Regionalkrimis (10): Agrar- und Dorf-Schauplätze

Früher galten Vögel als Wahrheitsfinder/-späher

Heute, da es zunehmend darauf ankommt, Wind unter die Flügel zu bekommen, gelten sie als vorbildlich.


Der Leiter der „Grünen Woche“, Diplomlandwirt Hans-Jürgen Petersen, begann in der Wende „Agrar-Krimis“ zu schreiben. Sie thematisierten (Vor-)Fälle bei der Privatisierung der ostdeutschen Landwirtschaft, die er dazu genauer recherchierte. Inzwischen ist der „Agrar-Krimi“ ein durchgesetztes Subgenre des „Regionalkrimis“.

Im neuen „Deutschland der Regionen“ (und der Standortkonkurrenz) wirbt jeder Regierungsbezirk mit eigenen „Regionalkrimis“. Allein im kleinen Kehdinger Land an der Elbmündung leben inzwischen über 20 Krimiautoren. Einer ist der Biobauer im Hauptberuf Thomas B. Morgenstern von der „Hofgemeinschaft Aschhorn“. Ein Literaturmagazin zitierte ihn kürzlich mit dem Satz: „Alle meine Erzählungen spielen im näheren oder weiteren Umfeld des bäuerlichen Lebens. Da fühle ich mich am sichersten, wenn ich Alltägliches beschreiben will. Da fühle ich mich am sichersten, wenn ich Alltägliches beschreiben will. Ich könnte schwerlich einen Roman verfassen, der im Milieu von Krankenhausärzten oder Piloten spielt.“

Sein letzter „Agrar-Krimi“ heißt „Tod eines Milchbauern“ und man erfährt darin wirklich viel über das bäuerliche Wirtschaften in seiner Marsch- und Moor-Region. Morgensterns Ermittler ist der lokale Milchkontrolleur. Ihn hatte er bereits mit seinem ersten Bauernkrimi „Der Milchkontrolleur“ ins Leben gerufen, wenn man so sagen darf.

Von Milchwirtschafts-Problemen handelt auch der „Allgäu-Krimi“ der im Ammertal lebenden Reisejournalistin Nicola Förg: Es geht darin um Milchbauern, die wegen des Preisverfalls ein Lieferboykott organisieren. Alle machen mit – bis auf einen, ein moderner Projektemacher, der von der Erfolglosigkeit des kollektiven  Widerstands überzeugt ist. Er wird als „Streikbrecher“ angesehen im Dorf. Von dort stammt auch die  Polizei-Kommissarin, als ein Mord geschieht. Aber während ihr Bruder auf Seiten der Streikenden steht, muß sie nun gegen die Milchbauern ermitteln. Dabei stoßen zwei Logiken aufeinander: eine dörfliche Beziehungslogik und eine städtische Staatslogik.

Bei dem „Münsterland-Krimi“ von Stefan Holtkötter „Das Geheimnis von Vennhues“, dessen Handlung in einem Moordorf nahe der holländischen Grenze angesiedelt ist, könnte man sogar von zwei Moralen sprechen, die in dem Dorf aneinandergeraten – als ein Polizist aus der Bischofstadt  dort hinkommt und ermittelt. Seine Eltern leben in dem (Tat-)Ort. Sie und auch die anderen Dörfler versteifen sich darauf, dass der Mörder nicht aus ihrer Gemeinschaft kommt, sondern von draußen – aus dem Ausland am Besten. Der Kommissar merkt bei seinen Ermittlungen, dass man nicht innerhalb und außerhalb zugleich sein kann.  Der aus der Gegend stammende Autor lebt jetzt in Berlin – und steckt vielleicht sogar in einem ähnlichen „Vater-Sohn-Konflikt“. In seinem neuesten Moordorf-Krimi „Bauernjagd“ thematisiert er „die Folgen des um sich greifenden Höfesterbens“ – aktuell wegen der allzu niedrigen Milchpreise, was im Münsterland u.a. um ihr Erbe betrogene Bauern und zerfallende Dorfgemeinschaften hinterläßt.

Um solche „Bauernopfer“ geht es auch in dem Roman von Franz Dobler: „Tollwut“: Den Eltern des Icherzählers wird der  Kleinbauernhof bei Dachau zwangsversteigert, sie müssen in eine städtische Sozialwohnung ziehen. Ihr Sohn kann sich nicht von seinem Geburtsort –  und dem Gewehr seines Großvaters trennen, er nimmt Rache – an den neuen Hofbesitzern.

Ganz allgemein bemüht man sich jetzt um eine gewisse Vogelperspektive.


Kürzlich zeigte die ARD einen Film von Gunter Scholz: „Der Fall Harry Wörz“. Kein Krimi, sondern eine Dokumentation, obwohl es darin um einen Beinahe-Mord ging – an einer in einem süddeutschen Dorf lebenden Polizistin. Sie ist heute ein Pflegefall und nie mehr vernehmungsfähig. Der von ihr getrennt im Ort  lebende Ehemann, ein Installateur, wurde 1998 als Täter zu 11 Jahren Haft verurteilt. Nach zwei Wiederaufnahmeverfahren ließ man ihn jedoch 2001 wieder frei, 2009  wurde er freigesprochen. Nun fällt der Mord-Verdacht auf den verheirateten Vorgesetzten der Polizistin, die  zur Tatzeit ein Verhältnis mit ihm hatte. Das Besondere  an diesem Fall/Film ist das Dorf: Nahezu die gesamte Bevölkerung stand hinter Harry Wörz, sie hielt ihn für unschuldig – von Anfang an. Hier kam wahrscheinlich wirklich der Täter von außen.

Nicht so in dem Krimi „Todesmuster“ von Norbert Horst, dessen Kommissar  Kirchenberg Blutspuren in einer stillgelegten Mine nahe des (fiktiven) Ortes Ingsen in Nordrhein-Westfalen nachgehen soll. Zwar befragt er sämtliche Dorfbewohner und bekommt auch mit, dass man dort etwas anders als in der Stadt denkt (so wird z.B. eine alte Frau, die kaum Rente hat und ständig kleinere Diebstähle begeht, von den Dörflern nicht davon abgehalten, sie „bringen sie sogar gemeinsam durch“), aber in diesem „Dorfkrimi“ befaßt sich der Autor, der selbst im Hauptberuf Kriminalhauptkommissar ist, vor allem mit dem städtischen Polizeimilieu, aus dem er und sein Ermittler kommen. So ein „Präsidium“ ist wahrscheinlich auch eine Art Dorf, aus Moskau weiß man, dass die Mieter eines Hochhauses nicht selten einen „Dorfältesten“ sich wählen.

2007 bekam der historische Dorfkrimi von Andrea Maria Schenkel: „Tannöd“ gleich mehrere Literaturpreise. Er handelt von der Ermordung der Bewohner eines bayrischen Einödhofes, die sich isoliert hatten, aber auch isoliert wurden im Dorf – bis dahin, dass einer aus der Dorfgemeinschaft dazu getrieben wurde, sie zu töten. Der Geschichte liegt ein authentischer Fall zugrunde. Die Autorin erklärte dem Bayrischen Rundfunk: „Ich wollte keinen Erzähler, keinen Detektiv haben. Ich wollte die Leute aus dem Dorf die Geschichte selber erzählen lassen.“ Ihr zweiter „historischer Krimi“ handelt von einem Mädchen, das aus einem kleinen bayrischen Dorf nach München geht und dort als Gelegenheitsprostituierte ermordet wird.

Eine ähnliche Geschichte erzählt der „Friesen-Krimi“-Autor Theodor J. Reisdorf in seinem Roman „Mörderischer Nordseewind“. Darin geht es um ein Mädchen, dem der ostfriesische Ort, in dem es lebt, zu eng ist und das deswegen nach München zieht. Es wird ebenfalls ermordet, jedoch nicht in der Großstadt, sondern nahe ihrem Elternhaus.

Umgekehrt gibt es viele Frauen aus München und anderen Städten, die irgendwann aufs Land gezogen sind – und dort nun „Regional-“ oder „Dorfkrimis“  schreiben. Genannt sei die Kölner Reiseverkehrskauffrau Cäcilia Balandat, die im norddeutschen  Obstanbaugebiet „Altes Land“ bei Hamburg lebt, wo nun auch ihre Romane spielen. In ihrem letzten – „Verratenes Dorf“ – machte sie aus dem halb erfolgreichen Widerstand der dortigen Obstbauern gegen die Enteignung ihrer Ländereien durch das nahe EADS-Werk, das größere „Airbusse“ bauen will, einen  „Agrar-Krimi“.

Ihr zweiter Roman: „Tatort Altes Land“ dringt in die Scene der dort beschäftigten Erntehelfer – aus Polen, Rumänien und der Türkei – ein, im Mittelpunkt stehen jedoch erneut die Obstbauern – deren Konfliktlinie im Roman zwischen legal und illegal beschäftigten Saisonarbeitern verläuft.

Von diesem ländlichen Proletariat handelt auch ein in der Kölner Börde spielender Regionalkrimi: „Der Erdbeerpflücker“ von Monika Feth. Die Journalistin konzentrierte sich darin allerdings auf eine „Mädchen-WG“. Von den Erntehelfern ist für sie und ihre drei Hauptfiguren nur einer interessant (aber gefährlich) – deren Mörder.

Das ist bei dem im Kehdinger Land lebenden „Regionalkrimi“-Autor Wilfried Eggers ganz anders: In seinem 500 Seiten dicken Roman: „Paragraf 301“ verschlägt es einen von Scheidungsklagen gelangweilten Rechtsanwalt aus Freundschaft zu einem  alevitischen Agrarbetriebshelfer bis ins hinterste Anatolien. Auf den Höfen zwischen Elbe und Weser arbeiten mittlerweile viele ehemalige Industrie-„Gastarbeiter“ aus der Türkei: legal und illegal, auf Dauer und saisonal. Bei dem Romantitel „Paragraf 301“ handelt es sich um ein 2005 verabschiedetes türkisches Gesetz, das die Staatsbeleidigung unter Strafe stellt. Der Autor ist selbst Rechtsanwalt und er ist zwecks Recherche anscheinend wirklich bis nach Anatolien gereist, den Eindruck vermittelt jedenfalls sein Roman, der WDR schwärmte: „Ein großes Menschenbuch“.

Bei einem  weiteren Roman von Eggers, der laut Klappentext ein „überzeugter Moorbewohner“ ist, spricht sein Verlag von einem „Bauernkrimi“. Auch in diesem – „Die Tote, der Bauer, sein Anwalt und andere“ – stößt man auf gründliche Milieurecherchen.

Eichelhäher werden als Wachtvögel und Geier zu Leichensuchvögeln ausgebildet.


Um des Verbrechens verdächtigte Saisonarbeiter  bzw. landwirtschaftliche Betriebshelfer aus Polen und der Türkei  geht es auch in dem „Husum-Krimi“ des Unternehmensberaters Hannes Nygaard: „Tod in der Marsch“. Hier handelt es sich bei dem Opfer um eine junge Frau, die aus einem  nordfriesischen Dorf stammt und in „die Stadt“, nach Husum, gezogen ist. Als sie sich mit einem  „Türken“ anfreundet, der auf einem Hof in ihrem Heimatort wohnt und arbeitet und deswegen mit ihrer Tochter dort hinfährt, werden die beiden ermordet. Daraufhin rückt die Husumer Polizei in das Dorf ein. Einer der Ermittler bekommt dabei nach Gesprächen mit Einheimischen in der Dorfkneipe den Eindruck: „In der Dorfgemeinschaft gibt es eine Hackordnung, die mir noch straffer organisiert zu sein scheint als das indische Kastenwesen. Jeder hat seinen Platz. Die Fremden, wie man hier zu sagen pflegt, gehören zwangsläufig zu den Parias. Das sind neben den Familien, die schon in den vorherigen Jahrhunderten kein eigenes Land besaßen, sondern als Knechte und Tagelöhner ihr Dasein gefristet haben, auch jene kleineren Bauern, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht den Sprung zu größeren Anwesen geschafft haben. Der Große frisst den Kleinen, der Schnelle den Langsamen.“ Am Ende bleibt meist nur noch ein Großbauer im Dorf übrig. Hier ist es ein „Kulak“,  „Gutsherr“ genannt, der – wie man zunächst feststellt – seine Erntehelfer und Aushilfen illegal beschäftigt und unwürdig unterbringt. Er und sein noch studierender Sohn werden später von der Polizei des „Kapitalverbrechens“ verdächtigt. Im Dorf ist man jedoch fest davon überzeugt, dass es einer der „Ausländer“ oder jemand von den neuhinzugezogenen „Außenseitern“ war: „Zu solchen Taten sind doch nur diese Leute, die aus dem Osten kommen, nur die sind zu solchen Schweinereien fähig. Wir tun so etwas nicht,“ sagt einer. Diese  Anderen – „Arbeitsscheue, Ausländer, Gesindel und Abartige“ werden „von der Volksmeinung zu Sündenböcken erklärt“, schreibt der Autor. „Eure Vorurteile führen automatisch zur Verurteilung,“ tadelt sein Ermittler die Männer in der Kneipe.

Ein ganz ähnliches Krimischema findet man in dem Dorfkrimi des bei Frankfurt lebenden Autors Andreas Franz: „Schrei der Nachtigall“. Auch hier geht es um einen ebenso gewissenlosen wie geldgierigen Kulaken (Großbauern), der jedoch vor allem seine Familie und seinen Nachbarn terrorisiert. Der Krimi ist in Bruchköbel bei Hanau angesiedelt – und in dieser Rehin-Main-Region gibt es schon lange keine Dörfer im eigentlich Sinne mehr, sondern bestenfalls nur noch von Industrie- und Militäranlagen sowie Einkaufszentren und Autobahnen durchfurchtes Agro-Konglomerate. Kein Wunder, dass auch die Bauern dort auf Teufel komm raus reich werden wollen, auch wenn sie das Geld dann nur in Bordellen versenken. Ähnlich wie in diesem Frankfurter „Speckgürtel“ sind die Verhältnisse im Umland von Hannover. Beide Regionen zeichnen sich zudem durch gute Böden aus – deren letzte Fruchtfolge jedoch nur noch  „Bauerwartungsland“ oder „Golfplatz“ oder Ähnliches heißt. (*)

Auch kleinere Städte zerstören die Dörfer in ihrem Einzugsgebiet – zunächst dadurch, dass die zu Reichtum gekommenen Bürger dort landschaftlich reizvolle „Filetstücke“ erwerben, auf denen sie Jagdhütten, Sommerhäuser, Wellness-Oasen, Swinger-Clubs, Landhotels und  Ausflugslokale mit Biofleisch im Angebot errichten. Da kann der Krimiautor dann keine Stadtlogik mehr auf eine Dorfmoral stoßen lassen, wenn er seinen Roman denn unbedingt in dieser Region ansiedeln will.

Die Germanistin Edda Helmke und die Journalistin Petra Tessendorf haben ein Klassentreffen in diesem „terrain vague“ stattfinden lassen, bei dem anschließend eine der Teilnehmerinnen in einem nahen See tot aufgefunden wird. Die einstigen  Abiturienten haben inzwischen alle mehr oder weniger erfolgreiche Karriere gemacht, wobei es sie unterschiedlich weit weg vom jetzigen Tatort verschlagen hat, in dessen Nähe sie einst gemeinsam zur Schule gingen. Das zwingt die polizeilichen Ermittler die Biographien aller am Klassentreffen Beteiligten zu recherchieren – und gibt den beiden Autorinnen (geboren in der ersten Hälfte  der Sechzigerjahre) jede Menge Gelegenheiten für sentimentale Rückblicke. Petra Tessendorfs Roman „Der Wald steht schwarz und schweiget“ spielt im Bergischen Land nahe Wuppertal, wo die Autorin auch herkommt. Und Edda Helmkes Krimi „Der Tag nach dem Klassentreffen“ ist in der Rhön nahe einer Kreisstadt angesiedelt, wo die Protagonisten einst zur Schule gingen und ihr Abitur machten. (**)

Bis in die Rhön, d.h. bis in das Kloster auf dem dortigen Kreuzberg spielt auch  Helmut Vorndrans Regionalroman „Das Alabastergrab“. Die Region, das ist hier jedoch zunächst einmal ein Fluß – der Main nördlich von  Bamberg.  Der Autor hat einen Bootsverleih und „sogar einen der ganz wenigen Faltboot-Service-Punkte“, wie die Mainpost schreibt. Sein Roman handelt denn auch von der quasi natürlichen Feindschaft zwischen Bootsfahrer und Anglern. Und mit dem Tod eines Anglers beginnt auch die Handlung seines Romans, in dem es ihm aber eigentlich um den sexuellen Mißbrauch von Jugendlichen durch einen Priester geht – was im katholischen Franken schon fast ein Gewohnheitsrecht ist oder mindestens war. Dort soll auch das „Recht der ersten Nacht“ angeblich erst von den nationalsozialistischen Modernisierern  abgeschafft worden sein.

Spätestens seit 2009 ist das jedoch alles voll verbrecherisch und deswegen haben sich die Krimiautoren dann auch gleich im Dutzend auf das Thema „Sexueller Mißbrauch“ gestürzt. „Die fiktive Geschichte des fränkischen Kabarettisten  Helmut Vorndran lehnt sich an Tatsachen an,“ schreibt die Neue Presse Coburg: „Seit Juli 2008 ermittelte die Staatsanwaltschaft Bamberg gegen den ehemaligen Leiter des Ottonianums, Otto Münkemer, wegen sexuellen Missbrauchs minderjähriger Schutzbefohlener. Spiegel online berichtete am 31. Juli 2008 über den Verdacht gegen den späteren Domkapitular, der sich ‚wegen der Stresssituation‘ nicht erinnern könne.“ Vorndran hat als Krimiautor seinem Gedächtnis gewissermaßen auf die Sprünge geholfen. „Das Alabastergrab“ ist jedoch kein Agrar- oder Dorfkrimi, sondern besteht eher aus einer „Jagd durch Oberfranken“, die auf dem Kreuzberg in der Rhön endet.

