Kairo-Virus 100

Türken vor Wien.

Araber in Wien.

Kurze Zusammenfassung der bisherigen Aufstands-Chronik (Vortrag gehalten während der „Provinzlesung 2011“ am 16.Juli auf der „Kalten Buche“ in der Rhön):

Arabische Aufstände hat es hunderte gegeben. Am algerischen Befreiungskrieg, den man 1955 mit dem ersten Aufstand, organisiert von der “Nationale Befreiungsfront” (FLN), beginnen läßt, beteiligten sich erstmalig auch deutsche Linke. Sie halfen untergetauchten Algeriern, leisteten Kurierdienste und bauten sogar eine Falschgelddruckerei in Osnabrück und eine kleine Waffenfabrik in Marokko auf, um den antikolonialistischen Kampf der Algerier gegen die Franzosen zu unterstützen. Damals lebten rund 3 Millionen Algerier – vorwiegend als Arbeiter – in Frankreich, in Deutschland etwa 5000. Fast alle spendeten für den Befreiungskrieg der FLN, wenn auch nicht immer ganz freiwillig.

Hans-Magnus Enzensberger veröffentlichte damals einen Aufsatz – betitelt „Algerien ist überall!“ Im DGB wurde ein “Sozialwerk Algerien” eingerichtet. Einige Unterstützer waren der Meinung, dass der Anstoß für eine sozialistische Politik in Deutschland nicht von innen kommen könne – sondern nur von außen. „Wir hatten große Hoffnungen, dass diese Revolution, dieser Krieg in Algerien auch neue Impulse für Europa bringen würde…”, meinte einer der ehemaligen Aktivisten in einem Interview mit Claus Leggewie 1984.

Zwischen diesen drei Jahrzehnten entwickelte sich nahezu weltweit die Studentenbewegung. Nachdem Algerien 1962 seine Selbständigkeit durchgesetzt hatte, eskalierte wenig später der antikoloniale Befreiungskampf der Vietnamesen, die 1954 in Dien-Bien-Phu die Franzosen besiegt hatten, ab den Sechzigerjahren aber zunehmend gegen die Amerikaner kämpfen mußten.

Einen Monat nach der so genannten Tet-Offensive der südvietnamesischen Befreiungsbewegung – im Februar 1968 – fand in Westberlin der “internationale Vietnamkongreß” statt. Dabei wurde u.a. eine Parole des vier Monate zuvor ermordeten Partisanenführers Ché Guevara diskutiert: “Schafft zwei, drei, viele Vietnam!”.

Die laut Oskar Negt bloß “abstrakte Gegenwart der Dritten Welt in den Metropolen” geriet in einigen Redebeiträgen auf dem Kongreß zu einer immer größeren Annäherung zwischen beiden: indem die Straßenkämpfe hier immer umfangreicher und militanter wurden, indem man statt Geld für Medikamente nun “Waffen für Vietnam” sammelte und indem sich mit den Worten von Rudi Dutschke bei den Aktivisten langsam das Gefühl einstellte: “In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase”. Dazu lieferte der damals noch junge Westberliner Filmemacher Harun Farocki einen „Vietnam-Film“, der damit endete, dass Farocki sich eine brennende Zigarette (Camel?) auf der Hand ausdrückte. So, wie es auch die GIs angeblich bei den gefangenen Vietkong taten.

Ganz im Hinblick auf dieses Zusammengehen der Kämpfe war auch der Redebeitrag des Schriftstellers Peter Weiß gehalten: “Unsere Ansichten müssen praktisch werden, unser Handeln wirksam. Dieses Handeln muß zur Sabotage führen, wo immer sie möglich ist. Dies fordert persönliche Entscheidungen. Dies verändert unser privates, individuelles Leben.”

Aus Vietnam selbst kam dazu die Erfahrung, wie diese Veränderung im Befreiungskampf spürbar wird: Der Psychiater Erich Wulff schrieb in seinem Buch “Vietnamesische Lehrjahre”, in dem er über seine Arbeit als Arzt in Hué von 1964 bis 1967 berichtete: „Die Änderung war nicht bloß denkbar, sondern es wurde im Land um sie gekämpft. Ein vielfältiger Prozeß der Veränderung nahm einen auf, bot Möglichkeiten des Eingreifens. Auch in persönlichen Freundschaften war solche Wirklichkeit greifbar. Sie waren niemals in der Fadheit des bloß Privaten eingeschlossen. Sie waren sozusagen in einem pathetischen Sinne republikanisch. In Vietnam hatte mich gesellschaftliche Wirklichkeit bis in die sogenannte Intimsphäre hinein betroffen und herausgefordert.“

Während die Tet-Offensive im Frühjahr 1968 den Höhepunkt bildete und damit den Anfang vom siegreichen Ende des vietnamesischen Befreiungskampfes, der offiziell jedoch erst 1975 mit der Einnahme von Saigon endete, kam die westliche Studentenbewegung dem im Mai 68 in Paris am nächsten – spätestens ab 1975 ebbte sie langsam wieder ab.

Im restaurativen Klima der Achtzigerjahre und der Nachwendezeit verstärkte sich zudem die Individualisierung. Selbst kleine Gruppen und Initiativen, die man zusammen als „Alternativbewegung“ bezeichnete, zerfielen.

In diesem Moment kam es Anfang des Jahres zu den ersten Aufständen in Arabien – gegen den Postkolonialismus, der darin bestand, dass zunächst die Jugendlichen, die man auch „Facebook-Generation“ nennt, gegen ihre von den westlichen Industrienationen aufgebauten und aufgerüsteten Regime protestierten.

Mit der Vorstellung, ihre Aufstände könnte auch uns hierzulande aus dem „business as usual“ bewegen, wenn schon nicht reißen, begann ich Ende Januar auf den taz-Internetseiten eine „Chronik“ des Verlaufs der „Arabellion“, wie die FAZ die Aufstände nennt, zu veröffentlichen. Die Chronik nannte ich „Kairo-Virus 1,2,3 usw.“ – davon ausgehend, dass ein Befreiungskampf, eine Revolution, ähnlich ansteckend sein kann wie eine Infektion. Dazu hatte bereits Immanuel Kant 1789 im fernen Königsberg geäußert:

“Die Revolution eines geistreichen Volks, die wir in unseren Tagen haben vor sich gehen sehen, mag gelingen oder scheitern; sie mag mit Elend und Greuelthaten dermaßen angefüllt sein, – diese Revolution, sage ich, findet doch in den Gemüthern aller Zuschauer (die nicht selbst in diesem Spiel mit verwickelt sind) eine Theilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasmus grenzt, und deren Äußerung selbst in Gefahr verbunden war, die also keine andere als eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur Ursache haben kann.”

Inzwischen haben viele Journalisten sich an dieses Kant-Zitat erinnert und es auf die „Unruhen“ in Arabien gemünzt. Im „Autonomen Seminar“ der Humboldt-Universität stand es Mitte Februar sogar im Mittelpunkt der Debatte “Was bedeutet uns der Tahrir-Platz?” Zunächst ging es dabei um die Frage: Was würde Kant über die arabische Revolution heute sagen? “Ein solches Phänomen wie die Revolution vergißt sich nicht mehr. Die Revolution ist etwas sehr Unwahrscheinliches, sie tritt aber irgendwann doch ein, wird kulturell verarbeitet und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass erneut eine Revolution ausbricht.” Diese Begebenheit ist laut Kant zu groß, zu sehr die ganze Menschheit berührend, als das sie nicht die Phantasie aller und auch noch der  zukünftigen Generationen beflügeln würde.

Auf dem Kairoer „Tahrirplatz“ konzentrierte sich bekanntlich der in Tunesien kurz zuvor begonnene Allarabische Aufstand. Seitdem wurden viele Plätze in Arabien und auch in Europa von Demonstranten in „Tahrirplatz“ umbenannt.

Dennoch kann man sagen, dass die verbreitete Arabophobie und die allgemeine Skepsis gegen den Islam hier bisher noch zu keinen größeren Solidaritätsaktionen mit den Aufständischen geführt haben. Stattdessen bekommen die libyschen Rebellen-Truppen Hilfe von Nato-Bombern und die syrischen Aufständischen verbale Regierungs-Unterstützung von allen Seiten, außerdem mischen sich Geheimdienste und Sonderbotschafter sowie auch Söldnerfirmen und Wirtschaftskriminelle in das neue „Great Game“ im Orient ein. Diese geballte Interessensmacht hat bereits bewirkt, dass die arabischen Aufständischen vom Subjekt der Revolte zum Objekt wurden – in den westlichen Berichten aus ihrer Region.

Das war schon einmal – im ersten „Great Game“ – der Fall: beim Arabischen Aufstand gegen das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg. Die Engländer und Franzosen halfen den Rebellen militärisch, die Selbständigkeit zu erringen, hatten aber insgeheim schon in Verträgen mit Rußland das Territorium unter sich aufgeteilt und außerdem so gut wie beschlossen, in Palästina Juden anzusiedeln. Berühmt wurde einer der Anführer der beduinischen Freiheitskämpfer, der zugleich ihr Verräter war: der englische Geheimdienstoffizier T.E. Lawrence. Sein Rechenschaftsbericht „Die sieben Säulen der Weisheit“ wurde später verfilmt. An einer Stelle heißt es darin:

“Wir durchlebten viele Leben während dieser verwirrenden Feldzüge und haben uns selbst dabei nie geschont; doch als wir siegten und die neue Welt dämmerte, da kamen wieder die alten Männer und nahmen unseren Sieg, um ihn der früheren Welt anzupassen, die sie kannten. Die Jugend konnte siegen, aber sie hatte nicht gelernt, den Sieg zu bewahren; und sie war erbärmlich schwach gegenüber dem Alter. Wir dachten, wir hätten für einen neuen Himmel und für eine neue Welt gearbeitet, und sie dankten uns freundlich und machten ihren Frieden.”

Das droht natürlich auch jetzt – in jedem der aufständischen islamischen Länder. In Bahrain, Saudi-Arabien, Algerien und im Iran, wo bereits – 2009 – der letzte Aufstand niedergeschlagen wurde, haben die alten Regime schon wieder die Oberhand gewonnen. Am 7.Juli gingen jedoch die Demonstrationen und Debatten auf dem Kairoer Tahrirplatz wieder los. Einige arabische Politikwissenschaftler vergleichen die arabischen Aufstände mit dem „Mauerfall“ und mit „68“. Sie sind allerdings jetzt schon sehr viel blutiger verlaufen. Es mehren sich die Stimmen, die befürchten, dass die Konflikte im Nahen Osten sich zu einem 3. Weltkrieg ausweiten könnten. Der NATO-Generalsekretär sieht bereits die ganze “Weltordnung in Gefahr”.

Der syrische, in Göttingen lehrende Politologe Bassam Tibi geht davon aus, dass sich 1. der “islamische Fundamentalismus” seit dem “Sechs-Tage-Krieg” 1967 und erst recht seit dem Golfkrieg 1990 zu einem “Mainstream” unter den Muslimen entwickelt hat; 2. dass dieser das “Resultat des Mißlingens islamischer Säkularisierungs- und Modernisierungsversuche” ist; 3. dass er aufgrund seiner “Schriftgläubigkeit”  unfähig zu “wissenschaftlichem Denken” macht und eine “kulturelle Wüste” um sich schafft, denn “kreativ” ist für die Gläubigen  allein Allah; 4. dass der Araber  nur Interesse an “westlichen Waffen” hat, mit denen er hofft, die Ungläubigen endlich zu besiegen – was Tibi einen “Traum” der “orientalischen Despotie” von “der halben Moderne” nennt, ansonsten gehe dem Araber jegliches “Könnens-Bewußtsein” ab und diese Disposition könne in einen “Weltkrieg” mit Atomwaffen  münden. So weit der konservative Professor Tibi. In Ägypten scheint man das etwas lockerer zu sehen: So pries sich das Land – u.a. auf der Internationalen Tourismus-Messe (ITB) im März diesen Jahres – nicht mehr mit seiner untergegangenen Hochkultur und den Pyramiden, sondern mit dem Spruch: „Tahrir – the place that rocks the world!“

Statt sich mit den arabischen Aufständen zu befassen, um sie wenigstens besser zu verstehen, veranstalteten die Linken in Berlin im März/April gleich fünf Diskussionen über die Pamphlete der Pariser Gruppe „Tiqqun: „Der kommende Aufstand“ und „Einführung in den Bürgerkrieg“.

Heiner Müller meinte einmal: “Der Kommunismus ist jetzt ortlos. Er hat keinen Ort mehr, ist nicht mehr lokalisierbar, d.h. er ist ein Virus, wir wissen alle, wie gefährlich Viren sind. Und diesen Virus wird man nicht mehr los. Man wird die Fragen nicht mehr los, die der Kommunismus gestellt hat.“

Tiqqun erklärt erst einmal, was Kommunismus ist: „Kommunismus nenne ich die reale Bewegung, die überall und jederzeit den Bürgerkrieg zu zunehmend elaborierter Beschaffenheit vorantreibt,” heißt es dazu, und an anderer Stelle: “Ich spreche vom Bürgerkrieg, um ihn auf mich zu nehmen, um ihn in Richtung seiner erhabensten Erscheinungsweisen auf mich zu nehmen. Das heisst: meinem Geschmack entsprechend.

Die jetzigen arabischen Bürgerkriege, wenn es denn nicht ganze Volksaufstände gegen verbrecherische Regime sind, bringen zwar auch „erhabene Erscheinungsweisen“ hervor, aber in ihrer zunehmenden Brutalität, vor allem im Jemen, in Syrien und Libyen, alles andere als unserem „Geschmack entsprechend“. Westliche Beobachter stören sich daneben vor allem an der anhaltenden Dominanz des islamischen Glaubens, den auch viele arabische Intellektuelle in seiner politisierten Form, die er nach dem Scheitern des panarabischen Sozialismus von Gama Abdel Nasser annahm, als dogmatisch erstarrt und unfruchtbar begreifen.

Hierzulande denkt man dabei an die „islamische Revolution“ im Iran, wie sie nach dem siegreichen Aufstand gegen das Schahregime von Ayatollah Chomeini proklamiert wurde.

Bevor sich dessen Mullahregime etablieren konnte, gab es im Westen viele Sympathisanten dieser Revolution, u.a. Michel Foucault, der Chomeinis Kampf zur Politisierung der   “Strukturen” im Iran, “die auf unlösbare Weise zugleich sozialer und religiöser Natur sind,” , “eindrucksvoll” fand, wie er schrieb.

Aber wenig später – Mitte 1979 – kritisierte er bereits den von Chomeini mit der Regierungsbildung beauftragten Mehdi Basargan in einem Brief, in dem es u.a. hieß: “Schon das Wort Staat genügt, um unsere Wachsamkeit zu wecken.”

In der Textsammlung „Kritik des Regierens“ schreibt Foucault: “In der Geschichte eines Volkes ist nichts bedeutsamer als die seltenen Augenblicke, in denen es sich erhebt, um ein nicht mehr erträgliches Regime zu stürzen. Erhebungen gehören zur Geschichte, aber in gewisser Weise entgehen sie der Geschichte. Für den Menschen, der sich erhebt, gibt es letztliche keine Erklärung. Weil Erhebungen gleichermaßen in der Geschichte und ‘außerhalb der Geschichte’ stehen und weil es für alle um Leben und Tod geht, wird verständlich, warum sie ihren Ausdruck so oft in religiösen Formen finden. Einem Menschen, der sein Leben gegen eine Macht setzt, kann man keine Vorschriften machen.”

Foucault wie auch viele andere französische Linke aus der Nachkriegsgeneration waren vom Widerstand und von Aufständen existentialistisch begeistert. Albert Camus‘ Essay: „Der Mensch in der Revolte“ hatte diese „Philosophie“ 1951 auf den Merksatz gebracht: „Ich revoltiere also sind wir!“

Auch wenn man sich dergestalt für jeden Aufruhr begeistert, gilt dennoch: “Wenn wir die Revolte in ihren Werken und ihren Taten verfolgen, haben wir jedesmal festzustellen, ob sie ihrem ursprünglichen Adel treu bleibt oder ob sie ihn im Gegenteil, aus Ermattung und Geistesverwirrung, vergißt – in einem Rausch von Tyrannei oder Knechtschaft.”

Der „Adel“ besteht laut Camus darin, dass es „in der Bewegung des Revolte“ neben dem “Nein” – bis hier und nicht weiter (der Frage der Würde) – auch eine mindestens ebenso ungeheure Bejahung gibt. Diese Bejahung “übersteigt den Einzelnen – insofern als es ihn aus seiner angeblichen Einsamkeit zieht und ihm einen Grund zum Handeln gibt.” Hinzu kommt, dass aus ihr eine “Bewußtwerdung, und sei sie noch so unbestimmt, erwächst. Das Bewußtsein tritt zusammen mit der Revolte an den Tag”. Diese übersteigt damit den Einzelnen “in einem fortan gemeinsamen Gut. Das Alles oder Nichts zeigt, dass die Revolte ungeachtet ihres Ursprungs im Allerindividuellsten des Menschen, den Begriff selbst des Individuums in Frage stellt.” Daher die Opferbereitschaft des Einzelnen.

Camus war – wie übrigens seltsam viele französische Philosophen – ein „Pied Noir“: ein Algerienfranzose. Die existentialistische Philosophie, wie er sie nach 1945 zusammen mit Sartre und Simone de Beauvoir als Lehre aus der Résistance-Erfahrung entwarf, basierte auf ihrer Einheit von Leben und Werk. Deswegen galt ihnen die Revolte als “die erste Selbstverständlichkeit. Um zu sein, muß der Mensch revoltieren.” Simone de Beauvoir sagte sich schon am Tag der Befreiung, im August 1944: „Was für ein Aufruhr in meinem Herzen…Von nun an wollte ich mich über die Enge meines persönlichen Lebens erheben und in der Weite des Kollektivs schweben.“

Erst kürzlich erschien ein schmales Bändchen des marokko-französischen Philosophen Alain Badiou: „Lob der Liebe“ betitelt, in dem es erneut um die Überwindung der Einsamkeit und der Trennungen geht. Die Überwindung der ganzen Trennungen – arm-reich, frau-mann, alt-jung, christlich-islamisch, Kopf-Handarbeit – das war auch das herausragende Erlebnis der Protestierenden gewesen, als sie tagelang den Kairoer Tahrirplatz besetzt hielten und ihn sogar mit ihrem Leben verteidigten.

