https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/william-bout-264826_Fallback.png

vonHelmut Höge 13.11.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

„Flieht auf leichten Kähnen!“ (Georg Trakl)

Lange Zeit hat mich das „Floß“ bloß als Metapher tangiert. Bereits in der Volksschule in Bremen bekamen wir eine Broschüre, mit der man uns in Form einer Abenteuergeschichte davor warnen wollte, aus Ölfässern ein Floß zu bauen, um damit die Weser abwärts zu fahren. Die beiden Jugendlichen Protagonisten, die das taten, wären dabei um ein Haar in die Nordsee abgetrieben worden.

Später lernten wir im Englischunterricht anhand der Metapher „Constructing one’s own raft“ – Das Floß selber bauen, dass und wie man auf gut Amerikanisch sein eigenes Leben in die Hand nimmt, in den Griff kriegt…

Dann erschien in den Achtzigerjahren das Merve-Buch „Ein Floß in den Bergen“ des Antipsychiaters Fernand Deligny und 20 Jahre später im Verlag Peter Engstler: „Ein Leben mit dem Floß“ von Delignys Mitarbeiter Jacques Lin. Das waren ganz andere Floßgeschichten: „Chroniken eines Versuchs“ mit autistischen Kindern in den Wäldern der Chevennen eine neue Form des Zusammenlebens zu finden. Deligny versicherte: „Der Versuch geht weiter: das Leben mit dem Floß…Die Chroniken laden die Leser dazu ein, das Weite zu suchen…was ein Abenteuer anderer Art ist, als mit einem Hundeschlitten zum Nordpol zu fahren; wir suchen nach dem, was das Menschliche ausmacht.“

Als nächstes und vielleicht inspiriert von diesem französischen Floß-Abenteuer lernte ich im Prenzlauer Berg eine Frau kennen, die ein großes Zimmer besaß, in dem nur ein Bett stand, das nach einigen Tagen zu einem „Floß“ für uns wurde. Wir kamen damit für kurze Zeit einer Utopie nahe: Nie mehr unser Floß verlassen!  Nur noch sich lieben (bis alles wund ist), küssen, umarmen, darüberhinaus höchstens noch  rauchen, trinken, essen, schlafen. „Und irgendwann im Augenblick der höchsten Lust sterben.“ (Michel Foucault).  Darauf hatten sich plötzlich unsere ganzen menschheitsbeglückenden Wünsche,  reduziert, konzentriert – quasi auf den kleinsten gemeinsamen Nenner von Zweien. Doch auch auf unserem Floß gab es viel zu tun – mit Wilhelm Reich gesprochen: Eine Gesellschaft, die die „biologische Ur- und Grundfunktion ächtet, die der Mensch mit allem Lebendigen gemeinsam hat“, schafft es allenfalls bis zur Pornographie, aber nicht zur Erfassung biologischer Funktionen für die Freiheit. Dabei geht es u.a. auch darum, alle Bilder zu vermeiden, weil sich ein Bild von jemanden machen, heißt, eine lebendige Beziehung zu zerstören. Nichtsdestotrotz sind die Augen fast das Wichtigste – d.h. wenn die Blicke nichts fixieren, sondern durch die Augen des Anderen bis in seinen Unterleib dringen, wo sie sich mit den Blicken des Anderen, die durch einen selbst hindurchpulsieren, berühren. Das ist keine Utopie! Nur das Andauern dieses Glücks: Lust will Ewigkeit! Ich jammerte schon und fühlte mich wie halb, wenn „meine Partnerin“ nur aufstand und auf Toilette ging.  Erst als wir uns ganz trennten, erholte ich mich langsam wieder – bis zur Gänze.

Von solchen Floß-Erlebnissen schwärmen sogar Polizisten. Am Tag des Milizionärs sangen sie im sowjetischen Fernsehen regelmäßig das Lied „Auf dem kleinen Floß“. Wladimir Kaminer erzählte mir, wovon es handelt: „dass nur ein solches  kleines Floß uns durch alle Irrungen und Wirrungen bringen kann, ein Floß – als  Inbegriff der Liebe. Den Liebenden im Lied gelingt aber eine schöne Reise…“ Dunkle Worte: wieso „aber“?

