält.

Für die Große Koalition ist die AEG kein Problem, sondern, wie in der Politik üblich, ein Thema. Und das läuft unter Daimler-Benz. Großspurig versprach deren Noch- Vorstandsvorsitzender Edzard Reuter – als er noch Bürgermeister-Kandidat werden wollte – die AEG-Zentrale werde von Frankfurt am Main nach Berlin verlegt. Sein AEG-Vorstandsvorsitzender Ernst Stöckl widersprach jedoch. Und Reuters baldiger Nachfolger Jürgen Schrempp wird eher die AEG-Abwicklung noch beschleunigen. 1993 machte die AEG einen Verlust von 1,19 Milliarden Mark, auch 1994 werden die Geschäftszahlen noch „Aus Erfahrung rot“ sein, wie Aktionäre scherzen.

Der Senat hat inzwischen, wenn auch vorsichtig, bei Aufgabe des Spandauer Produktionsstandortes einen Teil der einstigen Kaufsumme für das Grundstück von der AEG zurückgefordert. Nach dem damaligen Vergleich 1984 versprach der damalige Wirtschaftssenator Pieroth (CDU), 8.000 neue Arbeitsplätze an der Brunnenstraße und noch einmal so viele am neuen Standort Marienfelde zu schaffen. Für dieses Erbpachtgrundstück stellt sich nun die Frage, ob der Senat bei einer Besitzänderung auf der seinerzeit von der AEG eingegangenen „Nutzungsverpflichtung“ bestehen wird. Der neue Eigentümer von Teilen der AEG heißt „Cegelec AEG Anlagen und Antriebssysteme GmbH“ und ist eine deutsche Tochter der Cegelec S.A. Paris, an der die Alcatel mit 51 und die AEG mit 49 Prozent beteiligt ist. Die restlichen AEG-Teile firmieren seit einiger Zeit unter „AEG Daimler Benz Industries“. Dazu gehören die Hennigsdorfer Schienenfahrzeugbauer und die dorthin umgesiedelten Spandauer AEGler nicht mehr: Gerade gaben Edzard Reuter und der Vorstandsvorsitzende der Asea Brown Boveri (ABB), Percy Barnevik, bekannt, daß der Bahnbereich von ABB und der von AEG in einem neuen Gemeinschaftsunternehmen, der „ABB Daimler Benz Transportation“, zusammengefaßt werden. Die Stuttgarter zahlten den Schweden dafür 1,3 Milliarden Mark. Vorstandschef wird ABB- Manager Kaare Vagner, AEG- Chef Stöckl wird Aufsichtsratsvorsitzender der neuen Gesellschaft.

Die Verhandlungen mit den Chinesen wegen des U-Bahnbaus in Shanghai mußten unterbrochen werden, weil die Vertragsgestaltung jetzt in schwedischen Händen liegt: „Das hat uns kalt erwischt“, sagt ein Hennigsdorfer Ingenieur, „wir wußten davon nichts. Da auch ABB im Bahnbereich erhebliche Überkapazitäten hat, bedeutet das neue Gemeinschaftsunternehmen für uns, daß hier noch einmal Arbeitsplätze in Größenordnungen abgebaut werden. Aber es wird ein neues Verwaltungsgebäude errichtet – wegen der Förderungsmittel in Brandenburg.“ Die zuvor zwangsfusionierten und mit Entlassungen beschäftigten Hennigsdorfer und Spandauer Betriebsräte haben immer noch „Kommunikationsprobleme“, aber sie sind schon mal in Kontakt mit dem Prager Werk CKD getreten: „Die mechanische Fertigung, beispielsweise der Motorenbau, wird perspektivisch immer mehr nach dorthin verlegt werden.“

Der Stand der AEG-Dinge 1996: Der AEG-Gesamtbetriebsrat beauftragte unlängst eine französische Unternehmensberatung, einen Interessenten für die derzeit von der Daimler-Benz AG zügig verschleuderten AEG-Betriebsteile zu finden, bei denen sie in die Produktionspalette passen würden. Diese „Alpha consult“ informierte jetzt den Betriebsrat, daß das vor drei Jahren von der Treuhand an die AEG verkaufte Transformatorenwerk in Oberschöneweide (TRO) mit 500 Mitarbeitern an die GEC Alsthom, eine Tochter von Alcatel, verkauft werden soll. Die französische Alcatel ist ihrerseits eine Tochter des Staatskonzerns Compagnie Génerale d’Électricité (CGE) und des Multikonzerns IT&T. Sie hat bereits Überkapazitäten in ihren französischen Transformatoren-Werken, wie auch die AEG in ihren BRD- Werken, so daß das TRO-Werk im Osten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aufgekauft wird, um dichtgemacht zu werden – zur Marktbereinigung. Bei Alcatel ist man der Auffassung, daß es in zehn Jahren nur noch drei europäische Transformatoren-Anbieter geben wird: ABB, Siemens und Alcatel.

Nachdem die gewerkschaftlichen Vertrauensleute in den Betrieben fast verschwunden sind, verhandeln die Unternehmer die Arbeitsbedingungen zunehmend nicht mehr gesamtgesellschaftlich, sondern über ihre Einzelbetriebe – mit den deregulierungsgeschwächten Betriebsräten. Deren Gewerkschaften drängen sie sogar zu solch „Co-Management“. Im übrigen liegen mittlerweile auch bei den Arbeiterorganisationen Pläne zur lean production vor, und bei den Funktionären geht selbst die Angst vor Arbeitslosigkeit um. Teilweise wird bereits derart heftig unter den Einzelgewerkschaften um Mitglieder „gekämpft“, daß ganze Unternehmerverbände mit den jeweils „günstigeren Tarifverträgen“ umworben werden! Das IG- Metall-„Bündnis der Arbeit“, von Zwickel hervorgezaubert, um den Eindruck zu verwischen, die Gewerkschaft tue nichts für Arbeitslose, versteht der listige Zeiss-Jena-„Sanierer“ Lothar Späth bereits so: Die Arbeitsplätze können erhalten werden, wenn die 100prozentige Lohnangleichung im Osten ausgesetzt wird! Eine IG-Metall-Umfrage über das Ansehen der Gewerkschaften in den Betrieben fiel jüngst derart negativ aus, daß man sie unter Verschluß behielt. Die meisten Belegschaften sind resigniert und konservativer als viele Funktionäre. Bei der AEG Marienfelde, die bereits an die Alcatel-Tochter „Cegelec“ verkauft wurde, sind von 600 Angestellten und 200 Arbeitern noch 25 Prozent gewerkschaftlich organisiert. Ihre Einkommen liegen heute auf dem Stand von 1985. „Unser Betrieb befindet sich seit zehn Jahren nur noch in Abwehrkämpfen“, meint Betriebsrat Uwe Döring. Und ein Osram- Betriebsrat aus Spandau klagt, daß immer mehr auf Wochenendarbeit gedrängt wird.

Ende 2006 schrieb die taz:

Seit 36 Jahren verdient Bernd Bach seine Brötchen beim Transformatorenwerk TRO am Spreeufer in Oberschöneweide. „Ich gehöre hier zum Inventar. Wollen Sie die Nummer auf dem Rücken sehen?“ Drei Viertel seiner Lebenszeit ist der Arbeiter täglich in die Fabrikhalle im Süden Berlins gefahren. Die ersten Jahre wickelte er fingerdicke Kupferleitungen zu meterdicken Transformatorspulen. Später leitete er als Vorarbeiter die Herstellung der bis zu vier Meter hohen Ungetüme.

Der 53jährige Bach weiß alles über Trafos, die Hochspannung aus Kraftwerken in Haushalts- und Industriestrom verwandeln. Aber er hat in seinem Leben nur eine Bewerbung geschrieben – die für TRO im Jahr 1960. Die Fähigkeit, sich fremden Arbeitgebern anzupreisen, muß der „Troianer“ jetzt mühsam erlernen. Denn wie alle anderen TRO-Beschäftigten hat man ihm die Kündigung geschickt. Nach 75 Jahren wird das Werk zum 31. Dezember 1996 geschlossen – komplett und endgültig.

