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vonHelmut Höge 23.03.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Heute scheint ein quasi-innehaltender Reflexionstag fürs Feuilleton zu sein.

In der Frankfurter Rundschau wird die Katastrophen-Vergleicherin Rebecca Solnit interviewt:

Japan ist, verglichen mit Haiti, eine sehr wohlhabende Gesellschaft, es gibt all diese Ressourcen. Es gibt viel sozialen Zusammenhalt, es ist zudem eine sehr einheitliche Gesellschaft. Aber vieles ist derzeit schwer zu beurteilen, weil die Regierung einiges vertuscht. Auch die Medienberichterstattung bei Katastrophen ist sehr unterschiedlich, in manchen Fällen hat man das Gefühl, alles zu erfahren, in anderen fragt man sich: was geht dort wirklich vor? Wie viele Menschen haben irgendwo für sich allein Zuflucht gesucht, wie viele haben offizielle Notunterkünfte erreicht, wie viele haben bei Familienangehörigen Unterschlupf gefunden? Und ich habe das Gefühl, obwohl ich die Nachrichten sehr sorgsam verfolge, dass ich hier kein klares Bild habe.

Eine Menge Journalisten machen einen furchtbaren Job, sie wiederholen Klischees und verbreiten Gerüchte. Oft bringen die Leute statt Fakten das, von dem sie glauben, dass man es von ihnen hören möchte. Dass die Japaner gehorsam sind und sauber und nie plündern. Aber wir wissen nicht, was in Japan, was dort an den Orten größter Verzweiflung vor sich geht. Es gab Lügen über New Orleans und Haiti, über das Plündern. Es gab keine offenen Geschäfte und man konnte nicht an Geld kommen in diesen Katastrophen – also konnte man Dinge nur erhalten, indem man sie nahm.

In New Orleans haben Leute, die als Plünderer hingestellt wurden, manchmal Dinge genommen für andere Menschen, weil diese sie verzweifelt benötigten. Bei jeder Katastrophe müssen wir akzeptieren, dass wir nicht wissen, was genau passiert, aber die Medien tun gern so, als wüssten sie es. Es wird gesagt, dass die Japaner nicht plündern, unausgesprochen bleibt, dass wir anderen es tun. Aber ich meine, ein Wort wie Plündern sollte überhaupt nicht verwendet werden. Wer schert sich um Besitz, wenn es um Leben geht.

Ich glaube, wir alle haben gehofft, ein Land zu erleben, das angemessen, das perfekt reagiert, bei mir war es jedenfalls so. Aber ich lese, dass viele Japaner ihrer Regierung inzwischen misstrauen. Und wenn eine Regierung erst einmal Misstrauen geweckt hat, steckt sie in diversen Schwierigkeiten. Ein gewisser Bund zwischen den Menschen und der Regierung wurde gebrochen.

Die Katastrophe wird riesige wirtschaftliche Auswirkungen haben. Also ja, die Gesellschaft wird sich verändern, und es könnte in mancher Hinsicht zum Besseren sein.

Ebenfalls in der FR fragt sich Peter Michalzik, ob es eine Wahrheit und eine Erkenntnis von Fukushima gibt, wobei er sich auf die Männer im havarierten Reaktor konzentriert – sind es Helden, Opfer?:

Das Denken angesichts der japanischen Katastrophe fühlt sich stumpf an. Es verspricht keine Erkenntnis. Nichts folgt aus den alten Gedanken über Verantwortung, wie immer man sie auch wendet. Sie haben keine Konsequenz.

Auch das Fühlen bleibt merkwürdig stumm. Natürlich gibt es Entsetzen, Wut, Enttäuschung und vor allem Angst und Schrecken. Aber das sind Affekte, unmittelbare Reaktionen, keine Gefühle, die den Raum dessen, was sich da geöffnet hat, aushalten und ausmessen würden.

Die Wahrheit der Katastrophe liegt, wenigstens zur Zeit, nicht in einer Erkenntnis. Wenn es eine Wahrheit gibt, dann liegt sie bei den Menschen, wahrscheinlich alles Männer, die in Fukushima 1 sind und etwas zu tun versuchen, von dem sie immer noch nicht wissen, wie es gehen soll. Die Wahrheit liegt, so pathetisch sich das anhört, im Opfer.