Für Alain Badiou hat sie, die Revolution, dieses Problem mit der Liebe gemein. Denn die Liebe ist für ihn der Versuch, dem Zufall einer Begegnung, dem Ereignis, Dauer zu verleihen. Und das Ereignis besteht u.a.in der Aufhebung aller von oben mit Macht durchgesetzten sozialen, ökonomischen, religiösen, geschlechtlichen und generationellen Trennungen.

Dabei haben wir es mit Kollektivbildungen zu tun – mit einem “Werden”. Revolutionen gehen immer übel aus, “das weiß man doch”, meinte der Philosoph Gilles Deleuze, aber das hindert doch niemanden, sich gegen unerträglich gewordene Bedrückungen aufzulehnen: “Das Revolutionär-Werden ist etwas ganz anderes als die Revolution” – in der Geschichtsschreibung” Das Werden kommt durch Bündnisse zustande, es ist eine Vermehrung, die durch Ansteckung geschieht, und sie geschieht immer im Plural.“ Um dieses Werden geht es hier!

Badiou nennt es “Kommunismus”: Er versteht darunter „jedes Werden, das das Gemeinsame über den Egoismus, das kollektive Werk über das Eigeninteresse stellt.” Während das “eigentliche Subjekt einer Liebe das Werden des Paares ist und nicht die Befriedigung der Individuen, aus denen es besteht”. Dies ist ein “minimaler Kommunismus”, weil „es in der Liebe die Erfahrung des möglichen Übergangs von der reinen Singularität des Zufalls zu einem Element gibt, das einen universellen Wert hat.”

Ähnlich der Aufstand – er betrifft die Gemeinschaft: “die politische Aktion bringt das zur Wahrheit, wozu eine Gemeinschaft fähig ist. Z.B.: Ist sie zur Gleichheit fähig? Ist sie fähig, das zu integrieren, was ihr fremd ist? Zu denken, dass es nur eine Welt gibt? usw.. Das Wesen der Politik ist in der Frage enthalten, wozu die Individuen fähig sind, wenn sie sich versammeln, organisieren, denken und entscheiden.”

Wenn man die Besetzer des Tahrirplatzes zu Wort kommen läßt, dann lassen sich diese Fragen beantworten:

Der in Deutschland Politikwissenschaft lehrende Ägypter Hamed Abdel-Samed berichtete am 5.Februar aus Kairo: „Der Platz gehört wieder dem Protest. Die Mubarak-Anhänger werden von der Armee gehindert, weiter auf uns einzuprügeln. Und plötzlich, nach einigen hässlichen Tagen mit vielen Verletzten und Toten, kehrt die Volksfeststimmung zurück. Es wird Musik gemacht, getanzt, auch gebetet. Viele Menschen haben wieder ihre Kinder mitgebracht. Ein schönes Bild, das mir Mut macht.“

Die in Kairo studierende semiafrikanische Tochter von Bettina Gaus, Nora Mbagathi, mailt am 8. Februar: “Es ist faszinierend, wie schnell Leute, die sich durch ein gemeinsames Ziel verbunden fühlen, Wege finden, sich selbst und anderen das Leben zu erleichtern.”

Der Kairoer Journalist Karim El-Gawhary berichtet am 10.Februar: „Eine Feministin erzählte mir: “Die üblichen Anmachen haben vollkommen aufgehört. und nicht nur auf dem Platz.” Wenn sie in der Gruppe offen, mit Transparenten etc., auftreten, rufen die Leute ihnen zu: “Seid stark, ihr Töchter der Revolution.” Selbst einer der Muslimbrüder sei darüber vom Glauben abgefallen. Seitdem er auf dem Platz ist, ist er davon überzeugt, “dass Frauen alles können”.

Einige junge Ägypterinnen erzählen einem Korrespondenten auf dem Tahrirplatz: „“Ich habe alles auf Facebook verfolgt, aber meine Mutter hat mich nicht gehen lassen. Heute ist es ruhig und ich habe sie endlich rumgekriegt. Im neuen Ägypten, der Gesellschaft,  die jetzt entstehen soll, werden Mütter ihren Töchtern so etwas nicht mehr verbieten können,” sagt die 27jährige Redakteurin der regierungsnahen Zeitung Rawda Fuad.

„Wir haben es geschafft, unseren Facebook-Widerstand in die Wirklichkeit zu verlegen. Hier auf dem Tahrir entsteht ein neues Ägypten. Alles ist anders. Zum Beispiel gibt es nicht diese lästige Anmache, die sonst eine Pest ist. Das liegt daran, dass die jungen Männer ein Ziel haben und nicht genervt durch die Straßen stratzen und nichts anderes zu tun haben, als ihren Frust an Mädchen auszulassen…Wir haben hier schon zusammen gebetet und Messen gefeiert, Geburtstage und Hochzeiten. Und am Valentinstag machen wir ein großes Fest der Liebe. Diese Liebe für unser Land, das ist es, woran ich glaube,” sagt die 30jährige Karikaturistin Samah Farouk.

Der Schriftsteller Gamal al-Ghitani gesteht:

“Ich bin meinem Schöpfer unendlich dankbar, dass ich diese Tage erleben darf…Schauen Sie sich die Menschen auf dem Tahrir-Platz an: Diese Jugendlichen zeigen, was wir in den letzten Jahren vermisst haben: ein sehr zivilisiertes Bild unseres Landes… Das große Verdienst der Jugendbewegung ist, dass sie sich noch nicht hat vereinahmen lassen. Jetzt kommen lauter Politiker, die nichts mit der Revolution zu tun haben, und wollen für sie sprechen.”

Khaled al-Khamissi, der gerade ein Buch über Kairoer Taxifahrer veröffentlicht hat, bemerkt bereits vier Tage nach dem Aufstand, dass sich “etwas in der Psyche der Ägypter verändert hat.  Die Revolution hat die ägyptische Seele zum Leuchten gebracht.“

Aber: “Ich bin mit französischen Filmteams durch Kairo gelaufen. Wenn sie unter 2000 Gesichtern eines mit einem langen Bart gesehen haben, filmten sie dieses, nicht die 1999 anderen. Der Westen sucht diese Bilder. Aber sie sind eine Verzerrung der Wirklichkeit.”

“Der Westen glaubt, dass schlichtweg alles in den islamischen Ländern mit Islam zu tun hat.” Und nimmt anderes nicht zur Kenntnis. “Auf dem Tahrir-Platz in Ägypten fragt hingegen niemand nach dem Islam”, meint der deutsch-persische Orientalist Navid Kermani in einer „Islam-Debatte“ in Essen.

Mona Seif, eine junge Krebsforscherin der Uni Kairo und am Aufstand beteiligte Bloggerin fragte sich: „Wie organisiert man die alltäglichen Dinge?  Zum einen brachten uns Unterstützer Essen, Wasser und Medizin. Zum anderen sammelten wir Geld, und ein paar Leute zogen los, um die notwendigen Sachen einzukaufen und reinzuschmuggeln. Am Anfang war das schwierig, denn die Polizei und die Schläger versuchten die Versorgung zu unterbinden. Durch sie haben wir viel Essen und Medizin verloren.  Wie behält man den Überblick, wie viel wovon gebraucht wird?  Vieles passierte spontan, anderes nicht. Gerade die Versorgung mit Decken oder Zelten übernahmen Aktivisten, die Erfahrung damit hatten, große Mengen unter vielen Menschen zu verteilen. Auch die Ultras, die Fanclubs von den beiden Kairoer Fußballvereinen Ahly und Zamalek waren dabei – nicht nur bei der Verteidigung des Platzes, sondern in der ganzen Bewegung.“

Ein anderer Organisator vom Tahrir-Platz – Ahmed Maher, Ingenieur und Gründer der “Jugendbewegung“ erklärt auf Nachfrage: „Wir wollen die Mentalität junger Leute verändern und sie dazu bewegen, sich am politischen Leben zu beteiligen. Das ist unser Ziel. Wir klären die Leute außerdem über unsere Bewegung auf.  Wie werden Sie sich jetzt organisieren, nachdem die Demonstrationen vorbei sind?  Wir haben keinen Anführer. Alle von uns versuchen, ihr eigenes Umfeld zu organisieren. Jeder ist sein eigener innerer Anführer und versucht, die Ziele zu verbreiten.  Die Leute auf dem Tahrir-Platz haben sich sehr gut selbst organisiert.“

“Die Islamisten lehnen sie ab, den Westen kopieren wollen sie auch nicht, über das Militär sind sie uneins, doch ihre Hoffnungen sind groß,” drei junge Ägypter sprechen über ihre Aufstands-Erfahrungen:

Salma: Armut und Korruption haben die schlechtesten Seiten der Menschen hervorgebracht.

Ashraf: Und die Revolution die besten.

Salma: Ja. Auf dem Tahrir-Platz waren die Menschen anders. Kooperativ und tolerant.

Sonja Zekri berichtet am 22.2. in der SZ, wie sich der Kairoer Aufstand bisher in Oberägypten ausgewirkt hat: „Die Sicherheitskräfte der Regierung haben uns behandelt, als wären wir keine Menschen,” erzählt ein Fellache. Heute sind die Polizisten dagegen von “erlesener Höflichkeit” und man kann auf der Post Briefe abgeben, ohne Schmiergeld zahlen zu müssen. Das Verhältnis zwischen den Muslimen und den Christen sei so gut wie lange nicht mehr, sagen die Kopten. Die 24jährige Dorfschullehrerin Azza Kaman “ist zu allem bereit, in ihren mokkabraunen Augen brennt das Feuer der neuen Zeit: “Ich werde im Unterricht völlig neue Seiten aufziehen. Meine Schüler sollen lernen, für ihre Rechte einzutreten. Wir werden das Dorf reinigen., Dies wird ein neues Land.”

Die Feministin und Schriftstellerin Nawal al-Saadawi erzählt: “Die Revolution hat alle Unterschiede aufgelöst, ob Geschlecht, Religion oder Klasse. ..Christen und Muslime standen zusammen. Wir haben noch nie so eine Einheit verspürt. Wir haben vor Freude auf dem Tahrirplatz getanzt.”

Sie meint: “Es war eine echte Revolution. Sie kam von innen heraus. Das Volk ist aufgestanden: gegen Korruption und gegen die Spaltung, die das Regime uns aufgezwungen hat. Um uns zu beherrschen, spaltete es uns in Religionen, Klassen und nach Geschlecht. So spielte es uns gegeneinander aus. Dies ist die Methode der Diktatur und des amerikanischen Neokolonialismus. Die Beherrschung durch Washington und das Beugen vor den Interessen Israels haben uns unsere Würde genommen. Deshalb war der wichtigste Slogan unserer Revolution: Würde!”

Mit der Begründung, “wir brauchen jetzt eine politische Kraft der Frauen”, initiiert Nawal al-Saadawi im März die Wiederbegründung der unter Mubarak verbotenen “Ägyptischen Frauen Union”. “Hoffnung ist Macht,” sagt sie. Das Gelingen der Revolution ist ein Prozeß: “Ich glaube nicht an den einen Moment, das eine Zeichen unseres Erfolgs.”

Der Kairoer Journalist Karim Al-Gawhari beklagt sich im österreichischen Fernsehen, dass die Korrespondenten nur noch über „Ereignisse“ und immer weniger über die „Prozesse dahinter“ berichten können.

Die ägyptische Schriftstellerin Salwa Bakr schreibt: „Die Revolution, der sich alle Ägypter anschlossen, gleich welcher Religion oder Gesellschaftsschicht sie angehörten, war im Wesentlichen eine kulturelle Revolution. Sie verkörperte den Kampf um die Freiheit im weitesten Sinne. Man kämpfte für soziale Gerechtigkeit und Bürgerrechte, gegen patriarchalische Werte und die alten Strukturen der öffentlichen Verwaltung, die sich auf Bestechung, Beziehungen und Günstlingswirtschaft gründeten.

Viele Tausend Frauen – Musliminnen und Christinnen – gingen auf die Straße. Frauen, die in dieser Revolution unbedingt vertreten sein wollten, nicht zuletzt, weil sie unter dem alten Regime herbe Rückschläge bei bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erzielten Errungenschaften erleiden müssten, wie etwa das Recht auf Bildung und das Recht auf Arbeit. Unter Mubarak war die Chance junger Mädchen, eine Schule zu besuchen, drastisch zurückgegangen. Im besonderen Maße galt das für Mädchen, die auf dem Land leben, was auf die Kürzung der Gelder für Bildung und Gesundheit zurückzuführen ist. Arme Familien entschieden daraufhin, nur die Jungen in die Schule zu schicken, da sie der Meinung waren, dass eine Ausbildung für Mädchen wegen der üblichen Frühheirat weniger von Nutzen sei. Das Regime machte sich ferner den angeblichen religiösen Streit zwischen Muslimen und Christen zunutze. Später stellte sich heraus, dass der ehemalige Innenminister Habib al-Adly der Drahtzieher der meisten auf ägyptische Kirchen verübten Anschläge war.“

Eine deutsche Korrespondentin berichtet vom “Tahrir-Platz”:In der Nacht vor der Demonstration am 27. Mai scheint in Kairo niemand zu schlafen. Es ist kurz nach zwei Uhr nachts und im Minutentakt laufen die Twitter-Nachrichten ein. »Schaut«, schreibt Salma Said. Sie gehört zu den unermüdlichen Bloggern und Bloggerinnen, die für die ägyptische Bewegung so bedeutsam sind und jetzt allesamt vor ihren Bildschirmen sitzen. Said schickt den Link zu einem Video, in dem die schönsten Szenen der Revolution zu sehen sind. »Damit ihr euch erinnert, wie stark wir zusammen sind!«  Seit Wochen ruft die junge Bewegung zu Protesten am 27. Mai. Die »Zweite Revolution« haben manche den Tag genannt. »Ich sehe keine Veränderung! Ich gehe zurück auf den Platz«, ist der Titel eines Aufrufes, der seit Wochen im Netz kursiert. Viele Aktivistinnen und Aktivisten befürchten derzeit eine Niederlage der Revolution und wollen deshalb zurück auf die Straße.“

Der Spiegel berichtet Anfang Juni: “Nach der arabischen Jugend revoltiert die europäische. Von Paris bis Lissabon, von Madrid bis Athen gehen Tausende auf die Straße – gegen Arbeitslosigkeit, gegen das politische System.”

In den hiesigen Medien macht sich ein wachsendes Interesse an arabischen Autoren und Talkshow-Gästen bemerkbar, die Buchverlage suchen hektisch nach unveröffentlichten Manuskripten zum Thema Arabien.

Am 9. Juli schreibt die Frankfurter Rundschau: “Der Tourismus liegt am Boden, die Arbeitslosigkeit steigt, im Haushalt klaffen dicke Löcher. Die Sozialsubventionen fressen die Staatsfinanzen auf, viele Reiche zahlen keine Steuern, der öffentliche Dienst ist total aufgebläht und ineffizient. Und dennoch erlebt Ägypten eine Teilhabe am öffentlichen und politischen Leben, wie noch nie zuvor in seiner Geschichte. An jeder Ecke wird intensiv diskutiert, über soziale Gerechtigkeit und faire Löhne, über Toleranz und Religionsfreiheit, über Islam und Politik.“

Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan äußert über die Aussichten der arabischen Revolution: „Ich glaube, daß man vorsichtig optimistisch sein kann, was die Zukunft dieser Gesellschaften anbelangt“, sagte er. „Vorsichtig deswegen, weil wir erst am Anfang eines Prozesses stehen und es noch zu viele unsichere Elemente gibt. Und optimistisch, weil es richtig ist, darauf zu hoffen, daß die Menschen in diesen Ländern nicht nur Mut und Entschlossenheit zeigen, um sich eine eigene Zukunftsperspektive zu schaffen, sondern auch intelligent vorgehen.“

Angesichts der staatlichen Unterdrückung vieler Protestbewegungen – im Iran, in Palästina, Jordanien, Bahrain, Saudi-Arabien und Algerien fragen sich jedoch gleichzeitig schon die ersten Journalisten, ob der „Arabische Frühling“ bereits vorbei ist. Im “Spiegel” spricht der Osnabrücker Arabist Yassin Musharbash von einer “unvollendeten Revolution”.

Aber am 9.Juli wird der Tahrirplatz in Kairo wieder besetzt und überall in Ägypten kommt es zu Demonstrationen. Auch in Marokko, im Jemen und in Syrien gehen die Kämpfe in dieser Woche weiter. Khaled al-Khamissi spricht von einem „Zweiten Frühling“.

Das letzte Wort soll hier der Vordenker des arabischen Widerstands gegen den Postkolonialismus – der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said – haben. Er starb 2003 im Exil in New York – ebenso wie der algerische Theoretiker des antikolonialen Befreiungskampfes: Frantz Fanon – an Leukämie. Said wurde vor allem mit seiner Kritik am Araberbild des westlichen „Orientalismus“ bekannt. An die Adresse der kämpfenden Palästinenser, zuvörderst der Intellektuellen, sagte er – in seinem letzten Buch „Kultur und Widerstand“: „Wichtig ist auch, Teil eines alternativen Ganzen zu sein, einer Gemeinschaft, die nicht auf Marktinteressen und kommerzielle Gewinnorientierung basiert. Das alles ist sehr schwer zu erreichen. Aber ich denke dennoch, dass es möglich ist.“ Über die vielfältigen Formen des Widerstands in den arabischen Ländern, die bereits zu seinen Lebzeiten immer mehr gesellschaftliche Bereiche erfaßten, äußerte er: „Was uns fehlt, ist ein dynamisches Bewusstsein von der Dialektik dieses Kampfes.“

Ein „dynamisches Bewußtsein von der Dialektik des allarabischen Aufstands“ – wie könnte das aussehen? Mit dieser Frage gebe ich das Mikrophon weiter an den nächsten Rhön-Patienten.

———————————————————————————
In seinem 2010 veröffentlichten Buch „Die Spur des Öls. Sein Aufstieg zur Weltmacht“ beruft sich der Autor Bertram Brökelmann, ein Speiseöl-Produzent, u.a. auf gleich vier Bücher des idiotischen „Islam-“ und „Öl“-Experten Gerhard Konzelmann. Auf Brökelmanns Buch komme ich später zurück, hier erfolgt erst einmal der Abdruck einer Rezension der Konzelmann-Bücher – aus dem „gegenstandpunkt“ des „Vereins zur Förderung des marxistischen Pressewesens“ aus dem Jahr 1981:

WOZU SICH INTELLEKTUELLE VOM ÖLPREIS INSPIRIEREN LASSEN

Der Nahe Osten – eine islamische Revolution, ein Gaddafi, der sich in französische Einflußsphären in Afrika einmischt, ein Kartell von Ölscheichs, das europäische Zahlungsbilanzen ruiniert – eine solche Region ist für den zuständigen Auslandskorrespondenten eine einzige Herausforderung zu zeigen, daß mehr in ihm steckt, als die Statements, die er normalerweise vor Ort von sich gibt.