Gibt es für Bernd Bach ein Arbeitsleben nach TRO? „Ich habe meine Bekannten in die Spur geschickt“, sagt er. Die sollen sich umhören, ob irgendein Betrieb einen gestandenen Trafobauer braucht. „Vielleicht ist die Erfolgsquote höher als beim Arbeitsamt.“

Das konkreteste Angebot bislang ist jedoch sehr nebulös. Ein Unternehmensberater aus dem Schwarzwald habe Vorarbeiter für ein Trafowerk in Indien gesucht. In welcher Stadt, für welche Zeit und wieviel Geld ist noch nicht bekannt. Bach denkt laut nach: „Zweimal im Jahr könnte ich meine Frau nachholen und wir fliegen auf die Malediven.“ Galgenhumor oder Optimismus? Für eine systematische Jobsuche reicht die Kraft nicht. Der Mann weiß, daß er schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat.

„Als Elektroingenieur kann man keinen Blumentopf mehr gewinnen“, weiß Lutz Epperlein, Vorsitzender des TRO-Betriebsrats. Zehntausende von ArbeiterInnen der Elektrobranche Berlins sind bereits arbeitslos. Einst war Berlin die Elektrohauptstadt Deutschlands, Siemens und AEG wurden hier gegründet. Der Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich aber bis in die 80er Jahre hinein fort. Nach 1989 starben dann zusätzlich die alten Elektrokombinate Ostberlins.

Bei AEG-TRO sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: 1990 arbeiteten fast 4.000 Leute in dem volkseigenen Betrieb. Die von den Sowjets 1945 enteignete AEG übernahm als wiedereingesetzter Besitzer 1991 noch 880 Beschäftigte. Gerade wurde den letzten 350 von ihnen gekündigt.

(**)  Das Kabelwerk Oberspree (KWO) ist am Ende. Bis auf kleine Reste wird die Produktion von Elektro- und Telekommunikationskabeln in Oberschöneweide Anfang 1998 eingestellt. 365 der letzten 470 MitarbeiterInnen erhalten im Januar ihr Kündigungsschreiben, teilte KWO-Betriebsratsvorsitzender Gerhard Hörr gestern mit. Am vergangenen Donnerstag unterzeichneten der Betriebsrat und die Firmenleitung den Sozialplan, der auch die Zahlung von Abfindungen regelt.

Die gigantische Vernichtung von Industriearbeitsplätzen – 280.000 gingen seit der Wende in Berlin verloren – hat in Oberschöneweide besonders krasse Auswirkungen. Von rund 25.000 Stellen in der Produktion gibt es heute nur noch rund 3.000. Nach der Abwicklung von AEG-TRO im vergangenen Dezember und KWO arbeitet als letzte große Fabrik nur noch Samsung, das frühe Werk für Fernsehelektronik.

Als jetzt das Kabelwerk Oberspree (KWO) dichtmachte, titelte die BZ geradezu triumphalistisch: „Ich bin der Letzte!“ Gemeint war damit der Kabelmechaniker Harald Schrapers (47), der nach 30-jähriger Tätigkeit im KWO „ohne Abfindung“ aus der versteckten in die offene Arbeitslosigkeit entlassen wurde. Zuvor waren bereits die Kabelfabriken von Siemens, Pirelli, Kaiser und Alcatel in Westberlin stillgelegt worden.

Zu Hochzeiten arbeiteten über 36.000 Kabelwerker allein in der „Elektropolis“ Berlin. Das KWO gehörte zur AEG und wurde 1897 gegründet. Zu DDR-Zeiten arbeiteten dort 16.000 Menschen. Bereits bei seiner Privatisierung 1993 durch den britischen Konzern BICC unkten Kabelkartellkritiker, dass diese Übernahme eine schleichende Abwicklung werde. 1997 stieg die niederländische Draka Holding dort mit ein, 1999 übernahm das US-Unternehmen General Bicc das Werk, und zuletzt wickelte es die Wilms-Gruppe ab, die nicht Mitglied im Arbeitgeberverband ist. Jeder dieser „Betriebsübergänge“ ging mit einer neuen Entlassungswelle einher.

Nach Abwicklung des KWO bleiben nun in Berlin nur noch drei kleine Restbetriebe – von Baika, Draka und Wilms – übrig, in denen Glasfaserkabel und Litzen gefertigt, Draht und Kunststoff aufbereitet oder Kabelstränge konfektioniert werden – mit insgesamt etwa 240 Mitarbeitern. Anders als beim Kabelwerk von Alcatel in Neukölln gab es in den vergangenen 13 kapitalistischen Jahren beim KWO keinen einzigen Arbeitskampf gegen die Entlassungswellen. „Alles ging seinen ordentlichen Gang“, wie der Pressesprecher der KWO-Geschäftsführung sich ausdrückte. Nur im Herbst 1994 füllten sich die leeren Fabrikhallen noch einmal kurz mit Lärm und Menschen – das war, als der Regisseur Thomas Heise dort Heiner Müllers Revolutionsdrama „Zement“ aufführte.

Im KWO war man bereits zu DDR-Zeiten markwirtschaftlich orientiert, deswegen meinte man, dort besonders gut für den kommenden Kapitalismus gerüstet zu sein. Dies war jedoch rein betriebswirtschaftlich gedacht – ohne die Politik des internationalen Kabelkartells ICDC ins Kalkül zu ziehen, das zuletzt 1997 vom Bundeskartellamt wegen Preisabsprachen mit einer Geldbuße in Höhe von 280 Millionen Mark bedacht wurde.

Der ehemalige KWO-Bereichsökonom Reinfried Musch, der nun freiberuflicher Controller u. a. bei der taz ist, meint: „Da ist jetzt auch eine Menge Experiment und Innovation mit untergegangen.“ Seine Arbeit hatte u. a. darin bestanden, „wettbewerbsnahe Arbeitsbedingungen“ herzustellen:

1. „Aufgrund unseres speziellen Brigadeprinzips – mit begrenzter Budgethoheit – hatten wir nur 20 Prozent der üblichen Überstunden, d. h., wir waren in der Lage, flexibel alle möglichen Fertigungs- und Sortimentswünsche sofort zu erfüllen.“ Im Sozialismus wurde ansonsten meist mit Überstunden gearbeitet.

2. „Ein weiterer Engpass, das waren meistens die Maschinen-Verfügbarkeit, Ausfallzeiten, Reparaturen etc., spielte kaum noch eine Rolle. Bei uns waren die Instandhalter der Produktionsbrigade assoziiert, d. h., sie kamen auf Bedarf. Das hat die Stillstände weitgehend abgebaut. Und im Übrigen waren die Kabelwerker daran interessiert, dass die Maschinen liefen, denn sie verdienten ihr Geld nicht mit Überstunden, sondern im Leistungslohn.“ Dieser bestand aus einem technologisch kalkulierten Grundlohn, wobei es Lohngruppen – gegliedert nach Qualifikation und Leistung – gab plus Leistungszuschlägen, die sich aus Normübererfüllung und Schichtzuschlägen zusammensetzten.

Hinzu kam nun noch die Innovation von Musch: ein Überstundenabbauzuschlag. „Die Grundregel dabei lautete: 50 Prozent der Einsparungen für die Kabelwerker und 50 Prozent für das Werk.“ In summa: „Wir waren auf die Marktwirtschaft gut vorbereitet.“ Genützt hat es ihnen jedoch nichts!

(***) Das Werk für Fernsehelektronik/Samsung: So wurde und wird die von den Kommunisten bloß listig „versteckte Arbeitslosigkeit“ (Birgit Breuel) in Oberschöneweide ans Licht gezerrt: Zuerst riss man 1990 die Gebäude des VEB Berliner Metall- und Halbzeugwerke (BMHW) ab – und errichtete auf dem Gelände einen Supermarkt. Dann wurde das Institut für Nachrichtentechnik (INT) nebenan erst von der deutschen Alcatel-Tochter „Standard Elektrik Lorenz“ erworben – und 1992 abgewickelt. Das Gebäude erwarb ein Immobilienhändler, der dort eine Spielhalle einquartierte. Das gegenüberliegende Transformatorenwerk (TRO) wurde gleichzeitig von der Daimler-Tochterfirma AEG (wieder) übernommen, die 46 Millionen Mark an Fördermitteln investierte. Dann erwarb aber die Alcatel-Tochterfirma GEC Alsthom Teile der AEG – und diese musste dafür ihr TRO-Werk stilllegen. Die Uferimmobilie übernahm ein ehemaliger Manager von Ruhnke-Optik – und machte daraus ein Kunstzentrum, das nun ein „touristischer Anziehungspunkt“ erst Ranges werden soll – laut Quartiersmanagerin Heidemarie Mettel.

