https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.24.18.png

vonHelmut Höge 30.05.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Pakistan. Photo: kybeline.com

Der Indien-Korrespondent der taz, Georg Blume, veröffentlichte heute einen Text über Pakistan, in dem es um die alte laizistische Intelligenz versus die neue religiöse geht. In den Achtzigerjahren hatte ich mal mit der linken Intelligenzija Istanbuls zu tun. Mangels gebildeter Mittelschicht landete man dort abends mit ihnen regelmäßig an irgendwelchen Hoteltischen – zusammen mit den Regierenden der Stadt, etwas, was einem hier gottlob nie passieren würde, schon gar nicht als Kommunist. Als die „Religiösen“ an Boden gewannen, rang sich die kritische Intelligenz von Istanbul eine Selbstkritik ab: „Wir haben die Unterschicht zu lange ignoriert!“ In der Tat zog es sie eher zu den Wohlhabenden und Klugen – am Liebsten aus dem Westen.

Hier der Artikel von Georg Blume aus der Männerstadt Peschawar:

Noch vor ein paar Tagen sprach der ehemalige pakistanische Viersternegeneral Mahmood Shah davon, wie sein Land mit dem Tod Osama bin Ladens umgehen müsse. „Die pakistanische Regierung muss darauf reagieren“, sagte er am Telefon. „Sie muss die USA von weiteren Verletzungen ihrer Souveränität abhalten, um die Nationalisten im Zaum zu halten. Aber sie muss auch große Anstrengungen unternehmen, den Extremismus im eigenen Land zu bekämpfen.“ Nur so, erläuterte Shah im Gespräch mit der taz, könne Pakistan vor dem völligen Chaos gerettet werden.

Aber regiert dort nicht schon das völlige Chaos? In der vergangenen Woche gelang es einem Selbstmordattentäter, mit 300 Kilogramm Sprengstoff im Gepäck vor das Gebäude der Kriminalpolizei in Peschawar zu fahren. Die Explosion, die er auslöste, tötete auf der Stelle sechs pakistanische Kriminalbeamte und verletzte weitere 30 Personen. Das Attentat stand in einer Reihe von Anschlägen seit dem Tod bin Ladens, zu denen sich die pakistanischen Taliban bekannt haben. 90 Todesopfer haben die Anschläge in diesem Monat bereits gefordert.

Die Explosion fand diesmal nicht weit von Shahs kleinem Büro in Peschawar statt, das sich neben einem Friseur in einem neuen Einkaufszentrum befindet. Die Hauptstadt der Nordwestprovinz ist seit vielen Jahren das nächstgelegene Großstadtziel vieler extremistischer Gruppen, die sich in den Grenzgebieten zu Afghanistan verstecken. Die pakistanische Regierung untersagt Journalisten deshalb die Reise dorthin. Doch vor ein paar Wochen, noch vor dem Tod bin Ladens, empfing Shah den Reporter trotzdem in seiner Stadt. Der 60-jährige Exgeneral wollte einen Einblick in die – für ihn – durchaus klare sicherheitspolitische Lage der Region geben.

Der alte Offizier

Shah ist ein typischer Vertreter der alten, demokratisch gesinnten pakistanischen Elite. Tadelloser Anzug, kleiner Schnauzbart, perfektes Englisch. Serviert hervorragenden Tee. Er leitet heute seine eigene sicherheitspolitische Beratungsfirma, mit der er auch international Gehör finden will. Im Grunde hofft der alte Militär, dass der Westen seine Botschaft verstärkt und an die Regierung in Islamabad zurücksendet.

Denn sein ganzes Augenmerk gilt dem militärischen Zögern der eigenen Regierung gegenüber den Extremisten. „Seit Jahrzehnten leiden die Pakistaner unter der Unterstützung, die ihre Regierung den Taliban gewährt“, sagt Shah. Er denkt dabei bis zum Afghanistankrieg gegen die Sowjetunion zurück. Der alte General weiß, wovon er redet: Sechs Jahre lang war er nach der Jahrtausendwende pakistanischer Oberbefehlshaber für die Grenzgebiete. Sechs Jahre lang fehlten ihm klare Anweisungen der politischen Führung in Islamabad, um gegen die Taliban vorzugehen.

Der gleiche Missstand, meint Shah, zeige sich heute in den Reaktionen auf den Tod bin Ladens. „Wenn unsere Führung seinen Tod nur als Nebensache betrachtet, wird sich der islamische Extremismus weiter ausbreiten. Unsere zivile und militärische Führung muss den Kampf dagegen mit Ernst und Ehrlichkeit aufnehmen. Nur dann ist Veränderung möglich.“ Shah tut dabei so, als ließe sich die Gewalt in Pakistan mit militärischer Entschlossenheit schnell beenden. Als seien die Extremisten nur eine kleine Gruppe.

Für einen westlichen Besucher Peschawars ist das nicht leicht nachvollziehbar. Ständig raten ihm seine Begleiter aus Sorge vor Angriffen, sich in der Öffentlichkeit nicht zu zeigen. Hotels sind als Übernachtungsplätze für ihn ausgeschlossen, weil potenzielle Attentäter dort ihre Opfer suchen. Das alles aber erregt den Eindruck, als sei die Gewaltdrohung der Extremisten eben doch allgegenwärtig – und nicht vom Militär schnell auszulöschen.

Dennoch steht Shah mit seiner Auffasung nicht allein. Professoren, Journalisten, Anwälte – viele Intellektuelle in Peschawar glauben auch heute, inmitten einer neuen Welle von Attentaten, dass sich die Taliban in den vergangenen Jahren vor der pakistanischen Bevölkerung gründlich diskreditiert haben. Noch vor Jahren hätte den Extremisten der Flair der Revolution angehaftet, sagen sie. Doch seitdem sie im Norden Pakistans einige Gegenden erobert hätten und dort nur mit Lynchmorden und Erpressungen der einfachen Bürger aufgefallen sind, sei auch ihr positiver Nimbus verflogen.

Man hört diese Ansichten bei Professor Zubair Khan, einem liberalen Rechtsgelehrten der altehrwürdigen Universität Peschawar, der sich allerdings auch über den neuen islamischen Konservatismus seiner Studenten beschwert. Ist der Professor vielleicht isolierter, als er zugibt?

Man hört den Abgesang auf die Taliban auch in den alten, verrauchten Büroräumen der Journalistengewerkschaft in Peschawar. Doch deren Mitglieder leben alle von Aufträgen westlicher Medien, was sie der Gesellschaft entrückt erscheinen lässt.

Man kann sich in Pakistan nämlich leicht täuschen. Ob in Peschawar, der Hauptstadt Islamabad oder in Lahore, der Kulturhauptstadt des Landes – überall trifft man noch Pakistans alte demokratische Elite in Amt und Würden. Ihre Vertreter reden wie wir. Sie teilen unsere Analysen, unsere Sorge um den islamischen Extremismus. Und sie sind immer noch voller Selbstbewusstsein. Schließlich regieren sie das Land seit 60 Jahren, egal, ob nun Militärherrscher die Macht innehatten oder demokratische Parteien. Die demokratische Elite mit ihren großen, machtvollen Familienclans verlor nie ihren Einfluss. Aber verliert sie ihn womöglich morgen oder übermorgen?

Das andere, unergründete Pakistan steht unter dem Scheffel der Imame. Einer der berühmtesten unter ihnen ist Maulana Abdul Aziz, der Vorsteher der roten Moschee in Islamabad. Ein paar Tage nach dem Tod bin Ladens besucht er in Begleitung von vier mit AK-47-Gewehren bewaffneten Männern eine Mädchen-Koranschule in einem kleinen Dorf in der Nähe von Islamabad.

Schon von weitem erkennt man ihn an seinem schwarzen Turban über der weißen Kutte. Mit seinen weißen Vollbart sieht er aus wie ein Weiser aus dem Morgenland. Aziz spricht eine andere Sprache als das offizielle Pakistan. Man merkt das sofort, wenn er über den Tod bin Ladens spricht. „Scheich Osama bin Laden hat vor Jahren die Armee-Operation Rote Moschee verurteilt. Ich bin ihm heute noch dankbar für seine Unterstützung“, sagt Aziz.

Er macht damit sofort klar, auf welcher Seite er in diesen Tagen steht. „Selbstmordattentate sind unter bestimmten Umständen erlaubt. Wenn nämlich die Schreckenstaten des Gegners nicht anders gestoppt werden können“, bemerkt er. Dass er auch die Tötung bin Ladens als „Schreckenstat“ ansieht, steht außer Frage.

Der junge Imam

Aziz‘ Standpunkt ist wohlbekannt. Der Iman steht seit Jahren im offenen Konflikt mit der Regierung, obwohl seine Moschee mitten im Regierungsviertel von Islamabad liegt. „Lal Masjid“, die Rote Moschee, ist ein kompakter Backsteinbau mit roten Mosaikfenstern, von außen eher unscheinbar, aber doch das wichtigste religiöse Zentrum der Hauptstadt. Hier fand vor vier Jahren eine spektakuläre Konfrontation zwischen Taliban-Extremisten, die sich in der Moschee versteckten, und Regierungstruppen statt. Sie endete mit 154 Toten.

Aziz stand damals auf Seiten der Taliban und tut es heute noch. Geschadet hat ihm diese Haltung nie. Das Gleiche gilt für seinen Neffen Maulana Amir Siddique, der den Reporter durch die mit roten Teppichen ausgelegte Moschee führt. Siddique zeigt auf kunstvolle Deckenmalereien. Er führt zum Predigerstuhl, der seit 1965 von einem Mitglied seiner Familie besetzt wird, aber auf dem schon so viele berühmte Imame aus aller Welt als Gäste Platz genommen haben. „Mein Großvater war der erste Iman dieser Moschee“, sagt Siddique stolz. Später lässt er sich vor einer großen Bücherwand in seinem Büro nieder. Er trägt eine braune Predigerkappe und und einen schwarzen Vollbart.

Siddique ist erst 35 Jahre alt und strahlt doch Selbstsicherheit aus. An seinem Weltbild gibt es keinen Zweifel. Dabei paktiert auch er mit den Extremisten. „In Pakistan sind nicht nur wir Imame, sondern auch die einfachen Bürger von den westlichen demokratischen Werten zutiefst enttäuscht“, sagt Siddique. Er und seinesgleichen verlangen deshalb wie die Taliban die Einführung der Scharia, der alten islamischen Gesetze. Sie fordern die Absetzung der demokratischen Mächte, manchmal per Gewalt, manchmal per Wahlen.

Das alles hat den Sound der Konterrevolution, auch vor dem Hintergrund der neuen demokratischen Bewegungen in der islamischen Welt. „Jede Form der Destabilisierung hilft hier den Taliban“, glaubt Rechtsprofessor Khan in Peschawar. Das ist ein vernichtendes Eingeständnis für den Demokraten Khan. Aber das ist der Eindruck, den der Besucher mitnimmt: Unter der ständigen Gewaltdrohung durch die Extremisten wirken die Imame so viel gelassener als diejenigen, die das Land regieren. Als wären Aziz und Siddique schon die heimlichen Herrscher.

