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vonHelmut Höge 28.06.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Araber vor der Stadt Algier“ (Eugène Delacroix). Photo: wooop.ch

Die Ernte vernichten, die Kornspeicher plündern, die Viehherden konfiszieren – und sogar unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder töten… „All das sind meiner Ansicht nach missliche Notwendigkeiten, denen sich aber jedes Volk, das die Araber bekriegen will, zwangsläufig unterwerfen muss,“ schrieb Alexis de Tocqueville 1841, als er nach einem Aufenthalt in Nordafrika seine „Arbeit über Algerien“ verfaßte. Dieser Kolonialkrieg, der 1830 mit der Landung der französischen Flotte in Algier begann, und Millionen Algeriern das Leben kostete, endete erst 130 Jahre später 1962 mit der Unabhängigkeit des Landes. Aber schon 1965 kam es dort zu einem blutigen Putsch und ab 1991 zu einem Bürgerkrieg, der zwischen Islamisten und Militär geführt wurde und in dem noch einmal über 100.000 Algerier  den Tod fanden. Dieser Krieg ist noch immer nicht beendet.

Die Nachrichtenagentur AFP meldete am 24.Juni 2011:

„Ein Soldat und ein Zivilist sind bei einem Anschlag in der algerischen Region Kabylei getötet worden. Bei dem Bombenattentat auf einen Militärkonvoi nahe der Stadt Azazga sei ein Soldat ums Leben gekommen, teilte das algerische Verteidigungsministerium mit. Als die Soldaten das Feuer auf die Urheber des Anschlags eröffneten, hätten sie versehentlich einen Zivilisten erschossen. Die Armee entschuldige sich bei der Familie des Toten. In der Kabylei und anderen Regionen im Osten Algeriens mehren sich Anschläge auf Sicherheitskräfte. Sie werden vorwiegend von islamistischen Gruppen begangen.“

Zuvor hatte die Nachrichtenagentur dpa berichtet:

„Beinahe hätte der arabische Frühling auch Algerien erreicht. Demonstranten waren auf die Straße gegangen, um gegen steigende Preise und Perspektivlosigkeit zu protestieren. Mehrere Algerier hatten sich aus Verzweiflung selbst angezündet – vielleicht in der Hoffnung, ähnlich wie im benachbarten Tunesien zum Sturz des verhassten Regimes beizutragen. Doch der seit mehr als zwei Jahrzehnten amtierende Präsident Abdelaziz Bouteflika hat Massenproteste wie in anderen arabischen Staaten gerade noch verhindern können. Gegen die Demonstranten setzte er massiv Sicherheitskräfte ein, die restliche Bevölkerung beruhigte er vorerst mit begrenzten Reformen.“

Wegen des Islam und besonders der radikalen Islamisten hält sich die Solidarität der Linken mit den zumeist jugendlichen Aufständischen in den arabischen Ländern in Grenzen. Das war in den frühen Sechzigerjahren – im Algerienkrieg – noch ganz anders, und auch noch in den späten Siebzigerjahren –  als eine Volksbewegung im Iran die Abdankung des Schahs erzwang. An seiner statt kam jedoch 1979 Ayatollah Chomeini an die Macht, dessen „Mullah-Regime“ die Gesellschaft in das  Mittelalter zurückwarf.

Ähnliches scheint man jetzt auch in den arabischen Ländern zu befürchten. Schon können die arabischen Herrscher, im Jemen z.B., behaupten, bei der Niederschlagung der Volksaufstände durch ihre bewaffneten Organe ginge es um die Bekämpfung von „Al Quaida“.

So meldete AP am 24. Juni aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa:

„Jemenitische Sicherheitskräfte haben am Freitag das Feuer auf einen Trauerzug eröffnet. Zehntausende Demonstranten nahmen an der Beerdigung eines jungen Mannes in der Hafenstadt Aden im Süden des Landes bei, der im vergangenen Jahr in Polizeigewahrsam gestorben war. Die Angehörigen des 25-Jährigen hatten sich seit seinem Tod im Juni 2010 geweigert, diesen zu bestatten. Sie forderten Ermittlungen zu den Todesumständen. Bei den Auseinandersetzungen am Freitag, bei denen die Regierungstruppen auch Panzer einsetzten, kam mindestens ein Mensch ums Leben, sechs wurden verletzt, wie ein Augenzeuge berichtete.“

Am 26.Juni meldete AP:

„Im Jemen sind am Sonntag erneut Zehntausende aus Protest gegen das Regime von Präsident Ali Abdullah Saleh auf die Straße gegangen. Sie forderten den Rücktritt Salehs, der sich zur medizinischen Behandlung in Saudi-Arabien befindet, und die Ausreise von dessen Söhnen und Beratern. Die Demonstranten riefen: „Salehs Waisen müssen das Land verlassen.“ Der 42-jährige Sohn Salehs, Ahmed, einst wahrscheinlichster Nachfolger seines Vaters, leitet die Republikanische Garde, die maßgeblich an der Niederschlagung der Proteste beteiligt war. Er hält im Land die Stellung, während sein Vater im Ausland weilt. Sein Bruder Chaled ist ein Kommandeur des jemenitischen Heeres.“

Der Spiegel berichtete am selben Tag:

„Trotz der Gewalt im Jemen kooperiert die Bundeswehr weiterhin mit der Armee des arabischen Landes. Im Rahmen der „militärischen Ausbildungshilfe“ würden derzeit insgesamt zehn jemenitische Offiziere ausgebildet.“

Die jemenitische Regierung meldete unterdes – laut AP:

„Bei Kämpfen zwischen Regierungssoldaten und Kämpfern des Terrornetzwerks Al-Kaida in der Provinz Abjan sind am Sonntag zwölf Aufständische getötet und drei weitere verletzt worden. Die Streitkräfte hätten mit Artilleriegeschützen das Viertel Dufas in der Provinzhauptstadt Sandschibar beschossen, hieß es. In den vergangenen Tagen hatten Kampfflugzeuge der Regierungstruppen immer wieder die Rückzugsgebiete der Al-Kaida-Kämpfer angegriffen. Daraufhin veröffentlichte die Extremistengruppe Ansar al Scharia eine Todesliste mit den Namen von zwölf Offizieren, die an den Angriffen beteiligt gewesen sein sollen.“

Letzte Meldung aus Algerien:

Im Revisionsverfahren um die tödlichen Anschläge in Paris im Jahr 1995 hat der Pariser Kassationsgerichtshof die lebenslange Haftstrafe für den Algerier Rachid Ramda bestätigt.

Der Algerier wurde für schuldig befunden, von London aus die Anschläge auf drei Pariser U- und S-Bahnhöfe finanziert zu haben, bei denen im Juli und Oktober 1995 acht Menschen starben und rund 200 weitere verletzt wurden. Nach Überzeugung der Anklage ist Ramda ein einflussreiches Mitglied der algerischen Islamistengruppe GIA. Diese führte in den 1990er Jahren einen „heiligen Krieg“ gegen Frankreich, weil die ehemalige Kolonialmacht die algerische Regierung beim Kampf gegen den Terrorismus unterstützte. Großbritannien hatte den Algerier nach langem juristischen Tauziehen 2005 an Frankreich ausgeliefert.

Wie alles anfing:

Nachdem sich der Geograph des französischen Expeditionskorps, Rozet, 1832 dafür ausgesprochen hatte, in der fruchtbaren  Ebene zwischen Algier und dem Atlasgebirge „alle Berber des Stammes Beni-Menad zu vernichten“, um dort arbeitslose Franzosen, „Bevölkerungsüberschuß“ genannt, anzusiedeln, rufen die algerischen Stammesführer zum Widerstand gegen die Eindringlinge auf – wobei sie von einem  „Jihad für die Verteidigung der Religion“ sprechen. Zum „Befehlshaber der Kämpfer“ – Emir – wird der aus dem westalgerischen Ouarsenis-Bergmassiv stammende 23jährige Abdelkader gewählt: Er „begründete in den folgenden Jahren die Keimzelle eines zentralisierten ‚islamischen‘ Staates, wobei er teilweise auf den ‚ursprünglichen‘ Islam des 7.Jahrhunderts zurückgreift,“ schreibt Bernhard Schmid in seinem Buch „Das koloniale Algerien“.

Die französischen Besatzer wandeln derweil die Ketschaoua-Moschee in der Kasbah, der Altstadt von Algier, in einem katholische Kirche um. 1871 kommt es zu einem Aufstand, an dem sich fast 100.000 bewaffnete Kämpfer beteiligen. Nach ihrer Niederlage werden einige tausend in die Sträflingskolonien Cayenne und Neukaledonien verbannt, wo sie mit den ebenfalls dorthin verbannten Aufständischen der Pariser Commune zusammentreffen.

Als sich nach 1917 eine Dritte – kommunistische – Internationale gründet, die von jeder Mitgliedspartei eine klare Ablehnung der Kolonialpolitik ihrer jeweiligen Länder verlangt, stimmen dem  auch die französischen Sozialisten zu. Sie – und ebenso ihre Parteiverbände in Algerien, in denen jedoch nur wenige Algerier mitarbeiten – sprechen sich jedoch  „deutlich gegen die nationalistischen Bewegungen und die Eingeborenen-Revolten“ aus: „Die algerischen Parteisektionen denken einstimmig, dass der Erfolg einer solchen Bewegung allein einer eingeborenen nationalistischen Oligarchie nutzen könnte. Und diese würde die Einwohner noch viel schmerzlicheren Bedingungen als den ihnen heute auferlegten unterwerfen, deren erste Opfer die europäischen Sozialisten würden.“

Immer wieder wird zum Beweis des „fortschrittsfeindlichen Charakters“ der  Widerstandsbewegungen der  Eingeborenen ihr Glaube, „der Islam“, herangezogen, sowie die Unterdrückung der Frau in der algerischen Gesellschaft – ihr Ausschluß aus der Öffentlichkeit und ihre Zwangsverschleierung. Langsam macht sich jedoch ein Umdenken in der Linken bei der „Religionsfrage“ bemerkbar: 1920 ruft der Vorsitzende der Kommunistischen Internationale, Sinowjew, auf dem „Kongress der Völker des Orients“ in Baku zu einem „Jihad“, zum heiligen Krieg, „zuerst gegen den britischen Imperialismus“ auf. In den  bisherigen Kriegen unter der grünen Fahne des Propheten seien jedoch die kämpfenden Bauern und Arbeiter stets betrogen worden, nun sollten sie es noch einmal wagen – unter der roten Fahne diesmal.

1921 fordert Lenin, den „Panislamismus“ stärker zu bekämpfen, denn er stärke bloß „die Position der Kahne, Gutsbesitzer und Mullahs“. Trotzki wandte sich 1922 mit einer „Sonderresolution“ gegen eine französische kommunistische Sektion in Westalgerien, die der Auffassung war, eine selbständige Aktion von Eingeborenen würde nur  feudalistische Zustände herbeiführen. Das war für Trotzki ein „sklavenhalterischer Standpunkt“, die Kommunistische Internationale dürfe sich in den Kolonien nicht auf solche vorurteilsbehafteten nationalistischen und kapitalistischen Elemente stützen, sondern auf die „besten Elemente der Eingeborenen selbst und in erster Linie auf die eingeborene proletarische Jugend“.

1924 meint ein Autor – mit  dem Pseudonym „El Djazairi“ – in der KP-Zeitung „L’Humanité“, dass die Fabrik inzwischen die Moschee getötet habe. Dies bezog sich jedoch wohl eher auf seine in Frankreich arbeitenden Landsleute als auf die in Algerien, vermutet Bernhard Schmid. Der „L’Humanité“-Autor rät seinen Genossen, eine Ideologie, wie den Pan-Islamismus und die Religion, erst recht wenn sie revolutionär wird, nicht zu bekämpfen, es sei „klüger, aufzuzeigen, was der Islam an kommunistischen Elementen enthält.“ Die Feministinnen in der Partei konnten natürlich nichts Kommunistisches im Islam entdecken, sondern nur Frauenverachtendes, wobei sie hervorhoben, dass sowohl die algerischen Männer als auch die französischen Kolonialherren, trotz gegenteiliger Beteuerungen, ein Interesse an der Versklavung „ihrer“ Frauen hätten. Zum Beweis zitiert ein „L’Humanité“-Autor, Vaillant-Couturier, eine französische Lehrerin, die Mädchen in einer algerischen Grundschule unterrichtet: „Zum Glück vergessen sie (die Schülerinnen) in zwei Jahren Ehe alles, was wir ihnen hier beibringen. Wäre es nicht so, dann würden sie sich emanzipieren, würden ihre Ehemänner zur Revolution treiben und uns verjagen.“

1934 schließen sich in Paris Sozialisten und Kommunisten zu einem „Volksfront“-Bündnis zusammen, zwei Jahre später sieht ein Gesetzentwurf vor, 25.000 algerischen Eingeborenen die „Vollbürgerschaft“ zu verleihen (Algerien ist nach französischem Verständnis keine Kolonie, sondern Teil des Mutterlandes und bis dahin galten für jede Religionsgruppe bei zivil- und familienrechtlichen Angelegenheiten die Gesetze ihrer jeweiligen Konfession). Um Vollbürger werden zu dürfen, müssen die muslimischen Algerier jedoch darauf „verzichten“, dem qoranischen Gesetz unterstellt zu bleiben. Etwa 100.000 Algerier nehmen in den darauffolgenden Jahren dieses Angebot an. Die KPF hat unterdes einen eigenen algerischen  Ableger gebildet: die PCA. Zwar gibt es schon bald eine erste „muselmanische“ Frau in ihrem ZK – Abassia Fodhil, aber desungeachtet hält man die Forderung nach Unabhängigkeit noch für verfrüht: die Produktivkräfte seien noch nicht ausgereift und vor allem sei der Islam ein Problem.

Aus einer ihrer Massenorganisationen geht in den Dreißigerjahren eine „spezifisch algerische politische Organisation“ hervor: die ENA – der „Nordafrikanische Stern“. Die französische Ehefrau ihres Führers, Messali Hadj, Tochter eines anarcho-syndikalistischen Bergarbeiters aus Lothringen, näht die erste Fahne, die später die Nationalflagge des unabhängigen Algeriens werden wird: Grün und weiß, mit dem Halbmond als muslimischem und dem roten Stern als sozialistischem Symbol. Die ENA wird 1937 von der sozialistischen Regierung unter Léon Blum verboten – und gründet sich als „Partei des algerischen Volkes“ (PPA) neu.

Im Zweiten Weltkrieg kämpfen 132.000 Algerier auf Seiten der Alliierten gegen die Deutschen. 1943 veröffentlicht der „bürgerlich-liberale algerische Nationalist“ Ferhat Abbas ein „Manifest des algerischen Volkes“, das von der sozial-nationalistischen PPA und der konservativ-religiösen Ulema mitgetragen wird. Solche Unabhängigkeitsbestrebungen – insbesondere von der PPA – bezeichnet die algerische kommunistsche Partei (PCA) als Aktivitäten von „Agenten Hitlers“.

Sofort nach Kriegsende bemühen sich die alten Kolonialmächte – England, Holland und Frankreich – um eine Wiederherstellung ihrer Vorkriegsherrschaft in den Kolonien. Die „Eingeborenen“ wehren sich jedoch – in Indonesien, Indien und Vietnam. In Algerien kommt es am 8.Mai 1945 zu einem „Massaker, das 40.000 Opfer fordert. Schon kurz zuvor, am 1.Mai, war  bei einer friedlichen Demonstration für die Unabhängigkeit, zu der die PPA in Algier und Oran aufgerufen hatte, scharf geschossen worden. Die KP schrieb hernach über diese antikolonialistische Manifestation der PPA: „der Kriegsgegner Nazideutschland hat in diesen Tage noch nicht kapituliert“. In Pèrigotville, wo sich rund 1000 Demonstranten Waffen aus öffentlichen Beständen am 8.Mai angeeignet hatten, wurden nach Niederschlagung ihrer Revolte sämtliche muselmanischen Einwohner, die lesen und schreiben konnten, erschossen.