Zuletzt, Mitte September, bestieg ich mit schweigendem Begehren ein Floß: endlich ein richtiges, kein metaphorisches, dachte ich noch. Das war in der schwedischen Provinz Värmland am Ufer eines Flusses. Während wir dort noch mit 2 Kmh den gemächlich dahinfließenden breiten Gebirgsstrom runtertrieben und herauszufinden versuchten, ob die Strömung in seinen Kurven innen oder außen schneller war, korrigierte ich mich jedoch: dieses Floß war etwas Hyperreales.

Wir waren zu viert mit fast 1000 Kmh von Berlin nach Oslo geflogen und dort von der Reiseführerin mit einem Kleinbus abgeholt worden. Nach 170 Kilometern durch Wälder und an Seen vorbei erreichten wir in Nordvärmland eine Stelle am gemächlich dahinfließenden Gebirgsfluß Klarälven, die bis 1991 von gewerblicher Flößerei benutzt wurde. Heute betreibt dort die Firma „Vildmark i Värmland“ ein Touristencamp zu dessen Freizeitangeboten u.a. Floßfahrten gehören. Als wir ankamen mußten wir das Floß erst einmal bauen –  mittels 40 drei Meter langen Stämmen und 80 Meter Tauenden. Jan, ein Mitarbeiter von  „Vildmark“, zeigt uns dafür die richtigen Knoten. Dann mußten zwei von uns sich lange Gummistiefel anziehen, um die Stämme von der Wasserseite aus zu vertauen. Wir anderen ließen die Stämme ins Wasser rollen und arbeiteten ihnen vom Ufer aus zu. Währenddessen fuhr unsere värmländische Reiseführerin „unseren“ Kleinbus flußabwärts – bis dahin, wo unsere Floßfahrt enden sollte. Von dort brachte sie ein anderes Auto zurück zu uns. Mit ihr waren wir wieder zu fünt, der Bau des Flosses, das aus drei Lagen Stämmen bestand, dauerte etwa zwei Stunden, dann konnten wir endlich raufspringen – und vom Ufer abstoßen. Unsere Fließstrecke betrug  zehn Kilometer. Unterwegs wechselten wir vom Paddeln zum Erzählen, vom Essen zum Kaffee trinken. Ich rauchte.  Zwar sahen wir wie fast versprochen keine Biber oder Elche, dafür einen Schwarm Wildgänse. Sie flüchteten, als unser Floß ihnen nahe kam. Wir hätten angeln können, uns erwartete jedoch am Abend ein Fischessen im Hotel. Nach fast fünf Stunden sahen wir unser Ziel vor uns, es hieß Björkebo und bestand aus einer Art Hafen, in dem die geflößten Stämme sich auf natürliche Art sammelten. Wir ruderten ans Ufer, benutzten dort erst einmal das Plumsklo und bauten dann das Floß wieder auseinander.  Am Ufer standen fünf Tonnen, in die wir unseren Müll getrennt entsorgten. Die  Reiseleiterin war sogar so öko eingestellt, dass sie die übriggebliebenen Maiskörner und Gurkenscheibchen nicht in den  Fluß geworfen hatte. Die Stämme und Taue, das Regenzeug und die  Versorgungskisten wurden mit Lkws abgeholt. Auf Schildern zeigt man uns, wie wir die einzelnen Taue zusammenlegen und verstauen sollten.

Als das geschehen war, brachte uns die Reiseleiterin mit ihrem Kleinbus zum nächsten Hotspot – einem riesigen Spa-Hotel in Sunne am See, wo wir baden und essen konnten. Dorthin mußten wir wieder ein Stück flußaufwärts fahren. Als wir am Ausgangspunkt unserer Floßfahrt vorbeikamen, stoppte einer der Mitreisenden die Zeit: Die Strecke, für die wir einschließlich dem Bau des Flosses fast einen Tag gebraucht hatten, legten wir nun mit dem Auto in sechs Minuten zurück. Von „Klarälvens Camping“, wie der Floßplatz hieß, brauchten wir dann noch einmal zwei Fahrstunden bis zum Spa-Hotel. Von dort holte uns am nächsten Morgen ein Taxi ab, mit dem wir zurück zum Flughafen nach Oslo fuhren. Von da aus ging es mit dem Flugzeug wieder zurück nach Berlin.

