Regionalkrimis (13) Krimileseland DDR

Ein Klassiker: Die Witwe des Kriminal-Oberleutnants  liest im Urlaub auf dem Balkon ihrer thüringischen Pension einen Edgar-Wallace-Krimi.

Gerade las ich einen im nächsten Jahr erscheinenden Regionalkrimi von André Meier, der in Vorpommern spielt, wo der Autor auch seit einigen Jahren lebt. Er war Mitbegründer der Ost-taz. Es kommen in seinem Roman viele ostdeutsche Biographien – vor und nach der Wende – vor. Das hatte schon mal einen großen  Erkenntniswert für mich. Dazu bekommt man noch eine ziemlich gute Beschreibung eines Dorfes in dieser Übergangszeit, die immer noch anhält.

Zufällig fiel mir danach der Leipzig-Krimi „Rotlicht“ von Tom Wittgen in die Hände, in dem in ähnlicher Weise zwei Biographien von Polizisten zu finden sind, die zu DDR-Zeiten schon Polizisten waren und nun von Westlern umzingelt sind. Hinter dem Autorenpseudonym verbirgt sich die in der DDR berühmte Romanschriftstellerin Ingeburg Siebenstädt (geb. 1932), sie war mir zuvor bereits – mit einem Kurzkrimi – in der westdeutschen DDR-Krimisammlung „Genossen contra Ganoven“ bekannt gewesen.

Auch in dem darauffolgenden „Berlin-Krimi,“ den ich las,  von Maria Gronau (ebenfalls ein Pseudonym): „Weiberlust“ – geht es um Ost- und West-Biographien vor und nach der Wende. Die Roman-Topographie erstreckt sich zwischen der Neubausiedlung Marzahn (Ost) und dem Pharmakonzern Schering (West), den gerade die BASF übernommen hat. Die Autorin (geb. 1962) war im Westberliner Hausbesetzerrat und in Lesbengruppen aktiv.

Mit diesen Regionalkrimis präpariert beabsichtigte ich, mich auf die Dissertation „Der Kriminalroman der DDR 1970-1990“ von Brigitte Kehrberg einzulassen. Vom  Buchladen „Schwarze Risse“ bekam ich daraufhin eine mail mit folgendem Inhalt:

Hallo Helmut,

nur sicherheitshalber, das Buch über den Kriminalroman in

der DDR kostet schlappe 49,95 für 213 Seiten und

dauert eine Woche, willst dus wirklich haben???

viele Grüße

Frieder

Das war nicht billig,  ich mailte Frieder zurück:

…nicht wirklich!!!

viele Grüße

H.H.

Die Ehefrau des Zerspaners, Ludmilla Braunschweig, liest an den Wochenenden auf ihrer Datsche bei Oranienburg einen Fortsetzungs-Krimi in der Wochenpost.


Danach googelte ich erst mal, was sich über diese Studie im Internet finden ließ. Das Ergebnis ersetzte mir schon fast den Buchkauf:

1. Eine Inhaltsangabe des Hamburger Wissenschaftsverlags Dr. Kovac, in dem Brigitte Kehrbergs Dissertation veröffentlicht wurde:

Nach den Aussagen von Kriminalschriftstellern aus der ehemaligen DDR war der Kriminalroman das künstlerische Medium, in dem der Alltag der DDR widergespiegelt wurde. Man habe die Realitäten des Landes beschrieben; der Leser wollte eigentliche immer seine reale Umwelt und seinen Lebensalltag im Kriminalroman wiederfinden. „Wenn man wirklich etwas über DDR-Wirklichkeit erfahren will, muss man zum Krimi greifen“ (Hartmut Mechtel).

Für die Verfasserin stellt sich die Frage, welche Potenz eine massenhaft verbreitete Literatursorte haben kann, die sich einer so universalen und interkulturell verständlichen Form, wie es „der Krimi“ nun mal ist, bedient. Oder anders gefragt, warum lässt ein totalitäres Regime eine Literaturgattung, die ansonsten zu den Traditionen freiheitlicher Gesellschaft gezählt wird, nicht nur zu, sondern befördert sie auch noch? Inwieweit ist eine vermeintlich „schematische“ Literaturform geeignet, bestimmte Wertvorstellungen, Wertungen und Perspektiven auf die eigene Gesellschaft zu transportieren oder sie gar erst herzustellen?

Nach der Lektüre von mehr als 150 Kriminalromanen aus der DDR bot sich der Verfasserin ein ästhetisch niederschmetterndes Bild. Die Texte sind mit wenigen Ausnahmen von künstlerisch dürrer Qualität, so dass sich eine genuin literaturwissenschaftlich-ästhetische Annäherung an den Gegenstandsbereich als einigermaßen obsolet erweist. Dadurch bleibt aber erst recht die Faszination an dem Umstand, dass die gewöhnende Einübung, die mittels dieser Literatur erfolgte, anscheinend funktioniert hat – die Einübung nämlich, die dargestellten Verhältnisse als die realen Verhältnisse zu verstehen, auf der Rezipienten- und möglicherweise auch auf der Produzentenseite.

Aus diesen Gründen wählt die Verfasserin einen methodischen Ansatz, der zwei Aspekten Rechnung trägt: Einmal dem Umstand, dass wir es mit extrem schlichten Texten zu tun haben und deshalb eine eher soziologische Makroperspektive riskieren können, weil die Brechungen, die bei ästhetisch komplizierten Texten auftreten, sich hier nicht allzu störend zwischen Text und Funktion drängen. Zum zweiten dem Umstand, dass sich bei derart schlichten, anscheinend regelhaft gebauten Textgebilden der tschechische und russische Formalismus als Methode besonders eignet, weil man dabei nicht zwischen Deskription und Interpretation von einem Theoriefeld ins andere springen muss. Der beschreibende und interpretierende Doppelcharakter des Formalismus bietet sich für diese Arbeit zudem deswegen an, weil die ästhetische Einfachheit der zu behandelnden Primärtexte eine recht unvermittelte, direkte Applikation von Interpretation auf die durch Beschreibung herauspräparierten Strukturen zulässt.

Insofern ist diese Arbeit auch ein Versuch, eine Methode an einem Gegenstand zu erproben, der zum Zeitpunkt der Theoriebildung noch gar nicht vorhanden war. Im Zeitalter der fraktalisierten Kleintheorien, die jedes Mal nur auf ihr eigenes, schmales Feld, für das sie entworfen worden sind, angewendet werden können, ein spannendes Unterfangen.

Die Futterökonomin Anke Severin aus Tresdorf bei Halle liest während ihres Urlaubs auf Usedom einen Krimi von Hartmut Mechtel.


2. Eine Rezension des Literaturredakteurs und Autors von „Leipzig-Krimis“ Henner Kotte:

Erst Tote können zur Sektion freigegeben werden, und literaturwissenschaftliche Untersuchungen zelebriert man weiter günstigenfalls nach dem Ableben des Autors. Dann ist der Blick aufs Gesamtwerk ohne Einschränkungen möglich, kann man Zeitzeichen und Spuren (end)gültig deuten. Manchmal vergehen auch Staaten. Nach deren Untergang erst kann geprüft werden, ob es zu Lebzeiten in ihnen Literatur gab oder ob nicht, und wenn ja, welche. Die DDR ist Geschichte. Einige literarische Namen werden in Nachschlagwerken vermerkt werden. Wahrscheinlich nicht jene, die sich am sozialistischen Krimi versuchten. Was ist er denn überhaupt, dieser Krimi an sich und im besonderen?