1952 wird in Ägypten die pro-britische Monarchie gestürzt, in Tunesien und Marokko kommt es 1953/54 zu bewaffneten Kämpfen gegen die Kolonialmacht, so dass sich Frankreich „späterhin für die Strategie einer kontrollierten Überführung dieser Staaten in die Unabhängigkeit (unter befreundeten Regimen) entscheidet“. 1954 besiegen die vietnamesischen Aufständischen in der Schlacht bei Dien-Bien-Phu die Franzosen. Fortan ist das Land in einen kommunistischen Norden und einen antikommunistischen Süden geteilt. Als die Kommunisten auch hier an Einfluß  gewinnen, kommen ihnen die Amerikaner zu Hilfe, die ab 1965 Vietnam ähnlich zu befrieden versuchen wie die Franzosen  zuvor Algerien, das 1962 seine Selbständigkeit erkämpft, während der „Vietnamkrieg“ erst 1975 mit der Flucht der Amerikaner aus Saigon beendet wird. (*)

1954 spaltet sich in Algerien die PPA in vier Fraktionen, aus der kleinsten, „einer Gruppe junger Kader“, entsteht ein „Komitee der 22“, das beschließt, „die bewaffnete Erhebung vorzubereiten“. Daraus geht später die mächtige „Nationale Befreiungsfront“ (FLN) hervor, die noch heute in Algerien an der Macht ist. Ihre Ideologie bezeichnet Bernhard Schmid als „revolutionären Populismus“. 1955 organisiert die FLN ihren ersten Aufstand – in der Region Nord-Constantinois: „Er bildet den wohl wichtigsten Wendepunkt in dieser ersten Phase des Krieges mit der Kolonialmacht Frankreich.“ Die französische KP verurteilt die Aktionen der FLN leninistisch als „individuellen Terror“. Die konservativ-religiöse Ulema schließt sich 1956 zwar der FLN an, löst sich dabei jedoch – im Gegensatz zur KP Algeriens (PCA) – nicht auf.

„Für einen Großteil der Algerier, und vor allem für jene, die noch im ‚archaischen Sektor‘ eingeschlossen bleiben, bildet die gemeinsame Religion das hauptsächliche identifikatorische Bindeglied.“ Eine Minderheit von Frauen, etwas über 10.000, vor allem in den Städten, beteiligt sich am Befreiungskampf, wenn auch meist unbewaffnet – als Kuriere, Köchinnen, Wäscherinnen und Krankenschwestern. Dabei mußten sie z.T. blitzschnell vom Schleier zum modischen Kleid und umgekehrt wechseln, wie auch die Männer in der Illegalität sich gelegentlich verschleierten und – statt der Frauen – im Haus bleiben mußten. Als Charles de Gaulle 1958 die Macht übernimmt, kommt es in Algier zu einer öffentlichen „Entschleierungszeremonie“ – organisiert ausgerechnet von der Ehefrau des Oberkommandierenden der französischen Streitkräfte in Algerien, General Salan. „Die algerische Frau ist unsere natürliche Verbündete,“ schreibt der französische Autor Henri Marchand 1960. Er irrte sich. Die Aktivistin Djamila Briki schreibt über den Befreiungskrieg: „Es war eine Schlacht der Frauen, manche waren noch nie bei Tag auf die Straße gegangen, der Kopfschleier fiel, der Gesichtsschleier fiel, Schleier wurden zerrissen, um algerische Fahnen daraus zu nähen.“ Auch Frantz Fanon schreibt einen Aufsatz über die Rolle des Schleiers in der algerischen Revolution.

„Die festgefügten, ja versteinerten Verhältnisse im Inneren der algerischen Gesellschaft gerieten, jedenfalls für die Dauer der Befreiungskrieges, mächtig in Bewegung,“ resümiert Bernhard Schmid. Gleichzeitig kam es jedoch auch zu einem „Krieg im Krieg“: die FLN tötete Kollaborateure und Verräter, 1957 kam es zum „Massaker von Melouza“, wo die FLN alle männlichen Einwohner erschoß, weil sie angeblich alle Mitglieder der vom  PPA-Chef Messali Hadj gebildeten Algerischen Nationalen Bewegung (MNA) waren.

Die Nationale Befreiungsfront will sich laut ihres 1956 verabschiedeten Programms vor allem auf die ärmsten Schichten, die Bauern und Landarbeiter stützen, ihre „terroristischen Aktivitäten“ kulminieren jedoch 1957 in der (urbanen) „Schlacht um Algier“ (wie später auch ein berühmt gewordener Film  des italienischen Regisseurs Gillo Pontecorvo heißt). Das Verhältnis der FLN zur Landbevölkerung bezeichnet Bernhard Schmid als von „einem stattlichen Maß an Zwang und Druck geprägt“.

Das französische Militär reagiert auf die Angriffe der ALN – des bewaffneten Arms der FLN – mit Folter, dem Umdrehen von Gefangenen, der Zwangsumsiedlung von fast 2 Millionen Algeriern in Lager und der Erschießung ganzer Dorfbevölkerungen sowie mit der Vernichtung von Ernten. Die 1210 Kilometer lange Grenze zu Tunesien und Marokko wird mit elektrisch geladenen Zäunen, Minen und einer 80.000 Mann starken Spezialtruppe gesichert, um den FLN-Partisanen die Möglichkeit zu nehmen, immer wieder aus dem sicheren Ausland nach Algerien zu gelangen. (Die Spezialtruppe wird nach dem Sieg der FLN/ALN zur Kerntruppe des neuen algerischen Heeres umgewandelt.)

Zu dem fast sicheren Ausland gehört auch Deutschland, wo nicht nur ca. 5000 algerische Gastarbeiter leben – und die FLN finanziell, wenn auch nicht immer freiwillig, unterstützen, sondern auch etliche Linksliberale bzw. Linke (u.a. die Trotzkisten), die der inoffiziellen FLN-Botschaft in Deutschland auf vielfältige Weise zuarbeiten. Claus Leggewie hat einige  für sein Buch „Die Kofferträger – das Algerien-Projekt der Linken“, das 1984 im Rotbuch-Verlag erschien, interviewt:

Zur Zeit des Algerienkrieges waren fast 50% der in Algerien stationierten Fremdenlegionäre Deutsche (200.000) – für die, die desertieren wollten und das auch taten (etwa 3000), gab es einen „Rückführungsdienst“, dessen Leiter in der spanischen Exklave Marokkos ein Deutscher war, umgekehrt sorgten die deutschen FLN-Sympathisanten – die „Kofferträger“ – für den Rückfluß der Spenden von Exilalgeriern nach Nordafrika. In einigen „Waffenschmieden“ in Marokko arbeiteten ebenfalls Deutsche – an Maschinen, die China lieferte. In Osnabrück organisierten sie eine Druckerei, in der falsche Francnoten hergestellt werden sollten, um die französische Währung zu ruinieren. Als das Unternehmen aufflog und die Beteiligten vor Gericht gestellt wurden, „hatte Deutschland seinen ersten ‚Terroristenprozeß‘,“ wie Claus Leggewie schreibt. (**)

In der BRD selbst organisierten sie Ausstellungen über die Situation in Algerien und sorgten für eine differenziertere Berichterstattung über den Algerienkrieg u.a. im Spiegel und in der „konkret“. Hans-Magnus Enzensberger veröffentlichte einen Artikel „Algerien ist überall“ und die politische Organisation der Deserteure „Jeune Résistance“ veröffentlichte ein „Manifest an die französische Jugend“, in dem sie dazu aufriefen, sich dem Wehrdienst zu entziehen. Auf einer 1.Mai-Demonstration demonstrierte eine Kölner FLN-Sympathisantengruppe mit einer Algerien-Fahne, die von der Frau des SPD-Ortsgruppenvorsitzenden Georg Jungclas genäht worden war. Für den SDS war Algerien bald „das wichtigste außenpolitische Thema“ – was 1961 zum Ausschluß des sozialistischen Studentenverbandes aus der SPD führte. Desungeachtet blieb einer ihrer wichtigsten Unterstützer der SPD-Vorständler und spätere Minister Hans-Jürgen Wischnewski, der einige Jahre lang die Zeitschrift „Freies Algerien“ herausgab und mit dem Theoretiker des antikolonialen Befreiungskampfes Frantz Fanon „sehr befreundet“ war. „Ben Wisch“ verschaffte außerdem algerischen Aktivisten auf unbürokratische Weise Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitsberechtigungen. Später, als Entwicklungshilfeminister sorgte er dafür, dass die algerische Polizei eine moderne Ausrüstung bekam und 40 Polizeioffiziere eine Ausbildung in Deutschland absolvieren konnten. Im DGB wurde ein „Sozialwerk Algerien“ eingerichtet. Einige Unterstützer waren der Meinung, dass der Anstoß für eine sozialistische Politik in Deutschland nicht von innen kommen könne – sondern nur von außen. Sie hatten große Hoffnungen, „dass diese Revolution, dieser Krieg in Algerien auch neue Impulse für Europa bringen würde…“ Mehrere deutsche  Unterstützer und von  Deutschland aus operierende FLN-Kader wurden von der „Roten Hand“ des französischen Geheimdienstes ermordet – u.a. den Waffenschmuggler Georg Puchert, dessen vier im Mittelmeer kreuzende Kutter die französische Abwehr zuvor bereits in die Luft gesprengt hatte.

1960 dreht der Regisseur Kurt Meisel einen Kinofilm über „Die Rote Hand“, der ziemlich erfolgreich war, während Volker Schlöndorfffs Kurzfilm „Wen kümmert’s“ – über zwei in Deutschland untergetauchte „echte“ FLN-Aktivisten, von denen einer fiktiv durch die Rote Hand ermordet wird – verboten wurde, weil er die „Beziehungen Deutschlands zu anderen Staaten gefährdet“. Zu den FLN-Unterstützern gehörte auch ein Agent des bundesdeutschen Geheimdienstes (BND): der ehemalige Militärexperte der Kommunistischen Internationale Erich Wollenberg, der sich zum Antitotalitaristen gewandelt hatte und nun u.a. mit „führenden Persönlichkeiten der FLN/ALN“ Gespräche führte. Sogar über den Waffenschmuggel von Puchert war er informiert. In seinen Berichten nach Pullach rät er dringend, alles zu tun, damit Algerien endlich seine Unabhängigkeit bekommt. Nur so ließe sich verhindern, dass die FLN-Kämpfer „den französischen Kolonialimperialismus mit dem moskauer Kolonialimperialismus tauschen“.

1959/60 schwenkt Charles de Gaulle, der mit der Parole „Algerien bleibt Französisch“ an die Macht gelangte, um – indem er von einem „algerischen Algerien“ spricht. Zwei Jahre später wird das Land unabhängig – mit dem Vertrag von Evian zwischen dem französischen Staat und der provisorischen Regierung der algerischen Revolution. „Im Juli 1962 wurde die Freiheit von ihrem Weg entführt, und wir sind wie Blinde in das schwarze Loch der Diktatur gestürzt,“ schreibt der algerische Autor Boualem Sansal in einem seiner „zornigen und hoffnungsvollen Briefe an meine Landsleute“. Einer endet mit dem Satz: „Unser Herz schlägt in Tunis, aber bald wird es in Algier schlagen, die Revolution naht“. Ein anderer: „In Tunesien sind die Frauen Frauen, und stolz darauf, sie haben Rechte und haben gelernt, sich zu verteidigen. Wenn die Frauen frei sind, kommt der Rest von allein.“ In seinem letzten Brief schreibt Sansal: „Die Unabhängigkeit ist das Ende der Lüge. Bis zum Beweis des Gegenteils ist es der Westen, wo die Lüge wohnt, dort ist das Herz der Macht, dort ist es, wo man die Lüge zerstören muß, wenn man den Planeten und seine Bewohner retten will. Algier, Februar 2011.“

Wikipedia faßt das, was 1962 – nach der Umwandlung der Guerillaorganisation FLN in eine Regierungspartei – geschah, folgendermaßen zusammen:

„Erster Staatspräsident wurde Ferhat Abbas. Nach dessen Absetzung folgte 1963 Muhammad Ahmed Ben Bella, bis Verteidigungsminister Oberst Houari Boumedienne durch einen Militärputsch im Juni 1965 an die Macht gelangte. Seine Regierung versuchte zunächst, durch eine verstärkte Sozialisierungspolitik und durch eine Öffnung gegenüber dem Ostblock Algeriens wirtschaftliche Abhängigkeit von Frankreich zu überwinden. Ab 1972 verfolgte sie jedoch einen Kurs der Blockfreiheit und knüpfte Kontakte zum Westen. Nach dem Tod Boumediennes übernahm 1978 zunächst Rabah Bitat kommissarisch das Präsidentenamt, bis im Februar 1979 Oberst Chadli Bendjedid zum Präsidenten gewählt wurde. Mitte 1988 brachen schwere Unruhen aus, die zur Aufgabe des Machtmonopols der FLN führten. Ursache waren unter anderem die hohe Arbeitslosigkeit und die Wohnungsnot. Eine Demokratisierung wurde eingeleitet und eine neue demokratische Verfassung, die die Trennung von Partei und Staat, parlamentarische Verantwortung, Pluralismus, politische Freiheiten und Garantien der Menschenrechte vorsah, geschaffen. Der wirtschaftliche Niedergang führte im Oktober 1988 zu spontanen Ausschreitungen in der Hauptstadt Algier, die bald auf andere Städte übergriffen und Hunderte von Todesopfern forderten.

Bei den Parlamentswahlen 1991/92 befürchtete die Regierung einen Sieg der islamistischen Bewegung. Nach dem sich abzeichnenden Sieg der Islamischen Heilsfront (Front islamique du salut, FIS) wurden die Wahlen abgebrochen; Präsident Benjedid trat unter dem Druck des Militärs zurück. Als Übergangspräsidenten setzte dieses zunächst Muhammad Boudiaf, nach dessen Ermordung Ali Kafi und schließlich 1994 General Liamine Zeroual ein. Im März 1992 erfolgte die Anordnung zur Auflösung der FIS, die daraufhin zum bewaffneten Kampf aufrief. Im Laufe des Bürgerkriegs, der zwischen Islamisten und dem algerischen Militär geführt wurde, kamen Techniken des „Schmutzigen Krieges“ zur Anwendung. Die blutigen Auseinandersetzungen forderten über 120.000 Todesopfer.

Bereits im September 1998 war vom früheren GIA-Führer Hassan Hattab die „Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf“ (französisch: „Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat“, GSPC) gegründet worden. Die Gründung ist auf Rat von Osama bin Laden, des Führers der international tätigen islamistischen Terrororganisation Al-Qaida, mit dem Ziel erfolgt, den „heiligen Krieg“, Dschihad, gegen die algerische Staatsmacht in seiner ursprünglichen Form wieder aufzunehmen.  Wichtigstes innenpolitisches Ziel des im April 1999 mit Unterstützung des Militärs zum Staatspräsidenten gewählten Abdelaziz Bouteflika, war die Beendigung der gewalttätigen Auseinandersetzungen durch eine „Politik der nationalen Versöhnung.“ Während die algerische Führung zuvor die Zahl der Opfer des Bürgerkrieges meist mit nur rund 30.000 angegeben hatte, gestand er zu, dass sie 1999 schon bei rund 100.000 lag. m September 1999 wurde das von ihm vorgelegte „Gesetz zur Aussöhnung der Bürger“ (französisch: Loi de la Concorde Civile) vom Volk in einem Referendum bestätigt. Es sieht eine Amnestie für Terroristen vor.“

Anmerkungen:

(*) Zum „Vietnamkrieg“: Ab 1808 bildete sich ausgehend vom Widerstand gegen Napoleon in Spanien und in Tirol langsam eine Partisanentheorie heraus. Sie wurde von den preußischen Reformern in Angriff genommen, die damit den Partisanenkampf gegen Napoleon in Deutschland befördern wollten. Genannt seien der Freiherr vom Stein, sowie Hardenberg, Scharnhorst und die Militärs Gneisenau und Clausewitz. Weil der preußische König zögerte, den „Volkssturm“ von oben zu entfesseln, traten einige dieser Adligen in russische Dienste. Von dort aus kam es dann ebenfalls zum Partisanenkrieg gegen Napoleon, nachdem dieser Moskau eingenommen hatte. Einer der herausragenden Partisanenführer war der Dichter Denis Dawydow, auch in Deutschland gab es solche Partisanendichter – Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner z.B.. Berühmt wurde  Heinrich von Kleist – vor allem mit seinem Drama: „Die Hermannschlacht“, das er als Agitationsstück zur Aufnahme des  Guerillakampfs gegen die französische Besatzungsmacht verstand, wie Wolf Kittler es 1987 in seiner Kleiststudie „Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie“ detailliert nachwies, der Hermannschlachtforscher Phil Hill würde dagegen umgekehrt bei Kleist von einer Geburt der Partisanenpoesie aus dem Geist des gemanischen Widerstands gegen Rom sprechen. Der partisanische Widerstand in Preußen litt, da er zunächst von Offizieren und Adligen begonnen wurde, unter deren eingefleischten Soldatentum, d.h. als Partisanen- oder Freischarführer tendierten sie dazu, sich den napoleonischen Truppen heldenhaft im offenen Kampf zu stellen, Attacken zu reiten und sich bei  Rückzügen zu verschanzen – anstatt sich in Sümpfen und Wäldern zu verstecken und von dort aus Überfälle zu wagen.