In topographischer Hinsicht das Gegenteil ist der Regionalkrimi , „Milchgeld“ von einem Lehrer,  Volker Klüpfel, und einem Journalisten, Michael Kobr. Ihr Roman spielt im Allgäu, wo die Autoren auch  leben. Sie konzentrieren sich darin auf den größten Weiterverarbeitungsbetrieb für die landwirtschaftlichen Produkte der Region. In ihren Romanen, die demnächst für das Fernsehen verfilmt werden, handelt  stets ein Kriminalkommissar namens Kluftinger als Ermittler. Im Fall von „Milchgeld“ geht es um eine Käserei, in der ein  Lebensmittel-Chemiker ermordet wurde. Der Ermittler kommt dabei einem Konflikt in der Firma auf die Spur – zwischen dem patriachalischen  Unternehmer, der guten Käse produzieren und die Milchlieferanten – Bauern – anständig behandeln will, und seinem neoliberalen Sohn, der die Käserei übernehmen soll, aber als BWLer bereits weiß, wie man noch viel mehr Geld mit der Klitsche machen kann.  Er läßt sich deswegen auf immer fragwürdigere Produkte und Aktivitäten ein. „Eine Mördergrube im Herzen des Allgäus“, heißt es dazu in der Verlagswerbung.

Um verbotene chemische Zusätze in Lebensmitteln geht es auch in dem  „Allgäu-Krimi“ von Nicola Förg: „Kuhhandel“: Hier kommt eine Tierärztin auf einer abgelegenen Alm Mastexperimenten an Rindern, die u.a. ein Kollege von ihr unternimmt, auf die Spur. Die tierschützerisch engagierte Autorin spricht dabei von „illegalem Ochsendoping“.

Um eine schwäbische Besonderheit kreist der Regionalkrimi der Schwarzwälder Journalistin Uta-Maria Heim: „Das Rattenprinzip“: Darin steht ein kleiner metallverarbeitender Familienbetrieb auf dem Land im Mittelpunkt. Der Besitzer ist Kommunist und wegen der Wende, die langsam auch Baden-Württemberg erfaßt, doppelt deprimiert, denn nun ist auch bei seinen Kollegen mit ähnlichen Klitschen in der Region, die alle den Großbetrieben Teile zuliefern, Schluß mit der Solidarität. Hinzu kommt noch die Computerisierung: „Die Ära des roten Karle ging zu Ende. Jetzt hatte man den CNC-Automaten, die erste Maschine, die Karle nicht restlos verstand.“ Seine Tochter lebt mit ihrem Journalistenfreund in Stuttgart, arbeitet aber noch im väterlichen Betrieb mit. Die Aufklärung eines Kapitalverbrechens geht hier mit der von Verbrechen des Kapitals einher. Die Stuttgarter Krimiautorin Christine Lehmann hält Eva-Maria Heims Regionalkrimi für beispielgebend, wie eine Romanhandlung mit einer Region so verschmolzen wird, dass die Geschichte sich nirgendwo anders abspielen kann. „Wenn man sich einen Ort sucht, der keine unverwechselbare Geschichte in sich birgt, dann hat man als Autorin oder Autor Pech gehabt. Dann muß man sich einen anderen suchen, oder man erzählt eine Geschichte, die einfach nur irgendeinen Ort braucht, aber nicht diesen,“ meinte sie gegenüber der Redakteurin Henny Hidden von „frauenkrimis.net“.

Wellensittiche sollen angeblich vor Vereinsamung schützen.

Mit einem bäuerlichen Nebenerwerb beschäftigt sich der „Rhönkrimi“ von Sylvia Schopf: „Madonna gesucht“. In der Rhön lebten die Kleinbauern jahrhundertelang im Winter von Holfschnitzarbeiten, Um diese Produkte konkurrenzfähig zu halten, wurden Ende des 19. Jhds. im bayrischen und im thüringischen Teil der Rhön zwei „Holzschnitzschulen“ für begabte Bauernkinder gegründet. Daraus entwickelte sich bis heute ein Netzwerk aus Holzbildhauern, -händlern, -fabriken, -werkstätten, -symposien und -galerien. In diesem Milieu hat die Frankfurter Journalistin ihren „Rhön-Krimi“ angesiedelt. Sie hat ein Wochenendhaus in dem nunmehrigen „Biosphärenreservat Rhön“.

Das gilt ähnlich auch für die Frankfurter Wissenschaftsautorin Cora Stephan, die unter dem Pseudonym Anne Chaplet „Rhön-Krimis“ verfaßt. Ihr Wochenendhaus steht jedoch nicht in der Rhön, sondern im Vogelsberg, eine Region westlich davon. Anne Chaplets Romane haben aber sowieso nicht viel mit einer Region zu tun. Die Autorin verhandelt darin eher Zeitgeistthemen – wie z.B.  „Stasiverbrechen“ lange nach Abwicklung des MfS (in „Caruso singt nicht mehr“), Ökoengagierte, die nach Berlin in die Politik gehen („Nichts als die Wahrheit“) und Erbschaften, die aus Immobilien am Rhein bestehen, wo „hinter der gemütlichen Fassade eine feindselige Atmosphäre herrscht“.

Diese Themen versieht die Autorin  dann in Oberhessen bloß noch mit Lokalkolorit. Wobei auch dieser „Ort des Geschehens, Klein-Roda, überall ist,“ wie sie sagt.  Vielleicht hat man ihr das in dem fiktiven Dorf aber ganz real übel genommen, denn der Illustrierten  „stern“ verriet sie kürzlich im Rahmen einer Reportage über kreative Landhausbesitzer: „Einmal warf mir jemand sogar eine Molotow-Cocktail-Attrappe in den Schuppen“ – mit einer Warnung auf einem Zettel: „Nimm dich in Acht“. Die Autorin wird im Dorf als „Hexe“  bezeichnet, was sie aber nicht groß stört.

Auf sogar „offene Feindseligkeit“ stößt der suspendierte Kriminalrat Wegener in einem Dorf in Schleswig-Holstein, als er die Vergangenheit seiner ermordeten Frau ermitteln will, die dort zuletzt lebte. Man hatte ihn zuvor  des Mordes angeklagt, jedoch mangels Beweisen freisprechen müssen. Die Dorfbewohner halten ihn aber weiterhin für den Mörder, obwohl einige Männer, die sich regelmäßig in der Dorfkneipe treffen, es besser wissen. Kriminalrat Wegener ist die Hauptfigur in dem „Dorfkrimi“ des Journalisten Horst Bieber:  „Schnee im Dezember“.

Von der Stadt (Berlin) aufs Land  (ins Schwäbische) begibt sich auch die Protagonistin in dem Dorfkrimi: „Kleiner toter Vogel“ der Germanistin Regina Nössler. Ihr literarisches Ich will sich dort von einer gescheiterten Beziehung erholen und gleichzeitig eine Erbschaft, das Haus ihrer kurz zuvor verstorbenen Tante, verkaufen. Währenddessen erlebt sie einige „Horror-Geschichten“, was aber gleichzeitig dazu führt, dass sie ein paar Frauen im Dorf näher kennen und schätzen lernt. Am Ende löst sie ihre Wohnung in Berlin auf und richtet sich in dem Landhaus auf Dauer ein.

Gerade umgekehrt verhält es sich mit „Bella Block“, der als TV-Kommissarin bekannten Protagonistin in Doris Gerckes Krimis. In ihrem ersten – „Weinschröter, du mußt hängen“, der die Autorin, eine Juristin,  sogleich berühmt machte, wird die Hamburger Polizistin Block in ein Dorf im Umland geschickt, wo sie zwei Selbstmorde aufklären soll. Sie hat dort auch ihr Landhaus. Im Laufe ihrer Ermittlungen stößt sie auf immer mehr Seltsamkeiten und „Brüche in der Dorfidylle“. Als sie die Fälle aufgeklärt hat, verläßt sie ihr Haus – für immer, und nimmt sich vor, den Polizeidienst zu quittieren, sobald sie wieder in Hamburg angekommen ist. Auch Gerckes Krimi „Ein Fall mit Liebe“ spielt in einem vorpommerschen Dorf – an der Ostsee, wo die inzwischen freiberufliche Ermittlerin Bella Block eine vermißte Frau aus Westdeutschland sucht. Es ist ein Nachwenderoman, in dem es vor allem um „Wessis“ gegen „Ossis“ geht, um Täter-Ermittlung dagegen nur am Rande und gleichsam lieblos. Bei den Wessis handelt es sich fast durchweg um neureiche Zechpreller oder  betrügerische Investoren, die u.a. einen „Seniorenpark wie in Florida“ an der Küste hochziehen wollen. Ein ähnlich windiges  Bauprojekt (von einem Ost-West-Duo), ebenfalls an der Ostsee in Vorpommern geplant, ist in dem Regionalkrimi „Unter freiem Himmel“ von Peter Godazgar sogar handlungsbestimmend (***). An sich spielt dieser Roman des Hallenser Journalisten jedoch auf einem Campingplatz, wo man wegen der dünnen Zeltwände jedes Wort mitbekommt.

Ebenfalls an einem Ufer – des Starnberger Sees – hat die dort lebende Pfarrfrau Annette Döbrich ihren Regionalkrimi „Das Ritual des Schweigens“ angesiedelt. Und auch hier liegt eine Leiche im Wasser. Es geht der Autorin und dem alleinerziehenden Kripobeamten in ihrem von der Stadt München mit einem Preis ausgezeichneten Roman jedoch vor allem um die Gebietskulisse Starnberger See („Er hat Könige und Literaten, Künstler, Wissenschaftler, Mächtige aus Politik und Wirtschaft…angezogen“) sowie um eine vermeintliche (Tat-)“Zeugin“: ein junges Mädchen, das seitdem gestört ist.

Und von Tauben eine beruhigende  Wirkung ausgehen, vor allem auf Bergarbeiter.


Um Gestörte – ein „sensibles“ Sozialgefüge, „wo jeder mit jedem ein Hühnchen zu rupfen hat“ – geht es auch in dem Regionalkrimi „Pferdekuss“ der Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Christine Lehmann. Er spielt auf einem Pferdegestüt  am Fuß der Schwäbischen Alb, mit dem die unkonventionelle Journalistin Lisa Nerz, die dort ermittelt, familiär verbunden war. Sie muß nun feststellen, dass „gegen die kostbaren Pferde das Leben einer Frau“ in diesem Milieu noch immer „nicht viel wiegt“. Das mag auf dem Land vielerorts bis heute so sein, hier handelt es sich jedoch – abgesehen von einem polnischen Pferdepfleger – nicht um ein bäuerliches Milieu, sondern eher um die Personnage eines  mittelschichtigen Dienstleistungsunternehmens für Städter auf dem Land.

Zwischen starken Mittelschichtsfrauen, schwachen Söhnen und Liebhabern (und einigen wohlhabenden Weinbauern) spielt auch der Krimi „Schwarzwild“ von Monika Geier. Die Bauzeichnerin aus Ludwigshafen hat ihn in einem Dorf im Pfälzer Wald situiert. Zu dem Milieu dort gehören mehrere Bedienstete, die aus ehemals sozialistischen Ländern kommen, sowie als Tatort eine im Wald versteckte Liegenschaft, an der  eine Neonazi-Partei Interesse hat.

Mitunter stoßen die Ermittler in den deutschen „Regionalkrimis“ auch bis auf die Hinterlassenschaften der alten Nationalsozialisten. So z.B. die Rechtsanwältin Sylvia Staudacher und der mit ihr verheiratete Heimatforscher Mathias – im „Chiemgau-Krimi“ des Versicherungsmathematikers Roland Voggenauer: „Kreuzweg“. Der dort auch lebende Autor läßt seine zwei Protagonisten, nachdem man im See „Beutekunst der Nazis“ gefunden hat, einen schon lange zurückliegenden Priestermord recherchieren. Dabei führen die Spuren sie zu einem Heim der NS-Organisation „Lebensborn“ in der Nähe von Wasserburg und einige darin „beschädigte Leben“.

Ganz ohne Leiche kommt der Regionalkrimi „Friesenblut“ von Olaf Schmidt aus, dafür erfährt man umso mehr aus der „jüngsten Geschichte“ der Fischer- und Ferieninsel Föhr. Der Autor stammt von dort, er ist heute Kulturredakteur eines Leipziger Stadtmagazins. Sein Ermittler ist ein auf die Insel zurückgekehrter Kunsthistoriker – und es geht nur um die Aufklärung eines Bilderdiebstahls. Das gibt seinem Roman gerade so viel  Spannung, um nicht die Exkurse in die Geschichte zu überfliegen, bis hin zu der über die 1920 von deutscher Seite manipulierte Abstimmung der Föhrer, ob sie zu Dänemark oder Deutschland gehören wollen (weder noch!) und wie sie sich in nationalsozialistischer Zeit verhielten.

Das schiere Gegenteil von diesem klugen Regionalkrimi ist die von dümmlichem Prolowitz zusammengehaltene Krimi-Persiflage „Kuhdoo“. Der Autor  Sobo Swobodnik hat seine Romanhandlung in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb angesiedelt. Ich erwähne sein Buch hier nur aus einem gewissen Hang zur Vollständigkeit heraus.

Unbedingt erwähnt werden müssen  dagegen zwei Agrar- bzw. Dorfkrimis. Der eine – „Moornächte“ von der Journalistin Helga Beyersdörfer – spielt im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen, und der andere – „Eifel-Gold“ vom Journalisten Jacques Berndorf – in einem Eifeldorf. In dem „Worpswede-Krimi“ hat die Autorin vorgemacht, wie man zwischen allen Klischees einer Region als „Gebietskulisse“, die für den Tourismus wichtig sind, noch eine einigermaßen tragfähige Romandhandlung ansiedeln kann. Worpswede wird täglich von weit über tausend Touristen besucht – zumeist ältere Frauen in naturfarbenen  Gewändern, die besonders Kunstgenüssen gegenüber aufgeschlossen sind. Helga Beyersdörfer gehört wahrscheinlich auch zu dieser Scene, wobei es ihr insbesondere Paula Becker-Modersohn angetan hat. Im Nachwort schreibt sie: „Worpswede gibt es wirklich. Genauso wie es die Maler gab, die den Ruf des Ortes als Künstlerkolonie begründet haben und die ich teilweise beim Namen nenne. Sollten Sie das Moordorf Worpswede bislang nicht gekannt haben und sollten Sie es kennenlernen wollen, dann werden Sie auch den Barkenhoff wiedererkennen…“

Dieser wurde vor dem Ersten Weltkrieg von dem Kommunisten Heinrich Vogler als Kommune und Arbeitsschule gegründet. Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Kommunisten/Künstler, die das Dorf bis heute bestimmen – immer in der Auseinandersetzung mit/gegen Bauern, die der CDU nahestehen. Diesen Grundkonflikt thematisiert die Krimiautorin jedoch überhaupt nicht. Stattdessen hat sie eine „Drei-Generationen-Familie auf einem Bauernhof in Niedersachsen“ nach Worpswede verpflanzt, um die sie ihre Romanhandlung angelegt hat. mmerhin geht es dabei wie im wirklichen  Worpswede ebenfalls darum, Kunst und Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen. (****)

Helga Beyersdörfer und Jacques Berndorf sind aufs Land gezogene städtische Trivialromanschriftsteller, die nicht wie die Bauern, Waldarbeiter und Saisonarbeiter eine Objektsprache benutzen, sondern eine Metasprache, wie der Semiologe Roland Barthes das nennt: „Die Sprache der Schriftsteller verhält sich zu der der Landleute wie die Geste zum Akt: Die erste Sprache ist intransitiv und bevorzugter Ort für die Einnistung von Ideologien, während die zweite operativ und mit ihrem Objekt auf transitive Weise verbunden ist. Während die Dörfler z.B. von einem Baum sprechen und ihn gegebenenfalls fällen oder ihn jedenfalls nutzen, sprechen die Städter über ihn, besingen ihn sogar oder verstummen ehrfurchtsvoll.

In Berndorfs Regionalkrimi „Eifel-Gold“ werden neben der „Gebietskulisse“ Eifel auch die Bauern besungen – und das auf eine besonders perfide Art, die absolut mit ihnen solidarisch scheint, aber um den Preis, dass ein Außenseiter, ein kommunistischer Türke (PKK-Kurde) in Frankfurt, an ihrer statt dran glauben muß: Die Bauern haben auf sehr raffinierte Weise und unblutig einen Geldtransporter überfallen. Die Beute verteilen sie anonym an Leute in ihrer Region, die dringend Geld brauchen, um weiter wirtschaften zu können. Das Alter Ego des Autors, der pfeifenrauchende Siggi Baumeister, kommt den Tätern wie üblich auf die Schliche, während die Polizei einige Frankfurter Kurden in Verdacht hat, die mit dem Geld Waffen kaufen wollen. Der Roman endet damit, dass schließlich ein Kurde verhaftet und dann auch verurteilt wird.