Dieser Frage gehen ernstzunehmende Wissenschaftler selten nach. Haftet doch an sex and crime (ob zugunsten oder zuungunsten des Volkes) jener untilgbar niedere Geruch der unliterarischen Literatur. Anerkennenswert ist jede Arbeit auf diesem Gebiet. Auch Brigitte Kehrbergs Versuch, den „Kriminalroman der DDR von 1970-1990“ zu analysieren. Die Verfasserin sieht sich mit einer kaum ausgeprägten wissenschaftlichen Diskussion konfrontiert. Sie muß sich für diese Dissertation wissenschaftliche Methoden selbst erarbeiten. Und sie muß DDR-Kriminalromane lesen. „Graue Langeweile stellte sich ein, die Texte waren (…) von künstlerisch derart dürrer Qualität, daß sich eine literaturwissenschaftlich-ästhetische Annäherung an den Gegenstandsbereich als einigermaßen obsolet erwies. / Und die mühevolle Beschaffung der Exemplare von Altbuchhändlern nach Kilopreis etc. um so ärgerlicher erscheinen ließ.“ Wer hätte angesichts solcher Zumutungen nicht Geldsäckel und Nerven geschont. Brigitte Kehrberg aber blieb tapfer. Ihre Ergebnisse schließlich lohnen die Aufopferung nicht.

„Der Kriminalroman der DDR ist von den Entwicklungslinien, die das Genre bis zum Jahr 1989 durchgemacht hat, so total abgeschnitten, daß, pointiert gesagt, nur eine Benennungsanalogie besteht. Milder ausgedrückt: Der Kriminalroman der DDR ist eine ungleichzeitige Veranstaltung, weil er literaturhistorisch längst überkommende Muster wieder und wieder reproduziert.“ Der Vorwurf der Verfasserin verblüfft. Die DDR hat sich (spätestens seit dem 13. August 1961) nicht nur von literaturhistorischen Entwicklungslinien getrennt. Provinzialismus beklagt man noch heute von Dederonschürze bis Trabant 601 de Luxe. Im vormundschaftlichen Staat blieb Internationalität ein Fremdwort. Mangelnde Rezeption ist den Kriminalschriftstellern somit nicht vorzuwerfen, sie haben ja Doyle, Christie und Co. wirklich gelesen und hätten gern noch in andere Bücher geschaut (wie auch der Leser). Zum anderen strafte die „internationale“ Krimiszene den Kriminalroman in den Farben der DDR mit schierer Ignoranz. Wenn Kinder in der Grube spielen, sind sie nur von außen noch zu retten. Brigitte Kehrbergs eingangs ausgeführte Hypothese ist eine wahre Binsenweisheit.

Sie bleibt so nicht die einzige. „Der Kriminalroman der DDR steht immer unter der Dominanz einer ideologischen Vorgabe … Deswegen dient der Kriminalroman der DDR dazu, Bilder und Wertevorstellungen von der und über die DDR zu affirmieren, sie massenhaft zu verbreiten und einzuüben … Die ,kritische‘ Potenz des DDR-Kriminalromans besteht in einer je nach politischer Großwetterlage erwünschten (…) Symptomkritik, nie jedoch Systemkritik.“ Was hat die Verfasserin in einem totalitären System erwartet? Systemkritik?

Die Kunsthistorikerin Sabine Laubsänger aus Meiningen hat ihren „Ostsee-Krimi“ weggelegt, sich ins Bett gelegt und zu einem anderen Buch gegriffen. Das Auge liest ja mit und deswegen wollte sie sich zwischendurch mal etwas gründlicher mit diesem Krimi-Sinnesorgan befassen.


„Der Kriminalroman der DDR reklamiert für sich die Intension, ,realistisch‘ zu sein.“ Der (ehemalige) DDR-Leser des Kriminalromans der DDR wird das auch noch heute bestätigen, beim Wiederlesen vieles wiedererkennen. Hierbei ist Brigitte Kehrberg auf der richtigen Fährte, wenn sie schreibt: „Für die Einschätzung der dargestellten Wirklichkeiten wird man öfters auf ,unbelegbare‘, aber dennoch höchst präsente lebensweltliche A prioris zurückgreifen müssen.“ Dies ist das geübte Zwischen-den-Zeilen-lesen. Das versucht auch die Verfasserin. Ihr ist bekannt, das in den Restaurants der DDR Schildchen mit dem Hinweis „Sie werden plaziert“ existierten. Die Verfasserin bemerkt, daß im Kriminalroman der DDR genau diese Schildchen gar keine Erwähnung finden, dafür aber freundliche Kellner, reichhaltiges Speisenangebot und dergleichen mehr. Ein gewichtiges Argument für die Verfasserin, dem Kriminalroman der DDR den „Realitätsbezug“ abzusprechen. Ein kurzschlüssiger Beweis, denn dies ist weder ein Pro- noch Contra-Argument. Es gab (vornehmlich in den Restaurants der DDR, wohin der Bürger seine westdeutschen Gäste ausführen wollte, in die City, ins noble Interhotel) gewiß diese Schildchen. Jedoch fand man in der Kneipe um die Ecke stets Platz und Zeit für den Kurzen und fürs Bierchen. Es entsteht der Eindruck, daß Brigitte Kehrberg beweisen möchte, was für sie eigentlich keines Beweises bedarf.