Dieses „Umdenken“ fiel auch später noch den Militärs schwer – bis hin zu den Bolschewiki. In der Revolution von 1905 forderte Lenin, der die Schriften von Clausewitz und Gneisenau gründlich studiert hatte, zwar von seiner Partei, sich an die Spitze der Partisanen zu stellen, aber 1917, als überall in Russland quasi von selbst Partisanengruppen entstanden, um die Weißen und die ausländischen Interventen zu bekämpfen, drang er darauf, sich vom Partisanenkampf zu verabschieden und diese chaotischen Gruppen in die neue disziplinierte Rote Armee einzugliedern. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch einmal einige deutsche Partisanentheoretiker: den Schriftsteller Ernst Jünger, den Gründer der Künstlersozialversicherung Rolf Schroers und den faschistischen Staatstheoretiker Carl Schmitt. Letzterer meinte, dass die Bolschewiki das Partisanentum im Gegensatz zu den Chinesen noch relativ schwach entwickelt hätten. Bei Mao Tse Tung, der von einem „lang andauernden Krieg“ ausging, gibt es fast eine Gleichgewichtung des partisanischen und des soldatischen Kampfes. Es kam 1949 tatsächlich auch zu einem „Sieg im Volkskrieg“, dieser dauerte alles in allem 22 Jahre. Anfänglich gab es noch, beeinflußt von den sowjetischen Beratern und deren marxistische Einschätzung des Proletariats als einzige revolutionäre Klasse, eine tragische Fixierung auf Städte und Fabrikarbeiter, deren Aufstände dann allesamt scheiterten. Die Sowjets tendierten sowieso dazu, die Bauern insgesamt gering zu schätzen und als verkleinbürgerlicht abzutun bzw. mit der Kollektivierung abzuschaffen, dieses Vorgehen stand insbesondere in Russland im Gegensatz zu Marx, der einst die Entwicklung des Bauerntums von den Germanen bis zur russischen Dorfgemeinschaft (Obschtschina) studiert hatte – und dabei zu dem Resultat gekommen war, dass die russische Obschtschina mit ihrem Gemeinschaftseigentum den Kapitalismus quasi überspringen könne. (Nebenbeibemerkt gab es auch in Algerien bis zur Eroberung des Landes durch die Franzosen vielfach noch Gemeinschaftseigentum. Und zu denen, die den Guerillakampf in Theorie und Praxis auf die Bedingungen in der arabischen Wüste übertrugen, gehört der englische Geheimdienstoffizier T.E. Lawrence im Ersten Weltkrieg, sein Rechenschaftsbericht darüber hat den Titel „Die Sieben Säulen der Weisheit“)

Ausgehend von den Niederlagen in Shanghai und Kanton 1927, aber auch von den zuvor gescheiterten Aufständen in Reval und Hamburg, machte man sich in der Moskauer Komintern 1928 an die Zusammenstellung eines Lehrbuchs für den Aufstand (es wurde im Zusammenhang der Studentenbewegung 1971 auf Deutsch veröffentlicht, mit einem neuen Nachwort von Erich Wollenberg). Neben einigen Altbolschewiki und dem General der Roten Armee Tuchatschewski arbeitete auch der deutsche Revolutionär Erich Wollenberg sowie Ho Chi Minh daran mit. Letzterer galt unter den Bolschewiki als ein „Bauernträumer“, sein Text in dem Aufstands-Handbuch, „Die Arbeit unter der Bauernschaft“ betitelt, beginnt mit dem Satz: „Der Sieg der proletarischen Revolution in Agrar- und Halbagrarländern ist undenkbar ohne aktive Unterstützung durch die ausschlaggebenden Massen der Bauernschaft“. Auch das Scheitern der städtischen Aufstände in China führte Ho Chi Minh darauf zurück, dass es z.B. „in den an Kanton grenzenden Gebieten keine starke revolutionäre Bauernbewegung gab“. Und eine der „Hauptvoraussetzungen für einen dauernden Erfolg des Vorgehens bäuerlicher Partisanen“ ist laut Ho Chi Minh „ihre unzertrennliche, lebendige Verbindung mit den breiten Bauernmassen“.

Für die Parteipropaganda bedeutet dies, das sie sofort die Forderungen der Bauern aufgreift: also  Landreform, d.h. Neuverteilung des Bodens an die Armen, Vertreibung oder Ermordung der wüstesten Handlanger der Regierung in den Dörfern und Enteignung der Großgrundbesitzer, zumindest der verhassten und derjenigen, die nicht an der Seite der Bauern kämpfen wollten.

Für die organistorische Arbeit auf dem Land geht es darum, eine „einfache und den breiten Massen ebenso verständliche wie geläufige Struktur“ zu finden. Diese beginnt mit dem Aufbau eines „Selbstschutzes“ – also einer  Bauernmiliz, die mit ihren Waffen (Sensen, Messer, selbstgebaute Granaten  usw.) versucht, das Dorf im gegebenen Falle gegen feindliche Überfälle und vor  Plünderungen zu schützen, wobei sie u.a. Fallen und Verstecke anlegt. Als nächstes gilt es, „Partisanenabteilungen nach dem Territorialprinzip“ zu bilden, die im Untergrund arbeiten und Überfälle planen, um dem Gegner z.B. Waffen abzunehmen. Miliz und dörfliche bzw. territoriale Widerstandsgruppen sind während der Aussaat und zur Erntezeit noch Halbzeit- oder Mondscheinpartisanen, d.h. sie sind auch noch als Bauern tätig, je nach Stand der Auseinandersetzungen primär oder nebenbei. Mit der Verschärfung des Klassenkampfes und dem Umschlagen desselben in den offenen Bürgerkrieg müssen die Partisanenzellen laut Ho Chi Minh „zu Abteilungen verschiedener Stärke und nach Gebieten zusammengefaßt werden“. Gleichzeitig muß ihre politische Schulung forciert werden, damit sie ihrer Rolle als „Avantgarde“ der Bauern gerecht werden können. Um eine reguläre Armee in offener Stellung angreifen zu können bedarf es schließlich der Zusammenfassung der Partisanenabteilungen zu einer „Bauernarmee“.

Dieses dreiteilige Entwicklungsschema der Bewegung, wiewohl es so oder so ähnlich für viele Partisanenkriege gilt (z.B. für die Titopartisanen im Zweiten Weltkrieg oder für Budjonnys Kosakenpartisanen im russischen Bürgerkrieg, aus denen dann die berühmte „Reiterarmee“ hervorging), verbirgt ein Problem, das man als Umschlag von der Qualität in die Quantität bezeichnen könnte: Die widerständigen Bauern kompensieren ihre mangelnde Bewaffnung durch List und Tücke sowie durch  genaue Kenntnis ihres Territoriums, auf dem sie zu Hause sind – das sozusagen auf ihrer Seite ist und mitkämpft. Dazu gehören auch ihre Tiere, die wilden wie die zahmen, sowie die Pflanzen und Bäume.

Sobald die Partisanengruppen jedoch in die Befreiungsarmee eingereiht werden, unterstehen sie einem Oberkommando, das sie gemäß den Anforderungen der Front mal hier und mal dort einsetzt – auf unbekanntem Territorium. Und ihre Partisanenführer finden sich plötzlich im Hauptquartier bzw. in Stäben wieder, wo sie Entscheidungen nicht mehr aufgrund ihrer Ortskenntnis treffen, sondern auf der Basis eingehender Informationen und anhand von Landkarten, was ganz andere Fähigkeiten verlangt.

In der Sowjetunion gab es im Zweiten Weltkrieg die größten Partisaneneinheiten und von ihnen befreite Gebiete in Weissrussland. Dort entstand später dann auch eine Literatur, vor allem von Ales Adamowitsch und Wassil Bykau, die sich fast ausschließlich mit dem Partisanenkampf befaßte, weil der Einzelne dabei noch moralische Entscheidungen treffen kann und muß, während er in der Armee nur noch ein Rädchen im Getriebe einer gigantischen Militärmaschinerie ist, auch wenn er weiterhin Teilnehmer an einem „gerechten Krieg“ bleibt. Diese daraus entstandene Literatur kann man als „sozialistischen Existentialismus“ bezeichnen. In Frankreich entstand aus dem Partisanenkampf gegen die Deutschen zur selben Zeit explizit ein „Existentialismus“, er ist mit den Résistancekämpfern Sartre und Camus verknüpft. In Italien sprach man von Neoverismus oder Neorealismus, der dann vor allem durch Filme – u.a. von Rossellini – berühmt wurde. Das erste neorealistische Manifest wurde bereits 1943 in einer Partisanenzeitschrift veröffentlicht.

Dieser kulturelle Ausfluß des Partisanenkampfes wirkte noch bis in die westeuropäische Studentenbewegung hinein. Einen Monat nach der so genannten Tet-Offensive der südvietnamesischen Befreiungsbewegung fand in Westberlin im Februar 1968 der „internationale Vietnamkongreß“ statt. Dabei wurde insbesondere eine Parole des vier Monate zuvor ermordeten Partisanenführers Ché Guevara diskutiert: „Schafft zwei, drei, viele Vietnam!“. Die laut Oskar Negt bloß „abstrakte Gegenwart der Dritten Welt in den Metropolen“ geriet in einigen Redebeiträgen zu einer immer größeren Annäherung zwischen Saigon und Berlin: indem die Straßenkämpfe hier immer militanter wurden, indem man statt Geld für Medikamente nun „Waffen für Vietnam“ sammelte und indem sich mit den Worten von Rudi Dutschke bei den Aktivisten langsam das Gefühl verdichtete: „In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase“.

In den Jahren davor litt man hier geradezu an der allzu „abstrakten Gegenwart“ des vietnamesischen Widerstands: 1968 veröffentlichte der Freiburger Psychiater Erich Wulff  das Buch „Vietnamesische Lehrjahre“, in dem er über seine Arbeit als Arzt in Hué von 1964 bis 1967 berichtete. Zwischendurch mußte er nach Deutschland zurück kehren und wieder in seiner Freiburger Ambulanz arbeiten, wo ihn die Beschäftigung mit den psychischen Leiden der Mittelschicht jedoch bald anödete: „In Vietnam hatte ich Krankheit als gewaltsamen Einbruch ins Studium, ins Arbeits- und Privatleben kennengelernt; der Arzt reparierte sie, wenn er konnte…Die Lebensumstände, in die der Entlassene zurückkehrte, waren oft empörend; aber der Arzt konnte dennoch das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben, etwas Wirkliches; auch hatte die Überlegung Sinn, wie die Verhältnisse, die ständig Krankheit verursachten, sich ändern ließen. Die Änderung war nicht bloß denkbar, sondern es wurde im Land um sie gekämpft. Ein vielfältiger Prozeß der Veränderung nahm einen auf, bot Möglichkeiten des Eingreifens. Auch in persönlichen Freundschaften war solche Wirklichkeit greifbar: was mich mit Tuan, Mien u.a. verbunden hatte, beruhte vorrangig auf gemeinsame Stellungnahme zu den Ereignissen, war in seinem Kern Politik, Engagement für die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Unsere Freundschaften waren niemals in der Fadheit des bloß Privaten eingeschlossen. Sie waren sozusagen in einem pathetischen Sinne republikanisch. In Vietnam hatte mich gesellschaftliche Wirklichkeit bis in die sogenannte Intimsphäre hinein betroffen und herausgefordert.“

Diese gesellschaftliche Veränderung bis in die Beziehungen hinein vermißte Wulff im allzu friedlichen  Freiburg, so daß er bald wieder zurück nach Vietnam ging. Auf dem Vietnamkongreß in Westberlin resultierte daraus u.a. für den  Schriftsteller Peter Weiß die Forderung: „Unsere Ansichten müssen praktisch werden, unser Handeln wirksam. Dieses Handeln muß zur Sabotage führen, wo immer sie möglich ist. Dies fordert persönliche Entscheidungen. Dies verändert unser privates, individuelles Leben.“ – Bis schließlich eine „gemeinsame Front“ entsteht. (Vielleicht versteht man jetzt, warum beim derzeitigen Stand der sozialen Auseinandersetzungen in der BRD keine „gemeinsame Front“ mit den arabischen Aufständen, ja, noch nicht einmal eine solidarische Unterstützung ihrer Kämpfe – in Syrien, Libyen, im Jemen, in Saudi-Arabien, in Bahrain, Jordanien, Palästina und im Iran – möglich ist.)

Die internationale Studentenbewegung mußte dabei 1967ff einen ähnlichen Weg wie die südvietnamesischen Partisanen vollziehen. So erzählte z.B. Quyet Thang, ein Bauer, der erst Partisanenführer in der Provinz Tay Ninh wurde und dann Regimentskommandeur der regulären Truppen der Befreiungsarmee: „Bis Ende 1959 wurde unsere ‚Linie‘ ausschließlich vom Gedanken eines legalen, politischen Kampfes ohne Gewalt bestimmt“. Aber die südvietnamesischen Truppen terrorisierten die Dörfler dermaßen, dass sie irgendwann vor der Entscheidung standen: „Aufstand oder Tod“. Anfang  1960 unternahmen sie ihre erste „Selbstverteidigungsaktion“: mit einem alten Gewehr,  mehreren selbstgebastelten Minen aus Bambusrohre, die sie mit Karbid und Wasser füllten, und einigen Megaphonen überfielen sie nachts einen kleinen Militärstützpunkt der Regierung, nachdem die Frauen auf dem Markt das Gerücht verbreitet hatten, starke Vietkong-Einheiten seien mit schweren Waffen in der Nähe ihres Dorfes gesehen worden. Das gezielt ausgestreute Gerücht im Dienste des Befreiungskampfes kennt man auch aus Weissrussland: Wenn dort ein Partisan durchs Dorf kam, erzählten  die Bäuerinnen den Deutschen, es seien tausende gewesen, und wenn es tausende waren, sagten sie, es wären nur zwei, drei gewesen.  Im Stützpunkt Phu My Hung funktionierte das Gerücht so gut, dass die Soldaten dort völlig eingeschüchtert waren und beim Angriff keinen einzigen Schuß abgaben. Zur Warnung an die anderen erschossen die Partisanen einen besonders brutalen Distriktchef. Das hatte laut Quyet Tang eine durchschlagende Wirkung: „In allen umliegenden Dörfern stellten sie ihr Treiben ein, und der schlimmste Terror hatte beinahe über Nacht ein Ende gefunden.“ Damit war die Linie der Gewaltlosigkeit verlassen.