Gerhard Konzelmann, Die islamische Herausforderung

Nicht, daß sich nicht mittlerweile herumgesprochen hätte, daß nicht die Scheichs, sondern die 7 Schwestern die Hauptverdiener im Ölgeschäft sind, daß auch Gaddafi die Regeln dieses Geschäfts respektiert und auch in seinen außenpolitischen Extratouren gewisse Grenzen einhält, daß schließlich die iranische Revolution die USA keineswegs in die Knie gezwungen hat, sondern der Religionsstaat dem Staatsbankrott entgegengeht – hinter den Umtrieben dieser Ölstaaten, über die mit ihrem Namen schon alles gesagt ist, dahinter muß Höheres und Tieferes walten. Unter einer epochalen Gefahr, unter eben einer „islamischen Herausforderung“, ist es da nicht getan:

„Die USA und die westliche Zivilisation sehen sich von den islamischen Ländern herausgefordert. Khomeini droht mit dem ‚Heiligen Krieg‘. Welche Kräfte werden hier freigesetzt? Warum steht der Westen dem Geschehen so hilflos gegenüber?“ (Antwort, bitte eine Antwort!) „Konzelmann liefert den Schlüssel zum Verständnis eines Dramas, das für das Abendland einen Wendepunkt seiner Geschichte bedeuten kann.“ (Klappentext)

So hätte das niemand gesehen: Hinter den politischen Ärgernissen im Nahen Osten lauert der mögliche Untergang des Abendlandes. Wer aus politischen Turbulenzen in irgendeiner Weltgegend ein Rätsel machen will, um dann die ungeheure Last von dessen Aufschlüsselung auf sich zu nehmen, muß schon einiges an Gefahr für „uns“ zusammenkonstruieren, um seiner Leistung das gehörige Gewicht zu verleihen, bevor er mit einer erzbürgerlichen Mystifikation als „Schlüssel“ herausrückt:

„Für den Moslem bilden Religion und Politik eine feste Einheit“,

und davor soll man sich fürchten, wozu man sich nur 300 Jahre zurückerinnern muß:

„Angst zu haben vor dem ‚Heiligen Krieg‘ der Moslems, das haben die Menschen der christlichen Länder verlernt. Daß die Kriegsdrohung ernst gemeint sein könnte, daran glauben sie nicht. Vergessen sind die Erfahrungen, die, unsere Vorfahren gemacht haben. In den drei Jahrhunderten, die seit dem letzten gewaltigen Ansturm des Islam vergangen sind, verblaßte die Erinnerung an die Kämpfer des Islam, die Wien und Zentraleuropa bedroht hatten, die überlegen genug waren, vom kaiserlichen Haus Habsburg Tribut fordern zu können.“

Also die Einheit von Religion und Politik soll es bringen: Das bürgerliche Ideal eines ganz festen Zusammenschlusses der Massen mit ihrem Staat, so enorm fest, weil ganz tief, nämlich im Glauben verankert, eine solche gläubige bruchlose Identität mit dem zuständigen Gewaltapparat soll diesen stark und schlagkräftig machen. Gemessen an diesem Kriterium findet ein freiheitlicher Journalist auch finsteren Fanatismus ganz schön beeindruckend. Ein solchermaßen den islamischen Staaten angedichteter gemeinschaftsbildender Idealismus in der Nachfolge des Propheten läßt sich auch durch Fakten nicht beirren. So werfen sich zwar die von Konzelmann angeführten 300 Mitglieder der Islamischen Konferenz einträchtig nieder zum Gebet gen Mekka, was sie aber keinesfalls daran hindert, im Namen Allahs und ihrer nationalen Interessen bis zum offenen Krieg gegeneinander zu konkurrieren. Die ägyptische Israelpolitik und der Krieg zwischen Iran und dem Irak zeugen nicht gerade von einer Stärke durch Einheit des Islam. Konzelmann gefällt jedoch sein Schlüssel viel zu gut, um deswegen davon abzulassen, seine Platitüde bürgerlicher Ideologie auszuwalzen und ordentlich vorzuführen.

Methode Nr. 1

Zur Bebilderung des dummen Gedankens, der die Ideologie der islamischen Staaten für deren Realität nehmen will, muß die gesamte Geschichte herhalten.

„Verfolgt man die Geschichte…, so fallen Parallelen auf…“

– Schon immer!

Was ist der Ölpreis anderes als eine Neuauflage des „Tributs, den einst das Haus Habsburg den Kalifen zahlen mußte“, und der Staatsbesuch Gaddafis auf Malta anderes als die Wiederholung des Angriffs von Sultan Soliman auf die Festung der Malteserritter 1565? Zwar belegen die ebenso historischen Niederlagen der Sultane und der Niedergang ihrer Reiche nicht gerade Konzelmanns Schlüssel, die für den Islam typisch sein sollende Einheit von Religion, Staat und dessen Erfolg. Aber das Problem erledigt Konzelmann mit der einfachen Geschichtsweisheit, daß auf jede Blüte ein Verfall folgt, auf jedes Auf ein Ab und aus jedem Niedergang Stärke erwächst…

Methode Nr. 2

„Als breiter Gürtel umspannen die islamischen Staaten den Weltball… Der Islam rückt in Afrika von Norden nach Süden vor… die Neger der USA auf dem Weg zum Islam… Moslems in Europa, in der Bundesrepublik Deutschland…“

– Überall lauert der Islam. In Weltsphären, in denen er doch wahrhaftig nichts zu suchen hätte, im Machtbereich des Westens selbst gärt die islamische Herausforderung. Und wenn auch das amerikanische Lumpenproletariat, andalusische Separatisten und türkische Gastarbeiter nicht gerade die überzeugendsten Argumente für eine islamische Gefahr darstellen, der wahrhaft erschlagende Sachverhalt, daß sich allerorten Anhänger dieser Religion finden lassen, spricht doch für sich selbst.

Methode Nr. 3

Angefangen von der Katalognummer M 1456. 64 – 640. 157 B.u., die das umstrittene Testament des Barnabas in der österreichischen Nationalbibliothek besitzt, über Prinz Eugens päpstlichen Siegerhut – „mit Hermelin gefüttert und einer weißen Taube, den heiligen Geist darstellend“, wohingegen „Kemal Atatürk einen Panamahut trug“ – bis zum Messingteller im Büro der „Andalusischen Partei“, der von Gaddafi stammt = kennt der Mann sich aus! Und hat sogar eine ganz eigene Schreibweise für Gaddafi!

Wenn auch die Subsumtion der Weltgeschichte unter Konzelmanns Universalschlüssel, die Deuterei darauf, wo alles Moslems sich herumtreiben, und schließlich die Ausstaffierung dieses Durchgangs durch Raum und Zeit mit tausenderlei Anekdötchen und Details nichts an Erklärung für das aufgetischte Rätsel der „islamischen Herausforderung“ leistet, für eines sind diese Veranstaltungen schon gut: Die „islamische Herausforderung“ ist äußerst groß und Konzelmann ist ihr Prophet. Schließlich bringt er auf den 383 Seiten – und das ist nur das letzte seiner 8 Bücher, mit denen er jetzt schon seit 6 Jahren diese Marktlücke besetzt hält – auch nichts anderes zu Papier als viel Tiefblick, viel Gelehrsamkeit usw., kurz die auslandskorrespondentenmäßige Eitelkeit, auch über Hintergrund zu verfügen. Und angesichts der großen Gefahr, die er entdeckt hat, gerät der gute Konzelmann so sehr in Fahrt, daß er sich zuguterletzt selbst noch großen Gefahren aussetzt:

„Wer die Herausforderung im Zentrum lokalisiert, läuft Gefahr, als Unruhestifter zwischen Gastarbeitergemeiiiden und den Bewohnern des Gastlandes verkannt, zu werden…“

Aber die Verantwortung, die ein Warner vor eigens erfundenen Gefahren trägt, die will er auch noch ganz allein tragen!

Konzelmanns Stories leisten also nicht mehr als die Bestätigung der allgemeinen Ansicht, daß da unten nicht immer alles nach „unserer“ Zufriedenheit geht. Eine solche Betrachtungsweise, die schon im Versuch der Völker anderer Weltgegenden, ein Wörtchen auf dem Globus mitreden zu dürfen, eine Anmaßung sieht, die zu tiefschürfenden Rätseleien Anlaß gibt, paart sich bestens mit der praktischen Politik der westlichen Staaten in Nahost. Sie vollzieht damit nämlich auf ihre Weise das imperialistische Urteil, daß diese Kameltreiber eigentlich nichts zu melden haben und allein zu unserer Disposition zu stehen hätten. Und obschon diese Disposition zur Zeit gerade „Verteidigung der lebenswichtigen Interessen des Westens in der Golf-Region“ heißt, von „islamischer Herausforderung“ also wohl kaum die Rede sein kann, wenn die Region Zug um Zug der westlichen strategischen Planung einverleibt wird – die kulturimperialistische Besprechung, die die Bedeutsamkeit dieser Staatenwelt für „uns“ als einzigen Maßstab kennt und sich demgemäß mit hochgestapeltem intellektuellem Blödsinn wichtig macht, bildet die passende Begleitmusik zur praktischen Subsumtion der Ölstaaten unter die vom Westen beschlossenen Maßstäbe.
————————————————————————————

Zur selben Zeit, da Konzelmann seine Islamphobie in fettes Autorenhonrar umrubelte, erschien ein „Politthriller“ von zwei Amideppen: „Der Fünfter Reiter“ – es geht darin um Folgendes:

„Ein verschlossener Umschlag wird an der Pforte des Weißen Hauses abgegeben. Der Absender – Muammar el-Gaddafi. Der Inhalt – eine schreckliche Erpressung: Wenn die amerikanische Regierung nicht sofort gegen die jüdische Besetzung Palästinas vorgeht, wird ganz New York durch eine Wasserstoffbombe ausgelöscht. Den Spitzenleuten des FBI und den Staatschefs der Supermächte bleiben nur 36 Stunden, um die Katastrophe zu verhindern…“ Klappentext

(Schon der erste Satz zeugt von völliger Unkenntnis des Sujets: Gaddafi verschickt seine Brandbriefe grundsätzlich  unverschlossen! Alte Beduinengewohnheit, da die reitenden Briefüberbringer stets wissen müssen, was der Inhalt der Botschaft ist, weil sie im Falle einer schlechten Botschaft anstelle des Absenders mit ihrem Kopf dafür büßen müssen.)

————————————————————————————-
Soeben wurde das dritte Buch von Mathias Bröckers (diesmal zusammen mit Koautor Christian C.Walther verfaßt) zur Aufklärung des New Yorker Attentats auf das World Trade Center „11.9. Zehn Jahre danach. Der Einsturz eines Lügengebäudes“ ausgeliefert – und schon verspricht es, ein Bestseller zu werden. Nachdem Funk und Fernsehen es abgefeiert hatten, sah sich die FAZ veranlaßt, es von einem deutschen Historiker, und als sei das nicht schon blöd genug, auch noch von einem, der über Carl Schmitt promovierte oder habilitierte, verreißen zu lassen.

In dem Buch geht es um „Fakten, Fakten, Fakten“ – mit denen die zwei Autoren die offizielle Verschwörungstheorie (Bin Laden/Al Quaida) der US-Regierung konfrontieren. Der deutsche FAZ-Historiker hat sich, statt das Buch zu lesen mit dem Anschauen der „Titel-Thesen-Temperamente“-Sendung des deutschen Staatsfernsehens begnügt, in dem Tilman Jens das neue „11.9.“-Buch relativ sachlich vorstellte. In seiner Rezension dreht der FAZ-Autor nun den Spieß um – und spricht von einer schier unverantwortlichen „Verschwörungstheorie“, die darin verhandelt werde. Nun haben aber Bröckers und Walther überhaupt keine Theorie über die „Hintermänner des Attentats“, sie decken nur die Widersprüche der US-Ermittler in deren Täter-Theorien auf (FBI und CIA „wußten“ z.B. schon am Abend des 11.9., dass Bin Laden hinter dem Attentat steckte). Dem deutschen Historiker – Raphael Gross- geht es in seinem FAZ-Artikel aber gar nicht um solche Feinheiten, er sorgt sich anscheinend vor allem um das Staatsfernsehen, dass die „Ansichten“ der beiden Autoren „unter voller Zustimmung“ verbreitete: „Es ist nicht nur ärgerlich, dass offenbar jegliche Überwachungsinstanz bei der ARD…in skandalöser Weise versagt hat.“

(Damit sind wir wieder beim Arabischen Aufstand, in dem es u.a. darum geht, alle „Überwachungsinstanzen“ in den Fernsehanstalten der von CIA und FBI geschulten und gestützten sowie mit Waffen ausgerüsteten Despoten Arabiens zu liquidieren.)

——————————————————————————
Reuters meldet heute aus Libyen:

Die Truppen des libyschen Machthabers Muammar Gaddafi haben sich nach Rebellenangaben weitgehend aus der umkämpften Ölstadt Brega zurückgezogen. Die meisten Gaddafi-Milizen hätten die östliche Hafenstadt verlassen und etwa 100 Kilometer weiter westlich in der Stadt Ras Lanuf Stellung bezogen, sagte ein Sprecher der Rebellen am Montag per Telefon. Wegen der vielen Minen, die Gaddafis Truppen an Straßen und Gebäuden hinterlassen hätten, werde es aber noch eine Weile dauern, bis die Aufständischen die Stadt mit ihrer wichtigen Ölinfrastruktur vollständig unter Kontrolle hätten.

Über Monate war Brega die östlichste Stadt unter Kontrolle von Gaddafi. Sollten sich die Angaben bewahrheiten, wäre dies ein wichtiger Erfolg für die Aufständischen. Nach Angaben des Rebellensprechers hat sich die Kampflinie nun weiter nach Westen verlagert. „Die meisten unserer Truppen sind jetzt an Brega vorbeigezogen und unterwegs nach Bischr und Ugaila“, sagte Rebellensprecher Schamsiddin Abdulmolah. Dort werde es zu den nächsten Zusammenstößen kommen. Bei Kämpfen am Wochenende seien zwölf Rebellen getötet und knapp 300 verletzt worden.

Russland kritisierte unterdessen die Entscheidung der USA und weiterer Staaten, die Rebellen-Führung als legitime Vertretung des nordafrikanischen Volkes anzuerkennen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte, mit einem solchen Schritt verlasse man eine neutrale Position und nehme Partei für eine Bürgerkriegsseite ein. Russland lehne dies ab und werde weiterhin Kontakt zu beiden Seiten pflegen. US-Außenministerin Hillary Clinton hatte beim Treffen der Libyen-Kontaktgruppe am Freitag in Istanbul erklärt, bis es eine Übergangsregierung gebe, werde der Rebellenrat mit Sitz im ostlibyschen Benghasi als rechtmäßige Regierung akzeptiert. Mit der Anerkennung könnten die Aufständischen an Milliardensummen gelangen, die im Ausland eingefroren sind.

Die Junge Welt veröffentlichte heute eine Rede von Gaddafi:

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte am 11. Juli auf Seite eins: »Ghaddafi will Selbstmordkommandos nach Europa schicken«. jW dokumentiert den Text der Rede, die über Fernsehen zu einer Massenversammlung in Sebha, 750 Kilometer südlich von Tripolis, übertragen wurde, in Auszügen:

Im Namen Gottes! Lang lebe Fessan. Das erste antiimperialistische Zentrum der Revolution! Lang lebe Sebha, das den Funken entfachte, der die Geschichte der Welt beeinflußt!

Die Massen der freien Menschen Libyens schicken jetzt eine andere Nachricht als die, die von den Massen in Tripolis am letzten Freitag kam. Diese Nachricht schickte Schockwellen in die Körper der NATO-Kriegstreiber. Sie erzitterten angesichts des Marsches von 1700000 Menschen. Die Ziffer wurde von ihren eigenen Journalisten und Korrespondenten, die in Tripolis waren, bestätigt.

Jetzt gibt es eine weitere Millionen-Menschen-Versammlung in den großartigen Tälern von Fessan. (…) Das sind die lauten Stimmen und die erhobenen Köpfe der Menschen, die dem Ruhm der Al-Fatah-Revolution verpflichtet sind, der historischen Revolution, die die NATO und die Kräfte des Imperialismus erzürnt hat. Getrieben von Neid und Wut versuchen sie, die historische Führung der Revolution zu vernichten. Sie denken, wenn sie Ghaddafi auslöschen, hörte auch die Revolution auf zu existieren. Nein, das ist die Revolution des libyschen Volkes, das politische System, das das libysche Volk gewählt hat und praktiziert vom libyschen Volk!

Ölreichtum

Sie denken, das politische System sei ihrem ähnlich, dem rückwärtsgewandten kapitalistischen, diktatorischen Parteiensystem. Sie denken, das libysche System ähnele ihrem Parteiensystem, in dem die Regierung beim Rücktritt eines Ministers fällt, in dem, wenn die Koalition zerbricht, die Regierung fällt. In Italien hängt die Regierung vom Innenminister ab. Tritt er zurück, stürzt die Regierung. In Berlin hängt sie von einer kleinen Partei ab, genannt die Liberale Partei, tritt ein Minister zurück, stürzt die ganze Regierung. Aber in Libyen gibt es keine Regierung … keine Autokratie … keine Wahlen … Dieses Volk übt die Macht aus, alle erwachsenen Männer und Frauen üben die Macht aus, sie haben das Sagen in den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Die Macht ist in den Händen des Volkes. Wie kann das System stürzen, ihr Idioten? Das System in Libyen ist das System der Volksmacht, nicht das System Ghaddafis. Die Volkskongresse wurden von den libyschen Menschen geschaffen, die Volkskomitees einsetzen, um die Entscheidungen der Basiskomitees in die Tat umzusetzen.