Im Taxi nach Hause frug ich mich: Hätte es eine „Telebrücke“ nicht auch getan? – ein Wort aus der guten alten Zeit der verfeindeten Blöcke. Um dem von US-Präsident Reagan forcierten Kalten Krieg entgegenzuwirken, kam 1982 auf Betreiben der „Citizen Diplomacy“-Bewegung eine „Telebrücke“  zwischen Moskau und San Francisco zustande: Zwei Rockbands – hier und dort – versuchten trotz einer Realzeit-Differenz von 2,5 Sekunden zusammen zu spielen. Und es gab eine Diskussion zwischen amerikanischen und sowjetischen Studenten. Wladimir Kaminer, der am 5. September 1982, als sie stattfand, noch Schüler in Moskau war, sah diese Veranstaltung im Fernsehen: „Das Gespräch ging nicht wirklich voran. Die erfolgreichen Ernten und die Fortschritte im Maschinenbau interessierten die amerikanischen Freunde nicht, stattdessen kamen sie gleich zur Sache. Ein großer Blonder in einem Holzfällerhemd wollte wissen, wie es mit dem Sex in der Sowjetunion sei. Unsere Antwort auf diese hinterhältige Frage kam von einer molligen Dame mit einer komplizierten Frisur: ‚Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex‘.“

Kaminer meint, sich erinnern zu können, dass sie „…im Fernsehen“ hinzufügen wollte, dies sei jedoch durch das brüllende Gelächter der Amerikaner vereitelt worden. Tatsache ist aber, dass es keinen Sex im Sozialismus gibt. Neben vielen anderen hat der  kommunistische Psychoanalytiker Wilhelm Reich bis hin zu seinen Faschismus-Studien immer wieder herausgearbeitet, dass und wie unsere Sexualität im Kapitalismus zugerichtet wird: Eine Gesellschaft, die die „biologische Ur- und Grundfunktion ächtet, die der Mensch mit allem Lebendigen gemeinsam hat“, schafft es seiner Meinung nach allenfalls bis zur Pornographie, aber nicht zur Erfassung biologischer Funktionen für die Freiheit.

Und Sex ist Pornographie. Sex sells, sagt man auch. Es ist der Kern des Konsumismus. Der Kasseler Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann sprach hierbei von einer „Okulartyrannis“ – weil alle Sinne dem visuellen untergeordnet werden. Sex ist auf Abbildliches reduziertes „Beiwohnen“, wie es in der Bibel genannt wird. Der Semiologe Roland Barthes kann deswegen sagen: „Sich ein Bild von jemandem machen, heißt eine lebendige Beziehung zerstören.“ Eine Weile versuchte man in den Siebzigern diesem Zwang mit LSD zu entkommen – durchaus erfolgreich, aber die schlechten Gewohnheiten schlichen sich schon bald danach wieder ein. Roland Barthes war von vorneherein  pessimistischer: „Wir verbringen unser Leben damit, uns von jemandem verzücken zu lassen, versuchen mit dem anderen zu verschmelzen“. Aber dann kommt „das Zusammenleben“ – und dazu braucht es eine „Ethik der Distanz, ein Schweigen des Begehrens, Gleichgültigkeit“. Doch indem ich das „Begehren des anderen abtöte, töte ich das Begehren zu leben. Wenn mich der Körper des anderen nicht erregt oder wenn ich den anderen niemals berühren kann – wozu dann noch leben. Der Kreis der Aporie – der Auswegslosigkeit – ist damit geschlossen.“