Als nächstes bereitete sich diese Partisanengruppe darauf vor, das Fort Tua Hai, in dem 2000 Soldaten stationiert waren, anzugreifen, vor allem um sich dort Waffen zu beschaffen. Für diese Aktion  bekamen sie bereits 260 vor allem junge Kämpfer zusammen, die mit insgesamt 170 alten  Gewehren und etlichen selbstgebauten Granaten ausgerüstet wurden. Zum Abtransport der Beute wurden 500 Bauern aus entfernt gelegenen Dörfern mobilisiert. Außerdem hatten sie Flugblätter vorbereitet, die mit „Die Selbstverteidigungskräfte des Volkes“ unterschrieben waren. Der Überfall gelang und die Partisanen erbeuteten 1000 z.T. automatische Waffen, außerdem schlossen sich ihnen etliche Soldaten an, die beim Wegtragen der Beute halfen. Zehn Kämpfer fanden bei dieser Aktion den Tod, zwölf wurden verwundet. Auf ähnliche Weise wurden in der Folgezeit dann viele Aktionen durchgeführt. Aber Ende 1961 griffen die USA, unter anderem mit Hubschraubern, in die Kämpfe ein – und es mußten andere Taktiken entwickelt werden.

Den Bericht von Quyet Thang habe ich dem Buch „Partisanen contra Generale“ von Wilfred G. Burchett entnommen, ein australischer Journalist, der ab 1964  Südvietnam bereiste, sein Buch erschien 1967 im Verlag Volk und Welt. Die DDR bildete mit der UDSSR und China eine immer stärkere „Anlehnungsmacht“ für die Nordvietnamesen und die südvietnamesische Befreiungsbewegung – und unternahm enorme Anstrengungen, um sie zu unterstützen. Dazu erschien kürzlich ein Buch von zwei ADN- und N.D.-Korrespondenten in Hanoi zwischen  1967 bis 1970: „Sieg in Saigon“.  Die Autoren Irene und Gerhard Feldbauer reden dabei von einer geglückten sozialistischen Wiedervereinigung in Vietnam, die sie in gewisser Weise einer unglücklichen kapitalistischen in Deutschland gegenüberstellen. Dem sozialistischen Block als Anlehnungsmacht traten die USA und u.a. die BRD als Bündnispartner der südvietnamesischen  Regierung entgegen. Zuletzt kämpften die Amerikaner jedoch fast alleine gegen den Norden und den Vietkong. Die Guerilla wurde währenddessen mit dem südvietnamesischen Volk fast identisch.

Anfänglich war es noch laut Mao Tse Tung darum gegangen, dass der Revolutionär  sich in den Volksmassen wie ein Fisch im Wasser bewegen müsse. Die amerikanischen Militärstrategen blieben in diesem Bild und versuchten, „den Teich auszutrocknen, um die Fische darin zu fangen“. Dazu griffen sie u.a. auf die im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen in Russland erprobten  Maßnahmen zurück: auf Wehrdörfer, Tote Zonen, Verbrannte Erde-Aktionen und auf die Rekrutierung z.B. von partisanengeschulten Kosaken, die nun als Partisanenbekämpfungs-Truppen eingesetzt wurden (u.a. die Green Berets).  Bald war auch für sie jeder Vietnamese ein Vietkong, was in gewisser Weise sogar eine Erleichterung darstellte, weil es die quälende Unsicherheit der Soldaten im Einsatz beseitigte, wie der amerikanische  Autor Jonathan Neale in seinem 2004 veröffentlichten Buch über „Den amerikanischen Krieg in Vietnam“ meint: Wen immer die Soldaten töteten – es war der richtige!

Von der anderen Seite aus hat der Arzt Erich Wulff diese Entwicklung beschrieben: Am Anfang war der „Vietkong“ fast ein Phantom, aber nach und nach nahmen immer mehr Leute aus seiner Umgebung in Hué Kontakt mit der Befreiungsfront auf, die irgendwo „da draußen“ auf dem Land bzw. im Dschungel war. Sie „beschafften Informationen oder transportierten Medikamente ins Maquis“. Die „befreite Zone“ war bald nur noch 10 Kilometer von Hué entfernt. „Das Maquis war nicht mehr, wie 1964, ein Kuriosum, wo man seine Neugierde befriedigte. Es wurde immer mehr zum geistigen, politischen und organisatorischen Zentrum für die Orientierung der Menschen in der Stadt“.

In Vietnam gibt es eine Reihe von kleinen Bergvölkern, die u.a. von der Jagd leben. Sie verließen als erste die ‚Linie‘ der Gewaltlosigkeit, woraufhin die Regierungstruppen sie mit Vernichtungsfeldzügen überzog. Die Dörfler wehrten sich mit alterprobten Mitteln: Bodenfallen, die mit Bambusspießen gespickt waren, Fallstricke, die Steinlawinen auslösten, an Seilen schwingende „Morgensterne“ und vergiftete oder brennende Pfeile, die von einer Armbrust abgeschossen wurden. Auch Bienen kamen zum Einsatz: Dazu wurden einige Stöcke am Wegrand aufgestellt und die Ausflugslöcher mit Papierstückchen  zugeklebt, von denen Fäden über den Weg führten. Wurden diese von Soldaten zerrisen, kamen die Bienen frei und stürzten sich wütend auf sie. Daneben lernten die Kämpfer, die Pflanzen, Insekten und Großtiere des Waldes zu Heilzwecken zu nutzen. Zu den aufständischen Bergvölkern gesellten sich die Buddhisten, die ebenfalls von der Regierung verfolgt wurden sowie die Reste einiger Sekten, die untergetaucht waren und sich zu kriminellen Banden gewandelt hatten. Zusammen mit den Partisaneneinheiten bildeten sie bald eine „Nationale Front“, aus den bewaffneten Sekten entstand die Keimform einer „regulären Armee“, die Führung blieb jedoch bei den Bauern, die sich zu wahren Herren auf dem Land aufschwangen – immer mehr Dörfer schlossen sich zu „befreiten Gebieten“ zusammen. Selbst Stützpunkte der Regierung zur Kontrolle bestimmter Abschnitte waren in Wirklichkeit umzingelt vom Vietkong, der darüber entschied, welche Versorgungsgüter zu den Soldaten gelangen durften und welche nicht.

Bei den Soldaten handelte es sich zumeist um zum Wehrdienst gezwungene junge Bauern, die die Partisanen auf diese Weise langsam für sich gewinnen wollten, mindestens wollten sie Informationen über bevorstehende Angriffe, Truppenverlegungen usw. von ihnen  bekommen. Dies nannte man eine Politik des „Zukorkens“ feindlicher Posten. Ähnlich war es bei den „strategischen Dörfern“, in die man die Bauern reinzwang, vorher wurden ihre alten Dörfer zerstört bzw. zerbombt, ihre Gärten und Reisfelder vergiftet. 16.000 solcher „Wehrdörfer“ wollte die Diem-Regierung errichten, es wurden aber nur einige tausend – und selbst unter diesen befanden sich bald viele in Wahrheit ganz oder zumindestens nachts in den Händen des Vietkong. In den Städten, wo nicht demonstriert werden durfte, benutzten die Propagandatrupps der Nationalen Front Affen, denen sie Hemden überzogen, auf denen Parolen standen. Die so ausstaffierten Tiere, manchmal kamen auch Hunde zum Einsatz, wurden dann auf den Marktplätzen freigelassen.

Immer wieder waren Partisanengruppen gezwungen, buchstäblich in den Untergrund auszuweichen oder sich zumindestens darauf vorzubereiten: Das war im hussitischen Tabor der Fall, aber auch im Zweiten Weltkrieg in Odessa sowie bei den Aufständen in Warschau und Paris. In Vietnam gruben sich die Bauern weitverzweigte „Tunnelsysteme“, mit denen Dörfer und ganze Bezirke verbunden wurden und die teilweise sogar bis unter die Stützpunkte der Regierungstruppen führten. Wie ein Sprecher der Nationalen Befreiungsfront meinte, „war das Land gleich einem an Masern Erkrankten mit Militärstützpunkten und Forts übersät, aber das Regime hatte keinen Stützpunkt im Herzen des Volkes – ganz im Gegensatz zur Befreiungsfront“. Es gibt dafür fast ein Partisanengesetz: „Der Unterschied in der Feuerkraft wird durch den Unterschied in der Moral aufgehoben“.

Die großenteils gepressten Soldaten reagierten darauf, auch in anderen, ähnlichen Volksaufständen war das so, mit  „Kriegsneurosen“, d.h. mit so schwerwiegenden Krankheitssymptomen, dass sie von weiteren Fronteinsätzen verschont blieben. Henry Kissinger schreibt in seinen Memoiren, die Antikriegsdemonstrationen und die  internationale Solidarität mit den Vietnamesen führten dazu, dass Washington mehr und mehr „den Charakter einer belagerten Stadt“ annahm…“das gesamte Regierungsgefüge fiel auseinander. Die Exekutive litt unter einer Kriegsneurose.“ Ähnliches kann man im übrigen auch von der deutschen Sozialdemokratie sagen: Während der Kanzler Willy Brandt sich weigerte, irgendetwas auch nur Nachdenkliches  über Vietnam zu Protokoll zu geben, demonstrierte Gerhard Schröder als Juso „Ho Ho Ho Chi Minh“-rufend auf der Göttinger Roten Straße rauf und runter, wie einer der vietnamesischen „Boat-People“ noch 2001 in Westberlin auf einer Veranstaltung bitter bemerkte.

Bereits Ende 1964 übte die Befreiungsfront faktisch die Regierungsgewalt in Südvietnam aus: Es gab Ausschüsse für das Gesundheitswesen, Volksbildung, Post- und Fernmeldewesen, für Wirtschafts-  und für Auswärtige Angelegenheiten – mit Vertretungen in Havanna, Kairo, Algier, Prag und Ostberlin, und eine eigene Nachrichtenagentur. Dazu kamen bald noch hunderte von Filmteams, die bei fast allen Aktionen dabei waren. Am Ende des Krieges hinterließen sie hunderte von Dokumentarfilme und mehrere Millionen Meter ungeschnittenes Material, das von dem zum vietnamesischen Militär gehörenden Film-Institut verwaltet wird. Neuerdings kooperiert es bei der Auswertung mit der deutschen DEFA-Stiftung.

Ende 1965 befand sich der Psychiater Erich Wulff in Saigon: „Die amerikanischen Beamten, die deutschen Soldaten, die meisten Journalisten, die ich kannte, schwammen während dieser Zeit auf einer Woge von rosigem Optimismus. Sie sahen täglich neue Hubschrauber und neue Soldaten ins Land strömen und waren vom schieren Gewicht und von der augenscheinlichen Perfektion der amerikanischen Militärmaschinerie geradezu hingerissen.“ Sogar die Distrikt- und Provinzchef waren bald Amerikaner. Auch einer der Kommandeure der Befreiungsfront, Truong Ky, bemerkte um diese Zeit: „Jetzt geht die Tendenz dahin, dass die Operationen eine rein amerikanische Angelegenheit werden.“ Er war jedoch ebenfalls optimistisch: „Auch das wird nicht klappen, denn die Amerikaner sind in dem Widerspruch zwischen ihren ‚Vernichtungs-‚ und ‚Befriedigungs‘-Projekten verstrickt, die die beiden Hauptlinien ihrer militärpolitischen Strategie ausmachen“. Hinzu käme noch, laut Truong Ky, dass sie sich sowohl in der Planung als auch im Kampf einem „Subjektivismus“ hingäben, der sie dazu verleite, ihre eigene Stärke ständig zu überschätzen und die der Befreiungsfront zu unterschätzen. Das führte zu immer unwirklicheren Statistiken bzw. Zahlenspielen, „Body-Count“ oder „Kill-Rate“ genannt, und zu absurden Verlautbarungen: So erklärte z.B der diensthabende Offizier eines Einsatzes gegen Ben Tre im Mekongdelta der internationalen Presse: „Um die Stadt zu retten, mussten wir sie zerstören!“ (Das Deutsche Fernsehen übernahm brav diesen ganzen Amiquatsch Abend für Abend!)

Dann kam im Januar 1968 die Tet-Offensive – und es wurde allen klar, dass der amerikanische Krieg in Vietnam nicht mehr zu gewinnen war. Jonathan Neale schreibt: „Dennoch erlitten die Guerillos eine vernichtende Niederlage. Sie hatten erwartet, dass Saigon und Hue sich erhöben. Dazu kam es nicht.“ Der für den kommunistischen Untergrund in Saigon verantwortliche Tran Bach Dong erklärte später, warum: Ihre Mitgliedergewinnung war „wunderbar erfolgreich“ – bei den Intellektuellen, Studenten, Buddhisten, bei allen – nur bei den Arbeitern nicht, wo der Organisationsgrad „schlechter als schlecht“ war. Das lag nicht nur an der Konzentration der Partei auf die Organisierung der Bauern, die die überwiegende Mehrheit in der Bevölkerung bildeten, sondern auch an der amerikanischen Militärstrategie, die mit ihren Bombardements und Entlaubungsaktionen eine wachsende Zahl von Flüchtlingen produzierte, die – wie in Algerien – in die Städte drängten und dort bei den Amerikanern oder in ihren Vergnügungsbezirken Arbeit fanden. Das war auch so gewollt: Man sprach in diesem Zusammenhang offziell von einem in Vietnam längst überfälligen „Urbanisierungs-Prozeß“  und hoffte, die Bauern auf diese Weise wenn schon nicht an sich zu binden, dann wenigstens „lumpenproletarisch“ zu neutralisieren. Laut Jonathan Neale gelang dies aber auch deswegen z.T., weil die Befreiungsbewegung die städtischen Arbeiter nur halbherzig gegen ihre Chefs mobilisieren konnten, um nicht die „Unterstützung der Geschäftsleute und Manager dort zu verlieren“. Nichtsdestotrotz: „Während die Guerilleros nach Tet ausbluteten, wurde in Amerika die Entscheidung getroffen, den Krieg zu beenden.“ Insofern war die Tet-Offensive Höhepunkt und damit der Anfang vom Ende des vietnamesischen Befreiungskampfes, der offiziell jedoch erst 1975 mit der Einnahme von Saigon endete. Kurz zuvor hatten die Nordvietnamesen zwei kleinere Offensiven bei Hué eingeleitet, woraufhin den Regierungstruppen befohlen wurde, sich zurückzuziehen. Auf diesem Rückzug brach die südvietnamesische Wehrpflichtigenarmee auseinander – „sie war moralisch am Ende“.

Nach dem Sieg konnten die Kommunisten daran gehen, das Land wieder aufzubauen und vor allem zu industrialisieren. Dies ging jedoch nur auf dem Rücken der Bauern sozusagen, die mit ihren Agrarprodukten eine „ursprüngliche sozialistische Akkumulation“ ermöglichen sollten. Wenn man sie jedoch dafür höher besteuern wollte, reduzierten sie die Anbauflächen. Also versuchte man sie in Kooperativen bzw. Kolchosen zusammen zu fassen, aber sie weigerten sich. Im Dorf Binh My, schreibt Jonathan Neale, „übten die Parteikader unablässig Druck aus. Einige suchten sie 20 mal auf, erzählte ein Kader, so häufig, dass der Haushund sie inzwischen kannte und nicht mehr bellte.“ Im Mekongdelta bei Ben Tre errichteten die Kommunisten eine Vorzeigekooperative, aber die Bauern brannten sie nieder. Im Jahr 1987 gab die Regierung ihre Niederlage zu, es war ihr nicht einmal gelungen, die Kontrolle über den Reishandel zu erlangen. Aufgrund ihres langen Befreiungskampfes, erst gegen die Franzosen, dann gegen die Japaner und schließlich gegen die Amerikaner, waren die vietnamesischen Bauern außerordentlich selbstbewußt geworden. Als dann noch China seine Wirtschaftshilfe einstellte, sowie 1989 auch noch die Sowjetunion, führte die Regierung offiziell den „Neuen Wandel“ – Doi Moi – ein, d.h. die Martkwirtschaft unter ihrer Führung. Vietnam entwickelte sich dabei zum drittgrößten Reisexporteur der Welt. Dies hatte jedoch zur Folge, dass sich immer mehr Bauern verschuldeten, dass die ärmsten ihr Land verkauften. Aus ehemaligen Kooperativvorsitzenden wurden reiche Bauern, die anfingen, Landarbeiter zu beschäftigen. Es begann mithin das, was man in Mitteleuropa bis heute „Bauernlegen“ nennt, also ein Konzentrationsprozeß in der Landwirtschaft, der nun erneut mit einer „Urbanisierung“ einhergeht.