Die letzten Nachrichten aus Pakistan:

1. Die pakistanische Luftwaffe hat nach Angaben eines Regierungssprechers bei der Bombardierung von Verstecken von Aufständischen 23 mutmaßliche Extremisten getötet. Die Luftangriffe hätten Ziele in den Stammesgebieten Orakzai und Kurram im Nordwesten des Landes getroffen, sagte Javed Khan. Es seien auch einige Fliegerabwehrgeschütze zerstört worden.

Die pakistanischen Streitkräfte hatten in der Vergangenheit immer wieder ähnliche Luftangriffe auf die beiden Stammesgebiete durchgeführt, nachdem sich Aufständische während einer Truppenoffensive im Vorjahr aus dem benachbarten Südwaziristan dorthin zurückgezogen hatten. (AP)

2. Bei einem Busunglück im Norden Pakistans sind vermutlich bis zu 25 Menschen ums Leben gekommen. Nach Polizeiangaben kam der Bus am Freitag in dem von Pakistan verwalteten Teil Kaschmirs von einer Bergstraße ab und stürzte etwa 60 Meter hinab in den Fluss Neelam. Die Polizei sagte, etwa 25 Passagiere seien an Bord gewesen. Es gebe wenig Hoffnung auf Überlebende, da der Fluss mit Schmelzwasser geschwollen sei. Das Unglück ereignete sich etwa 100 Kilometer von der Hauptstadt der Region Muzaffarabad. (AP)

3. Bei einem Selbstmordanschlag auf einem Markt in den Stammesgebieten im Nordwesten Pakistans sind mindestens acht Menschen getötet worden. Weitere elf Menschen seien am Samstag verletzt worden, sagte ein örtlicher Behördenvertreter. Zu dem Anschlag bekannten sich die radikalislamischen Taliban, die damit nach eigenen Angaben einen mit der Regierung zusammenarbeitenden Stamm treffen wollten.

Der Attentäter sprengte sich den Angaben zufolge auf dem Markt in der Ortschaft Pasht in der Region Salarzai in die Luft. Pasht liegt rund 35 Kilometer von Khar entfernt, der größten Stadt des an der Grenze zu Afghanistan gelegenen Stammesbezirks Bajaur. Dort haben Angehörige des Stammes der Salarzai eine Miliz gebildet, um die Taliban aus der Region zu vertreiben.

Bei dem Anschlag wurden den Behördenangaben zufolge zwei Stammesälteste getötet. Talibansprecher Ehsanullah Ehsan sagte der Nachrichtenagentur AFP, mit dem Angriff hätten die Salarzai bestraft werden sollen. Wenn diese ihren Kampf gegen die Taliban nicht einstellten, „werden wir die Angriffe gegen sie fortsetzen, bis es keinen mehr von ihnen gibt“. (AFP)

4. Pakistan will einem Medienbericht zufolge eine militärische Offensive gegen islamische Extremisten in Nord-Waziristan starten. Auf Luftangriffe in der von Al-Kaida und Taliban besetzten Region an der Grenze zu Afghanistan solle der Einsatz von Bodentruppen folgen, zitiert die pakistanische Zeitung „The News“ hochrangige Kreise in ihrer Montagsausgabe. Demnach sei der Feldzug beim Pakistan-Besuch der US-Außenministerin Hillary Clinton in der vergangenen Woche vereinbart worden. Clinton hatte bei ihrem Besuch ein härteres Vorgehen gegen Islamisten gefordert und angekündigt, sie erwarte von der pakistanischen Regierung „entscheidende Schritte in den kommenden Tagen“. Die US-Botschaft überprüft nach Angaben eines Mitarbeiters den Zeitungsbericht.

Die Amerikaner fordern seit langer Zeit eine entsprechende Militär-Offensive von Pakistan, um Jagd auf die afghanische Extremistengruppe Haqqani zu machen, die amerikanische Truppen in Afghanistan bekämpfen. Nach der Tötung des Al-Kaida-Chefs Osama bin Laden durch US-Elitesoldaten in Pakistan hat sich der Druck auf die pakistanische Regierung bedeutend erhöht. (Reuters)

Zum Begriff der Intelligencija:

„Nur wurden die Probleme, wie so oft, auf die Intellektuellen abgewälzt. Es wurde ja stets eine Art Scheingegner gesucht, erstmal war es der Klassenfeind, oder es waren die Intellektuellen.“ (Ulrich Plenzdorf über seine Defa-Zeit 1965) In Russland wurden sie schon bald nach der Revolution repressiert. Da schoben die Bolschewiki einige hundert kooperationsunwillige Geisteswissenschaftler mit einem „Philosophenschiff“ ins Ausland ab. Es ging weiter mit der Liquidierung der bolschewistischen Theoretiker, der alten Garde, dann waren die Künstler dran, dann kam der „Ingenieurprozeß“ und schließlich bahnte sich auch noch ein „Ärzteprozeß“ an. Der letzte Film von Aleksej German: „Krustaljov, makina!“ handelt von ihm. Gleichzeitig wurden die Naturwissenschaftler und Techniker im Zuge der Industrialisierungsfortschritte immer wichtiger. In seinen fünfbändigen Erinnerungen „Raketen und Menschen“ schreibt der ehemalige stellvertretende Leiter des sowjetischen Raumfahrt-Programms B.E.Tschertok: Als die Raketen- und Atomwaffen Ende 1953 vereinigt wurden und ein „Atomstädtchen“ nach dem anderen – abgeschirmt, aber umso üppiger ausgestattet – entstand, machte man die bittere Erfahrung: „Das Land war einfach nicht in der Lage, allen drei auf diesen Gebieten arbeitenden Industrien – der Kern-, Raketen- und Funkortungsindustrie – solch komfortable Bedingungen zu schaffen“. Die sowjetischen Spezialisten profitierten jedoch davon: Sie wurden mit der Zeit wichtiger für die Macht als die Beamten und sogar das Militär, wie ihr Biograph Daniil Granin in seinem Essay über die Intelligencia meint. Nach 1990 stachen jedoch noch einmal „Philosophenschiffe“, diesmal voll mit Naturwissenschaftlern und Technikern, in See. Sie mußten diesmal sogar für ihre Ausreise zahlen. Allein 1996 emigrierten 15% aller Ingenieure. Bis 1989 waren noch 32,4% aller weltweit mit Wissenschaft Beschäftigten in der UDSSR tätig gewesen. Allein aus der Russischen Akademie der Wissenschaften gingen seitdem 20% der Mathematiker und 19% der Physiker ins Ausland – nicht selten in die amerikanische bzw. Israelische Rüstungsindustrie.

So wurde die „Intelligencija“ am Ende doch zerschlagen – oder vielmehr transformiert in schnöde „Intelligenzler“. Aber ob so oder so: „Dead again!“, wie sich die Moskauer Schriftstellerin Masha Gessen bereits im Titel ihres US-Buches über diese Spezies äußerte. Wiewohl man die Herausbildung der “ Intelligenz“ als „klagende Klasse“ (Wolf Lepenies) mit Emile Zola anheben läßt, erreichte sie etwa zur gleichen Zeit im „rückständigen Rußland“, wo sie am konsequentesten die Partei der „Erniedrigten und Beleidigten“ (Dostojewski) ergriff, ihre stärkste moralische Kraft. Nirgendwo sonst auch wurde sie derart verfolgt, wobei – beginnend mit den Dekabristen – Zigtausende nach Sibirien verbannt wurden, starben oder emigrierten. Was sich aus diesem Typus in Rußland an Studentenprotest, Frauenbewegung, Kommunen und Terrorismus entwickelte, nahm die westeuropäische 68er Bewegung und ihren weiteren Verlauf – 100 Jahre vorher bereits – vorweg. Für die Literatur dieser Epoche war es laut Rosa Luxemburg kennzeichnend gewesen, „daß sie aus Opposition zum herrschenden Regime, aus Kampfgeist geboren wurde“. Die nachrevolutionäre Literatur hatte zwar auch den Staatsterror zu fürchten, ihr Kämpfertum galt nun jedoch vor allem dem Aufbau. Der während der Fahrt auf einem Schiff, das ihn in ein sibirisches Arbeitslager bringen sollte, verstorbene Dichter Ossip Mandelstam schrieb 1929: „Es ist so weit gekommen… Sämtliche Werke der Weltliteratur teile ich ein in genehmigte und solche, die ohne Genehmigung geschrieben wurden. Die ersteren sind schmutziges Zeug, die letzteren – abgestohlene Luft. In den Samisdat-„Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ meinte Boris Jampolski noch 1975: „Wenn [E.T.A.] Hoffmann schreibt: ,Der Teufel betrat das Zimmer, so ist das Realismus, wenn die [Sowjetschriftstellerin] Karajewa schreibt: ,Lipotschka ist dem Kolchos beigetreten, so ist das reine Phantasie.“

„Zwischen 1936 und 1956 wurde die Intelligenzija in der Sowjetunion vernichtet“, resümierte Detlev Claussen. Wolf Lepenies „prognostizierte“ 1992, „daß in Europa zwei politische Kulturen aufeinanderstoßen werden – auf seiten der armen Länder Intellektuelle mit hohem moralischem Kredit, aber ohne ausreichende Expertise, auf seiten der reichen Länder dagegen Fachleute mit hervorragender Expertise, die an moralischen Problemen nur mäßig interessiert sind. Lepenies karrieristische „Fachleute“ dürften mit Daniil Granins „westlichen Berufsintellektuellen“ identisch sein. Wohingegen die „armen Intellektuellen“ nichts anderes sind als ein letzter Rest der sich immer wieder von Puschkins „ironischer Poesie“ (Jossif Brodsky) inspirieren lassenden „Intelligenzija“.

Die laizistische deutsche „Intelligenz“ angesichts der als-ob-religiösen „Facebook-Generation“ – drei Nachrufe, die vorab in der Prenzlauer Berg Zeitung „Konnektör“ veröffentlicht wurden:

1. „Lust will Ewigkeit!“ (Inschrift auf dem Grabstein von Friedrich Nietzsche)

Der Männerwitz im Berlinroman. Es  ist ein trauriges Buch. Vielleicht das letzte des Autors. Der als Westberliner Krimischriftsteller bekannte „ky“, der eigentlich Horst Bosetzky heißt und dieses Pseudonym wegen seines Professorenjobs an der Fachhochschule für Verwaltung annahm, hat den Roman „Rumbalotte“ im  Herbst 2010 veröffentlicht. Etwa zur selben Zeit, als Mareille Fellien und Bert Papenfuß ihre Schankwirtschaft „Rumbalotte continua“ eröffneten. Zuvor hatte Papenfuß bereits sieben Bücher mit diesem Titel im Rhön-Verlag von Peter Engstler publiziert. Die Kneipe im Prenzlauer Berg war somit quasi eine Fortsetzung dieser Reihe.