Die offizielle Wahrheit über diese Männer wird möglicherweise nie bekannt werden, waren sie wirklich freiwillig unterwegs, wie groß war die Strahlenbelastung, der sie ausgesetzt waren, wie viele von ihnen sind wann und woran gestorben. Es wird nicht so undurchsichtig wie bei den russischen bzw. ukrainischen Liquidatoren sein, es werden wohl nicht so viele sein, sie werden wahrscheinlich, hoffentlich nicht so hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt sein. Aber es werden viel mehr sein als die, die bisher in Fukushima 1 gewesen sind. Diese Männer sind der Preis, den wir – und dieses wir ist bewusst gewählt – den wir zu zahlen bereit sind. Sie sind keine Helden, sie sind das Menschenopfer. Helden sind sie nur für die, die dabei zusehen und das Bedürfnis haben, sie zu besingen.

Das Opfer, das die Männer bringen, ist die ultimative Gabe. Das bedeutet, es ist jene Gabe, die nie zurückgegeben werden kann. Deswegen werden die Nachfolgenden und Nachgeborenen, was immer geschieht, in der Schuld dieser Männer stehen. Nichts können die Überlebenden und hoffentlich Gesunden tun, um das zurückzugeben, was sie bekommen haben.

Ein paar Stunden Arbeit unter den Extrembedingungen der am stärksten belasteten Areale von Fukushima sind, so kann man sagen, kein Gesundheitsrisiko, sondern ein Todesurteil. Bei einem Tag Arbeit in einem Umfeld von 400 Millisievert stirbt die Hälfte der Arbeiter den Strahlentod.

Die seit letzter Woche, vor allem in den Feuilletons, gern diskutierte Frage, ob eine Demokratie Arbeiter zwangsverpflichten darf, hat etwas durchaus Akademisches. Natürlich darf sie das nicht. Und ebenso natürlich wird sie es tun und muss es sogar tun. Sie wird ja nicht, wegen einer rechtlichen Frage, zusehen, wie die Bevölkerung im Ernstfall immer weiter verstrahlt wird und zu wesentlichen Teilen auf die eine oder andere Art den Strahlentod stirbt. Sie wird auch jetzt selbstverständlich Mittel und Wege finden, genug Arbeiter zu rekrutieren, damit in einem überschaubaren Zeitraum der inzwischen vieldiskutierte Sargdeckel über Fukushima geschlossen werden kann. Und wir werden Arbeiter im Fernsehen sehen, die sagen, sie machen das freiwillig. Wie anders soll es gehen?

Dass wir Menschenopfer zulassen und zulassen müssen, wirft Denkgewohnheiten über den Haufen. Das Wort Ausnahmezustand bekommt einen neuen Klang, wenn die japanische Regierung kurz davor stand, einen Ausnahmezustand verhängen zu müssen, mit dem sie viel mehr Menschen hätte zwingen können, die Katastrophe einzudämmen. Wer hätte da noch welche Verantwortung?

In der FAZ beschreibt Jürgen Todenhöfer „den Tag, an dem Gaddafi meinen Freund Abdul Latif tötete“ und der Völkerrechtler Christian Tomuschat begründet, warum der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel „irrt, wenn er die Intervention der Alliierten in Libyen als normatives Unding verwirft“, denn „für eine unterdrückte Bevölkerung kann es nicht ‚illegitim‘ sein, sich ihre Freiheit auch mit gewaltsamen Methoden zurückzuholen“.

Auf der Naturwissenschaftsseite der FAZ macht sich wieder mal ein Autor Gedanken über die neuen Medien: „Seriöse Informationen über Fukushima gehen im Textgewitter der sozialen Netze unter“. Ein sehr konservativer Gedanke, den man so ähnlich schon hundert mal gehört hat.

Auf der Geisteswissenschaftsseite der FAZ geht es u.a. darum, dass die „Wissenschaft vom stabilen Orient“, die Politologie,  „jahrelang erklärte, weshalb sich in den Staaten des Mittleren Ostens und Nordafrikas nichts ändern wird. Jetzt steht sie dumm da“.

Aber nicht nur das, auch ihre Theoreme sind zu trivial: „So berufen sich zahlreiche Autoren auf ein Axiom von S.Lipset und D.Easton, das besagt, dass ein politisches System umso stabiler ist, je mehr Unterstützung es von der Bevölkerung erhält. …Wie banal darf Wissenschaft sein?“

Perlentaucher.de stöhnt, dass das „business as usual“, die Würdigung der üblichen Kulturwaren – Bücher, Filme, Theaterstücke, Musik etc. – immer öder gerät – angesichts des Arabischen Aufstands und des immer noch drohenden japanischen Super-Gaus.