Das libysche Volk hat keine Probleme… Das Problem sind die imperialistischen Kräfte, die versuchen, Öl an sich zu reißen, um es ganz offen zu sagen. Sie streben danach, das libysche Öl an sich zu reißen … sie wollen es an sich reißen … sie sagen, wir sind ein kleines Volk und ihr dürft keinen solchen Ölreichtum haben … wir wollen ihn, Frankreich will ihn … das ist nicht für euch. Das ist unverschämt. (…)

Sie sagen, das ist Demokratie, die, von der sie reden, die Demokratie der Maschinengewehre und dem Menschenschlachten. Das ist die Demokratie, die sie einführen wollen mit Bomben und Interkontinentalraketen, das ist die Demokratie! Zur Hölle mit dieser Demokratie, ist das Demokratie? Sie sind barbarisch und sie verstehen nicht. Sie sind barbarisch und glauben, die Welt will die alten Zeiten. Nein, nein, nein. Die Welt hat sich geändert, das libysche Volk ist auf den Plätzen. Tretet dem libyschen Volk entgegen. Wenn ihr Männer wäret, würdet ihr dem libyschen Volk entgegentreten! (…) Sie sagen, sie schützen Zivilisten. Wann hatten sie je Mitgefühl für Zivilisten? Ihr habt das algerische Volk mit der Atombombe geschlagen und gesagt, ihr würdet eine Atombombe in der algerischen Wüste testen, das war, um das algerische Volk auszulöschen. Sie haben eineinhalb Millionen ausgelöscht mit der Atombombe. Wann hattet ihr je Mitgefühl für uns oder Zivilisten? (…)

Kein Kreuzzug

Sie töteten unsere Kinder in unseren Häusern. Das ist Unrecht weit über Unrecht hinaus, barbarisch. Wir werden ihnen warnende Botschaften schicken und Drohbriefe, Tausende von Libyern könnten aufbrechen. Sie sind fähig, Selbstmord in das Mittelmeer und nach Europa zu tragen, denn wir werden in den Himmel fahren und sie zur Hölle! Wir lieben Tod, wir lieben Märtyrertum, Dutzende, Hunderte und Tausende von Libyern werden Märtyrer, ihre Häuser, ihre Kinder, ihre Frauen werden hinüberfahren, genau wie sie es hier machen. Ich sage Auge um Auge, Zahn um Zahn, und sie wissen das!

Jedoch geben wir ihnen die Chance, die Chance mag lang sein, wir werden ihnen die Chance geben, zu ihren Basen zurückzukehren, nachdem sie über das Mittelmeer gekommen sind. Sie wollen die Welt zerstören und Frieden und Sicherheit auslöschen. Sie werden uns nicht in das Mittelalter zurückwerfen, noch einmal einen Kreuzzug zwischen Ost und West austragen, zwischen Islam und Christentum. Sie sind irre, sie sollten gefaßt und einem internationalen Gerichtshof überantwortet werden oder einer Psychiatrie! Tatsächlich gibt es Anwälte in Europa, die Prozeßakten anlegen gegen politische und militärische NATO-Offizielle, die Kriegsverbrecher sind und vor den Internationalen Gerichtshof gebracht werden. Gebt die Macht auf und überlaßt sie dem Volk. Es verlangt eure Leute danach, die Macht zu genießen, genau wie die Libyer es tun. Eure Leute sagen euch, sie in Ruhe zu lassen und sie sich selbst regieren zu lassen. Sie sagen, korrupte Präsidenten, gefälschte Wahlen, diktatorische politische Parteien, die Völker regieren, sei Demokratie? Ist das Demokratie? (…)

Wir lebten in Freundschaft mit ihnen und wahrten Stillschweigen über Ceuta und Mellila, die Kanaren und ihre Besetzung von Lampedusa, wir waren still über all das. Ihre Völker suchten unsere Hilfe, wir hatten Beziehungen mit ihnen, Freundschaft Investitionen, Tourismus und Herzlichkeit. Und in einer einzigen Stunde wurden sie trunken, wurden irre, sie zerstörten alles, und hast du einmal alles zerstört, dann laß es fahren.

All diese Länder sind afrikanisches Land, okkupiert von Frankreich und Spanien, arabisches Land okkupiert von Spanien. Andalusien will Unabhängigkeit, Padanien will Unabhängigkeit, Schottland will Unabhängigkeit, die Basken wollen Unabhängigkeit, Mazedonien will Unabhängigkeit – all diese Völker wollen Unabhängigkeit. Wir können sie anerkennen und eine Allianz mit ihnen bilden, später werdet ihr es bereuen, Tyrannen des Atlantik, ihr werdet es bereuen, wenn der Krieg nach Europa getragen wird. Wir sind fähig, den Krieg nach Europa zu tragen, aber wir warnen euch. (…)

Befreiungsmarsch

Massen sollten bereit sein zum Marsch in jede Gegend Libyens, die von den Verrätern kontrolliert wird und den Agenten der Kolonialisten. Diese sind Verräter und Agenten der Kolonialisten! Sie sind Soldaten Frankreichs und Britanniens. Auch wenn sie Libyer sind, sind sie französische und britische Soldaten. Sie sind Verräter und Agenten. Millionenmassen sollten auf sie zu marschieren, überall. Der Marsch sollte weitergehen, bis Libyen befreit ist und zu seiner Einheit zurückkehrt und seinen Wohlstand, Freiheit und Sicherheit wiedererlangt, wie es zuvor war.

Heute betteln libysche Frauen in Ägypten und Tunesien, waschen Geschirr und arbeiten als Erntehelfer in Tunesien und Ägypten, statt Herrin zu sein, wie sie es vorher gewesen sind. Von den Kolonialisten eingesetzte Verräterbanden kamen über sie. (…) Fessan war vergessen. Nach der Revolution trat es in die Geschichte durch offene Tore ein: »Land des ersten Funkens«. Fessan war ein Brutkasten der Revolution. Die Revolution begann in Fessan, in Sebah. Die Menschen von Fessan waren Sklaven. Sie waren Sklaven der herrschenden Familien, der Reaktionäre und Grundbesitzer. (…) O ihr Verräter und deren Herren Atlantiker. Ihr pflügt die See oder den Sand und lauft hinter einer Fata Morgana her. Hier ist das freie Fessan, seitdem er frei ist, kann er nicht wieder Sklave werden. (…) Das gesamte Volk ist bewaffnet und kämpft. (…)

Dpa legt heute in einer Meldung nahe, dass sich der syrische Volksaufstand gegen das mörderische Assad-Regime langsam in einen Bürgerkrieg verwandelt:

Der Graben zwischen Regimeanhängern und Oppositionellen in Syrien wird immer größer. Während die Unterstützer von Präsident Baschar al-Assad im Zentrum von Damaskus sein elfjähriges Amtsjubiläum feierten, kam es am Sonntagabend in anderen Bezirken und Städten erneut zu Demonstrationen, die zum Teil mit Gewalt beendet wurden.

Aktivisten meldeten am Montag, bei Ausschreitungen in der Stadt Homs seien seit Sonntag vier Regimegegner und sieben Mitglieder der regimetreuen Schabiha-Miliz getötet worden. Außerdem seien drei weitere Leichen von Unbekannten in den Straßen der Stadt gefunden worden.

Berichte einer Menschenrechtsgruppe über 30 getötete Zivilisten in Homs dementierten Aktivisten, die an der Organisation von Protestaktionen beteiligt sind. Für Informationen über Spannungen in Homs zwischen sunnitischen Muslimen und Angehörigen der alawitischen Minderheit, zu der die Familie von Präsident Assad gehört, gab es von unabhängiger Seite keine Bestätigung.

Der Graben zwischen Regimeanhängern und Oppositionellen in Syrien wird immer größer. Während die Unterstützer von Präsident Baschar al-Assad im Zentrum von Damaskus sein elfjähriges Amtsjubiläum feierten, kam es am Sonntagabend in anderen Bezirken und Städten erneut zu Demonstrationen, die zum Teil mit Gewalt beendet wurden.

Aktivisten meldeten am Montag, bei Ausschreitungen in der Stadt Homs seien seit Sonntag vier Regimegegner und sieben Mitglieder der regimetreuen Schabiha-Miliz getötet worden. Außerdem seien drei weitere Leichen von Unbekannten in den Straßen der Stadt gefunden worden.

Berichte einer Menschenrechtsgruppe über 30 getötete Zivilisten in Homs dementierten Aktivisten, die an der Organisation von Protestaktionen beteiligt sind. Für Informationen über Spannungen in Homs zwischen sunnitischen Muslimen und Angehörigen der alawitischen Minderheit, zu der die Familie von Präsident Assad gehört, gab es von unabhängiger Seite keine Bestätigung.Mehr als 100 000 Syrer versammelten sich am Sonntagabend auf dem Omajaden-Platz in Damaskus, wo sie mit Feuerwerk und Musik Assads Amtsjubiläum feierten. Sie gelobten ihre Treue zum Vaterland und zum Präsidenten. Assad war am 17. Juli 2000 als Präsident vereidigt worden, wenige Tage nach dem Tod seines Vaters, Präsident Hafis al-Assad.

Die taz interviewte heute einige Folteropfer der syrischen Assad-Schergen:

Ein Syrer, der sich seinem Staat entgegenstellt, muss mit allem rechnen. Denn die Geheimdienste werden ihn finden. Sie werden ihn einsperren, sein Gesicht blutig schlagen, seine Knochen brechen, seine Haut verbrennen. Sie werden alles tun, ihm seine Würde zu nehmen. Wenn nötig, werden sie ihn töten. Sie können tun, was sie wollen, und das wissen sie.

Deswegen war Sami darauf gefasst, dass es schwer für ihn werden kann. „Meine Eltern haben mir beigebracht, mich nicht zu fürchten“, sagt er heute, rund drei Monate nach seiner Freilassung. Sie haben ihn am 16. März erwischt bei einer Demonstration im Zentrum von Damaskus. Einen Monat verbrachte er in der Gewalt eines der gefürchtetsten Zweige des syrischen Geheimdienstes.

Sami spricht in kurzen, sachlichen Sätzen. Er beschreibt seine Haftzeit in einem Interview über Skype. Sein richtiger Name muss verschwiegen werden, um ihn zu schützen. Was er sagt, lässt sich nicht unabhängig prüfen. Nach wie vor dürfen kaum Journalisten nach Syrien einreisen. Doch seine Geschichte deckt sich mit den Informationen verlässlicher Menschenrechtsorganisationen.

Sami sagt, wann immer sie ihm Stromschläge verpassten, rief er sich Bilder von seinen besten Freunden ins Bewusstsein. Lächelnde, freundliche Gesichter. Dann dachte er: „Bitte, Gott, lass sie nicht auch meine Freunde verhaften. Ich will nicht, dass sie gequält werden wie ich.“

Er erinnert sich an jedes Detail. Wie er dastand. Splitternackt. Die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Um ihn herum ein karger Verhörraum. Drei Männer brüllten auf ihn ein. Ein vierter protokollierte. Sie wollten Informationen, vor allem Namen. Wer hat ihm von dem Protest erzählt? Mit wem war er unterwegs? Sami schwieg. Dann drückten sie den Elektroschocker auf seine Haut, etwa eine Minute an jede Stelle. Wieder und wieder.

„Ich weiß nicht, wie lange das so ging“, sagt der 23-Jährige. „Ich habe gar nichts mehr mitbekommen. Ich spürte nur noch Schmerzen, sonst nichts.“ Seit Beginn der Unruhen Mitte März setzt Präsident Baschar al-Assad Militär und Geheimdienste ein, um die Proteste niederzuschlagen. Mehr als 10.000 Menschen sind bislang verhaftet worden. Amnesty International wirft den Sicherheitskräften in einem aktuellen Bericht vor, in der Grenzstadt Tel Khalakh Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

„In den Gefängnissen wird systematisch gefoltert. Es ist sehr selten, dass jemand festgenommen und nicht schwer misshandelt wird“, sagt der syrische Menschenrechtsaktivist Wissam Tarif. „Die Folter dient dazu, Aussagen zu erzwingen, aber auch als kollektive Bestrafung und zur Abschreckung.“ Niemand weiß, wie viele Menschen bereits zu Tode gequält worden sind. Wissam Tarif hat 19 Fälle dokumentiert, geht aber davon aus, dass die Zahl eher bei 200 liegt. Doch die meisten Fälle kann er nicht belegen. Es ist sehr schwer, überhaupt an Informationen aus Syrien zu kommen: Keine der großen Organisationen, sagt der Aktivist, hat derzeit legale Mitarbeiter vor Ort. Adnan wusste, welche Antwort die Männer vom Geheimdienst hören wollten. Nicht, dass sie irgendwelche sachdienlichen Informationen von ihm erwarteten. Darum, sagt der Student, ging es nicht. Die Schläge und Tritte dienten vor allem dazu, seinen Willen zu brechen. „Wer ist Gott?“, schrien seine Peiniger, während ihre Knüppel und Stiefelabsätze auf seinen Körper prallten. „Baschar al-Assad“, rief der Student. Dann lachten sie. „Baschar al-Assad hat viel mehr drauf als Gott, weil er dich hier einsperren lassen kann“, sagte einer. „Aber selbst Gott kann dich nicht rausholen.“

Adnan ist wieder zu Hause. Auch er heißt in Wahrheit anders. Der 27-Jährige lebt in Zabadani, einer Kleinstadt im Hinterland von Damaskus. Gerade stellt er eine Reihe von Videos ins Internet, die seine Freunde bei einem Protest in der Nacht zuvor mitgeschnitten haben. Adnan selbst demonstriert nicht mehr. Die Schrecken seiner Haftzeit haben ihn nicht mehr losgelassen, bis heute nicht. Doch es ist ihm wichtig zu zeigen, was auf den Straßen seiner Heimatstadt geschieht. Als die Demonstrationen Anfang Mai auf Zabadani übergriffen, war Adnan mit seiner Kamera dabei. Er filmte, dann verbreitete er die Clips über Facebook und Youtube. Am 5. Mai klingelte sein Handy, der Geheimdienst war dran. Er solle zu einem „kleinen Gespräch“ vorbeikommen.

Adnan erwartete Formalien, sonst nichts. „Doch sobald ich dort ankam, verbanden sie mir die Augen und legten mir Handschellen an. Dann schlugen sie mich mit allem, was sie zur Hand hatten, mit Stöcken, Gürteln und Kabeln.“ Als er stürzte, prügelten sie noch fester auf ihn ein, auf seinen Kopf, seinen Rücken. „Ich dachte, die werden mich totschlagen. Ich war sicher, da komme ich nicht lebendig raus.“

Das Verhör konzentrierte sich auf seine Onlineaktivitäten. Adnan merkte ziemlich schnell, dass die Beamten mit dem Thema überfordert sind. „Die Geheimdienste wissen nichts von Computern“, meint er. „Sie können nur foltern, sonst nichts.“ Sie stellen ihm sinnlose, einfältige Fragen, etwa: „Benutzt du Google?“ Adnan hatte keine Ahnung, wie er darauf antworten soll.

Nach einer Weile warfen sie ihn blutverschmiert zurück in die Zelle. Adnan sagt, dass sich 44 Männer etwa 10 Quadratmeter teilen mussten, darunter war ein 13-jähriger Junge. Das Kind weinte, schrie nach seiner Mutter. Adnan dachte: „Ich muss mich zusammenreißen. Wie soll dieser Junge durchhalten, wenn schon die Erwachsenen vor Angst verrückt werden?“

Adnan sah Ärzte, die mit den Folterern zusammenarbeiten. Einige seiner Zellengenossen, so erzählt er, wurden über Stunden an den Handgelenken aufgehängt und mit Peitschenhieben und Stromschlägen traktiert. Einem zwangen sie Esslöffel voll Salz in den Mund. „Das Salz saugt die Flüssigkeit aus dem Körper“, erklärt er. „Nach einer Weile platzen die Kapillaren in Augen und Nase.“

Adnan blieb einen Monat in dem Gefängnis. „Sie haben mich wirklich brutal und viel geschlagen“, sagt der Student leise. „Sie wollten sichergehen, dass ich es nie wieder wage, zu einem Protest zu gehen.“ Sami verlor irgendwann das Gefühl für Zeit und Raum; die Stunden und Tage verwischen in einem Nebel aus Schmerz und Erniedrigung. Die Folter hat tiefe Spuren hinterlassen, seelische, die er beiseitewischt, und körperliche. „Ich habe große Probleme mit meinen Knien und meinem Rücken“, sagt er. „Ich nehme Tabletten gegen die Schmerzen. Meine Wirbelsäule muss noch operiert werden.“ Der 23-Jährige studiert Medizin in Damaskus, nun ist er fürs Erste zu seinen Eltern in der zentralsyrischen Stadt Homs zurückgezogen, um sich ärztlich behandeln zu lassen.

Es war ein Elektroschocker

Sami stammt aus einer Familie von Oppositionellen; er ist praktisch mit der Schikane der Geheimdienste aufgewachsen. Mitte März demonstrierte er mit rund 150 Leuten vor dem Innenministerium in Damaskus für die Freilassung politischer Häftlinge. Der Geheimdienst rückte nach etwa fünf Minuten an.

„Sie schlugen mich mit einem Stock auf den Kopf“, sagt er, „ich versuchte wegzurennen, aber sie schlugen mich wieder.“ Dann zerrten sie ihn und einige weitere Demonstranten in einen Bus. Sami sah nicht, wohin sie ihn brachten. Seine Augen waren verbunden. Die Gefangenen wurden in einen Innenhof gestoßen, mussten sich auf den Boden legen, das Gesicht nach unten. „Sie begannen, uns in den Rücken zu springen“, schildert er, „sie haben auf unseren Rücken getanzt.“ Als die Nacht anbrach, zwangen sie die Häftlinge, sich auszuziehen. Dann lachten sie über ihre Genitalien. Sami führten sie in einen Korridor, von dem rechts und links Zellen abgehen. Er bekam zunächst keine davon zugewiesen, sondern musste sich auf den Betonboden des Gangs knien. Er spürte, wie seine Beine zu schmerzen begannen, sich verkrampften, allmählich taub wurden.

Immer wieder holten sie ihn in den Verhörraum. Doch der Student weigerte sich, Namen preiszugeben. Die Männer vom Geheimdienst griffen zu härteren Mitteln. In der zweiten Nacht nahmen sie ihm erneut seine Kleidung weg. Einer der Beamten näherte sich ihm mit einem schmalen Stab in der Hand. „Ich wusste zuerst nicht, was das war“, erinnert er sich, „er legte mir das Ding auf die Brustwarze und drückte einen Knopf. Es war ein Elektroschocker.“ Dann setzte er ihm das Gerät auf die andere Brustwarze. Dann auf die Ellenbogen. Die Handgelenke. Die Knie. Die Knöchel. Den Rücken. Schließlich auf die Hoden.

