https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/05/unsplash_Das-Sasha.jpg

vonHelmut Höge 24.07.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Bahman Nirumand. Photo: wikipedia.de


Das Perserreich – Soraya/Benno Ohnesorg/Die schiitische Bombe

Die Nachrichtenagenturen melden:

1. Drei Kommandeure der Pasdaran, der iranischen Revolutionswächter wurde die Einreise in die EU verweigert, weil sie in Verdacht stehen, dem syrischen Regime von Assad bei der Niederschlagung der Aufstände in Syrien geholfen zu haben.

2. Umgekehrt hat der Iran Deutschland aufgefordert, juristisch gegen einen angeblich in der Bundesrepublik lebenden kurdischen Rebellenführer vorzugehen. Es gehe um den Anführer der kurdischen Rebellenbewegung Pjak, RahmanSalehi kritisiert, dass die Erlaubnis, in Deutschland leben zu dürfen, eine „Ermutigung für Terroristen“ sei, „ihre Verbrechen fortzusetzen“. Der iranische Außenminister Ali Akbar Salehi kritisierte, dass die Erlaubnis, in Deutschland leben zu dürfen, eine „Ermutigung für Terroristen“ sei, „ihre Verbrechen fortzusetzen“. Die Pjak – Partei für Freies Leben in Kurdistan – ist laut AFP regelmäßig in blutige Kämpfe mit iranischen Sicherheitskräften verwickelt. Diese wiederum greifen als Vergeltungsmaßnahme oft die bergige Grenzregion zur autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak an. Die iranischen Revolutionsgarden starteten erst vergangene Woche eine Offensive gegen Stützpunkte der Pjak.

3. Drei Vergewaltiger sind in der iranischen Stadt Kuchan gehenkt worden. Kurz zuvor hatte das Oberste Gericht in Teheran die Todesstrafen bestätigt, berichtete die Tageszeitung „Khorassan“ am Mittwoch. Die Todesurteile wurden demnach bereits am Dienstag vollstreckt. Im Iran werden unter anderem Mord, Vergewaltigung oder Drogenhandel mit der Todesstrafe geahndet. Oft werden die Delinquenten öffentlich hingerichtet.

4. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat sich zutiefst empört über die öffentliche Hinrichtung von drei Männern im Iran gezeigt, bei der auch Kinder zugeschaut haben sollen. Derlei Aktionen verstärkten vielmehr die „Akzeptanz von Gewalt und den Durst nach Blut“ im Iran als den Glauben an Gerechtigkeit, erklärte die Organisation am Donnerstag in London. In einem ihr übermittelten Video ist demnach zu sehen, wie die drei wegen Entführung und Vergewaltigung verurteilten Männer in Kermanschah im Westen des Landes gehängt werden. Amnesty sprach von einer „nicht nur für die Getöteten sondern auch die Zuschauer“ entwürdigenden Aktion. Bei der Hinrichtung am Dienstag hätten Kinder zugesehen, andere Zuschauder hätten Fotos oder Filmaufnahmen davon gemacht.

5. Die iranische Friedensnobelpreisträgerin und Anwältin Schirin Ebadi, derzeit im Exil, prophezeit den Sturz des Systems in Teheran. Der Spiegel (v. 25.Juli 2011) interviewt daraufhin ein halbes Dutzend junge Intellektuelle und Künstler in Teheran über ihr Leben.

6. Der Iran hat angeblich ein unbemanntes US-Aufklärungsflugzeug abgeschossen, das über der Atomanlage Fordu geflogen ist. Das von der Luftabwehr der Revolutionsgarden abgeschossene Spionageflugzeug habe versucht, Daten über die Urananreichungsanlage zu gewinnen, wird der Abgeordnete Ali Aghasadeh Dafsari am Mittwoch auf einer Internetseite zitiert, die zum staatlichen Fernsehen gehört. Wann sich der Zwischenfall ereignet hat, wurde nicht gesagt. Die Atomanlage Fordu wurde in der Nähe der Stadt Ghom unterirdisch in einem Gebirgsmassiv errichtet. Ihre Existenz hat der Iran erst eingeräumt, als sie von westlichen Geheimdiensten 2009 publik gemacht worden war. Am Dienstag hatte der Iran bekanntgegeben, dass die Urananreicherung mit der Installation neuer und technisch modernerer Zentrifugen beschleunigt werden soll.

7. Umgekehrt wurde ein iranischer Atomphsiker erschossen. Nach der Ermordung des Wissenschaftlers in Teheran machte der Iran die USA und Israel für die Tat verantwortlich. Es habe sich um einen „amerikanisch-zionistischen Terrorakt“ gehandelt, erklärte am Sonntag Parlamentspräsident Ali Laridschani. Die staatlichen Medien rückten derweil von ihrer ursprünglichen Darstellung ab, wonach es sich bei dem 35-jährigen Opfer um einen Atomforscher handelte. Darjusch Resaei wurde nach übereinstimmenden Angaben der iranischen Medien am Samstag auf offener Straße erschossen, als er mit seiner Frau die Kinder aus dem Kindergarten holen wollte. Die Täter kamen auf einem Motorrad und töteten ihr Opfer mit fünf Schüssen. Die Frau wurde verletzt. „Dieser amerikanisch-zionistische Terrorakt gegen einen Wissenschaftler des Landes ist ein erneutes Zeichen des Grades der Feindschaft der USA“, erklärte Laridschani nach Angaben der Nachrichtenagentur Mehr. „Die Amerikaner sollten sich die Konsequenzen solcher Akte genau überlegen.“ Sowohl „Mehr“ als auch die anderen Medien des Landes berichteten am Sonntag nicht mehr, dass es sich bei dem Opfer um einen Atomforscher gehandelt habe. Diese Darstellung sei ein Fehler gewesen, hieß es nun beispielsweise bei der Nachrichtenagentur Fars. Der 35-Jährige sei lediglich ein „Student der Elektrotechnik“ gewesen. Am Samstag hatte es noch geheißen, Resaei sei Physiker und Atomexperte, er habe Verbindungen zur iranischen Atomenergie-Organisation gehabt. Zuletzt waren Ende November vergangenen Jahres bei zwei Anschlägen in Teheran ein iranischer Atomexperte getötet und ein weiterer verletzt worden. Zu der Tat bekannte sich niemand, die iranische Regierung machte aber westliche Geheimdienste dafür verantwortlich und nahm mehrere Verdächtige fest. Die USA und andere Staaten werfen Teheran vor, unter dem Vorwand der zivilen Kernkraftnutzung nach Atomwaffen zu streben. Der UN-Sicherheitsrat verhängte wegen des iranischen Atomprogramms mehrfach Sanktionen gegen das Land.

8. Al Dschasira berichtete am 21.Juli 2011 – unter Berufung auf einen CIA-Agenten, dass das von dem vermuteten Atombomben-Bau der Iraner besonders bedrohte Israel im Herbst den Iran angreifen werde. Der iranische Präsident ist der erste seit Hitler, der sich hinstellte und sagte, der jüdische Staat müsse vernichtet werden.

Bereits 2006 widmete der in Deutschland lebende iranische Regimekritiker Bahman Nirumand diesem „Atomstreit“ eine Studie: „Iran – Die drohende Katastrophe“. Gleich im Vorwort heißt es, „dass wir auf eine Katastrophe größeren Ausmaßes zusteuern“. Im Iran habe der „Atomkonflikt“ eine „religiös-nationale Aura“ bekommen und das „Atomprogramm wird wie ein Heiligtum als unantastbar erklärt“. Und sowieso „wäre ein Krieg für die heute regierenden Islamisten ein ‚Geschenk des Himmels‘.“ Ihr größter Waffenlieferant ist Russland, das auch Atomreaktoren für den Iran baut, während China zu den größten Handelspartnern des Landes zählt, das im übrigen von amerikanischen Streitkräften und Militärbasen umzingelt ist – und den Amis als „Schurkenstaat“ gilt. Außerdem ist es umgeben von Atomstaaten (Russland, Pakistan, Indien Israel). Also „was treibt Teheran zu diesem Spiel mit dem Feuer?“ fragt sich Bahman Nirumand in seinem Iran-Buch. „Einiges spricht dafür, dass der Iran tatsächlich die Atombombe anstrebt.“

Zur Beantwortung seiner Frage kommt der Autor noch einmal auf den Sturz des Schahregimes, also auf den iranischen Aufstand von 1978/79 zurück: Der Schah war eine kindische Marionette der USA, des Westens, er wollte das Land mit aller Macht und den Öldollars  „modernisieren“: „Der Aufstand im Iran war ein Aufstand gegen diese Welt, die Revolution war in erster Linie eine Kulturrevolution,“ schreibt Bahman Nirumand, der damals aus dem Exil zurückkehrte und sich in Teheran aktiv am Umsturz beteiligte. Die aufständischen Massen wurden von den Mullahs und Ayatollah Chomeini, der im Exil bei Paris lebte, unterstützt – er verriet sie jedoch: Sobald sein Mullah-Regime gefestigt war, ging die Verfolgung und Vernichtung der „Andersdenkenden“ los. „Zur ersten Zielscheibe wurden Frauen, deren Kleidung nicht den moralischen Vorstellungen der Islamisten entsprach.“ (Die Trennung der Geschlechter ging danach immer weiter: Sie dürfen kein Stück Haut zeigen, auch keine Hände, und damit keine Männer grüßen, sie nicht einmal ankucken, nicht Fahrrad fahren, vor Männern nicht singen usw. Derzeit gibt es Pläne, die Studenten und Studentinnen an den iranischen Universitäten auch getrennt zu unterrichten und es sind in diesem Sommer wieder hunderttausend „Moralwächter“ unterwegs, um die Frauen, aber auch die Haarschnitte der jungen Männer, zu kontrollieren.)