Die Süddeutsche Zeitung weiß sich in dieser Situation zu helfen: Ihre Feuilleton-Redakteure gaben einer Pflichtbesprechung von drei Theaterstücken einfach die Überschrift: „Wir sind hier nicht auf dem Tahrir-Platz“

In der Jungen Welt setzt sich Fidel Castro heute mit dem Militäreinsatz in Libyen und dem japanischen Super-Gau auseinander, kann es dabei aber leider nicht vermeiden, sich ähnlich wie Gaddafi selbst zu loben. Auf dem „blog.fefe.de“ wird Gaddafis Sohn Saif al-Islam zitiert, der erklärt, warum Sarkozy sich so engagiert gegen das libysche Regime zeigt:

“Sarkozy must first give back the money he took from Libya to finance his electoral campaign. We funded it and we have all the details and are ready to reveal everything. The first thing we want this clown to do is to give the money back to the Libyan people. He was given assistance so that he could help them. But he’s disappointed us: give us back our money. We have all the bank details and documents for the transfer operations and we will make everything public soon.”

2007 vereinbarten Frankreich und Libyen eine Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie. Eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichneten beide Seiten am Mittwoch während eines Libyen-Besuchs des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Ziel sei der Bau eines Atomkraftwerks in dem nordafrikanischen Land, das Energie zur Meerwasser-Entsalzung liefern solle.

Spiegel-online berichtet – aus Libyen: „Gaddafi kündigt Kampf bis zum Sieg an“, und aus Japan:  „Über Reaktor 3 und 2 des AKW Fukushima steigt schwarzer Rauch auf. Der Betreiber Tepco ließ das Gelände evakuieren, die Arbeiter mussten das Areal sofort verlassen. Zusätzlich war die Radioaktivität angestiegen.“

In Syrien wurden heute wieder Demonstranten erschossen – es ist von „fünf führungskritischen Demonstranten“ die Rede. Im Jemen hat die Opposition für Freitag erneut eine Massendemonstration angekündigt, melden diverse Nachrichtenagenturen.

Dpa ergänzte etwas später:

„Das Parlament im Jemen hat den von Präsident Ali Abdullah Salih verhängten Ausnahmezustand bestätigt. Die Abgeordneten der Regierungspartei Allgemeiner Volkskongress stimmten am Mittwoch geschlossen für die Maßnahme. Damit sind für 30 Tage die Verfassung ausgesetzt und Kundgebungen verboten. Die Behörden können Verhaftungen ohne die üblichen Einschränkungen vornehmen und die Medien zensieren. Salih sieht sich derzeit einer Massenbewegung seiner Bürger gegenüber, die seinen sofortigen Rücktritt nach 32 Jahren an der Macht verlangen. Am letzten Freitag hatten Scharfschützen des Regimes in die Menge von Demonstranten geschossen und 53 von ihnen getötet. Salih hatte daraufhin den Ausnahmezustand verhängt.“

Aus Saudi-Arabien berichtet Reuters:

Die saudiarabischen Behörden gehen nach Darstellung von Menschenrechtlern massiv gegen Demonstranten vor. In der vergangenen Woche seien 100 Schiiten während friedlicher Proteste im Osten des Landes festgenommen worden, teilte die Human Rights First Society am Mittwoch mit. Es lägen Berichte über psychische und körperliche Misshandlungen vor. Das Innenministerium äußerte sich nicht zu den Angaben. Ein Sprecher sagte aber, jeder, der zu Demonstrationen aufrufe, werde verhaftet und vor Gericht gestellt.

Die Junge Welt ist noch ganz im Banne des Denkens des Ganzen – und wo dort die entscheidenden Fronten verlaufen. Es ist ein deduktives Denken. Seit der Auflösung der Sowjetunion, seit ihrer Rücknahme, wird das Ganze wenigstens im Westen nur noch ökologisch gedacht, bis hin zu einer „Gaja“-Hypothese, die mit einem noch größeren Ganzen daherkommt, was zugleich auch ihre Schwäche, wenn nicht sogar ihre Lächerlichkeit, ist.

Der Arabische Aufstand, so individuell, regional unterschiedlich und induktiv wie er sein mag, zielt auf die ganze Menschheit, die Menschenrechte, und so wie man auch weit davon entfernt noch darüber Glück empfinden kann, hat man umgekehrt auch und gerade aus großer Distanz zum Reaktorunfall von Fukushima das Gefühl, das man selbst – alle – vom Unglück betroffen sind.