Sami schrie, er flehte seine Peiniger an. Aber er redete nicht. Die Schläge wurden schlimmer, manchmal prügelten sie über Stunden auf ihn ein. Eines Nachts stießen sie ihm einen Schlagstock ins Rektum. Nach sechs Tagen war er nicht mehr in der Lage aufzustehen; in seinen Knien hatten sich Ödeme gebildet. „Warum kannst du nicht laufen?“, fragte der Gefängnisarzt. „Als ich antwortete, ohrfeigte er mich und schlug mir auf die Knie.“

Schließlich gab der Geheimdienst seinen Eltern Bescheid; sie sollten Sami abholen. Der Gefängnisleiter sagte zu seinem Vater: „Wenn wir ihn noch mal bei einem Protest sehen, dann werden wir ihn nicht festnehmen. Dann werde ich ihn eigenhändig an Ort und Stelle erschießen.“

Doch Samis Kampf gegen das Regime geht weiter. Nach wie vor geht er auf die Straße, wann immer in Homs demonstriert wird. Danach hilft der Medizinstudent, die Schusswunden der Demonstranten zu versorgen. Damit geht er ein hohes Risiko ein. Es kümmert ihn nicht mehr: „Sie haben mir das Schlimmste ja schon angetan. Nichts kann schlimmer sein als das, was ich hinter mir habe.“

Adnan dagegen geht nicht mehr gern nach draußen, auf den Straßen von Zabadani wimmelt es vor Geheimdienstagenten. Er verbringt die meisten Zeit am Computer. Ein paar Tage später schickt er noch eine Nachricht: Gerade ist sein 18-jähriger Cousin verhaftet worden. Die Familie hat keine Ahnung, wo der Junge festgehalten wird.

Aus Marokko meldet Reuters heute:

In Marokko sind am Sonntag Zehntausende gegen die Verfassungsreform auf die Straße gegangen. Augenzeugen zufolge demonstrierten allein im nördlichen Tanger 12.000 Menschen für weitreichendere Reformpläne. Auch in der größten Stadt Marokkos, in Casablanca, sowie in Rabat kam es zu Protesten. Neben den Gegnern von König Mohammed, die das jüngste Verfassungsreferendum als unzureichend kritisieren, gingen auch Befürworter der Reform auf die Straße. Ein Lokalpolitiker sagte, in Casablanca hätten sich rund 1000 Unterstützer und 5000 Gegner an den Protesten beteiligt.

Experten zufolge zeigen die jüngsten Proteste, dass es dem 47-jährigen König trotz der Eingeständnisse nicht gelungen ist, die Debatte über die Zukunft Marokkos zu beenden.

(„Die Debatte über die Zukunft Marokkos beenden“ – was für ein absurder Quatsch und Blödsinnssatz – was sind das überhaupt für „Experten“, die so etwas von sich geben?)

Die taz veröffentlichte am Wochenende ein Interview mit zwei marokkanischen Prostituierten:

taz: Wir müssen Ihnen erst mal gestehen, dass wir in Marokko der Familie von Khalid El Kaoutit zuliebe ein Doppelleben führen. Jana Petersen tritt als Ehefrau von Martin Reichert auf, obwohl er in Deutschland mit einem Mann verheiratet ist.

Aicha: Super. Sie lügen genau so wie wir!

Ihre Familien wissen nicht, dass Sie als Prostituierte arbeiten?

Aicha: Ich lebe alleine hier, meine Familie ist in Tetouan, fünfzig Kilometer von Tanger entfernt. Ich sage, dass ich in einem Geschäft arbeite. Meine Eltern glauben mir, sie könnten sich auch gar nicht vorstellen, dass ich so was mache – das ist undenkbar. Eine Tante hat mich einmal besucht, da bin ich dann jeden Tag mit Kopftuch rausgegangen und habe meine Tage in Cafés verbracht.

Was würde passieren, wenn Ihre Familie herausbekommen würde, dass Sie sich prostituieren?

Aicha: Das ist unwahrscheinlich. Wenn, dann liefe das über Gerüchte. Und die gab es auch schon mal. Eine andere Tante aber weiß allerdings Bescheid, sie deckt mich. Aber ich würde jetzt langsam gerne heiraten und meine Ruhe haben. Das ist ja ein risikoreicher Job. Alles ist in den Händen von Allah, aber ich könnte getötet werden, vergewaltigt werden.

Ist Ihnen schon einmal etwas zugestoßen?

Suleika: Einmal waren wir mit ein paar Jungs unterwegs, die hatten auch schon bezahlt. Und dann in der Wohnung war auf einmal das Koks alle, die Typen sind noch mal weg, um welches zu holen. Als sie dann zurückkamen, haben sie uns mit Messern bedroht, wollten das Geld zurück.

Wir haben gehört, dass Prostituierte in Marokko schlecht behandelt werden.

Suleika: Wir sind Waren, sie kaufen uns.

Frauen haben in Marokko, scheint es, nicht viel zu melden. Es gibt hier noch Patriarchen, wie sie im Buche stehen. Was ist der Unterschied zwischen einer Hure und einer Frau?

Aicha: Im Grunde genommen gibt es da keinen großen Unterschied. Insofern ist es für mich besser, außerhalb einer Familie und nicht mit einem solchen Mann zu leben. Es ist fast unmöglich, einen ordentlichen Job zu finden. Richtig ist: Viele Männer behandeln ihre Frauen hier wie Kühe. Sie geben ihnen zu essen und dafür müssen sie alles machen, was man ihnen sagt.

Mögen marokkanische Männer eigentlich Frauen?

Suleika: Die meisten Männer wollen nur kurz ihre Bedürfnisse befriedigen.

Für rund fünf Euro kann man sich am Strand von Tanger auch einen Mann kaufen. Kann es sein, dass es in Marokko mehr männliche Prostituierte als weibliche gibt?

Suleika: Früher war das nicht so, aber da kann was dran sein. Früher waren die unsichtbar, aber jetzt zeigen sie sich eher. Der König hat ja per Dekret bestimmt, dass man Schwulen nichts antun darf. Sie zeigen sich jetzt eher, ziehen enge Sachen an.

Die meisten Männer, die sich hier verkaufen, würden sich niemals penetrieren lassen. Sie sehen sich auch nicht als Schwule.

Suleika: Es gibt welche, die mahlen und solche, die gemahlen werden. Mein Bekannter macht beides.

Und derjenige, der mahlt, verliert seine Ehre nicht.

Suleika: Das ist richtig. Die Frau aber verliert ihre Ehre, sobald sie keine Jungfrau mehr ist und nicht geheiratet wird. Egal, ob sie anschaffen geht oder nicht.

Ist das nicht ganz schön ungerecht?

Aicha: Ja, ist so. Die Frauen sind insgesamt weniger wert, erst recht, wenn sie auf die Straße gehen. Es gibt auch Jungfrauen, die auf den Strich gehen, die machen es dann nur anal.

Auf die Straße gehen – bedeutet das ein Stück weit Freiheit? Zumindest von der Moral?

Suleika: Du bist frei und kannst machen, was du willst. Solange es niemand sieht. Aber innerlich bist du nicht frei, sondern beschädigt.

Aicha: Du verkaufst dein eigenes Fleisch. So ist das. Aber manchmal werden Mülldeponien auch zur Moschee: Eine Freundin von mir wurde vor zwei oder drei Jahren von einem Freier geehelicht, sie hat jetzt Kinder und trägt Kopftuch.

Mülldeponie, das klingt so hart.

Suleika: Ich bin jetzt 32, fast 33. Ich war verheiratet und habe mich scheiden lassen, der Mann war nicht gut. Er war untreu, hat gelogen, war mit Huren zusammen. Jetzt bin ich selbst eine.

Wenn wir das Land richtig verstanden haben, darf hier niemand machen, was er will. Sexuell schon gar nicht. Sind Huren ein Ausweg?

Suleika: Kein Sex vor der Ehe? Da kann ich doch nur lachen. Daran halten sich vielleicht noch fünf Prozent der Bevölkerung.

Noch? Hat sich die Gesellschaft so sehr verändert? Dank Internet, Facebook?

Aicha: Ich bin nicht bei Facebook, ich mag diesen Kram nicht. Ich habe mal einen PC bekommen, aber den habe ich wieder verkauft.

Und was halten Sie von der neuen marokkanischen Verfassung?

Suleika: Wir gucken keine Nachrichten, wir leben nachts.

Vom Balkon der Wohnung aus sieht man, wie die Bürger von Tanger scharenweise an der Strandpromenade entlang spazieren gehen. Autos hupen, ein warmer Wind weht noch immer, mitten in der Nacht. Die McDonald’s-Filiale gegenüber ist gut besucht. Alles scheint leicht, voller Lebenslust. Wie im Frühling. Hat sich Marokko verändert?

Aicha: Es gibt mehr Bildung, die Menschen werden offener – gerade hier im Norden.

Gilt das auch für Ihre Freier?

Suleika: Nein, früher waren die Kunden besser. Es gab auch insgesamt weniger Huren. Heute kann man kaum noch zwischen Huren und normalen Frauen unterscheiden.

Inwiefern?

Suleika: Es bieten viele Frauen auch tagsüber Sex an, sie brauchen Geld. Die tragen Kopftuch und niemand weiß von nichts. Die ziehen sich dann im Taxi oder im Club um. Vielen Männern gefallen solche Frauen mit Kopftuch auch besser. Die denken dann, die ist naiver, leichte Beute.

Also kein Frühlingserwachen, keine neuen Männer in Marokko?

Aicha: Früher waren unsere Kunden Dealer oder ältere erfolgreiche Männer. Die haben einfach bezahlt und gut. Jetzt sind es viele soziale Aufsteiger. Die sind aggressiv, wollen ihr Geld zurück, wollen verhandeln. Schlimm.

Sie brauchen das Geld, aber warum brauchen diese jungen Männer Huren?

Suleika: Sie wollen erst mal ihre Sexualität ausprobieren. Andere wollen die Frauen erst mal konkret sexuell ausprobieren, bevor sie sie vielleicht heiraten. Sie wollen nicht die Katze im Sack kaufen. Aber alle Mädchen, die sich auf einen Mann einlassen sind in Gefahr. Die Mädchen, die nicht ausgetrickst werden, das sind dann solche, die von ihren Müttern an einen Mann vermittelt werden. Aber wenn ein Mann von sich aus mit einem Mädchen ausgeht, dann ist sie für den Mann eine Hure. Auch wenn er sie selbst entjungfert hat.

Aicha: Die meisten Marokkaner, die ich kenne, lügen. Sie sind verheiratet und gehen trotzdem mit Nutten.

Das ist in Deutschland auch so.

Aicha: In Marokko ist das einfach noch viel krasser und verlogener, härter als in Europa, glaube ich. In Marokko haben die Frauen seit Anfang 2000 mehr Rechte bekommen, und seitdem ist es noch krasser geworden. Die Männer gehen noch viel häufiger zu Huren.

Suleika: Die Männer arbeiten und versorgen die Frauen, ansonsten machen sie einfach, was sie wollen. Wenn die Frauen nachfragen, sagen sie: Wenn es dir nicht gefällt, kannst du gehen, nach Hause, zu deiner Familie. Viele behandeln die Huren sogar besser als ihre Ehefrauen.

Liegt das wirklich an Marokko?

Suleika: Ich war in Saudi-Arabien, in Bahrein. Die Männer dort sind sehr gut, sie respektieren die Frauen. Du fühlst dich dort wie eine Frau im Sinne der Frauenrechte.

Wirklich?

Suleika: Man wird respektiert. Ich war Tänzerin in einem Hotel. Manche haben für eine Nacht, 20.000, 30.000 Dirham bezahlt. Die Saudis sind gute Kunden. Sie zahlen gut.

Weil sie mehr Geld haben.

Suleika: Ja, aber sie behandeln einen auch besser. Die Männer aus den Golf-Staaten lieben die marokkanischen Frauen.

Aicha: In Saudi-Arabien wurden die Frauen genital beschnitten. Deshalb können sie sich nicht gut um ihre Männer kümmern. Sie haben keine sexuellen Gefühle mehr. Deshalb kommen die Männer hierher oder lassen welche einfliegen. Aber heute wird das nicht mehr so viel gemacht mit der Beschneidung. Die männlichen Saudis sind nicht so schön, die Frauen schon. Aber die Saudis sind sehr zärtlich. Sie haben Stil. Die Marokkaner sagen dann zu den Frauen, die sich mit Saudis abgeben: Das ist eine Saudi-Nutte, die rangiert dann gleich noch mal drei Stufen tiefer.

Suleika: Sobald ein marokkanischer Mann merkt, dass eine Frau sich in ihn verliebt hat, dann ist alles vorbei. Dann bist du sein Besitz und er behandelt dich schlecht. Sie fangen an, dich zu kontrollieren. Du hast im Prinzip verloren, sobald du dich verliebt hast.

In Syrien sagt man umgekehrt: „Jungs sind wie Briefmarken, sobald du auf sie spuckst, kleben sie.“

Aicha: Wenn du ihm vertraust und ehrlich bist, hast du verloren. Wenn du auch trickst, bist du auf der sicheren Seite. Wenn du ihn als Stütze betrachtest, dann fällt er um.

Die Rolle des Mannes ist die des alleinverantwortlichen Versorgers. Wer will das schon.

Aicha: Ich war schwanger, wollte abtreiben, weil er kein Geld hatte, arbeitslos war . Aber er wollte „seinen Sohn“ haben. Als ich dann im fünften Monat war, ist er einfach abgehauen.

Sie haben ein Kind. Und Ihre Familie weiß nichts davon?

Aicha: Doch. Die Tante, die mich schützt, hat sich eine Lüge ausgedacht: Mein Mann säße im Gefängnis.

Alle müssen lügen. Die Männer auch. Niemand ist glücklich.

Aicha: Die Männer betrügen sich selbst. Es ist für sie auch eine Form des Zeitvertreibs.

Sie langweilen sich?

Suleika: Mehr als das. Alle nehmen Drogen, hängen rum. Und wenn sie erreichen, was sie wollen, dann haben sie sogar noch mehr Langeweile.

Langeweile? Vielleicht fühlen sie sich gefangen in ihrer Rolle als Mann?

Suleika: Ich bin mit richtigen Männern ausgegangen, keine Schwulen – von denen kenne ich ja viele -, aber es gibt Freier, die kommen und haben eine Gurke dabei, mit der sie penetriert werden möchten. Andere wollen mit einem Umschnalldildo gevögelt werden. Sie ziehen Damenwäsche an und wollen als Nutte von mir beschimpft werden. Aber sie wollen nicht mit Männern schlafen, sondern mit Frauen.

Warum nicht gleich mit einem Mann?

Aicha: Schwul sein geht nicht, ist unmöglich.

Suleika: Einer wollte immer geschlagen werden. Das hat richtig Spaß gemacht. Er war so ein Hübscher.

Gestern, in dem Club, in dem wir uns kennengelernt haben, hing über der Bühne ein Porträt des Königs und die Männer der Band sangen „Allahu Akbar“, Allah ist groß.

Suleika: Allah! Ich finde das nicht in Ordnung. Wenn man Alkohol getrunken hat, soll man Allah in Ruhe lassen. Aber sie haben das gestern gesungen wegen des Referendums zur Verfassung.

Aicha: Das entwertet den König, Allah und Marokko.

Allah muss insgesamt sehr viele graue Haare haben.

Suleika: Viele Freier tragen Bärte und sind gläubig. Am verrücktesten sind aber die Geistlichen. Sie belehren dich erst mal eine halbe Stunde über Fragen des Glaubens, dann schimpfen und beleidigen sie dich im Namen der Religion. Und dann vögeln sie dich erst.

Aicha: Sie beleidigen dich ununterbrochen.

Das meinen Sie mit Müllkippe.

Suleika: Du bist alleine, du musst dich selbst erhalten. Eine Hand kann nicht klatschen. Du bist entjungfert und hast keine Ehre mehr. Das ist die Müllkippe.

Haben Sie einen Traummann?

Aicha: Ich haben keinen Traummann.

Suleika: Ich wurde so oft enttäuscht, dass ich die Hoffnung verloren habe.

Wie werden Sie ihren Sohn erziehen?

Suleika: Mein Sohn ist schon fünfzehn. Er lebt bei meiner Mutter, wir verstehen uns nicht gut. Er ist nicht stolz auf seine Mutter. Meine Tochter ist auch bei meiner Mutter – ich rauche und trinke. Ich bin keine gute Mutter, kein gutes Vorbild für meine Tochter.

(Am Ende des Gesprächs ist die Flasche leer. Alle tanzen im Wohnzimmer zu orientalischer Musik. Das Leben soll weitergehen, die Nacht ist noch jung. Und die Frauen haben noch Termine.)

Aus dem Jemen und aus Jordanien berichtete dpa:

Im Jemen gingen am Freitag Zehntausende Demonstranten auf die Straße. Sie forderten den Rücktritt von Präsident Ali Abdullah Salih. In der südjemenitischen Stadt Tais starben nach Berichten von Augenzeugen sieben Menschen, 30 seien verletzt worden. Regierungstruppen seien mit Panzern gegen die Menschenmenge vorgerückt.

Der Präsident war Anfang Juni bei einem Anschlag auf eine Moschee neben seiner Residenz schwer verletzt worden. Anschließend unterzog sich Salih in Saudi-Arabien mehreren Operationen. An diesem Sonntag will er nach Medienberichten zurückkehren – um sein 33. Amtsjubiläum zu feiern.

Eine Oppositionsgruppe hat im Jemen am Samstag die Bildung eines Übergangsrates angekündigt. Bei einer Pressekonferenz in Sanaa teilte der Revolutionäre Jugendrat mit, dass dem 17-köpfigen Übergangsrat der frühere Regierungschef Haider al-Attas und Ex-Verteidigungsminister Abdullah Eleiwah angehören würden. Vertreter anderer Oppositionsgruppen nahmen an der Pressekonferenz nicht teil.

Jemens Regierung kritisierte die Ankündigung scharf. Der stellvertretende Informationsminister Abdu al-Gendi sagte, der Übergangsrat würde den „Aufruhr“ eskalieren lassen. „Dieser Rat kann die bestehenden Regierungsinstitutionen nicht ersetzen“, wurde er auf der Web-Seite der regierungsnahen Zeitung „September 26“ zitiert.