Ähnlich verlief die „Privatisierung“ des riesigen Kabelwerks Oberspree (KWO) nebendran, das mit großem Trara von der British Callendar Company (BICC) gekauft wurde – dann aber ebenso wie die Berliner Kabelwerke von Siemens und Alcatel dicht machte. In die Rathenauvilla auf dem Gelände zog die Berliner Landesentwicklungsgesellschaft (BLEG): Aus einem Teil der denkmalgeschützten Gebäude machte sie ein „Handwerks- und Gewerbezentrum“. Zudem war sogar ein Yachthafen geplant. Inzwischen wurde die BLEG jedoch ebenfalls abgewickelt.

Vorher steckte sie aber noch einige Anwohner mit ihrem Optimismus an: So ließ sich zum Beispiel der Wirt der Schichtarbeiterkneipe „Sporti“ zur Fortbildung nach Las Vegas schicken, als er zurückkam, hatte seine Frau bereits Konkurs angemeldet. Ähnlich ging es dem Wilhelminenstraßen-Entwickler Manfred, der erst mit einem Thaibordell, dann mit einem potenzstärkenden Gelee-Royale-Mittel aus China scheiterte – und schließlich an einer Kartoffel erstickte.

Auch der Westjournalist Carsten Otte, der sich zwecks Recherche für seinen Roman „Schweineöde“ vor Ort einmietete, scheiterte: Sein Buch denunziert bloß die Dauerbewohner dieses größten Berliner Industriegebiets, das Emil Rathenau einst auf der grünen Wiese errichten ließ. Sein dortiges Autowerk NAG krönte der Architekt Peter Behrens einst mit einem Turm am Spreeknie, in dem sich zuletzt ein Technik-Museum befand. Jetzt steht der Turm jedoch leer.

Aus der NAG-Fabrik wurde zu DDR-Zeiten das Werk für Fernsehelektronik (WF), das 1992 von Samsung übernommen wurde. Die Koreaner beschäftigen heute deutlich mehr als die 1.000 Mitarbeiter, die sie damals übernahmen. Der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Kippel meint: „Wer es schafft, bei Samsung reinzukommen, der verlässt den Betrieb als Rentner.“ Die Koreaner wollten 1995 auch noch den sächsischen Öko-Kühlschrankhersteller Foron übernehmen, aber die Siemens AG schrieb ihnen: Sie würden das als „unfreundlichen Akt“ ansehen – prompt zog Samsung seine Offerte zurück.

Vis à vis übernahm die BLEG 1993 ein Grundstück und errichtete dort ein „Technologie- und Gründerzentrum Spreeknie“ (TGS), in das einige outgesourcte WF-Gewerke und eine Qualifizierungsgesellschaft einzogen. Daneben befindet sich die Berliner Akkumulatoren- und Elementefabrik (BAE), ihr Gründer Quandt ließ dort ebenfalls seine Villa errichten. Nach der Wende wollte seine westdeutsche Firma Varta wieder bei der BAE einsteigen, sie kam jedoch nicht über Absichtserklärungen hinaus, stattdessen privatisierten leitende Angestellte die BAE, wobei sie sich jedoch von ihrem Betriebsteil Gerätebatterien (Belfa) trennten.

Die Belfa erwarben zwei Münchner, die eine Private-Label-Stategie verfolgten, mit der sie 2001 Pleite gingen. Nun hat auch das Industriebatteriewerk BAE Konkurs angemeldet, weil die Bleipreise aufgrund der starken chinesischen Nachfrage von 400 auf 700 Euro pro Tonne stiegen. Aus dem BAE-Verwaltungsgebäude machte derweil ein Köpenicker Sozialhilfeverein ein „WAS-Haus“ („Wohnen – Arbeit -Sucht“). Aus dem BAE-Kulturhaus wurde ein „kurdisches Kulturzentrum“, das jedoch schnell Pleite ging – seitdem steht das riesige Gebäude leer. Alle Hoffnungen, auch der Kneipenwirte, richten sich nun auf das KWO-Gebäude, in das die Fachhochschule für Wirtschaft und Technik (FHTW) einziehen soll. Diese möchte jedoch lieber in Karlshorst bleiben.

Zu DDR-Zeiten arbeiteten in Oberschöneweide 30.000 Menschen, jetzt sind 80 Prozent der Bewohner Sozialhilfeempfänger, wie eine Studie der Supermarktkette „Kaiser’s“ ergab. Die dortige Filialleiterin schaffte bereits den „langen Donnerstag“ ab.

2005 meldete die taz:

Nach der Wahl machen die Unternehmen Ernst, eine schlechte Nachricht jagt die nächste. Erst kündigt Siemens an, massenhaft Arbeitsplätze abzubauen, jetzt zieht der koreanische Elektronikkonzern Samsung nach. Zum Jahresende soll das Bildröhrenwerk in Oberschöneweide geschlossen werden. Das ist nicht nur für die rund 750 betroffenen Beschäftigten bitter, sondern auch für ganz Ostberlin. War das Samsung-Werk mit seinen derzeit 800 Beschäftigten doch einer der wenigen industriellen Kerne, die nach der Wende geblieben sind. Das Bildröhrenwerk des Samsung-Konzerns war 1993 aus dem früheren Werk für Fernsehelektronik (WF) hervorgegangen, das damals von der Insolvenz bedroht war.

Ausschlaggebend für den Schließungsbeschluss sei der stark reduzierte Bedarf an traditionellen Bildröhren in Europa, so Samsung. Zwar nehme der Verkauf von Fernsehern weiter zu, jedoch würden fast nur Flachbildschirme nachgefragt. Zudem habe die Zunahme von Importen aus China oder Indien zu erheblichen Überkapazitäten in Europa und einem Preisverfall geführt. Werkschef Helmut Meinke: „Die Internationale Funkausstellung hat es noch mal deutlich gezeigt: Der Markt für Fernsehgeräte mit klassischen Bildröhren bricht schlichtweg ein.“ Nach der Schließung der Produktion sollen noch die Bereiche Forschung, Service und Vertrieb in Berlin bleiben.

Die IG Metall forderte eine sofortige Rücknahme der Pläne. Die Begründung für die Einstellung der Produktion sei nicht hinnehmbar, sagte Sekretär Klaus Wosilowsky. Die Beschäftigtenvertreter hätten angesichts der absehbaren Entwicklung des Marktes seit langem den Aufbau eines zweiten Standbeins für das Werk gefordert. Darauf habe das Management aber nicht reagiert, so der Gewerkschafter. Stattdessen seien Gewinne, die in Berlin erzielt worden seien, für den Aufbau eines Bildröhrenwerks in Ungarn umgeleitet worden. Dies lasse den Schluss zu, dass die Belegschaft „an der Nase herumgeführt wurde“.

Zusammenfassung:

Oberschweineöde, so nannten die Arbeiter das Industriegebiet Oberschöneweide im Berliner Bezirksteil Köpenick zu DDR-Zeiten. Heute ist es dort noch öder: Viele Läden stehen leer, Häuser sind „ausgewohnt“ und vernagelt. Das Fabrikgelände an der Spree entstand um die Jahrhundertwende, als Emil Rathenau neue AEG-Fabriken auf der damals noch grünen Wiese errichten ließ. 1914 baute ihm dort der Architekt Peter Behrens ein Autowerk – die Nationale Automobil Gesellschaft (NAG).

An der einen Seite wurde Oberschöneweide von Flußschiffen versorgt, auf der anderen von der Wilhelminenhofstraße: mit Eisen- und Straßenbahn-Gleisen und einem Dutzend Schichtarbeiterkneipen vis à vis den Fabriktoren. Nach der Wende und dem Rückgang der Produktionszeit auf eine Schicht mußten die meisten schließen. Die Treuhandanstalt verkaufte zügig die auf ihre vermeintlichen Kerngeschäfte reduzierten Großbetriebe.

Den Anfang machte die AEG, die – obwohl inzwischen selbst eine von Abwicklung erfaßte Tochterfirma der Daimler-Benz AG – von der Treuhand das für sie wenig sinnvolle Transformatorenwerk (TRO) wiedererwarb. Sie investierte 46 Millionen Mark Fördermittel. Die übernommenen 700 Mitarbeiter wähnten sich fast verbeamtet.