Während Nirumand – mit einigen Reformern des Islam – in seinem Buch zum „Alarmismus“ neigt („Die radikalen Fundamentalisten in Teheran und Washington sind dabei, die Welt in eine Katastrophe zu treiben. Sie aufzuhalten, wäre Europa aufgerufen“), will eine Freiburger Theatergruppe, die mehrmals im Iran auftrat, festgestellt haben: „Was die Medien in Deutschland als dramatische Zuspitzung beschreiben,wird hier im Land als bloße Wellenbewegung empfunden,“ die bisher noch jedesmal von den Massen, vor allem von den Frauen unterlaufen wurde: „Man darf nicht, aber man kann,“ das ist eine der zu dieser Form von Widerstand passenden Redeweisen, die das Ensemble des Freiburger Theaters, bei seinen Gastspielen in Isfahan und Teheran gleich mehrmals zu hören bekam – und ebensooft zitierte: als es über seine Iranerfahrungen berichtete – in dem von Traute Hensch veröffentlichten Buch: „um das schwarz ein bisschen aufzuhellen“ (2007).

Zur Ausschaltung aller islamkritischen Elemente wurden die „Hezbollahis, die Parteigänger Gottes, mit Waffen und uneingeschränkter Macht ausgestattet“, schreibt Nirumand, der sie soziologisch folgendermaßen beschreibt: „Diese Gruppen rekrutierten sich hauptsächlich aus Slumbewohnern – jenen Landflüchtigen, die infolge der Bodenreform des Schahs in die Städte gezogen waren, dort keine Arbeit gefunden hatten und nun in den Slums der Vorstädte ihr Dasein fristeten.“ Anderswo meint der Autor: dieser fanatisierte Mob kam in Teheran aus dem Süden der Stadt. In dem Bericht des Freiburger „Theater im Marienbad“ wird dazu von Christel Hoffmann erklärt: „Die Stadt besteht im Grunde aus zwei Städten – der Norden gleicht einer westeuropäischen Großstadt, und der Süden ist eine asiatische Metropole, wo die ärmeren Schichten leben…Die Religion wird im Süden strenger verfolgt als im Norden.“ Wo man am Freitag „gemütlich einen Capuccino trinken und Schwarzwälder Kirschtorte essen kann…“Man erlebt in einer solchen Stadt ein Wechselbad der Gefühle, und das macht, bei aller Bedrückung, dann auch wieder fröhlich. Und wer hätte vor 1989 geglaubt, dass das Ende der DDR so schnell kommen würde. So denke ich eben auch manchmal, wer weiß, was die Zeit noch bringt – wenn nicht gar etwas ganz Schlimmes geschieht.“

Das befürchten jedenfalls viele Iraner, weswegen die Mullahs auf der anderen Seite den Druck und die Drohungen von außen laut Bahman Nirumand gut gebrauchen können, denn das entlastet sie im Inneren vom Druck von unten. Die Gefährdung der islamischen Republik (ein Oxymoron) schafft Einigkeit. Christel Hoffmann schreibt: „Das Gefühl der Angst vor einem neuen Krieg beschlich auch einen Gast wie mich. Ich hatte abends im Hotel von der BBC einen Film gesehen, der Angriffspläne der Israelis und der Amerikaner zeigte, um die iranischen Atomanlagen zu zerstören. Dieser Angriff wird bereits geübt. Das weiß auch der einfache Mensch auf der Straße in Teheran…Wenn die Israelis das machen, ist es das Ende von Israel.“

Umgekehrt schreibt Bahman Nirumand: Nach Festigung der Mullah-Herrschaft „ging es nicht mehr gegen den Schah und seine Diktatur, sondern gegen die USA und gegen den Westen insgesamt. Dieser Kampf wurde von nun an zum substantiellen Bestandteil der islamistischen Ideologie.“ Die iranische Regierung verkündete: „Weg vom Westen, hin zum Osten!“. Aus der Religion wurde dabei eine Staats-Ideologie (mit ähnlich auf den Einzelnen abzielenden Repressionen wie im Sozialismus bzw. Kommunismus als Staatsideologie), beide eint zudem, dass sie diese ausdrücklich auf die ganze Welt ausdehnen wollen. Während die Parteikommunisten dabei jedoch das Glück der ganzen Menschheit im Sinn haben, geht es den schiitischen Geistlichen primär darum, Allah glücklich zu machen, also seine Verfügungen (den Koran, die Hadith und die Scharia) überall durchzusetzen. „Nach Auffassung der Traditionalisten stehen laut Nirumand „nicht die Individuen im Mittelpunkt der Diskussion, sondern Gott und der Glaube“.

Zwar warnte der 1997 gewählte Regierungschef Chatami vor einem „islamischen Faschismus“, aber auch er ließ laut Nirumand „die Wurzeln des Übels, die absolute Herrschaft der Geistlichkeit, unangetastet“. Seine „Reformen“ waren halbherzig, und weil dabei die Wirtschaft „vernachlässigt“ wurde, entfernten sich „die Reformer“ immer weiter „von den Nöten der Menschen, vor allem von den armen Schichten“. Das scheint mir jedoch auch auf Bahman Nirumand zuzutreffen, dessen Vater Vertrauter des Schahs einst war. Auch er ist ein Nordteheraner geblieben, wenn man das so sagen darf. Seine gerade in die Buchläden gekommene Autobiographie heißt „Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste“.. Abgesehen davon, dass es an den Titel der Autobiographie des berühmten palästinensischen Aktivisten und Literaturwissenschaftlers Edward Said erinnert, der in New York im Exil lebte: „Am falschen Ort“ – meint Nirumand damit natürlich sein fast lebenslanges Exil in Westberlin, das er nur während des Aufstands gegen den Schah aufgab. Man könnte den Titel seiner Memoiren aber auch auf Südteheran und sein „käufliches Lumpenproletariat“ beziehen. Nirumand ist ähnlich wie Bassam Tibi ein Anhänger der westlichen Moderne – und dessen „weiche Ideologien“: Menschenrechte, Frauenemanzipation, Ökologie etc.. Hinzu kommt ein Psychologismus, der ihn dazu verleitet, die iranischen Politiker als „Persönlichkeiten“ zu analysieren – wie es im bürgerlichen Journalismus und in deren Politiker-Biographien täglich geschieht, während er von den  Arbeiter- und Bauernmassen nicht einmal einen mit Namen erwähnt. Bis in die Siebzigerjahre war Nirumand noch ein Vertreter der „harten Ideologie“ der Linken: Klassenkampf, Marxismus-Leninismus und Sturz des Kapitalismus – notfalls mit Sprengstoff (1).