Die meisten Kriminalromane der DDR schildern in der sozialistischen Gesellschaft geschehene Verbrechen. So ist ihnen eine „kritische“ Potenz inhärent. Denn, so die These, nach einer Übergangsphase wird es Verbrechen nicht mehr geben. (Ausführlich geht die Verfasserin auch auf den Streit Hasso Mager – Fritz Erpenbeck zu diesem Thema und dessen Auswirkung auf den Kriminalroman der DDR ein.) Die Staatsführung der DDR hatte die Rechnung ohne den Menschen gemacht. Verbrechen gediehen auch im Sozialismus nicht zu knapp. Die offizielle Berichterstattung von Presse, Funk und Fernsehen verschwieg diese Tatsachen. Kaum, daß die Volkspolizei den Bürger um Mithilfe bat. Im Kriminalroman dagegen wimmelt es von Tätern aller Art, vom Kinderschänder (Horst Bastian: Die Brut der schönen Seele) bis hin zum (unwissentlich) tötenden Kind (Bernd Diksen: Das Vorurteil). Von Unterschlagungen auf Chefebene (u. a. Tom Wittgen: Das sanfte Mädchen) bis hin zur Bandenkriminalität (Horst Lohde: Im Dunkel der Nacht; Klaus Möckel: Die Damengang). Es existieren Heiratsschwindler, Trickbetrüger, Totschläger und Mörder fast aller Couleur. Und der Leser fand im Krimi Säufer, Schläger, S-Bahn-Penner (asoziales Leben stand gemeinhin unter Strafe und existierte demnach nicht; Tom Wittgen: Die letzte S-Bahn), wie auch das Phänomen der Sekten (Johannes Albrecht: Der Tod des Guru). Ein von der Einheitspresse sehr verschiedenes Bild. Kein Realismus? Sicher obsiegten letztlich die Ermittlungsorgane der DDR. Crime doesn’t pay, weiß auch Oberinspektor Derrick ganz genau und klärt alle seine Fälle auf (bis auf einen klitzekleinen). Realismus? Aber nicht immer waren die Volkspolizisten glorreiche Westernhelden im Kampf gegen das Verbrechen, auch sie kannten den Zweifel (vgl. Rudolf Bartsch: Der Mann, der über den Hügel steigt). Der Kriminalroman der DDR übte keine offene Kritik. Sicher. Systemkritik niemals. Aber vieles erkannte der geübte Leser der DDR als (nicht nur nach politischer Großwetterlage erwünschter) Symptomkritik sehr wohl. Die Verfasserin der Studie erkennt dies leider alles nicht. Sie klammert die Rezeption der Bücher völlig aus. Eine Notwendigkeit jedoch für die Analysen zur Literatur der DDR, zumal die Verfasserin den Kriminalroman der DDR „mit Fug und Recht unter dem Gesichtspunkt seiner „Funktion“ betrachtete. Hat er (ob schlecht, ob gut, ob uralt gewandet) denn nun funktioniert und wie? Genau das bleibt die Verfasserin aus Mangel an Beweisen schuldig.

Im Anhang letztlich wird dem Leser eine „Statistische Analyse des Kriminalromans der DDR“ offeriert. Das heißt, es wurde gezählt. Meine ganz private Auszählung von „Die Kriminalliteratur der DDR 1949-1990. Bibliographie“ zeitigt andere Ergebnisse. Nun ja, auch Zählsysteme sind halt verschieden. Die Quellen der in der DDR veröffentlichten Kriminalromane aus dem Ausland bleiben dunkel: „bibliografische Berichte der Deutschen Bücherei, Leipzig“. Deren Zahlen stimmen nicht. Aus Schweden wurden mindestens 14 und nicht 8 Romane publiziert. Welche Zahlen stimmen überhaupt? Dies kleinlich noch zur Faktenlage.

Was bleibt von der Lektüre? Überhaupt und gar nichts, außer dem Doktorhut aus Siegen für Brigitte Kehrberg (Herzlichen Glückwunsch!). Ein Blick in die professoralen Gutachten würde mich noch reizen, sie sind auch teuren Büchern nicht beigefügt. Eine Blamage weniger.

Die Emulsionärin Carla Skrypczak aus Wolfen durchblättert im Urlaub in einer Pension bei Tabor das illustrierte „Handbuch des Kriminalisten“ ihres Freundes Jens Schlesinger, der sie dabei photographierte.


3. Eine Rezension der Dissertation von Jan Eik (auf der selben Webseite: http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz99_04/text38.htm). Der Autor war Gründungsmitglied der Sektion Kriminalliteratur im Schriftstellerverband der DDR. Zudem gehört er der Kriminalautorengruppe Das Syndikat an, für das er von 1991 bis 1998 nahezu durchgängig als Herausgeber und Redakteur des internen Newsletter Secret Service tätig war. Als Krimiautor verfaßte er u.a. „Hanse“- und „Berlin-Krimis“:

Als Autor von Kriminalromanen äußert man sich besser nicht zu den ohnehin spärlichen Kritiken oder gar zu literaturwissenschaftlichen Betrachtungen des eigenen Werkes. Krimis werden üblicherweise für Krimileser geschrieben, nicht für Literaturwissenschaftler – daraus resultieren zahlreiche Mißverständnisse.

Wenn ich im Fall der Frau Brigitte Kehrberg aus Neuss von dieser Regel abweiche, so tue ich das als in doppelter Hinsicht Betroffener:

– als ein in der Arbeit mehrfach genannter Autor von „extrem schlichten Texten“, der bereits im Inhaltsverzeichnis falsch geschrieben wird, was naturgemäß mißtrauisch gegenüber dem folgenden macht

– als betroffen darüber, daß sich das Ende des Kalten Krieges im Sommer 1997 noch nicht bis zum Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität – Gesamthochschule – Siegen herumgesprochen hatte.

Frau K. nennt ihre in der Schriftenreihe Poetica – Schriftenreihe zur Literaturwissenschaft publizierte Dissertation „eine Studie“ über den „ästhetisch dürren und symptomatisch platten Kriminalroman der DDR“. Dazu hat sie 150 unter beklagenswerten Umständen, die sie breit ausführt, erworbene Krimis gelesen und 15 davon für würdig befunden, ihnen mit dem im Verlauf eines vermutlich langen Studiums angelesenen Habermas-Adorno-Instrumentarium zu Leibe zu rücken.

Nun will ich Frau K. nicht übelnehmen, daß sie für ihre Zwecke noch einmal die abgestandene (und gänzlich folgenlose) Krimi-Diskussion zwischen Hasso Mager und Fritz Erpenbeck aufwärmt, der Reinhard Hillich bereits 1988 in seinem Band Tatbestand (aus dem Frau K. gerne und fleißig zitiert) zu einer literaturwissenschaftlich würdigen Ruhestätte verholfen hat, ja, ich will ihr sogar den Griff zum übelsten Agentenschinken (der nun einmal kein Kriminalroman ist) am anfang stand das ende … (1954) von Hans-Joachim Geyer verzeihen. Sie ist auf dem mit spitzen Fingern und spürbarem Widerwillen ausgewählten Gebiet, auf dem sie zu promovieren beschloß, nicht allzugut informiert, sonst hätte sie Genaueres (und Lustiges) über jenen tatsächlichen Doppelagenten Geyer beispielsweise in Reinhard Gehlens Der Dienst oder Mary Ellen Reeses Organisation Gehlen gefunden. Daß der frühe Fallada-Freund und -Verehrer Geyer siebzehn Krimis verfaßt hat, ist im Kürschner nachzulesen. Nur sind die nicht in der DDR erschienen, sondern vor 1945 und/oder in Westdeutschland, und zwar unter dem Pseudonym John Kling.