Die  Rezensentin des „Freitag“ deutete aus dem Namen/Titel, den sie als „lautpoetisches Geschmeide“ bezeichnete, zum Einen die militante italienische Organisation „Lotta Continua“ heraus und zum Anderen einen „blöden Witz“ – den man sich googeln könne. Bei dem Wort handelt es sich um eine ähnlich pseudonyme Abkürzung wie das „ky“ von Bosetzky. Zum ersten Mal habe ich die dazugehörige Geschichte von Thomas Kapielski gehört, der überhaupt gut Witze erzählen kann.

Drei Matrosen haben sich ihren Schwanz tätowieren lassen und wollen nun wissen, wer den Schönsten und Größten hat. Der eine hat sich „Ich liebe Dich, Eva“ drauf schreiben lassen, der zweite „Alles Fotzen ausser Mutti“ und der dritte „Rumbalotte“. Die beiden ersten lachen über dieses kurze Wort. Als sein Schwanz erigiert wird daraus  jedoch „Ruhm und Ehre der baltischen Rotbanner-Flotte“. Dank Kapielski, so darf man vielleicht sagen, wurde aus diesem auf einer Galeriesitzung bei Jes Petersen in der Goethestraße zum ersten Mal in Westberlin aufgetauchten „blöden Witz“ ein Gesamtberliner „Urban Tale“ – bis hin zu dem Roman von Horst Bosetzky jetzt.

Es geht darin um einen älteren Schriftsteller, dessen letztes Buch, das in einem Wilmersdorfer Kleinverlag erschien, wie Blei in den Regalen des Buchhandels liegt. Und dieses Alterswerk heißt „Rumbalotte“, was „sich auf einem vor Jahren aktuellen Witz ableitet“, wie der Autor auf einer Lesung in der Stadtbibliothek von Emden erklärt (auf Seite 19): „Kommt ein alter Mann zum Urologen, und der liest auf dem geschrumpelten Penis seines Patienten mit Erstaunen das Wort ‚Rumbalotte‘. Gefragt, was das zu bedeuten habe, antwortet der alte Mann, er sei früher Matrose gewesen und da habe man sich auf den aufgerichteten Penis voller Stolz ‚Ruhm und Ehre der baltischen Flotte‘ tätowieren lassen.“

Der Autor des Romans, der diesen Witz dem Publikum erzählt, und sich anschließend wundert, dass es „so gar keine Reaktion“ zeigt, heißt Henry Lakenreisser. Und sein Protagonist, den er später „aus Frust alle Buchhandlungen  abfackeln“ läßt, in denen seine Bücher nicht zu finden sind, heißt Sixtus Tenhagen. Lakenreisser befindet sich auf einer Lesereise, die ihn bis nach Stendal führt. Je spürbarer das allgemeine Desinteresse an seinem Roman  „Rumbalotte“ ist, desto öfter phantasiert er sich als begehrter Erfolgsschriftsteller.

Das ist schon die halbe Story. Der Roman hat 323 Seiten. In der zweiten Hälfte schafft es Lakenreisser jedoch, dieser Scheißsituation, da er fast nur noch Einkünfte aus Lesungen bezieht und in einer kleinen Wohnung in Wilmersdorf haust (wo auch Horst Bosetzky lebt), etwas Positives abzugewinnen: Er begreift sein langsames Absinken in die Altersarmut als eine gleichsam buddhistische Einübung in Demut. Sein kämpferisches, „agressives Ich“ hat er „ausgelagert“, wie er in einer seiner phantasierten Medienauftritte seinem „inneren Reporter“ erklärt: „Es heißt Sixtus Tenhagen und begeht in ‚Rumbalotte‘ die Taten, deren Begehung ich mir selber versage.“

Vielleicht sollte man an dieser Stelle einschieben, dass der Autor dieses Romans im Roman im Roman, Horst Bosetzky, 1938 in Berlin geboren wurde und nach dem Krieg, ebenso wie  Thomas Kapielski, die später sogenannte „Rütli-Schule“ in Neukölln besuchte. Nach dem Abitur studierte er an der FU Psychologie (Kapielski Geographie). Bosetzky veröffentlichte 33 wissenschaftliche Arbeiten, 1973 z.B. eine „Über das Ausmaß von Entfremdung in der Öffentlichen Verwaltung“. Darüberhinaus schrieb er noch 18 Romane und Familiensaga sowie bis jetzt 38 Krimis, von denen einige verfilmt wurden. Ein Rezensent nannte ihn einmal den „Erfinder des Soziokrimis“ – das deutsche Pendant zu den Krimis der schwedischen Autoren Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Horst Bosetzky war lange Jahre Vorsitzender des „Syndikats“ – der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. Daneben ist er ein großer Fontane-Kenner (u.a. veröffentlichte er ein Sachbuch mit dem Titel „Mord und Totschlag bei Fontane“), außerdem hegt er eine große Leidenschaft für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), davon zeugen weitere acht Bücher.

Der ÖPNV spielt auch noch für Henry  Lakenreisser in Bosetzkys neuestem Roman „Rumbalotte“ eine große Rolle – vor allem die Wilmersdorfer U-Bahnhöfe. Wir erfahren auf diese Weise, wann sie gebaut wurden und wie sie in etwa aussehen. Sein Protagonist Lakenreisser war, bevor er 1969 anfing, Psychologie zu studieren, Zugbegleiter und Fahrer bei der U-Bahn, diese langjährige Erfahrung verarbeitete er in seinem Roman „Am Ende des Tunnels“. Mit dieser „Literatur aus der Arbeitswelt“ begann 1977 seine Schriftstellerlaufbahn. Auch seine damalige Freundin, Simona, arbeitete bei der BVG. Sie trennte sich jedoch von ihm, als er begann, sich von dem gemeinsamen Milieu weg zu bewegen – hin zur   schöpferischen Intelligenz. Zu diesem Zweck wurde er Mitglied des Schriftstellerverbandes, in dem er später einmal um den Vorsitz kandidierte.

Zwar gibt es in den letzten Autorenjahren von Lakenreisser neben ein paar weiteren Drehern am alten „Rumbalotte“-Witz noch einige Zoten und zwei neuere Zonen-Witze (von denen ich einen nicht verstehe), aber erst einmal ziehen sich die „Akte seiner Abwertung“ in die Länge:

Die junge Lektorin seines Kleinverlags nörgelt an Lakenreissers neuem Manuskript herum. Eine ebenfalls noch junge Literaturkritikerin schreibt einen „fürchterlichen Verriss“: „Alles an ‚Rumbalotte‘ ist geschmacklos, angefangen von der detaillierten Schilderung des schrumpeligen Penis eines alternden Mannes…“ Während einer Signierstunde in einer Weddinger Großbuchhandlung findet sich nur noch „ein einziger Käufer, ein pensionierter Fregattenkapitän, der glaubte, ‚Rumbalotte‘ handele von den Kriegsabenteuern eines Matrosen.“

Dann taucht auch noch seine Ex-Frau Brigitte dort im Laden auf. Sie hatten 1967 geheiratet. Damals arbeitete sie als Bibliothekarin in der Amerika-Gedenkbibliothek und er immer noch bei der BVG. Sie war überrascht von seiner Bildung und er hoffte, von ihr „befruchtet“ zu werden. 1976 ließen sie sich scheiden. Als Brigitte den Stapel mit seinen Büchern sieht und den Titel liest, fragt sie: „War denn diese Rumbalotte nun meine Vorgängerin oder Nachfolgerin?“ Weder noch, sagt er bloß. „Verstehe, du warst ja schon immer ein lausiger Tänzer. Und wenn du etwas gar nicht beherrscht hast, dann war es die Rumba. Die Rumbalotte ist aber eine Tänzerin, ja?“ Er druckst herum.

Dieser Witz-Dreh geht auf Heinz van Nouhuys zurück, der in den Siebzigerjahren Chefredakteur von Bild-Berlin war und sich in den Achtzigerjahren in München mit einem französischen Erotikmagazin und Enzensbergers „Transatlantik“ selbständig machte: Eine  zahme Version von Jörg Schröders Porno-/Kampf-Literatur-Verlag „März“, der etwa zur selben Zeit in Konkurs ging. Über das Bildzeitung-Kapitel in seinem Leben berichtete Nouhuys: Einmal war seine Westberliner Redaktion für den Aufmacher auf Seite 1 zuständig (die Lokalredaktionen wechselten sich damals ab). Aber an dem Tag passierte nichts, gar nichts. Unerbittlich näherte sich der Redaktionsschluß. Da kam wie zum Hohn die Meldung über den Ticker: „Im Elisabethkrankenhaus starb heute Morgen die Rentnerin Lotte Wischnewski. Die 74jährige war eine leidenschaftliche Tänzerin, bis zuletzt besuchte sie regelmäßig das Ballhaus Moabit.“ Nouhuys und seine Bild-Mannen fassten sich in ihrer Verzweiflung ein Herz – und titelten: „Rumba-Lottes letzter Tanz“

In Bosetzkys Roman geht es aber so weiter, dass er seiner Ex-Frau erklärt: „Rumbalotte ist die Besitzerin einer Tanzschule. Und mit dem Mann, den sie liebt, wird sie Weltmeisterin bei den lateinamerikanischen Tänzen. Bei der Rumba bekommt sie die Höchstnote. Doch dann stirbt er.“ Brigitte glaubt ihm nicht, sie überfliegt den Klappentext – dann lacht sie schallend. „Mensch, bei dir hätte Ruhm und Ehre der baltischen Flotte nicht mal zur Hälfte raufgepasst,“ sagt sie – und kauft das Buch: „Das ist bestimmt autobiographisch, das muß ich unbedingt lesen.“

Auf einer Veranstaltung in einem Gymnasium wird Lakenreisser von der Lehrerin gefragt: „Werden Sie nun aus Ihrem Werk ‚Rummmellotte‘ vorlesen?“ „‚Rammellotte, wenn ich Sie verbessern darf…‘ Lakenreisser hatte sich entschlossen, diesen Auftritt als Farce zu nehmen und nicht als Tragödie.“ Als ein Schüler ihn fragt, was er denn mit dem Schreiben verdiene, antwortet Lakenreisser: „‚Bei der Rammellotte habe ich für die erste Auflage 100.000 Euro bekommen‘. In Wirklichkeit waren es gerade einmal 1500 gewesen.“

Auch an Sarkasmus fehlt es Lakenreisser nicht: So posiert er, der sich permanent „entwertet“ fühlt, für ein Autorenporträt des lokalen Fernsehsenders (das allerdings nie ausgestrahlt wird) vor einem „Entwerter“ – auf dem U-Bahnhof Innsbrucker Platz.