In seinem „Iran“-Buch 2006 kann er sich daneben auch noch für die islamischen Reformrichtungen erwärmen, „die für eine Historisierung der Religion eintreten“. An keiner Stelle macht er sich jedoch Gedanken über eine Historisierung des westlichen (aus den Naturwissenschaften resultierenden)  Wahrheitsbegriffs. Nirumand erwähnt drei Theoretiker der islamischen Reformbewegung im 19.Jahrhundert: Afghani, Abdoh und Rida, die die Armut, Rückständigkeit und das Verderben in den islamischen Gesellschaften nicht auf den Islam zurückführten – „weil der Islam mit dem Verderben unvereinbar sei“. Die drei Theoretiker, die den westlichen (modernen) Wahrheitsbegriff von der Religion abtrennten (nach der englischen Revolution) – Hobbes, Locke und Hume – erwähnt er dagegen nicht, (2) ebensowenig die drei Halunken, der die (einzig wahre) Darwinsche  Evolutionstheorie ihre tragenden Begriff verdankt:  Von Jeremy Bentham  den Utilitarismus, das Prinzip der Nützlichkeit. Vom Philosophen Herbert Spencer den Sozialevolutionismus – die Vorstellung vom Überleben des Tüchtigsten („Survival of the fittest“). Und von Thomas Malthus den liberalen Populationsbegriff.  Über Darwins Theorie äußerten Karl Marx und Friedrich Engels:  Er habe damit nur das üble Verhalten der englischen Bourgoisie auf die Natur projiziert. Die Enthistorisierung des Wahrheitsbegriffs begann im übrigen schon mit den griechischen Großphilosophen Sokrates, Platon und Aristoteles. Es müssen wahrscheinlich immer mindestens drei Mann sein, damit eine „Wahrheit“ sich auch durchsetzt…

Seltsam mutet in Bahman Nirumands „Iran“-Buch an, dass er das Mullah-Regime nicht nur für die hohe Arbeitslosigkeit (besonders unter Akademikerinnen) und die drei Millionen ins Ausland geflüchteten Iraner, sondern auch für die steigende Zahl von „Drogenabhängigen“ (11 Millionen) und „Aidsinfizierten“ (mehrere Zehntausend) im Land verantwortlich macht. Da es diese „Probleme“ auch in Afrika, Russland und in den USA gibt, braucht es schon mehr als ein schiitisches „Mullah-Regime“ zu ihrer Ursachenerforschung. Da hilft es wenig, wenn man die USA als ebenso „fundamentalistisch“ wie den Iran begreift. Denn im Gegensatz zu den USA ist der Iran „durch und durch lebensfeindlich: Es errichtert hohe Dämme gegen den Strom unserer Zeit, gegen die Errungenschaften einer modernen, aufgeklärten Welt, gegen die schöpferische Phantasie und die freie Entwicklung der Kultur, Kunst und Literatur, gegen die Emanzipation der Frauen, gegen alles, was die Jugend begehrt, was Lust und Spaß macht. Genau hier liegen die Wurzeln eines vielfältigen Aufbegehrens“ – ein „unterschwelliger Widerstand, viel tiefgreifender als der politische“, der sich „wie ein Virus verbreitet“.

Die Frauen der Freiburger Theatergruppe  haben sich stattdessen – als Gäste – an die ganzen Religionsvorschriften angepaßt – wenn auch ungeübt: „kein lautes Lachen, keine Berührungen, keine tänzerischen Bewegungen, erst recht keine Töne von sich geben, die nach Avancen klingen…“ Sie wollten das Märchenstück „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ von F.K.Waechter, dem 2004 verstorbenen Zeichner der „Neuen Frankfurter Schule“, aufführen, mußten es jedoch zunächst den Theaterzensoren vorführen, die jede Menge Einwände geltend machten: „das war meine erste Iranerfahrung“, erzählt Nadine Werner, „Ich spielte die Prinzessin und war kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Ich hatte alles, ich hatte Schuhe, ich hatte lange Hose, Rock, Handschuhe, Schleider, Jacke, Jacke, Jacke…Jacke erst mal nicht, und dann doch eine Jacke, und dann noch ein Tuch, ach ich weiß nicht mehr. Ich war gewappnet, äußerlich, aber dann wurde auch das Freche, Kecke, die Avancen, das Flirten kritisiert, das ganze Innere. Und das hat alles umgeworfen.“

Die Autoren resümieren: „Mal ehrlich, das macht doch keinen Spaß. Das ganze Leben macht doch keinen Spaß, wenn solche Dinge fehlen!“ Mehr noch: „Die Gesellschaftsstrukturen sind grundsätzlich liebesfeindlich. Die Hoffnung der Welt ist aber doch die Liebe.“ Als Gäste des Internationalen Fadjr-Theaterfestivals  müssen sie aber zugeben: „Es gab Regeln und mit diesen Regeln zu spielen war durchaus reizvoll.“ (3) Und dass sie sich als Frau draußen alleine nirgendwo eingeschränkt gefühlt haben – weniger als z.B in Marokko. Im übrigen machten sie die Erfahrung, dass sich die Iraner gekränkt fühlen, wenn man sie ständig mit den Arabern in einen islamischen Topf wirft. sie sind Perser – Arier, sagen sie. Dennoch halten viele Iraner peinlicherweise  Hitler – ebenso wie auch viele Araber -für einen großen Politiker – wegen seiner  Judenpolitik. Auch für die arabischen Islamismen gilt: „Das fundamentalistische Denken ist der Ausdruck einer tiefen Krise, in der sich die islamische Welt spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts befindet.“ Hinzu kommt laut Nirumand aber seitdem auch noch eine gefährliche  „Arroganz“ des Westens und nicht zuletzt – das Öl.

Fortsetzung….Autobiographie…

Anmerkungen:

(1) In dem Wikipedia-Eintrag über ihn heißt es an einer Stelle: „Zusammen mit Mehdi Khanbaba Tehrani und Majid Zarbakhsh gründete er die Goruhe Kadreh (Kadergruppe), die sich als marxistisch-leninistische Organisation verstand und revolutionäre Kader ausbilden wollte, die als revolutionäre Zellen im antiimperialistischen Kampf in den Städten Irans als Stadtguerilla gegen das Regime des Schah agieren sollten.  1965 kehrte er in die Bundesrepublik zurück, um einer angeblich bevorstehenden Verhaftung zu entgehen. In der BRD wurden dann jedoch die Auseinandersetzungen – in der Studentenbewegung, der Bahman Nirumand sich anschloß – ebenfalls militanter.

Am 16.7. erzählte er darüber Näheres in einem taz-Interview, das Andreas Fanizadeh anläßlich des Erscheinens der Autobiographie mit ihm führte:

taz: Herr Nirumand, Sie gelten als friedliebender, höflicher Mensch mit literarischen Neigungen. Doch einmal wollten sie zusammen mit Rudi Dutschke eine Bombe legen. Warum das, was hatten Sie vor?

Bahman Nirumand: Das war 1967, es ging um den Vietnamkrieg. Wir hatten über eine Aktion nachgedacht, die den USA propagandistisch schaden sollte.  Was genau planten Sie?  Es sollten keine Personen zu Schaden kommen. Wir wollten in der Nähe von Saarbrücken einen Rundfunkmast des amerikanischen Militärsenders AFN sprengen. Der spielte zwar sehr gute Musik, machte aber auch Propaganda für den Vietnamkrieg.  Daraus wurde aber nichts?  Nein, wir reisten mit einer Bombe an, die – das erfuhren wir später – ein V-Mann des Verfassungsschutzes gebastelt hatte. Mit der Bombe im Koffer flogen wir nach Frankfurt am Main. Dort wurden wir schon von zwei Polizisten in Empfang genommen. Sie sagten, dass uns der Polizeipräsident gerne sprechen würden. Das war natürlich ein Schock – mit der Bombe im Koffer. Ich fragte, ob ich das Gepäck so lange ins Schließfach einschließen könnte. Ich durfte. Auf dem Präsidium war es dann nicht so wild. Danach holten wir den Koffer aus dem Schließfach und fuhren mit einem Mietwagen nach Saarbrücken.  Aber da kam auch alles anders als gedacht?  Ja, zum Glück, wie ich nachträglich sagen muss. Ein Freund, der Liedermacher Franz Josef Degenhardt, hätte Informationen zum Sendemast einholen sollen. Wir kannten uns ja dort gar nicht aus. Aber Degenhardt wollte bei der Aktion nicht mehr mitmachen. Und so flogen wir mit der Bombe im Gepäck wieder zurück nach Berlin, deponierten den Koffer bei einem Lehrer unterm Bett, der nicht wusste, was drin war. Später gaben wir die Bombe dem V-Mann Urbach zurück.

Das war Ihr einziger Flirt mit solchen Aktionen?

Ja. Auch wenn ich Ulrike Meinhof gut kannte. Ich bedauerte die ganze Entwicklung.

Rudi Dutschke war Ihr Freund. Was empfanden Sie, als Sie am 11. April 1968 von den Schüssen auf ihn erfuhren?

Ich war schockiert, als mich der Anruf erreichte. Ich fuhr sofort mit dem Taxi zum SDS-Zentrum am Ku’damm. Dort lagen Rudis Fahrrad, die Schuhe, seine Tasche. Rudi hatten sie bereits ins Krankenhaus gebracht. Als er einige Tage später aus dem Koma erwachte, hat er mich nicht erkannt. Er hatte seine Erinnerung verloren, es war schrecklich.

Sie waren einer der Vorsitzenden der CIS/NU, der Konföderation iranischer Studenten im Ausland. Wie kam es zu der engen Zusammenarbeit von deutschem SDS und iranischer Auslandsopposition?

Anlass war der Schahbesuch 1967. Aber wir waren vorher schon an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg beteiligt. Die CIS/NU war die am besten organisierte Gruppe in Deutschland, nicht nur unter den Ausländern. Wir hatten weltweit etwa 100.000 Mitglieder, davon über 60.000 in Deutschland, nicht nur Studenten. Wir konnten innerhalb weniger Stunden in Deutschland, den USA, Japan oder Indien zu Aktionen mobilisieren. Als der SDS zögerte, bei den Protesten gegen den Schahbesuch mitzumachen – sie meinten, es würde vom Protest gegen den Vietnamkrieg ablenken -, bin ich zur Kommune 1 gegangen. Die waren sofort Feuer und Flamme. Der SDS machte dann auch mit.