In der Sowjetunion wurde in den Zwanzigerjahren an diesen und anderen „Auswegslosigkeiten“ heftig gerüttelt. Die großartigste „Unsterblichkeit“ kam ebenso auf die Tagesordnung wie der „kleine Tod“ (der Orgasmus) Erinnert sei an die Auseinandersetzung zwischen Alexandra Kollontai und Lenin über das, was wir hier und heute als „Sex“ bezeichnen und auch betreiben, wobei uns Millionen Pornos den Weg weisen. Lenins Kritik an Kollontais geforderter und gelebter „Freien Liebe“ gipfelte in dem berühmten Satz, man könne die Sexualität nicht so praktizieren wie man ein „Glas Wasser“ trinkt. Die „sexuell emanzipierte Kommunistin“ dachte dabei jedoch eher an einen „beflügelten Eros“, womit sie sich von einem promiskuitiven Verständnis der „freien Liebe“ gerade abgrenzte, das damals besonders unter jungen Leuten als fortschrittlich galt. Es gab u.a. eine ganze Bewegung Jugendlicher – „Nieder mit der Scham“, die nackt auf städtischen Plätzen demonstrierte. „Die sexuelle Bereitschaft von Frauen wurde zum Nachweis revolutionärer Gesinnung erhoben“, heißt es dazu etwas bitter in Kristine von Sodens Buch über „Sowjetische Frauen von Kollonati bis heute“. Bisher folgte noch auf jede Deterritorialisierung eine Reterritorialisierung. Oder anders ausgedrückt: kapitalistischer Sex und sozialistisches Begehren sind Gegensätzliches, letzteres jedoch immer nur tentativ. Dazu gehören auch solche  Hybride wie „Verschmelzungssex“ – aus der Sehnsucht des vereinsamten Pornokonsumenten nach dem „ozeanischen Gefühl“ heraus. (1)

Die Pornofizierung des Alltags kreierte  den „Neosex“, Georg Seeßlen erklärte  dazu:  „Der pornographische Diskurs verwirft den weiblichen Körper nicht mehr (um ihn in einem seltsamen Jenseits, dem Pornotopia der Literatur wie des ‚Rotlichtmilieus‘ und allen ihren Romantisierungen, zu restaurieren), er fügt ihn vielmehr in den Mainstream ein… Pornographie ist die letzte große Illusion der Teilhabe der unnützen Menschen am System,“  der die „alte ‚Elendsprostitution‘ – vorwiegend in der Form der sexuellen Ausbeutung der proletarischen Frau durch den bürgerlichen Mann oder der kolonialisierten Frau durch den kolonialistischen Mann“ – nur noch für  einen „Störfaktor“ hält in der Entwicklung der globalen Prostitution, „die den Wert des ‚fuckable‘ Menschen nicht durch institutionellen Zwang, sondern durch Marktkonkurrenz bestimmt.“ Seeßlen vermutet, dass die neue pornographische Sexualität, die auch den Krieg und die Folter „genußvoll“ mit einschließt, auf folgende Kernaussage hinausläuft: „Dein Körper gehört dir, nicht wie ein geistiges oder historisches Eigentum, sondern wie ein Auto oder ein Bankkonto. Er gehört dir wie Waren im Kreislauf, du kannst ihn verkaufen, vermieten, drauf sitzenbleiben, ihm Mehrwert abtrotzen oder ihn verspekulieren. Je neosexueller du bist, desto weniger kannst du Heimat in ihm haben, aber desto mehr Profit kannst du ihm entnehmen.“

So gesehen ist der besorgniserregende Pornokonsum von Jugendlichen bloß eine karrierefördernde Weiterbildung, auch das daran sich vielleicht anschließende Nachstellen der wichtigsten Positionen. Und die „Nebenwirkungen“ kriegt man auch noch in den Griff. In der BZ wurden vor einiger Zeit bereits Tipps veröffentlicht, was zu tun ist, wenn man nur noch vor laufender (Video-) Kamera vögeln kann. Eine Form von „Okulartyrannis“ als persönliches „Leiden“, das auf der Höhe der Medien- und Informationsgesellschaft ist. Wenn die Kamera aus ist, ist man ganz allein mit dem Anderen – und muß sich auf ihn einlassen. Die Bilder verschwimmen. Man kuckt sich nicht mehr von außen zu – beim Pornospiel. Kein schauspielern mehr. Was tun? Die anderen Sinne wieder in ihr Recht setzen, einen  Sinnenwandel herbeiführen. Utopisch?