Das ist durchaus hellsichtig  kolportiert vom Autor: die deutschen Knäste sind voll mit unschuldigen Türken, Kurden, Arabern und Afrikanern! Hierzulande gilt noch immer, wie sonst nur noch in China die Blutabstammung – und ehe man einen Deutschen verdächtigt, schiebt man lieber einem Ausländer eine Tat unter. Nennen wir diesen Sündenbock „Hanna“, dann finden wir dazu in Petra Tessendorfs Regionalkrimi „Der Wald steht schwarz und schweiget“ eine Erklärung:

„Ich glaube, der Kriminalhauptkomissar hat sich auf Hanna eingeschossen. Und warum sollte er sich die Mühe machen und nach anderen Beweismitteln suchen, wenn die Sache für ihn bereits klar ist.“ Kommt noch hinzu, dass die Bullen durchweg nicht gerade Intelligenzbestien sind – und von daher mit besonders vielen Vorurteilen/Vorverurteilungen arfbeiten. In Kreuzberg, wo ich lebe, kann man das täglich mehrmals beobachten – wie sie Türken, Araber, Russen und Afrikaner auf diese primitive Weise bedrücken. Selbst die linken, ehemaligen Hausbesetzer denken hier zunehmend  rassistischer und gemeiner – und arbeiten ihnen so bei der Ausgrenzung zu.

Zurück zu Berndorfs „Eifel-Gold“ und seine guten Bauern, die zu Verbrechern werden, um einige Eifel-Dörfer ökonomisch und sozial zu stabilisieren, d.h. um ihre kleine Welt zu verbessern: Der ganze Plot ist so dermaßen utopisch/kitschig, dass man überhaupt an dem Gegensatz zwischen Dorf  und Stadt -mit je eigener Logik und Moral – zweifeln möchte.  Vor einigen Jahren bereits veröffentlichte der holländische Autor Geert Mak eine gründliche Studie mit dem Titel „Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa“. Es war eine Chronik des langsamen Verschwindens einer Lebensform. Zuletzt machten in Maks friesischem Dorf Jorwerd auch noch die Kirche und die Kneipe dicht. Einige Jahre später hat der SZ-Journalist Klaus Brill etwas Ähnliches über die saarländische Gemeinde Alsweiler veröffentlicht: „Die Globalisierung am Beispiel eines deutschen Dorfes“. Der bayrische Dichter und Filmer Herbert Achternbusch, den der DDR-Dramatiker Heiner Müller einen „Klassiker des antikolonialen Kampfes auf dem Territorium der BRD“ nannte, sagte es einmal so: „Da wo früher Pasing und Starnberg waren, ist nun Welt! – die Welt hat uns vernichtet, das kann man sagen.“

Hühner deuten auf mindestens rudimentäre agrarische Verhältnisse hin.


Es gibt heute  bestenfalls noch Rudimente von einst lebendigen Dörfern. Ob das zu bedauern ist, mag einstweilen dahingestellt sein, die Agrar- und Dorfkrimi-Autoren tun vielfach jedenfalls so, als wäre diese alte Idylle durch bloße Ermittlungsarbeit wiederherzustellen. Das europäische Dorf, die Dorfgemeinschaft, ist zweifellos mehr als bedroht, es bietet immer weniger Einheimischen eine Existenzgrundlage. In manchen Regionen kommt auf drei Dörfer nur noch ein Bauer. Im Regionalkrimi wird die Gefährdung dieses Soziotops durch Morde noch forciert. Mit ihrer meist erfolgreichen Aufklärung jedoch wieder gefestigt.

In einem „Krimiblog“-Eintrag  über den Regionalkrimi schreibt Reinhard Jahn: In ihm ist die „Heimat…Handlungsraum für eine Kriminalgeschichte, in der es gemäß der Gattungsgesetze um die Aufklärung eines Verbrechens geht, so daß die bestehende Ordnung wieder hergestellt wird.“ Dieses „Happy-End“, das ist der utopische Gehalt von Agrar- und Dorfkrimis. In seinem Krimi „Eifel-Gold“ geht Jacques Berndorf noch einen fatalen Schritt weiter: das  deutsche „Happy-End“ besteht hier darin, dass man um der Heimat willen einen völlig unschuldigen Türken in Frankfurt am Main verknackt.

Man kann jetzt von hier aus vielleicht die These aufstellen: Wenn die Aufstände im „Großen deutschen  Bauernkrieg“ (1524 – 26) gegen den räuberischen Adel und die mit ihm verbündete Kirche nicht niedergeschlagen worden wären, würden die Bewohner in den heute noch existierenden Dörfern nicht alle „Fremden“ derart abwehren. Denn sie haben einst auch ganz anders auf solche „Eindringlinge“ reagiert. Karl Marx hat sich in den Achtzigerjahren des 19.Jahrhunderts gründlich mit der Geschichte des Dorfes in Europa und ihrem Gemeineigentum, das dann langsam in immer weniger werdende Privateigentümer zerfiel, befaßt. Diesen Prozeß zeichnete er am Beispiel der „germanischen Gemeinde“: Zur Zeit von Julius Cäsar (100 bis 44 v.Chr.) „existierte sie noch nicht, und sie existierte nicht mehr, als die germanischen Stämme Italien, Gallien, Spanien etc. eroberten. In der Epoche Julius Cäsars gab es schon eine jährliche Aufteilung des Ackerlands unter Gruppen, den Gentes und den Stämmen, aber noch nicht unter die einzelnen Familien einer Gemeinde; wahrscheinlich erfolgte die Bebauung ebenfalls gruppenweise, gemeinschaftlich. Auf germanischem Boden selbst hat sich diese Gemeinschaft von archaischerem Typus durch eine natürliche Entwicklung zur Landgemeinde umgewandelt, so wie sie Tacitus beschrieben hat.“

Tacitus‘ Werk „Germaniae“ entstand etwa 100 Jahre nachdem die vereinten germanischen Stämme die römischen Kolonialarmeen geschlagen hatten – unter der Führung von Arminius dem Cherusker, den Tacitus deswegen „Liberator Germaniae“ nennt. Inwiefern dessen partisanischer Befreiungskrieg beim Umwandlungsprozeß eine Rolle spielte, erwähnt Marx nicht, ihm geht es darum,  dass sich dabei das auf Blutsverwandtschaft basierende Gemeinwesen (mit der „Struktur eines Stammbaums“) zur „ersten gesellschaftlichen Gruppierung freier Menschen“ umwandelte –  hin zu einer Wahlverwandtschaft  also, die nicht mehr „durch Blutsbande eingeengt war“. Diese freien germanischen Dorfgemeinden gingen jedoch schon wenige Jahrhunderte später „in den unaufhörlichen Kriegen und Wanderungen ruhmlos zugrunde, vielleicht starben sie eines gewaltsamen Todes. Aber ihre natürliche Lebensfähigkeit ist durch zwei unbestreitbare Tatsachen erwiesen. Einige verstreute Exemplare dieses Typus haben alle Wechselfälle des Mittelalters überlebt und sich bis auf unsere Tage erhalten, z.B. in meiner Heimat, der Gegend von Trier.“

Im großen deutschen Bauernkrieg 1524-26, dem im Norden die gewonnene Schlacht der freien Dithmarscher Bauern gegen ein starkes Landsknecht- und Ritteraufgebot bei Hemmingstedt um 1500, sowie im Süden die gescheiterten Bundschuh- Aufstände zwischen 1493 und 1517 vorausgingen, waren die Gegner der Bauern „Wölfe“: nämlich die Adelsheere – gegen die sie sich in Haufen organisierten und bewaffneten. Die wenigen mit ihnen sympathisierenden Adligen wurden zwar aufgenommen, mußten sich abe „zu Fuß“ einreihen und bekamen keine Befehlsgewalt. So empfahl etwa die Flugschrift „An die Versammlung gemeiner Bauernschaft“ den Bauern, alle militärischen Ränge selbst zu besetzen – „denn es will sich fürwahr nicht reimen, daß man Wolfshaar unter die Schafswolle mischt“…Selbst Götz von Berlichingen, der nur unter Zwang Bauernhauptmann geworden war, mußte, wie alle anderen adligen Anführer, infolge der Radikalisierung der Haufen am Ende um sein Leben fürchten. er wurde in Würzburg abgesetzt, „weil er ain edelman wer“, mit der weiteren Begründung, „sy halten ein baurn krieg, sie wolten khein fürsten, graven, herrn oder edelman dabey haben“.

Der herausragende Sprecher und Organisator der Bauernbewegung Thomas Müntzer, begriff die vornehmen Herren ebenfalls als Wölfe, die dem gemeinen Manne zum Feind geworden waren. Andersherum wurde aber auch er bald von seinem ehemaligen Mitstreiter Martin Luther, der inzwischen legalistisch argumentierte, als „falscher Geist und Prophet“ beschimpft, welcher „in Schafskleidern dahergehe, inwendig aber ein reissender Wolf“ sei. Der Prediger Müntzer, den Erich Honecker „zum Besten“ zählte, „was unser Volk hervorgebracht hat“, sowie der ehemalige Reichsritter Florian Geyer, den der Bauernkriegshistoriker Wilhelm Zimmermann als „den schönsten Helden des ganzes Kampfes“ bezeichnete, wurden 1525 hingerichtet bzw. ermordet.

Der durch die Niederlagen der Bauernhaufen erreichte Machtzuwachs des Adels wirkte derart lange nach, daß noch Alexander von Humboldt es als „großen Fehler in unserer Geschichte“ bezeichnete, „daß die Bewegung des Bauernkrieges nicht durchgedrungen ist.“ Noch später begriff Friedrich Engels den Bauernkrieg sogar als den „Angelpunkt der ganzen deutschen Geschichte“. Wohingegen der Historiker Leopold von Ranke den Bauernkrieg als das „größte Naturereignis des deutschen Staates“ bezeichnete, was für ihn im Gegensatz zu einer „bewußten Politik“ stand. Als erstes leistete dann die Akademie der Wissenschaften der UDSSR unter Führung von Moisej Mendeljewitsch Smirin die notwendige „empirische Kärnerarbeit“  über diese „frühbürgerliche Revolution“.

Schon 1525 hatte es einen ersten Entwurf für ein Bauernkriegsdenkmal – von Albrecht Dürer – gegeben, der dazu eine von trauernden Rindern und Schafen umlagerte Gedenksäule zeichnete, die statt mit einem emporgereckten Siegesengel von einem knieenden Bauern mit einem Dolch im Rücken gekrönt wurde. Im selben Jahr malte Barthel Beham einen in der Landschaft ruhenden weiblichen Akt: Die Gesichtszüge der schlafenden Frau sind schmerzlich verzerrt, sie ist mit Handschellen und Fußeisen gefesselt, die Waage (der Gerechtigkeit) liegt am Boden, das Schwert (des Gerichts) schleppt ein Wolf im Maul davon.

1925 schrieb Veit Valentin in der Berliner „Weltbühne: „Warum werden die zwölf Artikel (in denen die Forderungen der Aufständischen zusammengefaßt waren – sie betrafen in der Mehrzahl die Abschaffung der Zinsen, Zehnten und Fronden) nicht in jeder Volksschule im Wortlaut gelesen? Sie sind das erste deutsche Denkmal einer Verbindung von politischer Demokratie und sozialer Gesinnung“. Zur tatsächlichen Errrichtung eines Bauernkriegsdenkmals kam es jedoch erst am Ende des Arbeiter- und Bauernstaates DDR, die auf dem „Schlachtberg“ bei Frankenhausen einen riesigen Rundbau errichten ließ, in dem die Kämpfer und Vordenker dieser frühbürgerlichen Revolution mit dem „größten Gemälde der Welt“ geehrt wurden. Dazu konstituierte sich im März 1988 auch noch ein „Thomas-Müntzer-Komitee“. In der BRD wollte man den Bauernkrieg, den einzigen deutschen Beitrag im Kampf um Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, nicht völlig der DDR überlassen. In den Streit der Historiker und Pädagogen schaltete sich   der Bundespräsident, Gustav Heinemann, ein: „Einer demokratischen Gesellschaft…steht es schlecht zu Gesicht, wenn sie auch heute noch in aufständischen Bauern nichts anderes als meuternde Rotten sieht, die von der Obrigkeit schnell gezähmt und in die Schranken verwiesen wurden“. (Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, 17.2.1970).

Schwäne haben etwas Vornehmes an sich.


In der Arbeiterbewegung war die Einstellung zu den Bauern ähnlich schwankend: Schon Marx schätzte sie wegen ihrer „Kleinbesitzerinstinkte“ als konservativ und reaktionär ein und Lenin lehnte noch im Frühjahr 1917 die Forderung der Bauern nach Neuverteilung des Bodens als „bürgerlich“ ab. Später wurden die neuen Ackerbesitzer erst zwangskollektiviert und dann erlegte man ihnen noch jede Menge Restriktionen auf. So ähnlich geschah es dann auch in der DDR.  Nach der Niederschlagung der Bauernrevolten des 16. Jahrhunderts – mit zigtausenden von Toten, Gefolterten und Verstümmelten – begannen die Säuberungen im Inneren der deutschen Gemeinden und Städte: die Hexenvernichtung erlebte ihren ersten Höhepunkt, es kam zu Judenpogromen und einer unerbittlichen Verfolgung der Wiedertäufer, auch durch Protestanten. Schließlich mündete die vollends zu einer Feudalangelegenheit gewordene Reformation in den 30jährigen Krieg und hier hatten die mordenden und plündernden Landsknechtheere der Fürsten ganz reale Wolfsrudel im Gefolge.

Aus Oberhessen, wo der Krieg 34 Jahre dauerte und die protestantischen genauso wie die katholischen Heere gefürchtet waren, berichten die Chroniken, daß in einigen der von ihnen heimgesuchten Orte hernach die Pest ausbrach, und die Wolfsplagen sowie die Hexenprozesse zunahmen. In Steinau überfielen die in den Wald geflüchtete Bauern zur Abwechslung selber gelegentlich räuberische Heeresteile. Anders in Salmünster, das „nicht mehr eine Wohnstätte der Menschen, sondern ein Schlupfwinkel der Hasen und Wölfe“ geworden war. Auch der weitgehend in Oberhessen spielende Roman des 30jährigen Krieges „Simplicius Simplicissimus“, dessen Autor Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen zu den Begründern des Genres „Dorfgeschichte“ zählt, erwähnt immer wieder die Wölfe, die fetter und frecher werden, je mehr die Menschen leiden und verarmen. Es gibt Historiker, die die Schwächung der Widerstandskräfte eines Dorfes, einer Gemeinschaft überhaupt, an der Dreistigkeit der Wölfe drumherum ermessen.

In der frühbürgerlichen Literatur kommt der Bauer zunächst nur als Trottel oder ungehobelter Klotz vor, dies ändert sich mit den Flugschriften der Bauernbewegung, in denen er selbst angesprochen wird und sich hier und da auch selbst zu Wort meldet. Nach G.Kühn wurde jedoch dieser „Ansatz zu einer positiven literarischen Bauernzeichnung durch die antibäuerliche Wendung der Lutheraner und die Niederlage der revolutionären Bauernheere unterdrückt“. Erst nach den Verwüstungen des 30jährigen Krieges (1618-48) wurde der Bauer wieder aufgewertet: die Obrigkeit erkannte, daß ein gesunder Bauernstand als Steuerzahler und Wirtschaftsfaktor unentbehrlich ist. Die Physiokraten erklärten die Landwirtschaft zur Grundlage eines jeden Staates, für Jean-Jacques Rousseau ist dann der Bauernstand  aufgrund seiner Naturverbundenheit sogar „der einzig notwendige und nützlichste“. In den eidgenössischen Bauernrepubliken der Schweiz gipfelten die Dorfgeschichten in der Darstellung der bäuerlichen Lebensführung als einzig „vernunftgemäße“, wobei die wirtschaftliche Ertragsverbesserung sich mit der Binnenmoral des bäuerlichen Familienbetriebs verband. Damit tritt laut Jürgen Hein ein neuer Bauerntyp in die Literatur: „der kluge, auf sich selbst gestellte Naturbauer, den kein Abhängigkeitsverhältnis hindert, aufklärerische philosophische Ideen in die Praxis umzusetzen und sein Leben selbständig zu gestalten“. Berühmt wurde Johann Heinrich Pestalozzi, der für sein „Katechismusprojekt zur sittlichen Hebung und Festigung der Landbevölkerung“  zunächst bei einem „reformerischen Landwirt“ in die Lehre ging. In Deutschland wurde ein Bauernaufklärungsbuch von Rudolph Zacharias Becker, erstmalig 1787 erschienen, populär. In ihm ging es darum, „wie die Bauern leben und arbeiten sollen, um glücklich zu werden, ohne dabei die Ordnung zu verletzen“.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Bauer mit der Romantik auch  „volksbiologisch und politisch“  aufgewertet, Ernst Moritz Arndt gilt der Freibauer „als bester Bewahrer gesunder Art“. Von den antinapoleonischen Freiheitskriegen sollten und wollten auch die Bauern profitieren, aber die anschließende Restauration nimmt diesen Bestrebungen wieder den Wind aus den Segeln. Um ihre Aufwiegelung gegen diese Neue Ordnung geht es dann der kleinen Gruppe um Georg Büchner, die in ihrer Geheim-„Gesellschaft der Menschenrechte“ für die armen Bauern Oberhessens den „Hessischen Landboten“ 1834 als Flugschrift herausgab und verteilte. In ihnen wurde u.a. der Luxus der Fürsten, die auf Kosten der Bauern lebten, angeprangert: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ Diese Agitation bricht jedoch rasch zusammen: einer der Flugschriftverteiler stirbt im Gefängnis, Büchner muß nach Frankreich ins Exil flüchten.

Vollends in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts kippt die Dorfgeschichte bzw. der Bauernroman um ins Konservative: „Nach Ernst Bloch haben im ersten Drittel des 19.Jahrhunderts plebejisch-revolutionäre Richtung und frühe Romantik die ursprüngliche Schönheit des Volkes erhalten, die spätere, reaktionäre Bewegung aber habe die Folklore gerade dazu benutzt, patriachalisch feudal-restaurativ zu wirken,“ schreibt Jürgen Hein. Gleichzeitig verlagert sich dabei das Interesse auf den Großbauern, wohingegen das Landproletariat ausgeklammert wird. Zwischen 1870 und 1910 kommt es zu einer anschwellenden Landflucht, gleichzeitig gründet sich der „Bund der Landwirte“, dem vor allem Mittel- und Kleinbauern angehören, der jedoch von Großagrariern geführt wird: Sie verfolgen eine industriefeindliche, auf nationale Autarkie gerichtete Schutzzollpolitik.