Die Linke hatte sich schon lange vorher, spätestens nach dem Sieg der Befreiungsbewegung in Saigon 1975 von den vietnamesischen Partisanen abgewendet – und diese waren danach ja auch – wenn sie nicht wieder Bauern wurden – Regierungsbeamte bzw. Funktionäre geworden. In Norwegen, wo ebenfalls ein erfolgreicher Partisanenkrieg (gegen die Deutschen) geführt wurde und die Solidarität mit Vietnam sehr verbreitet war, veröffentlichte der Schriftsteller Johan Harstadt 2004 eine Erzählung, die „Vietnam. Donnerstag“ betitelt ist. Darin heißt es an einer Stelle: „Er“ verbindet mit dem Wort Vietnam „Reisfelder, Dschungel, Hubschrauber“. Sie dagegen sagt: „Vietnam steht für alles, was schief gegangen ist“.

1967 wollte Thomas Brasch in der Ostberliner Volksbühne einen „Vietnamkongreß“ veranstalten: „Seht auf dieses Land“, titelte er dafür. Der Kongreß wurde aber nicht erlaubt. 30 Jahre nach Beendigung des Krieges, hat die Volksbühne jedoch seine Idee wieder aufgegriffen – und veranstaltete am 16. Oktober 2005 einen „Vietnam Tag“, wobei sie sich u.a. für die vietnamesischen Opfer des militärischen Einsatzes von Entlaubungsgiften einsetzen will. In den letzten Jahren gab es mehrere Initiativen von Vietnamesen, die durch den Einsatz von Agent Orange bei der Bombardierung ihres Landes gesundheitlich geschädigt wurden. Im Februar 2004  z.B. eine Sammelklage von 100 „Agent Orange“-Opfern gegen 37 US-Firmen, die der Armee das Dioxin geliefert hatten, darunter „Monsanto“ und die US-Tochter von Bayer „Mobay“. Zuvor hatte bereits der US-Anwalt Ed Fagon eine Klage gegen Bayer im Namen einiger südafrikanischer Dioxin-Opfer angestrengt, wobei es zu einem Vergleich gekommen war. Und der US-Anwalt Kenneth Feinberg hatte mehrere Klagen von US-Soldaten betreut, die dem Einsatz von Dioxin im Vietnamkrieg ausgesetzt gewesen waren. Im März 2005 verklagte der Bauingenieur Ngoc einige Dioxin-Hersteller vor dem US-Bundesgericht in Brooklyn: Seine Schwester war verkrüppelt zur Welt gekommen, nachdem ihr Vater mit Agent Orange in Kontakt gekommen war. In der Schweiz unterstützten 49 Parlamentarier diese Klagen, sie verlangten vom  Bundesrat, auf die US-Regierung einzuwirken, damit die vietnamesischen Agent-Orange-Opfer endlich entschädigt würden. Nun gibt es eine weitere flankierende Maßnahme dazu – im Internet und aus Vietnam selbst. Sie nennt sich „Justice for Victims of Agent Orange“. Verfaßt wurde sie von Len Aldis – im Namen der „Englisch-Vietnamesischen Freundschaftsgesellschaft“, aber unterschrieben haben bisher vor allem Vietnamesen – bis jetzt 690933. Dahinter steht die Anfang 2004 gegründete Hilfsorganisation VAVA: „Viet Nam’s Association for Victims of Agent Orange“ – und ihr Vorsitzender Dang Vu Hiep. Die VAVA arbeitet mit den US-Veterans for Peace, dem amerikanischen Roten Kreuz und dem „Fund for Reconciliation and Development“ zusammen, um die Lebensbedingungen für Dioxin-Opfer in Vietnam zu verbessern.  Die vietnamesische Botschaft in den USA erklärt dazu, dass etwa 3 Millionen Vietnamesen an den Spätfolgen des Agent-Orange-Einsatzes leiden. Zwischen 1961 und 1971 versprühten die Amerikaner 80 Millionen Liter giftige Chemikalien über Vietnam. Noch 1985 hatte der US-Wissenschaftler Alwin Young dazu auf einem „Dioxin-Kongreß“ in Bayreuth erklärt: „Der Dioxin-Einsatz hat niemandem geschadet!“

Nach dem Besuch des „Vietnam-Kongresses“ in der Volksbühne nahmen sich einige Freunde von mir vor: „Nächstes Jahr machen wir in Vietnam Urlaub.“ So hatte man sich die mobilisierende Wirkung dieser Veranstaltung eigentlich nicht vorgestellt! Aber solche Privatinteressen haben jetzt Vorrang. Auf dem 1. Vietnam-Kongreß, der 1968, wenige Wochen nach der Tet-Offensive in Westberlin stattfand, war es noch darum gegangen, zwischen Saigon und Berlin eine Front zu bilden – durch In- und Extensivierung der Kämpfe hier. Dort siegten 1975 zwar die Kommunisten, hier übernahm jedoch 1990 die westdeutsche Treuhandanstalt das Regime, politisch flankiert ausgerechnet von West-„68ern“, die sich dazu allerdings zu Menschenrechtlern, Pluralismusverfechtern und geharnischten Antistalinisten gewendet hatten, und nun von „asymetrischen Kriegen“, „Terror auf beiden Seiten“ und dem „Stalinisten Ho Chi Minh“ sprachen: Auch auf dem Vietnam-Kongreß der Volksbühne. Dieser fand erstmalig unter großer Beteiligung der Vietnamesen selbst statt. Man hätte also gut und gerne das Problem, dass jetzt statt harter Strategien und Klassenkämpfe eher weiche Diskurse und Kompromisse bevorzugt werden, auch miteinander besprechen können – mindestens im Hinblick darauf, was dies für die Einschätzung des vietnamesischen Befreiungskampfes und seiner Resultate bis heute bedeutet. Und das um so mehr, da es bereits im Vorfeld der Volksbühnenveranstaltung diesbezüglich zu Konflikten gekommen war: Zuerst  störten sich einige teilnehmende vietnamesische Initiativen am Blumenarrangement im Foyer, das die nord- und die südvietnamesische Fahne zeigen sollte.

Die in West und Ost-Berlin lebenden Vietnamesen sind wahrscheinlich die einzige ausländische Minderheit, die sich 1989 nicht wiedervereinigte: im Westen lebten kurz gesagt die Boat-People (Flüchtlinge) und im Osten der Vietkong (Vertragsarbeiter). Diesen Umstand wollte die Volksbühne „thematisieren“  – natürlich von vietnamesischen Blumenkünstlern gestaltet. Die Gründerin des vietnamesischen Selbsthilfevereins „Reistrommel“ in Marzahn, Tamara Hentschel, zog daraufhin ihre Teilnahme zurück: Das Arrangement sei so geschmacklos, als würde man neben eine BRD-Fahne eine Nazi-Flagge hängen. Die Tanzgruppe ihres Vereins wollte trotzdem mitmachen. Hier waren es dann aber zwei Eltern, die ihren Kindern das verwehrten – vor allem, weil die Volksbühne dann nicht nur die Menschenrechtlerin Kim Phuc einlud (sie war einmal von der Illustrierten stern „gerettet“ worden, nach einem Napalm-Angriff der Amis auf ihr Dorf, bei dem sie schwer verwundet worden war – und ihr Schicksal hatte damals Millionen gerührt, wie man so sagt, nun war sie jedoch, in Kanada lebend, zu einer engagierten Antikommunistin geworden). Daneben wollte man auch noch mit Bui Tin diskutieren, den in Paris  lebenden und heute bekanntesten  vietnamesischen  Regimegegner. Damit machte die Volksbühne  der vietnamesischen Botschaft in Berlin keine Freude – und auch vielen in Ostberlin lebenden Vietnamesen nicht, die sogar von Radio Multikulti nichts hören wollen: „Das ist doch der Sender, der Ho Chi Minh so schlecht gemacht hat!“  Nach Bui Tins Auftritt kam es zu Beschimpfungen – zwischen seinen Fans und seinen Gegnern. Ähnliches geschah auch nach Jürgen Kuttners Rederunde, in der die prokommunistischen Ostler sich anschließend mit den antikommunistischen Westlern stritten. So war das auch von Kuttner „angedacht“ worden, der den Dissenz sucht. Den eher nach Harmonie strebenden Vietnamesen stößt eine Inszenierung desselben jedoch eher ab. Vielleicht sollte man beim nächsten Vietnam-Kongreß darauf dringen, dass sie die Formen der Auseinandersetzung planen. Viele der jungen, hier aufgewachsenen Vietnamesen schienen mir jedoch großen Gefallen gerade an dieser „Culture of Clash“ gefunden zu haben – und ihre eigenen Beiträge, z.B. ein Film von und mit einigen Schülerinnen, gehörten dann auch mit zu den besten Programmpunkten der 13stündigen Veranstaltung. Man kommt sich also doch von Mal zu Mal näher – aber nur gleichsam zwangsläufig – über die Generationenfolge. Wie nahe man sich jedoch damals im Kleinkrieg gekommen war, blieb unerörtert.

(**) Ein Buch zu drucken, um damit Geld zu machen, ist einfach, aber um sich das nötige Geld selbst zu drucken, dazu braucht es mehr – u.a. spezielle Apparaturen und Fertigkeiten. Zudem machen es die Druckereien der Zentralbanken den Geldfälschern immer schwerer, indem sie ihre Banknoten mit Wasserzeichen, Hologrammen und Silberfäden versehen.

Ich war mir unsicher, ob ich 2006 einen gefälschten 50-Euroschein in die Hände bekommen hatte – und  ging mit ihm bei einem türkischen Kiosk einkaufen. Der Verkäufer besah sich die Banknote, sagte nach kurzem Zögern: „Na ja, geht so!“ und gab mir die verlangte Ware sowie das Restgeld heraus. Neulich bekam ich beim Einkauf im Supermarkt erneut einen gefälschten 50-Euroschein zurück – ohne das ich es merkte. Erst als ich damit am Wochende ein Auto mieten wollte, flog die Fälschung auf: Der Angestellte steckte den Schein in ein Prüfgerät, bevor er ihn entgegennahm. Und dieser Apparat stieß plötzlich laute Warngeräusche aus. Daraufhin wurde das  Bundeskriminalamt alarmiert – und die schickten zwei Damen vorbei. In der Zwischenzeit hatten wir uns den gefälschten Schein genauer angesehen – und mit echten  verglichen: Er war ein bißchen kleiner, das Papier war einen Tick zu steif und die Farben etwas zu knallig. Die beiden LKA-Damen streiften sich albernerweise Gummihandschuhe über, bevor sie meinen  Geldschein entgegennahmen und in eine Plastikhülle stopften. Dann schrieben sie meine Personalien auf und erklärten mir, den Geldschein könne ich vergessen. Laut Bundesbankgesetz §35 werde aufgefundenes Falschgeld ersatzlos eingezogen. Beim Gehen äußerten sie die Vermutung, dass die Banknote aus Rumänien käme. Die hätten sich da unten so auf den EU-Beitritt gefreut, dass sie schon zwei Jahre davor angefangen hatten, die Euronoten  nicht nach-, sondern quasi  vorzudrucken. Am Häufigsten würden jedoch Ein- und Zwei-Euromünzen gefälscht werden.

Das erinnerte mich an die bosnische Lebenskünstlerin Xenia, die – zu D-Mark-Zeiten noch – billige Bleifiguren einschmolz, um daraus 5-Markstücke zu machen. Damit ging sie abends in die Diskos und bat die Barkeeper in einem günstigen Moment – wenn sie gerade voll beansprucht waren – eine  Münze in Markstücke umzutauschen – für den Zigarettenautomaten. Ihre Geldfälschung flog nie auf, einmal führte sie sie sogar öffentlich vor – als Performance quasi. Das war 1999 – im Rahmen einer von uns organisierten dreitägigen „Messe über Geldbeschaffungsmaßnahmen“ auf dem Pfefferberg.

Eine andere mir bekannte Geldfälscheraktion endete ähnlich künstlerisch-harmlos: Dabei handelte es sich ebenfalls um eine Frau (obwohl Frauen sich in aller Regel auf das In-Umlauf-Bringen der Blüten beschränken). Die junge Filmemacherin, aus Zürich in diesem Fall, wollte ihren ersten Film – über eine indische Tänzerin – mit gefälschten Schweizer Franken finanzieren. In Vorbereitung der Blüten-Herstellung recherchierte sie ausgiebig die damals gerade vom Staat  ausgegebenen „noch fälschungssicheren neuen Banknoten“, machte Interviews mit Experten und Bankern und sprach mit Ingenieuren aus dem Druckgewerbe. Heraus kam jedoch, dass der Aufwand zu groß war. Die Filmerin machte aus ihrer Recherche schließlich eine kleine SWR-Dokumentation über die fälschungssichere Schweizer Währung – und das war es dann.

Erwähnt sei ferner der Westberliner Galerist und Satanist Jes Petersen, der – obwohl er einen Gutshof bei Flensburg geerbt hatte – ständig in Geldnot war, weil er zu viele arme Künstler aushielt. In dieser Situation erklärte er sich bereit, für eine Dollar-Fälscherbande in Italien den Westberliner Verteiler zu spielen – gegen Provision. Es gab noch einen zweiten Galeristen, der sich daran beteiligte. Eines Tages bekam Petersen einen Anruf: der Galerist sei verhaftet worden. Er geriet darüber derart in Panik, dass er fast eine Million Dollar in seinem Wohnzimmerofen verbrannte, den er damals noch besaß. Erst als er sich aus diesem „Geschäft“  ganz zurückgezogen hatte, erfuhr er, dass er zu voreilig gewesen war: Der Galerist hatte dicht gehalten.

Verhaftet wurde Petersen aber dann doch – 1993: wegen Kokainschmuggel aus Bolivien: Auch hier war er – zusammen mit einem Kunst- und Antiquitätensammler –  Westberliner Verteiler gewesen, d.h. er hatte diesem bloß seine Galerieadresse zur Verfügung gestellt. Das Zeug bekamen sie in Papprollen geliefert, in denen sich zum Schein Kunst aus Lateinamerika befand. Petersen mußte dafür zwei Jahre ins Gefängnis. Vergeblich reichten seine Verteidiger mit Unterstützung einiger „Personen des öffentlichen Lebens“ ein  „Gnadengesuch“ ein, in dem sie auf die „kulturellen Verdienste“ hinwiesen, die er sich als Kunstmäzen zwischen Mauerbau und Mauerfall in Westberlin erworben hatte. Als Petersen aus dem Gefängnis kam, war er erst einmal entsetzt, weil die Polizei beim Durchsuchen der Wohnung und Galerie sein umfangreiches Archiv zerfleddert hatte, das er für seine „Lebensgeschichte“ brauchte, an der er auch in Haft weitergeschrieben hatte. Seine ersten Geschäfte als Galerist und Verleger hatte der gelernte Bauer Petersen noch mit Pornographie gemacht: „Das wurde aber damals noch mit einer ähnlichen Leidenschaft und Sorgfalt verfolgt wie heute der Drogenhandel.“ Der Vertrieb lief schon damals über Südamerika, wo bei jemandem die Bestellungen eingingen. „Sie wurden dort auf einen winzigen Punkt verkleinert, in einen harmlosen Text montiert und dann in Flensburg wieder vergrößert“. Bis 1962  waren die staatsanwaltlichen Schikanen in Schleswig-Holstein jedoch derart „kompakt“ gediehen, daß Petersen nach Westberlin auswich. Hier war sein ständiger Galeriegast und Mittrinker dann der Klavierstimmer Oskar Huth. Dieser hatte während der Nazizeit als untergetauchter Zeichner des Botanischen Gartens auf einer Wehrmachtsdruckmaschine in seinem Keller Lebensmittelkarten gefälscht, mit denen er über 100 in Berlin untergetauchte Juden das Überleben  in ihren Verstecken sicherte. Seine Lebensmittelkarten waren echter als die echten, denn sie hatten im Gegensatz zu diesen ein Wasserzeichen. Petersen gewann durch Oskar Huths Erzählungen eine Vorliebe für Fälschungen. Einmal wollte er eine Ausstellung mit Werken des Kunstfälschers Konrad Kujau organisieren. Seine Autobiographie sollte den nordischen Titel „Jes Petersens wundersame Reise“ bekommen. Aber er starb 2006 überraschend. Seitdem bringt der Historiker Andreas Hansen regelmäßig kleine Abschnitte aus Petersens Nachlaß heraus.