Und als ihn sein Sohn, der als „Kosmopolit“, in Pankow lebt und  „auf alle herabsieht, die ‚locals‘ sind“, fragt, ob er einen „Fußballroman“ geschrieben habe, weil er sich so gut mit den Berliner Vereinen vor den Kriegen auskennt, sagt Lakenreisser: „Ja, weißt du das nicht? ‚Rumbalatte‘. Bei meinem Verein tanzen sie immer Rumba, wenn einer den Ball an die Latte bekommt.“

Als nächstes trifft er auf eine entfernte Verwandte, die früher als Amtsärztin in der Fürsorge für Geschlechtskranke arbeitete: „Deine Rumbalotte ist wirklich herrlich!“ sagt sie. „Was ich damals für verschrumpelte Penisse gesehen habe! Die Männer waren ja so verschüchtert, wenn sie mit ihrem Tripper zu mir gekommen sind. Bei denen hätte nicht mal Rumbalotte draufgepasst.“

Lakenreissers Prekarisierungsschicksal nimmt eine jähe Wendung, als Bosetzky plötzlich Matthias Pint (sic), den Sohn eines inzwischen verstorbenen Westberliner „Bordellkönigs“, einführt, der – anders als der Zuhälter und CDUler Otto Schwanz (1940 – 2003) – schwer unter seinem Namen und seiner Herkunft leidet – und deswegen in psychotherapeutischer Behandlung ist. Lakenreisser trifft diesen reichen Pint auf der Leipziger Buchmesse, wo er ihm erklärt, wofür das Wort „Rumbalotte“ steht. Pint versteht ihn nicht, er hasst sowieso „Witze dieser Art“. „Ich darf Ihnen die Sache mit dem verschrumpelten Penis einmal erklären,“ läßt Lakenreisser nicht locker. Wieder zu Hause diskutiert Pint mit seiner Therapeutin über das Buch und fragt sie, ob es neben dem Penisneid auch einen Muschineid gäbe. „Bei Transsexuellen vielleicht“, meint sie, „oder bei Männern mit dem Rumbalotte-Syndrom.“

Dies ist ein leicht abgewandelter Witz von Woody Allen aus seinem Film „Zelig“, in dem dieser seiner Therapeutin erzählt, warum er sich wegen des „Penisneids“, den er auch und vor allem bei Männern diagnostizierte, mit Freud zerstritten habe.

Pint erläutert seiner Therapeutin die Idee, Lakenreisser und seinen Roman ganz groß rauszubringen. Die Psychologin ist sich sicher: Pint „will wie sein Vater mit Hilfe der Sexualität prominent werden – jedoch in sublimierter Form: über die Literatur.“ Dazu mietet dieser das Renaissance-Theater  – für ein „Lakenreisser-Event“. Der Autor will ihn da nicht bremsen. Ein Motto hat Pint dafür auch schon gefunden: „‚Die Länge macht es nicht allein! Henry Lakenreissers ‚Rumbalotte‘ und andere Kunst rund um den Penis‘. So muß man heute Literatur verkaufen.“ Lakenreisser „ahnte nichts von Pints psychischen Problemen und den wahren Motiven seines Handelns.“ Aber er spürt schon bald seine „Aufwertung“, die er als einen „Prozess der natürlichen Anreicherung“ begreift. Sogar zuvor abgelehnte Erzählungen werden ihm aus den Händen gerissen. Pint ist hingegen erstaunt, dass man mit „nicht einmal 20.000 Euro“ in zwei Monaten jemanden in der „kulturellen Szene Berlins vom Nobody zu einem Star“ machen kann.

Um noch einen drauf zu setzen, überredet er Lakenreisser wenig später, auch noch seinen wirklichen Penis aus Werbegründen ins Spiel zu bringen: „Einmal erigiert mit der Inschrift ‚Ruhm und Ehre der baltischen Flotte‘ – und einmal abgeschlafft mit ‚Rumbalotte‘.“ Der Autor ist einverstanden, bekommt dann jedoch nackt und im Beisein des Photographen, der auch noch zur Eile drängt, Erektionsprobleme. Er bekommt keine „Rumbalatte“, wie Bosetzky erklärt, der diese Szene geradezu genüßlich ausgemalt hat. Auch mit einem amerikanischen Erotikmagazin auf der Toilette funktioniert es zunächst nicht, und dann bereitet die lange Inschrift Schwierigkeiten, sie muß im Schriftbild genau so aussehen wie die kurze. Lakenreisser arbeitet dabei mit einem blauen Filzstift. Die beiden Versionen sollen auf Plakate nebeneinander gestellt werden – und für Kontroversen sorgen. Als der Photograph ihm rät, einen Porno zu schreiben, dann werde er schon einen hoch kriegen, klappt es endlich. Im ersten Anlauf sogar zu gut, weil Lakenreisser beim Schreiben sofort einen Orgasmus bekommt – und erst mal pausieren muß. Als der Literatur-Skandal da ist, verkauft sich sein Roman „Rumbalotte“ tatsächlich wie blöd, auch sein Erstling „Licht am Ende des Tunnels“ zieht wieder an. Und die Interview-Anfragen häufen sich. „Auf diese Weise beflügelt“ schreibt er plötzlich besser als je zuvor.

In einer Talkshow kommt er mit einer „Peniskalebasse aus Neuguinea“ und führt sie andeutungsweise vor. Gegenüber der Literaturkritikerin, die ihn einst verrissen hat und nun im Auftrag von Pint seine Biographie schreiben soll, kann er es sich nicht verkneifen zu sagen: „Was hab ich immer gesagt? Die Rumbalott‘ in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Sie will zunächst nur einige „harte Fakten“ von ihm erfahren. „Bei mir gibt es keine harten Fakten, dachte er – jedenfalls nicht, wenn ich dich vor mir habe.“

Als er erfährt, dass sein „Rumbalotte“-Roman nun auch noch verfilmt werden soll, fühlt Lakenreisser sich, als würde er schweben. Auch Pint hat bald seinen Vater „an Bekanntheit weit überflügelt“. Es gab natürlich Buchhändler, die den ganzen „Rumbalotte“-Hype nicht mitmachten – sogar in Wilmersdorf, worüber sich Lakenreisser besonders ärgert. Pint drängt ihn unterdes zu weiteren werbewirksamen Maßnahmen. Als ein Wilmersdorfer Buchladen mitsamt seinem Inhaber, der nichts von Lakenreissers Werken wissen wollte, in Flammen aufgeht, kommt er prompt als Täter in Verdacht – und wird kurzzeitig inhaftiert. Pint hatte mit Erfolg eine Belohnung von 10.000 Euro ausgesetzt – zur Ergreifung des wahren Brandstifters. Nun verlangt er von Lakenreisser, für das Jubiläum seiner PR-Firma auf die Schnelle eine Geschichte, die der Autor auf der Feier vorlesen soll. Er weigert sich. Auf der letzten Sitzung des Schriftstellerverbandes hatte ihn bereits jemand als „Pints Medien-Clown“ bezeichnet. Als Pint ihn nun drängt, mit der Bemerkung „Ohne mich wärst du doch ein Nichts“ – ist Schluß! Lakenreisser will von Pint nichts mehr wissen. Er beschimpft ihn als „dreckigen kleinen Promifledderer“ – und fährt erst einmal in die Uckermark, wo er sich an einem kleinen Fluß niederläßt und über seinen kürzlich erschienenen historischen Roman über einen Preußenkönig nachdenkt, der sich nicht gut verkauft. Auf Anraten von Pint hätte er auch in diesem Buch einige Penisgeschichten einarbeiten sollen. Die Idee dazu hatte Lakenreisser ihm selbst nahegebracht – mit einem Aufsatz des 2008 verstorbenen H.D. Kittsteiner über das geheimnisvolle Komma im Wort „Sans, Souci“ am Potsdamer Schloß – das der „Viadrina“-Historiker mit „Ohne Rütchen“ übersetzt hatte, was deswegen Sinn machte, weil Friedrich der Große wegen einer Geschlechtskrankheit, die er sich 1739 zugezogen hatte, der Penis amputiert worden war.

Lakenreisser sollte diese Geschichte auswalzen und in seinen historischen Roman einbauen, Pint wollte, das er quasi eine Fortsetzung seines Erfolgsromans schreibe: „Wir brauchen den großen Coup“ – den „direkten Anschluß an Rumbalotte, an unser bestes Stück,“ hatte er zu Lakenreisser gemeint.

Während dieser noch am Ufer sitzt und grübelt, kommt eine Wandergruppe aus Berlin vorbei. Die ersten erkennen in ihm bereits den bekannten Schriftsteller, sie rufen ihm von einer Brücke aus zu, er solle aufpassen, dass die Fische „ihm nicht die Rumbalatte abbeißen“. Eine alte Angst von Männern im Wasser und eine neuerliche Verzotung des Romantitels. Da ist aber auch noch eine Frau in der Wandergruppe. Es ist Simona – seine alte U-Bahnliebe.  Lakenreisser begrüßt sie und schließt sich ihr an. Sie gehen in ein nahes Restaurant. Dort erfährt er: Sie hat zwei Kinder, ist geschieden und hat inzwischen als Betriebsrätin bei Ver.di Karriere gemacht. Die beiden verlieben sich erneut – obwohl er Schriftsteller ist und sie sich mit so einem eigentlich nicht einlassen wollte. „Und jetzt?“ fragt er. „Lieber wäre es mir schon,“ gesteht sie ihm, „wenn du wieder im Führerstand eines U-Bahnzuges sitzen würdest.“

Und so geschieht es dann auch (auf den letzten beiden Seiten). „Seine Rumbalotte war ein wunderschöner Kick gewesen, aber nicht das große Glück.“ Lakenreisser nimmt seinen „Abschied vom Schreiben“ und tritt aus dem Schriftstellerverband aus. Er habe unter „narzistischer Unersättlichkeit“ gelitten, aber davon sei er nun geheilt, teilt er dem Leiter der Geschäftsstelle per Mail mit. Schon bald sitzt er wieder im Führerstand einer U-Bahn. Vom Honorar, das er mit seinem Erfolgsroman verdiente, erwerben Simona und er ein Wochenendhäuschen in der Uckermark – am Lübbesee, dazu noch ein kleines Motorboot, das Lakenreisser auf den Namen „Rumbalotte“ tauft.

Das ist das letzte Mal, das dieses Wort auftaucht. Zum Schluß heiraten die beiden. Als die junge  Literaturkritikerin davon erfährt, findet sie das aber nun wirklich zu dicke – zu „trivial“.

Ebenfalls trivial, aber von Humor  getragen ist die Andekdotensammlung „Rumbalotte. Geschmunzeltes maritim“ von Dieter Flohr und Jark Herbert. Ersterer ist Journalist und veröffentlichte u.a. vier Bücher über die „Volksmarine“. Letzterer war Kapitän und publizierte zuvor „Seemannsgarn“ in der Betriebszeitung „Voll voraus“ der Deutschen Seereederei (DSR) Rostock, außerdem ist er noch Autor der „Bordgeschichten“ (Auszüge aus Tagebüchern ehemaliger DSR-Seeleute) und „Geschichten aus der Seekiste“ (2009). (1)

Anmerkung:

(1) Der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt, dass es neben der Prenzlauer Berg Dichterkneipe „Rumbalotte“ auch noch eine Sportkneipe mit Biergarten namens „Rumbalotte“ gibt – in 30926 Seelze, Wunstorferstr 35. Sie firmiert auch als „Pizzeria Rumbalotte“ mit Lieferservice und Online-Bestellung sowie als „Bistro“ bzw. „Imbiß Rumbalotte“.  In der Kneipe finden Dartturniere statt, u.a. spielen dort der „DC Outlaws“ und der Dartverein „Tomahawks“, auch der Verband christlicher Pfadfinder und Pfadfinderinnen trifft sich dort – u.a. zu seinem „Sommerfest“. Seelze nennt sich „Die Stadt mit Schwung“, sie liegt halbwegs zwischen Hannover und Neustadt am Rübenberge – im Calenberger Land.