Anmerkung:

(1) 1998 schrieb ich in der „Zeit“: Nackt auf Hawaii

Noch einmal mobilisiert Eislaufprinzessin Katarina Witt ihre sämtlichen Fans: Indem sie für den Playboy auf Hawaii posierte. Das Honorar war „ungewöhnlich“ hoch. Dafür war dann das Dezemberheft an den deutschen, insbesondere den ostdeutschen, Kiosken im Nu vergriffen.  Die zweifache Olympiasiegerin und vierfache Weltmeisterin hatte bereits zu Beginn ihrer „Traumkarriere“ auf dem Eis einmal, allerdings mehr aus Versehen, die Brust bei einem Schaulaufen entblößt. Die Bild- Zeitung sprach von einem „Busen-Patzer“.  „Ein Lächeln aus Karl-Marx-Stadt ist etwas anderes als ein Lächeln aus Hollywood“, schrieb 1994 die Frankfurter Rundschau über die sächsische „Carmen-on-Ice-Darstellerin“.  Der Autor jenes Berichtes hatte sie bei der deutschen Meisterschaft in Herne im Dezember 1993 erlebt. Als die damals 29jährige in einem roten Kleid zu ihrer Kür auflief, sei es in der riesigen Eislaufhalle „plötzlich atemlos still geworden“. Das Publikum machte die „bestürzende Erfahrung einer Verbindung von Erotik und Sozialismus … Da gab es auf einmal eine ästhetische Totalität … Katarina Witt sprengt das Eis.“  Am Ende blieb Katarina Witt noch einen Moment lang auf dem Eis stehen: „Ein Sich-Sammeln. Ein Nachzittern … Für wenige Augenblicke hatten die Massen die Erregung der Kunst erfahren.“  Ihre weiblichen Fans sahen sie naturgemäß etwas nüchterner.  Der Kunsthistorikerin Sabine Vogel beispielsweise gefiel und gefällt an Katarina Witt vor allem das Handfeste, „daß sie eine gestandene Frau ist, nicht so anämisch – eine Art Vollblutpferd. Die mit beiden strammen Beinen im Leben steht, dazu ihr sächsischer Dialekt und das Praktische, Gewichtsprobleme oder so.“ „Die Fotos sind nichts geworden, bis auf das Titelporträt“. Ein im Osten tätiger Immobilienentwickler beruhigte mich jedoch: „Allein in Brandenburg sind fünf neue Riesen-Erlebnisbäder mit tropischem Schwimmparadies, Sportanlagen und Gastronomiekomplex in Bau beziehungsweise in Planung. Und im Ostberliner Kurier läuft gerade ein großes Gewinnspiel an: ,Gewinnen Sie eine Traumreise nach Hawaii!‘ … Also, die wissen schon, was sie tun. Die leisten sich keine Patzer, schon gar nicht in ihrer Weihnachtsnummer!“

In den darauffolgenden Jahren folgten darauf für Katarina Witt einige Hinundhers mit Eislaufshows im Privatfernsehen und nun gar ihre Berufung zur Vorsitzenden des Kuratoriums der Bewerbungsgesellschaft für die Olympischen Winterspiele 2018 u.a.in Garmisch-Partenkirchen, wo die Bauern der Garmischer Weidegenossenschaft sich mehrheitlich weigern, dafür ihr Land herzugeben. „Wir sind in der Vergangenheit schon zu gierig gewesen,“ sagen sie. Katarina Witt läßt unterdes verlauten: „die Akzeptanz wächst“. Ach!

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/11/13/auf_metaphorischen_floessen_kurzurlaub_im_hyperrealen/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Ein Matrazenlager für zwei sich Liebende wird auch in dem Film „Die Entdeckung der Curywurst“ von diesen als „Unser Floß“ bezeichnet. Das Buch schrieb Uwe Timm, die Handlung beginnt in den letzten Kriegstagen und endet in den ersten Friedenswochen.

    Wikipedia schreibt:

    „In Uwe Timms Novelle werden die großen politischen Ereignisse geschickt mit den privaten Beweggründen der Protagonisten verbunden. Die im Krieg selbstständig gewordene Frau nimmt ihren zurückkehrenden Ehemann zwar zunächst wieder in die Wohn- und Lebensgemeinschaft auf, wirft ihn aber bald hinaus und schlägt sich weiter zusammen mit ihren Kindern, aber ohne Ehemann durchs Leben.