Sie kamen bereits als Jugendlicher in die Bundesrepublik?

Im November 1951 flog ich erst mal in die Bundesrepublik. Ich war 14, konnte kein einziges Wort Deutsch, alles war fremd.  Sie entstammen einer wohlhabenden Teheraner Beamtenfamilie. Warum schickte Sie Ihr Vater zur Ausbildung in die Bundesrepublik?  Zwei meiner Onkel hatten vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland studiert. Sie heirateten Deutsche und gingen mit ihnen zurück in den Iran. Meine Tanten vermittelten meine Unterbringung in Stuttgart. Aber wie wunderbar meine Gastfamilie dort auch war, ich saß den ganzen Tag auf meinem Zimmer und heulte aus Heimweh. Ich bat, dass man mich in ein Internat zu anderen Kindern schickte. Ich kam auf ein Internat bei Korntal von der Herrnhuter Brüdergemeinde. Da herrschten strenge Erziehungsmethoden. Mein wichtigster Erzieher war ein früherer Major der Wehrmacht. Das hielt ich ein Jahr aus, dann bin ich zurück nach Stuttgart.

Sie machten Abitur und promovierten in Tübingen über Bertolt Brecht. Sie gingen in den Iran, kamen in den 60ern wieder in die Bundesrepublik, lebten in Berlin. Warum?

Nach dem Studium bin ich sofort in den Iran gereist, sehr viele Ideale im Gepäck. Leider musste ich feststellen, dass die fortschrittlichen Lehrmethoden, die ich im Ausland gelernt hatte, dort nicht gefragt waren. Die iranischen Intellektuellen saßen im Elfenbeinturm und schwärmten auf völlig irrelevante Weise von Orient oder Okzident. Zudem musste ich zum Militär, die übelste Zeit meines Lebens. Ich hasste das Militär.

Also lebten Sie wieder in Berlin. Doch 1979 zog es Sie wieder in den Iran. Sie beteiligten sich auf demokratisch-sozialistischer Seite an der Revolution gegen den Schah. Wann merkten Sie, dass alles schief lief?

Recht früh. Ich kannte die Mullahs. Man konnte ja hören, wovon Chomeini sprach. Deswegen gründete ich mit Freunden die Nationaldemokratische Front, als Auffangbecken für die demokratische Linke. Wir wollten den Weg des 1953 gestürzten Mossadegh fortsetzen, der einzigen demokratischen Figur, die das Land bis dahin hervorbrachte.

Sie gerieten sehr schnell unter Druck. Warum hat praktisch die gesamte iranische Linke 1979 Chomeini und die Islamisten unterschätzt?

Niemand konnte sich vorstellen, dass eine klerikale Diktatur entsteht. Iran war kein religiös-fundamentalistisches Land wie Saudi-Arabien. Die Schah-Diktatur beschränkte sich auf Machterhalt und ließ die Leute ansonsten machen, was sie wollten. Chomeini erklärte aber der offenen Gesellschaft sofort den Krieg. Er sagte, von nun an würden sie sich um alles kümmern, von vor der Geburt bis nach dem Tod. Doch wir glaubten: Wer mit dem Schah fertig wird, braucht auch die Turban tragenden Männer nicht zu fürchten. Ein furchtbarer Irrtum.

Wurden die Islamisten unterschätzt, weil man den Einfluss „des“ (westlichen) Imperialismus überschätzte und kaum über hausgemachte Ursachen der iranischen Misere nachdachte?

Ich denke schon. Wir hatten die Gründe der Rückständigkeit zu wenig analysiert. Wir wollten den Schah weghaben, wussten aber kaum, was stattdessen kommen sollte. Wir Linke sprachen von Sozialismus, die Liberalen von Liberalismus. Aber das waren Formeln, die mit der Gesellschaft wenig zu tun hatten. Die Islamisten hatten ein Fundament: immerhin 1.300 Jahre Islam. Und überall standen ihre Moscheen, die sie mit ihren fast 100.000 Mullahs in Parteizentralen verwandelten mit Massen an Gläubigen. Wir hatten dem nichts entgegenzusetzen. Der Schah hatte keine politischen Organisationen zugelassen. So gab es nur die Religion. Doch die Zivilgesellschaft hat der neuen Diktatur nun dreißig Jahre lang getrotzt, sich weiterentwickelt. Die iranische Gesellschaft ist heute reif für die Demokratie.

Herr Nirumand, Sie sind 1936 in Teheran geboren, haben inzwischen mehr Zeit im Ausland als in Iran verbracht. Viele Ihrer Freunde und Mitstreiter wurden ermordet. Dass Sie überlebten, verdanken Sie vielen glücklichen Zufällen. Glauben Sie, dass Sie den Iran bald einmal gefahrlos besuchen können?

Ich hoffe es. Dass ich überlebt habe, nicht nur physisch, sondern auch seelisch und geistig, das habe ich zu großen Teilen meiner Frau Sonia zu verdanken, einer aus Iran stammenden Ärztin in Berlin. Als ich nach der furchtbaren Niederlage nach Europa zurückkehrte, war ich wie viele andere vollständig am Boden. Es hat lange gedauert, bis ich das verarbeiten konnte. Ohne Sonia hätte ich es nicht geschafft, nicht nur in psychischer Hinsicht. Sie hat mir auch sehr geholfen, meine politischen Einschätzungen zu korrigieren und mich auf neue publizistische Aufgaben zu konzentrieren. Du kannst schreiben, an politischen Zirkeln teilhaben, aber ohne Liebe kommst du im Leben nicht aus. Vor allem nach solch einer Niederlage.

(2) Dabei haben wir es im Iran vielleicht sogar mit einem angewandten Anti-Hobbes-Programm zu tun – der die Wiederholbarkeit von Experimenten praktisch in Frage stellt – das legt jedenfalls eine Äußerung von Christel Hoffmann aus dem Freiburger Theaterprojekt nahe: „Ich möchte gerne beschreiben, wie ich die Aufführung von ‚Parzival‘ in Isfahan erlebt habe. Warum dieses Erlebnis nicht wiederholbar ist.“

Es geht um einen Situationismus, der sich gegen die Kontrolle richtet, umgekehrt erzeugt die willkürliche Repression aber auch „ein Gefühl der eigenen Ohnmacht“. „Nicht das Kopftuch war das Problem, sondern der Zwang, den wir so nicht kennen,“ sagt eine der Schauspielerinnen. Anders als die Freiburger sollen die iranischen Theaterleute angeblich dahin tendieren, dass alles immer „ein gutes Ende“ hat.

Dahin „tendiert“ natürlich auch der Genosse Bahman Nirumand – weiterhin und in Wirklichkeit. Wobei er seine Hoffnung insbesondere auf die Frauen, die Künstler, die Umweltschützer, die NGOs und die Jugend setzt, aber auch auf die Religionsreformer, deren Bestrebungen „nicht hoch genug eingeschätzt werden können“ – weil, wie das Beispiel Europa zeigt, eine „Demokratisierung ohne ein Umdenken in grundsätzlichen Glaubvensfragen nicht möglich“ ist. „So gesehen bildet die islamische Reformbewegung vielleicht sogar den wichtigsten Teil der iranischen Zivilgesellschaft.“ Nicht unwichtig ist es ihm aber auch zu erwähnen, dass der  „politische Kampf um Freiräume“ – von Frauen beispielweise, sich u.a. darin niederschlägt, dass sie bei männlichen Fußballspielen zukucken dürfen und die iranische  Frauenfußballmannschaft gegen die deutsche antreten kann, wenn auch unter Ausschluß männlicher Zuschauer. Das „Interessanteste“ ist ihm bei all diesen kleinen Kämpfen, „dass nicht das islamistisch geprägte, öffentliche Leben das Privatleben zurückdrängt, sondern umgekehrt“. Als Beispiele erwähnt er die vielen neuen Cafés, die scharfen Witze, die Offenheit mit der in Bussen und Taxis über die Regierung geschimpft wird und die Jugendlichen, die sich auf der Straße per Handy und SMS verabreden.

Ich fand daran interessant, dass dieser Prozeß umgekehrt wie im Ostblock verläuft, wenn Nirumand recht hat: Dort war die Religion quasi privat und dringt nun in alle öffentlichen Bereiche ein, während sie im Iran die Öffentlichkeit beherrscht und vom Privaten immer wieder versuchsweise zurückgedrängt wird. In seiner Autobiographie „Weit entfernt vom Ort, an dem ich sein müsste“ (2011) ist er darauf leider nicht noch einmal zurückgekommen.