Erwähnt sei ferner eine finnische  Motorjacht namens „Rumbalotte“, Heimathafen Espoo Marjaranta. Das Boot gehört dem Deutsch-Finnischen Ehepaar Ulla und Mike – er lebt seit 1970 in Finnland. Beide sind seit Januar 2008 in Pension – und schippern seitdem durchs Mittelmeer, im letzten Sommer waren sie in Griechenland/Italien.

Und dann gibt es noch eine Straßenbahn in Leipzig, die „Rumba-Lotte“ genannt wird. Dazu heißt es auf der Nahverkehrs-Webseite: „Die Stadtrundfahrten mit dem „Offenen Leipziger“ im Sommer wurden begeistert angenommen. Jetzt hat der  Gotha-Wagen „Rumba-Lotte“ den Offenen Leipziger abgelöst. Allerdings fährt Rumbo-Lotte nicht mehr auf sechs, sondern nur noch auf drei Routen. Schließlich wird es ja auch früher dunkel. Abfahrt ist immer noch samstags an der Haltestelle „Thomaskirche“.

Es gibt auch noch einen Autor, der sich „Rumbalotte“ nennt und im „Freierforum“ seine Pufferlebnisse veröffentlicht. Er wird dort auch als „Realuser“ bezeichnet, was immer das heißen mag. Ein weiterer Autor, der sich „Rumbalotte“ nennt, veröffentlicht im internet-forum „tweakpc.de“ – seine Texte – z.B. diesen: „Hi, so nu hab ich endlich meine Teile bekommen und die Kiste zusammengeschraubt. Habe den E4300 momentan auf 2,7 Ghz laufen. Wird gerade mit Prime95 getestet. Was ich wissen will: Im Taskmanager von XP wird unter Prozesse nur 1x Prime95.exe aufgeführt. Habe aber schon Screenshots gesehen, da waren 2 Primes zu sehen. Wird bei mir nur ein Kern ausgelastet? Wie bekomme ich Prime dazu, beide Kerne zu knechten?“ Solche Texte können wir Präinternet-Autoren in der Tat nicht mehr verstehen/verknusern. Wer soll da geknechtet werden?

2. „Weitermachen!“ (Inschrift auf dem Grabstein von Herbert Marcuse auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof)

Der Frauenwitz im Berlinroman. Noch ein Aussteiger-Buch. Und wieder geht es um einen Schriftsteller, der nicht mehr ganz jung ist und manchmal sogar schon ganz schön alt aussieht. Die haben aber auch immer Probleme!

In diesem Fall  handelt es sich um die Hauptperson in Silvia Bovenschens neuem Roman: „Wie geht es Georg Laub?“ Und so viel darf man vielleicht vorwegnehmen: Nie ging es ihm besser! Wenn man auch nicht genau weiß, wo er jetzt lebt und womit er sein Geld verdient. Abgesehen davon mutet es seltsam an, dass immer mehr „Aussteiger“, „Drop-Outs“ wie sie in den Sechzigerjahren hießen, die in den Siebzigerjahren alle als Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Journalisten wieder einstiegen –  weswegen in den Achtzigerjahren der FDP-Partisanenforscher Rolf Schroers extra eine „Künstlersozialkasse“ (KSK) für sie gründete, nun plötzlich auch da wieder aussteigen wollen. So als hätten sie alle das Diktum von Francis Bacon beherzigt: „Bedenke, dass die Jahre vergehen, und achte darauf, nicht immerfort das gleiche zu tun!“ Da die Schriftsteller bereits in reifem Alten sind, scheinen sie gleichzeitig von ihrer Unsterblichkeit überzeugt zu sein. Oder geht das einfach allen so, dass sie ab einem bestimmten Alter noch einmal neu anfangen möchten. „Ihm war das Mißgeschick passiert, alt geworden zu sein, bevor er 30 wurde,“ mit dieser Begründung zwang man einmal einen Genossen zum Ausstieg aus der „Situationistischen Internationale“. Ähnliches thematisierte Bertolt  Brecht in seinem Lehrstück „Die Maßnahme“, nur das das Mißgeschick des Genossen hier seine allzu große „Menschlichkeit“ war. Und um diese wieder zu erlangen, durch Ausstieg aus dem „Kulturbetrieb“, der sich sowieso gerade (elektronisch) wandelt, wodurch man auch zum Ausstieg gezwungen werden könnte, darum geht es sowohl in dem Roman „Rumbalotte“ von Horst Bosetzky als auch in dem von Silvia Bovenschen über den Schriftsteller „Georg Laub“.

„Die Produktivität der Künstler resultiert aus ihrer Fähigkeit, sich den wechselnden geistigen Strömungen anzupassen – aus ihrer moralischen Verkommenheit,“ meinte der FAZ-Herausgeber Joachim Fest einmal. Er plagiierte damit einen 1950 nach New York emigrierten Künstler. Aber egal, haben Bosetzky und Bovenschen vielleicht einen neuen Trend (unter den Kulturschaffenden) gewittert, den sie nun mit ihren letzten Romanen zugleich auch noch verstärken – nach Art einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung?

Silvia Bovenschens Hauptfigur Georg Laub errang seine Schriftstellererfolge in Frankfurt am Main. Irgendwann ließen die Verkaufszahlen seiner Bücher aber immer mehr zu wünschen übrig. Auch zu Lesungen wurde er immer seltener eingeladen. Seine etwas hohle, aber ungebrochen karrieristische Frau verließ ihn. Laub zog nach Berlin – in ein von seiner Tante geerbtes heruntergekommenes kleines Haus – und schickte sich in eine schleichende Prekarisierung; mehr noch, er kam ihr mit einer Theorie der „Verkargung“ entgegen: „einer nahezu kultischen Bedürfnislosigkeit“.

So weit ähnelt „Georg Laub“  der Hauptfigur von  Horst Bosetzky in dessen Roman „Rumbalotte“. Wenn es sich dabei um Trivialliteratur handelt, dann muß man Silvia Bovenschens Roman „mit seiner heiteren Leichtigkeit der Intelligenz“ (FAZ) zur Hochliteratur zählen. Abgesehen davon gilt für beide Hauptfiguren Novalis‘ Vermutung: „Abwärts treibt der Sinn.“ Die heute in Berlin lebende Frankfurter Adornostudentin und Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen schrieb ihren Roman – ebenso wie Bosetzky seinen – aus reinem Vergnügen. Beide müssen Nichts mehr produzieren, sie sind sozusagen aus dem Schneider, aber das Schreiben (und Lesen) ist ihnen zur wichtigsten Lebensäußerung geworden.

Als Georg Laub in seiner Hütte Besuch von einem Freund aus Frankfurt bekommt, ein Bühnen- und Filmausstatter, erklärt er ihm: Sein Schreiben war „pseudokosmopolitische Überheblichkeit“ und die dazugehörige „Coolness“ mache „kalt“ auf Dauer, werde immer idiotischer und unerträglicher. Und selbst die Beziehung zu seiner Frau war reines „Paardesign – Show, Klischee“. Laubs alter Freund verabschiedet sich irritiert, so eine „exotische Verliererrhetorik“ will er sich nicht anhören. Aber auch Laub ist nach dem Besuch unzufrieden: „Das sah nicht aus wie der totale Bruch, den ich gewollt hatte.“ Wenn er sich an früher erinnerte, „dann war es immer Party. Jeder angesoffen  oder zugekokst, jeder in der Positur maßloser Selbstherlichkeit. Stakato-Gespräche getaktet durch eintreffende Mails oder SMS-Nachrichten.“ Kurzum: „Georg Laub fühlte sich durch den Besuch seines Feundes geradezu beschmutzt.“

Sein neues Berliner Milieu, bestehend aus einer Kneipe und einigen Kleinhändlern in der Nachbarschaft, kommt ihm weitaus unverkrampfter vor. Der Freund aus alten Tagen wollte Georg Laub eigentlich nur dazu überreden, an der Verfilmung eines seiner Romane mit zu wirken – vergeblich. Laub hatte aufgehört zu schreiben. „Dieses ganze Hauskonzert der Buchgemütlichkeit intoniert von Verlag, Buchhandel und Feuilleton wird früher oder später sowieso digital zum Verstummen gebracht werden.“ Aber eines Tage bekommt er anonym ein Manuskript zugeschickt. Er soll es nicht begutachten oder an einen Verlag weiterreichen, sondern als Teil eines Spiel ansehen, dass ihn dann in einer Art Schnitzjagd zu mehreren Orten bringt – u.a. in das Café Lau, in eine Bank und in das Funkhaus Nalepastrasse. Jedesmal erwartet ihn dort eine „diffuse Bedrohung“. Im Café Lau wird seine Demutspolitik lautstark als eine weitere Pose kritisiert. Lauf verläßt fluchtartig das Lokal. Später schaltet er den Fernseher in seiner Bruchbude an. Beim Einblick in die Lebens- und Herrschgewohnheiten einiger Ölscheichs, die „eine archaische Despotie nahtlos mit digitaler Machttechnik“ verbanden, wird ihm, dem „Netzphobiker“, klar, dass er „in ihrer Welt nicht vorgesehen war. Er und seinesgleichen waren gelöscht.“ Auslaufmodelle. „Aber jetzt mal im Ernst: Wäre es schade um ihn? Was hätte er der neuen Welt entgegenzusetzen? War zukünftig noch ein Raum zwischen diesen Daseinsformen?“

Laub sucht ein neues Fernsehprogramm. „Ranking, wohin man auch schaltete. Schwachsinnig hierarchisierter Schwachsinn.“ Er fängt wieder mit dem Rauchen an. Aber er tut gleichzeitig auch was für sein Äußeres: Bringt seine Klamotten in die Reinigung, schneidet seine Fingernägel und geht zum Friseur, woraus sich ein kurzes  Liebesabenteuer mit der  Friseurin ergibt. Der Schriftsteller Laub hatte sich „als kultivierten, ja überfeinerten Liebhaber“ begriffen und das auch in seinen Romanen durchblicken lassen. Neuerdings träumt er jedoch davon, die Mieterin, die in der Etage über ihn wohnt, im dunklen Hausflur „primitiv zu ficken“.