In all diesen mir bekannt gewordenen Fälschungs-Fällen ging es noch um den Einzelnen – und seine Geld- bzw. Überlebensprobleme. Während des Zweiten Weltkriegs haben auch die Staatsbankiers darüber nachgedacht, die Währung ihrer jeweiligen Gegner zu zerstören, indem sie sie in Massen fälschten und auf seinem Territorium in Umlauf brachten. „Besonders originell war diese Idee nicht“, schrieb „Die Welt“, aber die Deutschen organisierten dazu gleich zwei Fälscherwerkstätten: Die SS ließ 200.000 Zehn-Pfundnoten drucken, „die Projektverantwortlichen waren jedoch mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Bemängelt wurde zum einen die Qualität der Fälschungen, zum anderen, dass kräftig gestohlen wurde“. Die zweite „Geheimdruckerei“ unterstand dem Chef der SD-Auslandsaufklärung und befand sich im KZ Sachsenhausen. Dort mußten Häftlinge US-Dollar und Pfundnoten drucken. Sie produzierten insgesamt neun Millionen Banknoten – im Wert von 134 Millionen Pfund, das waren 13% der echten Banknoten, die im Umlauf waren. Um sie in Verkehr zu bringen, baute man ein „gigantisches Geldnetzwerk auf dem Kontinent auf“. Mit den erzielten Profiten wurde die „Einsätze ausländischer Agenten“ und „Kriegsmaterial für die SS-Verbände auf dem Balkan“ finanziert. „Die Welt“ resümierte: „Die kursierenden Pfundnoten waren nicht kriegsentscheidend, haben aber dazu beigetragen, das Vertrauen in die englische Währung zu unterminieren“.

Einer der daran beteiligten KZ-Häftlinge, Adolf Burger, veröffentlichte 2007 ein Buch darüber – „Des  Teufels Werkstatt“. Sein Bericht wurde wenig später verfilmt – unter dem Titel: „Die Fälscher“. 2010 veröffentlichte der englische Journalist Lawrence Malkin noch eine zusammenfassende Darstellung darüber: „Hitlers Geldfälscher. Wie die Nazis planten, das internationale Währungssystem auszuhebeln“. Die Pointe dieser „Projekte“ bestand für den Autor darin, “ dass eine nicht geringe Zahl gefälschter Banknoten aus dem KZ-Projekt dem jüdischen Untergrund zugespielt wurde, der damit nach Kriegsende Versorgungsgüter für Holocaust-Überlebende bezahlte und Flüchtlinge nach Palästina schmuggelte. Das Geld wurde, wie Malkin schreibt, darüber hinaus auch dafür eingesetzt, um über den Mossad auf dem Weltmarkt für den entstehenden jüdischen Staat Waffen zu beschaffen“.

Eigentlich findet ein ständiger Geldkrieg statt – zwischen Drucken von oben und Fälschen von unten. Die Amerikaner haben im Vietnamkrieg versucht, sogar das Verteilen der von ihnen gefälschten Banknoten von oben zu organisieren, wenn man dem US-Schriftsteller Thomas Pynchon glauben darf, der in seinem neuen Roman „Natürliche Mängel“ berichtet, dass die CIA eine Zeitlang nordvietnamesische Banknoten druckte, „und zwar im Zuge eines Plans, die feindliche Währung dadurch zu stabilisieren, daß man bei routinemäßigen Bombenangriffen im Norden Millionen dieser Blüten abwarf.“

Umgekehrt hätten dann „rotchinesische Witzbolde“ Dollarnoten in Umlauf gebracht: „Die Graveurarbeit war exquisit“ – nur dass auf den Geldscheinen  statt Lincoln der damalige US-Präsident Nixon abgebildet war. Angeblich „kursierte das Zeug schon eine ganze Weile als Ersatzpapiergeld in Südostasien und war vielleicht sogar in den Staaten verkehrsfähig.“ Das FBI konnte zwar eine große Menge sicherstellen, aber ein Teil verschwand auch hier im Untergrund – nämlich in der kalifornischen Hippieszene, die sich z.B. „mit diesen Nixon-Zwanzigern am Hollywood Boulevard“ neu einkleidete. Die meisten Blüten wurden jedoch für Rauschgift ausgegeben.

In der Hippiebewegung hieß es „Turn on, tune in, drop out“: Nimm einen LSD-Trip oder einen Joint, stell dich auf die neuen Umgangsformen– z.B. im Hippieviertel Haight-Ashbury von San Francisco– ein und steig aus– aus dem ganze „“Schweinesystem“: der verfluchten „Leistungs- und Konsumgesellschaft“. Statt LSD und Haschisch wurde aber schon bald an allen Ecken Heroin verkauft. Der Dichter Allen Ginsburg durfte sich über diesen Drogen-Wechsel auf der Seite 1 der New York Times äußern. Er schrieb, dass die ganzen Heroin-Dealer von der US-Regierung mit dem Stoff beliefert werden. Und diese sollen damit die Bewegung  der „Aussteiger“ (Drop-Outs) zerschlagen. Der New-York-Times-Herausgeber Arthur Sulzberger fand diese Anschuldigung so absurd, dass er auf der selben Seite dagegen Stellung nahm. Jahrzehnte später mußte er jedoch einräumen, dass Allen Ginsburg Recht gehabt hatte.

Jetzt hat die amerikanische Federal Reserve Bank bekanntgegeben, dass sie mehr als 600.000.000.000 „neue Dollarnoten“ drucken wird. China und Rußland drohten daraufhin, den Anteil an US-Staatsanleihen in ihren Devisenreserven zu reduzieren. Einige Kommentatoren meinten, die USA versuchen sich damit am eigenen Schopf aus dem Sumpf – der Überschuldung – zu ziehen. Andere sehen in diesem Staatsakt der Amerikaner einen letzten Versuch, den Dollar als Leitwährung zu halten.

In den Sechzigerjahren gab es schon einmal einen ernsten Versuch, „neue Dollar“ zu drucken, aber von unten und gegen die Wirtschaft der USA gerichtet. Der Plan  wurde von einer im französischen Untergrund gegen Franco kämpfenden Gruppe spanischer Anarchisten gefaßt. Zu ihnen zählte der Fliesenleger Lucio Urtubia, der darüber in seiner Biographie „Baustelle Revolution“, die kürzlich auf Deutsch im Verlag Assoziation A erschien, berichtet.

1959, „kurz nach der Kubanischen Revolution“, lernte er in Paris die erste Botschafterin des neuen Kuba, Rosa Siméon, kennen. Sie vermittelte ihm ein Gespräch mit dem neuen kubanischen Zentralbankchef Che Guevara, dem er dann einige von seiner Gruppe gedruckte Geldnoten zeigte und ihren Plan erläuterte: Es ging darum, den Weltmarkt mit Tonnen von Dollar zu überschwemmen und so die US-Währung zu zerstören. Der kubanische Staat sollte helfen, sie zu drucken und in Umlauf zu bringen. Che besprach die Idee mit seinen Genossen und ließ Urtubia wenig später wissen: „Damit könnten wir der USA keinen Schaden zufügen, denn der Dollar sei – anders als z.B. der Franc – die Leitwährung.“

Für Urtubia und seine Genossen war das „eine große Enttäuschung“. Sie waren als Flüchtlinge „ohne Papiere“ ins Land gekommen und verfügten inzwischen über große Erfahrungen im Fälschen von Ausweispapieren und anderen Dokumenten, mit denen sie Militante und Illegale ausstatteten. Nach Che Guevaras Absage beschlossen sie, den Plan ohne die Kubaner durchzuführen, statt Dollars jedoch Traveller-Schecks zu drucken. Die Gruppe stellte diese Zahlungsmittel dann zentnerweise her – und unterstützte damit die Guerillagruppen weltweit. „Die Arbeit war anstrengend, aber wenn du sie für ein Ideal machst, findest du daran Gefallen,“ schreibt Uturbia. Die betroffene Bank – die heutige „Citibank“ –  geriet darüber in immer größere Schwierigkeiten.

Weil er und seine Genossen tagsüber weiterhin als Fabrikarbeiter tätig waren und ein unauffälliges Leben führten, kam ihnen die Polizei nie auf die Schliche, obwohl sie sie immer mal wieder überwachten. Als er nach Jahren durch Verrat doch verhaftet werden konnte (in Sartres Stammcafé „Les Deux Magots“), erwirkte die geschädigte „Citibank“, dass er gegen Herausgabe der Druckstöcke wieder freikam. „Sein Prozeß endete mit einer symbolischen Verurteilung,“ schrieb der damalige Chef der französischen Spezialeinheit zur Terrorbekämpfung in seinen Memoiren empört. Er ist davon überzeugt, das Urtubia und seine Anarchistenbande vom Staatspräsidenten Mitterand persönlich geschützt  wurde. Das war zwar nicht der Fall, aber die wegen der vielen gefälschten Traveller-Schecks immer mehr in Schwierigkeiten geratene „Citibank“ war damals das weltweit größte Finanzunternehmen, mit 50.000 Filialen, sie zahlte Urtubia sogar noch eine Entschädigung für seine „Geschäftsaufgabe“.

Für die Anarchisten war die  Scheckherstellung und -verteilung u.a. an die Black Panther, die IRA, die ETA und die Tupamaros wie ein „Versuch“ gewesen, „die Geschichte von David gegen Goliath zu wiederholen. Aber so waren wir“. Es steckte also kein „Staatsgeheimnis“ hinter dem „Projekt“, und nur ein halbes hinter seiner Beendigung, die Urtubia als „eine ehrenhafte Vereinbarung zwischen zwei Parteien“ bezeichnet – der großen „Citibank“ und der kleinen „Organisation idealistischer Handwerker und Arbeiter“, die ein „richtiges Netz zur  Geldbeschaffung“ aufbauten: „Wir waren in ganz Europa und Südamerika aktiv, immer zu zweit“.

Die „Citibank“, eine der übelsten  Finanzinstitute weltweit, erholte sich leider viel zu schnell von dem „Schaden“, nicht zuletzt, indem sie aus dem Verkehr gezogenene Aktien im Wert von Zigmillionen Dollar heimlich wieder in Umlauf bringen ließ. Das war das selbe Verfahren, mit dem auch die englischen Posträuber reich und berühmt wurden: Sie stahlen 120 Geldsäcke mit aussortierten,  entwerteten Banknoten und brachten sie wieder in Umlauf. Auch dem spanischen Anarchisten Lucio Urtubia ging es nach dem „Deal“ mit der „Citischweinebank“ nicht schlecht: Der heute 79jährige wurde öffentlich geehrt und sogar einmal in den Élysèe-Palast eingeladen, er  gründete zwei legale Kleinbetriebe,  eröffnete ein Kulturzentrum und besitzt heute ein  Haus in seiner alten Heimat Navarra.

P.S.: Als spätes „Schwarzmarktkind“ beschäftige ich mich immer mal wieder mit demeritorischen Gütern (Glückspiel, Prostitution, Pornos, Drogen, Wetten). Dazu favorisiere ich „intelligente  Verbrechen“, die ja auch viel geringer bestraft werden. Zudem gehe die Entwicklung von der Zerstörung zur Entwendung. Dabei kann ich  mich u.a. auf Thomas Pynchon berufen: „Is it O.K. to Be a Luddit?“ fragte dieser sich  in der New York Times Book Review. Ludditen – so nannten sich ab 1811 Banden von maskierten Männern, die nächtens in England Maschinen der Textilindustrie zerstörten. Der Name geht auf Ned Lud zurück, der 1799 in  Leicestershire „in einem Anfall rasender Wut“, wie es im Oxford Dictionary heißt, zwei Maschinen, mit denen Strumpfwaren gestrickt wurden, zerstörte. Die Einführung der Maschinen beschleunigte den Niedergang des Handwerkertums und die allgemeine Arbeitslosigkeit. Die offizielle Geschichtsschreibung bezeichnet die Ludditen als ebenso fortschrittsfeindliche wie hoffnungslose „Maschinenstürmer“. Marx ging dem gegenüber davon aus, dass die „Totengräber“ des Kapitalismus im Schosse desselben heranwachsen: „Sonst wären alle Sprengversuche Donquichotterie“.

Von den „Ludditen“ der neueren Zeit erfuhr man bereits 1953 in dem Roman  „Das höllische System“ von Kurt Vonnegut, in dem es um die Massenarbeitslosigkeit produzierenden  Folgen der Computerisierung ging, die  den Menschen nur noch die Alternative Militär oder ABM läßt. Schon bald sind alle Sicherheitseinrichtungen und -gesetze gegen Sabotage und Terror gerichtet. Trotzdem organisieren sich die unzufriedenen Deklassierten im Untergrund, sie werden von immer mehr „Aussteigern“ unterstützt. Irgendwann schlagen sie los, d.h. sie sprengen alle möglichen Regierungsgebäude und Fabriken in die Luft, wobei es ihnen vor allem um den EPICAC-Zentralcomputer in Los Alamos geht. Ihr Aufstand scheitert jedoch. Nicht zuletzt deswegen, weil die Massen nur daran interessiert sind, wieder an „ihren“ geliebten Maschinen zu arbeiten. Bevor die Rädelsführer hingerichtet werden, sagt einer, von Neumann: „Dies ist nicht das Ende, wissen Sie.“

Thomas Pynchons Text in der „Book Review“ greift dieses vorläufige „Ende“ 1984 wieder auf: „Wir leben jetzt, so wird uns gesagt, im Computer-Zeitalter. Wie steht es um das Gespür der Ludditen? Werden Zentraleinheiten dieselbe feindliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie einst die Webmaschinen? Ich bezweifle es sehr…Aber wenn die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren. Jungejunge! Es wird unglaublich und nicht vorherzusagen sein, und selbst die höchsten Tiere wird es, so wollen wir demütig hoffen, die Beine  wegschlagen. Es ist bestimmt etwas, worauf sich alle guten Ludditen freuen dürfen, wenn Gott will, dass wir so lange leben sollten.“

Die hier vorgestellten Aktionen von Finanz-Ludditen spielten sich sämtlich vor 1984 ab – waren also noch alle „analog“. Pynchon hat dazu 2000 im Vorwort zu einem Buch von Jim Dodge über eine untergetauchte kalifornische Aussteiger-Gruppe Stellung genommen: „In Dodges ,Kunst des Verschwindens‘, das ein  erstes Beispiel für einen bewusst analogen Roman ist, wird man nicht nur eine Gabe für Prophetisches bemerken, sondern auch eine ständige Verherrlichung jener Lebensbereiche, wo noch bar bezahlt wird – und die sich daher dem digitalen Zugriff widersetzen.“ Das spricht dafür, dass Geldfälschungen auch jetzt noch eine reale Chance haben.

Neuerdings fordert der belgische Ökonom Bernhard Lietaer sogar legale „Initiativen von unten“, d.h. gegen die Zentralwährungen gerichtetes „Komplementärgeld“. Im Prenzlauer Berg wurde Derartiges bereits 1993 mit dem Local Exchange Trading System „Knochengeld“ von einer Künstlergruppe um den Dichter Bert Papenfuß realisiert. 2010 veröffentlichte der Krimiautor John S. Cooper schon einen ersten Krimi – „Zero“, der davon handelt, dass ein solches „digitales Komplementärgeld“ auf kriminelle Weise von der Zentralbank „geschluckt“ wird. Im Spiegel wurde der US-Bestsellerautor gerade entlarvt: Dahinter stecken die grundguten Verschwörungswitterer  Mathias Bröckers und Sven Böttcher aus Norddeutschland. Aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter.