Im Schrifttum wird der mit seiner Scholle verwurzelte Bauer gegen den Städter und wurzellosen Literaten positioniert. Einer der aufklärerischen Romantisierer der kleinbäuerlichen Lebensweise ist Peter K.Rosegger, der seine Hinwendung zu den Bauern damit erklärt, daß sich „heute auf dem Dorf ein welthistorischer Prozeß“ vollzieht – der Übergang von der alten Kultur zu einer neuen. Im Endeffekt wurde der Bauer, je mehr er volkswirtschaftlich an den Rand gedrängt wurde, desto zentraler in der bürgerlichen Ideologie. Als direkten Vorläufer der völkischen Blut-und- Boden-Literatur kann man die „Heimatkunst“-Bewegung ansehen – die gegen die zersetzende Großstadtliteratur antrat. Berühmt wurden Karl May und Ludwig Ganghofer. 1910 erschien „Der Wehrwolf“ von Hermann Löns.  George L.Mosse schreibt darüber in seinem Buch „Die völkische Revolution“: „Die Wölfe waren Bauern, die Raub und Plünderung als das Recht akzeptierten, das im 30jährigen Krieg entstanden war. Dieses Recht erlaubte ihnen, eigene Urteile über ihre Feinde und die des Volkes zu fällen. Historisch gesehen ist wenig an dieser Beschreibung des grausamen Zeitalters falsch, aber so, wie es im Roman dargestellt wird, ist deutlich erkennbar, daß die Grausamkeit der Bauern nicht nur der reinen Selbstverteidigung diente, sondern zu ihren wahren und echten Werten gehörte. Die blutrünstigen Taten sind in eine Aura von Genugtuung gehüllt, wenn ein Bauer die Tage des Wehrwolfs als die ’so schrecklichen und doch so schönen‘ Tage bezeichnet. Als die Gesellschaft während des 30jährigen Krieges auseinanderfiel, öffnete sich ein Spalt: „Die Bauern entdeckten ihre aggressiven kriegerischen Instinkte und brachen durch die übermächtige Schicht der Zivilisation. Hermann Löns erlaubt ihnen, auf die anderen Bevölkerungsklassen hinunter zu schauen und sowohl zu den Bürgern, als auch zu den Arbeitern zu sagen: ‚Ich bin der Baum und ihr seid die Blätter, ich bin die Quelle und ihr seid die Flut, ich bin das Feuer und ihr seid der Schein‘.“

Mit dem Bauern als Wehrwolf hat sich die Sichtweise seit dem auf Gleichheit erpichten Bauernkrieg komplett umgedreht. Die Schafe, das sind jetzt eher die Städter, die z.B. nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg auf „Hamsterfahrt“ über die Dörfer gehen – und die Bauern um Lebensmittel bitten. Diese sind inzwischen auch bürgerlich gewitzt genug, um waidlich von diesen Versorgungskalamitäten zu profitieren: Im Endeffekt finden immer mehr städtische Luxusgüter ihren Weg in die Bauernhöfe, hernach spricht man abfällig von Perserteppichen in Schweineställen.

Ganz anders im vom Bürgertum nur kurz beeinflußten Serbien, dort, so erzählte Alexandar Tisma kürzlich, kamen die Bauern auch weiterhin, obwohl die Nato die Städte bombardierte, regelmäßig mit ihren Waren auf den Markt: „Es gab keine Hysterie, die Bauern sagten nicht ‚Jetzt bleiben wir alle zu Hause und die anderen können Hungers sterben‘. Auch die Preise stiegen nicht. Kein Bauer sagte, jetzt kosten die Kartoffeln das Doppelte, weil ich mein Leben riskiere. Nein, er hat es als ganz normal angesehen, sein Leben im Krieg zu riskieren. So denkt kein Bürger.“ Hinzugefügt sei, dass es bereits im jugoslawischen Partisanenkrieg gegen die Deutschen eine ähnliche Solidarität gab zwischen Städtern und Bauern – wie zuvor nur im deutschen Bauernkrieg. Und die Industrialisierung begann dort auch erst ernsthaft unter der Führung der Kommunistischen Partei nach dem Zweiten Weltkrieg – ohne Bürgertum. Zuvor hatten sich Partisanen und deutsche Okkupanten gegenseitig als „Wölfe“ begriffen und gejagt, wobei die deutschen Partisanenvernichtungskommandos sich sogar selbst als „Wölfe“ bzw. „blonde Bestien“ bezeichneten.

Während Hühner als irgendwie dumm gelten.


Die nachgeholte Industrialisierung als revolutionäre Entwolfung des ländlichen Raumes, das ist das Thema des großen Romans über den russischen Bürgerkrieg „Maschinen und Wölfe“ von Boris Pilnjak 1924: „Für mich ist der Wolf – die herrliche russische Romantik, stürmisch und schrecklich wie der Bauernaufstand Stenjka Rasins…Unsere ganze Revolution ist elementar wie der Wolf. Aber diese „Elementargewalt“ muß besiegt werden – durch die Proletarisierung, d.h. Disziplinierung und Bildung der bäuerlichen Massen, mittels der großen modernen Maschinerie und unter der Anleitung von Kommunisten. Weil sich im russischen Bürgerkrieg wie im 30jährigen Krieg die Wölfe unmäßig vermehrt haben und ganze Dörfer terrorisieren, rückt eine „Kommission“ zur Vernichtung der Räuber an, bestehend aus einem Volksrichter, einem Kommissar, einem Gerber, einem Uhrmacher, einem Apotheker und einem Ingenieur. Es gelingt ihnen, 13 Wölfe zu töten, die sie auf Bauernwagen laden und mitnehmen: „…wichtig ist, wie das Dorf die Wölfe empfing,“ schreibt Pilnjak. Alles lief zusammen, um sich die toten Wölfe anzusehen, „um ihnen, so gut es jeder konnte, einen Fluch nachzuschleudern, den toten kraftlosen, ungefährlichen Wölfen. In diesen Flüchen war die ganze russische Bauernwut, Armseligkeit und Stumpfheit. – Man mußte die Wölfe verteidigen – die toten Wölfe – vor Prügelei, Fußtritten und Anspeiungen…Dieser Haß war nicht mehr menschlich, – dies war tierischer, schrecklicher Haß. Den Apotheker, den Ingenieur, den Uhrmacher, – sie alle packte Angst vor diesem Bauernhaß, diesem viehischen, feigen, erbarmungslosen Haß. Und sie waren – wenn man so sagen kann – auf seiten der toten Wölfe.  Die Intelligenzler, die sich schon wieder von Jägern zu „ganz gewöhnlichen Menschen“ gewandelt hatten, blickten in einen Abgrund.

Umgekehrt läßt Hermann Löns seine bäuerlichen Wehrwölfe aus ihrem Abgrund heraus verächtlich auf die Intelligenz blicken. Aus dem Romantitel wurde erst die Massenorganisation „Der Wehrwolf“, 1923 in Halle vom Studienrat und Hauptmann der Reserve Fritz Kloppe gegründet, versuchte dieser Verband sich bei der Verteidigung Deutschlands gegen den äußeren Feind nützlich zu machen, der Kriegsschuldlüge entgegenzutreten und seinen Mitgliedern eine Erziehung zu „Manneszucht und Verantwortung“ angedeihen zu lassen. Die meisten phantasieuniformierten Mitglieder wechselten später zur SA über. An der schleswig-holsteinischen Westküste schlossen sich einige Ortsgruppen 1928/29 aber auch der sich schnell radikalisierenden und ausbreitenden Landvolkbewegung an, von der sich die NSDAP bald distanzierte. Die Partei setzte sogar eine Belohnung aus zur Ergreifung der Bombenleger aus der Landvolkbewegung, die Landrats- und Finanzämter angriffen. Später hieß eines der Führerhauptquartiere – in der eroberten Ukraine – „Werwolf“  und noch später wurde als letztes Aufgebot ein nationalsozialistischer Partisanenverband namens „Werwolf“ aufgestellt, der hinter dem Rücken der Feinde operieren sollte. Er kam über einige Sabotageaktionen und Fememorde nicht hinaus. Sowohl die Amerikaner als auch die Russen machten mit den gefangenen Werwölfen meist kurzen Prozeß. Der Rest ging in Schieberbanden und marodierende Flüchtlingsgruppen auf.

Giorgio Agamben schreibt: „Die Verwandlung in einen Werwolf entspricht exakt dem Ausnahmezustand, während dessen (notwendig begrenzter) Dauer das Gemeinwesen aufgelöst ist und die Menschen in eine Zone der Ununterscheidbarkeit mit den Tieren geraten“. Neuerdings nennen sich einige Neonazigruppen „We(h)rwölfe“.

Der ehemalige Buchenwaldhäftling Eugen Kogon hat festgestellt, dass die ärgsten Greueltaten in den Konzentrationslagern von Bauernsöhnen verübt wurden. Theodor Adorno merkte dazu an: Diese Tatsache „richtet alle Rede von Geborgenheit; die ländlichen Verhältnisse, ihr Modell, stoßen ihre Enterbten in die Barbarei“. Als den Philosophen dieser scheußlichen Verhältnisse hat er Martin Heidegger ausgemacht, dessen „Ackerbau-Kategorien“ auch schon von Günther Anders kritisiert wurden. Heidegger schrieb, nachdem er einen Ruf an die Humboldt-Universität abgelehnt hatte: „Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt, dann ist die hohe Zeit der Philosophie. Ihr Fragen muß dann einfach und wesentlich werden“. Adorno antwortete darauf: „Ob Fragen wesentlich sind, darauf läßt allenfalls nach der Antwort sich urteilen, es läßt sich nicht vorwegnehmen und schon gar nicht nach dem Maß einer meteorologischen Ereignissen nachgebildeten Einfachheit…Heidegger aber unterstellt prästabilierte Harmonie zwischen wesentlichem Gehalt und heimeligem Geraune. Es soll damit der Verdacht übertäubt werden, der Philosoph könnte ein Intellektueller sein und seine philosophische Arbeit die abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Stattdessen gehört sie laut Heidegger „mitten in die Arbeit der Bauern“. Man möchte dazu „wenigstens deren Meinung erfahren,“ schreibt Adorno, „Heidegger bedarf ihrer nicht. Denn er sitzt ‚zur Zeit der Arbeitspause abends mit den Bauern auf der Ofenbank…oder am Tisch im Herrgottswinkel, dann reden wir meist gar nicht. Wir rauchen schweigend unsere Pfeifen‘.“  Es geht hierbei nicht nur um den Blubo-Philosophen, denn sein „hohler Jargon korrespondiert mit der Dauerkrise der kleinbäuerlichen Betriebe, „deren Fortexistenz einzig jener Tauschgesellschaft zu verdanken ist, der ihr Grund und Boden dem bloßen Schein nach enthoben ist; vorm Tausch haben die Bauern nur noch ein Schlechteres voraus, die unmittelbare Ausbeutung der Familie, ohne die sie bankrott wären…Wer durch die Gestalt seiner Arbeit zum lokalen Verharren gezwungen ist, macht gern aus der Not eine Tugend und sucht sich und andere davon zu überzeugen, seine Gebundenheit sei eine in höheren Ordnungen. Schlechte Erfahrungen des dauernd von Zahlungsunfähigkeit bedrohten Bauern mit Zwischenhändlern bestärken ihn darin. Der Haß des gesellschaftlich Unbeholfenen, womöglich nicht Zugelassenen auf den Geschliffeneren und Umgänglicheren als den Hans Dampf in allen Gassen eint sich mit dem Widerwillen gegen den Agenten, vom Viehhändler bis zum Journalisten.  Adorno steht mit dieser Einschätzung der Bauern als reaktionär und antisemitisch in der linken Tradition. Erst spät und dann auch nur halbherzig haben SPD und KPD das Kleinbauerntum und das Landproletariat als Bündnispartner der Arbeiterbewegung entdeckt und angesprochen.

Noch zu DDR-Zeiten hat der schleswig-holsteinische Bauernagitator und spätere Schriftsteller Bodo Uhse dies seiner Partei, der SED, vorgeworfen. Andererseits gibt der Wesermarschbauer Arne Thomsteeg, den die nachkriegsgewendete Agrarbürokratie von seinem Hof vertrieb, in einem über ihn 1999 erschienenen Buch der „Edition Bauernstimme“ zu bedenken, daß nicht nur die als KZ-Wächter eingesetzten Jungbauern, sondern auch „die landwirtschaftlichen Sonderführer in den von Deutschen besetzten Gebieten die schlimmsten waren…Es tut mir leid, daß ich das sagen muß. Auch bei den Soldaten war das so. Die, die aus der Landwirtschaft kamen, waren die unkameradschaftlichsten.  Nach dem Scheitern der Landvolkbewegung waren die Bauern sofort mehrheitlich der völkisch-rassistisch und antisemitisch werbenden NSDAP anheimgefallen, die aus ihnen einen neuen deutschen Adel formieren wollte, wie der Reichsbauernführer Walther Darré versprach: ein Adel, der in einem kämpferischen Germanentum verwurzelt ist – aber als solcher endlich frei, und zwar vor allem von humanistischen Skrupeln: „Die Freiheit, die die germanischen Krieger genießen, sagte Michel Foucault in seiner Vorlesung 1976, „ist wesentlich eine egoistische Freiheit, eine der Gier, der Lust auf Schlachten, der Lust auf Eroberung und Raubzüge…Sie ist alles andere als eine Freiheit des Respekts, sie ist eine Freiheit der Wildheit…Und so beginnt dieses berühmte große Porträt vom ‚Barbaren‘, wie man es bis zum Ende des 19.Jahrhunderts und natürlich bei Nietzsche finden wird – den die Nationalsozialisten dann zu ihrem biopolitischen Vordenker erklären. Wobei ihre „Transformation aus der Absicht der Befreiung die Sorge um (rassische) Reinheit werden läßt. Diese letzte Bemerkung von Foucault, die er auch auf die Sowjetunion münzte, gipfelt in der Frage: „Was gibt es (überhaupt) in der Geschichte, was nicht Ruf nach oder Angst vor der Revolution wäre?  Daraus erklärt sich vielleicht auch die Dialektik von Bauern- Selbstbefreiung, Scheitern und Verwehrwolfung.

Mir drängte sich diese das letzte Mal 1990 auf dem letzten ostdeutschen „Bauerntag in Suhl auf, wo der westdeutsche Präsident des Bauernverbandes von Heeremann auftrat, der den ostdeutschen LPGen nur den Charakter einer „Übergangslösung zubilligte und zudem auf die Rechte der ehemals Bodenenteigneten bestand…Aber „mit gebremstem Schaum und Gottvertraun“ seien die damit verbundenen „Probleme“ alle lösbar. Ein LPG-Vorsitzender verstand ihn auf Anhieb – so:  „Wir müssen wieder wie die Wölfe werden! – riet er der Versammlung. Entsetzt fragte daraufhin die Agrarjournalistin des Neuen Deutschland auf der anschließenden Pressekonferenz den gerade gewählten neuen Präsidenten der ostdeutschen Bauernvereinigung VdGB, ob jetzt nicht eher „Solidarität“ notwendig sei – statt Wölfischwerden. „Faire Partnerschaft“ (mit den Verbänden und Raiffeisengenossenschaften im Westen) sei damit gemeint gewesen, präzisierte der ansonsten noch ganz sprachsuchende neue Ost-Bauernführer, dessen Vereinigung wenig später schon dem westdeutschen Bauernverband wich.

Jetzt, da die aus der Stadt Zugezogenen  hierzulande bereits die Mehrheit in den meisten Dörfern stellen – und nun den Bauern ihre Lebensweise aufzwingen, machen sich immer mehr Schriftsteller daran, die letzten Reste bäuerlichen Lebensgemeinschaften zusammenzukratzen – und literarisch zu verwerten. Dazu zählt auch die schnell wachsende Zahl von Agrar- und Dorfkrimis.

Gänse und Schwäne sollen von den Seelen der Verstorbenen nicht unbeeindruckt sein – im ersten Augenblick.


Ein Dorfkrimi, der ähnlich wie die Romane von Godazgar und Gercke mit der Privatisierung in der Wende, seinen Anfang nahm, ist die „True-Crime-Story“ des Rostocker NDR-Reporters Michael Schmidt: „Der Krieg in Passee“ – einem Dorf in Mecklenburg. Bei der  Nacherzählung dieser Geschichte kann ich mich auf eigene Recherchen vor Ort verlassen:

„Leben – Erholen – Investieren“ (Motto der Wirtschaftsförderung Mecklenburg-Vorpommern)

„Es ist wichtig, daß man nach Lösungen sucht, damit die Leute Beschäftigung finden. Der Aufhänger, den hier der Bürgermeister gefunden hat, ist besonders vielversprechend“, meinte der Sozialminister von Mecklenburg- Vorpommern, als er den 11. ostdeutschen „Haustierrasse-Schutzpark“ – in Passee-Tüzen – eröffnete. Mittels 17 Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und 1,5 Millionen Mark Sachkosten hatte der ehrenamtliche Bürgermeister Adolf Wittek – als ABM-Projektleiter – seit 1993 ein 40-Hektar-Gelände hinterm Dorf umgestalten lassen. Ein Gutsgebäude in Tüzen wurde zu einer Stallanlage umgebaut, nebendran errichtet ein Ehepaar aus Thüringen ein Restaurant. Die Gemeinde Passee hat drei Tierpfleger angestellt, die Entwicklungsträger-Gesellschaft Kühlung-Salzhaff bezahlt das Leitungsgremium: Ein Tierarzt, eine Agraringenieurin und den gelernten Kellner Wittek. Das „Park-Informationssystem“ entwarf die schwindende Kunstschule Heiligendamm, die Ausrichtung des Eröffnungsfestes besorgte die prekäre Beschäftigungsgesellschaft „Musower Landschaft“.  Der Landrat meinte in seiner Eröffnungsrede, daß das berühmt gewordene Dorf Passee mit diesem „Projekt“ hoffentlich erneut – „aber diesmal anders“ – in die Schlagzeilen gerate.