Wie gesagt, nicht darüber will ich mit Frau K. rechten, die mich gemeinsam mit Klaus Möckel und Hartmut Mechtel unter der sich selbst beantwortenden Frage Systemkritik oder Symptomkritik? subsumiert und fortfährt: „Alle drei Autoren sind übrigens auch heute noch ,im Geschäft‘, alle drei gehörten zu denen, die ,dissidente‘ Überzeugungen gehabt zu haben wenigstens vorgegeben haben. (Ich danke für diese Informationen T. Wörtche.)“

Diese Denunziation ist, gelinde ausgedrückt, eine Unverschämtheit. Dr. Möckel und Hartmut Mechtel (dessen politisches Engagement in der Bürgerbewegung ihm in der DDR erhebliche Anfeindungen und Schwierigkeiten einbrachte und dessen Krimi Das Netz der Schatten 1997 mit dem Glauser-Krimipreis der Autoren für den besten Roman des Jahres – im Gegensatz zu Frau K.s Behauptung eine Auswahl unter allen deutschsprachigen Krimis – gewürdigt wurde) mögen sich selbst dazu äußern. Ich jedenfalls habe den mir hinlänglich bekannten Dr. Thomas Wörtche zu keiner Zeit zum Zeugen oder Sprachrohr meiner politischen Überzeugungen oder Aktivitäten ernannt. Was mich von T.Wörtche – nach einer anfangs von seiner Seite geradezu überschäumenden Freundlichkeit bei der Zusammenarbeit an einem längst dahingegangenen Kriminalmagazin – trennt, war schon 1992 im Freitag nachzulesen.

Was aber hat nun Frau K. an meinem Krimi-Erstling Poesie ist kein Beweis (geschrieben 1983, veröffentlicht 1986, Nachauflage 1987, und 1991 ins Schwedische übersetzt) auszusetzen? Da Frau K. über wenig Sinn für Ironie und keinerlei Kenntnisse der DDR-Realität verfügt, war ihr Spaß an der Lektüre naturgemäß stark gemindert. Ihre Schlußfolgerungen, die Darstellung jeweils einer „Verderberin“ bei Hartmut Mechtel und mir sei „für die Kriminalliteratur der DDR nachgerade topisch, ihre Sortierung zu anderen Außenseitern der Gesellschaft beredt“ nehme ich so überrascht zur Kenntnis wie die daraus abgeleitete Behauptung: „Vor der sexuell autonomen Frau hat (auch) der sozialistische Mann Angst.“ Daß Frau K. zum Beweis ihrer These die wörtliche Rede einer Nebenfigur und nicht den Autorenstandpunkt zitiert, gehört dabei zu den üblichen Taschenspielertricks des literaturtheoretischen Gewerbes.

Neben der topischen Sortierung ins gesellschaftliche Abseits werden mir aber noch andere unverzeihliche Mißgriffe angekreidet: „So bringt er es fertig, einen Homosexuellen darzustellen, ohne es zu wagen, ihn einen Homosexuellen zu nennen!“ – Nun ist der von mir karikierte Modefotograf Wilmar tatsächlich so angelegt, daß mein Held und Ermittler Conny (wie der Leser) bis zum Schluß im Ungewissen über dessen Sexualhabitus bleibt. Doch vergebens meine Feigheit: Frau K.s untrüglichem Blick entlarvt sich der Schwule sofort. (In meinem Roman Der siebente Winter [1989] spielt ein homosexuelles Paar eine Rolle – aber den hat Frau K. nicht gelesen, wie sie überhaupt von den meisten Autoren vorsichtshalber nur einen Titel ausgewählt hat.) Auf geradezu atemberaubende Weise hingegen durchschaut sie meine Bemerkung über gestylte DDR-Models. Auf „Farbfotos in großformatigen Journalen“ (literaturwissenschaftliche Anmerkung von Frau K.: Von denen es bekanntlich in der DDR so viele gab.) „fehlten … ihre Füße, wahrscheinlich des unpassenden Schuhwerks wegen“. Fußnotenkommentar B.K.: „Kritik an der Schuhindustrie? Oder soll es sich, horrible dictu, um Transsexuelle, gar Transvestiten handeln?“ Dieses Geheimnis, werte Frau K., gedenke ich mit ins Grab zu nehmen.

Aber im Ernst: Nennt sich derlei Erbsenzählerei tatsächlich Literaturwissenschaft? Steht es einer Literaturwissenschaftlerin an, in ihrer Promotionsschrift statt eigener Recherchen das sichtlich vom Vorurteil geprägte Hörensagen Dritter zu kolportieren? Was hat Frau K. – die eifrig und höchst einseitig aus dem von mir herausgegebenen Autorenblättchen „Secret Service“ zitiert – daran gehindert, meine in TransAtlantik, Horch & Guck und anderenorts veröffentlichten Darstellungen zur eigenen Biographie wenigstens zur Kenntnis zu nehmen, statt mich und meine Kollegen als Leute vorzuführen, die „Überzeugungen gehabt zu haben wenigstens vorgegeben haben“?

In der überaus gehässig formulierten Einleitung ihrer Schrift stellt Frau K. Sachkompetenz und Qualifikation ihrer Kölner Kollegin Dorothea Germer (die mit ihrer Dissertation Von Genossen und Gangstern. Zum Gesellschaftsbild in der Kriminalliteratur der DDR und Ostdeutschlands von 1974 bis 1994 eine sachliche und fundierte Arbeit zum Thema geliefert hat) in Frage, denn die ließe „sich allerlei Ungereimtheiten gefallen, weil sie offensichtlich nicht nachfragen kann.“ Da ist Frau K. allemal besser: Sie, die (fast) alles von T. Wörtche und aus einer im „Secret Service“ veröffentlichten Meinungsäußerung einer ehemaligen Lektorin erfahren hat oder es mit der zitierten Sachkompetenz aus Büchern herausliest, kommt erst gar nicht erst auf die Idee zu fragen. „Wenn der DDR-Krimi ein ,kritisches Potential‘ gehabt hätte, hätte es ihn schlicht nicht gegeben, sowie es verschiedene Spielarten von Musik (Jazz etc.) nicht (oder nur marginal) gegeben hat“, behauptet sie munter und verärgert mit ihrer verabsolutierenden Unkenntnis auch noch den Jazzer in mir. Als einstiger Jazzrezensent der „Weltbühne“ und Moderator einer Jazzsendung im Rundfunk (der DDR) weiß ich im Gegensatz zu Frau K., wovon die Rede ist. Aber sie, die nicht zwischen einem Mitglied und einem Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften zu unterscheiden vermag (S.82), dem Anglisten und Akademie-Mitarbeiter Dr. Hillich jedoch vorwirft, er könne die Romane James M. Cains nicht richtig einordnen, urteilt eben gerne über Dinge, von denen sie nichts oder wenig weiß. Julian Semjonow, Präsident der Internationalen Vereinigung der Kriminalschriftsteller (AIEP), war, wie Frau K. auf S. 100 zu melden weiß, „in der DDR persona non grata. Das Verbot einer Ausgabe der Zeitschrift ,Sputnik‘ wegen eines Textes von Semjonow war im Frühsommer 1989 eine der letzten großen Zensur-Aktionen in der DDR.“ Der „Sputnik“ wurde bereits im Oktober 1988 dreier Beiträge wegen verboten, von denen einer von Semjonow stammte. Dennoch weilte Semjonow danach zweimal in der DDR: im März 1989 und im Juni am Rande der in (West-)Berlin stattfindenden Criminale des Syndikats, an der sieben Krimiautoren aus der DDR teilnahmen. In meinem in der DDR-Zeitschrift „Sonntag“ (Nr. 27/89) abgedruckten Bericht heißt es dazu: „… AIEP-Präsident Julian S. Semjonow kam als ,Kommissar aus Moskau‘, im Gepäck den internationalen Almanach ,Detektiv und Politik‘ (Auflage 500 000, Preis 7 Rubel) und die Zeitschrift ,Streng geheim‘.“ (Auflage eine Million Exemplare). Wer schließlich behauptet, Wolfgang Schreyer sei in der DDR „bekannt und beliebt als der ,rote Wallace‘“ gewesen und die Mitarbeit seiner Frau an Unabwendbar mit der Zensur gleichsetzt, disqualifiziert sich vollends.