Die Ereignisse könnten kaum konträrer sein, würde sich nicht hinter  dem Unglück die Hoffnung verbergen, dass daraus eine gesellschaftliche Veränderung, nach Art der Abschaffung eines Regimes, entsteht, die auf eine ähnliche Weise zum Besseren tendiert wie die Wünsche und Proklamationen der aufständischen Araber.

Fast hat man den Eindruck, dass hierbei der Fukushima-Impuls sogar stärker ist als der Kairo-Virus, der zwar alle arabischen Länder und den Iran erfaßt hat, aber das ist nicht das Ganze, während der drohende „Super-Gau“ in Japan fast überall zu einem neuen Nachdenken über die Atomkraft geführt hat, was wiederum viele Lebens- und Produktionsweisen in Frage stellen könnte.

Es gibt immer noch keine engagierten Teach-Ins über das, was die arabischen Aufständischen tun und wollen, sieht man einmal von kontinuierlicher Kriegs- und sonstiger Eventberichterstattung ab. Was in der Kunst längst geschafft wurde, der  Übergang vom Event zum Prozeß, ist im Journalismus sogar gegenläufig. Dabei wird selbst Prozeßkunst zum Event – und wie ist es da erst mit den Revolutions- oder Aufstandsprozessen.

Sekundär wird aus dem Event, vornehmlich im Feuilleton, dann ein „Diskussionsprozeß“ – wie z.B. über die „Helden von Fukushima“, die 50 Arbeiter, die ihr Leben im Reaktor riskierten. Waren es echte „Freiwillige“ oder nicht. Da reicht dann die Beantwortung bis auf  Aristoteles zurück. In dessen „Nikomachische Ethik“ heißt es über die „an erster Stelle: stehende Tapferkeit des Bürgerheeres“:

„Und wenn Truppenführer die Leute in die vorderste Front stellen und sie sie, falls sie zurückweichen wollen, schlagen, dann ist das Zwang. Man soll aber nicht tapfer sein aus Zwang, sondern weil es ruhmvoll ist.“

Da müßte man nun abermals induktiv vorgehen – und jeden Einzelnen dazu befragen.

Der Spiegel schreibt über diese „Nuklear-Samurai“:

„Sie werden als einsame Helden gefeiert, als Japans letzte Hoffnung im Kampf gegen den drohenden Super-GAU: Doch strenggenommen gibt es die „Fukushima 50“ schon seit einigen Tagen nicht mehr – aus ihnen sind die „Fukushima 500“ geworden. Feuerwehrmänner, Techniker, Soldaten, Mitarbeiter von Zulieferfirmen, sie alle riskieren am havarierten Kraftwerk ihr Leben. Viel wurde gerätselt über die Helden von der Strahlenfront. Wer sind die Männer? Arbeiten sie freiwillig? Oder wurden sie abkommandiert? Der AKW-Betreiber Tepco gibt darüber bisher keine Informationen. Auch über die Soldaten wurde nichts bekannt. Mehr drang über die Arbeitsbedingungen des „Hyper Rescue Teams“, einer Spezialeinheit der Tokioter Feuerwehr, an die Öffentlichkeit. Offenbar wurden die Männer massiv unter Druck gesetzt.

Die Menschen in Fukushima arbeiten im extremen Grenzbereich. Und nicht alle von ihnen scheinen der Aufgabe gewachsen zu sein. Sie sind offenbar überhaupt nicht auf die Situation vorbereitet. Shingo Kanno ist einer von ihnen. Laut einem Bericht des „Guardian“ hatte sich Kanno, Familienvater und Tabakbauer aus der Gegend um das AKW, für Hilfsarbeiten in Fukushima anheuern lassen, um etwas Geld nebenbei zu verdienen. Bereits vor der Katastrophe war er als Bauarbeiter in dem Kraftwerk. Als der nukleare Ernstfall eintrat, wurde er zunächst nach Hause geschickt. Doch dann kam ein Anruf aus dem AKW, ob er nicht zurückkehren könne.“

An der Front im ökologischen Ganzen wird derweil hektisch nach einem systemimmanenten dritten Weg „jenseits von Fukushima und Ölkrieg“ gesucht.

Die Newagisten von „Telepolis“ bringen heute bereits eine Art Zusammenfassung der neuen Technologie:

„Seit 2004 berichtet Telepolis über den Stand und politische Hintergründe der Erforschung der sogenannten Kalten Fusion. Heute vor 22 Jahren vorgestellt gilt diese Form der Kernfusion „bei Raumtemperatur“ nicht Wenigen noch immer als wichtige Energiequelle der Zukunft.