Wieder bekommt er ein anonymes Schreiben, wieder läßt er sich darauf ein, den Anweisungen zu folgen und findet sich daraufhin im Keller einer Bank wieder, wo er sich anhören muß: „Deine neue Demut nützt dir nichts. Verlaß dein beschissenes Haus, und zwar subito.“ Erneut strebt er „der rettenden Tür zu.“ Zu Hause findet er eine Nachricht: „Du bist nicht einer, der einem anderen helfen kann.“

Auf einmal fühlt Georg Laub sich nicht gut und geht zum Arzt, der gleich nebenan seine Praxis hat. Zum Glück, fällt ihm dabei ein, ist er noch nicht bei der KSK versichert, sondern immer noch Privatpatient (die KSK ist nur für Künstler in einer bestimmten Honorarspanne da). „Er wirkt panisch, hektisch, fiebrig, hysterisch, delirierend.“ Seine Ex-Frau rückt an, Laub macht aber nicht auf, sie schimpft: „Das ist doch auch nur so ein Kitsch, sich zum Einsiedler zu stilisieren.“

Laub läßt sich mit einem weiteren anonymen Schreiben aus seinem Haus locken – in das Funkhaus Nalepastrasse, wo ihm eine dünne Frau gesteht: „Nie war ein Jubel in mir. Nie war ein Saft in mir. Nie war eine Lust in mir. Nur für kurze Wege reicht die Energie. Eine kleine Energie. (…) Zart verlöschen möcht ich. Bis dahin lehn ich mich an starke…Ich such und brauch die Näh der Riesen. Bin Parasit aus Not und Schwäche.“ Aber sie hat ein „fadendünnes Mitleid“ mit ihm – Laub. „Und, das bedenke: der, den ich, die Schwächste unter den Schwachen, fadendünn bemitleide, der ist wirklich arm dran.“

In Laubs Stammkneipe diskutieren sie derweil über den Hitzetod der Erde infolge zunehmender Sonnenwärme, was in etwa 500 Millionen Jahren der Fall sein wird. Dann ist alles endgültig aus. Die anonyme Schnitzeljäger enttarnen sich bei ihm im Haus als eine vierköpfige „mobile Künstlergruppe“  („Theater ist, wo wir sind“), die ihn deswegen in ihr Spiel einbezogen haben, weil sie wollen, dass er Texte für sie schreibt, er lehnt jedoch entschieden ab. Seine Ruhelosigkeit weitet sich bald zur Schlaflosigkeit. „Eine vorübergehende Übersichtlichkeit hatte er zurückgewinnen, ein milchiges Vergessen ermöglichen wollen, vielleicht sogar eine Selbstvergessenheit – auch um Raum für Neues zu schaffen. Für einen neuen Georg Laub? Aber das Getriebe hatte ihn nicht vergessen. Das war offensichtlich.“ Und das er in das ererbte schreckliche Haus gezogen war, kam ihm nun wie das „Unternehmen eines halbherzigen Schwächlings“ vor. „Ja, wenn er seinen Namen geändert und den Kontinent gewechselt, die Spuren sorgfältig gelöscht hätte…“

Er stellt erschreckt fest, dass er bald eine Brille braucht. Im Nachlaß seiner verstorbenen Tante, die er sehr gemocht hat, findet er einen Abschiedsbrief von ihr an ihn: „Es bedrückt mich,“ heißt es darin, „dass mit mir der letzte deiner Verwandtschaft gehen wird. Das ist eine besondere Einsamkeit, unterschätze sie nicht. Du wirst aus ihr wieder herauskriechen müssen.“

Sie hatte seine letzten Bücher nicht mehr gemocht, weswegen er sich schließlich von ihr abgewandt hatte. Ausgerechnet er, der so ambitioniert gegen die „allgemeine Verblödung“, den „grassierenden Unernst“ und die „Boulevardisierung der Kunst“, die sich über das „kumpelhafte Internetgeplapper“ ausbreitet, zu Felde gezogen war, nahm plötzlich „Verkaufskalküle“ auf, indem er zunehmend „frivoler“ schrieb – der „frivolen Zeit angemessen“. Jetzt dachte er: „Ja, wenn das letzte Buch wenigstens ein Erfolg gewesen wäre. Aber korrupt und trotzdem erfolglos, das war wirklich erbärmlich,“ oder – wie seine Ex-Frau sagen würde: „Das geht ja gar nicht.“

Sie besucht ihn noch einmal – und versucht ihn zu einer Zusammenarbeit mit ihr an einem Lifestyle-Magazin zu überreden: „Wir waren ein gutes Team und könnten es wieder werden.“ „Quatsch, wir waren Fassade.“ „Ach ja, und deine Existenz hier in diesem verkeimten Loch? Was soll das sein? Das wahre, das eigentliche, das echte Leben?“

Egal, Georg Laub wollte von ihrer Idee nichts wissen. Aber er wußte jetzt langsam: Er mußte das Haus verlassen. Das tat er dann auch – und verschwand. Lediglich bei Facebook tauchte er noch auf – als Suchmeldung. Diese war jedoch so „geil“, dass daraus ein Internet-„running gag“ wurde. Überall wollte man ihn gesehen haben – in Japan und sogar auf den Lofoten. „Bald schon gab es die Wortschöpfung ‚verlauben'“ – für verschwinden bzw. „diffus auf dem Globus irrlichtern“. Das „Verlauben“ ähnelte dem Verschwinden der Kämpfer im einstigen Maji-Maji-Aufstand in Ostafrika, die sich angeblich bei Gefahr in Bäume und ihre Dörfer in Wälder verwandeln konnten. Das sogenannte „Wald-Werden“, das auch schon die schottischen Aufständischen bei  Shakespeare kannten. Im US-Spaßraum „Internet“ ähnelte das „Verlauben“ freilich eher dem mit der Landung der Alliierten nach Europa gelangten Graffitispruch „Kilroy was here“ (siehe dazu den entsprechenden Eintrag bei Wikipedia).

In Georg Laubs Stammkneipe war man sich einig: „Die Verkargung, die unaufrichtige Unauffälligkeit, eine Lebensform, zu der auch das kaputte Häuschen gehörte. Das ist ihm nicht gut bekommen.“ Laub hatte unterdes sein Haus für 20.000 Euro verkauft und konnte „überall und nirgendwo sein. Wir alle werden zukünftig überall und nirgendwo sein. Das ist die neue digitale Zeit.“

Aber irgendwann wurden die Gespräche über den so plötzlich aufgetauchten und dann wieder verschwundenen Ex-Schriftsteller seltener. Und dann fiel auch die Truppe in seiner Stammkneipe auseinander: die  eine zog nach München, ein anderer fand endlich eine Freundin. Laub war jedoch nicht ganz verschwunden, er befand sich in „nahe liegender Ferne“ – ähnlich wie Bosetzkys Protagonist, der sich in die Uckermark zurückzog – „an den Saum eines Gewässers, in dem sich der Himmel spiegelte.“

Dort führte Laub anscheinend Selbstgespräche – Selbstkritik: „In der Liebe lag meine Begabung nicht.“ „Wie schade.“ „Ja.“ „Und wen hast du geliebt, wirklich geliebt?“ „Meine erste Liebe, ich habe sie verraten.“ „Warum?“ „Angst.“ Auch seine Tante verriet er. Und seine späteren Beziehungen gerieten schnell in eine „vereinbarte emotionale Bedeutungslosigkeit. Ich bin kein Risiko mehr eingegangen.“ „Und die Musik, die Literatur?“ „Auch hier lauerte Verrat. (…) Ich war süchtig nach Bewunderung, und dort, wo ich sie nicht bekam, wurde ich frostig. Die meisten Fallgruben liegen im eigenen Charakter.“

Vielleicht gilt das besonders für Männer, aber auch Frauen haben eine Falle: Silvia Bovenschen gab kürzlich dem Spiegel als „Mitbegründerin der Frauenbewegung“ ein Interview. Darin wurde sie gefragt, was sie davon halte, dass die Ministerin Schröder die Frauenquote für eine „Kapitulation der Politik“ halte und von Frauen erwarte, dass jede für sich kämpfe, für die eigene Gehaltserhöhung. Frauen müssten „tougher werden“. Silvia Bovenschen antwortete darauf: „Das ist das amerikanische Modell: Wie und warum auch immer ich in der Scheiße sitze, es ist jedenfalls selbstverschuldet.“ Außerdem wollen Frauen Kinder haben, das ist auch ihr gutes Recht. „Aber Kinder sind die Falle.“

Ihr Roman „Wie geht es Georg Laub?“ endet mit einem letzten kurzen Blick auf die 9 Nebenfiguren, aber auch der verschwundene Georg Laub taucht noch einmal – von weitem – kurz auf: „Er ist in Begleitung.“ Man kann diese zweite Person  nicht genau erkennen. „Wo geht er hin? Man kann es nicht wissen.“

3.“Nein!“ (Grabinschrift eines französischen Intellektuellen auf dem Friedhof Pere Lachaise)

Der „rasende Rezensent“, Frank Schäfer aus Braunschweig (geb. 1966), besucht Klaus Theweleit in Freiburg – und erfährt von ihm, dass bei der modernen Jugendmusik, in Sonderheit bei Jimi Hendrix-Stücken, die Schallwellen der Lautsprecher auf die Schwingungen der Körper der Zuhörer treffen und sich dabei zu einer „neuen Materialität im Raum“ verbinden. Dies bewirke „ein Gefühl des über sich Hinauswachsens im Moment, in dem die Musik einen wirklich ergreift.“ Theweleit versichert, „dass die musikalische Speicherung primär fleischlich-muskulär ist.“ Sie wird mit allen Sinnen, vornehmlich über die Haut, wahrgenommen, wo sie gegebenenfalls unter die Haut geht. Die hedonistische Rockmusik ist deswegen zutiefst antifaschistisch. (1)

Frank Schäfer notiert sich das – und „rast“ weiter, zu einem Thin-Lizzy-Konzert. Seine Freundin Stefanie hat bereits Karten besorgt. Sie ist besorgt, dass Frank Schäfers Freund Gerd auch auf dem Konzert ist, denn der hatte sich erst kürzlich von ihr getrennt – und sie leidet noch immer darunter. Er taucht dann auch prompt auf dem Konzert auf, zudem mit einer neuen Freundin. Und dann spielt die Band auch noch „Now that it’s all over woman“. Auf der Rückfahrt im Auto hat Stefanie Tränen in den Augen.

Der Augenzeuge und Rezensent will uns damit glaube ich sagen, dass die Musik richtig reingehauen hat – jedenfalls bei ihr. Ein schlechtes Beispiel, denn Stefanie  wären vielleicht auch ohne das Konzert und den Song die Tränen gekommen – angesichts des neuen Glücks von Gerd und ihrer Sehnsucht nach ihm. Denn die Liebe geht ja auch unter die Haut – oder sie ist keine. Der rasende Rezensent macht weiter – forscht. Besucht z.B. erstmalig ein „Dylan-Konzert“ und liest die Bücher des Musikkritikers der Siebzigerjahre Helmut Salzinger, der sich in sein Landhaus im norddeutschen Moor zurückgezogen hat. Über all diese Dinge, Autoren, Musiken, Bücher schreibt er Artikel, die in „Rolling Stone“ und in konservativen bis  kommunistischen Zeitungen veröffentlicht werden. Diese Texte hat Schäfer jetzt sortiert und zu vorerst zwei Büchern zusammengefaßt. Im ersten seine Musikgeschichten und im zweiten seine Erfahrungen mit Büchern und ihren Autoren.