Es wäre leicht, die mit dem geballten fachchinesischen Vokabular und 698 mitunter sehr erheiternden Fußnoten aufgeschäumte Fleißarbeit der Frau K. mit einem Halbsatz von T.Wörtche abzutun: Schwurbel höchster Gaga-Stufe. Frau Kehrberg hat sich auf 205 ertragsarmen Seiten lediglich ihre Vorurteile über die DDR und den DDR-Krimi bestätigt – und mir die meinen gegen diese Art von Literaturwissenschaft.

Die Friseusin Ursula  Ludwig aus Karl-Marx-Stadt liest während ihres Urlaubs auf Rügen endlich ihr Buch „Die Kriminalfälle des Major Zeman“ durch.


4. Schließlich eine schon Jahre vor der obigen Auseinandersetzung veröffentlichte Würdigung des DDR-Krimis von Helmut Eikermann – so heißt der Krimiautor Jan Eik mit bürgerlichem Namen. Der Text hat den Titel „Das Ende der Ost-Krimis. Bemerkungen zur Kiminalliteratur in den neuen Bundesländern“:

Das Wort „Endzeitkrimis“, lange nach der Wende für DDR-Kriminalromane aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre verwendet, kennzeichnet die Veränderungen, die sich in der Kriminalliteratur der DDR angesichts der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in dem dahinsiechenden Staat abzeichneten – ein Vorgang, dessen Konsequenz auch die Krimiautoren erst nach der vollzogenen Wende mit allen Auswirkungen wahrzunehmen begannen. In einem Land, in dem flächendeckend Zustände herrschten, wie sie Karl-Heinz Berger, Jürgen Höpfner, Wolfgang Kienast, Hartmut Mechtel und andere kritische Autoren in ihren Büchern geschildert hatten, war mit einer positiven Entwicklung nicht mehr zu rechnen.

Daß mit dem Beitritt der neuen Bundesländer das hermetisch geschützte Reservat „Leseland DDR“ dem starken Konkurrenzdruck des internationalen Büchermarktes ausgesetzt sein würde, wollten die in der Sektion Kriminalliteratur des DDR-Schriftstellerverbandes organisierten ostdeutschen Krimi-AutorInnen anfangs ebensowenig wahrhaben wie ihre Verleger, und doch war bald abzusehen, daß die Verlagslandschaft der DDR samt ihren Krimi-Höchstauflagen (Startauflagen mit 100 000 Exemplaren, Nachauflagen 60 000) auf der Strecke bleiben mußte. Halbherzige Rationalisierungen in den Verlagen trugen kaum zur Rettung angeschlagener Unternehmen und ihrer Programme bei. Dabei galt der populäre Krimi irrtümlich anfangs als ein kaum betroffenes Genre. Noch im Frühjahr 1990 erschienen Hardcover-Ausgaben von Krimis (z. T. Nachauflagen) zu DDR-Preisen in Auflagen von 15 000 Exemplaren – und vermochten sich gegenüber den Billigangeboten westdeutscher Taschenbuch-Verlage nicht mehr durchzusetzen. Es ließ sich nicht übersehen: Die DDR-Literatur war auch ökonomisch an ihrem Endpunkt angelangt. Schon 1991 publizierten der Literaturwissenschaftler Dr. Reinhard Hillich, der an der Akademie der Wissenschaften der DDR zur Trivialliteratur gearbeitet und 1988 einen Band Tatbestand. Ansichten zur Kriminalliteratur in der DDR 1947-1986 vorgelegt hatte, und der Krimiautor und -sammler, Kriminal-Hauptkommissar a. D. Wolfgang Mittmann, im Akademie Verlag Berlin eine umfassende Bibliografie Die Kriminalliteratur der DDR 1949-1990, die dem interessierten Sammler einen vollständigen Überblick über dieses abgeschlossene Kapitel deutscher Literaturgeschichte bietet.

Inzwischen hatten einige Verlage die Aufbruchstimmung des Jahres 90 für eine Reihe von neuen Krimiprojekten genutzt. Eine Krimi-Illustrierte und andere Vorhaben gelangten über das Planungsstadium nicht hinaus. Ursula Eichelberger gab den GREIF Literatur-Almanach mit dem Schwerpunkt Kriminalliteratur heraus. Der Reiher Verlag, ein Sub-Unternehmen des SED-Verlags Dietz, publizierte 1990/91 sechs Titel einer Taschenbuchreihe REIHER CRIME, einen Band mit ostdeutschen Kriminalerzählungen und vier Ausgaben des internationalen Krimimagazins underground [Herausgeber Manfred Drews (Ost) und Thomas Wörtche (West)]. Ein obskurer westdeutscher „Verlag“ druckte Bücher von Tom Wittgen aus der DIE(Delikte-Indizien-Ermittlungen)-Reihe nach; Rotbuch übernahm das in der DDR zeitweise der Zensur verfallene Ende einer Weihnachtsfeier von Wolfgang Kienast, Bastei Lübbe u. a. Der siebente Winter von Eik, 1990 mit dem einmalig vergebenen Handschellenpreis der Sektion Kriminalliteratur für den besten Krimi des Vorjahres ausgezeichnet.

In Leipzig startete edition monade 1991 eine Reihe LEIPZIG CRIME, die es auf vier Titel brachte, bevor der Verlag ein Jahr später nach Berlin umzog, eine BERLIN CRIME-Reihe auflegte und schließlich als Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf mit bisher 18 Titeln dieser Reihe und einem vielseitigen Verlagsprogramm reüssierte, in dem Krimis noch immer einen Platz haben. Der Mitteldeutsche Verlag Halle-Leipzig schloß 1990 sein bis dahin erfolgreiches Krimi-Programm u.a. mit dem ersten gesamtdeutschen Krimi Schau nicht hin, schau nicht her von -ky (Berlin/West) und Steffen Mohr (Leipzig) und mit Gerhard Neumanns Abgesang. Der angeblich letzte mögliche Kriminalroman im klassischen englischen Kamin- und Landsitzstil. Neumann, ein erklärter Anhänger des klassischen Rätsel-Krimis, trat in der Folgezeit mit Kriminalerzählungen (Ritter, Tod und Teufel – Juco Verlag Halle/Saale 1995) und mit originellen Krimi-Stoffen aus dem Berlin der zwanziger Jahre hervor (Hanns-H. Petermann Feuerspuren, Reiher 1991; Polnisches Gold, DIE 1996).