In Jordaniens Hauptstadt Amman löste die Polizei gewaltsam eine Kundgebung von Oppositionellen auf. Mindestens 20 Menschen, darunter zehn Journalisten, wurden verletzt, wie Augenzeugen berichteten. Die Demonstranten forderten den Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Maruf Bachit. Gegen die Monarchie richten sich die Proteste nicht.

AP berichtet aus Algerien:

Bei einem Selbstmordanschlag auf das Hauptquartier der Sicherheitskräfte in der Region Boumerdes im Norden Algeriens sind am Samstag Medienberichten zufolge zwei Menschen ums Leben gekommen. Ein Polizist und ein Verwaltungsangestellter seien bei dem Anschlag in Bordj Menaiel 70 Kilometer östlich der Hauptstadt Algier getötet worden, meldete die amtliche Nachrichtenagentur APS. Weitere Menschen seien bei der Explosion verletzt worden.

Bei einem Gefecht mit Sicherheitskräften seien in der Nacht auf Samstag im Osten des Landes zudem zwei mutmaßliche Extremisten getötet worden, berichtete APS. Nach einem Bericht der Zeitung „Watan“ waren in dieser Woche bei Bombenanschlägen in der Region bereits zwei Soldaten getötet und sechs weitere verletzt worden.

Algerien war in den 1990er Jahren von einem blutigen Konflikt zwischen der Regierung und bewaffneten Islamisten erschüttert worden. Immer noch kommt es zu vereinzelten Anschlägen der Extremistengruppen, die sich meist gegen Vertreter der Sicherheitskräfte richten.

dpa ergänzt:

Muslimische Extremisten haben bei einem Selbstmordanschlag in Algerien vier Menschen getötet und rund ein Dutzend weitere verletzt. Einer der Täter sprengte sich am frühen Samstagmorgen in seinem Wagen an einer Polizeistation östlich von Algier in die Luft. Kurz darauf versuchte ein zweiter Terrorist, mit einem Motorrad in eine Gruppe herbeigeeilter Ortsbewohner und Rettungskräfte zu rasen. Ein Polizist starb bei dem Versuch, sich dem Attentäter in den Weg zu stellen, berichteten die örtlichen Behörden der Nachrichtenagentur dpa. Seit einiger Zeit häufen sich wieder blutige Anschläge im größten nordafrikanischen Land. Algerien ist das Stammland der Terrororganisation Al-Kaida im islamischen Maghreb. Sie ging aus der größten algerischen Terrorvereinigung hervor, der Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC).

Aus dem Irak meldet AP:

Angehörige der Revolutionären Garden haben nach Angaben der amtlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA drei Lager einer Oppositionsgruppe iranischer Kurden im Irak erobert. Viele Mitglieder der kurdische Rebellengruppe PEJAK seien bei heftigen Zusammenstößen entlang der Grenze in den vergangenen zwei Tagen getötet worden, zitierte IRNA einen lokalen Kommandeur der Revolutionären Garden am Montag.

Iran hatte vergangene Woche mit Angriffen auf PEJAK-Lager im Irak gedroht, nachdem es den Präsidenten der halbautonomen kurdischen Region im Nachbarland, Massud Barsani, beschuldigt hatte, der Gruppe Basen zur Verfügung zu stellen, ohne die Zentralregierung in Bagdad darüber zu informieren.

Aus Pakistan meldet AP:

Die Taliban haben ein Video veröffentlicht, in dem die Hinrichtung von 16 pakistanischen Polizisten zu sehen ist. Ein Sprecher der pakistanischen Streitkräfte sagte am Montag, die Beamten seien im Juni bei einem Überfall im Distrikt Upper Dir im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Afghanistan gefangen genommen worden. Das im Internet veröffentlichte Video zeigt, wie die Polizisten gefesselt und aufgereiht von vermummten Taliban-Kämpfern erschossen werden. Die Taliban begründen die Hinrichtungen in dem Video mit der Behauptung, die Männer hätten Kinder getötet.

Reuters meldet aus Tunesien:

In Tunesien ist es am Wochenende zu den bislang schwersten Krawallen mit mutmaßlichen Extremisten gekommen. In Intilaka im Westen der Hauptstadt Tunis legten Jugendliche Feuer in einer Polizeiwache. Die Sicherheitskräfte setzten ihrerseits Tränengas gegen die rund 200 Jugendlichen ein und schossen in die Luft. Viele in der Menschenmenge trugen lange Bärte und riefen „Gott ist der Größte“. Auslöser der Gewalt waren Zusammenstöße am Freitag, als die Polizei gegen eine Anti-Regierungs-Demonstration in Tunis vorging und dabei Tränengas in eine Moschee sprühte. Aus Polizeikreisen erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters, dass am Sonntag zudem vier Beamte bei Zusammenstößen in Menzel Bourguiba verletzt wurden.

Im Januar hatten die Tunesier den langjährigen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali gestürzt und damit Volksaufstände in mehreren arabischen Staaten ausgelöst. Die Übergangsregierung hat unter anderem das Verbot von muslimischen Parteien aufgehoben. Kritiker befürchten ein Erstarken der Islamisten.

(Gemeint sind wahrscheinlich reaktionäre Revolutions-Kritiker, die den mühsam von der CIA ausgebildeten Arsch Ali gerne weiterhin an der Macht gesehen hätten.)

AP berichtet aus dem Iran:

Der Iran setzt nach eigenen Angaben zur Beschleunigung seiner Urananreicherung neue und effiziente Zentrifugen ein. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) überwache die Arbeiten, erklärte der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Ramin Mehmanparast, am Dienstag. Zur Beschaffenheit der Geräte äußerte er sich nicht.

Der Iran hat erklärt, ein rein ziviles Atomprogramm zu verfolgen, das unter anderem der Energiegewinnung dienen soll. Der Westen befürchtet jedoch, dass Teheran nach Atomwaffen strebt.

Unterdessen rief ein Vertreter des geistlichen Führers des Landes Ajatollah Ali Chamenei offen zu Anschlägen auf europäische und amerikanische Fluggesellschaften auf. Hintergrund ist deren Weigerung, die iranische Luftfahrtindustrie mit Treibstoff zu versorgen. Hossein Schariatmadari erklärte in einem Leitartikel in seiner Tageszeitung „Kaihan“, den Fluglinien sollte „eine unvergessliche Lektion“ erteilt werden.

In der Le Monde Diplomatique berichtet der exilierte Dekan der Universität Isfahan, Fahan Jahanpour, über einen Streit zwischen dem islamischen Klerus und der Regierung, in dem es um die „religiöse Deutungshoheit“ geht:

Begonnen hat die Auseinandersetzung zwischen Irans oberstem geistlichen Führer Ajatollah Ali Chamenei und Präsident Mahmud Ahmadinedschad im April, als der Präsident den Geheimdienstminister Heydar Moslehi entließ und Chamenei daraufhin dessen Wiedereinsetzung verfügte. Zunächst schien es, als werde die Affäre – wie so viele Rivalitäten zwischen den Führungsfiguren der Islamischen Republik – wieder einmal vertuscht. Doch mittlerweile wird der Streit zwischen dem Präsidenten und dem obersten Führer offen ausgetragen und nimmt solche Ausmaße an, dass er das Regime ernstlich gefährden und sich zu einer Krise für die Struktur des gesamten Systems ausweiten kann.

Die Verfassung der Islamischen Republik beruht auf widersprüchlichen Konzepten: So gilt das Herrschaftssystem zwar als Republik, aber es beruht auf der Idee des velayat-e faqih, der Stellvertreterherrschaft der Religionsgelehrten bis zur Wiederkehr des „verborgenen Imams“(1 )der Schiiten. Dem obersten Religionsführer verleiht die Verfassung Machtbefugnisse, die kein Diktator genießt: Sein Wort gilt als das Wort Gottes, wer ihm widerspricht, lehnt sich gegen Gott auf und muss mit den höchsten Strafen rechnen. Der oberste Führer hat die Macht, das Parlament aufzulösen und den Präsidenten zu entlassen, er ernennt den höchsten Richter im Land, und er ist der Oberkommandierende der Streitkräfte, der Revolutionsgarden und der Polizei. Außerdem ernennt er die Imame aller Freitagsmoscheen (in denen auch gepredigt wird) der großen Städte und wirkt damit als Oberaufseher über die iranische Geistlichkeit. Auch bestimmt er die Kleriker, die dem Wächterrat angehören – und von dessen Zustimmung hängt die Zusammensetzung des Expertenrats ab, eines zentralen Verfassungsorgans, das die Amtsführung des geistlichen Führers überwacht und im Falle seines Ablebens oder der Amtsunfähigkeit den Nachfolger wählen soll.

Parlaments- und Präsidentschaftswahlen sind Teil des iranischen Regierungssystems, mit der Einschränkung, dass nur Kandidaten antreten dürfen, die der Wächterrat überprüft und zugelassen hat – ein Vetorecht gegen alle, die sich zur Wahl stellen wollen.

Das geschlossene System der Theokratie

Das Parlament darf Gesetze verabschieden, aber sie werden nur wirksam, wenn sie mit dem islamischen Scharia-Recht und der Verfassung übereinstimmen. Das prüft der Wächterrat, und überdies kann der oberste geistliche Führer die Entscheidungen des Parlamentspräsidenten jederzeit rückgängig machen, was er auch oft tut.

Obwohl äußerlich eine Demokratie, ist diese Herrschaft also in Wirklichkeit theokratisch: ein geschlossenes hierarchisches Machtsystem der Religionsgelehrten mit dem obersten Führer an der Spitze. Entsprechend haben auch seit der Zeit von Ajatollah Chomeini alle Präsidenten Irans nur die Weisungen des Staatsoberhaupts ausgeführt.

Diese Struktur hielt über die vergangenen drei Jahrzehnte hinweg. Als 1997 Forderungen nach Veränderung laut wurden, setzten die Reformer ihre Hoffnungen auf Mohammed Chatami, den Kulturminister im Kabinett des damaligen Präsidenten Akbar Haschemi Rafsandschani. Chatami ging zu Staatsoberhaupt Ali Chamenei und bat um die Erlaubnis, für das Präsidentenamt kandidieren zu dürfen – und weil Chamenei hoffte, damit bei den Wahlen eine Illusion von tatsächlicher Konkurrenz zu erzeugen, stimmte er zu. Entgegen allen Erwartungen errang Chatami am 2. Khordad des iranischen Kalenders (dem 23. Mai 1997) eine deutliche Mehrheit. Vor allem die Frauen und junge, gut ausgebildete Iraner hatten für ihn gestimmt. Seither gab es die Reformbewegung „2. Khordad“.

Chatami und seinen Anhängern ging es um eine „Reform von innen“. Sie wollten demokratische Elemente in das autokratische System aufnehmen. Die Bewegung trat für den Aufbau einer Zivilgesellschaft als Gegengewicht zur religiös bestimmten Gesellschaft ein und für ein weltliches Rechtssystem anstelle der Scharia. Chatami sah den Iran nicht als „Land der Schiiten“, sondern propagierte einen „Iran für alle Iraner“. Er forderte einen „Dialog der Kulturen“, ihm gelang eine vorsichtige Öffnung der iranischen Außenpolitik, und er unternahm Schritte zu einer Normalisierung der Beziehungen mit dem Westen.

Das alles gefiel Ali Chamenei und den Hardlinern natürlich nicht. Zunächst verbot die von Klerikern dominierte Justiz dutzende reformorientierte Zeitungen. Das Geheimdienstministerium ging noch weiter: Eine Reihe von Mordanschlägen traf Intellektuelle und Aktivisten der Reformbewegung. Und Chatami klagte darüber, dass ihm die Hardliner ungefähr alle neun Tage eine neue Krise bescherten. Nachdem Chatami zwei Amtsperioden durchgehalten hatte, wollte Chamenei den Fehler, eine Regierung unter Führung der Reformer zuzulassen, nicht noch einmal wiederholen. Im Juni 2005 unterstützte er, nach Rücksprache mit der Fraktion der Hardliner sowie mit den Revolutionsgarden und den Basidsch (einer fanatischen Miliz innerhalb der Revolutionsgarden, ähnlich den faschistischen Schwarzhemden) den relativ unbekannten Kandidaten Mahmud Ahmadinedschad, ehemaliges Mitglied der Revolutionsgarden und früherer Bürgermeister von Teheran.

Ahmadinedschad gewann die Präsidentschaftswahlen und legte ein populistisches Programm auf: Subventionen für die armen Schichten aus den Öleinnahmen des Landes, Rückbesinnung auf die „reinen“ Anfänge unter Ajatollah Chomeini. Zugleich ging er gezielt gegen die Reformer vor. Zahlreiche Intellektuelle und politische Führer des Reformlagers wurden unter irgendwelchen Vorwänden verhaftet und verurteilt, die wenigen reformorientierten Zeitungen verboten. Auch Feministinnen, Künstler, Filmemacher und Menschenrechtsaktivisten gerieten unter Druck, viele von ihnen kamen ebenfalls in Haft.

Vor den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 nahm das Reformlager einen neuen Anlauf: Gegen Ahmadinedschad schickten sie Mir Hossein Mussawi ins Rennen, der sich als Ministerpräsident (1980 bis 1988) während des iranisch-irakischen Kriegs einen guten Ruf erworben hatte. Mussawi griff viele der einstigen Forderungen von Mohammed Chatami auf und hoffte, bei den gebildeten, reformfreundlichen Bevölkerungsschichten zu punkten.

Allen unabhängigen Beobachtern zufolge hat Mussawi bei dieser Wahl einen klaren Sieg errungen. Aber schon einen Tag nach der Abstimmung wurde Ahmadinedschad offiziell zum Sieger erklärt – mit einem unglaubwürdig großen Vorsprung.(2) Und noch vor Bekanntgabe der Wahlergebnisse äußerte sich der oberste Führer Chamenei in einem überraschenden öffentlichen Auftritt: Er bezeichnete den Sieg Ahmadinedschads als eine „Gnade Gottes“.

Millionen von Iranern fühlten sich betrogen. Sie gingen auf die Straße und riefen: „Wo ist meine Stimme?“ Es war der Beginn der „Grünen Bewegung“. Seit der islamischen Revolution hatten im Iran nicht mehr so viele Menschen demonstriert. Die Sicherheitskräfte, die Basidsch-Miliz und diverse Schlägertrupps in Zivil griffen die Leute an. Etwa siebzig Demonstranten wurden getötet, hunderte verletzt, und viertausend Menschen kamen in Haft.(3)

Die Erfindung eines „iranischen Islam“

Als das Regime 2011 die Behauptung aufstellte, die Volksaufstände in mehreren Ländern der arabischen Welt seien durch den Geist der islamischen Revolution im Iran inspiriert, riefen Mussawi und der Reformer Mehdi Karrubi zu Demonstrationen auf: Am 12. Februar sollten die Iraner ihrer Unterstützung für die Erhebungen in Tunesien und Ägypten Ausdruck verleihen. Die Kundgebungen wurden verboten, weil sie womöglich, so die Befürchtung der Machthaber, die Stärke der Grünen Bewegung offenbart hätten.

Trotzdem sind Berichten zufolge mehr als 350 000 Menschen in den Städten auf die Straße gegangen. Sie wurden beschossen und verprügelt, es gab zwei Tote und viele Verletzte, Hunderte wurden verhaftet. Am Tag darauf ließ das Regime Mussawi und Karrubi und deren Ehefrauen verhaften. Über ihren Verbleib ist seither nichts bekannt. Mussawi durfte nicht einmal an der Beerdigung seines Vaters teilnehmen, der starb, als Mussawi in Haft war.

Für Ahmadinedschad und seine Hardliner sah alles danach aus, als hätten sie genug Rückhalt in der Bevölkerung, um ihren eigenen Kurs einzuschlagen. Offenbar hatten sie vergessen, dass der Präsident, ebenso wie seine mehr oder weniger glücklosen Vorgänger, dem obersten Führer unterstand, und dass Chamenei das, was er einmal gegeben hatte, auch wieder nehmen konnte. Zusammen mit seinem engen Vertrauten Esfandiar Rahim Maschaie, zeitweilig Erster Vizepräsident, dann Berater und Bürochef des Präsidenten, entwickelte Ahmadinedschad ein Konzept, mit dem er den durch die gefälschten Wahlen entstandenen Vertrauensverlust kompensieren wollte.

Man besann sich auf die Geschichte des Irans und führte den Begriff „Iranischer Islam“ ein. Maschaie erklärte die Schia zur besten Auslegung des Korans, weil sie stets der Weisung der Imame unterstanden habe – mit dieser „iranischen Schule des Islams“ habe das iranische Volk, das schon immer an den einen Gott geglaubt habe, den Islam bereichert. Nach seiner Formulierung besitzen die Iraner „ein reines Verständnis der Glaubenswahrheit und des islamischen Monotheismus“. Und: „Der Iran ist die wahre Manifestation des Glaubens.“

Ahmadinedschad hat sich diesen Vorstellungen angeschlossen. Als das British Museum im September 2010 den Kyros-Zylinder(4) für eine Ausstellung im Iranischen Archäologischen Museum auslieh, pries Ahmadinedschad in seiner Eröffnungsansprache den altpersischen König Kyros II. nicht nur als Gründer des iranischen Großreichs, sondern auch als eines der bedeutendsten moralischen Vorbilder der Menschheit. In einem einstündigen Interview, das er danach gab, kam fünfundvierzigmal das Wort „Iran“ vor.

Die Konservativen waren über diese Hervorhebung des ,Iran‘ empört und warfen Ahmedinedschad sogar Ketzerei vor. Sein früherer Mentor und Förderer Ajatollah Mesbah Yazdi sprach sich öffentlich gegen diese Vorstellung eines „Iranischen Islams“ aus und bezeichnete Ahmadinedschads Äußerungen als skandalös – dies sei der „zweite Aufruhr“ nach dem Aufruhr der Reformbewegung.

Der Konflikt verschärfte sich, weil Maschaie und Ahmadinedschad auch noch die baldige Wiederkehr des „verborgenen Imams“ vorhersagten. Eine Reihe von sogenannten Dokumentarfilmen, die seit Anfang 2011 unter dem Titel „Die Wiederkehr steht kurz bevor“ gezeigt wurden, deutete weltweite Ereignisse – Naturkatastrophen, Kriege, die Aufstände in islamischen Staaten, die Wirtschaftskrise und so weiter – als Anzeichen für diese Wiederkehr. In den vielfach vorgeführten Filmen kommt auch Präsident Ahmadinedschad vor – als die Verkörperung von Schuaib ibn Salih, eines Heiligen, der den Verborgenen Imam begleiten werde.