Dieses hat den Titel „Rumba mit Rumsäufern“ – und erinnerte so den „Rumbalotte“-Betreiber an den Namen seiner Kneipe. Die Rezension dieses Rezensentenbuches hier steht also assoziativ in einem Klangraum, den er selbst mit der Abkürzungsformel  „Rumbalotte“ real und wörtlich sich geschaffen hat – zumal sie auch noch in seiner Zeitung „Konnektör“ erscheint. Ein weiterer Zusammenhang mit „Rumbalotte“ besteht darin, dass Frank Schäfer Musiken und Literaturen aufsucht, die irgendwie „Untergrund“ sind – oder waren. Verwertet werden Menschen, Autoren, nicht ihre Werke, die immer wieder aufs Neue die jungen Menschen erregen – und anspornen.

Zu diesem Problemkomplex hat der rasende Rezensent den Autor und neuerdings taz-blogger Joachim Lottmann interviewt, von dem sich die Musik-Zeitschrift „Spex“, vor allem Dietrich Diederichsen, als einen „Verräter“ getrennt hatte. Das Thema „Verrat“ kommt ja auch in der Kneipe „Rumbalotte“ immer mal wieder auf die Theke. Der Titel „Rumba mit den Rumsäufern“ geht auf einen Besuch von Frank Schäfer beim Schriftsteller Hans Herbst zurück. Er wollte immer „abhauen“, geriet in den Fünfzigerjahren in Paris zwischen die Fronten des algerischen Befreiungskampfes und trieb sich dann süchtig nach schwarzer Musik  in New Orleans und in Brasilien herum, arbeitete für Ölgesellschaften in Libyen und lernte zuletzt, in den Neunzigerjahren, bei den schwarzen Rumsäufern auf Kuba, „was eine richtige Rumba ist“.

Nun lebt er in Hamburg und veröffentlicht ein Buch nach dem anderen. Seine „Stammkneipe“ war lange Zeit die „Palette“, über die der Ethnograph schwarzer Musikreligionen Hubert Fichte ein Buch schrieb, das ihn und die Kneipe berühmt machte. Hans Herbst ist damit aber nicht zufrieden: „Der Hubert hat sich darin etwas zu sehr auf Schwuchtel – und Strichergeschichten konzentriert,“ meint er. Die „Halbwelt“, die in dem Lokal verkehrte, war weitaus vielschichtiger: „Ich komme da her. Das ist mein Fundus.“ Hinzu kommt noch: „Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es völlig normal war, kriminell zu sein.“ Auf die Frage von Frank Schäfer, ob er noch Kontakt zu „diesen Kreisen“ hat, antwortet Herbst: „Da bin ich raus. Ich habe mit denen absolut nichts mehr zu tun.“ Stattdessen freundete er sich in München mit Jörg Fauser an, las Hemingway, Chandler etc. – quasi die halbe US-inspirierte Literatur, die sich der ganzen Härte des Daseins verschrieben hat. Und nun schreibt er – bereits in reifem Alter – selbst: „Ihre Figuren sind ja auch Schmerzensmänner, Geschlagene, Menschen, die irgendwas verloren haben…“ meint der rasende Rezensent. Und der Musiker/Schriftsteller antwortet: „Ja, aber am Ende gewinnen sie immer, weil sie den Kampf gegen ihre Schwäche, gegen ihre Frustration aufnehmen. Es ist immer ein Kampf gegen die Schwächen.“ Ob er diese Happyend-Lehre auch aus der Real-„Rumba“ zog, die er bei seinen „Kumpeln, den schwarzen Rumsäufern auf Kuba,  kennenlernte, läßt der Rezensent offen. Nur so viel wird gesagt: Hans Herbst fand in Lateinamerika das Glück, wegen der Armut und der Gewalt hielt er es dort jedoch nicht lange aus. Jörg Fauser schrieb einst  über diesen  „Weltenbummler“: „Und genau darum geht es in seinen ‚Short Stories‘: um Augenblicke auf der Kippe; um Angst und die Kraft, die die Angst überwindet … Und: diese Geschichten hat einer geschrieben, der sich erstmal im Leben umgesehen hat, bevor er sich an die Maschine setzte und uns zeigte, dass er außer Trommeln und Weiten auch den Rhythmus kennt, der aus Wörtern Menschen macht.“

Das klingt nach einem Bukowski-Lookalike. Überhaupt hat Frank Schäfer einen Hang zum Amerikanismus – und zum Kulturbetrieb. Da werden Preise aufgezählt und Ehrungen genannt, Querverweise und Genealogien gegeben – die Rumsäufer verschwinden dahinter langsam. Ihre „Stories“ fanden erst Eingang in die Kurzgeschichten-Sammlungen von Herbst und schließlich taucht nur noch ihr Name im Titel einer Rezensions-Sammlung von Schäfer auf, in der u.a. der Autor jener Kurzgeschichten interviewt wird. Dieses Fading-Away haben sie jedoch mit den musikalischen und literarischen Vorlieben von Frank Schäfer gemein: Er sucht am Liebsten Leute auf, die sich an den Rändern herumgetrieben haben oder die es dort hintrieb. Dazu können auch schwere Krankheiten zählen. So meint er z.B. in einem Interview mit Silvia Bovenschen über ihr vorletztes Buch „Älter werden“: „Sie sprechen da einmal von ‚Fristen‘, die man gewährt bekommt in den Momenten völliger Gegenwärtigkeit. Das ist ja schon die Poetik ihres neuen Buches ‚Verschwunden‘, wo die einzelnen Erzählungen genau diesen Zweck haben, die totale Gegenwart herzustellen, um den  Schrecken, den drohenden Verlust des Lebens, vergessen zu machen.“ Silvia Bovenschen begriff das letzte Buch, während sie daran arbeitete, als ihren „Panikraum“.

In Frank Schäfers Porträt des Musikkritikers Helmut Salzinger kommt dieser schon gar nicht mehr lebend vor. Er hat ihn also nicht besucht, sondern Namen, Daten und Fakten über den von ihm Verehrten  zusammengetragen. Wenn man will, kann man Frank Schäfer als Salzingers Fortsetzer ansehen. Eine sympathische Vorstellung. Ein oder zwei Bücher über Rumsäufer wären mir jedoch lieber gewesen, irgendetwas mißfällt mir an Büchern über Künstler und ihre Kunst. Der inzwischen ebenfalls verstorbene  Autor und Drogenexperte Günter Amendt, den Schäfer noch rechtzeitig fragte: „Kannten Sie Bernward Vesper näher?“ klärte ihn über den Unterschied zwischen Kunst und Leben am Beispiel des Drogenkonsums auf: „Es ist ein Unterschied, ob ein kreativer Mensch, der ein künstlerisches oder wissenschaftliches Ziel verfolgt, Drogen zu Hilfe nimmt, um sein Ziel zu erreichen, oder ob ein Mensch über den Umweg der ärztlichen Verschreibung eine Substanz nimmt, die von Sozialingenieuren der Pharmaindustrie entwickelt wurde, um ihn in eine Stimmung zu versetzen, die ihm hilft, die Realität zu verleugnen beziehungsweise zu verdrängen.“

Es geht hier also um zwei verschiedene Sorten Drogen, die auf verschiedene Weise verabreicht werden: einmal von unten und einmal von oben. Bewußtseinserweiternd – bewußtseinsverengend. Das geht auch mit  Büchern: A book a day keeps reality away! Ich würde sagen: Frank Schäfers zwei Bücher, ein drittes folgt demnächst, seine Trilogie dann also, ist in einem „Panikraum“ angesiedelt, in dem die Zeit stillsteht – unentschieden, wie es weiter geht, in einem Zwischenraum gleichsam abgelegt. Oder schlimmer noch: diese drei Bücher machen Reklame für ein Bewußtseinsfeld, in dem die darin abgehandelten Musiker/Literaten als  Grenzpfähle fungieren, obwohl sie eigentlich Stalker (in der alten Bedeutung des Wortes) sind oder waren.

Frank Schäfer: „Alte Autos und Rock’n Roll“ (2010), „Rumba mit den Rumsäufern“ (2011), Oktober Verlag Münster.

Anmerkung:

(1) Theweleit gehört mit seiner Rockmusikschwärmerei auch zur alten Intelligenz, die „Facebook-Generation“ schwärmt anders (aus), es geht ihr dabei um Crowd-Engineering:

Die Kapitalisierung der Begehren betrifft beide Geschlechter. Die Pariser Gruppe „Tiqqun“ hat das zur Figur des „Jungen-Mädchen“ inspiriert, deren diffuser Wunsch nach Selbstverwirklichung in der „spektakulären Ökonomie“ auf eine „Selbstverwertung“ hinauslaufe.

In Berlin hat diese „Ökonomie des Spektakels“ die industrielle Produktion fast ersetzt, ihre Lokationen sind denn auch meist stillgelegte Fabriken. Die „Jungen-Mädchen“ kommen als Club-Gäste mit Billigfliegern von weit her. Geschieht das wegen der Musik und der Drogen, auf denen sie dann ausdauernd tanzen – nicht selten bis zum Abflug? Während es den Stammgästen um die Herstellung des Sozialen geht und ihre Musik- und Drogenvorlieben bloßes Mittel bei der Sozialauswahl sind? Früher wusste man, wer Disco-Queen und -King war und wie es dort funktionierte, heute geht es „cooler“ zu, obwohl es natürlich immer noch gut tut, wenn der Türsteher einen aus der Schlange holt und reinbittet.

Die sich in den Clubs „im Sozialen“ befinden, tanzen meist bloß zu ihren Lieblingssequenzen, ansonsten wackeln sie im Rhythmus, gehen herum, kucken, wer da ist, reden mit der Tresenkraft, verschicken SMS oder telefonieren („Ich bin im Berghain, hier sind bisher nur Spanner. Wie sieht’s im About Blank aus?“). Auf dem Nachhauseweg fällt ihnen ein Gedicht ein – fürs Internetforum des Clubs: „Vom Dunkel still den Tänzern winken/ Voll Ehrfurcht um die Säulen streichen/ Sich fest an diesen Ort zu binden.“

Die „Scene“ ist nicht gegen die Easyjetter und Touris, weil sie die Gentrifizierung forcieren, sondern weil sie die Clubs mit ihrem unbedingten Amüsierwillen und ihrer präsozialen Masse kaputtmachen: Kaffee Burger, Lido, Tresor, SO36 … Nur die Autonomen- und Hardcore-Punk-Clubs – Köpi, Supamolli etc. – sind einigermaßen davor gefeit. Ebenso die Special-Interest-Clubs: Latex-Scene-Zentren wie das „Kitkat“, Gruftie/Emo-Clubs wie „Last Cathedral“, die Semi-Neonaziclubs wie der „Speicher“, die Schwulen-Clubs wie „Ficken 3000“, die „Ballhäuser“ für einsame Muslime und deutsche Alleinerziehende; die Elite-Clubs wie das „Soho“, wo Mitglied zu werden für karrierebewusste Friseure schon fast ein Muss ist; dann die vermeintlichen Avantgarde-Clubs wie das „Watergate“ („Die Türpolitik ist an sich in Ordnung, aber 21-Jährige nicht reinzulassen ist lächerlich“) und die Erlebnis-Clubs wie das „Sage“ („Mit der Lonsdale-Jacke kommst du hier nicht rein!“).