Der Rudolstädter Greifenverlag, in der DDR das dritte wichtige Krimi-Unternehmen, verschwand sang- und klanglos; der Deutsche Militärverlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung wandelte sich zum Brandenburgischen Verlagshaus der Dornier-Gruppe und druckte 1990 die letzten Krimi-Manuskripte.

Blieb der Verlag Das Neue Berlin, seit Jahrzehnten mit seinen Hardcover-Ausgaben und der DIE-Reihe ohnehin der wichtigste und auflagenstärkste ostdeutsche Krimi-Verlag, der nach mancherlei Querelen mit Treuhand und Gesellschaftern als Kleinstunternehmen zusammen mit dem Eulenspiegel Verlag in den Besitz des Ostberliner Literaturwissenschaftlers Dr. Matthias Oehme überging. In der traditionsreichen DIE-Reihe, in der zur Wendezeit etwa 130 Titel vorlagen, erschienen – wie bei Reiher und in anderen Verlagen – ausstehende Überhänge aus der DDR-Produktion, wo ein Buch gewöhnlich zwei bis drei Jahre nach Manuskriptabschluß in den Buchhandel kam. 1991 folgte als Hardcover Karl-Heinz Jakobs‘ Die Frau im Strom, der einzige „Schubladen“-Krimi, der im Verlag schon 1980 vorgelegen hatte, seiner kritischen Haltung wegen jedoch nur im Westen veröffentlicht worden war.

Die Drahtzieherin im Berliner Glühlampenwerk, Helene Seidel mag eigentlich keine „Morde“, aber die Krimis von Tom Wittgen fesseln sie doch immer wieder.


Verunsichert von den veränderten ökonomischen Bedingungen, reagierten die meisten Krimi-AutorInnen eher zögernd auf die gewonnene Schreibfreiheit. Dennoch erschienen ab 1990 die ersten Kriminalromane, in denen die gravierenden Folgen der Wende reflektiert wurden. In diesen Romanen bot vor allem die gestörte Befindlichkeit der Ostdeutschen unter den Veränderungen der Einheit den Handlungsspielraum für klassische Whodonit-Krimis. Dabei wandten sich die bei monade/Schwarzkopf verlegten, vornehmlich jüngerer Autoren, eher an ein ebenso junges Publikum; meist bot die Szene in Leipzig oder im Berliner Kreuz- und Prenzlauer Berg den Hintergrund für die mitunter mit leichter Hand geschriebenen Krimis einer neuen Autorengeneration, aus der Frank Goyke sich als der fleißigste und vielseitigste profilierte. Von ihm liegt inzwischen fast ein Dutzend Titel (z.T. unter verschiedenen Pseudonymen) vor.

Von ähnlicher Produktivität zeugt das Oeuvre Tom Wittgens (Ingeborg Siebenstädt), Auflagenmillionärin in der DDR, die mit Eine dreckige Geschichte bei Reiher einen ersten Wende-Krimi vorlegte. Darauf folgten in den nächsten Jahren eine Reihe von Kriminalromanen bei verschiedenen Verlagen, die eine gewandelte Sicht der Autorin und ihres Protagonisten Hauptmann (jetzt Kommissar) Simosch präsentieren, neben dem nunmehr Hauptkommissare aus dem Westen agieren, wie in vielen Krimis ostdeutscher Autoren. Hauptkommissare stammen – auch in der Realität – immer aus dem Westen. Die beiden einzigen deutsch-deutschen Nachwende-Krimis von Leo P. Ard (d.i. Jürgen Pomorin, Hamburg) und Michael Illner (Ost-Berlin), Gemischtes Doppel (1992) und Flotter Dreier (1993), machen da keine Ausnahme. Sie reflektieren auf beinahe satirische Weise die Berlin-Brandenburgische Kriminalität und die Tätigkeit der vereinten Polizeikräfte. Beide Krimis erschienen im Dortmunder GRAFIT Verlag, wo Ard u.a. ein Dutzend thematischer Krimi-Anthologien publizierte, in denen sich Stories u. a. von Bärbel Balke, Dietmar Beetz, Jan Eik, Jan Flieger, Michael Illner, Klaus Möckel, Steffen Mohr, Gerhard Neumann, Hans Pfeiffer und Gert Prokop finden. Zu den von der ehemaligen DIE-Lektorin Heidemarie Schmidt bei HEYNE herausgegebenen Geheimdienstgeschichten Im Namen des Guten (1993) steuerten Gabriele Gabriel, Eik, Flieger, Mechtel, Prokop und Wittgen bei; eine geplante Krimi-Anthologie, herausgegeben von Astrid Schumacher (Reinbek), kam schließlich im Einmannunternehmen EISBÄR Verlag zustande. Sie vereint Autoren aus den neuen Ländern und aus Westberlin, darunter den Glauser-Preisträger und Jerry Cotton-Autor Heinz Werner Höber (1931-1996), der sich in besonderer Weise mit seinen ehemaligen Landsleuten (er stammte aus dem Erzgebirge) verbunden fühlte.

Auch -ky (Horst Bosetzky), Soziologie-Professor an einer Berliner Fachhochschule, die von West nach Ost verzog, ist mehrfach zusammen mit ostdeutschen Kollegen in Anthologien vertreten. Als beinahe einziger West-Autor ließ er seinen Oberkommissar Mannhardt sofort nach der Wende vornehmlich in der nördlichen Berliner Umgebung im Bundesland Brandenburg agieren, und veröffentlichte seine Romane nicht nur in der rororo thriller-Reihe (u.a. Blut will der Dämon, 1993) und bei Weitbrecht in Stuttgart (Von oben herab, 1992), sondern auch bei Schwarzkopf & Schwarzkopf (Fendt hört mit, 1994) und Mit dem Tod auf du und du (1993) in der DIE-Reihe, in der bereits 1977 und 1983 Lizenzausgaben seiner erfolgreichsten Krimis erschienen waren.

Der Nord-Berliner -ky, der aus seiner Liebe zu (Gesamt-)Berlin und Umgebung kein Hehl macht, ist eine der Integrationsfiguren des nunmehr gesamtdeutschen Krimis und 1. Sprecher des SYNDIKATs, der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur, in der mehr als 150 Krimiautoren aus der Schweiz, aus Österreich und aus allen Teilen Deutschlands locker organisiert sind. Nach erfolgreichen Regionalveranstaltungen (Sächsische Krimitage 1992, Lausitzer und Brandenburger Krimitage 1993 und 1994) fand die Criminale, das Jahrestreffen des SYNDIKATs, 1995 in Potsdam und damit erstmals in einem neuen Bundesland statt; für 1998 ist sie in Berlin geplant.