(3) In der Le Monde Diplomatique, Juli 2011, findet sich dazu ein Artikel – von innen heraus recherchiert. Sein Autor ist der Redakteur für die Farsi-Ausgabe von LMD – Shervin Ahmadi:

„Die Lieblingsserie der Iraner. An diesem Montag im März sind die Straßen Teherans wie leer gefegt. Zu den Nouruz-Ferien, dem iranischen Neujahrsfest, das den Beginn des Frühlings ankündigt, sind viele Bewohner aus der 14-Millionen-Einwohner-Metropole Teheran geflüchtet. Auf dem Tajrish-Basar im Norden der Stadt erregt ein handbeschriebenes Stück Karton Aufmerksamkeit: Die neue DVD von „Bitterer Kaffee“ ist da. Die neuen Folgen der historischen Comedyserie werden überall in der Stadt angeboten, in Kiosken und Lebensmittelläden. Der allseits beliebte Mehran Modiri ist ihr Regisseur, Produzent, Koautor – und spielt auch selbst mit.

Seit zwei Jahrzehnten ist Modiri auf den iranischen Mattscheiben zu sehen. Und genau wie die iranische Gesellschaft hat auch er sich in dieser Zeit verändert. Er pflegt jetzt einen leichten, eher clownesken Humor, der die rote Linie zur offenen Regimekritik nie überschreitet. Er hat zwar auch schon mal Fernsehmoderatoren ausländischer Sender karikiert, aber die Politik ist eigentlich nicht sein Gebiet. Jede DVD von „Bitterer Kaffee“ enthält drei Folgen, kostet umgerechnet knapp 2 Euro und wird über eineinhalb Millionen Mal verkauft. Für die iranische Mittelschicht ist das ein bezahlbarer Preis. Und da der Autor und Produzent sein Publikum um solidarische Bezahlung seiner Arbeit gebeten hat, wird das im Iran sehr verbreite Raubkopieren hier weitgehend unterlassen. Die Serie hat auch eine eigene Homepage, eine Facebook-Seite, einen Twitter-Account und Wikipedia-Einträge auf Farsi und Englisch.

Die Geschichte von „Bitterer Kaffee“ spielt vor 200 Jahren und verhöhnt auf witzige Weise die Hofschranzen des Herrschers – und damit den Despotismus insgesamt. Hinter jeder Figur kann sich der Zuschauer irgendeine historische Persönlichkeit vorstellen, die genauso gut zum Machtapparat von Reza Schah (dem Vater des 1979 gestürzten Schah) gehören könnte wie zur Nomenklatura des gegenwärtigen Regimes.

Am 2. April kündigte die Tageszeitung Shargh an, das Ministerium für Kultur und islamische Führung werde die 20. DVD der Serie verbieten. Offiziell ging es dabei um ein Verfahren zur Durchsetzung neuer Bestimmungen. Doch die Onlinezeitung Aftab fand heraus, dass der Stein des Anstoßes in Wirklichkeit die Ähnlichkeit einer Figur mit einem hohen Regierungsvertreter war – und der hatte das Verbot der DVD gefordert. Dennoch wurde die Folge schließlich ohne Änderungen veröffentlicht und war genauso erfolgreich wie ihre Vorgänger.

Abgesehen von solchen zaghaften Zensurversuchen wird der große Schwarzmarkt für DVDs toleriert und teilweise sogar vom Regime gefördert. Das Angebot reicht von US-amerikanischen Actionfilmen, die illegal kopiert und im Iran untertitelt werden, bis hin zu iranischen Produktionen, die keine Erlaubnis für den Vertrieb bekommen haben. Zu Letzteren gehört zum Beispiel „Santuri“ von Dariush Mehrjui, ein Film über Drogen und die Perspektivlosigkeit der Jugend in einer Gesellschaft, die ihre Werte verliert. Ebenso findet man auf DVD beliebte alte Serien aus dem staatlichen Fernsehen.

Auf den gescheiterten Versuch, nach der Revolution von 1979 die Medien völlig gleichzuschalten, folgte auf dem Feld der Kultur eine etwas tolerantere Politik. Das Regime setzt nicht mehr auf die systematische Kontrolle des medialen Raums, sondern füllt diesen mit Produkten, die es für „minder gefährlich“ hält. Die absolute Kontrolle im politischen Bereich bleibt dagegen weiter bestehen.

In der iranischen Medienlandschaft sind mittlerweile zwei parallele Räume entstanden: ein erster, offizieller, der der Stimme der Islamischen Republik gehört, und ein zweiter, weniger kontrollierter, von dem die staatlichen Stellen behaupten können, er falle nicht in ihre Zuständigkeit, weshalb er mit den politischen und moralischen Prinzipien des Regimes nicht konform gehe. Dieser „andere“ Raum bildet inzwischen auch das Gegengewicht zu der direkt aus dem Westen importierten Kultur. So imitierten iranische Sänger – anfangs noch schüchtern – Musik aus Los Angeles, wo sehr viele Exiliraner leben. Einige hatten sogar die gleiche stimmliche Färbung wie die berühmten Exilbarden in Kalifornien, wobei die Texte im Iran meist vertonte Gedichte waren, oft mit mystischem Inhalt.

Später kam eine zweite Welle mit selbstbewussteren Musikern und besseren Stücken. Im Lauf der Zeit unterschieden sich weder Musik noch Texte von den im Ausland produzierten Songs, die das iranische Regime als Produkte der „Verdorbenen der Erde“ verurteilt (mofsedin fil arz, so die Bezeichnung für alle „Verwestlichten“). Die einst verbotene und illegal produzierte Pop- und Rockmusik verbreitet sich ebenfalls über diese halblegalen Netzwerke, allerdings mit weniger großem Erfolg.

Insgesamt ist der offizielle Bereich des medialen Raums vielfältiger geworden. Es gibt mehr staatliche Fernsehsender, und deren Programm ist heute abwechslungsreicher. Neben Familien- und Kinderprogrammen laufen vor allem lokal produzierte Serien mit oft gigantischen Budgets. Das geht von der hollywoodartigen Version der Liebesgeschichte von Josef und Suleika über Sendungen zu Politik und Geschichte bis hin zu Comedyserien. Mehran Modiri ist einer von denen, die zu diesen Veränderungen beigetragen haben.

Die Radiosender gehen in eine ähnliche Richtung. Manche haben, wie zum Beispiel der ursprünglich als Verkehrsfunk für Teheran geplante Kanal Payam, schon in den 1990er Jahren angefangen, Musik zu spielen, die bis dahin nicht toleriert worden war. Die Popmusik, nach der Revolution zunächst völlig verschwunden, hat sich langsam ihren Platz zurückerobert. Weil sie schließlich auch in den staatlichen Medien lief, wurde sie für die „traditionalistischen“ Kreise wieder salonfähig. In den 2000er Jahren ging man sogar so weit, religiöse Nohehs (feierliche Liturgien, die den Tod des Imams Hussein thematisieren) damit zu unterlegen.

Mit dem Satellitenfernsehen wurde der Kampf um die Medien heftiger. Parabolantennen sind zwar offiziell verboten, trotzdem besitzen die meisten Haushalte in den Städten wie auf dem Land eine. Die Regierung hat kapituliert und ihren Plan, alle Antennen zu beschlagnahmen, aufgegeben. Mit dem Ergebnis, dass die staatlichen Sender gegen die Meinungsvielfalt und die kritische Berichterstattung der ausländischen Satellitenkanäle nicht mehr ankommen. Da politische Informationssendungen auch im Iran ohnehin keine Quotenrenner sind, konzentriert sich das Regime lieber auf andere Gebiete. Die nicht unmittelbar politischen Programme der Satellitenkanäle werden toleriert, auch wenn sie die propagierten Moralprinzipien untergraben. Zurzeit laufen auf den offiziell verbotenen Kanälen in Endlosschleife Musikclips, die augenfällig nicht mit dem islamischen Kanon übereinstimmen, unterbrochen von Werbeclips mit eingeblendeten Handynummern.  Die Auswirkungen dieser widersprüchlichen Haltung kann man sich leicht ausmalen. Die Einstufung als „minder gefährlich“ wird willkürlich getroffen. Wer kann sagen, dass ein amerikanischer Actionfilm über Außerirdische weniger „gefährlich“ ist als ein klassisches Melodrama? „Unpolitische“ Filme können zu westlichem Lebensstil und grenzenlosem Konsum einladen. Den haben sich weite Teile der städtischen Mittelschicht sowieso längst angewöhnt. So ist der Iran mittlerweile der zweitgrößte Importeur für Kosmetikprodukte im Mittleren Osten. Manche kommerziellen Feiertage, wie zum Beispiel der Valentinstag, die bis vor 30 Jahren noch völlig unbekannt waren, erfreuen sich in den iranischen Großstädten inzwischen großer Beliebtheit.