Wenn es stimmt, was der Ingenieur Andrea Rossi angekündigt und in Italien demonstriert hat, dann kommen Aggregate zur Wärme- und Stromerzeugung aus Kalter Fusion bereits bis 2012 auf den Markt. Diese Ankündigung hat sogar die Experten des Fachgebiets überrascht. Während die Welt sich mit atomarer Verwüstung und einem neuen Ressourcenkrieg konfrontiert sieht, wird im Internet ein möglicher technologischer Durchbruch diskutiert, den der Zukunftsforscher Gerald Celente bereits mit der Entdeckung des Feuers vergleicht.“

Noch länger als „Telepolis“ hat taz-blogger Achmed Khamas über die Kalte-Fusions-Kiste berichtet, Matthias Broeckers schrieb heute in seinem blog:

“Und wenn du glaubst es geht nicht mehr…” – explodierende Atomkraftwerke, Kriege um den letzten Tropfen Öl, Klimaerwärmung, Naturzerstörung  – “…kommt von irgendwo ein Lichtlein her.” Oder in diesem Fall die Meldung eines revolutionären Durchbruchs in der Energiegewinnung. Ob die Kernreaktion bei Zimmertemperatur – der “Rossi-Reaktor”, benannt nach seinem Erbauer Andrea Rossi – tatsächlich so funktioniert, wie es erste erfolgreiche Experimente belegen, wird jetzt in einer aufwändigen wissenschaftlichen Überprüfung untersucht.

In Gelnhausen gab es mal einen Erfinder, der eine AKW-Zuliefererfirma hatte und auf Basis eines neuen Atommodells ebenfalls schon ein Patent für einen Minireaktor in Kofferraumgröße angemeldet hatte. Er wurde später von einem Büdinger Fürsten aus  seiner Firma gedrängt und diese vom Fürsten in „Nukleartechnologische Gesellschaft“ (NTG) umbenannt. U.a. belieferte die NTG auch den Irak mit Zentrifugen und Ähnlichem. In der taz wurde mehrmals erwähnt, dass sie auch Südafrika und Pakisten belieferte, wo man die Teile zum Bau von Atombomben verwenden würde: „Deutsche Firma lieferte wichtige Komponenten zum Bau von Atombomben„. All das war vor der sog. Wende.


dpa meldet heute um 11 Uhr 58:

„Bei Angriffen der Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi auf Misurata sind in der Nacht zum Mittwoch nach Medienberichten 14 Menschen getötet worden. 23 weitere Menschen seien bei den Kämpfen in der drittgrößten Stadt des Landes verletzt worden, berichtete der arabische Fernsehsender Al-Dschasira unter Berufung auf Gaddafi-Gegner. Der Hafen der Stadt 210 Kilometer östlich von Tripolis werde noch von den Gaddafi-Gegnern kontrolliert. Dagegen hätten die Pro-Gaddafi-Truppen die Kontrolle über das städtische Krankenhaus übernommen. Davor seien Panzer postiert, auf dem Dach stünden Scharfschützen. Die Aufständischen baten die westliche Militärallianz, ein Lazarettschiff nach Misurata zu entsenden. Die Bewohner der Stadt wüssten nicht mehr, wohin sie die Verletzten bringen sollen.“

Aus Tokio meldete dpa wenig später:

„In der Millionenstadt Tokio geht die Angst vor radioaktiv belastetem Trinkwasser um. Babys sollen Leitungswasser nicht mehr trinken. Die Regierung warnt vor Panikkäufen. Am Atom-Wrack in Fukushima steigt wieder Rauch auf. Die Arbeiten verzögern sich erneut.

Im havarierten Atomkraftwerk Fukushima kämpfen die Arbeiter derweil weiter gegen die Kernschmelze. Auch außerhalb der Sicherheitszone von 30 Kilometern um das Atom-Wrack trat nach Schätzungen der Regierung womöglich stark erhöhte radioaktive Strahlung auf. Die Evakuierungszone – sie beträgt 20 Kilometer – soll dennoch nicht erweitert werden.“

In dieser Situation sagt nicht „Japan Nein!“, sondern die USA:  „Sie verschärften die Einfuhrbestimmungen für Gemüse und Milch aus Japan.“


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kommentare

  • Zu dem Gelnhäuser Erfinder eines „Minireaktors“ seien hier noch einige Details nachgereicht, die geeignet sind, die obige Bemerkung dazu richtig zu stellen:

    Über einen Vogelsberger Künstler lernten wir – Glühbirnenforscher – einmal einen Frankfurter Maler, Thomas Markert, kennen, und der gab sich uns als direkter Nachkomme des Glühbirnenerfinders Heinrich Goebel, aus dem erzgebirgischen Annaberg stammend, zu erkennen. In der DDR, aber auch in den alten westdeutschen Schulbüchern, wurde Goebel noch als der Glühbirnenerfinder erwähnt und geehrt. In Fritz Vögtles Rowohlt-Monographie Edison taucht Goebel hingegen nicht ein einziges Mal mehr auf. Dafür immerhin der Hinweis – von Edison selbst -, daß er einmal in Ägypten einen Patentrechtsstreit verlor, weil »das Patentamt des Landes entdeckt hatte, daß etwas Ähnliches bereits 2.000 Jahre vor Christus in Ägypten benutzt worden war«. 1982 hatten auch zwei Hobby-Archäologen, Krassa und Habeck, nach Deutung einiger Reliefs im Hathor-Tempel, behauptet, die alten Ägypter hätten die Glühbirne erfunden – sie berichteten darüber in der Zeitschrift ‚esotera‘. In Ägypten scheint ihre These schon seit einigen tausend Jahren zum gesunden Volkswissen zu gehören, wenn das Kairoer Patentamt bereits 1912 davon ausgegangen war. (In Rußland feiert man den Glühbirnenerfinder A.N. Lodygin.) Ohne Kenntnis dessen, allein vom Anti-Eurozentrismus beseelt, hatten wir in der taz diese altägyptische Priorität schon 1986, gegenüber dem Kulturforscher Schivelbusch geltend gemacht. Zurück zu Goebel: Der hatte kurz nach der gescheiterten 48er-Revolution, nach dem »Sturm aufs Springer Rathaus«, in dessen Folge er nach Amerika ausgewandert war, in New York, genauer gesagt, in der Monroe-Street, die Glühbirne erfunden. Dies war dann auch in einem Patentrechtsverfahren, das Goebel gegen Edison angestrengt hatte, 1893 festgelegt worden. Goebel starb kurz darauf.

    Zum Beweis seiner Abstammung von diesem – als Revolutionär und Erfinder – Gescheiterten, legte Thomas Markert uns eine »Abhandlung« über seinen »Ururur-Großonkel, den Erfinder Heinrich Goebel« vor, die sein Großvater, Kurt Markert, nach eigenen Angaben »Buchhalter und Autodidakt der Kernphysik«, verfaßt hatte. In Summa ging daraus bloß hervor, daß irgendein Markert einmal eine geborene Goebel geheiratet hatte, wodurch sich über »Onkel und Neffen im dritten Grade in der Seitenlinie« eine direkte Verbindung zum Glühbirnenerfinder herstellen ließ.

    Aber das war nicht ohne Witz, denn der Autor der Genealogie Goebels, Thomas Markerts Großvater, hatte am Ende elegant den Bluts-Bogen zu seiner eigenen Erfindung geschlagen: »In diesem Zusammenhang halte ich es für nicht unwichtig, auf das Hobby des Schreibers dieser Zeilen hinzuweisen, nämlich Autodidakt der Kernphysik. Wie in diesen Wochen und Monaten der Allgemeinheit immer mehr zum Bewußtsein kommt, daß die Welt-Energie- Reserven künftig immer mehr zusammenschrumpfen und dadurch die Zukunft unserer Nachkommenschaft gefährdet wird, so entsteht die düstere Vision, Kernenergie durch Kernkraftwerke ist umweltfeindlich, aber ohne Kernenergie gehen bald die Lichter aus. Die Alternative zur Kernenergie aus thermonuklearen Reaktoren ist die von mir patentamtlich angemeldete… Elektronenröhre zur Direktübertragung von Kernenergie in elektrischen Kraftstrom. Diese Erfindung erschließt meines Wissens eine völlig neue Energiequelle, da sie auf einem von der zur Zeit geltenden Kernphysik völlig unterschiedlichen Kernmodell beruht. Ein Prüfungsergebnis, das für mich positiv im Kernforschungszentrum Karlsruhe erstellt wurde, läßt mich hoffen, daß ein durch das Forschungsministerium noch zu genehmigendes Experiment die Richtigkeit meiner Kerntheorie beweist und eine kerntechnische Produktion solcher Elektronenröhren im Kernreaktor ermöglicht. Solche Röhren wären umweltfreundlich und hinterließen nach zwölfjähriger Betriebsdauer (Halbwertszeit von Tritium) keinerlei radioaktiven Müll. Eine patentamtliche Offenlegungsschrift (Deckblatt) füge ich bei. Recht herzliche Grüße/ Dein Opa/ 21. März 1977/ Anlage.«