Er spielte damit auf das Wirken des Bad Schwartauer Maklers Christoph Wöhlcke und dessen Lübecker Rechtsanwalt Eckhard Tribess an, das seit 1991 die Gemeinde und seine 250 Einwohner buchstäblich in Atem hält. Es begann – harmlos – damit, daß Wöhlcke von einer Erbengemeinschaft für 60.000 Mark elf Hektar Land im Ortskern von Passee erwarb: für 52 Pfennig pro Quadratmeter. Das Grundstück hatte zu DDR-Zeiten bereits die LPG für 10.000 Mark gekauft, es jedoch nicht ins Grundbuch eintragen lassen. 1972 war dort mit Baugenehmigung eine Kläranlage und die Gemeindeverwaltung mit Post, Arztstation und Konsum errichtet worden. Außerdem hatte die LPG einen Bauernhof in ein Zweifamilienhaus umgebaut, und privat war eine Garage auf dem Grundstück errichtet sowie ein Obstgarten angelegt worden.

Als Wöhlcke dem Bürgermeister einen Mietvertrag für das öffentliche Gebäude präsentierte, ging dieser zunächst von einem Mißverständnis aus: „Wir hatten dafür doch schon zu DDR-Zeiten mit unseren Steuern gezahlt!“ Das war allzu naiv gedacht, denn dem nun auch in Passee geltenden westdeutschen Recht war diese Eigentumskonstruktion – die Trennung von Grund und Gebäuden – fremd. Da im Einigungsvertrag keine Überleitungsregeln dafür geschaffen worden waren, mußte mittels „Vermögensrechtsänderungsgesetz“ und „Sachenrechtsbereinigungsgesetz“ nachgebessert werden – und das dauerte. In der Zwischenzeit versuchten die mecklenburgischen Richter, zumeist Leihbeamte aus dem Westen, „business as usual“ durchzusetzen.

Der regelmäßig seinen neuen Passeer Grundbesitz inspizierende Wöhlcke steigerte seine Mietforderungen schließlich auf 12.000 Mark monatlich für das Mehrzweckgebäude und 15.500 für die Kläranlage. Vom Konsum, der seit der Wende von der Frau des Bürgermeisters, Regina Wittek, betrieben wird, verlangte er 5.000 Mark. Und weil er auf eigenem Grund und Boden machen könne, was er wolle, ließ er später die Garage niederreißen und die Obstbäume fällen.    Während der Zweckverband in Wismar, als Betreiber des Klärwerks, sich bemühte, im Zuge eines Flurneuordnungsverfahrens nicht nur Nutzer, sondern auch Eigentümer des Grundstücks zu werden, versuchte Wöhlcke, für den dieses Ansinnen „Kommunismus in reinster Form“ war, gerichtlich das Nutzungsentgelt einzutreiben.

Unterdes betonierte ein großer „Unbekannter“ das Ablußrohr des Klärwerks zu und beschädigten den Bagger des Zweckverbands, der die Anlage in Passee schließlich von einem Nachtwächter schützen ließ. Als dieser eines morgens mit seinem PKW nach Hause fuhr, wurde er von Wöhlcke verfolgt, der das Auto des Nachtwächters rammte. Wenig später schlug Wöhlcke auch noch den Bürgermeister zusammen, als der trotz mehrmaligen Verbots, das Grundstück zu betreten, des Maklers vermeintlich unerlaubte Anwesenheit am Klärwerk zu photographieren versuchte. Just am Tag, als die Gemeinde Passee ihr 675jähriges Bestehen feierte, ließ Wöhlcke den Lebensmittelladen von einer Gerichtsvollzieherin, die zwanzig Polizisten mitbrachte, zwangsräumen. Frau Wittek ging daraufhin auf den Makler los. Auch die Dorfbewohner griffen ein: Mit Wäschekörben organisierten sie auf die Schnelle den Umzug des Konsum in das leerstehende LPG-Kulturhaus auf der anderen Seite des Dorfplatzes. Wöhlcke vermietete später „seinen“ Laden an die einzige CDU-Vertreterin im Gemeinderat: Anita Zielinski, die jedoch bald Konkurs anmeldete und wegzog.

Die Passeer hängten ein Transparent über die Straße: „Wöhlcke konnte den Laden erringen, aber uns wird er niemals bezwingen.“  Im Herbst 1992 ließ Wöhlcke die Zufahrt zum öffentlichen Parkplatz neben dem Gemeindebüro mit einer Schranke und einem Vorhängeschloß blockieren. Nachdem einige Passeer diese Sperre beseitigt hatten, verübten Unbekannte zwei Anschläge mit Buttersäure auf Witteks Wohnhaus und den Lebensmittelladen. Obwohl „ziemlich geschockt“ lehnte der Bürgermeister jedoch das Ansinnen einiger Passeer, nun eine „Bürgerwehr“ aufzustellen, ab. Der Lübecker Nachrichten erzählte Wöhlcke: Bisher sei stets er das Opfer von Anschlägen gewesen. So hätten Unbekannte die Scheiben seines Ladens beschmiert und zehnmal die Sicherheitsschlösser mit Klebstoff unbrauchbar gemacht.  Im Sommer 1993 versperrte Wöhlcke erneut die Zufahrt zum Gemeindebüro – mit 4 Tonnen Kies. Wittek korrespondierte sechs Monate mit den Ämtern – „aber nichts passierte“. Schließlich ließ er den Haufen beiseite- schieben. In der folgenden Nacht besprühten Unbekannte seinen Mazda und seinen ABM-Projektleiter-Dienstwagen. Regina Wittek war laut Ostsee-Zeitung „den Tränen nahe“.

Ende 1994 stellte Wöhlcke das Wasser im Verwaltungsgebäude ab. „Wir haben sofort ein einstweiliges Verfügungsverfahren eingeleitet, aber passiert ist nichts“, so Adolf Wittek. Ähnlich sah es mit dem ehemaligen Laden seiner Frau aus: Sie konnte sich dort zwar vor dem Oberlandesgericht Rostock wieder reinklagen, aber der Laden steht bis heute leer. Den Prozeß wegen des Garagenabrisses gewann Wöhlcke zunächst. Dieser Rechtsstreit betraf auch die LPG als Bauherrin des Wohnhauses, bzw. ihre Rechtsnachfolgerin – die Öko-„LBG“: Landboden Glasin Treuhand GmbH & Co KG. Wöhlckes Rechtsanwalt Eckhard Tribess hatte dazu beim Landgericht Wismar im Genossenschaftsregister entdeckt, daß die dortige Lübecker Leihbeamtin wegen einiger Unklarheiten die von den ursprünglich 400 Genossenschaftlern übriggebliebenen 125 LBG-Kommanditisten noch nicht eingetragen hatte.

Vor Gericht trug Tribess sodann vor, alle – außer 19 von ihm vertretene Personen – hätten das LPG-Abfindungsangebot angenommen und seien damit nicht mehr Mitglieder. Die Rechtspflegerin ermächtigte ihn daraufhin, eine neue LPG-Vollversammlung einzuberufen, auf der dann 12 der 19 Personen erschienen. Sie setzten den Geschäftsführer der 100 Mitarbeiter beschäftigenden LBG ab und wählten für die „LPG in Liquidation“ einen neuen Geschäftsführer: Wöhlcke!  „Damit brach das Unglück auch über die LPG herein“, so Tribess‘ Gegenspieler, der Westberliner Anwalt Rainer Prinz.

Bereits am nächsten Tag brachte Wöhlcke die neuen Beschlüsse zur Eintragung ins Register, während Tribess in seinem Namen die Geschäftsunterlagen bei der Bank einforderte. Als Wöhlcke auf „seinem“ LPG-Betriebsgelände in Passee auftauchte, verwehrten ihm der dortige Bereichsleiter und sein Kollege den Zutritt. „Sie sind entlassen“, verkündete Wöhlcke ihnen, und als die beiden ihn vom Hof drängten, fuhr er mit dem Auto auf sie los. Das diesbezügliche Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung stellte der Richter ein, Wöhlcke zahlte je 500 DM Schmerzensgeld.

Die Passeer waren empört und sammelten Unterschriften gegen das Urteil. Zu oft waren die Gerichte bisher gegen sie gewesen, auch die Gerichtsvollzieher und Polizisten hatten zumeist eher dem westdeutschen Makler zugearbeitet, fanden sie. Um dem bedrängten Dorf wenigstens moralisch beizustehen, erklärte der Kreistag den Makler aus Bad Schwartau zur „unerwünschten Person“ im Kreis Wismar. Mehr als 30 Räumungsaufforderungen und Abrißankündigungen hatten Wöhlcke/Tribess bis dahin nach Passee geschickt. „Allein als Folge der LPG-Versammlung sind über 10 Verfahren anhängig“, bilanzierte Rechtsanwalt Prinz.

Ende 1995 gelang es ihm jedoch vor dem Oberlandesgericht Rostock, die Umwandlung der LPG in die Landboden Glasin Treuhand GmbH & Co Landwirtschafts KG für rechtmäßig erklärt zu bekommen. Tribess legte dagegen „Verfassungsbeschwerde“ ein. Auf Betreiben der Ost-SPD, die mit Passee als „Musterfall“ argumentierte, war es unterdes im Bundestag zu einem „Moratorium“ gekommen, mit dem bis zum Inkrafttreten des 3. Sachenrechts-Bereinigungsgesetzes die Rechtsverhältnisse an Grundstücken und Gebäuden bis Ende 1998 zwischengeregelt wurden.

Wöhlcke hatte den Bürgermeister inzwischen wegen „unrechtmäßiger Nutzung“ der Amtsräume auf 18.000 Mark Schadenersatz verklagt und sogar eine einstweilige Verfügung erwirkt, mit der Wittek das Betreten seines Büros verboten wurde. Wochenlang erledigte der daraufhin seine Arbeit auf der Straße, und seine Schreibkraft reichte ihm die Akten aus dem Fenster. Das Landgericht Schwerin erlaubte ihm schließlich – „mit dem Moratorium im Rücken“ – die kostenlose Nutzung seiner Amtsräume wieder. Wöhlcke drohte mit dem Bundesverfassungsgericht: „Die kostenlose Nutzung kommt einer entschädigungslosen Enteignung gleich.“

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Kreistag Wismar nannte Wöhlcke einen „Vereinigungskriminellen“. Mindestens einmal im Monat berichtete das Rostocker TV-Studio des NDR über den „Krieg in Passee“, dessen Reporter Michael Schmidt 1995 sogar ein ganzes Buch (im Weymann Bauer Verlag Leipzig) unter diesem Titel veröffentlichte.

Um das maklerfreundliche Wirken der mecklenburgischen Justiz und ihrer Organe zu kompensieren, bedachten die anderen Behörden das Dorf mit großzügiger Aufmerksamkeit: So gelang es Wittek zum Beispiel mühelos, 15 ABM-Stellen zur Dorfverschönerung bewilligt zu bekommen. Mit den Plänen für den Haustierrasse-Schutzpark ging es dann „ABM-mäßig“ weiter. Allerdings auch mit dem Bad-Schwartauer Makler, der kurz vor dem Eröffnungsfest erneut das Wasser in den Gemeinderäumen abstellte und den Bürgermeister wegen wilder Entsorgung von Bauschutt aus dem Schutzpark anzeigte. Über 100 Verfahren sind vor den Gerichten wegen Passee derzeit noch anhängig.

Gleichzeitig waren Wöhlcke und Tribess aber auch noch im Dorf Frankenberg bei Chemnitz aktiv geworden. Hier ging es um eine große Kartoffellagerhalle, die von der Holzhaus-Baufirma Klaus Eckelmann genutzt wurde, als er Schwierigkeiten mit den Vermietern bekam, las er in der Bild-Zeitung einen Artikel über den Bad Schwartauer Makler Wöhlcke, der in dem Springerstiefelblatt als „Spezialist für komplizierte Grundstücksfragen im Osten“ angepriesen wurde. Im Endeffekt bekamen Wöhlcke und Tribess die Kartoffellagerhalle in ihren Besitz und Klaus Eckelmanns Firma ging in Konkurs. Jetzt versucht er zusammen mit dem Berliner Rechtsanwalt Prinz „zu retten, was noch zu retten ist“. hierzu sind ebenfalls noch Dutzende von Verfahren anhängig.

Wöhlckes Anwalt Tribess ließ sich unterdes in den Kirchenvorstand des Lübecker Doms wählen, von wo aus er nun gegen den Rechtsradikalismus, besonders im Osten, vorgehen will, wie er der Presse mitteilte.

Und stellt man sich nicht tatsächlich die Seele im Moment ihres Abflugs so vor?

Da oben! Seht ihr sie nicht, ihr kleinen Dussels?


Anmerkungen:

(*) Oder „Countryclub“ bzw. „Landbordell“. Das Landbordell „Casablanca“ z.B. liegt etwa 40 Kilometer von Hannover entfernt in der Heide – abseits der Bundesstraße in einem Wäldchen, weswegen es dort so gut wie keinen Durchgangsverkehr gibt, d.h. es lebt vorwiegend von seinem Stammpublikum. Und das sind in der Mehrzahl Bauern bzw. Nebenerwerbslandwirte. Der Besitzer, Adi, spricht von einem „Insidertreff“ , aber das ist Unsinn, denn in Wirklichkeit haben die „Mistbauern“, wie Alice sie nennt, bloß die meisten anderen Gäste vergrault – selbst die wenigen Knechte, die es in der Gegend noch gibt, erst recht die Saisonarbeiter: Polen und Rußlanddeutsche. Die sollen mit ihren Hungerlöhnen nämlich nicht mitbekommen, welche Unsummen die Bauern im Cacablanca verballern – wenn es sie mal wieder „juckt“, wie sie das nennen. Einer, Johann, hat sogar seinen ganzen riesigen Heidehof hier verpraßt. Seine Frau hatte ihn verlassen und er schaffte daraufhin seine Kühe ab. Stattdessen baute er Stallungen  und Scheune zu einer Schweinemastanlage um – mit automatischen Fütterungsanlagen und allem drum und dran. Das kostete ein Vermögen, aber dafür konnte er dann seine Landwirtschaft fast alleine schmeißen. Wenn die Schweinepreise stiegen oder wenn er Gesellschaft brauchte, fuhr er mit seinem alten Diesel ins Casablanca – und das immer öfter, denn er verliebte sich dort irgendwann in Lisa, die eigentlich Olga hieß – und aus Odessa stammte. Sie hatte zuvor in Freiburg eine richtige Sex-Schulung absolviert – und ihn dann regelrecht verhext. Sie sah aber auch sehr gut aus: mit hohen Brüsten und tiefer Stimme. Irgendwann überredete sie ihn zu einem gemeinsamen längeren Ausflug: Sie wollte unbedingt die Alpen sehen.

Und Johann fuhr eines morgens auch mit ihr los – bis nach Tirol. Währenddessen verreckten ihm zu Hause seine ganzen Schweine. Sie verhungerten nicht, sondern erstickten im Mist. Es waren Einstreuställe, in denen der Mist immer höher wuchs, mehrere Meter, bis der jeweilige Besatz verkauft wurde. Erst dann wurden die Boxen bis auf den Grund entmistet – und die Mast ging wieder von vorne los. Johann mußte Konkurs anmelden: sein 300 Jahre alter Familienbetrieb kam unter den Hammer – und er verschwand aus der Gegend. Angeblich soll er sich umgebracht haben. Auch Lisa verdrückte sich bald danach. Die Stammgäste gaben ihr die Schuld. „Sie war eine Nummer zu groß für Johann und hat das ausgenutzt“, meinten sie. Irgendjemand erzählte dann, daß sie in Hamburg Anschaffen ginge. Ein ähnliches Kaliber wie sie war Aila – eine Zigeunerin aus Bulgarien: groß und schlank, mit goldenen Ohrringen. Sie saß meist gelangweilt an der Theke und sagte nicht viel, animierte auch niemanden zu einem Piccolo oder „Hawai-Gelumpe“, wie die Bauern die Cocktails von Rosi, der Bardame, nannten, die Adis rechte Hand war und mehr als er den Laden in Schuß hielt, d.h. auf Anstand und Ordnung achtete – bei den Mädchen ebenso wie bei den Gästen.