Seit drei Jahren muss sich das iranische Regime mit dem Erfolg des Fernsehsenders Farsi 1 herumschlagen. Der gehört zur News Corporation von Rupert Murdoch, sendet pausenlos lateinamerikanische Telenovelas und erreicht einen großen Teil der einfachen Bevölkerung. Der US-Journalist Dexter Filkins meint sogar, Farsi 1 sei zu einer Bedrohung für das Regime geworden.

Das iranische Regime hat sich mit dem Versuch, ein größeres Publikum zu erreichen und die Politisierung der Medien zu verhindern, selbst eine Falle gestellt: Es hat faktisch das Lob des westlichen Lebensstils erlaubt. Das ist Wasser auf die Mühlen seiner Gegner, die sein Gebaren für „mittelalterlich“ halten.

Hinzugefügt sei, dass das Mullah-Regime anscheinend auch das Internet inzwischen als gefährlich ansieht. Und das nicht nur wegen des rätselhaften Computerwurms  „Stuxnet“ der weltweit, auch in Deutschland, Schaden anrichtete: Im Iran beschädigte er Atomanlagen. Dort  hat eine neue Internetpolizei, die auch politische Dissidenten überwachen soll, offiziell ihre Arbeit aufgenommen. Als die arabische „Facebook-Generation“ die  ersten Diktatoren beseitigte, Ende Januar 2011 – meldeten die Nachrichtenagenturen aus dem Iran:  „Laut dem Polizeichef Ismail Ahmadi Moghaddam ist die erste Sondereinheit der Polizei zur Bekämpfung der Cyber-Kriminalität einsatzbereit. Ihre Aufgabe ist es, die Kontrolle sozialer Netze wie Facebook oder Twitter sicherzustellen, über die „Unruhen und Spionage“ gefördert würden. Auch schon vorher wurde das Internet im Iran streng kontrolliert.

Der Berliner Journalist Tom Schimmeck erinnerte kürzlich daran: „Vernetzte neue Medien spielten nicht erst seit den Protesten im Iran 2009 eine Rolle, sondern schon 1994 beim Aufstand der Zapatistas in Mexiko. Als 2001 auf den Philippinen die Anhänger des korrupten Präsidenten Estrada im Parlament beschlossen, Beweismaterial gegen ihn zu unterdrücken, standen binnen Stunden Abertausende auf der Epifanio de los Santos Avenue in Manila, mobilisiert von einer SMS: „Go 2 EDSA. Wear blk.“ „Dies ist eine Internet-Revolution“, sagte Google-Manager Wael Ghonim, der in Ägypten zum Oppositionshelden aufstieg. „Eine soziale, friedliche Revolution, deren stärkste Waffe das soziale Netzwerk war.“

Die iraninteressierte Freiburger Theatergruppe und der „Berufsperser“ Bahman Nirumand setzen ebenfalls auf das Internet – als Reformfaktor: „Bereits 2004 gab es über 64.000 Blogger in Farsi“. Mit der schändlichen Hilfe der Universitäten Harvard, Cambridge und Toronto ist der Iran laut Nirumand „inzwischen Weltmeister bei der Internet-Zensur geworden“, 2006 hat es eine Firma namens „Delta Global“ gegründet, die Filter entwerfen soll, mit denen alles dem Mullah-Regime  unliebsame im Netz abgefangen werden kann.

In der Le Monde Diplomatique (Dez. 2010) befaßte sich der Internet-Journalist Ed Emery bereits mit der Wiederentdeckung der Volksmusik als Protestmittel im Iran:

„Eine Menge junger Leute hatte sich in dem kleinen Konzertsaal in der englischen Universitätsstadt Oxford eingefunden. Auf dem Programm standen iranische Lieder, darunter auch Stücke auf Aseri, Kurdisch und Armenisch. Der Abend war schon weit fortgeschritten, als jemand aus dem Publikum rief, er wolle „Der Winter ist vorbei“ (Sar umad zemestoun) hören, ein Lied aus den 1960er Jahren, das heute zu den Hymnen der grünen Protestbewegung im Iran gehört.1

Die Musiker erklärten sich bereit, das Stück zu spielen, aber nur wenn das Publikum mitsänge. Nach und nach versammelte man sich am Bühnenrand zum Stegreifchor, wohl wissend, dass dies einem öffentlichen Bekenntnis gleichkam: Das Konzert wurde nämlich gefilmt, und die Agenten des iranischen Regimes würden es vielleicht schon am nächsten Tag auf YouTube sehen können. Wer Angehörige im Iran hat, musste in diesem Moment befürchten, dass seine Familie bald Schikanen ausgesetzt sein würde.

Nach den umstrittenen Wahlen vom Juni 2009 kochte im Iran der Volkszorn. Als die Prozessionen am Aschura-Tag im Dezember 2009 in Protestkundgebungen gegen das Regime mündeten und die Demonstranten die Basidsch-Milizen auf offener Straße attackierten, hatte man den Eindruck, dass die eine Hälfte der Leute mit Steinen und die andere mit Handykameras bewaffnet war. Die Bilder von den Tumulten wurden via YouTube und Facebook in die ganze Welt hinausgetragen.(2) Dass die Menschen sich bei der Straßenschlacht filmen ließen, deutete man damals als Zeichen dafür, dass die Tage der Theokratie im Iran gezählt seien.

Annabelle Sreberny, Professorin am neu gegründeten Centre for Iranian Studies in London, arbeitet an einem Buch über die iranische Bloggerszene. Die sozialen Netzwerke im Internet würden Iraner daheim und in der Diaspora vor allem zur „schnellen und weltweiten Verbreitung von politischen Inhalten“ nutzen, sagt sie. Nachdem die iranischen Behörden im Dezember 2009 den Studentenführer Madschid Tawakoli verhaftet hatten, legten sie ihm, um ihn zu demütigen, einen Hidschab an, das im Iran für Frauen obligatorische Kopftuch, und machten ein Foto von ihm, das sie in allen Zeitungen des Landes abdrucken ließen. Es dauerte keine Woche, und hunderte iranische Männer hatten sich selbst mit dem Hidschab fotografiert und die Bilder als Zeichen ihres Protests auf Facebook oder YouTube gestellt.(3)

In der neuen Protestbewegung spielen neben den Bildern auch Töne und Klänge eine wichtige Rolle: Nach den Wahlen hörte man nächtelang ein unheimliches Wehklagen in den Straßen von Teheran, das von den Balkonen und aus den Fenstern scholl: In die religiöse Formel „Allahu akbar“ („Gott ist größer“), die sie so lange riefen, bis ihre Stimmen heiser wurden, legten die Leute all ihre Wut, Entschlossenheit und Hoffnung und versicherten einander ihre Solidarität.(4 )

Zum Ärger der Behörden wurde das traditionelle Liedgut, das schon früher Teil der Protestkultur war, wieder ausgegraben. Als ein Kleriker im Fernsehen auftrat, um die Musik als Quelle des Bösen zu verdammen und dabei innerhalb von wenigen Minuten zehnmal „Santur“ (eine Art Zither) zwischen seinen dünnen Lippen ausstieß, erinnerte das die Zuschauer nur daran, dass die Regierung 2007 den Film „Santouri“ von Dariush Mehrjui über einen angehenden Santurspieler aus völlig unbegreiflichen Gründen verboten hatte. Ajatollah Chamenei verkündete letztens sogar, dass das Erlernen eines Instruments den Prinzipien der Islamischen Republik widerspreche und reine Zeitverschwendung sei. Kein Wunder, dass sich junge Iraner wieder für klassische Musik interessieren, die noch vor wenigen Jahren nur die ältere Generation hörte.

Unmittelbar vor der islamischen Revolution von 1979 kam es im Iran zu einer kurzen Renaissance traditioneller Musik. Durch die zunehmende Verwestlichung unter Schah Pahlevi, der seit 1941 als letzter Herrscher auf dem Pfauenthron saß, drohte die jahrhundertealte Tradition klassischer persischer Musik in Vergessenheit zu geraten. Als Zeichen ihres Protests veranstalteten kleine Musikgruppen aus linken und fortschrittlichen Kreisen Konzerte und nahmen Platten auf. Auf den Alben von Hossein Alizadeh, Sedigh Tarif und Mohammad Reza Shajarian finden sich mitreißende Lieder über den politischen Widerstand.