Auch in der jüdisch-christlichen Religion gibt es bekanntlich den Glauben an die Wiederkunft des Messias. Aber dass ein amtierender Präsident als Begleiter des Erlösers genannt wird, ist doch etwas Besonderes. Als Religionsgelehrte können der Präsident und sein Berater Chamenei und dem religiösen Establishment nicht das Wasser reichen. Wenn aber der Verborgene Imam in Erscheinung tritt, verliert der gesamte Klerus seine Bedeutung – und dann soll ausgerechnet Ahmadinedschad an der Seite des Erlösers an der Errichtung einer neuen Weltordnung mitwirken, die Frieden und Gerechtigkeit bringt.

Ahmadinedschad hat seine Verehrung für den Verborgenen Imam stets betont. Vor jedem öffentlichen Auftritt spricht er ein Gebet für dessen Wiederkehr. Einmal ist er sogar mit seinem gesamten Kabinett zu dem Brunnen in der Jamkaran-Moschee bei Qom gereist, aus dem der Imam dereinst emporsteigen soll.

Der Präsident im Bund mit bösen Geistern

Für die Ajatollahs war das Getue um die bevorstehende Wiederkehr des 12. Imams noch unerträglicher als die Idee eines „Iranischen Islams“. Ajatollah Mesbah Yazdi wies nachdrücklich darauf hin, dass es Normalsterblichen nicht zustehe, sich zur Wiederkehr des Verborgenen Imams zu äußern oder gar den Zeitpunkt vorherzusagen. Einzig und allein der hohen Geistlichkeit sei es vorbehalten, die heiligen Texte zu interpretieren. Ein anderer ranghoher Korangelehrter, Gholam-Reza Mesbahi-Moqaddam, erklärte: „Sollte Ahmadinedschad, Gott behüte, der Meinung sein, der Verborgene Imam unterstütze die gegenwärtige Regierung, so ist er im Unrecht. Der Imam Zaman würde mit Sicherheit weder eine Inflationsrate von 20 Prozent zulassen noch die vielen anderen Missstände hinnehmen, die heute in unserem Land herrschen.“

Eine weitere Kampagne von Ahmadinedschad und Rahim Maschaie zielt direkt auf die schiitische Geistlichkeit, die als altmodisch hingestellt wird und keinen Bezug zur heutigen Welt habe. 2008 trat Maschaie als Schirmherr einer Veranstaltung in Teheran auf, bei der eine Frau auf einem Podium Koranverse vortrug, während andere Frauen dazu Tamburin spielten. Aus der Sicht der Korangelehrten war dieses Fest und erst recht die Musikbegleitung nicht im Einklang mit Koran und ein Verstoß gegen die Scharia. Maschaie konterte, indem er den Klerikern Ignoranz und Gefühllosigkeit vorwarf. Die Musik, erklärte er, unterstütze doch die Spiritualität und reinige die Seele – wer dies nicht begreife, stehe noch niedriger als die Tiere.

Die Botschaft ist klar: Das Volk braucht die Schriftgelehrten nicht, um den Islam zu verstehen. Seit Bestehen der Islamischen Republik sind Ahmadinedschad und seine Mitstreiter die ersten Vertreter der weltlichen Macht, die sich bewusst von den Großajatollahs in Qom distanzieren. Der Präsident ist wiederholt mit dem gesamten Kabinett in verschiedene Provinzen des Landes gereist. Nur der Besuch in der Provinz Qom wurde mehrfach verschoben. Als er am 25. Mai 2011 endlich stattfand, waren nur wenige Minister dabei, und es kam zu keinem Treffen mit der hohen Geistlichkeit.

Letztlich handelt es sich um einen Machtkampf: Ahmadinedschad und seine Anhänger fordern Ajatollah Chamenei und die hohe Geistlichkeit heraus, die anscheinend Rückhalt bei den wichtigsten Führern der Revolutionsgarden hat. Das Chamenei-Lager wird bei seinen Angriffen auf den Präsidenten und seine Gefolgschaft zunehmend bösartig. So wurde Rahim Maschaie der Hexerei, des „Spiritualismus“ und der Verschwörung mit bösen Geistern (Dschinns) beschuldigt. Mehr als zwanzig Berater und Mitarbeiter des Präsidenten sind wegen Hexerei verhaftet worden.

Nachdem das iranische Parlament beschlossen hatte, einige Ministerien zusammenzulegen, um den bürokratischen Aufwand zu reduzieren, vereinigte Ahmadinedschad das Ministerium für Straßenbau und Verkehr mit dem Ressort für Wohnungsbau und Stadtentwicklung, das Energie- mit dem Ölministerium, das Ressort Bergbau und Industrie mit dem Handelsministerium sowie das Ministerium für Wohlfahrt und Soziales mit dem Arbeitsministerium. Allerdings versäumte er, die neuen Ministerposten vom Parlament absegnen zu lassen. Und er übernahm selbst das Ölministerium, zu einem Zeitpunkt, als der Iran, erstmals nach 36 Jahren, den Vorsitz in der Opec innehat – Ahmadinedschad würde also den nächsten Opec-Gipfel in Wien leiten.

Einer Weisung des Wächterrats, die Ahmadinedschads Vorgehen für unrechtmäßig erklärte, widersetzte sich der Präsident. Es kam zu einem Treffen der drei staatlichen Gewalten, im Beisein des obersten geistlichen Führers. Chamenei erklärte, die Entscheidung des Wächterrats sei bindend und die Regierung habe ihr Folge zu leisten, doch der Präsident blieb störrisch. Anfang Juni beschloss das Parlament, den Präsidenten wegen Verstoß gegen das Gesetz der Strafverfolgung zu überantworten – am Tag darauf ernannte Ahmadinedschad einen neuen Ölminister.

Die Machtprobe zwischen Ahmadinedschad und Chamenei geht weiter, mit ungewissem Ausgang. Verschiedene Szenarien sind denkbar: Der Präsident könnte zurücktreten oder seines Amts enthoben werden oder – im für ihn besten Falle – weiterregieren, wenn auch deutlich geschwächt.

Bei seiner Rede zum Todestag Chomeinis am 4. Juni wurde Ahmadinedschad von den Zuhörern mehrfach unterbrochen. „Tod für Maschaie“ riefen sie und hielten Plakate mit dem Bild von Chamenei in die Höhe. Am 17. Juni meldete die Nachrichtenagentur Fars, das Parlament habe eine Untersuchungskommission gebildet, die „den Berichten über die Machenschaften von Esfandiar Rahim Maschaie und Hamid Baghai nachgehen soll, zwei hochrangigen Beratern von Präsident Mahmud Ahmadinedschad“. Das Parlament wolle damit „die anhaltenden Störungen in der staatlichen Verwaltung untersuchen, die von einer abweichenden Strömung ausgehen […] vor allem durch Personalentscheidungen und die Zweckentfremdung von Finanzmitteln.“

Schon am 2. Juni hatte der stellvertretende Parlamentspräsident Mohammad Reza Bahonar die folgende Erklärung abgegeben: „Wir waren zu der Auffassung gelangt, dass der geistliche Führer alles daransetzen würde, um dieser Regierung ein Ende zu setzen. Aber anscheinend will er doch, dass sie ihr Mandat in aller Ruhe bis zum letzten Tag ausübt. Die zehnte Regierung der Republik wird nicht vorzeitig abtreten.“ Zugleich rief er die Regierung allerdings auf, sich von den „Abweichlern“ im Kabinett zu distanzieren. Ahmadinedschad wird sich dazu verhalten müssen.

Es bleibt die Einsicht, dass sowohl die Reformer als auch die Hardliner mit dem Versuch gescheitert sind, das iranische Herrschaftssystem von innen zu erneuern. Da dieses Regime unfähig ist zur Veränderung, wird wohl erst sein Sturz den Weg zu einer säkularen, demokratischen Regierung freigeben.

Fußnoten:
(1) Die Mehrheit der Schiiten glaubt, der 874 verschwundene 12. Imam, rechtmäßiger Führer aus der Nachkommenschaft des Kalifen Ali, des Schwiegersohns des Propheten, sei nicht tot, sondern „entrückt“. Revolutionsführer Ajatollah Chomeini führte die (von anderen Ajatollahs bestrittene) Vorstellung ein, bis zur Wiederkehr dieses „verborgenen Imams“ sei der „oberste Korangelehrte“ der Schiiten sein irdischer Stellvertreter, mit unbeschränkter Machtbefugnis.
(2) Siehe „Iran’s Stolen Election“, Open Democracy, London, 18. Juni 2009, www.opendemocracy.net/article/iran-s-stolen-election-and-what-comes-next.
(3) Siehe Ahmad Salamatian, „Iranische Intrigen“, Le Monde diplomatique, Juli 2009.
(4) Ein auf 539 v. Chr. datierter Zylinder aus Ton, der ein in Keilschrift verfasstes Edikt des Königs Kyros II. zeigt.

Die Frankfurter Rundschau berichtet aus Kassel:

Rund 250 Demonstranten sind am Samstag vor das Kasseler Rathaus gekommen, um gegen einen Export von Leopard-2-Panzern nach Saudi-Arabien zu protestieren. Organisationen der Friedensbewegung und die Linkspartei haben zu der Aktion aufgerufen, die bis zum Standort des Leopard-Herstellers KMW führt. Peter Strutynski, Sprecher des Kasseler Friedensforums, freut sich über die Resonanz. Die Demo hatte nur wenige Tage Vorlauf. Es sind Ferien. Und in Gießen wird parallel gegen Nazis demonstriert.

Viele, die sich dem Protest in Kassel anschließen, gehören zum festen Stamm der Friedensdemonstranten. Aber nicht alle. „Es gibt nicht so oft Krauss-Maffei-Wegmann-Demos in Kassel“, sagt etwa Joe Finer zu seiner Motivation, diesmal dabei zu sein. Er sei sowieso gegen die Rüstungsindustrie. Und jetzt verkaufe KMW auch noch Panzer an Saudi-Arabien – „ein brutales Regime“, das gerade dabei geholfen habe, die Proteste in Bahrain niederzuschlagen. Auch bei Kerstin Wolff haben die Nachrichten über den Saudi-Arabien-Deal besondere Empörung ausgelöst. Dass ein Bundessicherheitsrat entscheidet, wohin Deutschland Waffen liefert, aber die Entscheidungskriterien nicht einmal dem Parlament offen legt, entspreche „nicht dem, was ich unter Demokratie verstehe“, so die Wissenschaftlerin. „Das muss im Bundestag diskutiert werden.“ Und jetzt gehe es auch noch um Waffen für Angola.

Nicht nur in Kreuzberg schlagen sich immer mehr christliche junge Frauen schleierähnliche Gebilde um den Kopf, und nicht nur in Frankreich wird das „Schleierverbot“ diskutiert – auch in Israel gibt es solche Phänomene/Debatten:

„Eine kleine Gruppe Ultra-Orthodoxer Juden in der Stadt Beit Shemesh entschieden sich zum tragen des Niqab vor drei Jahren um ihre Schamhafitgkeit zu bewahren. Seitdem hat sich diese Angwohnheit auf fünf weitere israelische Städte verbreitet, was bei ultro-orthodoxen Führern, welche Anfangs dachten es wäre harmlos, die Alarmglocke hat läuten lassen – obwohl bisher die Anzahl Niqab-tragender Frauen kaum mehr als 500 beträgt.

„Es besteht die große Gefahr bei dieser Übertreibung, dass die Frauen das Gegenteil tun, was sie beabsichten, nämliche eine große Sünde zu begehen.“ Sagte Shlomo Pappenheim, ein Mitglied des Rabbiner-Kommites.

Ultra-Orthodoxe Frauen müssen sich in der Öffentlichkeit anständig dezent kleiden und ihre Köpfe bedecken mit einem Schal, Hut oder einer Perücke.

Aber einige fanden, dass das nicht genug ist und haben beschlossen ihr Gesicht zu bedecken und weite Kleider zu tragen um die Form ihres Körpers zu bedecken, sie meinen nur so können sie wirklich keusch sein.

Seitdem sie Niqab trägt, wurde die Frau von Nachbarn beschimpft als „dreckige Araberin“ und wurde öfters von israelischen Soldaten angehalten und nach dem Ausweis gefragt um zu beweisen, dass sie keine Muslimin ist. Sie ließen nach, nachdem sie ihnen ihre eindeutig jüdischen Kinder zeigte.

Dieser Trend hat auch Auswirkungen auf das Familienleben. Ein Ehemann ging zum Gericht um die Erlaubnis zu erhalten seine Frau dazu zu zwingen den Niqab auszuziehen. .

Sein Plan ging allerdings nicht auf. Das Gericht entschied, dass das Verhalten der Frau so „extrem“ ist, dass es die sofortige religiöse Scheidung verlangte.“ (dawa-news)

Die taz interviewte kürzlich eine Deutsche, Melani Mariam Shabaz, die einen Gesichtsschleier trug:

taz: Frau Shahbaz, ist ein Gesichtsschleier – der Niqab – ein Zeichen für die Ungleichheit von Mann und Frau?

Maryam Shahbaz: Ach, das ist doch Käse.

Viele Menschen – auch solche, die das Kopftuch okay finden – denken so.

Nein, das ist kein Zeichen der Ungleichheit. Was für ein Schwachsinn. Das wäre so, wenn es wirklich von den Männern aufgezwungen würde.

Sie kennen doch viele Frauen, die Niqab tragen. Hatten Sie bei manchen den Eindruck, dass sie dazu gezwungen werden?

Vielleicht gibt es das vereinzelt irgendwo in Deutschland. Aber ich kenne wirklich viele, und bei denen war das immer aus freien Stücken. Sie wollten das und hatten Spaß daran.

Und trotzdem: Niemand würde behaupten, dass Männer ihr Gesicht bedecken sollen. Die Diskussion dreht sich nur um die Gesichter von Frauen. Stört Sie das nicht?

Nein, aber ich finde es albern, wenn sich Männer an dieser Diskussion beteiligen. Das wirkt auch unglaubwürdig. Wenn, dann sollen Frauen darüber reden.

Sie wollten Ihr Gesicht bedecken?

Ja, zu der Zeit wollte ich das unbedingt. Aber dann ging es nicht mehr.

Warum nicht?

Ich wurde einfach ständig angepöbelt und beleidigt. Auf der Straße, im Supermarkt. Sogar, wenn mein kleiner Sohn dabei war. Darauf haben diese Leute überhaupt keine Rücksicht genommen.

Und das hat Sie so sehr gestört, dass Sie den Niqab wieder abgelegt haben?

Ja. Das ging nicht so spurlos an mir vorbei. Manche sind stark genug, das auszuhalten, andere stecken sich Ohrstöpsel in die Ohren. Aber ich bin sensibel. Ich habe jedes einzelne Mal danach gegrübelt und mir überlegt, wie ich anders hätte reagieren können. Ich war immer gereizt, wenn ich rausging. Und ich wollte nicht, dass mein Sohn einen Hass auf die Menschen entwickelt, weil die ständig böse auf seine Mutter sind. Das bekommt er ja mit.

Was waren das für Menschen?

Eindeutig mehr Männer als Frauen. Viele Frauen haben das hinter vorgehaltener Hand gemacht, Männer eher sehr offensichtlich. Jüngere Leute haben meistens gekichert, beleidigend geworden sind vor allem ältere.

Ihnen ist der Niqab vielleicht am wenigsten vertraut?

Sie müssen ihn gar nicht kennen. Ich muss auch keinen Punker kennen, um ihn zu tolerieren. Diese Pöbeleien sind mir mit Kopftuch übrigens auch passiert, aber viel weniger.

Wäre die Reaktion der Leute nicht gewesen, würden Sie den Niqab immer noch tragen?

Nein, ich kann es mir im Moment nicht vorstellen, aber ich habe mich gut damit gefühlt.

Inwiefern?

Es war ein extrem freies Gefühl. Ich war davor immer darauf aus, hübsch zu sein, um von außen Anerkennung zu bekommen. Meine Persönlichkeit habe ich in den Hintergrund gestellt. Mit dem Niqab war ich davon erlöst. Ich war endlich „ich“. Ich wollte, dass die Menschen nur auf meine inneren Werte achten können, weil sie das Äußere gar nicht sehen.

Hat das geklappt?

Unter den Schwestern mit Niqab war es tatsächlich so: Da hat der Charakter eine sehr große Rolle gespielt. Aber die meisten Menschen haben nur noch den Niqab wahrgenommen. Und auch manche Muslime haben mich komisch angeguckt. Einmal hat mich eine Gruppe von Frauen mit Kopftuch vor der Moschee ausgelacht.

Ist Ihnen das Aussehen jetzt wieder wichtiger?

Mittlerweile habe ich meine kleine Familie, und es ist mir wurscht, was andere denken. Wenn es klingelt, und ich habe einen Kotzfleck vom Baby am T-Shirt, dann ist das halt so.

War der Niqab für Sie auch eine Art Schutzschild?

Es war schon einfacher. Kein Mensch hat mein Gesicht gesehen. Ich musste nicht auf meine Mimik achten, wenn mich jemand blöd angemacht hat. Manche waren so affig, da musste ich innerlich lachen. Oder wenn dann zum zwanzigsten Mal jemand sagte, das würde so schrecklich aussehen, dann bin ich sauer geworden. Aber mein Gegenüber bemerkte das nicht. Das war wirklich ein sehr freies Gefühl. Ich konnte reagieren, wie ich wollte, ohne jemanden zu provozieren.

Was hat die Menschen denn genau gestört?

Viele sagten, das würde nicht hierhergehören. Oder behaupteten einfach, es gebe ein generelles Vermummungsverbot in Deutschland. Als Deutsche wurde ich gar nicht mehr wahrgenommen. Ich war halt die Ausländerin.

Wie haben Sie reagiert?