    In leisen Tönen wird beschrieben, dass diese Zeit nicht unbedingt ein Wiederaufbau sein musste, sondern dass auch neue soziale Strukturen entstanden. Ob die Entdeckung der Currywurst nun tatsächlich wie beschrieben stattfand, ist dabei eher nebensächlich.

    Frau Brückers private Handlungsweisen allerdings sind mindestens genauso spektakulär wie die Entdeckung oder Erfindung des beliebten Imbisses.“

    Zu diesen „privaten Handlungsweisen“ gehört der rasche Aufbau eines „Flosses“ in ihrer Wohnung für sich und ihren jungen Geliebten, der passenderweise ein (desertierter) Marinesoldat ist, sich also mit solchen Wasserfahrzeugen auskennt. Er heißt Bremer.

  • So kann man die Floßfahrt auf dem Klarälven-Fluß auch „erleben“, dachte ich, als ich in der Berliner Zeitung auf einen Artikel von Edda Käding mit dem Titel „Floßfahren auf dem Pilgerfluß“ (15.4.1994) stieß. Eigentlich hatte ich es beim Studium des Gaterslebener Instituts für Pflanzenforschung und seiner merkwürdigen Personnage, deren Genweizen-Feldversuch gerade von genkritischen „Feldbefreiern“ zerstört wurde, auf eine Biographie des Gaterslebener Direktors Hans Stubbe abgesehen, die Edda Käding verfaßt hatte.

    Sie hieß: „Engagement und Verantwortung: Hans Stubbe, Genetiker und Züchtungsforscher“ – und war 1999 in Müncheberg, vom dortigen Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung“ herausgegeben worden. Das Müncheberger Institut wurde von Hans Stubbes Genetikprofessor Erwin Baur geleitet.

    Auf der Suche nach einer Bestelladresse für Edda Kädings Stubbe-Biographie, die von der Historikerin Susanne Heim in ihren Büchern über die Pflanzenzüchter im Nationalsozialismus als „informativ bewundernd-einfühlend“ bezeichnet wird, fand ich dann bloß Kädings Geschichte vom „Floßfahren auf dem Pilgerfluß“:

    Der Klarälv, mit rund 500 Kilometern der längste Fluß Skandlnaviens, Ist von alters her als der „Pilgerfluß“ bekannt. Jahrhunderte hindurch pilgerten alljährlich Gläubige, von Süden kommend, das Klarälv-Tal hinauf durch Schweden bis ins norwegische Trondheim, um im dortlgen Ntdaros-Dom am Grabe des Heiligen Olof die am 29. Juli beginnende einwöchige Olofsmesse zu zelebrieren.

    Zeichen und Wunder

    Der Wikinger Olav Haraldsson war auf Streifzügen in der Normandle unter starken christlichen Einfluß gekommen und hatte sich im Jahre 1013 taufen lassen. Als König von Norwegen (ab 1015) trug er wesentlich zur Verbreitung des Christentums in Skandinavien bei. Nach seinem Tode (29. Juli 1030) sollen sich am Sterbeort und am Sarge „bemerkenswerte Zeichen und Wunder“ zugetragen haben.

    Olav wurde bald kanonisiert, er war lange Zeit der populärste Heilige in ganz Skandinavien. Sein Kult breitete sich schnell aus — bis hin nach England, Frankreich, Deutschland und Rußland. Und damit begannen die Pilgerzüge, die trotz Verbots durch König Gustav Vasa (1544) bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts andauerten. Viele Inseln soll es noch Riten des Olofskults geben, und Legenden bringen den Heiligen in enge Verbindung zu den Trollen, die ihm sogar bei der Verbreitung der christlichen Botschaft geholfen haben sollen, Indem sie ungläubige Bauern In Steine verwandelten.

    Der „Pilgerweg“ ist auf der Autokarte verzeichnet und läßt sich auf weiten Strecken bequem per Pkw zurücklegen. Abenteuerlicher und wohl auch romantischer Ist aber eine Fahrt auf dem selbstgebauten Floß den Klarälv abwärts — mit einer Geschwindigkelt von zwei km/h.