So sorgte sie beispielsweise nach der letzten Schlägerei dafür, daß die Bundeswehr fortan Lokalverbot im Casablanca hatte. Sie brauchte Adi nicht lange zu überreden: der hatte in den Sechzigerjahren selber gedient und haßte seitdem den Bund – insbesondere alle Unteroffiziere, selbst die englischen, die großzügig und harmlos waren, wenn sie sich mal nach einem Manöver ins Casablanca verirrten, wo sie an sich kein Lokalverbot hatten. Auch für Neonazis war der Puff tabu. Und das kam so: Einer, Mike, hatte eine der Russinnen – damals verdrängten die Russinnen gerade die ganzen Thaimädels – überredet, sich ein „Tattoo“ machen zu lassen. Sie war richtig scharf darauf, nachdem Mike ihr seinen neuen bunten Drachen am Oberarm gezeigt hatte. Er schleppte sie in ein Tätowierstudio nach Hameln. Sie wollte ein kleines Einhorn mit ihrem Namen darunter – Natascha – auf die rechte Arschbacke haben. Mike, das Schwein, hatte jedoch vorher den Tätowierer bestochen – und der machte ihr stattdessen ein Hakenkreuz mit dem Namen Guderian drumherum. Natascha verzweifelte schier – als sie das sah. Sie war so deprimiert, daß sie nicht mehr arbeiten konnte. Adi lieh ihr eine größere Geld-Summe und sie fuhr nach Hause – nach Perm. Dort wollte sie das Tattoo wieder entfernen lassen. Irgendwie bekam das eine Journalistin der dortigen Zeitung „Roter Stern vom Ural“ mit – und die schrieb darüber einen langen bösen Artikel, den Natascha nach ihrer Rückkehr den Mädchen im Casablanca zeigte. Die Überschrift lautete: „Jetzt fallen die Splitter des Dritten Reiches auch auf unser Territorium und in unsere Herzen“. Im Text war davon die Rede, daß die Deutschen nicht einmal davor zurückschrecken würden, die schönsten und besten Uralerinnen fertig zu machen. Es würde sich dort in der Bevölkerung bereits eine Zeitbombe auf Haß und Frust zusammenbrauen.

Als Adi und Rosi sich den Artikel übersetzen ließen, waren sie so geschockt und auch angsterfüllt, daß vielleicht irgendwelche Rachekommandos aus Perm im Casablanca auftauchen könnten, daß sie sofort anfingen, alle Neonazis aus dem Laden zu vergraulen. Was den Bauern nur recht war, denn diese jungen Glatzen hatten mehr Schlag bei den Frauen, obwohl sie kaum Geld besaßen. Aber die Russinnen, und auch die Bulgarinnen, die wenig später eintrudelten, waren und sind sehr romantisch eingestellt. Bis auf Aila, die Zigeunerin, der vor allem das Kobern am Herzen lag: Für 50 Euro zog sie im Bett nicht einmal ihren Pulli aus – dazu brauchte es weitere 50 – und dann bettelte sie so lange „Gib noch mal 50 und ich blas dir einen, daß du mich nie mehr vergißt“, bis der Freier am Ende für eine lausige Nummer 150 bis 200 Euro abdrückte – und schlecht gelaunt abspritzte. Während Aila danach total aufdrehte: sich vor dem Spiegel drehte und wendete und mit dem Arsch wackelte, dabei sang und lachte und den Freier schlußendlich zum Mitduschen aufforderte. Manchmal besserte sich dadurch auch die Stimmung ihres Kunden. Aber sie hat nie einen zwei mal abschleppen können – außer den Rübenbauer Heinzi: Wenn der besoffen war, brauchte sie ihn bloß in den Schritt zu packen – er hat nur einen Hoden – und sofort ging er mit ihr aufs Zimmer. Auf die Dauer reichte das aber natürlich nicht, zumal sie ihrer Familie in Varna regelmäßig Geld schicken mußte oder wollte. Irgendwann verschwand sie aus dem Casablanca. Niemand weinte ihr eine Träne nach, nicht einmal die anderen Bulgarinnen.

Ärger gab es auch einmal mit Alice, eine Oberschlesierin und Akademikerin: Sie sagte zu einem Freier, mit dem sie in einer der Anwärmkojen vor der Videoleinwand im Nebenraum saß: „Du stinkst, scher dich zurück in deinen Kuhstall!“ Er war ein Rübenbauer, Hans, der gar kein Vieh mehr besaß und überhaupt ein guter Mensch ist. Er schlich daraufhin tatsächlich aus dem Laden und nach Hause. Alice, die manchmal mies drauf ist und dann alle Männer hasst, bekam danach ein so schlechtes Gewissen, daß sie es schaffte, Hans, der verheiratet war, eine schriftliche Entschuldigung zukommen zu lassen. Sie konnte sowieso reden wie ein Buch – und hat sogar mal eins geschrieben: über Prostitution. Adi entdeckte es durch Zufall in einer Buchhandlung in Hannover – und kaufte es. Er verstand jedoch kein Wort, obwohl er nicht blöd ist: es war Alices Doktorarbeit in Linguistik. Sie hat schon mehrmals einen Freier abgewiesen, wenn auch höflich, was aber auch ungewöhnlich ist. Das mit Hans war jedoch ein einmaliger Ausraster. An sich ist sie nämlich der Meinung: „Wenn man diesem Job nicht wenigstens ein bißchen was abgewinnen kann, dann muß man es sein lassen. Sonst verdient man nämlich nichts oder geht dabei drauf“. Hans hat ihr bald verziehen, meidet sie aber seitdem. Die anderen Stammgäste mögen jedoch ihren schlesischen Intelligenzler-Charme und ihre gelegentlichen Gemeinheiten. Überhaupt dürfen die Frauen im Casablance nicht zimperlich oder etepitete sein, denn manchmal geht es dort nicht nur mit Worten hart zur Sache. Der Lieblingsspruch der Bauern lautet: „Lot die Plünnen ruhig an, dor brackern wir so een dör!“ Und dann lachen alle. Auch die Mädchen, d.h. den Russinnen und Bulgarinnen mußte man das anfangs noch übersetzen. Jetzt verstehen sie schon längst Platt.

Es hat dort quasi eine natürliche Auslese stattgefunden: Die Frauen, die sich nicht kumpelhaft drücken und knuffen lassen und keine derben Witze mögen, sind schnell wieder in die Stadtbordelle zurückgegangen, wo die Freier oft so schüchtern sind, daß die Mädels dort fast alles mit der rechten Hand abwickeln können, so erzählte jedenfalls Galina aus Lwow, die in Berlin Anschaffen ging, bevor sie im Casablanca anfing – mit einer verbundenen Hand: „Ich habe eine Sehnenscheidenentzündung,“ erklärte sie Adi, „das geht aber wieder weg. Ich war nur zu gierig und wollte unbedingt das Weihnachtsgeschäft mitnehmen. Dabei habe ich zu vielen Männern einen gewichst“. Den Tip mit dem Casablanca hatte sie im übrigen auch in Berlin bekommen – und zwar von Christian, Ulli und Klaus-Dieter: drei Nebenerwerbslandwirte, die an sich auf dem Bau arbeiten, aber eine Landmaschinen – und vor allem Treckermacke haben. Sie fahren mit ihren dicken „Fendt-Farmer“ sogar ins Casablanca. Einige Vollerwerbsbauern unken, daß sie nichts anderes damit machen. Jedenfalls besuchen die drei – wie auch etliche andere Gäste – jedes Jahr die Grüne Woche in Berlin, um dort die neuesten Treckermodelle zu studieren. Christian und Klaus-Dieter, die unverheiratet sind, haben auch schon mehrmals einige Mädchen aus dem Casablanca auf die Messe mitgenommen – d.h. eingeladen. Das war nicht billig. Sie mußten die Frauen von Adi regelrecht leasen. Umgekehrt lernten die drei in einem Berliner Bordell einmal Galina kennen und überredeten sie, mit ihnen in ihr gemütliches Landbordell nach Niedersachsen zu kommen. Galina kam aber zunächst nur für ein paar Tage, um sich dort erst einmal einen Einblick in die Umstände und Umsätze zu verschaffen. Dann fuhr sie wieder zurück, weil sie in Berlin wie gesagt noch schnell das Weihnachtsgeschäft mitnehmen wollte.

Im Casablanca ist Weihnachten nicht viel los: die meisten Stammgäste sitzen zu Hause unterm Tannenbaum – und die Mädchen im Puff ebenfalls: Sie stellen ihren Plastikbaum neben den Spielautomaten auf und schmücken ihn – auf russische Art, d.h. er muß so bunt und vollbehängt sein, daß es „richtig knallt“, wie sie sagen – mit Uhren, billigem Schmuck, kleinen polierten Äpfeln, Bergen von Lametta usw.. Als die Thaimädchen noch die Majorität im Laden hatten, gab es so etwas nicht. Auch die deutschen Mädchen verwendeten ihre Energie lieber darauf, Adi oder Rosi zur Feier des Tages umsonst Drinks rauszuleiern – bis sie alle angeschickert waren und Weihnachtslieder sangen oder depressiv wegsackten. Singen können die Russinnen und Bulgarinnen auch, sogar noch besser und in nüchternem Zustand. Seltsamerweise sind viele ihrer Weihnachtslieder mit den deutschen identisch, so daß sie alle zusammen singen können. Am ersten und zweiten Weihnachtstag spielt dann – wie an vielen Sonn- und Feiertagen – die Countryband „White Wolves“ aus Nienburg im Casablanca und Eunice, die einzige Schwarze im Laden, sie kommt aus Ghana, tanzt dazu. Sie tanzt aber auch sonst gerne. Und auf besonderen Wunsch strippt sie sogar dazu – gegen Bezahlung in großen Scheinen. Diesen Wunsch haben die Gäste oft, denn Eunice hat den schönsten Arsch von allen.

Zwei mal im Monat ist Adelstag, dann tanzt nicht nur Eunice. Die Adligen, das sind zwei Brüder, Spargelbauern, die Adel mit Nachnamen heißen. Manchmal bringen sie noch einen Kumpel mit, der Lutz heißt, eine Blaubeerplantage hat und einen Cadillac-Leichenwagen fährt. Damit wird er nie angehalten, meint er, und fährt deswegen auch besoffen. Bisher hat er recht behalten. Allerdings kennt er auch die meisten Sheriffs in der Gegend persönlich – und wenn die ihn als fahruntüchtig einschätzen, schicken sie ihn bloß auf dem kürzesten Weg – über die Feldwege – nach Hause. Lutz und die zwei Adels-Brüder trinken und feiern im Casablanca meist oben auf den Zimmern, weswegen die anderen Stammgäste sie für „arrogant“ halten. Aber bei den Frauen sind sie beliebt: sie lassen jedesmal eine Menge Kohle da und sind in sexueller Hinsicht nicht sehr anspruchsvoll, ja sogar höflich und pflegeleicht. Manchmal reicht es ihnen schon, unter den aufmunternden Rufen und Gesten der Mädchen sich selbst einen runter zu holen. Und anschließend tragen sie sogar die leeren Sektkübel nach unten, zahlen ihre Zeche bei Rosi an der Bar und verschwinden wieder. Als ob sie ein schlechtes Gewissen hätten.

Die anderen Stammgäste haben das manchmal auch, aber nur, wenn sie mal wieder pekuniär über die Stränge gehauen haben. Und dann grämen sie sich zu Hause, d.h. sie meiden das Casablanca für eine Weile. So lange, bis ihre Kumpel sie überreden, doch wieder mitzukommen. Meistens schenkt Adi ihnen dann erst mal einige Runden auf Kosten des Hauses ein, bis sich die alte Gemütlichkeit wieder einstellt. Auch die Mädchen lassen gelegentlich mit sich handeln, gehen sogar umsonst auf irgendein Dorffest mit oder in ein schniekes Restaurant in der Stadt. Dies gilt insbesondere für die beiden Weißrussinnen, Lena und Ludmilla, die vom Land kommen und sich was darauf zugute halten, daß sie ein Händchen für Bauern haben. Lena ist sogar mit einem Milchbauern scheinverheiratet, den sie dafür regelmäßig umsonst „verwöhnt“, d.h. er zahlt ganz normal, aber sie steckt ihm anschließend das Geld wieder heimlich zu. Er, Ludwig, verdient weniger als sie, und ewig muß sie sich seine Klagen über die Molkerei anhören. Auch über „Brüssel“ und die „Schikanen der Grünen“ kann er stundenlang lamentieren. Lena hat auf diese Weise schon fast fließend Deutsch gelernt.Umgekehrt nervt sie seitdem alle Mädchen mit ihren Kenntnissen der EU-Agrarpolitik.

In der selben Molkerei, die Ludwig mit seiner Milch beliefert, arbeitet Jens – ein ehemaliger Milchbauer, der seinen Hof aufgeben mußte und den daraufhin seine Frau verließ, weil sie fortan nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten konnte und die beiden sich deswegen auch nichts mehr zu sagen hatten, wie sie meinte – seitdem er in der Fabrik war und sie zu Hause, wo es nur noch ein bißchen Geflügel zu versorgen gab. Jens gehört seitdem ebenfalls zu den Stammgästen des Casablanca, wo er sich des Mitgefühls der Bauern sicher sein kann. Sie sind nicht nur immer an Berichten aus Abnehmerbetrieben hochinteressiert, sondern sehen in ihm auch eine ihnen möglicherweise selbst drohende Zukunft, wenn er von der eintönigen Fließbandarbeit und  entwürdigenden Akkordlöhnen erzählt, die von staatswegen verboten gehören. Wenn die Bauern über ihren langen Arbeitstag stöhnen, entgegnet er ihnen: „Wie gerne würde ich ganze Nächte durch dreschen, wenn ich nur wieder mein eigener Herr wäre“. Auch das hören sie gerne. Und es ist nicht falsch, denn wie oft kommt es vor, daß einer der Stammgäste vom Feld weg mal eben einen Abstecher ins Casablanca macht, um auf die Schnelle eine Nummer zu schieben oder nur um zu kucken, ob einer seiner Kumpels dort gerade ebenfalls eine Pause macht. Wenn ja, dann kann die Arbeitsunterbrechung unter Umständen Stunden, bei schlechtem Wetter sogar Tage dauern.

Der Erntekapitän, Jörn, der so heißt, weil er mehr Maschinen als Hektar hat und von deren Vermietung lebt, schläft sogar im Sommer manchmal in einem der Zimmer der Mädchen und schwingt sich dann von da aus morgens wieder auf seinen Bock, um weiter zu arbeiten. Das Casablanca ist für alle solche landwirtschaftlichen Eventualitäten und Spontaneitäten  gerüstet – und hat deswegen zu jeder Jahres- und Tageszeit quasi durchgehend geöffnet, auch über die Weihnachtsfeiertage, angeblich nur der Mädchen zuliebe.

Photo: natur.de

(**) Es seien hier noch zwei weitere Romane erwähnt, in dem sich Schüler der Zwangsgemeinschaft Schul- bzw. Abitursklasse, Jahre nachdem sie sich in alle Winde verstreut hatten, freiwillig wiedertreffen:

1. Der  holländische Regionalkrimi „Klassentreffen“ von Simone van der Vlugt, in dem es um eine ermordete Mitschülerin geht.

2. Der  autobiographische Roman „Das Klassentreffen“ des Pekinger Schriftstellers Hei Ma. Er handelt von einer städtischen  Schulklasse, die zu der so genannten  „verlorenen Generation“ Chinas zählt, weil man sie – in diesem Fall ihr einstiger Klassenlehrer – während der Kulturrevolution für lange Jahre aufs Land geschickt hatte. Damit sollte der Unterschied zwischen Stadt und Land zum Vorteil für beide Seiten nach Art kommunizierender Röhren angeglichen werden.

3. In dem Voralberg-Krimi des Imkers und Chemikers Christian Mähr ist an einer Stelle davon die Rede, dass es mehrere „Cliquen“ in der Klasse gab, die miteinander kaum etwas zu tun hatten. „Nach der Schule lief alles sofort auseinander, die gegenseitigen Abstände vergrößerten sich weit über Sichtweite hinaus – aber zu den Klassentreffen kamen dann doch fast alle und ließen eine Gemeinschaft hochleben, die in dieser Form nie bestanden hatte.“

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(***) Als „True Crime Story“ befaßt sich u.a. das Buch „Peanuts aus Halle“ der beiden ostdeutschen Journalisten Peter F. Müller und Wolfgang Sabath mit „Vereinigungskriminalität“, konkret: mit einer Sparkassenfiliale auf dem Dorf bei Halle, die von betrügerischen Investoren ausgeplündert wurde, wobei es den Autoren weniger um den kriminellen als den realsatirischen Aspekt an dem Fall geht.

Photo: flickr.com

(****) Eine etwas realistischere Schilderung eines „Künstlerdorfes“ – Ahrenshoop: des Ost-Pendants zu Worpswede – findet sich in dem „Ostsee-Krimi“ von Peter Godazgar: „Unter freiem Himmel“:

„Mährleins Sohn wohnte in Ahrenshoop, jenem Ort, der in Reiseführern stets als Künstlerkolonie beschrieben wird…Wie immer, wenn er so viel Idylle sah, fragte er sich, was hinter den Mauern vor sich ging. Mährleins Sohn wohnte in einem großen reetgedeckten Fachwerkhaus. Das Dach war mit Moos überzogen. An der Straße lud ein Holzschild mit der Inschrift ‚Kunst und Keramik‘ Kundschaft zum Besuch ein, über der Schrift war ein gelbes Gefäß eingeritzt, unter der Schrift ein blauer Fisch. Vor dem Haus waren zahlreiche Kunstgegenstände platziert, außerdem alte Fischernetze und Reusen, ein vergammelter Sattel, eine olle Milchkann, Schaufeln und andere Gartengeräte, ein verrostetes Stahlgestell, an dem Blumentöpfe angebracht waren.“

Und was der Besitzer des Campingplatzes, auf dem die Romanhandlung spielt, zu dem dort zeltenden Privatermittler über sein Dorf, in dem er Bürgermeister ist, und über die touristische Entwicklung der Küstenregion sagt, das gilt ähnlich auch für Worpswede: „Die pressen aus der Ostsee raus, was nur geht.“

Aus meinen Worpswede-Recherchen sei noch hinzugefügt:

In diesem ehemaligen Dorf lebten so lange derart viele Künstler, die sich von der Moorlandschaft  inspirieren ließen, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg selbstbewußt  genug waren –  als eine der ersten Bürgerinitiativen in der neuen Bundesrepublik,  den Widerstand gegen alle „Projektpläne“ zu organisieren.