Das ist sehr schwer. Denn diskutieren wollen die ja nicht. Sie geben halt ihren Senf dazu. Wenn man sich hinstellt und fragt, was sie stört, sind nur wenige bereit, darüber zu reden. Einmal ging das aber. Da war ich im Sommer mit meinem Mann und meinem Sohn im Park, bei wunderschönem Wetter. Eine Frau kam an und sagte mir, ich würde schrecklich aussehen. Ich bin stehen geblieben und fragte, was ihr Problem sei. Sie meinte, es sei doch so schönes Wetter. Ob ich mich nicht auch freimachen und das genießen wolle. Ich habe ihr dann erklärt, dass ich das Wetter auch so genießen kann. Diese Frau war bereit, zu diskutieren, sie hat mir zugehört und mich reden lassen. Wenn es mehr solche Menschen gäbe, wäre es schon einfacher.

Und war Ihnen tatsächlich heiß unter dem Niqab?

Schon, aber das hat mich nie gestört. Man kann es aushalten. Mein Niqab war wärmer, weil ich einen eher dicken Synthetik-Stoff getragen habe. Im Winter ist das natürlich praktisch. Die Luft staut sich und es ist wärmer. Es gibt aber auch Niqabs aus hellen, ganz leichten Baumwollstoffen.

Kann man durch diesen dicken Stoff gut hören?

Ein bisschen gedämpfter als sonst, aber das ist bei leichten Stoffen nicht so.

Und wie ist es mit dem Riechen und Fühlen?

Alles prima. Man darf das eben nicht zu eng binden, sonst bekommt man Kopfweh. Auch Trinken und Essen geht, man muss den Stoff nur etwas anheben und den Strohhalm oder etwas zu Essen darunterschieben. Die Leute gucken komisch, aber es ist möglich. Eigentlich konnte ich mit Niqab alles machen. Aber natürlich gibt es Dinge, die man dann einfach nicht tut.

Was denn?

Zum Beispiel Rauchen oder Küssen. Beides geht prinzipiell, aber dann hätten alle Leute, die mich sehen, sofort gesagt: „Stell dir vor, ich hab da eine gesehen, die geraucht hat …“ Es wird schnell verallgemeinert und der Niqab ist ja noch viel auffälliger als das Kopftuch. Man muss schon ein gewisses Bild repräsentieren.

Wie stand Ihr Mann – er stammt aus Pakistan – zum Niqab?

Na ja, ich hab einen bestellt und ihm so vor den Latz geknallt. Er hat mich total verdattert angeguckt. Und das Erste, was er sagte, war: „Das ziehst du nicht an, wie sieht denn das aus?“ Er sagte, es sei gefährlich und passe nicht hierher.

Gefährlich?

Er hatte Angst vor der Reaktion der Menschen. Er wusste nicht, ob ich dem gewachsen bin.

Und er fand, es passe nicht nach Deutschland.

Ich sage: Es passt nicht in Behördenjobs. Wenn ich in eine Behörde gehe, und da sitzt eine Frau mit Niqab hinter dem Schalter, würde ich mich auch fragen, wo ich gelandet bin. Ohne dass das jetzt irgendwie beleidigend gemeint ist. Aber privat soll doch jeder rumlaufen, wie er möchte. Ich habe gar kein Recht zu sagen, das passt hierher oder nicht. Es gibt doch so viel, was aus anderen Ländern zu uns rüberschwappt an Styles und so. Da kann man dafür doch auch offen sein. Soll doch jeder machen, was er möchte. Ich bin da toleranter.

Wie haben Ihre Familie und enge Freunde reagiert?

Die meisten in meiner Familie wussten es gar nicht, aber intensiver möchte ich darauf nicht eingehen. Nur meine Oma wusste es, und die fand es interessant. Viele Freunde haben es akzeptiert. Aber eine enge Freundin hat sich völlig von mir abgewandt.

Sie haben den Niqab ein Jahr getragen – und jetzt nicht mal mehr Kopftuch. Warum?

Es war irgendwie nicht mehr so ein Teil von mir. Es erscheint mir so, wie mein Glaube momentan ist, nicht als das Richtige. Ich habe nicht den Drang danach, obwohl ich persönlich aus den Texten lese, dass es verpflichtend ist.

Dachten Sie das vom Gesichtsschleier auch mal?

Ja, ich war der festen Überzeugung, dass der Islam ihn vorschreibt.

Warum?

Das lag an Menschen, mit denen ich damals sprach, und an verschiedenen Internetseiten, die sich mit dem Thema beschäftigen. Das hat mir gereicht. Ich hatte meine „Beweise“ und das war’s.

Heute halten Sie diese „Beweise“ nicht mehr für gültig?

Nein, ich denke, dass man diese Stellen im Koran und den Überlieferungen aus dem Leben des Propheten anders auslegen kann.

Sehr viele Muslime sehen den Niqab überhaupt nicht als etwas „Islamisches“ an und sagen, es sei falsch, die Quellen so auszulegen.

Na ja, die Frauen, die ihn tragen, denken in der Regel, er sei religiös vorgeschrieben. Ich denke, jeder Mensch muss selbst entscheiden, ob es für ihn zum Islam gehört oder nicht.

Die Menschen, mit denen Sie damals darüber sprachen, waren das Männer oder Frauen?

Frauen. Nette Schwestern. Ich kannte bei Facebook viele, die Niqab getragen haben, später habe ich einige persönlich getroffen. Und ich fand es faszinierend, wie das gewirkt hat.

Wie denn?

Mich hat die Stärke dieser Frauen fasziniert. Die Stärke, den Niqab zu tragen, egal was passiert. Ich hatte den Eindruck, dass an ihnen alles abprallt, dass sie sich von nichts beirren lassen. Die haben so ihr Ding gemacht, und das habe ich als starke Persönlichkeit wahrgenommen. Und dann bin ich so mitgelaufen, eine gewisse Zeit, dann nicht mehr.

Sie haben sich auf Facebook gezielt mit Frauen befreundet, die ihr Gesicht bedecken?

Ich dachte, ich könnte etwas von ihnen lernen. Ich habe ihre Nähe gesucht. Nach meiner Konversion hatte ich sehr viele Fragen. Zum Beispiel, warum man ein Kopftuch tragen soll. Oder wo meine Oma – die natürlich nicht Muslimin ist – hinkommt, wenn sie stirbt. In die Hölle oder den Himmel? Ich habe Unterstützung gebraucht.

Von Frauen, die ihr Gesicht bedecken?

Ich kannte privat fast nur männliche Muslime, die mir nicht wirklich helfen konnten. Da habe ich angefangen, mir ein Netzwerk aufzubauen. Und die Frauen mit Niqab waren alle viel älter als ich und länger im Islam und sie wussten ganz viel. Ich konnte damals nicht einmal beten. Der Niqab wird oft mit viel Wissen in Verbindung gebracht – und ich wusste kaum etwas über die Religion.

Konnte Ihr Mann Ihnen nicht helfen?

Auf eine gewisse Art schon. Aber er glaubt eher so vom Herzen her. Für ihn muss einfach die reine Absicht stimmen, man muss höflich sein mit den Menschen. Diese ganzen Werte, die kamen von ihm.

Aber?

Zum Kopftuch hat er zum Beispiel eine gespaltene Meinung. Er kommt ja aus Pakistan, da werden lange, oft durchsichtige Schaltücher getragen, wie man sie aus Indien kennt. Immer alles bunt und mit Schmuck. Das ist eben Tradition, nicht unbedingt islamisch. Er konnte mir nicht wirklich das erzählen, was ich wissen wollte. Belege aus dem Koran oder den Überlieferungen aus dem Leben des Propheten zu finden – das hat ihn überfordert. Er ist ja kein Gelehrter.

Sie sind nun seit zwei Jahren Muslimin. Brauchen sie solche Belege noch?

Nein, denn mittlerweile weiß ich viel mehr. Und ich schlage selbst nach, wenn ich etwas wissen möchte.

Ist der Islam immer noch das Richtige für Sie?

Ich habe den richtigen Weg für mich gefunden. Obwohl ich nicht so das Musterbeispiel bin, ich trage ja zum Beispiel kein Kopftuch mehr. Und es gab eine Zeit, in der hatte ich Zweifel. Da habe ich mich gefragt, warum bestimmte Dinge passieren, wenn es doch Gott gibt. Aber als ich – in Anführungsstrichen – Christin war, gab es kein Zweifeln. Damals habe ich komplett nicht geglaubt.

Was ist Ihnen für Ihr Leben wichtig?

Ich habe eigentlich nicht viele Ansprüche. Mir ist meine Familie wichtig und ein ruhiges, geregeltes Leben. Mehr möchte ich nicht. Toleranz, Höflichkeit, Respekt – das sind Werte, die mir wichtig sind.

Arbeiten Sie?

Im Moment nicht, der Kinder wegen. Ich hatte eine Ausbildung angefangen als pharmazeutisch-technische Assistentin, aber die musste ich abbrechen, weil mein Großer anfing zu zahnen und ständig Fieber hatte. Die Kinderbetreuung hat ihn so nicht genommen. Da ich so viele Fehltage hatte, war es besser, abzubrechen. Denn dann hätte ich die Ausbildung später weiterführen können.

Haben Sie aber nicht?

Mein Sohn ist jetzt drei Jahre alt, aber nun ist die Kleine da. Das war nicht geplant, dass sie so schnell kommt. Und nun heißt es warten. Bis sie etwas größer ist.

Den Namen Maryam haben Sie angenommen. Wie hießen Sie denn früher?

Melanie. Ich bin ja auch Deutsche. Als ich konvertiert bin, habe ich meinen Vornamen gewechselt – im Pass steht aber immer noch Melanie.

Wie kam es dazu, dass Sie konvertiert sind?

Da waren mein Mann und ich schon ein Jahr zusammen. Und es war nicht wegen ihm, das möchte ich betonen, weil das viele denken. Ich war schon immer neugierig auf den Islam. Aber es kam nie jemand, der mich mal aufgeklärt hätte. Kurz vor meiner Konversion habe ich den Koran im Internet bestellt. Und da wurden noch zwei Bücher kostenlos mitgeliefert. In dem einen ging es um Wissenschaft im Koran. Genauer gesagt um Sätze im Koran, die bestimmten wissenschaftlichen Erkenntnissen ähneln, obwohl diese Erkenntnisse zur Entstehungszeit des Koran noch nicht erforscht waren. Zum Beispiel steht drin, dass es sieben Himmel gibt, und es gibt nach einigen Modellen tatsächlich sieben Schichten in der Atmosphäre. Das hat mich begeistert.

Sie haben das geglaubt?

Ja. Und das zweite Buch, das mitgeliefert wurde, hat mich zusätzlich bestärkt. Es ging darin um einen Vergleich des Status der Frau in Islam, Judentum und Christentum. Da stand zum Beispiel, dass es im Islam keine Erbsünde gibt, dass die Frau nicht schuld daran ist, dass Adam den Apfel gegessen hat. All solche Sachen. Wir Frauen haben eine sehr hohe Stellung im Islam – theoretisch. In der Praxis sieht das manchmal anders aus, aber die Theorie ist eigentlich sehr positiv. Das fand ich schön.

Und was ist nach der Konversion passiert?

Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Ich habe es einfach überstürzt.

Weil sie orientierungslos waren?

Ja, schon. Ich wollte mehr wissen und habe nach klaren Antworten gesucht.

Kannten Sie damals keine Muslime, die das alles etwas flexibler handhaben?

Muslime, die nicht so streng waren, habe ich am Anfang gar nicht ernst genommen, sondern selbst kritisiert.

Ihre Facebook-Kommentare wirken, als seien Sie mittlerweile genervt von Gläubigen, die die Dinge etwas enger sehen.

Manche, die strenger sind, nehmen sich das Recht heraus, wirklich alles zu kritisieren, zum Beispiel auch Dinge, die ich auf Facebook schreibe. Das mag ich nicht.

Trotzdem haben Sie es eine Weile selbst gemacht?

Ja, so indirekt. Ich habe das nicht gemerkt. Erst als mein Mann mir sagte, ich hätte mich total verändert. Ich bin intolerant geworden. Aber auch wenn etwas religiös verboten ist, muss man nicht ständig mit dem Finger auf andere zeigen.

Waren Sie Salafistin?

Ich weiß gar nicht, was das ist. Dieses neue Ding von Pierre Vogel? [Anm. d. Red: bekannter islamischer Prediger]

Der Niquab wird oft mit dem Salafismus in Verbindung gebracht. Salafismus bedeutet, dass man sich bei der Auslegung der Quellen an den frühen Gelehrten in der Geschichte des Islam orientiert.

Nein, als Salafistin wurde ich noch nie bezeichnet.

Haben Sie sonst irgendeine Richtung?

Ich würde mich als Sunnitin bezeichnen. Normalerweise aber einfach als Muslimin. Das mit den verschiedenen Richtungen wirkt irgendwie ausgrenzend.

Gehen Sie zu einer bestimmten Moschee?

Im Moment gehe ich zu gar keiner.

Was hätten Sie eigentlich gemacht, wenn plötzlich ein Niqab-Verbot in Deutschland erlassen worden wäre?

Ich wäre zu Hause sitzen geblieben, ganz klar. Da wäre ich dann wahrscheinlich versauert.

Sind Sie heute noch gegen ein Verbot?

Ich habe das Verbot damals als falsch empfunden und empfinde es heute als falsch. Es ist keine Hilfe, es verbannt das Ganze ins Haus. Das Thema wird in der Öffentlichkeit aber wirklich komisch diskutiert.

Inwiefern?

Mein Mann sieht so gerne diese politischen Talkshows im Fernsehen. Ständig kommen da Menschen zu Wort, die angeblich irgendwie Ahnung haben, aber noch nie selbst in der Situation waren, Niqab zu tragen. Die das gar nicht nachvollziehen können und auch nicht mit Frauen gesprochen haben, die das tragen. Aber die dann meinen, sagen zu können, das sei frauenfeindlich oder männerdominiert oder böse. Dabei haben sie keine Ahnung, wie das ist, damit zu leben.

Welche Haltung zum Niqab wünschen Sie sich von anderen Menschen?

Toleranz. Sie müssen es nicht akzeptieren. Sie müssen nicht sagen, dass sie das gut finden. Nur zur Kenntnis nehmen und Punkt. Alles Mögliche wird in dieser Gesellschaft toleriert, nur eine Frau mit Niqab wird gleich angemacht. Das geht nicht. Dann bitte gleiches Recht für alle. Wenn ich das will, dann soll man mich machen lassen. Ich tue niemandem damit weh.

Zwei Wienerinnen in Arabien.

Kommentare (2)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Die Berliner Zeitung veröffentlichte heute einen Bericht ihrer Kairo-Korrespondentin Julia Gerlach vom Tahrirplatz.

    Er beginnt mit den Sätzen:

    Unter den Aktivisten auf dem Tahrir-Platz ist der Begriff „Revolution“ inzwischen verpönt. Das, was im Februar in Kairo gefeiert wurde, sei gar keine Revolution gewesen. Hosni Mubarak sei zwar abgesetzt worden, aber ansonsten sei eigentlich alles beim alten, schimpfen sie. Und man ist geneigt, ihnen recht zu geben. Die Bewegungen des arabischen Frühlings sind ins Stocken geraten.

    Und endet mit einem etwas verharmlosenden Begriff von Revolution:

    Hier zeigt sich allerdings, dass die Demonstranten nicht ganz recht haben mit ihrer Einschätzung, es habe sich nichts verändert. Ägypten hat in den vergangenen sechs Monaten sehr wohl eine Revolution erlebt. Zwar ist das politische System nicht von Grund auf verändert, aber die Menschen sind aufgewacht. Sie haben sich Gedanken gemacht über Demokratie und in was für einem Land sie leben wollen. Vor allem sind sie nicht länger bereit, sich alles einreden zu lassen. Was ist das sonst, wenn nicht eine Revolution!?

    Die Süddeutsche Zeitung meldet heute:

    Bei einer Protestdemonstration islamischer Uiguren in China, bei der eine Polizeistation angegriffen wurde, erschoß die Polizei vier der „Aufrührer“.

    Das US-Magazin „The Nation“ berichtet, dass die CIA in Somalia „ein Gefängnis für Terrorverdächtige“ unterhält. Sie hat es vom somalischen Geheimdienst quasi gemietet. Der US-Präsident hatte der CIA per Dekret verboten, solche „Geheimgefängnisse zu betreiben“.

    Die BZ berichtete:

    In Griechenland streikten die Taxifahrer gegen die Liberalisierung der Lizenzvergabe für Taxis

  2. Kosten des Kampfes gegen den islamischen Terror:

    Das Eisenhower Research Project an der Brown University hat versucht, in einer multidisziplinären Studie die Kriegskosten für die Menschen und die Wirtschaft abzuschätzen:

    Mindestens 137.000 Zivilisten seien im Irak (125.000) und in Afghanistan(12-14.000) durch die Kämpfe und Anschläge getötet worden. Für den unerklärten Krieg in Pakistan geht der Bericht von mindestens 35.000 Todesopfern aus, die Mehrzahl starb in den Jahren ab 2006. Rechnet man Todesopfer bei den Zivilisten und Soldaten zusammen, kommen die Wissenschaftler auf 225.000, konservativ geschätzt.

    Dazu kommen noch viele Flüchtlinge. Allein im Irak haben 3,5 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen oder sind vertrieben worden, davon sind 1,8 Millionen ins Ausland geflohen. 58 Prozent der Haushalte haben keine Lebensmittelsicherheit. Allein in Bagdad soll es 250.000 Obdachlose geben. Insgesamt sollen 7,8 Millionen Menschen vor dem Krieg geflüchtet sein.

    Eine Folge des Kriegs gegen den Terror ist die Einschränkung der Bürgerrechte im eigenen Land und zahlreiche Menschenrechtsverletzungen in den Kriegsgebieten. Profitiert haben vor allem Rüstungsindustrie und private Sicherheitsunternehmen. Umweltbelastungen sind auch nicht gering zu schätzen. Im Krieg steigt der Treibstoffverbrauch, werden Gifte verbreitet, das Wasser mit Öl und Giften von Waffen belastet und nicht zuletzt abgereichertes Uran durch die Munition in der Umwelt abgeladen.

    Die Wissenschaftler sagen, dass sie viele Faktoren der Kriegskosten überhaupt nicht einberechnet haben, vor allem nicht den Schaden, der in Afghanistan, im Irak und in Pakistan entstanden ist, aber auch indirekte Folgen für die Wirtschaft der USA und der Aliierten. Viele Folgen könne man auch gar nicht quantifizieren, zumal Kriege immer die Welt verändern. Man habe nur einen Anfang gemacht.

    (von Florian Rötzer aus „telepolis“, Juli 2011)