Seit Jahresanfang wissen die „Trojaner“, daß die AEG sich verpflichtete, den Transformatorenbau in Oberschöneweide stillzulegen, bevor die „GEC Alsthom“, eine Tochterfirma des französischen Konzerns Alcatel, sie übernimmt. Es heißt, es gebe eine „TR- Vernichtungsklausel“ im Kaufvertrag. Seitdem kämpft der Betriebsrat für eine vom Senat und vom Arbeitsamt mit zu finanzierende „Auffanggesellschaft“.

Das Institut für Nachrichtentechnik (INT) nebenan hatte 1992 die deutsche Alcatel-Tochter „Standard Elektrik Lorenz“ (SEL) erworben. Dort stehen demnächst weitere Massenentlassungen an. Das Gebäude bekam ein Immobilienhändler, der neue Firmen, darunter eine Spielhalle und einen Billardsalon, ansiedelte.

Dahinter stand einst das Innovations- und Gewerbezentrum von Halbzeugzulieferern – mit hohen Synergieeffekten. So hoch, daß die DDR-Regierung es in den fünfziger Jahren kurzerhand zu einem volkseigenen Betrieb – „Berliner Metall- und Halbzeugwerke“ (BMHW) – zusammenfaßte. Der wurde 1990 von der Treuhand ganz abgewickelt. Getränke-Hoffmann und Aldi errichteten dort einen Supermarkt.

Weiter flußabwärts besaß das TRO-Werk noch ein zweites Betriebsgelände, das die Berliner Landesentwicklungs-Gesellschaft (BLEG) von der Treuhand kaufte, um es neu zu entwickeln. Die BLEG gehört zur einen Hälfte dem Land Berlin und zur anderen der Landesbank. Auf diesem „Gewerbegebiet Tabbert-/Nalepastraße“ ist die Hälfte der Grundstücke bereits weiterverkauft: an einen Papierfabrikanten, einen Filmhersteller, einen medizintechnischen Betrieb, einen Maschinenbauer und eine Textildruckerei.

An der entgegengesetzten, der südöstlichen Seite des TRO-Werkes stehen die zum Teil denkmalgeschützten Hallen der Kabelwerke Oberspree (KWO). Sie wurden 1992 von der British Callendar Company (BICC) erworben, obwohl es bereits große Überkapazitäten in der europäischen Kabelproduktion und besonders in Berlin gab.

Die für die BICC nicht mehr betriebsnotwendigen KWO- Grundstücke und Gebäude erwarb die BLEG 1993. Aus drei der ehemaligen KWO- Gebäude entsteht dort das Handwerks- und Gewerbezentrum „Wilhelminenhof“. Die Räume werden bereits jetzt – für 12,50 Mark pro Quadratmeter – vermietet. Die Betreiber rechnen mit einer Warteliste. Große Teile des Geländes sind seit dem Ersten Weltkrieg arsenverseucht, von daher besteht die Gefahr einer Grundwasservergiftung. Die BLEG hat erst einmal mehrere „Sanierungsbrunnen“ zur Boden-Luft-Reinigung aufgestellt. Einen Teil des Ufergrundstücks wird sie in öffentliches Grünland umwandeln, statt es teuer abtragen zu lassen.

In der von der BLEG erworbenen „Rathenau-Villa“ haben sich einige mit der Gesamtenwicklung des „Industrie- und Gewerbegebietes Spreeknie“ betraute Ingenieur- und Architekturbüros eingemietet.

Ein weiterer öffentlicher Zugang zum Fluß entsteht zwischen dem TRO- und dem KWO-Werk, wo erneut eine Fußgängerbrücke – der Kaisersteg – über die Spree geplant ist, davor ein sogenannter „Stadtplatz“ mit Läden, Wohnungen, Sozialeinrichtungen. Dieses Gelände gehört zur Hälfte dem Bezirk Köpenick und zur anderen der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft, die neuerdings auch mit „Development“-Aufgaben liebäugelt.

Während die europäischen Elektrokonzerne sich am Spreeknie zurückziehen, treten die Staatsbetriebe dort in Planungs- und Entwicklungskonkurrenz. Ihre „Visionen“ sind bescheidener geworden: Die ersten Pläne sahen 1992 noch pompöse Yachthäfen vor. Selbst die Arbeiterkneipen waren davon angesteckt: So ließ sich der Zapfer der „Sportklause“ („Sporti“) zur Fortbildung nach Las Vegas schicken, um sich Inspirationen für seine HO-Kneipe zu holen. Als er zurückkam, hatte seine Frau schon Konkurs angemeldet.

Auf der anderen Seite der Wilhelminenhofstraße steht das Batteriewerk BAE. Ein Teil dieses Betriebes ist, nachdem sich ein Joint-venture mit Varta zerschlagen hatte, von seinen leitenden Angestellten privatisiert. Die Geschäftsführung residiert in der „Quandt-Villa“. Und im alten Verwaltungsgebäude betreibt der Köpenicker Alkoholikerkreis ein „WAS-Haus“ („Wohnen-Arbeit- Sucht“).

Das riesige BAE-Kulturhaus mit Theatersaal steht leer. 1994 beherbergte es ein kurdisches Kulturzentrum, das sich aber in dieser deutsch-proletarischen Gegend nicht lange halten konnte. 80 Prozent der Bewohner sind Sozialhilfeempfänger, ergab jüngst eine Kundenstudie der Supermarktkette „Kaiser’s“. Die Filialleiterin schaffte den Langen Donnerstag wieder ab. Das Gelände des Batteriewerkes ist stark bleiverseucht.

Der größte Betrieb im Spreeknie war zu DDR-Zeiten die NAG – das Werk für Fernsehelektronik (WF). 1992 erwarb es der koreanische Konzern Samsung. Er verpflichtete sich, tausend der vormals zehntausend Leute weiter zu beschäftigen und 50 Millionen Mark zu investieren. Beide Vorgaben hatte er bereits Anfang 1995 deutlich überschritten. Dazu ließ die Geschäftsführung die Kantine modernisieren, einen Park anlegen, richtete ein Fitneßzentrum und ein „Duty Free“-Warenhaus ein. Demnächst wird noch eine zweite Kantine sowie eine dritte Produktionslinie in Betrieb genommen.

Die Belegschaft ist wohl als einzige im Spreeknie mit ihrer Geschäftsleitung zufrieden, obwohl der Betriebsrat 1995 einer Regelung zur dreischichtigen Wochenendarbeit zustimmen mußte. Das liegt auch daran, daß sie in den letzten drei Jahren – und nicht zuletzt auf Lehrgängen in Seoul – den Eindruck gewann, daß Samsung trotz aller möglichen Expansionsbehinderungen, durch deutsche Konkurrenten etwa, „an einem längerfristigen Engagement in Deutschland und auch an der Farbbildröhrenfertigung in Oberschöneweide festhält“. Dazu der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Kippel: „Wer es schafft, bei Samsung reinzukommen, der verläßt den Betrieb als Rentner.“

Der Hang koreanischer Konzernherren zur Übernahme von Totalverantwortung für ihre Mitarbeiter scheint hier aufs schönste mit dem im Osten ausgeprägten Wunsch nach einer lebenslänglichen Arbeitsplatzsicherheit zu harmonieren. Beim WF kommt dazu noch die Bescheidenheit des seit einem Jahr als Präsident eingesetzten „Samsung-Man“ In Kim. Er trägt stets eine Art asiatisches FDJ-Hemd und reiht sich wie alle in die Essensschlange der Kantine ein. Dort gibt es auch koreanische Gerichte. In Kim sieht eine Bestätigung für die Richtigkeit seines Führungsstils auch darin, daß, obwohl nur zwanzig Koreaner im Werk arbeiten, inzwischen „über achtzig koreanische Gerichte täglich“ verspeist werden. Tendenz steigend.

Auf der anderen Straßenseite besaß das alte WF einen weiteren Betriebsteil, den es gleich nach der Wende aufgab. Er gehört heute ebenfalls der BLEG, die dort ein „Technologie- und Gründerzentrum Spreeknie“ (TGS) errichten wird. Schon jetzt haben sich dort sechs ausgegründete WF-angesiedelt. Sie wurden zunächst von einer „Entwicklungs- und Qualifizierungsgesellschaft“ betreut und mit ABM-Stellen betrieben. Dazu kommen vier neue Firmen. Es gibt weitere Pachtinteressenten. Einer Recyclingfirma widerfuhr allerdings gerade die Zerschlagung eines Großauftrags von Siemens. der Münchner Konzern war der Ansicht, daß die Pruduktionsbedingungen am Standort Oberschöneweide allzu provisorisch seien.