Kurz nach der Revolution wurden Alben und Lieder mit explizit politischem Inhalt verboten; schon der bloße Besitz einer Musikkassette konnte zur Verhaftung und einer Gefängnisstrafe führen. Sowohl im Iran wie in der Diaspora (deren Aktivitäten vom Regime genau beobachtet wurden) fanden praktisch keine öffentlichen Konzerte mehr statt. Shajarian, der Doyen der klassischen iranischen Musik, vermied eigentlich jede politische Äußerung. Doch als Präsident Mahmud Ahmadinedschad die Widerstandsbewegung als „Abschaum und Gesindel“ bezeichnete, gab Shajarian der BBC sofort ein Interview: „Meine Stimme diente immer dem ,Abschaum und Gesindel‘, und so wird es auch bleiben. Ich werde dem staatlichen Rundfunk und Fernsehen nie erlauben, meine Stimme zu benutzen.“

Shajarian singt Lieder der Befreiung. Ein sehr schönes Stück, bei dem er von dem legendären Parviz Meshkatian(5) auf dem Santur begleitet wird, ist in der „Tonart der Ungerechtigkeit“ (avaz-e bidad) komponiert, die einst zur musikalischen Kritik am König gehörte. Das Lied „Morgenvogel“ (morg-e sahar) klagt die Ungerechtigkeit der Tyrannen an(6),( )und das Freiheitsgedicht „Jalaluddin Rumi“ führte Shajarian jüngst in Los Angeles gemeinsam mit weiblichen Musikern auf.

Unter dem Arbeitstitel „Songs of Love and Liberation from Iran“ (Lieder der Liebe und Befreiung aus dem Iran) forscht an der Londoner School of Oriental and African Studies (Soas) gerade eine kleine Gruppe von Musikern, auch Iraner und Kurden sind dabei, über die iranische Volkskultur. Ende 2011 soll das Projekt abgeschlossen sein. Die Teilnehmer betrachten sich als Musikarchäologen. Sie nehmen mit Musikern und Sängern im Iran und in der iranischen und kurdischen Diaspora Kontakt auf, um ein Verzeichnis aller Lieder und Instrumentalstücke zu den Themen „Liebe und Befreiung“ zu erstellen.

Diese Lieder haben alle eine lange Geschichte. 1905, zur Zeit der Reformbewegung für die Einführung der konstitutionellen Monarchie, stand die klassische persische Musik noch überwiegend im Dienste des Hofes. Der Dichter und Musiker Aref Qazwini (1882 bis 1934) schrieb, dass die Liedkunst, als er mit der Komposition seiner Epen begann, damals so tief gesunken war, dass die Musiker sogar Stücke für die Katze des Königs verfassen mussten. Die konstitutionelle Bewegung wurde im Verlauf von drei Jahren, die als die „kleine Tyrannei“ in die Annalen der iranischen Geschichte eingingen, niedergeschlagen. Dieser Moment wurde zum Wendepunkt in der modernen persischen Musikgeschichte.

Qazwini, Revolutionär und Anhänger der damaligen Reformbewegung, verfasste drei Lieder über diese bittere Zeit. Besonders populär wurde das Stück „Vom Blut der Jugend unserer Heimat“ (Az khun-e javanan-e vatan), das er Haidar Khan Amu Oghli, einem der Begründer der Kommunistischen Partei Irans, widmete. Während der gesamten Herrschaft des Schahs und auch während der Iranischen Revolution war das Stück landesweit sehr beliebt. Der Sänger Shajarian hat es zweimal aufgenommen. Die Melodie folgt der Tradition der Frühlingslieder (bahariye) zum Neujahrsfest (nowruz). Der ursprüngliche Text erzählt vom Leiden der Bevölkerung und ruft zum Widerstand auf. Dieser Teil fiel jedoch der Zensur zum Opfer, weshalb alle überlieferten Tondokumente immer nur die erste Strophe enthalten. Die zensierten Stellen sollen nun nachträglich wieder eingefügt werden.

Das Soas-Projekt plant Tourneen, Workshops und Seminare. Die Auftritte sollen in Bild und Ton aufgenommen werden, um das verloren gegangene historische Repertoire im Internet zu dokumentieren. Am Ende soll es ein Archiv geben, in dem die kompletten Versionen aller vergessenen, untergegangenen oder durch die Zensur (und Selbstzensur) verstümmelten Lieder gesammelt sind, und die Gruppe will ein Songbook herausgeben. Für Musikwissenschaftler hat das Projekt Modellcharakter, das Diasporagemeinschaften einen sozialen Rückhalt geben kann.

In einem neuen Videoclip auf YouTube sieht man zwei Mädchen musizieren.(7) Die Aufnahme ist in einer iranischen Provinzstadt entstanden. Eines der Mädchen trägt ein grünes Kopftuch und spielt auf einer Setar; das andere, es ist vielleicht acht oder neun Jahre alt, schlägt die Tombak und singt eine traditionelle Weise: „Vergesst eure Reue, o Trinker, öffnet die Schänken … trinket auf heimliche Art.“ Am Ende der Vorstellung applaudieren die umstehenden Erwachsenen – und stellen den Film bei Facebook ins Netz.“

Anmerkungen:

(1) „Sar oomad zemeston“, YouTube, 22. Mai 2009.
(2) „Demonstrators retaliate and attack the riot police and basij militia“, YouTube, 30. Dezember 2009.
(3) „Tavakoli“, 12. Dezember 2009.
(4) Die Aufnahmen tragen den gemeinsamen Titel „Poem for the Rooftops of Iran“.
(5) „Bidad“, Ostad Shajarian auf 4shared.com
(6) „Marghe Sahar“, Auftritt beim Konzert für die Opfer des Erdbebens von Bam, 2003.
(7) Siehe YouTube; im Iran beträgt die Strafe für den Konsum von Alkohol beim ersten Mal 80 Peitschenhiebe, beim dritten Mal droht die Hinrichtung.


Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/07/24/kairo-virus_102/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Letzte Meldung – am 26.Juli 19 Uhr:

    Presseerklärung des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland

    Wir protestieren gegen die Ermordung des Dichters und Liedermachers
    Ibrahim Qashoush

    Der Sänger der syrischen Revolution – so wird der Dichter und Liedermacher Ibrahim Qashoush spätestens seit dem 5. Juli 2011 von den Anhängern der syrischen Revolution gefeiert. Nach einem Vortrag seiner Protestlieder auf der Freitagsdemonstration in seiner Heimatstadt Hama wurde Ibrahim Qashoush am 5. Juli von Agenten des Ba’th- Regimes aus seinem Haus entführt und grausam ermordet. Sein Leichnam wurde kurz darauf mit aufgeschlitzter Kehle und herausgerissenen Stimmbändern im Fluß Al-Assi aufgefunden. Die Mörder handelten in der perfiden Absicht, Seele und Stimme dieses mutigen Menschen für immer auszulöschen.

    In der abscheulichen Tat steckt Symbolkraft, sollte doch der unbeugsame Wille des Sängers und seiner Mitstreiter, gepaart mit der großen Sehnsucht nach Frieden und Freiheit, endgültig zum Schweigen gebracht werden.
    Dies ist den Mördern nicht gelungen. Die Menschen in Syrien versammeln sich auch weiterhin friedlich auf den Straßen und Plätzen des Landes. Abertausende singen Qashoushs Protestlieder leidenschaftlicher denn je. Ibrahim Qashoush ist zur geliebten Stimme der syrischen Revolution geworden, unnachgiebig, ungeduldig und freiheitlich.

    Im Namen seiner 120 Mitglieder protestiert das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland gegen die Ermordung Ibrahim Qashoushs und fordert die rückhaltlose Aufklärung der Tatumstände sowie die Bestrafung der Schuldigen. Wir protestieren gegen die Ermordung, die Massenverhaftungen und die Folterung unschuldiger Zivilisten, darunter zahlreicher Schriftsteller, Journalisten und Blogger, und verlangen die uneingeschränkte Einhaltung von Artikel 19 des von Syrien mitunterzeichneten Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR), der das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung garantiert.

    Hans-Christian Oeser
    Sekretär, PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland

  • Anfangs hieß es: Die Osloer Attentate seien von Islamisten verübt worden, dann kam heraus:

    „Getrieben von einem Hass gegen den Islam, gegen Linke, in Sonderheit die „Frankfurter Schule“, und gegen alles Fremde hat ein Rechtsradikaler in Norwegen mindestens 93 Menschen umgebracht. Nach den Ermittlungen handelte der Massenmörder wahrscheinlich als Einzeltäter. Neun Jahre lang soll er die Taten geplant haben, schreibt „Die Zeit“.

    Nun kommt aus Jerusalem die Information:

    Einen Tag vor dem Massaker auf der Insel Utøya bei Oslo wurde in dem sozialistischen Jugendlager im Beisein von Norwegens Außenminister Jonas Gahr Støre eine Anerkennung des „Staates Palästina“ und ein Boykott Israels thematisiert. Wie die israelische Zeitung Jedijot Achronot und norwegische Zeitungen berichten, hielten Teilnehmer des Jugendcamps ein Spruchband mit der Aufschrift „Boikott Israel“ hoch, als der Außenminister auf der Insel ankam. Støre beteiligte sich an einer Podiumsdiskussion mit einer norwegischen Journalistin und der Leiterin eines christlichen Hilfsfonds.