Am eindeutigsten kommt die soziale Funktion bei den temporären Clubs zum Ausdruck, deren Betreiber immer wieder neue „Locations“ auftun und dann gezielt anhand ihrer Liste mit bis zu 5.000 Facebook-Freunde einladen. Ihre Partys dauern manchmal 72 Stunden. Den Anfang machte 1988 die „Tanzstelle“. Zuletzt lud das „K:Pax“ 10.000 in seine temporäre Location am Markgrafendamm, es kamen 2.000.

Während die arabischen Jugendlichen sich via Facebook, Twitter, SMS und Blogs auf der Straße verabreden und im Hellen um ihre Freiheit kämpft, versammeln sich die hiesigen „Jungen-Mädchen“ also in dunklen Clubs – wo Selbstverwirklichung und Selbstverwertung kaum zu unterscheiden sind. Die Forschung befindet sich hier aber auch erst am Anfang.

Zum Kontrast: die Einsteiger-„Gruppe 47“. Photo: morgenschritte.de

P.S.: Eine Meldung von dpa aus Berlin:

Die Mieten sind in Berlin in den vergangenen beiden Jahren deutlich schneller gestiegen als zuvor. Nach dem am Montag vorgestellten neuen Mietspiegel gab es eine durchschnittliche Steigerung um 4 Prozent im Jahr. Das sind 20 Cent mehr pro Quadratmeter und Jahr. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis ohne Heizung und Betriebskosten liegt danach bei 5,21 Euro.

Anziehende Mietpreise sind immer wieder ein Brennpunktthema in Protesten in der Hauptstadt – so auch am Montag. Die Bekanntgabe des Mietspiegels wurde von mehreren Demonstrationen und Protestaktionen begleitet.

Am Vormittag stürmten zwei Gruppen junger Protestler die Pressekonferenz in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Wilmersdorf. Eine Gruppe maskierter Demonstranten, die sich auf ihren Pullovern „Die Überflüssigen“ nannten, entrollten ein Transparent und warfen Konfetti zu der Musik aus dem Film „Ghostbusters“. Nach einigen Minuten verschwanden sie von selber. Eine andere Gruppe stand später während der Konferenz auf, rief dazwischen und wollte mitdiskutieren. Die inzwischen erschienene Polizei ließ sie auf Bitte von Junge-Reyer weitgehend gewähren.

Am Nachmittag demonstrierten rund 100 Menschen vor dem Gebäude der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (GSW) in Kreuzberg. Nach Angaben der Polizei riefen Beteiligte dazu auf, ein Wohngebäude der GSW in der Schlesischen Straße zu besetzen. Vor dem Haus fanden sich am späten Nachmittag mehrere Dutzend Demonstranten ein, einige betraten das leerstehende Haus und entrollten nach Polizeiangaben Transparente mit Titeln wie „Wir sind gekommen, um zu bleiben“ aus den Fenstern der oberen Stockwerke.

Auch der Bürgermeister des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, Frank Schulz (Grüne), bekam Besuch. Rund zehn Menschen fanden sich spontan in seinem Büro in der Frankfurter Allee ein, die Schulz aber „als seine Gäste betrachtete“, wie ein Sprecher der Polizei sagte.

Hinzugefügt sei, dass die Entmietungen in Berlin vor allem Nordneukölln und Kreuzberg treffen, wo sich die „Facebook-Generation“ gerade massenhaft niederläßt. Die dort Vertriebenen ziehen, wenn es Deutsche sind, nach Marzahn/Hellersdorf und wenn es Ausländer sind, nach Spandau. Dieser Bezirk wird deswegen schon als „Gentrifizierungs-Verlierer“ bezeichnet.

AP meldet aus Syrien:

Erstmals seit Beginn der Proteste in Syrien Mitte März haben Bewohner in zwei Städten laut Berichten von Aktivisten mit Waffengewalt Widerstand gegen die vorrückenden Regierungstruppen geleistet. Dabei hätten sie seit Sonntag Automatikgewehre und Granaten eingesetzt, erklärten zwei Aktivisten am Montag. Bei den Kämpfen habe es weitere Opfer gegeben.

Die Streitkräfte träfen in den Städten Tabliseh und Rastan auf bewaffneten Widerstand, sagte ein Bewohner der Unruheprovinz Homs, der in der Region über gute Verbindungen verfügt. Der zweite Aktivist machte ähnliche Angaben. Es gelinge den Sicherheitskräften nicht, in die Städte einzurücken. Das Heer stehe weiterhin vor den beiden Städten. Militärfahrzeuge, darunter Panzerwagen, sollen in Brand gesetzt worden sein.

Die Regierungstruppen setzten ihre Angriffe auf Tabliseh am Montag fort. Nach Angaben der lokalen Koordinationskomitees, die die Proteste in Syrien mitorganisieren und dokumentieren, begann der Beschuss der Stadt mit Artillerie am frühen Morgen. Auf den Dächern von Moscheen seien außerdem Scharfschützen positioniert worden.

Bereits zu Beginn der neuen Offensive gegen Zentren der syrischen Proteste am Sonntag waren laut Aktivisten neun Menschen ums Leben gekommen. Die Koordinationskomitees erklärten, am Montag seien zwei weitere Leichen entdeckt worden. Das syrische Staatsfernsehen meldete, dass bei den Kämpfen um Tabliseh vier Soldaten getötet und 14 verletzt worden sein.

Da ausländische Journalisten aus Syrien ausgewiesen wurden, ist eine unabhängige Überprüfung der Berichte aus dem Land praktisch unmöglich. Die Angaben der beiden Aktivisten sind die ersten glaubwürdigen Berichte über ernsthaften Widerstand von Bewohnern, die zu Waffen gegriffen haben.

Laut dem Aktivisten Mustafa Osso nahmen Regierungstruppen seit Sonntag in mehreren Städten der Provinz Homs hunderte Menschen fest und beschossen die Städte Tabliseh und Rastan mit Maschinengewehrfeuer.

Die Städte in der zentralsyrischen Provinz Homs waren seit Beginn der Demonstrationen gegen das Regime von Präsident Baschar Assad Mitte März Zentren der Protestbewegung. Nach Angaben von Aktivisten haben die dortigen Proteste in jüngster Zeit weiter zugenommen, tagsüber und nachts seien Menschen auf der Straße und forderten den Rücktritt Assads.

Aus Libyen meldet dpa:

Die Streitmacht des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi zerfällt immer mehr. Am Sonntagabend meldete ein tunesischer Radiosender, 30 weitere libysche Soldaten seien desertiert und mit einem Boot nach Tunesien geflohen.

Am vergangenen Freitag hatten auf die gleiche Weise bereits 22 libysche Armeeangehörige das Land verlassen, darunter etliche hochrangige Offiziere. Die 30 Soldaten erklärten, sie seien bereit, in die von den Aufständischen kontrollierten Gebiete Libyens zu gehen, um dort auf der Seite der Rebellen zu kämpfen.

Aus dem Jemen meldet dpa:

Der Jemen versinkt immer tiefer im Chaos. In der Nacht zum Montag töteten Soldaten in der südlichen Stadt Tais nach Angaben eines Arztes 25 Demonstranten, als sie eine Kundgebung mit Gewalt beendeten. Angesichts anhaltender Kämpfe in der Stadt erwartete er nach eigener Aussage weitere Todesopfer.

Ein Aufständischer, der sich selbst Abed nannte, berichtete von anhaltendem Gewehrfeuer in der Stadt, in der Demonstranten versuchten, den zentralen Platz von den Sicherheitskräften der Regierung zurückzuerobern. Die Truppen hätten die Demonstranten mit Tränengas, Waffen und schweren Fahrzeugen von dem Platz vertrieben.

In der Stadt Sindschibar setzte die Armee Kampfflugzeuge gegen mutmaßliche Mitglieder des Terrornetzwerkes Al-Kaida ein. Das meldete der Nachrichtensender Al-Arabija.

Einige Militärs, die sich am Wochenende von Präsident Ali Abdullah Salih losgesagt hatten, behaupten, der Präsident habe Sindschibar den Terroristen „kampflos übergeben“. Sein Plan sei es, sich den westlichen Regierungen, die seinen Rücktritt fordern, anschließend als mutiger Kämpfer gegen den Al-Kaida-Terror zu präsentieren. Diese Theorie bestritt die Regierung am Montag.

AP meldet aus Marokko:

Mit Schlagstöcken und auf Motorrädern sind marokkanische Sicherheitskräfte am Sonntag gegen tausende Demonstranten in Casablanca vorgegangen. Ein ähnlicher, von der Reformbewegung des 20. Februar veranstalteter Protest in Sale wurde ebenso gewalttätig beendet auch schon eine Kundgebung vor dem Parlament am Vortag. Nachdem die Behörden einen Monat lang Demonstrationen geduldet haben, gehen sie in jüngster Zeit wieder entschieden dagegen vor.

Die Anhänger der Demokratiebewegung fordern eine Reduzierung der Befugnisse von König Mohammed VI. und verlangen mehr Freiheit. Am 9. März leitete der König einen eigenen Reformprozess ein, indem er eine Kommission ernannte, die Reformen vorschlagen soll. Die Vorschläge des handverlesenen Gremiums werden wohl im Juni bekannt gemacht.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/05/30/kairo-virus_81/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • P.P.S.: Aus Spanien berichtet Reiner Wandler morgen in der taz:

    Das Protestcamp an der Puerta del Sol, im Herzen Madrids, wird bestehen bleiben, bis die Stadtteilversammlungen sich als neue Struktur der Bewegung gefestigt haben. Das beschloss eine Vollversammlung, zu der am Sonntagabend weit über 5.000 Menschen gekommen waren.

    Das Camp wird jedoch auf Bitte verschiedener Kommissionen umstrukturiert, um die Organisation zu erleichtern. Deshalb werden vermutlich in den kommenden Tagen Teile der Zeltstadt verkleinert.

    Auch in anderen Städte wie Bilbao, Zaragoza oder Valencia werden die Protestierenden bleiben. In Barcelona wird eine Vollversammlung am Dienstagabend über die Zukunft des dortigen Camps beraten. In Toledo wird ein Informationspunkt das Camp ersetzen. In mehreren Provinzhauptstädten droht die Polizei mittlerweile mit Räumung.

    Die Plattform Echte Demokratie Jetzt!, die mit ihrem Aufruf zu Demonstrationen der „Empörten“ am 15. Mai die spanische Protestwelle in Gang gebracht hatte, kündigte am Montag in Madrid für den 15. Oktober „europaweite Mobilisierungen“ an. Bis zu diesem Termin sollen für verschiedene Bürgeranträge für Gesetzesänderungen die notwenigen Unterschriften gesammelt werden. Die erste Initiative zielt auf eine Reform des Wahlrechts ab.

    Am 15. Juni will Echte Demokratie Jetzt! die Pfändung einer Wohnung in Madrid verhindern, um so dagegen zu protestieren, „dass in Not geratene Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.