Der IEA-Elektrokartell-Führer Siemens vermasselte auch Samsung eine vielversprechende Akquise: Nachdem die Koreaner 1995 ihr Interesse an dem in finanziellen Schwierigkeiten steckenden ostdeutschen Ökokühlschrank-Hersteller Foron bekundet hatten, teilte Siemens ihnen mit, sie würden das als unfreundlichen Akt ansehen: Samsung zog seine Kaufofferte zurück. In den derzeit noch halb leerstehenden Behrens-Bau – dem Wahrzeichen von Oberschöneweide, in dem sich bis 1994 das Technikmuseum des WF befand (unter anderem waren dort Störsender gegen den Rias und ein besenschrankgroßer Mikrowellenherd aus dem Jahr 1962 ausgestellt) – sollte eigentlich die neue Samsung-Europazentrale einziehen. Hierbei kam dem Bemühen des Berliner Senats aber der englische Wirtschaftsminister zuvor, der viermal nach Seoul reiste: Dann entschieden sich die Koreaner für London statt Berlin. WF- Präsident In Kim geht jetzt davon aus, daß die Deutschland-Zentrale von Frankfurt am Main in den Behrens-Bau zieht, dazu die Vertriebszentrale für einen neuen Samsung-Mittelklassewagen, der ab 1998 in Europa verkauft wird. Damit würde am Spreeknie wieder ein Auto-Hersteller ansässig.

Gegenüber von Samsung, zwischen der Batteriefabrik (BAE) und dem Technologie- und Gewerbegebiet Spreeknie (TGS), liegt noch ein kleines Wohnquartier, das die BAE-Geschäftsführung 1994 miterwarb, weil dort zumeist BAE-Beschäftigte eingemietet und an die „Giftbude“ nebenan gewöhnt waren. Außerdem konnten einige Mieter die eigenhändige Umwandlung des bleiverseuchten und versiegelten Hinterhofs in einen blühenden Garten mit Karpfenteich und Grillplatz bis 1991 über den Betrieb abrechnen. Danach gab ihnen das Bezirksamt noch ein „Begrünungsgeld“ von 100.000 Mark. Seitdem drehen im beleuchteten Teich japanische Designerkarpfen (Kois) ihre Runden. Die zum großen Teil arbeitslos gewordenen Mieter schauen ihnen von ihrer skobalitüberdachten Hinterhofveranda aus zu – und trinken Bier.

Dabei kam einem – der zuletzt als Betriebsrat im BAE einen Hungerstreik organisierte – die Idee, in die Politik zu gehen. Obwohl Mitbegründer der SPD im Osten, kandidierte Peter Hartmann als Bundestagskandidat für die PDS, sein Wahlbüro eröffnete er im kurdischen Kulturzentrum: Er kam als Nachrücker für Stefan Heym tatsächlich ins Parlament. Seitdem berichtet er seiner Hinterhofrunde, was in Bonn so alles diskutiert wird: Bisher waren das die „Kakaopreise auf dem Weltmarkt“, die „Klitorisbeschneidung im Zusammenhang der Menschenrechte“ und die „neue europäische Rebstock-Verordnung“. Anfangs war er sich noch unsicher: „Wie kann ich das bloß meinen Leuten in Oberschöneweide vermitteln?“ Inzwischen haben seine Kumpel ihren Gefallen daran gefunden: „Unser Horizont hat sich enorm erweitert.“

Der Unternehmerstammtisch in Oberschöneweide:

Erst einmal ging es wie an vielen Stammtischen in letzter Zeit um Henry Maskes großen „Abschied“: „Der Berliner Kurier hat recht: Für uns ist er der größte!“ Warum das? „Wenn er am Ende nicht doch noch verloren hätte, wäre er nicht einer von uns gewesen!“ – „Und daß er sich mit Tränen für seine Niederlage entschuldigte, zeigt doch, daß er auch noch den Bürgerrechtlern haushoch überlegen ist!“ Was ist mit Manuela Maske? „Ob die Hillu von der Oder und Trainer Wolke ihn auch 1997 noch im Ruder halten können, bezweifel ick!“

Jemand erinnerte an Henrys erstes „Spiegel-TV“-Interview 1990 – wo er auf die Frage „Wollen Sie Profi werden?“ geantwortet hatte: „Ja, aber ich weiß, was das bedeutet: Die wollen mit mir nur Profit machen!“

Damit waren wir schon beim Thema – des 6. „Unternehmer- Stammtisches Oberschöneweide“ in der Gaststätte Zum Stillen Winkel (Firlstraße). Als erstes erklärte Herr Hinze (von SenWirtschaft) die aktuelle Lage in der Wilhelminenhofstraße, die im nächsten Jahr generalrekonstruiert werden soll. Die anliegenden Gewerbetreibenden befürchten das Schlimmste, weil beispielsweise die Arbeiten an der Köpenicker Bahnhofstraße mehr als drei Jahre dauerten, was 60 Prozent der Geschäfte dort „bedrohte“. Die Wilhelminenhofstraße ist darüber hinaus durch die jähe Schließung des AEG- Transformatorenwerks und das Absacken etlicher Wohnhäuser schon „gehandikapt“ und gleichzeitig arg „verkehrsüberlastet“.

Von der Rekonstruktion des Kaiserstegs und zweier geplanter Brücken über den Fluß blieb nur die Tangentialverbindung Ostbrücke von Spindlersfeld zur Wuhlheide. „Demnächst schließen die Deutsche und die Dresdner Bank ihre Filialen in der Wilhelminenhofstraße – das ist kein gutes Zeichen“, meinte Manfred Munk, Immobilienverwalter, „Hollywood“-Wirt und Honighändler, im Nebenberuf noch Patententwickler.

Herr Walk (von SenBau) redete den Unternehmern erst die Verkehrsberuhigung der Wilhelminenhofstraße mit Nichtmachbarkeit aus und dann auch noch eine 2 bis 3 Millionen Mark teure Ampelanlage an der Firlstraße: „Ein Zebrastreifen tut’s vielleicht auch?“ Ungelöst blieb das Problem der nicht mehr benötigten Industriebahn, deren Gleise neben denen der Straßenbahn verlaufen: Ein älterer Spediteur erinnerte daran, daß früher die Straßenbahn dort den Gütertransport erledigt habe – was heute ja vielleicht wieder eine Lösung sein könnte. Die Köpenicker PDS- Abgeordnete Minka Dott referierte kurz eine unbefriedigende Antwort des Senats auf eine kleine Anfrage zur „Planungssicherheit“ für die Oberschöneweider.

Der Bezirksbürgermeister Dr. Ulbricht war entsetzt, als er hörte, daß für die Gastronomie im VHS-Gebäude Altes Rathaus ausgerechnet der Betreiber des Müggelturms in Frage komme. Der Leiter des Wirtschaftsamtes, Herr Sander, gab zu bedenken, daß es in der Wilhelminenhofstraße mehrere Planungs-„Philosophien“ nebeneinander gebe. Dann drängte der Autohändler Peter Kincic langsam zur Diskussion der Vereinsstatuten des Stammtischs.

Der anwesende PDS-Bundestagsabgeordnete Hanns-Peter Hartmann, wohnhaft an der Wilhelminenhofstraße, meinte zu mir, er unterstütze jetzt auch die Gewerbetreibenden aktiv: Gerade habe das BKA zum Beispiel eine Sicherheitskontrolle seiner Wohnung durchgeführt und nun müsse er schußsichere Türen und Fenster einbauen sowie einen sprengstoffsicheren Spezialbriefkasten haben. Ferner brauche er einen direkten Nottelefonanschluß sowie einen Lichtschalter, mit dem man von der Wohnung aus die Flurbeleuchtung anknipsen könne. Jedem MdB stünden dafür 36.000 Mark zur Verfügung, die er zwar nicht voll auszuschöpfen gedenke, „aber immerhin“.

Die Wilhelminenhofstrasse:

Der einstige Ku’damm Oberschöneweides, die Wilhelminenhofstraße, droht zum Slum zu verkommen, befürchtet Köpenicks SPD-Bürgermeister. Das ORB- Team war vor Ort dabei, als die harte Schichtarbeiter-Säuferkneipe „Feierabend“ endgültig geschlossen wurde: Den herbstlich-elegischen Abgesang auf einen wichtigen Träger proletarischer Kultur – „Eine Heimstatt wird wegrationalisiert“ – schauten wir uns als Video auf der üppig mit 100.000 DM „Begrünungsgeld“ vom Bezirk ausgestalteten Hinterhof-Veranda von Peter Hartmann an.