Literatur:

Albert Camus: „Der Mensch in der Revolte“, Essays, Paris 1951

Claus Leggewie: „Kofferträger – Das Algerien-Projekt der Linken“, Berlin 1984

Bernhard Schmid: „Das koloniale Algerien“, Münster 2006

Boualem Sansal: „Postlagernd Algier“

Algerische Fahne. Photo: Wikipedia

Der letzte Algerien-Artikel aus der Le Monde Diplomatique (vom 13.2.2009):

Alle Wege nach Larbaa Nath Irathen führen bergauf, sagt ein kabylisches Sprichwort. Es geht auf schmalen, kurvenreichen Straßen die Berghänge entlang, auf denen das Grün der Eschen, Oliven- und Obstbäume im blendenden Licht hervortritt. Leider stören jedoch die vielen wilden Müllkippen die Schönheit der Landschaft: Überall liegen Flaschen, Plastiktüten und sonstige Abfälle herum. Ob hier auf dem Land oder in den Städten – die Umweltzerstörung in Algerien sagt viel über den Zustand der algerischen Gesellschaft aus.

Auch im Städtchen Larbaa Nath Irathen (LNI) in der Kabylei, von den Franzosen einst Fort National genannt, entstehen viele Neubauten. Doch weil sich fast immer ein paar Reiche oder hohe Beamte einige Wohnungen sichern, nimmt die Wohnungsnot dennoch nicht ab – den Normalbürgern bleibt nichts anderes übrig, als immer wieder möglichst energisch dagegen zu protestieren.

In LNI, wo verfallende Bauten aus der Kolonialzeit das Bild beherrschen, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auf den Straßen hängen junge Arbeitslose herum. Hittiste heißen sie hier, das ist das arabische Wort für „Mauer“, weil sie den ganzen Tag an irgendeiner Wand lehnen. Es fällt schwer zu glauben, was die Regierungen seit über einem Jahrzehnt unermüdlich behaupten: die Arbeitslosigkeit betrage nicht mehr als 12 Prozent.

„Seit Bouteflika an der Macht ist, gibt es tatsächlich mehr Arbeitsplätze“, meint Omar Achour, 23 Jahre alt und arbeitslos. Er sitzt den ganzen Tag im Schatten hinter seiner tavla, einer alten Vitrine, und verkauft Zigaretten, Schnupftabak und Süßigkeiten. Zwei Männer bleiben stehen und kaufen zwei Zigaretten. Omar erhebt sich und lässt die Münzen in eine verrostete Geldkassette fallen. „Ich hätte so gern eine Arbeit“, meint er und setzt sich wieder. „Wenn ich das nicht schaffe, muss ich vielleicht auswandern.“ Das Visum für Frankreich hat er längst beantragt, aber noch nicht erhalten. So geht es vielen jungen Algeriern; man nennt sie harragas. Das Wort aus dem maghrebinischen Arabisch bedeutet „die brennen“ und bezeichnet Leute, die alles zurücklassen, um unter Lebensgefahr in irgendeinem dubiosen Boot nach Europa zu gelangen.

„Die meisten Frauen, die aus Algerien wegwollen, beantragen ein Visum für ein Studium, oder sie heiraten einen Migranten“, meint Sofia. Die 27-Jährige glaubt nicht an einen Rückgang der Arbeitslosigkeit. „Ich sehe nur, dass immer mehr Menschen arbeitslos sind. Schauen Sie sich doch all die jungen Leute an, die nicht wissen, wohin. Nicht einmal die Studierten finden Arbeit.“ Sofia hat einen Job in einer „Telefonboutique“: „Für mich ist es wichtig, dass ich nicht den ganzen Tag zu Hause herumhocke. Ich arbeite hier von acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags, ohne Mittagspause, und verdiene gerade mal 5 000 Dinar im Monat.“(1)

So geht es vielen algerischen Frauen – sie werden ausgebeutet. „Als Frau kannst du über den Lohn nicht verhandeln. Die Unternehmer geben uns Jobs zu Bedingungen, die ein Mann nie akzeptieren würde.“ Meine Gesprächspartnerin ist um die dreißig, sie arbeitet in einer sozialen Einrichtung und verdient 3 000 Dinar im Monat (umgerechnet 30 Euro). „Damit komme ich nicht weit. Selbst das Fahrgeld bezahlen meine Eltern.“ Der Regierung wirft sie zwar vor, „die Öleinnahmen zu verschwenden“, von Präsident Bouteflika hat sie jedoch eine erstaunlich positive Meinung: „Ich höre von vielen Leuten Gutes über ihn. Vor allem hat er Hilfsprogramme für arbeitslose Jugendliche eingeführt und armen Familien geholfen, eine Wohnung zu bekommen.“

„Algerien soll ein soziales Land sein? Alles Augenwischerei!“ Hocine Lounis ist der Bürgermeister von Larbaa Nath Irathen und Mitglied der Berberpartei Rassemblement pour la culture et la démocratie (RCD). Er hält die staatlichen Beschäftigungsmaßnahmen schlicht für „Ausbeutung“. 1994 wurde ein „Programm zur Vergütung von Tätigkeiten im öffentlichen Interesse/IAIG“ eingeführt. Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind jeweils auf ein halbes Jahr befristet und werden mit 3 000 beziehungsweise 2 700 Dinar vergütet. „Ich muss also einen jungen Hochschulabsolventen oder eine Fachkraft für 3 000 Dinar im Monat beschäftigen. Zum Abbau der Arbeitslosigkeit trägt das überhaupt nichts bei. In meinem Bürgermeisteramt sind 80 Prozent der Sachbearbeiter über das IAIG-Programm angestellt. Das bedeutet, dass wir hier alle sechs Monate 80 Prozent unserer Mitarbeiter entlassen müssen.“ Die Bürgermeister werden nachgerade gezwungen, gegen die Vorschrift zu verstoßen. „Natürlich stelle ich immer wieder dieselben Leute ein. Soll ich etwa eine Witwe auf die Straße setzen, die in einer Schulmensa arbeitet und nur dieses kleine Einkommen hat, um sich und ihre Kinder durchzubringen?“

Hocine Lounis war schon von 1997 bis 2002 Bürgermeister, 2007 wurde er erneut ins Amt gewählt. Er sieht seine Befugnisse zunehmend beschnitten: „Der Staat will verhindern, dass sich die Bürgermeister für die Leute einsetzen. Auf Bauvorhaben oder die Reform der lokalen Steuervorschriften hat man als Vorstand der Gemeinde keinerlei Einfluss mehr – der Bürgermeister ist nur noch ein Anhängsel der Verwaltung. Die Aufsicht hat alles in der Hand.“

Gemeint sind damit die Ministerien und die Präfekten der Regierungsbezirke (wilayas). Sie entscheiden über Vorhaben und ihre Umsetzung, auch wenn sie von den Notwendigkeiten vor Ort wenig wissen. „Alle Parteien, alle Bürgermeister in Algerien kritisieren diese Verhältnisse“, meint Hocine Lounis. „Der Staat beruft sich auf den Ausnahmezustand, um mehr Zentralisierung durchzusetzen.“

Aber nicht nur der Staat ist schuld am Niedergang der Gemeindeverwaltungen. Auch die Bürgermeister und ihre Stellvertreter tragen maßgeblich dazu bei. So herrscht überall in der Verwaltung Korruption. Ohne „Beziehungen“ geht gar nichts. In Algerien haben viele das Gefühl, ständig Erpressungen ausgesetzt zu sein. Sei es eine dringend benötigte Bescheinigung, sei es ein übereifriger Staatsdiener, der einem im Nacken sitzt – wer nicht eine irgendwie „höhergestellte Persönlichkeit“ kennt, muss in die Tasche greifen.

Er habe im Befreiungskrieg für „ein anderes Algerien gekämpft“, meint der 76-jährige Dda Idir.(2) „Überall herrscht Ungerechtigkeit. Wenn du niemanden kennst, der dir helfen kann, hast du keine Rechte. Wer einen Beamten in der Ortsverwaltung kennt, wird bevorzugt behandelt und bekommt, was er will – mit den richtigen Beziehungen kann man alles erreichen. Ich weiß von Leuten, die eine Pension für Kriegsveteranen bekommen, obwohl sie während des Krieges die ganze Zeit zu Hause saßen.“

Dafür gibt der Staat gewaltige Summen aus, vor allem in Wahlkampfzeiten. Als Kriegsveteran oder Sohn eines schahid(3) erhält man allerlei Vergünstigungen: finanzielle Vorteile, Befreiung von bestimmten Steuern, Sonderangebote im Reisebüro … Die Regierungsparteien Front de libération nationale (FLN) und Rassemblement national démocratique (RND) verteilen diese Privilegien, um Wähler zu gewinnen und zu binden. Folglich begegnet man auch „Kriegsveteranen“, die viel zu jung sind, um im Befreiungskrieg (1954-1962) gekämpft zu haben. Präsident Bouteflika hat bereits – wenn auch nicht persönlich, sondern durch den für die Kriegsveteranen zuständigen Minister – solche Betrugsmanöver missbilligt. „Bouteflika sagt vieles, was richtig ist“, meint Dda Idir. „Aber leider löst er seine Versprechen nicht ein.“

Bouteflika hatte einige Erwartungen geweckt, als er im April 1999 seine Präsidentschaft antrat. Er hielt Reden auf Französisch und in algerischem Arabisch(4), er bezog sich öffentlich auf die Amazigh-Traditionen(5), er interessierte sich für die Alltagsprobleme der Leute und machte seinen Ministern Druck, sie anzugehen – er war ein Hoffnungsträger.(6 )

Die Begeisterung legte sich schnell, als sich herausstellte, dass der Präsident seine Zeit am liebsten im Ausland verbrachte. Die Protestbewegung in der Kabylei (den „Schwarzen Frühling“ im April und Mai 2001) ließ er blutig niedergeschlagen, 26 Menschen wurden erschossen (fünf in Larbaa Nath Irathen) und tausende verletzt.(7)

Heute kommt es fast täglich irgendwo im Staatsgebiet zu „Aufständen“. Auf die Versprechungen des Präsidenten gibt man nichts mehr, seine Reden und die der anderen Politiker finden keine Zuhörer. „Politik interessiert mich nicht“, meint ein Rentner: „Ich muss mich darum kümmern, dass genug zu essen da ist.“ Er sitzt im Café in der Ortsmitte, wo Dreißigjährige mit Siebzigjährigen Karten spielen. Bestellt hat er nichts. „Meine Rente reicht nicht, um meine fünf Töchter zu ernähren, die alle keine Arbeit haben. Manchmal gibt es etwas zu essen, manchmal müssen wir eben Geduld haben.“

Diese Geduld müssen die meisten Menschen aufbringen. Die Preise für Lebensmittel steigen wie nie zuvor. Ein 25-Kilo-Sack Grieß kostet 800 Dinar, fünf Liter Speiseöl 650 Dinar, ein Kilo Salat 130 Dinar. Mit einem Durchschnittseinkommen kommt man kaum über die Runden. Am schlimmsten ist es im Monat Ramadan: Dann wird auf unverschämte Weise Profit gemacht, alles ist plötzlich doppelt oder dreimal so teuer. „In Algerien kann sich alles von einem auf den anderen Tag ändern – außer unserer Not“, klagt der Rentner. Dass seit langem eine Verfassungsreform geplant ist, davon weiß er nichts.

Ein anderer Rentner, der viele Jahre in Frankreich gearbeitet hat, trinkt am Tresen eine Limonade. Er will sich zunächst nicht äußern, dann macht er seinem Ärger doch Luft. „Unseren Regierenden habe ich nichts mehr zu sagen. Sie wissen Bescheid, aber sie tun nichts, um unsere Lage zu verbessern … Aber vom französischen Staat würde ich gern mal hören, warum er die Rente für unsere Ehegatten gekürzt hat.“ Schon seltsam, dass jemand nicht von seiner eigenen, sondern einer fremden Regierung Hilfe erhofft. Dass sich in den letzten zehn Jahren die Sicherheitslage verändert hat, weiß allerdings auch er. „Wir fürchten uns mehr vor Verbrecherbanden als vor dem Terrorismus. Hier kann man wegen 10 Dinar umgebracht werden. Wie ist es so weit gekommen? Keine Ahnung – aber vielleicht ist das ja so gewollt?“

„C’est voulu!“ – „Das ist Absicht!“ In der Kabylei hört man das – auf Französisch – in den letzten Jahren immer öfter. Dem Staat wird unterstellt, er habe die neuen Phänomene – das Bandenunwesen, den Drogenhandel, die Prostitution – begünstigt und die Al-Qaida-Gruppen in den Maghreb gelockt, um die Bevölkerung gefügig zu machen: Sie soll die Rückkehr der Gendarmerie akzeptieren, die nach dem Schwarzen Frühling von 2001 abgezogen wurde.

Die Leute haben in der Tat alle Angst. In den 1990er-Jahren konnte man in der Kabylei aus dem Haus gehen, wann man wollte. Heute erzählt Karim, Fahrer eines Sammeltaxis: „Ich höre jetzt im Winter schon um 18 Uhr auf, wegen der Banditen mit ihren falschen Straßenkontrollen. Da wirst du das Auto los und alles, was du besitzt.“

Dass Karim tagtäglich sein Leben aufs Spiel setzt, liegt jedoch nicht nur an den Banditen, die auch in anderen Regionen ihr Unwesen treiben. „Die Straßen in Algerien führen direkt zum Friedhof“, bemerkt dazu ein Polizeikommissar. Karim weiß, warum hier so viele Unfälle passieren: „Die Straßen sind zu schmal und in einem miserablen Zustand. Es gibt zu wenig Verkehrsschilder, und niemand hält sich an die Regeln. Und die Leute haben keine Angst vor dem Tod – weil sie vom Leben nichts mehr erwarten!“

Zwischen dem Staatsapparat und der algerischen Nation hat sich nicht ein Graben aufgetan, sondern eine Wüste gebildet – und schon längst macht sich niemand mehr auf den Weg, um herauszufinden, wie es auf der anderen Seite dieser Wüste aussieht. In den zehn Jahren unter Präsident Bouteflika hat eine bürgerliche Elite ihren Zugang zu den Korridoren der Macht ausgebaut, während die unteren Schichten verarmten. Soweit man das beurteilen kann, sind die Islamisten heute stärker als in den 1990er-Jahren. Die „reuigen“ und aus dem Gefängnis entlassenen Terroristen bekamen Arbeit und staatliche Unterstützung, während die Opfer der fundamentalistischen Barbarei keine Hilfe erhielten. Die Tragödie nimmt immer bizarrere Züge an: Nach dem „Zivilpakt“(8), aus dem das „Projekt der nationalen Versöhnung“ hervorgegangen ist, haben sich viele Jugendliche als reuige Terroristen ausgegeben, nur um in den Genuss staatlicher Unterstützung zu kommen.

Fußnoten:
(1) Das Durchschnittseinkommen in Algerien liegt bei 15 000 Dinar (150 Euro).
(2) „Dda“ ist eine respektvolle Anrede für Ältere.
(3) Schahid („Zeuge“) bezeichnet die „Märtyrer“, die im Befreiungskampf gestorben sind. Etwa 250 000 Männer sind als „ehemalige Mudschaheddin“ registriert oder haben Anspruch auf diesen Titel.
(4) Bouteflikas Vorgänger benutzten nur das Hocharabisch, eine Literatursprache, die auch die arabischsprachigen Algerier nicht verstehen.
(5) Amazigh ist der legendäre Stammvater der Berber.
(6) In seinem Buch „Bouteflika, une imposture algérienne“ (Alger (Le Matin) 2003) hat Mohamed Benchicou, Chefredakteur der algerischen Tageszeitung Le Matin, ein wenig schmeichelhaftes Bild von Bouteflika gezeichnet. Er wurde dafür zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, seine Zeitung durfte nicht mehr erscheinen.
(7) Siehe Farid Alilat und Shéhérazade Hadid, „Vous ne pouvez pas nous tuer, nous sommes déjà morts“, L’Algérie embrasée, Paris (Edition numé-ro 1) 2002.
(8) Laut einem Gesetz von 1999 gehen „reuige“ Terroristen straffrei aus, wenn sie nicht an Mordtaten beteiligt waren. Sie erhalten sogar Arbeit und staatliche Unterstützung. Ehemalige regionale Führer der Groupes Islamistes Armés (GIA) stehen unter Polizeischutz. Siehe Lahouari Addi, „Algerien: Verordnete Versöhnung“, Le Monde diplomatique, April 2006.
Ali Chibani ist Journalist, sein Text wurde aus dem Französischen übersetzt von Edgar Peinelt.