    Wir nannten seine Erfindung schon bald – liebevoll – die »Markertsche Energieröhre«. Er hatte sie wie folgt beschrieben: »Die eine Öffnung ist mit einer Kohlenstoffelektrode als Kathode abgeschlossen, die andere mit einer Neodymelektrode als Anode, in ihrem Inneren befindet sich angereichertes Lithium 6Li von etwa 360 g, wobei die genannte Röhre mit der Füllung der Neutronenaktivität eines Reaktors von maximal 1,8 . 1014 n/cm2 ausgesetzt wurde.«

    Was er damit sagen wollte, war klar: Die ganze anachronistische Dampfmaschinentechnologie zwischen der Freisetzung von Atomenergie und dem Strom in der Leitung sollte durch eine ebenso handliche wie praktische »Elektronen-Röhre« ersetzt werden. Wir waren begeistert. Thomas‘ Großvater war inzwischen verstorben. Wir fuhren zu ihm nach Hause und sahen uns das noch unberührte Arbeitszimmer des Erfinders an, stöberten ein wenig in seinen Akten. Um seine Idee weiter auf ihre Brauchbarkeit hin testen lassen zu können, hatte Kurt Markert, der – wie sein Enkel uns erzählte – Zeit seines Lebens am liebsten an seinem Schreibtisch gesessen, aus dem Fenster geschaut und nachgedacht hatte, mit so ziemlich jedem Mächtigen der Welt einen Briefwechsel begonnen: das Spektrum der von ihm Angeschriebenen reichte von Heisenberg und Max Planck bis zu Franz-Josef Strauß, den Kennedys und dem Papst. Es waren mehrere Aktenordner voll. Wir verstanden schon sein Atommodell, das den Berechnungen für seine Tritium-Röhre zugrunde lag, überhaupt nicht. Hatten aber die gute Idee, mit der umfangreichen Patentschrift nebst einigen Skizzen im Anhang zu einem Gelnhäuser Erfinder – Hans Bals – zu gehen.

    Wir hatten ihn im Zusammenhang einer Recherche über Erfinder im oberhessischen Think-Tank Gelnhausen kennengelernt – als Konstrukteur eines Gesundheitsfahrrads. Aber Bals besaß auch noch mehrere Patente im nukleartechnologischen Bereich und hatte 15 Jahre zuvor die NTG (Nukleartechnologische Gesellschaft) gegründet. Er empfing uns auch sofort, bot uns sogar Kaffee und Kuchen an, meinte dann jedoch, das wäre eher etwas für einen Atomphysiker, dafür sei er nicht qualifiziert genug. Außerdem interessierten ihn dann sowieso die Künstlerprobleme von Thomas Markert mehr, weil seine Tochter ihm gerade gestanden hat, daß sie sich beim Frankfurter Städel als Studentin beworben hat. Bei einem weiteren Treffen wiederum war Bals gedanklich zu sehr von einem Gerichtsprozeß, den er gegen den Fürsten von Ysenberg zu Büdingen seit Jahren führte, in Anspruch genommen: Dem Fürsten war es gelungen, »mit Auswechseln der Schlösser und allen Schikanen«, Bals‘ Firma, die NTG, an sich zu reißen.

    Nun stand die letzte Instanz – vorm Bundesgerichtshof in Karlsruhe – an. Und dort wurde Bals dann auch – »so weit das noch möglich war« – Recht gegeben. Die Nukleartechnologische Gesellschaft verblieb jedoch im Besitz des Büdinger Fürsten, er benannte sie wenig später um – in »Neue Technologische Gesellschaft« (NTG). Auf einer Veranstaltung des Büdinger Geschichtsvereins, auf der – »zum gegenseitigen besseren Kennenlernen« – der Fürst aus seinem Leben plauderte (befragt von seinem Bibliothekar), kam auch die Gelnhäuser Firma NTG zur Sprache: Sie war aus seiner »kaufmännischen Sicht« zu wenig »betreut« worden: »Ich hätte eigentlich Konkurs anmelden müssen«. Er fällte statt dessen eine »unternehmerische Entscheidung«, die, »das muß ich selber sagen, mutig war«: Statt einen Sozialplan aufzustellen, investierte er neu, stellte einen Mitarbeiter der Hanauer Nukem, Ortmeyer, als neuen Geschäftsführer ein, und konzentrierte sich auf den Export, der nunmehr bereits 70 Prozent ausmache. Und, was er natürlich nicht erwähnte, wechselte er die Türschlösser aus – »in einer Nacht- und Nebelaktion«. Der alte Raubritter. »Heute ist das eine feinmechanische Werkstatt auf einem ganz hohen Niveau, die mit Nuklear gar nichts mehr zu tun hat, sondern mit Forschung, Riesenhuber, und was noch alles, und mit Pakistan und Indien und Taiwan und mit Südafrika natürlich. Auch mit Amerika. Dort ist ein Institut, den Namen habe ich jetzt vergessen, die an einem Ersatz für die Atomkraft arbeiten. Im Jahr 2025 hoffen sie, daß sie soweit sind.«