Er wohnt gleich um die Ecke vom „Feierabend“ und war zuletzt Betriebsratsvorsitzender des Gerätebatteriewerks BAE/Belfa, jetzt ist er arbeitslos-krankgeschrieben. Der TV-Beitrag endet mit einem Paar, das traurig und betrunken zum letzten Walzer tanzt, der aus der „Feierabend“- Musikbox quillt. Peter kommentiert: „Sentimentale Scheiße. Die beiden sind jetzt im Vorruhestand. Die Roggensack hatte das Eisenlager unter sich. Ihr Lebensgefährte war bei uns Sachbearbeiter für Schrott und Sekundärrohstoffe. Das war vielleicht eine Marke. Ich habe den kennengelernt, als wir mal russische Batterien für Indien mit Belfa-Etiketten versehen und neu verpacken mußten. Dafür waren zusätzlich 15 Leute eingestellt worden, er mit.

Das war in diesem saukalten Winter, als im Bocksberg die Turbine rausgeflogen ist, wo keine Straßenbahn mehr fuhr. Vier, fünf Jahre ist das jetzt her, da habe ich den kennengelernt. Er hat mir erzählt, er sei Diplom-Ingenieur für Bau, und er mache das hier bloß, weil er nach Berlin ziehen wolle, er hätte ein Haus in Frankfurt/Oder. Ich habe dem alles geglaubt, er war auch intelligent, den ganzen Tag hat der gequasselt. Hinterher habe ich erfahren, was mit dem wirklich los war: Vier Jahre ist er jeden Tag mit Aktentasche und Stullenpaket losgegangen und hat der ollen Roggensack vorgegaukelt, er gehe arbeiten. Hat von der ihrem Geld gelebt und immer gesagt: seins wird gespart.

In der DDR gab es ja nun mal keine Arbeitslosen. Deswegen hat sie vier Jahre gebraucht, um dahinterzukommen. Und dann fing er bei uns an, sie hat ihm die Stelle wahrscheinlich vermittelt. Soviel zu dem arroganten Grauhaarigen im Film, der sagte: ,Mir gefällt es nicht, hier zu leben!'“

Ein anderer, Ralf, lebte jahrelang auf Kosten junger alleinerziehender Mütter, die alle als Hauptamtliche bei der FDJ arbeiteten. Ein dritter, Norbert, hatte es vor allem auf ältere geschiedene Frauen in Marzahn und Hellersdorf abgesehen. Allen dreien ist gemeinsam, daß ihnen seit der Wende irgendwie der richtige Schwung abhanden gekommen ist: Sie nörgeln nur noch so dahin.

Das Betriebsräte-Verschwinden:

Freigestellte Betriebsräte sind so gut wie unkündbar – sie machen für gewöhnlich als Letzte das Licht im Betrieb aus. Seit der Wende ist jedoch alles anders. So wurde z. B. dem Betriebsratsvorsitzenden des Batteriewerks Belfa in Schöneweide Hanns-Peter Hartmann sofort nach der Privatisierung seiner Firma gekündigt – mit der Begründung: „Wir brauchen Sie nicht mehr, Herr Hartmann, der Klassenkampf ist beendet!“ Als Nachrücker von Stefan Heym gab er daraufhin ein kurzes PDS-Gastspiel im Bundestag – und wurde dann arbeitslos. Inzwischen ist er Rentner und hält Ziegen auf einem kleinen Bauernhof in Polen.

Auch für die Westberliner Betriebsräte änderte sich ab 89/90 vieles: Der Betriebsratsvorsitzende von Krupp Stahlbau Karl Köckenberger schaffte sich beizeiten ein zweites Standbein an – indem er den Kinderzirkus Cabuwazi gründete. Dann wurde in Ostberlin erst die Firma „B-Stahl“ abgewickelt und schließlich auch Krupp Stahlbau: Kurz vor Fertigstellung des letzten Großauftrags rückte um Mitternacht die Geschäftsführung mit Lkws an, um heimlich alle Teile und Maschinen nach Hannover zu schaffen. Der Belegschaft und Köckenberger gelang es zwar noch, den Abtransport mit einer Menschenkette zu verhindern. „Aber danach war trotzdem Schluss!“

Ähnlich kriminell ging es bei der Elpro AG in Marzahn zu, einst eines der DDR-Vorzeigeunternehmen. Beim Versuch, sich gegen den Plattmachwunsch von Siemens zu wehren, landeten am Ende einige Geschäftsführer vor Gericht und einer im Knast. Die Elpro AG war irgendwann verschwunden – ihr Betriebsrat Jürgen Lindemann wurde arbeitslos. Auch seinen nächsten Arbeitsplatz, bei einem Ingenieurbüro, verlor er bald. Zudem hatte er sich wie auch Hanns-Peter Hartmann von seiner Abfindung eine Eigentumswohnung in Kassel zugelegt, die unvermietbar war, so dass er bald auch noch einen Haufen Schulden hatte. Heute ist er in der Initiative Berliner Bankenskandal aktiv.

Der Betriebsratsvorsitzende von Narva, Michael Müller, ein gelernter Schweißer, kuckte sich erst in Lateinamerika nach einem Job auf einer Finca um, dann nahm er eine Stelle als Hausmeister auf dem ehemaligen Narva-Gelände an. Unauffindbar sind der ehemalige Betriebsratsvorsitzende von Orwo, Hartmut Sonnenschein, sowie der Betriebsratsvorsitzende der DDR-Reederei DSR, Eberhard Wagner: Angeblich soll er in Bremerhaven für ein Forschungsschiff verantwortlich sein.

Bis jetzt gehalten hat sich dagegen der Betriebsratsvorsitzende des Werks für Fernsehelektronik in Oberschöneweide, Wolfgang Kippel. Bei unserem letzten Gespräch war er noch ganz optimistisch: „Wer es schafft, bei Samsung reinzukommen, der verlässt den Betrieb als Rentner“, meinte er. Damit wird es nun leider nichts mehr, auch sein Job läuft wohl aus. Einer, der nie so optimistisch war, aber dennoch immer noch als Betriebsrat wirkt, ist Gerhard Lux. Er arbeitet in einem AEG-Werk in Marienfelde. Auch die AEG wurde inzwischen abgewickelt, aber seinen Betriebsteil übernahm ein französischer Konzern: „Wie lange das gut geht, weiß ich nicht“, meinte er auf der letzten 1.-Mai-Demo der Gewerkschaften. Und schlug dann ein Treffen aller bis 1994 in der Betriebsräteinitiative Engagierten vor. Oben Stehende sind nur ein Teil davon und selbst bei ihnen fehlen uns Adressen.

Das Oberschweineöde-Verschwinden:

Diese Verballhornung des Köpenicker Stadtteils Oberschöneweide hatte es dem Autor Karsten Otte besonders angetan in der B.Z.-Serie „Mein Kiez-Tagebuch“. Sein Text ist ähnlich schweinös wie die Kreuzberg-Berichte der FAZ und der Neukölln- Report des Spiegel, den das Montagsmagazin nun gar mit einem Wedding-Artikel toppte. In Oberschöneweide debattierte jüngst der dortige Unternehmerstammtisch den B.Z.-Artikel über ihren „Problembezirk“: „Alles erstunken und erlogen!“ so das Resümee.

Im einzelnen. „Die gesamte Tendenz des Autors lautet: ,Dort lebt nur Abschaum‘ – das ist menschenverachtend! So weit, daß unter einem Foto von einem Krüppel, das noch nicht einmal im Kiez aufgenommen wurde, steht: ,Aufbruch-Stimmung in Oberschöneweide‘.“ Über das Stammpublikum des neben dem Wilhelminenhofstraßen-Puff gelegenen Nachtcafés „Hollywood“ schreibt der Autor: „Die Gäste sehen (dort) zwar auch nicht besser aus als die der ,Stumpfen Ecke‘, doch der Barkeeper grinst verheißungsvoll seine Kunden an…“ Im „Hollywood“ gibt es überhaupt keinen „Barkeeper“, dort arbeiten ausschließlich „Blondinen“.