Trotz mancher Versuche bei westdeutschen Verlagen (u.a. Jens Bahre und Tom Wittgen bei Bastei Lübbe, Steffen Mohr Die Leiche im Affenbrotbaum, Heyne 1992, Tom Wittgen Staatsjagd und Pilotenspiel, Galgenberg 1992) blieb die DIE-Reihe im Verlag Das Neue Berlin die wichtigste Heimstatt für die Autoren in den östlichen Bundesländern. Mit mehrfach modernisiertem Cover versucht die Reihe auch im Westen Fuß zu fassen. Die ersten Nachwende-Krimis legten darin 1991/92 Dorothea Kleine, Rendezvouz mit einem Mörder, Barbara Neuhaus, Der letzte Schlüssel, Jan Eik, Wer nicht stirbt zur rechten Zeit, Hartmut Mechtel, Tod in Grau, Klaus Möckel, Eine dicke Dame und Auftrag für eine Nacht, und Hans Schneider, Der Mauertänzer, vor, 1993 folgten u.a. Titel von Hans Pfeiffer und Joachim Wohlgemuth. Pfeiffers Dokumentarberichte zur Gerichtsmedizin und zur Kriminalliteratur erscheinen inzwischen im Leipziger Militzke Verlag.

Die wohl wichtigsten Kriminalromane der unmittelbaren Nachwendezeit stammen von Wolfgang Schreyer, der mit Nebel (1991) einen anspruchsvollen Politthriller in der von ihm gewohnten Mischung von Fiktion und Fakten schrieb, und von Max D. Adam (d. i. Gerd Müller) Yeti sei tot, ein geschickt mit einer Krimihandlung verknüpfter Roman über die Stasi-Auflösung. 1994 und 1996 erschienen mit Das Quartett und Der sechste Sinn neue Krimis von Schreyer, der schon 1988 in Unabwendbar die ersten ideologischen Zweifel seines Kriminalisten gestaltet hatte, um ihn schließlich in Nebel den konsequenten Schritt zur kritischen Distanz der eigenen Vergangenheit gegenüber tun zu lassen. Adam hat inzwischen mit drei weiteren Titeln in der DIE-Reihe zum üblichen Krimi-Schema gefunden. Harry Thürk, nach Schreyer der andere Vertreter des politisch-dokumentarischen Abenteuerromans in der DDR, konzentriert sich mit seinen Krimis auf Erfahrungen in Südostasien und veröffentlichte bisher sechs Titel mit exotischen Schauplätzen.

Gestandene Krimi-AutorInnen wie Jan Flieger, Gerhard Johann, Wolfgang Kienast, Dorothea Kleine, Barbara Neuhaus, Hartmut Mechtel, Klaus Möckel, Gerhard Neumann und Tom Wittgen schrieben auch in den Folgejahren Krimis für die DIE-Reihe, in der 1997 als Nr. 203 Im Höllenfeuer stirbt man langsam von Jan Flieger und Nr. 204 Einmal Bulle, immer Bulle von Wolfgang Kienast erschienen sind. Gert Prokop (1932-1994) beging kurz nach Erscheinen seines letzten Krimis So blond, so schön, so tot Selbstmord; im November des gleichen Jahres starb Karl-Heinz Berger (1928-1994) – herbe Verluste für den ostdeutschen Krimi, nachdem schon 1990 Gerhard Scherfling verstorben war. Als neue Autoren (z. T. aus anderen Genres) kamen u. a. Monika Helmecke, Hans-Ullrich Krause, Manfred Rudolph und Joachim Wohlgemuth (1932-1996) hinzu. Die Lübecker Autorin Karen Meyer gab zwei Anthologien, Deutschland einig Mörderland (1995 zum 25jährigen Bestehen der DIE-Reihe) und Mord light oder Es muß nicht immer Totschlag sein (1996), heraus, an denen sich allerdings nur wenige Autoren aus den neuen Bundesländern beteiligten.

Zweifellos die bemerkenswerteste Neuerscheinung in der DIE-Reihe war Hartmut Mechtels Der blanke Wahn (1995), einer der besten Thriller der letzten Jahre, in dem der Leser etwas über Terrorismus, Stasi und Geheimdienste in gänzlich unerwarteten Konstellationen erfährt. Der Romanist Klaus Möckel entwickelte nach der Wende neben den Fällen für seinen Ost-Berliner Privatdetektiv Krey auch seine Vorliebe für den Kinderkrimi. Für die Rowohlt-Rotfuchs-Serie schrieb er Bennys Bluff (1991), Kasse knacken (1993) und Bleib cool, Franzi (1995), sämtlich Geschichten, die im wiedervereinten Berlin spielen und die aktuelle Zeitgeschichte aus der Sicht von Kindern reflektieren.

In einer neuen Sachbuch-Reihe edierte Das Neue Berlin ab 1994 u.a. dokumentarische Texte von Bärbel Balke Frauen Töten einsam. Begegnung mit weiblicher Gewalt, Jan Eik Besondere Vorkommnisse. Politische Affären und Attentate, Hans Girod Das Ekel von Rahnsdorf und andere Mordfälle aus der DDR, Wolfgang Mittmann Fahndung. Große Fälle der Volkspolizei. Von Mittmann ist ein zweiter Band angekündigt.

In der Reihe „Ariadne Krimis“ des Hamburger Argument Verlags erschien 1993 der in Ostberlin zur Wendezeit spielende Krimi Die gefrorene Charlotte von Dagmar Scharsich (1994 für den Autorenpreis Glauser nominiert), für den die Autorin den Literaturförderpreis des Landes Brandenburg erhielt. In der z. T. von der ehemaligen DIE-Lektorin Gabriele Reinhold lektorierten Zweiten Reihe des gleichen Verlags überwiegen inzwischen die „Ost“-Krimis von Wolfgang Kienast, Waldtraut Lewin, Hartmut Mechtel und Tom Wittgen. Mechtel hat mit seinem Anti-Helden Martin Parr (Der unsichtbare Zweite, Das Netz der Schatten) eine Serienfigur erfunden, die noch für manche Überraschung im „neuen“ Deutschland gut ist. Waldtraut Lewin, in der DDR u. a. als Verfasserin historischer Romane bekannt, versucht ein gleiches mit ihrer Miss Marple-Quade aus dem Scheunenviertel (Alter Hund auf drei Beinen, 1996) und der Hobby-Detektivin Aurora Lenssen in zwei weiteren Krimis.

In den neuen Bundesländern existiert also weiterhin eine lebendige Krimiszene. Aufgegeben haben nur wenige Autoren; Gunther Antrak verschrieb sich wieder ganz dem Kabarett, Helfried Schreiter (Pseudonym Louis Martin), vom NVA-Offizier zum „stern“-Redakteur und Multi-Verleger mutiert, verschwand als Bankrotteur in den Wirren der Nachwende – ein Held, wie erfunden für einen der vielen noch ungeschriebenen Krimis aus dem Osten.

Der Kombinatsjustitiar  Johann Karke aus Hellerau liest in seinem Rostocker Hotelzimmer einen alten sowjetischen Krimi auf  Zeitungsformat, von denen er einen ganzen Stapel zu Hause hatte – bis zur Wende.



Kommentare (6)

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  1. Im „Argument“-Verlag erschien 1996 ein Krimi von „Tom Wittgen“, dahinter steckt die DDR-Krimi-Autorin Ingeburg Siebenstädt. Ihr Westkrimi spielt in Hannover im Catcher-Milieu, das es ihr etwas zu sehr angetan hat, so wie auch die ganze Fitness- und Body-Building-Branche. Das Autorenphoto zeigt sie mit einem braunhäutigen Catcher, der sie wie ein Kind auf dem Arm trägt. Eigentlich ist das ganze Buch ein peinliches Machwerk, aber ich beiße mich da jetzt durch, den Eintragungen über Regionalkrimis hier im blog zuliebe.