    Kurz nach dieser Geschichtsvereins-Veranstaltung mußte sich der Geschäftsführer des Fürsten, Ortmeyer, vor dem Hanauer Landgericht wegen illegaler »Atomexporte« verantworten. Desgleichen der Referatsleiter »Exportkontrolle« im Bundesamt für Wirtschaft, Ruck, der dem NTG-Geschäftsführer empfohlen hatte, in seinem Exportantrag statt von »Tritiumextraktionsanlage«, der »etwas ungeschickt sei« lieber von »Schwerwasserreinigungsanlage« zu sprechen. Schon seit Jahren, seit Beginn der NTG-Exportoffensive, des Fürsten, war Ruck darüber informiert, daß die Amerikaner, aber auch die Franzosen und die Russen besorgt über die bundesdeutsche Atomexportpolitik, insbesondere die Pakistan-Aktivitäten der NTG waren. Anscheinend mußte er das Spiel mitspielen: Der Ysenburger Fürst, brasilianischer Großgrundbesitzer und Erbe des größten zusammenhängenden Waldbesitzes in der BRD, besaß einflußreiche Freunde: neben Riesenhuber auch den Postminister Schwarz- Schilling; der sein Nachbar in Büdingen war, außerdem stellte eine andere ysenburgische Firma »Chef-Möbel« für die Deutsche Bank her.

    Für die Tante von Kurt, dem Gärtner, war es der »schönste Augenblick« ihres Lebens, als die Tochter des Fürsten in einer weißen Hochzeitskutsche an ihrem Haus vorbeifuhr und ihr huldvoll zulächelte, gar winkte. Die Oma von Volker, einem Maler, konnte sich dagegen noch gut daran erinnern, »wie sich alle hinter ihren Fenstern duckten, wenn der Fürst einst mit schweren SS-Stiefeln durch die Gassen ging«.

    Auch sein Geschäftsführer Ortmeyer führte sich später gut in die neue Gesellschaft ein: der Gelnhäuser CDU-Bürgermeister, ein ehemaliger Leichenwäscher, wurde sein Trauzeuge. Im Hanauer Prozeß gegen ihn und Ruck wurde die Verantwortung des Fürsten nicht thematisiert. Auch in einem taz-Bericht wird der Ysenburger – als NTG-Besitzer – nicht erwähnt. Und sowieso verlor man bald den Prozeßverlauf aus den Augen und aus dem Sinn. Erst mit dem »Irren aus Bagdad« und dem Golfkrieg geriet die Hanauer Verhandlung wieder in die Presse: Pakistan hatte nämlich den Irak mit Atomtechnologie versorgt, so daß im Endeffekt auch die Gelnhäuser NTG für die mögliche Existenz einer irakischen Atombombe verantwortlich war. Gegen Prozeßende strahlte der HR einen Film von C.M. Fröhder aus: Tod für die Welt, in dem u.a. auch der Ysenburger Fürst interviewt wurde. Auf die Frage, ob er sich nicht schuldig fühle – an diesem NTG- »Know-how-Transfer«, der vielleicht die Israelis jetzt mit Vernichtung bedrohe, antwortete der Fürst: »Ich weiß nicht, was die NTG für Geschäfte macht, das weiß höchstens mein Wirtschaftsprüfer, und nicht mal der, der liest nur die Zahlen.«

    Das war natürlich glatt gelogen und Ortmeyer also nur ein blödes Bauernopfer (er bekam dann ein paar Monate Knast!!).

  • Das beeindruckendste ist der Korpsgeist in diesem Blatt, in dem einmal vor Äonen Geld für die Guerilla in El-Salvador gesammelt wurde.,.

    Kein Wort der Selbstkritik durch den Hausmeister, der es ja offensichtlich besser weiss. Anstelle dessen Schweigen aus Angst oder Opportunismus.

    Einfach nur peinlich.

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