2008 veröffentlichte die Le Monde Diplomatique einen Artikel über Fußballer zwischen Algerien und Frankreich:

Wir schreiben den 13. April 1958. Die Fußballmannschaft von Monaco spielt gegen den FC Angers. Amar Rouai und Mustapha Zitouni sind Gegenspieler. Der eine erzielt ein Tor, der andere steigt hart gegen ihn ein. „Vorsicht! Hau mich doch nicht in der letzten Minute kaputt!“, schreit Rouai. Dann pfeift der Schiedsrichter ab.

Nach dem Spiel verdrücken sich die beiden Kontrahenten unauffällig aus den Umkleidekabinen. Irgendwo treffen sie einen Kontaktmann, den Exfußballspieler Boumezrag. Mit ihm fliegen sie nach Rom und von dort sofort weiter nach Tunis.

Auch Rachid Mekhloufi hat sich aus dem Stadion von Monaco davongemacht. Und an anderen Orten sieben der zehn besten algerischen Fußballer, die in der französischen Ersten Liga spielen. Am nächsten Morgen stehen sie gemeinsam auf dem Rollfeld des Flughafens von Tunis.

Die Nationalmannschaft des algerischen Front de Libération national (FLN) war geboren. Zwei Tage danach begann die Fußball-WM von 1958. Mittelstürmer Zitouni, hinter dem schon Real Madrid her war, und Mekhloufi, der Mann „mit den Extraaugen im Hinterkopf“, würden nicht mehr in der französischen Nationalmannschaft spielen. Der französische Fußball war über Nacht gleichsam enthauptet.

Die Fans waren sprachlos. Sie hatten diese Spieler vergöttert. Deren Auftreten, ihr Leben als „Promis“ mit Luxusautos, mit ihren französischen Frauen und ihren Kindern machte sie enorm populär. Der Fußballskandal zwang Frankreich, dem algerischen Kolonialkrieg ins Gesicht zu sehen.

Und die Spieler selbst? Sie waren Kinder des 8. Mai 1945, die Kinder von Sétif.(1) In dem algerischen Bergstädtchen hatten Einheimische und Kolonialfranzosen die Befreiung von der deutschen Naziherrschaft gefeiert. Auf einmal tauchten die grünen Fahnen mit dem roten Halbmond auf. Ein unerhörte Provokation. Polizei und Militär eröffneten das Feuer. Die Schlacht von Sétif kostete 40 000 Menschenleben, behaupteten später die Fußballspieler; der Historiker Yves Bénot geht von 6 000 bis 8 000 Toten aus.(2)

Die Fußballer gaben ihre Kindheitserinnerungen an die Jüngeren weiter: die kritiklose Bewunderung der Kolonialfranzosen für Marschall Pétain, die Fahnenappelle, die für sie Landesverrat waren. Doch viele aus der nächsten Generation wechselten zu französischen Vereinen und ließen die Heimat hinter sich. Jenseits des Mittelmeers entdeckten sie „das schöne Frankreich, das Land der Freiheit und der Gerechtigkeit“, begannen ihre Karrieren in den großen Fußballklubs. Und doch blieb da eine ständige Wunde: der Albtraum der Ereignisse aus der Zeit der „Befreiung“. „Man hatte uns doch die Unabhängigkeit versprochen …“ Diese Fußballer forderten jetzt, auf dem Rollfeld des Flughafens von Tunis im Jahre 1958, die französische Öffentlichkeit auf, sie wie den gesamten FLN als Widerstandskämpfer zu sehen, vergleichbar mit der Résistance gegen die Nazi-Okkupation.

Die neu formierte FLN-Mannschaft reiste in den Nahen Osten, nach Osteuropa, nach China. Sie spielte einen schnellen, variablen, technisch ausgefeilten Stil. Ihr eleganter Kombinationsfußball wurde zum Markenzeichen des algerischen Nationalteams, das bei der Weltmeisterschaft 1982 Deutschland sensationell mit 2:1 besiegte. „Die spielten wirklich wie früher wir, nur deutlich athletischer und schneller“, urteilt Rahid Mekhloufi, der Trainer des Nationalteams von 1982, der zu den „Deserteuren“ von 1958 gehörte.

Für Mekhloufi war das tunesische Exil ein harter Neubeginn: „Ich hatte überhaupt kein politisches Bewusstsein. Erst die FLN-Mannschaft hat mir das beigebracht.“ Der ehemalige Star von Saint-Etienne erfuhr erstmals von den Flüchtlingslagern, den Kriegsgräueln, der ewigen Armut. Nach der staatlichen Unabhängigkeit organisierte er den algerischen Fußball, der zu einer Art zweiten Religion nach dem Islam wurde. Er engagierte sich für die Arbeiter, kümmerte sich um Arbeits- und Obdachlose und um junge Leute, die das Lande verlassen wollten. „Die Jungen waren uns wichtig, wir wollten ihnen das Leben und die Politik erklären.“

Heute verfolgt er kritisch, wie sich im europäischen Fußballmilieu die Mentalität der Spieler entwickelt hat: „Leid und Unglück ihrer Mitmenschen sind den Profis völlig egal, auch den französischen Spielern aus Migrantenfamilien. Sie wollen nur möglichst viel Geld machen. Über kurz oder lang wird das Geld den Fußballsport erdrosseln.“

Als müsste man sich zwischen Vater und Mutter entscheiden

Die späten 1990er-Jahre waren fürchterlich. Im Bürgerkrieg starben nicht nur tausende Menschen, auch der Korruption wurden alle Schleusen geöffnet. Milliarden von Dollar wurden in Koffern ins Ausland geschafft; Generäle, Minister, selbst amtierende Präsidenten brachten ihr Schäfchen ins Trockene.

Die algerischen Fußballer knüpften an den Erfolg von 1982 an: 1990 besiegten sie Nigeria im Endspiel um die Afrikanische Meisterschaft. Der Stolz, zu den großen Fußballnationen zu zählen, drückte sich unter anderem darin aus, dass der Fußballverband aktiv um die französischen Spieler algerischer Herkunft warb. Sie und die Algerier, die in französischen Klubs groß geworden sind, sollten mit den einheimischen Spielern ein Team bilden.

Die Massen waren begeistert, doch zwischen den Spielern gab es Rivalitäten. Bei der WM von 1982 heizten Zeitungen wie El Moudjahid die nationalistische Stimmung an. Trainer Mekhloufi, FLN-Nationalspieler der ersten Stunde, wurde vorgeworfen, die „Franzosen“ in seinem Team zu bevorzugen. Mekhloufi konterte, für ihn zähle nur die spielerische Qualität.

Das galt auch für Chérif Oudjani, der 1990 das entscheidende Tor für Algerien im Endspiel des Afrika-Cups erzielte. Der Sohn des früheren Profis Ahmed Oudjani, der 1959 ebenfalls zur algerischen FLN-Equipe gestoßen war, spielte bis zum Alter von 18 Jahren in der französischen Jugendauswahl. „Ich stand tatsächlich vor der Berufung zu den ,Bleus‘, aber einige Mitspieler waren einfach stärker“, meint er heute. „Dann wurde ich in die algerische Nationalmannschaft berufen.“ Allerdings bekennt er: „Das war nicht unbedingt eine Herzensangelegenheit, wir waren ja nicht in Algerien geboren. Doch zwischen uns ,Französischen‘ und den ,Algerischen‘ gab es keine Rivalität, eher eine gewisse Verlegenheit. Man pflegte nicht mehr als höflichen Umgang.“

Für die ehemaligen Spieler der FLN-Mannschaft ist der algerische Fußball heute nicht mehr wiederzuerkennen. „Die Korruption hat die Vereine erobert“, klagt Rachid Mekhloufi: „Der neue Gott heißt Geld.“ Die Präsidenten der Klubs und die Funktionäre greifen Regierungsgelder ab, und die Nachwuchsarbeit wird vernachlässigt: „Dabei muss sich die Nationalmannschaft aus der Jugend der Vereine rekrutieren. Dafür müsste man aber die Talente suchen und viel mehr Sportplätze anlegen, anstatt das Geld in dunkle Kanäle zu lenken. Es wird viel zu wenig in die Jugend investiert. Wenn es in Brasilien den Fußball nicht gäbe, hätten wir alle zehn Jahre Massenrevolten. Auch in Algerien begreift man nicht, dass der Fußball die Gesellschaft befrieden kann.“

Mit Blick auf Frankreich kann Mustapha Dahleb diese Ansicht nicht unterschreiben. Der ehemalige Mittelfeldmotor von Paris Saint-Germain (PSG) war Mitglied der algerischen Nationalmannschaft von 1982. Heute meint er, die Fußballbegeisterung der städtischen Migrantenjugend könne das Problem ihrer Gettoisierung allein natürlich nicht lösen: „Wer keine anständige Wohnung und keine Arbeit hat, wird sozial gedemütigt. Aber eine gewisse Stütze mag der Sport doch sein.“

Zu den rassistischen Demonstrationen und der Tatsache, dass in einigen Stadions die extreme Rechte das Sagen hat, meint der frühere PSG-Spieler: „Diesen Leuten hätten die Verantwortlichen schon längst ein Stadionverbot erteilen können. Und bei der ersten rassistischen Beleidigung hätten alle Spieler gemeinsam das Feld verlassen sollen.“

Chérif Oudjani, der heute Trainer ist, bringt bereits das Wort „Integration“ auf die Palme. „Was soll das heißen? Ich achte die Gesetze schon immer. Wie lange nervt man uns noch mit der Frage: Seid ihr eher Algerier oder Franzosen? Als ob man sich zwischen Vater und Mutter entscheiden müsste. Verdammt, ich bin hier geboren!“

Das Thema Integration wurde am 6. Oktober 2001 im berühmten Freundschaftsspiel Frankreich gegen Algerien zum Objekt einer empörenden öffentlichen Inszenierung. Dieses erste Länderspiel nach dem Unabhängigkeitskrieg sollte den Glauben an eine Versöhnung verbreiten, zugleich hatte man aber – drei Wochen nach dem 11. September – große Angst vor der Reaktion der Jugend in den Vorstädten. Und dann wollte man auch noch Zinédine Zidane wie allen anderen Kindern der Immigration vorschreiben, er habe sich zum Franzosen zu erklären.

Doch ausgerechnet er, den die Medien, die Soziologen und die Werbeindustrie seit dem WM-Titel von 1998 zur Ikone der Integration erkoren hatten, erklärte in Le Monde am Tag des Versöhnungsspiels: „Ich wäre zum ersten Mal in meinem Leben nicht enttäuscht, wenn Frankreich nicht gewinnen würde.“ Als er im Sender RTL auch noch erklärte: „Ich hoffe, es wird ein schönes Ereignis für uns Franzosen und für uns Algerier“, schäumte Ivan Rioufol in Le Figaro: „Ja, wir hätten es lieber gesehen, wenn Zinédine Zidane, der seine algerischen Sympathien und Wurzeln nicht verschweigt, sich klar, und das heißt ausschließlich für Frankreich ausgesprochen hätte.“

Auf das Spiel waren so hohe Erwartungen projiziert worden, dass das Fiasko schier unvermeidlich war. Die Marseillaise wurde ausgebuht. Und in der 76. Minute, als Frankreich schon 4:1 führte, drängten hunderte von Zuschauern auf das Spielfeld, die meisten, „um gegen das unausgewogene Ergebnis zu protestieren“, wie sie erklärten. Ein paar von ihnen verstiegen sich dazu, „Es lebe Bin Laden“ zu brüllen. „Das war natürlich die reinste Dummheit“, meint im Rückblick der Historiker Yvan Gastaut, zugleich Präsident der Organisation „We are Football“, und zugleich leider „Wasser auf die Mühlen aller Integrationsgegner.“

Im Dezember 2006 wurde Zinédine Zidane in Algerien wie ein Staatspräsident empfangen. Auch die ehemaligen Spieler der FLN waren dabei, als Zidane vom Präsidenten Abdelasis Bouteflika geehrt wurde. Anschließend meinte Amar Rouai: „Eigentlich mag ich den Burschen. Aber man hat vielleicht ein bisschen zu viel Getue um ihn gemacht.“ Und er hätte es begrüßt, wenn der Präsident auch Zitouni geehrt hätte, einen der Helden von 1958.

Für Mekhloufi „ist Zidane eine große Persönlichkeit. Er erinnert sich jetzt seiner Wurzeln. Er hat die Nationalmannschaft der FLN schon durch seinen Vater gekannt. Er ist immer ein Kind der Migrantenvorstädte geblieben. Er hat begriffen, dass er zurückgeben muss, was der Fußball ihm geschenkt hat.“

Was den Trainer Chérif Oudjani betrifft, so wünscht er dem Land seines verstorbenen Vaters nach der Tragödie der 1990er-Jahre einen neuen Aufbruch in die Zukunft. Und das sagt er als französischer Fußballer, dem man anhört, dass er beim FC Lens groß wurde.

Fußnoten:
(1) Der folgende Aufstand breitete sich auf die umliegenden Dörfer aus. Die französische Kolonialmacht setzte daraufhin sogar die Luftwaffe für Bombardements ein
(2) Siehe Marc Ferro, „Le livre noir du colonialisme“, Paris (Hachette) 2004.
Dominique de Guilledoux ist Journalist. Der Text wurde von Ulf Kadritzke übersetzt.
Algerisches Wappen. Photo: Wikipedia

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/06/28/kairo-virus_92/

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kommentare

  • „Wenn wir die Terroristen [der FLN/ALN] nicht mit Soldaten bekämpfen können, dann müssen wir versuchen, dass sie sich selbst bekämpfen,“ so etwa sagte es einer der Führungsoffiziere einer französischen Spezialeinheit zur Bandenbekämpfung. Diese Strategie bestand darin, besonders widerstandsfähige Gefangene, die selbst unter der Folter nichts und niemanden verrieten, mit gefakten Dokumenten, Geständnissen oder Briefen derart zu kompromitieren, dass sie von ihren eigenen Leuten als Verräter ermordet wurden. Auf diese Weise wurden nicht wenige der besten algerischen Partisanenführer „ausgeschaltet“.

    Nach Beginn des Bürgerkriegs in den Neunzigerjahren kam noch einmal eine ähnliche „Unsicherheit“ auf – in der algerischen Bevölkerung: Bei vielen Ermordeten war man sich nicht sicher, ob sie nicht von den bewaffneten Organen der FLN getötet worden waren – um diese Verbrechen den Islamisten anzulasten. Die Schriftstellerin Assia Djebar berichtet davon in einem ihrer Bücher, in denen die Bürgerkriegszeit thematisiert wird.

    Diese Praxis wandte ganz sicher der ägyptische Geheimdienst an, um anschließend die „Islamisten“ zu verfolgen. Noch perfider praktizieren die pakistanischen Geheimdienste diese Form des Staatsterrors, d.h. sie unterstützen militante Gruppen wie Al Quaida, um anschließend immer wieder welche von ihnen zu foltern, zu erschießen, an die Amis auszuliefern – um dafür Milliarden Dollar Militärhilfe zur Terroristenbekämpfung von den Amis zu kassieren.

    In Pakistan ist der Islamisten-Anbau und die -Ernte inzwischen einer der wichtigsten Exportartikel des Landes – ein Devisenbringer ersten Ranges. Was den Philipinen die Putzfrauen in Arabien, sind für Pakistan die Selbstmordattentäter im In- und Ausland.

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