Über die pleitegegangene Kneipe „Sportlerklause“ weiß der Westjournalist: Dort „verkehrten früher die Vorarbeiter!“ Solche gab es in der DDR überhaupt nicht, und sowieso war die „Sportlerklause“ eher eine Schläger- und Kleinkriminellen-Kneipe. Diese „Knastis“ sollen dagegen laut B.Z. im „sagenumwobenen Haus der tausend Biere“ gezecht haben. Eine Kneipe dieses Namens hat es im biersortenarmen Osten Berlins nie gegeben. Die Kneipe selbst gibt es dagegen noch immer – sie war nie „sagenumwoben“: Zu DDR- Zeiten hieß sie „Zur Wuhlheide“, nach der Wende „Haus der hundert Biere“ und jetzt „Kolbico“.

Die wenigen noch lebenden „Werktätigen“ Oberschöneweides – angeblich Nachwende-„Nachbarn“ des Autors – gingen stets in die „Stumpfe Ecke“, „um dort die Reste ihres Menschseins mit Wodka endgültig zu liquidieren“. Hierzu merkte der Oberschöneweider Unternehmerstammtisch an: „Dort hat noch niemand Wodka getrunken, den gibt es in der Stumpfen Ecke schon seit 1961 nicht mehr!“

Als die Queen das von den Engländern übernommene Kabelwerk besuchte, standen laut B.Z. extra „die Bewohner der angrenzenden Westbezirke“ Spalier in der Wilhelminenhofstraße, „um fleißig mit der britischen Fahne zu winken“ – damit die Queen auf keine Osteinheimischen stoße: „finstere Gestalten“ allesamt! Wahr ist zwar, daß die britische Kabelfirma, die das Werk schändlicherweise nur übernahm, um Fördergelder zu kassieren und dann die Produktion einzustellen, sich nicht entblödete, einige Jubel-Westler an den Straßenrand zu stellen. Aber weder sie noch die Anwohner bekamen etwas von der Queen mit, da diese auf der Spree mit einem Schiff ans Werk fuhr.

Auch daß der Autor meint, es gäbe in Oberschöneweide Tote, die so lange in ihren Wohnungen lägen, daß die Maden sie bereits verlassen und in die Nachbarwohnungen zu noch lebenden Oberschweineödern gezogen seien, hält der am Unternehmerstammtisch anwesende Ex-MdB Hans-Peter Hartmann für mindestens so übertrieben, wie daß der „ehemalige Arbeiterbezirk eine ,postgrufte Atmosphäre'“ ausstrahle, die „nach Feierabend einem ,atomar verseuchten Gebiet'“ gleiche.

Herr der Geflogenen:

Der Hauptstadt-Unternehmer Peter Dussmann – auch „Oberst der Outgesourcten“ genannt – begann mit einer kleinen Putzkolonne. Heute beschäftigt er schon 37.000 Deklassierte in 17 Klasse- Ländern. Er privatisierte Kantinen, Wachdienste, Werksfeuerwehren, Flughafen-Bodenpersonal usw. Bekannt – und im Osten berüchtigt – ist seine Gebäudereinigungsdivision „Pedus“. In Thüringen kündigte gerade ein Logistikzentrum den Vertrag mit ihm – wegen allzu häufiger Schlampereien. Die meisten Dussmann- Arbeitsplätze halten „geringfügig“ beziehungsweise „pauschal“ Beschäftigte. Er schafft also massenhaft – im Osten – sogenannte „590 DM“-Jobs.

Dussmanns Firmenzentrale wird gerade am Bahnhof Friedrichstraße fertiggestellt, derzeit residiert sie laut Spiegel „am Rande Berlins in einem kleinen Schloß mit Stuck und Seeblick, dort wohnte einst TV-Stasi-Chef Erich Mielke“. Der Unternehmer besitzt daneben noch ein privates Anwesen in Hollywood, „unweit der Villa von TV-Star Thomas Gottschalk“ (Focus). Sein Standort Friedrichstraße ist laut Firmenprospekt „fast wie eine Raubritterburg“. Dort wird Dussmann demnächst auch noch ein „Kulturkaufhaus“ eröffnen, für das sich bereits etliche arbeitslose Buchhändlerinnen interessierten.

Sie bekamen ein Falt-Flugi, das sie auf die Ansprüche der neuen Herren in der Dienstleistungsgesellschaft einschwören sollte. Unter „Freundliche Mitarbeiter und Service rund um die Uhr“ heißt es: Sie „verkörpern das Konzept, Ihre Qualität macht die Seele des Hauses aus: selbstverständlich hochkompetent, aber in allererster Linie freundlich. Sie dokumentieren in Ihrer Art aufzutreten und sich zu kleiden den Stil des Hauses. Sie sind erfolgsorientiert und flexibel und nicht an starre Vorstellungen wie Ladenschlußzeiten gebunden.“ Näheres wird dann im hauseigenen Trainings-Center in Zeuthen „vermittelt“ – dem ehemaligen Gästehaus von Harry Tisch!

Es kommt aber noch dicker: „Die drei Kommunikationsziele, die wir erreichen wollen, sind – auf der sozialen Ebene ,get together‘. Orientierung auf der Basis von Kultur, z. B. Philosophie. Antworten auf die Frage, warum nicht Nichts ist.“ (Daran scheiterten bisher die meisten Bewerber – es soll aber wohl heißen: Von nichts kommt nichts!).

Ferner: „Verstehen von innovativen Entwicklungen, sinnvolle Freizeitgestaltung. Internationalität, dokumentiert durch Kulturevents… Ein weiterer Kundenservice wird ein Kundenclub sein. Die dazugehörige Clubkarte könnte gleichzeitig als Kreditkarte dienen.“ Und dann gibt es da noch einen „30 Meter hohen Wasserfall“ sowie eine große Projektionsfläche, „auf der 24 Stunden Nachrichten aus aller Welt via Internet“ flimmern. (Dort erfährt man dann quasi sofort, wie Schalke O4 gespielt und daß Clinton Netanjahu getroffen hat – Wahnsinn!)

Besonders „wichtig: Unser Auftritt nach außen. Er ist dezent und intelligent.“ Die Foucaultsche Formel dafür lautete seinerzeit: „Sich durch die Dinge bewegen wie eine Ratte im Schilf!“ Aber na gut. Dussmanns Eltern hatten einen Buchladen, auch er ist gelernter Buchhändler – und deswegen strikt für die Beibehaltung der Buchpreisbindung. Ansonsten will er jedoch alle „Bindungen“ eliminieren – die Rechte von Arbeitnehmern betreffend. Seinen ersten öffentlichen Arbeitgeberauftritt hatte er jetzt bei Erich Böhmes „Talk
im Turm“. Sein Kontrahent dort war der HBV-Gewerkschaftsfunktionär Bodo Ramelow. Der meinte anschließend nur: „Dussmann hat vom Handel keine Ahnung!“

In der Düsseldorfer HBV- Zentrale äußerte man sich unverblümter: „Der ist ganz einfach schrecklich und dumm!“ Einige Hauptstadtjournalisten bezeichnen sein Kulturkaufhaus-Konzept in Mitte jedoch als „mutig“. Dussmann selbst gibt sich in seinem Faltblatt – ungeachtet der FNAC-Pleite, die noch zu Wendekonjunkturzeiten stattfand – unternehmerisch-optimistisch: „Das neue Zentrum hat jetzt offenkundig Aufwind bekommen, so daß in den nächsten drei Jahren mit der Entwicklung einer Top-Einkaufsadresse zu rechnen ist. Alle, auch bisherige Skeptiker teilen diese Ansicht“.

Nach Alternativen suchen:

Auf der Suche nach den letzten Produktionsstätten in der Stadt, fiel mir als Erstes das Osramwerk in Spandau ein, deren Glühbirnenfertigungsstrecke vor einiger Zeit ins Ausland verlegt wurde. Ein Kreuzberger Künstler erwähnte kürzlich in einem Vortrag über die neue Arbeitswelt, dass er dort selbst einmal am Band gestanden habe – jedoch nur einen Tag lang: Den schnellen ununterbrochenen Arbeitstakt und die wenigen immergleichen Handbewegungen – das habe er nicht ausgehalten. Ein Friedrichshainer Arbeitsloser erwiderte ihm, dass er bei Osram drei Jahre lang am Band gearbeitet habe – und nicht ein einziges Mal sei der Materialnachschub ins Stocken geraten: Das habe ihn fertig gemacht!