    Die Flußfahrt geht über drei Nächte oder auch über eine Woche und Ist vom schwedischen Veranstalter bestens durchdacht. Der Hang zum Außergewöhnlichen, der Touristen nun mal eigen ist, wird mit der ökonomischen Zweckmäßigkeit so kombiniert, daß gleich drei Selten ihren Nutzen aus diesem Ferienvergnügen ziehen können: der Urlauber, der Relseveranstalter und das Flößerunternehmen (das die Im Norden geschlagenen Stämme ohnehin flußabwärts zu den Verarbeitungsbetrieben schaffen muß).

    An alles gedacht

    Ausgangs- und Endpunkt der Tour ist Gunnerud, rund 100 km nördlich von Karlstad gelegen. Dort bekommen die Floßfahrer in spe ihre Ausrüstung — vom Paddel bis zu Streichhölzern, vom Mühlsack bis zur Chemietollette ist an alles gedacht (Robinson wäre vor Neid erblaßt).

    Von Gunnerud werden die Reisenden hundert Kilometer flußaufwärts nach Branäsäng gebracht, und dort geht es dann richtig los: Zunächst muß jedes Flößerteam drei Meter lange Baumstämme mit Seilen zum Fluß zusammenfügen, das wiederum aus drei bis vier Lagen solcher Rundhölzer bestehen muß. Damit sich unterwegs nichts löst, gibt es fachmännische Hilfe und eine „kleine Knotenkunde“, eine Unterweisung im Knotenschlingen. Natürlich finden alle Bauarbeiten an Ort und Stelle, das heißt im Wasser des Klarälv, statt — die Stämme lassen sich so am besten handhaben. Anderenfalls würde aus dem Urlaubsvergnügen blad Schwerstarbeit: Heben Sie mal ein massives Floß, das seine 18 qm mißt!

    Nebenbei ein Biber

    Sobald das Floß fertig ist, geht es auf große Fahrt — wie schon erwähnt, mit beschaulichen zwei Stundenkilometern. Wer die Natur liebt, kommt dabei ganz sicher auf seine Kosten und sichtet vielleicht sogar einen Biber oder einen Elch. Ansonsten darf auch geangelt werden — im Klarälv gibt es Äschen (Angeischein bekommt man in Gunnerud). Und die Wälder sind voller Pilze und Beeren, so daß sich Fahrtunterbrechungen auch aus kulinarischer Sicht lohnen. Doch Vorsicht beim Kochen: Das Lagerfeuer nicht direkt auf den Stämmen des Floßes entzünden, weil die sich danach nicht mehr für die Papierherstellung eignen würden.

    Für den Landgang seien Stöllet und Ekshärad empfohlen. In der Schindelkirche von Stöllet erinnert eine kleine Statue des Heiligen Olaf (13. Jahrhundert) an die Wallfahrten.

    Ekshärad war früher ebenfalls Phgerstation. Der Friedhof um die dunkeirote Holzkirche ist weit bekannt wegen seiner mehr als 200 schmiedeeisemen Grabkreuze aus drei Jahrhunderten. Sie haben zum Teil mehrere Querbalken, an denen viele kunstgeschmiedete Blätter hängen. Diese Kreuze symbolisieren Lebensbäume, deren Laub im Winde spielt. In den ehemaligen Kirchenställen jenseits ~ler Friedhofsmauer arbeiten jetzt Künstler und Handwerker — auch jener Kunstschmied, der heutzutage als einziger die Tradition des „Spielenden Laubes“ fortsetzt.

    Von Ekshärad Ist es nur ein kleines Stück bis nach Gunnerud, wa die Reise endet — natürlich erst, nachdem die Flußbezwlnger ihr Floß eigenhändig wleder entknotet und auseinaridergenommen haben. Auskünfte: Vitdmark 1 Värmland, Box 209. 5-68500 Torsby, Tei.: 4556014040.

    Wie im wirklichen Flöflerleben: Urlauber auf dem Pilgerfluß. Foto: Käding

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.