    Außerdem gehört Tom Wittgens Krimi in die Reihe derer, in denen ein bestimmtes Milieu journalistisch aufbereitet wird, hierbei fehlt nur die Distanz, mit der man Wichtiges von Unwichtigem trennt. Zu letzterem zählen z.B. die vielen Fachbegriffe, die im Falle von Wittgens „Restling-Krimi ‚Crossbody'“ sogar ein Glossar der durchgehend amerikanischen Worte notwendig machten. Das ist nun wirklich übertrieben – bzw. ist nur was für Idioten, die das Buch gründlich studieren, um damit zu Catch-Veranstaltungen zu gehen und dort mit ihrem Wortschatz zu protzen.

    Aber das paßt zu diesem Milieu, das Leute anzieht, die einzig ihren Körper und seinen Einsatz auf möglichst vielen Ebenen kultivieren bzw. elaborieren wollen – und für Welterfahrung und -verstehen ansonsten wenig übrig haben. Ein bißchen so wie Naturwissenschaftler, nur dass die an fremden „Körpern“ rumlaborieren oder herumrätseln.

    Wobei es ihnen heute jedoch nicht mehr um „das Leben“ geht, sondern bloß noch um die“ Algorythmen des Lebendigen“, wie der Genetiker Francois Jacob gerne betonte.

  2. Und noch ein DDR-Krimi:

    „Ost Highway“ von Stefan Maelck, er wurde 2003 veröffentlicht und spielt in Halle. Es geht darin um einige IMs, der Protagonist ist ein Radiomoderator mit einer Vorliebe für Country-Musik, der als eine Art Privatdetektiv herumläuft und meistens an seinem Stammtisch in einer Kneipe sitzt, wo sich auch der polizeiliche Ermittler immer wieder einfindet. Die beiden arbeiten zusammen an diesem Fall. In den meisten Krimis besteht ansonsten eine tiefe Feindschaft zwischen privaten und polizeilichen Ermittlern.

  3. Ich möchte hier einen weiteren interessanten Autor nennen, der sich in seinen Regionalkrimis mit der DDR-BRD-Problematik beschäftigt: den in Wolgast geborenen Germanisten Henner Kotte.

    In seinem „Leibzig-Krimi“ aus diesem Jahr: „Augen für den Fuchs“ ermittelt ein in den Osten versetzter bayrischer Polizist außer Dienst einen zu DDR-Zeiten bereits abgeschlossenen Mordfall, wobei er der Unschuldsvermutung einer „dementen Achtzigjährigen“ nachgeht, während seine Ostkollegen einen Betrug bei der Arbeitsvermittlung von papierlosen Ausländern aufdecken.

  4. Die Krimi-Autorin Gabriele Wolff, Oberstaatsanwältin in Neuruppin im Hauptberuf, meint – in einem Interview mit „alligatorpapiere.de“:

    Frage: Warum Krimis?

    G. Wolff: Weil ich mich auch für die reale Welt interessiere, die ohne Gerechtigkeitslücken nun mal nicht zu haben ist: das fordert zum Krimischreiben heraus.

    Frage: Was bedeutet deutscher Krimi für Sie?

    G. Wolff: Englische kann ich nun mal nicht verfassen …

    Frage: Wer ist überschätzt?

    G. Wolff: Die Skandinavier, insbesondere Mankell.

    Frage: Wer ist unterschätzt?

    G. Wolff: DDR (der deutsche Rest).

    Frage: Krimi – eine Literaturgattung?

    G. Wolff: Selbstverständlich, und nicht die schlechteste im Vergleich zu Selbsterfahrungsprosa, Beziehungsbewältigungstexten, privaten Geschichtserkundungen, Pop-Literatur oder Ghostwriter-Autobios über Leute, die zu denen gehören, über die Adorno mal sagte: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“

    Frage: Wie sind Sie zum Krimi gekommen?

    G. Wolff: Zwangsläufig; seit der Kindheit auf der Suche nach der Textsorte, die zu mir paßt, kam ich durch die Nähe zum Verbrechen, die mein Hauptberuf als Oberstaatsanwältin so mit sich bringt, auf den Krimi als das mir gemäße Genre.

  5. Hier noch zwei Fast-DDR-Krimis:

    1. „Das Kreuz von Krähnack“ – ein „Uckermark-Krimi“ von Ralph Gerstenberg (2004). Es geht darin um einige zugezogene Buddhisten und Künstler und etliche Einheimische vor und nach der Wende. Der Ostberliner Autor schrieb 1997 seine Magisterarbeit über den Krimiautor Friedrich Glauser. Vielleicht hat er sich für „Krähnack“ vom vorpommerschen Dorf „Klein Jasedow“ inspirieren lassen. Dort hat sich eine Eso-Kommune nieder gelassen, die u.a. eine Zeitschrift – mit dem Titel „Oya“ – herausgibt.

    2. „Tod auf dem Rolandsfest“ – ein „Nordhausen-Krimi“ von Rolf W. Michael (1998). Es geht darin um das schöne Nordhausen vor und nach der Wende, um das Rolandbräu und den Nordhäuser Doppelkorn sowie um einstige Wächter und Bewachte im KZ „Dora Mittelwerke“ nahe Nordhausen. Der Autor war Beamter im Ordnungsamt Kassel. Er hat viele Phantasy-, Krimi-, Wikinger- und Liebesromane geschrieben. Sein Vorbild ist Karl May. „Mein liebster Tummelplatz ist die abenteuerliche Action-Fantasy“.

    Sein „Nordhausen-Krimi“ leidet darunter, dass er kein Ostler ist und sich laufend Wörter wie „Girls“, „schwarzer Tanga“ und „blonder Superjunge“ in sein „Vokalkolorit“ einschleichen, sogar noch wenn es dabei um das Gerangel in einem FDJ-Ferienlager geht. Dafür ist sein Krimi in der Nordhäuser Buchhandlung Rose für 1 Euro zu haben. Die Buchhändlerin warnt einen jedoch: „Der Krimi ist noch in der Wende entstanden, da stimmte noch längst nicht alles, muß man mit Vorsicht genießen inzwischen, es hat sich doch viel verändert seitdem.“

  6. „Früher machte ich noch diese gymnastischen Übungen, die dafür gemacht sind, damit man einen flachen und harten Bauch bekommt und behällt. Dann fühlte ich eine Schwangerschaft herannahen und gab daher diese wichtigen Übungen, die ich mir aus der Zeitschrift geschnitten hatte, wieder auf. Ich war wie gamcht dafür, Mutter zu werden, war ich doch ein ganzer Mensch… Vielleicht war es ja ein Fehler, das ich mit den Übungen aufgehört habe… Man darf sich nicht so sehr auf das wachsende Leben in einem selbst konzentrieren, man muss auch dem Manne ein Augenmerk zuwenden, weil sich dieser sonst plötzlich vernachlässigt fühlt…“