Carl Einstein nannte speziell die „nordische Kunst“ der berühmten Moormalerin Paula Becker-Modersohn, aber auch die Werke ihrer Kollegen im Dorf verächtlich „Worpswederei“. Heute wird der „staatlich anerkannte Erholungsort“ am Weyerberg mit dem weiten Himmel überm Teufelsmoor täglich von einigen tuasend Touristen besucht. 130 Künstler leben nun dort sowie 70 Millionäre. Worpswede wimmelt von „Museen, Kunsttreffs, Galeriepassagen und Malschulen“. Es ist wohl der einzige deutsche Ort, in dem am zentralen Parkplatz statt eines Gebührenautomaten ein Bronzebuddha lacht. Noch immer gilt hier die These des ersten „Verschönerungsvereins“: Je mehr Kunst desto weniger Polizei! (Die öffentliche Toilette ist doppelt so groß wie die Wache.) Es gibt ferner zwei kreative Managerschulungszentren und zwei Bordelle, eins für leitende Angestellte und eins für Freischaffende, sowie zwei Atelierhäuser: eins von oben (vom Land) und eins von unten (vom Gatten einer Künstlerin) initiiert: Martin Kausche. Die gesamte Dorf-Atmo wird von humanistisch-musisch gebildeten Frauen mit grauen Haarsträhnen geprägt, die sich nun nach Ehe und Kinderaufzucht voll der Selbstverwirklichung widmen. Erwähnt sei die Worpsweder Lampenfabrikantin Barbara Lippold, die gerade – mit 61 – eine Töpferlehre begann.

Die markantesten Gebäude wurden in den zwanziger Jahren im Auftrag des Kaffee-HAG-Gründers und Erfinders des coffeinfreien Kaffees Ludwig Roselius vom Bildhauer Bernhard Hoetger entworfen, der erst für die Arbeiterbewegung künstlerisch tätig war und sich dann – vergeblich – Hitler andiente.

Während der Gründer der Künstlerkommune, Heinrich Vogler, nach Rußland auswanderte, wo sein Sohn Jan eine ML- Professur bekam, wurde sein Mitkommunarde Uphoff während der Nazizeit „Kulturwart“ vor Ort, und der „erste Worpsweder“, Fritz Mackensen, ließ sich mit „Major“ anreden. Er hatte während der „Systemzeit“ ein Gewehr erfunden, das um die Ecke schoß und das er als Patent an die Firma Zeiss verkaufte, die es dann nach England weiterverscherbelte. Mackensen brachte das wenig später die Rüge ein, den Feind unterstützt zu haben. Das Gewehr tauchte erst 1965 in dem Mexiko-Revolutionsfilm „Viva Maria“ wieder auf, nach dem sich dann einige Jahre später eine Münchner Kommune benannte.

Nach dem Krieg war es zunächst wieder eine Künstlerin gewesen, mit der Worpswede in Schwung kam: die Keramikerin  Heide Weichberger. Sie war erst mit dem Mexiko-Exilanten und Vogler-Schwiegersohn Gustav Regler liiert und dann mit dem Botaniker und Vagabunden Gustav Schenk, den die Amerikaner 1945 zum Bürgermeister von Worpswede machten. Sein Sohn, der Seemann und Dichter Johannes Schenk, wohnte bis zu seinem Tod 2006 immer wieder im Ort, und ebenso – bis 1998 – sein malender Halbbruder Tobias Weichberger, dessen Vater Philip zuletzt mit ihrer Mutter liiert war. Wichtig für das Dorf wurde ferner der „Edelkommunist“ und Galerist Fritz Netzel. In den fünfziger Jahren gründete er die oben erwähnte erste Bürgerinitiative: Sie verhinderte den Abbau des Weyerbergs durch ein Kalksandsteinwerk und wandelte sich dann in eine „unabhängige Wählergemeinschaft“, mit der die Nutzung des Teufelsmoors als „Nato-Bombenabwurfplatz“ abgewehrt wurde, ebenso dann auch der SPD-Plan, aus den Hamme-Wiesen ein „Surf- und Badeparadies“ zu machen. Diese „heimliche Regierung“ wurde jedoch 1972 mit der SPD-Gebietsreform, die der bäuerlichen CDU aus den Dörfern eine Mehrheit bescherte, ausgebremst. Erst 1986 versuchten die „Künstler“ – im von Vogler erbauten Bahnhof – einen neuen Anlauf, der sich diesmal auch gegen die „Trittbrettfahrer“ (die Schickimicki-Kunstladenbesitzer) richtete, ihre Partei kam diesmal jedoch  nicht mehr über den Stammtisch hinaus. 1994 starb Netzel. Aus seiner Galerie wurde eine Stiftung. Als Ortsberühmtheit gilt außerdem noch Frau Laves, die Schmuckschmiedin: Zu ihren „Kursen“ – mit echten Sufis, indischen Yogis und dem Indianer Sunbear – reisen authentische Frauen von weither an.

Das Teufelsmoor kann man unterdes nur noch ahnen, wenn man heute dort über die Wiesen spazieren geht. 1750 begann unter der Leitung von Moorkommissar Jürgen Christian Findorff die Kolonisation der gesamten Teufelsmoorniederung. Die Siedler waren einfache Knechte und Mägde, die sich mit der Aussicht auf eigenes Eigentum und Befreiung von Steuern und Militärdienst aus der Umgebung bewarben. Die Lebensbedingungen in den Moorkolonien waren noch bis weit in das 20. Jahrhundert alles andere als malerisch. Ausdruck der sehr ärmlichen Verhältnisse gibt der plattdeutsche Spruch „den ersten sin Tod, den tweeten sin Not, den dritten sin Brot“. Die Lebenserwartung in den dunklen und feuchten Moorkaten war niedrig und der Moorboden eignete sich nicht für die Landwirtschaft. Meine Familie zog deswegen – aus einem Dorf nahe Worpswede – irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts wieder zurück nach Bremen, sie nahm aus dem Moorabenteuer nur den Dorfnamen – Höge – mit und an.

Ein umfangreiches Entwässerungsnetz wurde angelegt, wobei die Hauptentwässerungsgräben gleichzeitig als Schifffahrtskanäle ausgebaut wurden – bis hin zu einem neuen „Torfhafen“ in Bremen. Zu dieser Zeit wurde massiv in die Natur eingegriffen und Millionen von Kubikmetern Torf gestochen.  Weiter heißt es bei Wikipedia: „Die neben den Kanälen aufgetragenen Dämme dienten dem Treideln und der Erschließung der einreihig angelegten Straßendörfer, nach Vorbild der Fehngebiete. Vom Damm aus wurden die schmalen und sehr langen Landstücke (Hufen) ins Moor hinein bearbeitet. Noch heute sind diese Siedlungsstrukturen (Reihendörfer) in weiten Teilen der Gemeinden Grasberg und Worpswede gut zu erkennen. Durch den Abbau des Torfkörpers und die Entwässerung haben sich auch die klimatischen Bedingungen des gesamten Landstriches wesentlich verändert. Bis in die 1980er und 1990er Jahre wurde aber weiterhin das Moor zerstört. „Meliorationen“ wie Drainierungen, Tiefumbruch und Flussregulierung sollten den Ertrag der Landwirtschaft steigern und ermöglichten sogar Ackerbau. Zumeist wird von der Landwirtschaft dort Mais als Silofutter angebaut. Diese Maßnahmen wurden seit Mitte des 20. Jahrhunderts durch verschiedene nationale und europäische Subventionsprogramme unterstützt. Das ging so weit, dass die Gräben im Sommer trocken fielen, Moorbrände entstanden und bei anhaltender Trockenheit z.T. künstliche Bewässerungen eingesetzt werden mußte. In den 1990er Jahren begann ein Umdenken. Mit Flächenstilllegungen und Wiedervernässungen wird seitdem versucht, die Landschaft zu erhalten. Das Moor in seiner ursprünglichen Form ist aber heute nicht mehr vorhanden.“

Ebensowenig wie „das Dorf“, stattdessen wurde für die Touristen hier und da eine malerische Dorfkulisse kreiert.

Photo: doliwa-naturfoto.de



Kommentare (5)

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  1. An „Dorfromanen“ bzw. „-krimis“ wird es in den nächsten Jahren keinen Mangel geben – wahrscheinlich verhält sich das Dorfsterben sogar umgekehrt proportional zur Anzahl der Dorfromane/-krimis.

    Bei der Durchsicht meiner Bücher über Dörfer stieß mir auf, dass das Verschwinden der Dörfer sich von Nord nach Süd verlangsamt: Während in Norddeutschland von „intakten“ Dörfern nicht mehr die Rede sein kann, ist das im Süden – vor allem in den Alpen – noch ganz anders.

    Dies spiegeln auch die Dorfkrimis wider: Je weiter südlich sie angesiedelt sind, desto genauer und umfassender werden die Schilderungen des jeweiligen Soziotops.

    Der Jurist Gerd Roellecke, seit 1970 in einem badischen Dorf lebend und Autor einer Dorfchronik von Wolfartsweier, schrieb im „Merkur“ 3/2010 über das Problem der „Individualität“ eines Dorfes – „von der wir spätestens seit Heidegger wissen, dass sie nicht zu beantworten ist“.

    Dennoch kann man vielleicht sagen, dass sie von Norden nach Süden hin (noch) schärfer konturiert ist.

    Daran schließt sich meine zweite These an: Je zerstörter die Dorfgemeinschaft ist – nach Norden hin, desto mehr werden im Dorfkrimi die Ermittlungen von der Polizei bzw. von polizeiähnlichen Fremden geleitet.

    Andersherum veröffentlichte die österreichische Germanistin Lina Hofstädter 2004 einen im Vorarlberger Land spielenden Dorfkrimi – „Ausapern“ – in dem die Aufklärung eines Verbrechens fast zur gänze noch von den Dorfbewohnern selbst geleistet wird.

    Erwähnen möchte ich ferner den Dorfkrimi „Winterkartoffel-Knödel“ von Rita Falk. Ihr Roman spielt in Niederkaltenkirchen bei Landshut. Die Autorin ist Ehefrau eines Polizeibeamten. Und ihr Ermittler ein aufs Land strafversetzter Polizist. Auch hier ist das Dorf weit mehr als nur „Lokalkolorit“ für die Aufklärung eines oder mehrerer Verbrechen. Außerdem hat Rita Falk einen schönen und intelligenten Humor.

  2. Ira Mazzoni hat in der Süddeutschen Zeitung v. 17.8. Die Ergebnisse „Einer Fahrt durch Niedersachsen“ veröffentlicht, die zeigen, „wie viele Dörfer gerade einfach verschwinden“.

    Die Indizien dafür fand sie vor allem im Umland von Göttingen. In den „Göttingen-Krimis“ waren diese bisher vernachlässigt worden. Auch auf den „Krimi Dinners“ im Landgasthof Lindhorst in Adelebsen spielten sie bisher keine Rolle.

    Die SZ-Autorin nimmt aber die Sache anscheinend genauso gelassen:

    „Vielleicht lehr das Mittelalter Gelassenheit: auch damals grassierte das Dorfsterben,“ lautet einer ihrer herausgehobenen Sätze. Am Ende ihres Artikels kommt sie zu dem Fazit: „Eines ist sicher: Ohne neue Ideen wird man den Strukturwandel in ländlichen Gebieten kaum sinnvoll gestalten können. Ohne Städtebaufördermittel aber auch nicht. Nicht jede landschaftlich reizvolle Lage kann touristisch vermarktet werden. Die Attraktivität von Spinnstuben, Radwegen, Hofcafés und Mittelalter-Märkten ist begrenzt.“

    Aber wo Gefahr droht, wächst das Rettende auch:

    „‚Kultur Land schaf(f)t Zukunft‘ ist das Motto der lokalen Aktionsgruppe des EU-LEADER Programms. LEADER steht für Liaisons Entre les Actions de Dévelopement de L’Economie Rurale.“ Bei diesem „Netzwerk spielen Ehrenamtliche Vereine, Verbände eine zentrale Rolle.“

    Beispiel: Der Krimi Dinner Schauplatz Adelebsen, in dem – wie in vielen anderen Dörfern auch – immer mehr Alte und immer weniger Junge leben:

    „Adelebsen müsste für die Alten ‚fit‘ gemacht werden, gibt der LEADER-Beauftragte des Göttinger Lands zu bedenken. Ihn beschäftigt die Frage, ob man zwei Rentnerinnen zu einer WG überreden kann, damit wenigstens ein altes Haus mit vereinten Kräften weitergepflegt werden kann.“

  3. Imma Harms hat Ende des Jahres in ihren taz-Dorfblog „jottwehdeh“ eine „Wahre Geschichte von Leben und Sterben“ auf dem Land gestellt, die von Bildern und Handlungsmustern aus (TV-)Regionalkrimis zehrt:

    Ich kann keine Geschichten erfinden. Dazu habe ich zu viel Tatort geguckt. Die Erzählung fließt wie Gips in den Reifenabdruck und bildet Handlungs¬muster, die einem verdächtig bekannt vorkommen:
    Die junge Kommissarin dampft ihren Atem in die Morgenkälte. In der einen Hand das Brötchen, in der anderen einen Kaffeebecher, schiebt sie das rotweisse Absperrband routiniert mit dem Ellen¬bogen hoch und nähert sich dem abgedeckten Körper. Für ihr klingelndes Handy hat sie keine Hand mehr frei. Sie drückt dem verdutzten Spurenermittler den Pappbecher in die Hand…
    So geht das los. War es wirklich ein Unfall, wie es auf den ersten Blick scheint? Das Auto sieht eher nach einem heftigen Blechschaden aus. Die Windschutzscheibe ist nur auf der Beifahrerseite geborsten. Warum kam die Rettung so spät? Wieso war der Freund schon vor Ort, als die Feuerwehr eintrifft? Hinter dem eingedrückten Wagen steht eine junge Frau in Feuerwehr-Uniform und weint. Die Kommisarin streift sie mit einem Blick, während sie ihr Handy zuklappt, und schaut sich um. Zwei Männer stehen an der Ecke, da. wo der kleine asphaltierte Weg in die Hauptstraße einmündet, und reden heftig aufeinander ein.
    Die Geschichte könnte sich in verschiedenen Erzählsträngen und Rückblenden entwickeln. Der Tote scheint ein umtriebiger Geschäftsmann gewesen zu sein. Er betreibt eine Gourmetkneipe in einem schön aus¬gebauten Vierseitenhof in der Mitte des nahe gelegenen Dorfes. Er ist Anfang der 90er Jahre aus dem Westen gekommen und hat sich durch Tatkraft und kluge Geschäftspolitik Respekt im Dorf verschafft. Seinen Hauptumsatz macht er mit durchreisenden Geschäftsleuten, die bei ihm auch Übernachtungsmöglich¬keiten finden.
    Er führt eine für diese Umgebung feine Küche, die Menschen mit Lebensart aus der Umgebung anlockt; er scheut aber auch vor groben Dorffesten nicht zurück.
    Er mischt sich in die Lokalpolitik nicht mehr ein, als man es von einem Wirt erwartet. Der örtlichen Bürgerinitiative gegen eine große Putenmastanlage vermietet er seinen Versammlungsraum, hört – mit ein paar leeren Gläsern am Eingang stehenbleibend – ein bisschen der Diskussion zu. Die Unterschriftenliste auf dem Tisch neben sich übersieht er. Als die BI-Vertreterin ihm ihren Kugelschreiber hinhält, sagt er „später“ und verschwindet in der Küche.
    Eines Tages kommen zwei dubiose Herren mit russischem Akzent und erkundigen sich bei ihm nach dem derzeitigen Besitzer des leerstehenden Schlosses. Er gibt nur verhalten Auskunft und stellt ganz beiläufig Rückfragen. Sobald sich die Männer zum Gehen wenden, ruft er den Ortsbürgermeister an. Während sich im Hintergrund die Tür schließt, tippt seine Hand auf dem Apparat Zahlen ein.
    Die Kommissarin findet schnell heraus, dass das Schloss der wunde Punkt des Dorfes ist. Alle sind irgendwie in die Finanzkatastrophe von damals verstrickt, als die Gemeinde das verfallene Prestige-Objekt nicht der Treuhand und damit der Privatisierung überlassen, sondern selbst das Geschäft machen wollte. Ein windiger Architekt hatte seine Finger im Spiel, ein paar heimische Funktionsträger sahen sich schon als Manager eines Hotels für Führungskräfte. Dann aber verschwand der windige Architekt und das Dorf saß mit einem Schuldenberg von 2 Millionen da. Das verwitterte Bauschild für die Führungsakademie, der letzte Zeuge der ehrgeizigen Pläne, steht noch immer auf dem schütteren Rasen.
    Es gab Schein-Versteigerungen und andere Winkelzüge der Gläubigerbanken. Es gab ein merkwürdiges Fischsterben im Schloss-See. Und jetzt die Russen. Sie stehen vor dem Eingang des Gasthofs und rauchen. Der Wirt reicht ihnen einen Aschenbecher heraus, bleibt dann noch in der geöffneten Tür stehen und wech¬selt ein paar Worte mit ihnen. Hat er ihnen nicht zusammen mit dem Aschen¬becher ein Stück Papier gegeben?
    Unter dem Druck der Bürgerinitiative wird das Projekt Putenmastanlage aufgegeben. Oder ist es wegen der neuen Schlosspläne? Für das Gelände, das in Rufweite vom Schloss liegt, interessiert sich jetzt ein Agrarkonzern aus dem Oderbruch, der anderswo groß ins Genmais-Geschäft eingestiegen ist. Er will hier Biogas machen. Wenn das Schloss mal wieder genutzt wird, muss es geheizt werden. Der Bauantrag für die Biogas-Anlage spaltet die Bürgerinitiative in zwei Lager.
    Das alles weiß der Wirt, weil sein Gasthof Schauplatz von Treffen ist und weil er schlau genug ist, sich im Mittelfeld der Meinungen zu halten und sparsam mit seinen Informationen umzugehen.
    Er sieht weder schmierig noch übertrieben jovial aus. Eher ein bisschen aristokratisch sogar, mehr Heiner Lauter¬bach als Uwe Ochsenknecht. Überlegen und ruhig. Das macht ihn doch auch ein bisschen verdächtig. Was hat dieser Mann im Dorf noch vor? Wie gut kennt er die Russen wirklich? Und hat er nicht im Westen eine geschiedene Frau? Die interessante Rothaarige, die dem BI-Sprecher gleich aufgefallen ist, als sie, ohne sich umzusehen, durch den Gastraum der Goldenen Kartoffel rauschte und mit einer heftigen Bewegung die Schwingtür zur Küche aufstieß. Er konnte nichts Genaues verstehen, nur das Wort „Bankkredit“.
    Nach der Beerdigung geht die Rothaarige mit dem Freund weg, der so schnell am Unfallort war. Der Bürgermeister schaut ihnen nach. Die Kommissarin, die natürlich auch da ist, glaubt immer noch nicht an einen Tod durch Autounfall…
    So geht das weiter. Im Verlauf der Erzählung werden so gut wie alle verdächtig – der Bürgermeister, die neuen Schloss-Herren, die Aktivisten aus der BI, die Baufirma für die Biogasanlage, natürlich die Exfrau und der Freund. Die Ähnlichkeiten mit konkreten Personen sind vielleicht nicht zufällig, aber letztlich beliebig. So real ihre Vorbilder sein mögen, durch die Erzählung erstarren sie zu Prototypen.
    Natürlich fördern die Ermittlungen jede Menge Machen¬schaften zutage und betten sie in eine geeignete Backstory ein: die Kommis¬sarin verliebt sich, wird überfallen und verletzt, muss zu ihrer kranken Mutter in die Hauptstadt, kommt in eine veränderte Situation zurück, wird enttäuscht, entliebt sich wieder, usw.
    Die Handlungsmuster erzeugen das behagliche Gefühl des Wiedererkennens, nicht weil wir die Realität darin abgebildet sehen, sondern weil man es uns in dieser oder ähnlicher Form schon so oft erzählt hat. Zum Schluss war es eben doch nur ein tragischer Unfall nach einem Feuer¬wehrball. Aber das ist dann eigentlich auch schon egal.
    – – –
    Prötzel ist unser Nachbardorf. Man fährt durch, auf dem Weg nach Berlin oder zurück nach Reichenow. Will man die S-Bahn von Strausberg-Nord nehmen, muss man links abbiegen und durch den Ort fahren. Will man eher ins nördliche Berlin, entscheidet man sich für die schöne Waldstrecke nach Werftpfuhl und Tiefensee.
    An der Kreuzung, wo die Entscheidung fällt, liegt der Gasthof „Zur goldenen Kartoffel“. Wir waren ein paar Mal zum Essen da, wenns ein bisschen was Feines sein sollte. Etwas schummrig, der weite Gastraum, und ein bisschen mit ländlichem Zierrat überladen. Ein bisschen öde auch die gelangweilten Männer in Businessanzügen, die mit den Daumen zerstreut über die Hälse ihrer Pilsgläser streichen und dabei den einen oder anderen Satz fallen lassen.
    Der Gasthof gehört Kasten S. Ich kenne ihn nicht, aber ich hätte ihn gerne kennengelernt. Er ist mir schon früh aufgefallen, ein großer Mann im mittleren Alter mit der Schlaksigkeit eines Lehrlings, mit aufmerksamen, immer ein bisschen erstaunt schauenden Augen. Wenn er eine Frage beantwortet, liegt in seiner Stimme eine Schüchternheit, als hätte er sich zu entschuldigen. Er hat kurz rasiertes Haar, so, als wenn er sich einmal im Monat mit dem Schergerät über den Schädel fährt.
    Karsten S. hat im Hofgebäude des Gasthofs eine Holzofenbäckerei einge¬richtet. Am Wochenende backt er dort Brot und Brötchen. Die Brötchen sind viereckig und weich und auf angenehme Weise vollmundig. Sie sind sehr beliebt, und wenn man sich bei uns auf dem Gutshof etwas Gutes tun will, fährt man Sonntagsvormittags nach Prötzel, um frische Brötchen zu kaufen.
    Man geht direkt in die Backstube. Dort trifft man S. in karierter Bäckerhose und weißer Bäckerschürze. Er schaut fragend. Gibt’s noch Brötchen? Ja. Gibt’s noch. Hier drüben. Beim Antworten zieht er die aufgeblähten Nasenflügel auf der einen Seite komisch hoch. Dann rutscht er auf seinen Latschen zum Brotregal hinüber, greift eine Handvoll der weichen kleinen Brötchen und schlägt sie in einen Bogen weißes Papier ein. Das macht er schlecht, so schlägt man Papierkanten nicht um. Ich helfe nach und klemme mir das Brötchenpaket unter den Arm. Eine hingeworfene Bemerkung führt zu nichts. Karsten S. sucht nicht das Gespräch…

    Als ich am Mittwoch, dem 4. November von Reichenow komme und auf die Goldene Kartoffel zufahre, entscheide ich mich, die nördliche Route nach Berlin zu nehmen, den schönen langen Weg durch den Wald. Es ist ein kalter Vormittag, und es hat zu Nieseln angefangen. Ich schalte den Scheibenwischer ein, aber nur auf Intervallschaltung. Thomas hat immer ein bisschen Angst, dass die Wischblätter sich auf der Scheibe kaputtradieren.
    Ich denke dies und das. Ich sollte bald mal zu einer Idee für den Vorleseabend im Dezember kommen. Ich hab schon so lange nichts mehr geschrieben. Ganz aus der Übung. Und auch so wenig Gelegenheit. In der S-Bahn hätte ich immerhin noch was in den Laptop schreiben können. Aber jetzt bin ich mit dem Auto, weil ich eine Nähmaschine nach Berlin transportiere.
    Ich habe das Aufnahmegerät eingepackt. Falls mir was einfällt, kann ich das vielleicht unterwegs aufs Band sprechen. Das hat zwar noch nie geklappt. Aber wer weiß. Ist doch komisch, dass mir die Sätze entgleiten, wenn ich sie laut sagen will. Da gibt es eine merkwürdige Sperre. Für sich alleine schreibt man, reden tut man zu jemand anderem. Ist aber sicher alles nur eine Frage der Gewohnheit.
    Als ich überlege, ob ich den Recorder nicht doch herausholen sollte, schon mal neben mich legen, dreht sich die Straße unter mir nach rechts weg – ganz leicht, ganz elegant, wie ein gut gewachster Parkettboden unter dem Tanzschuh. Das Auto schnellt mit der leichten Drehbewegung in Richtung der anderen Straßenseite. Es rast, es fliegt auf einen Abgrund zu, auf eine Klippe, auf das Große Nichts. Ein Baum steht im Weg, er wird schnell größer. Der Baum steht da – groß, breit, stark. Er wird mich auffangen. – Explosion. Aus.
    Die Wischblätter kratzen über die zerstörte Scheibe. – …den Scheibenwischer ausmachen… Meine Hand findet einen Schalter.
    Ein Gedanke nimmt Form an. …ich muss sagen, wer ich bin: …bitte Thomas Winkelkotte in Reichenow anrufen: 15251… 15251…, murmele ich in ein Gesicht. Das Gesicht verschwindet. – …die Vorwahl, ich hab die Vorwahl nicht gesagt!
    Im Krankenhaus erfahre ich, dass ich zwei Kilometer hinter Prötzel bei plötzlich einsetzendem Glatteis gegen einen Baum geprallt bin, dass der Baum das Auto in der Mitte gefaltet hat, dass es die freiwillige Feuerwehr aus Prötzel war, die mich in einem einstündigen Einsatz bei Eis und Schnee aus dem Wrack herausgeschnitten hat, dass ich wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen bin. Thomas ist bei mir. „Auf dem Baum steht eine Dreizehn“, sagt er.

    Vier Tage später bringt C. mich mit dem Auto vom Marzahner Krankenhaus zurück nach Reichenow. Es ist Sonntagmittag. Als wir durch Prötzel kommen, halten wir bei der Goldenen Kartoffel, um frische Brötchen mitzunehmen. Die Backstube ist dämmrig. Karsten S. kommt mir aus dem Hitnergrund des Raumes entgegen. Wieder das schüchterne Lächeln, das Hochziehen des linken Nasenflügels. Nein, Brot und Brötchen sind schon oben in der Gaststube. Über den Hof und die Treppe rauf. Danke. Schönsonntag. Als wir auf der linken Seite zur Terrasse hochsteigen, kommt er uns ein paar Schritte auf den Hof nach. „Hallo, nein, da durch! Die Treppe im Haus. Tschuldigung, hab ich mich nicht richtig ausgedrückt.“ Er wendet sich zurück zur Backstube. Wieder dieses Schliddern auf den Latschen, halb wie in Eile, halb wie ein Spiel auf dem Eis.

    Mein Körper verheilt wie eine offene Wunde. Er überzieht sich nach kurzer Zeit mit einer Kruste aus Gesundheit, um die erschütterte Seele vor allzu großer Anteilnahme zu schützen.
    Nach zwei Wochen kommt M. mich besuchen, eine junge Frau aus der Nachbarschaft, die bei der freiwilligen Feuerwehr in Prötzel ist und bei meiner Rettung dabei war. Sie erzählt von dem Einsatz; ich erzähle, wie es mir im Krankenhaus ergangen ist. Dabei beobachtet sie mich unauffällig, sie versucht, die Bilder übereinander zu legen: das blutüberströmte, eingeklemmte, dem Tod so nahe Unfallopfer und diese munter plaudernde Nachbarin. Ich beobachte sie auch: So junge Menschen müssen wimmernde, sterbende, tote Menschen aus Autowracks herausholen! Das geht doch nicht! Sie erzählt, dass am 5. Dezember der neue Feuerwehrwagen eingeweiht. Ob wir auch kommen wollen? Auf jeden Fall.

    Der 5. Dezember ist ein Samstag. Ich habe einen Kasten Bier gekauft und einen Kuchen gebacken. Thomas und ich sind pünktlich um 15 Uhr in Prötzel. Gerade wird das neue Löschfahrzeug in einem feierlichen Défilée in die Halle eingefahren. Aus der Riege der uniformierten Feuerwehrleute, der Lokalpolitiker, Ortshonoratioren und Nachbarn löst sich M., heute ebenfalls in Uniform, und kommt auf uns zu. „Dass du wirklich gekommen bist!“ Sie nimmt mich mit und macht mich mit Kameraden bekannt, die auch bei dem Einsatz dabei waren. Ich schüttele Hände, bedanke mich und schwenke dabei etwas hilflos mit dem Korb, in dem ich den Kuchen drapiert habe. So ein Kuchen, das kommt mir bei dem Anlass lächerlich unangemessen vor. Aber ich merke bald, sie freuen sich wirklich, dass ich gekommen bin.
    Die weihnachtlich geschmückte Halle ist mit Menschen gefüllt. Kerzen brennen zwischen Tannenzweigen. Kuchenteller stehen auf rautenförmig ausgelegten Papierservietten. Der riesige rote Feuerwehrwagen bildet eine imposante Kulisse. Die Riege der Lokalpolitiker und der Wehrführer verschiedener Dienstgrade nimmt vor dem bekränzten Fahrzeug Aufstellung. Es hat 220 000 Euro gekostet. Das ist schon ein paar Reden Wert. Da passt es wunderbar, dass ich gekommen bin. Ich soll als gerettetes Opfer auch was sagen, schließlich ist die Presse da. Ich werde nach vorne geschoben.
    Ich komme als letzte dran und sage, dass ich nicht wusste, was die fast noch Jugendlichen in dieser ehrenamtlichen Tätigkeit leisten müssen. Und dass ich ihnen unendlich dankbar bin. Viele haben Tränen in den Augen. Ich auch. Der Mann von der Presse macht sich Notizen und fragt nach meinem Namen. Bauer B., dessen Sohn bei meiner Rettung beteiligt war, schüttelt mir die Hand, und bedankt sich, dass ich mich bedanke. Das sei noch nie vorgekommen, dass ein von der Feuerwehr befreites Opfer noch mal herkommt. M. steht im Hintergrund und lächelt stolz.
    Wir müssen weiter; wir sind am Nachmittag noch in Berlin verabredet. Ein bisschen schade. Der Festakt soll zum Abend in ein Dorf-Weihnachtsfest übergehen. Als wir zum Parkplatz gehen, kommt der Mann von der Presse uns nach. Seine Zeitung macht eine Vorweihnachtsserie mit dem Titel „Helden des Alltags“. Er würde gerne über mich und die Menschen, die mich gerettet haben, schreiben. Ich gebe ihm meine Karte.
    Hinter der Feuerwehrhalle wird der Grill angeworfen. Ein exakt gestapelter Holzstoß wird fachgerecht in Brand gesetzt.
    „Wenn die von jetzt bis abends durchsaufen, wer rückt denn dann aus, wenn ein Einsatz ist“, fragt Thomas. Wahrscheinlich gibt es so was wie eine Einsatzbereitschaft, die nüchtern bleiben muss, überlegen wir. Wir hätten doch kein Bier mitbringen sollen. Als wenn die Feuerwehr immer nur zum Saufen zusammen kommt. Blödes Klischée.
    Auf dem Weihnachtsfest, das wir in Berlin besuchen, bin ich unruhig, unaufmerksam, fühle mich erschöpft. Unter der Kruste rumort die aufgescheuchte Seele. Dass sich nie jemand bedanken kommt! Und wäre ich denn selbst gekommen, wenn nicht M. vorher bei mir gewesen wäre? Dass sogar der Bauer kurz vorm Weinen war! Das tiefe Erschauern vor der Möglichkeit des Todes wird Tränenflüssigkeit weggeschwemmt, die zu Strömen von Anteilnahme zusammenfließt.
    Wir verzichten auf weitere Abendunternehmungen und nehmen die S-Bahn um kurz vor zehn.
    Auf der Fahrt durch Prötzel überlegen wir kurz, ob wir noch mal beim Feuerwehrfest reinschauen sollen. „Wahrscheinlich sind jetzt alle sturzbesoffen“, meint Thomas, dem die Bilder von ausgedehnten Reichenower Dorffesten hochkommen. In mir kämpfen Neugierde und Erschöpfung. Das Innere der Feuerwehrhalle ist noch immer hell erleuchtet, aber außen ist niemand zu sehen, und es ist auch merkwürdig still. „Das ist jetzt nichts“- wir fahren nach hause.
    Am nächsten Morgen finde ich eine Email des Journalisten vor, dass wir den vereinbarten Fototermin verschieben müssen. Die Prötzeler Feuerwehr musste noch in der Nacht zu einem Einsatz ausrücken, um einen toten Bekannten aus den Trümmern seines Wagens zu befreien.

    In der Zeitung steht, dass Karsten S., der Inhaber der Goldenen Kartoffel, bis ungefähr zehn Uhr mit seinem Freund in der Backstube war. Sie hätten Brot und Brötchen für den nächsten Tag vorbereitet und dann noch ein bisschen zusammen gesessen. Der Freund sei rüber zur Weihnachtsfeier der Feuerwehr gegangen, Karsten wollte nach Hause. Andere sagen, dass Karsten selbst noch auf der Weihnachtsfeier war; ich weiß nicht, was stimmt. Jedenfalls fährt er dann zurück nach Blumenthal. Das ist ein paar Kilometer entfernt, mit dem Auto vielleicht 5 Minuten. Es ist die Strecke nach Werftpfuhl und Tiefensee. Am Abzweig nach Blumenthal – ein Kilometer vor Baum Nummer 13 – kommt sein Wagen ins Schleudern und rast gegen den ersten Baum nach der Kreuzung. Karsten S. ist tot. M. sagt, dass Freitag, also heute, seine Beerdigung sein sollte.
    Karsten S. ist tot, ich lebe. Ich lebe und erinnere mich an ihn. Mit meiner Erinnerung versuche ich, ihm ein kleines Stück meines wiedergewonnenen Lebens abzugeben.
    Dies ist eine wahre Geschichte. Wahr ist sie nicht nur, weil die Fakten stimmen, sondern weil ich mich so genau wie möglich daran zu erinnern versuche, was ich wirklich gesehen, gehört und gefühlt habe. Eine Geschichte wird daraus, weil ich auswähle, es mit meiner Sprache beleuchte und ein Bild daraus montiere.
    In den Falten der Erzählung verbirgt sich das Unbegriffene. Die Ahnung davon macht den Reiz der wahren Geschichte aus. Vielleicht ist es nicht so schlimm, dass ich keine Geschichten erfinden kann.

  4. Was ist das hier? »blogs.taz.de« oder »abgebrochene-dissertations-vorhaben-aber-ich-wollte-die-notizen-doch-noch-verwursten.taz.de«?

  5. Inga Schürmann (Brandenburg):

    Wieso beschäftigst du dich jetzt mit so einem Scheiß wie Krimis? Gibt es in diesem Sommer nichts Wichtigeres?

    Mein Bruder hat mir vor einiger Zeit mal einen „Havel-Krimi“ von einem in Brandenburg stationierten Kriminalhauptkommissar geschenkt. Und wenig später auch noch einen „Dresden-Krimi“ von einem dort lebenden Staatsanwalt. Ok, keine Agrar- oder Dorfkrimis. Männerphantasien stattdessen!

    Nichts für ungut.
    Gruß