Früher im Osten – beim Glühlampenwerk Narva – hätten sie sich nicht selten mit der Betriebsleitung gestritten, weil die ihnen die vielen Arbeitspausen aufgrund fehlenden Materials vom Lohn abziehen wollten. Schließlich sei entschieden worden, dass den Brigaden aus unverschuldeten Produktionsausfällen keine Nachteile erwachsen dürften. Man hatte also viele Pausen bei Narva und überhaupt war das Betriebsklima dort viel gemütlicher als bei Osram, schon allein, weil sie alle unkündbar gewesen seien und auf der Arbeit viel Zeit mit der Erledigung persönlicher Dinge zugebracht hätten.

Ich konnte dem Ostler insofern beipflichten, als ich ebenfalls im Westen und im Osten gearbeitet habe – wenn auch nur in der Landwirtschaft. Aber auch da war es so, dass ich bei den Einzelbauern im Westen viel mehr und länger arbeiten musste als in der LPG. Wir waren uns dann auch einig, dass die DDR nicht an zu viel Unfreiheit zugrunde gegangen ist, sondern an zu viel Freiheit – im Produktionsbereich nämlich! Die Treuhandpräsidentin Birgit Breuel hat dieses sozialistische Zugeständnis an das Proletariat auf den denunziatorischen Shareholdervalue-Begriff der „versteckten Arbeitslosigkeit“ gebracht. Aber sie hat in gewisser Weise recht: Bei Narva z. B. hatte man bereits in der Wende als Erstes alle „Leistungsschwachen und Problemfälle“, u. a. Alkoholiker und Frauen mit Kindern, entlassen: „Da schrieben wir zum ersten Mal rote Zahlen“, erzählte der Friedrichshainer. Mir fiel dazu Heiner Müllers Bemerkung über die Kellnerinnen in der DDR ein: Dass auch deren Unfreundlichkeit eine sozialistische Errungenschaft gewesen sei. Umgekehrt wäre die stets lächelnde Dienstleisterin dumpfester Ausdruck kapitalistischer Kujonierung. Dennoch, so fügte ich hinzu, habe ich lieber in der kapitalistischen als in der sozialistischen Landwirtschaft gearbeitet, weil es in den Kolchosen nur wartende Landarbeiter gab, die allem LPG-Eigentum gegenüber, auch dem Vieh, lieblos eingestellt gewesen seien.

Möglich, aber bei der Fabrikarbeit gehe es um ganz andere Dinge, meinten der Kreuzberger Künstler und der ehemalige Narva-Osram-Arbeiter. Da man als Journalist kaum so ohne weiteres in die Produktionsstätten reinkommt, wandte ich mich an den ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden des Batteriewerks Belfa, Hanns-Peter Hartmann. Er verfügt sowohl über reichlich Landarbeiter- als auch über Industriearbeiter-Erfahrungen, zudem hatte ich 1992/93 eine Betriebszeitung für seine Belegschaft in Schöneweide herausgegeben und dabei jeden der damals noch 146 Mitarbeiter kennengelernt. Sie waren damals zweimal in einen Hungerstreik getreten. Einmal wegen eines von der Treuhand verfügten Personalabbaus, ein zweites Mal wegen eines „Abwicklungsbeschlusses“ von Frau Breuel, nachdem ihre Privatisierungsmanager keinen Käufer für Belfa gefunden hatten.

Hanns-Peter Hartmann selbst hatte daraufhin zwei dynamische Münchner Manager aufgetrieben, die schließlich den Betrieb von der Treuhand übernahmen – mit 60 Mitarbeitern. Als Erstes entließen die neuen Chefs ihn, den freigestellten Betriebsratsvorsitzenden. Für diesen Spaß gab ihnen die Treuhand 150.000 DM vom Kaufpreis zurück, denn so viel sprach ein Gericht wenig später dem an sich unkündbaren Betriebsrat zu. Kurioserweise blieb er trotz Hausverbots weiterhin Vorsitzender.

Da er auch heute noch Kontakt zu vielen seiner alten Arbeitskollegen hat, erhoffte ich mir über ihn einen Zugang zur Belfa-Produktion bzw. zu dem, was davon noch übrig war: Die beiden Münchner hatten eine „Private-Label-Strategie“ verfolgt, d. h. sie ließen die Gerätebatterien z.B. mit Marilyn-Monroe-Porträts und Bayern-München-Logos bekleben. Dann wurde jedoch eine Maschine nach der anderen stillgelegt – und stattdessen Billigbatterien, u. a. aus Indien, zugekauft. Fortan wurden hier bloß noch deren Label bunt überklebt.

Von Hartmann erfuhr ich jetzt, dass diese „Nischenstrategie“ ein Flop gewesen sei, die Fabrik gebe es gar nicht mehr, zuletzt – 2001 – habe nur noch etwa ein Dutzend Leute bei Belfa gearbeitet. Er selbst saß zunächst, nach einer kurzen Arbeitslosigkeitsphase, für die PDS im Bundestag. Bei der Wahl 1998 kandidierte er jedoch nicht mehr – und wurde erneut arbeitslos. Mit seiner 150.000-DM-„Abfindung“ und einem zusätzlichen Bankkredit erwarb er eine moderne Eigentumswohnung, die aber schon seit Jahren leer steht. Er selbst wohnt noch immer bescheiden in einem alten Wohnblock, der zum Batteriewerk gehörte. Dort war es ihm nach der Wende gelungen, für den bleiverseuchten Hinterhof 100.000 DM Begrünungsgeld vom Senat loszueisen – und damit Büsche und Bäume zu pflanzen und einen Koi-Teich anzulegen.

Zwischen 1999 und 2003 bekam er aber überraschend drei mal eine ABM-Stelle als Projektleiter einer Handwerksbrigade, die Altenwohnungen renovierte. Dabei arbeitete er auch wieder mit ehemaligen Belfa-Kollegen zusammen. Nach zwei Knieoperationen wurde er als invalid und nicht mehr vermittelbar bis zur Rente eingestuft.

Währenddessen hatte seine Freundin Ewa, die ebenfalls früher bei Belfa gearbeitet hatte, mit ihm zusammen einen kleinen Hof im Lubusker Städtchen Grosno erworben. Dort halten sie inzwischen auch einige Nutztiere und müssen deswegen ständig zwischen Berlin und Polen hin und her pendeln. Der gelernte Agraringenieur Hartmann fühlte sich in den letzten Jahren immer niedergeschlagener, die frische Luft im Lubusker Land ließ ihn aber langsam wieder aufleben.

Ähnlich wie ihm ging es nebenbei bemerkt auch einem der Bischofferöder Kalikumpel, wie mir die dortige Pastorin erzählte: Nach dem langen, vergeblichen Hungerstreik, der vier Aktivisten das Leben kostete, war auch er krank geworden, dann hatte er aber sein Land zurückbekommen und sich eine Kuh angeschafft. Als sie kalbte, gewann auch er mit der Zeit seinen Lebensmut wieder.

Hartmann lud mich zu sich auf seinen Hof nach Grosno ein, dazu musste ich in Küstrin umsteigen. Als ich bei ihm ankam, mistete er gerade den Stall aus. Ich erfuhr, dass es auch schon zu Verlusten gekommen sei – u. a. hätte ein Marderhund alle Hühner gerissen. Ich berichtete ihm von einem neuen polnischen Dokumentarfilm über ein Hilfsprogramm für Arbeitslose in Ostpolen, das „Ziegen statt Sozialhilfe“ heißt.

Hartmann meinte, dass das bei vielen Leuten durchaus funktionieren könne. In seiner Nachbarschaft würden bereits etliche arbeitslose Deutsche leben, die sich so über Wasser hielten: Die Fabrikarbeit habe eben keine Zukunft mehr in Deutschland. „Und mich – als Landwirt – zieht es sowieso aus der Stadt. Die Arbeit in der Batteriefabrik sollte eigentlich nur vorübergehend sein. Ich fing 1979 in einer neuen Abteilung an einer Fließpresse an. Meine Brigade bestand zu 60 Prozent aus Vorbestraften. Zusammen mit einem Kumpel habe ich es dann geschafft, dass unsere Brigade durch Neuerungsvorschläge und Kampf schließlich die bestverdienende des ganzen Betriebes wurde. Das hat mich dort gehalten – und auch noch die Arbeit im Betriebsrat ab 1989. Aber jetzt sind das doch alles nur noch traurige Rückzugsgefechte – in den letzten Fabriken, mindestens in Berlin.“

Hartmann demonstriert auf der Wilhelminenhofstrasse/Ostendstrasse am Werk für Fernsehelektronik gegen die Abwicklung seines Batteriewerks Belfa durch die Treuhandanstalt.

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