    Beide seien bekannt für ihre anti-israelische Positionen, berichtet die israelische Zeitung. Støre stimmte zu, dass den Palästinensern ein Staat zustehe, wollte sich aber nicht zu einem Boykott Israels äußern. Mehrere jugendliche Überlebende des Massakers berichteten, dass sie die Schießerei des als Polizist verkleideten Mörders zunächst für eine Simulierung israelischer Verbrechen an Palästinensern in den besetzten Gebieten hielten. Sie glaubten, dass ihnen so die „Gräuel der israelischen Besatzung“ vor Augen geführt werden sollten.

  • Die taz faßt ein Interview zusammen, dass die Hotelangestellte, Nafissatou Diallo, die den IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn der versuchten Vergewaltigung beschuldigt, „Newsweek“ gab:

    Dem US-Magazin schilderte sie, wie Strauss-Kahn sie bedrängt haben soll. In der am Sonntag online veröffentlichten Titelgeschichte beschreibt sie, wie sie versucht habe sich zu wehren und wie Strauss-Kahn versucht habe sie zu entkleiden und sie schließlich zu Oralsex gezwungen habe. Strauss-Kahn bestreitet alle Anschuldigungen.

    Nach der Festnahme des Ex-IWF-Chefs am 14. Mai wies die aus Guinea stammende Frau alle Medienanfragen zurück. Doch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft weckten Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers. Am 1. Juli teilten die Behörden mit, die Frau habe bei Angaben zu ihrem Lebenslauf gelogen und es gebe Widersprüche bei ihren Angaben darüber, was sie unmittelbar nach der mutmaßlichen Tat getan habe.

    Der Newsweek sagte die Frau, sie wolle, dass Strauss-Kahn sich für seine Taten verantworten müsse. Ihre Aussagen zum Tathergang hätten sich nie geändert, sagte sie. „Ich weiß, was mir dieser Mann angetan hat“, sagte sie dem Magazin. „Ich will, dass er ins Gefängnis geht.“

    Nun wolle sie gegen die ihrer Ansicht nach falsche Darstellung ihrer Person vorgehen. „Wegen ihm nennen sie mich eine Prostituierte“, sagte die Frau, die die Zeitung New York Post verklagte, weil sie Berichte abgedruckt hatte, in denen sie anonyme Quellen zitierte, die aussagten, die Frau habe Sex gegen Geld verkauft.

    Der US-Fernsehsender ABC kündigte an, ab Montag in drei Teilen ein Interview mit der Frau zu senden. Sie habe nie in die Öffentlichkeit gewollt, sagte sie dem Sender laut einer Vorabveröffentlichung. Nachdem Fragen über ihre Glaubwürdigkeit aufgetaucht seien, habe sie aber keine Wahl gehabt. Strauss-Kahns Anwälte teilten mit, das Interview sei ein „ungehöriger Zirkus“, der nur dazu diene die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

  • Der marokkanische Blogger Kacem El Ghazzali bekannt sich zum Atheismus. Islamisten fordern nun seinen Tod – ein taz-Bericht von Reiner Wandler:

    Heute ist ein guter Tag für Kacem El Ghazzali. „Es ist endlich so richtig schön warm hier“, schwärmt der junge Mann in der Videokonferenz. Während alle um ihn herum stöhnen, ist er einfach nur glücklich. Der 21-Jährige stammt aus Bouderbala, einem kleinen Dorf unweit der marokkanischen Stadt Meknes. Kalter Winter und verregnetes Frühjahr in der Ostschweiz sind gar nicht nach seinem Geschmack. Doch klagen will er nicht. Denn die Helveten haben ihn aufgenommen und so vor der Verfolgung in seiner Heimat gerettet. Der junge Berber bekennt sich auf seinen Blogs zum Atheismus und kritisiert auf Arabisch und Englisch die islamische Religion, schloss sich nationalen und internationalen Bürgerrechtsorganisationen an. Das brachte Behörden und Islamisten gegen ihn auf. Er kannte nur noch einen Ausweg. „Ich floh im Februar in die Schweiz und habe einen Asylantrag gestellt“, berichtet er mit gedämpfter Stimme.

    El Ghazzali ist bekannt, zu bekannt. In internationalen Internetforen verlangen radikale Islamisten seinen Tod: „Als ich Anzeige erstattete, forderten mich die marokkanischen Behörden auf, alle Blogs zu schließen. Sonst könnten sie mich nicht schützen.“ Und schlimmer noch: „Gegen die Religion zu reden, wird in Marokko als Werbung für andere Religionen ausgelegt. Das steht unter Strafe.“ Die Geheimpolizei ließ keinen Zweifel daran, was mit einem wie ihm passieren kann. „Es sei durchaus möglich, dass mich ein Drogendealer oder ein Kleinkrimineller tötet. Das würde dann nicht nach Verfolgung aussehen, warnten sie.“

    Die Geschichte von Ghazzali beginnt 2007. Erstmals wurde er im Netz aktiv. Er berichtete unter Pseudonym über seine Zweifel am Glauben. El Ghazzali stammt aus einer sehr religiösen, sufistischen Familie. „Mein Vater wollte, dass ich eine Laufbahn zum Vorbeter oder islamischen Rechtsgelehrten einschlage“, erzählt der Sohn eines Zahnarztes. El Ghazzali gehorchte drei Jahre. Er besuchte eine Koranschule, lernte unzählige Suren auswendig. „Debatte, Kritik war nicht zugelassen.“ Das widersprach so ganz der Art von El Ghazzali, der am Gymnasium begeistert Philosophie und Mathematik lernte.

    Schließlich verließ er die Koranschule. Nach langem innerem Streit begann er die Religion als solche zum Thema zu machen. Obwohl der Sufismus nicht die orthodoxeste aller islamischen Strömungen ist, hat auch sein Vater kein Verständnis für den Jungen. „Ich würde seinem Ansehen schaden“, erzählt El Ghazzali.

    Als er zu schreiben begann, war er „eher Agnostiker als Atheist“. Er stellte philosophische Überlegungen an. Kritisierte Auswüchse der Scharia im Iran und anderen Ländern. Das reichte schon. Nach nur einem Jahr bedrohte ihn jemand auf seiner eigenen Facebookseite. „Ich weiß bis heute nicht, wie sie auf meine wahre Identität gekommen sind“, sagt er. Er trat die Flucht nach vorn an und bekannte sich mit vollem Namen zum Blog.

    „Nach kurzer Zeit wusste alle über mich Bescheid. Die Lehrer auf dem Gymnasium begannen gegen mich zu hetzen.“ Sie brachten ihn mit den Mohammed-Karikaturen in Zusammenhang, nannten ihn wahlweise „Ungläubiger“, „Jude“, „Feind des Islams und von König Mohamed VI.“, der in per Verfassung „Führer aller Gläubigen“ ist.

    Eines Tages eskalierte die Situation. Der Direktor schlug ihn. Mitschüler bewarfen ihn mit Steinen. Als El Ghazzali im vergangenen Oktober dem Nachrichtensender France 24 Rede und Antwort stand, häuften sich die Drohungen. Er tauchte bei Freunden in verschiedenen Städten Marokkos unter. Als er wieder Drohanrufe bekam und die Stimmen am anderen Ende keinen Zweifel daran ließen, dass sie ihm dicht auf den Fersen waren, floh er in die Schweiz.

    „Die Religionsfreiheit ist eine persönliche Freiheit, die in Marokko nicht respektiert wird“, resümiert El Ghazzali. Auch in der restlichen arabischen Welt sehe es nicht anders aus. „Wir leben wie im Gefängnis. Wir leben als zwei Personen in einer. Nach außen werden wir gezwungen religiös zu sein, obwohl wir es nicht sind“, erklärt er. In der arabischen Welt gilt: Einmal Muslim, immer Muslim. „Wir sind Tausende“, weiß El Ghazzali. Seit es Facebook gibt, treffen sich viele ehemalige Muslime in geschlossenen Foren. „Dank der neuen Medien sehen wir, dass wir nicht alleine sind, das tut gut“, sagt El Ghazzali.

  • Am Wochenende wurde der Kairo-Virus wieder virulent:

    Während einer Großdemonstration gegen die Militärregierung kam es in Kairo zu Zusammenstößen mit „Schlägerbanden“ (FAZ), etwa 300 Demonstranten wurden verletzt, zwei entführt.

    In Madrid sind die „Empörten“ zurück: Nach einem Marsch aus allen Landesteilen vereinigten sie sich am Wochenende mit einigen tausend lokalen Demonstranten auf dem zentralen Platz der Stadt.

    In Tel Aviv errichteten junge Israelis ein Zeltlager am Rothschild-Boulevard – „das ist unser Tahrirplatz“, um gegen die Wohnungsnot und hohe Mieten zu protestieren, ihrem Protest schlossen sich auch in anderen Städten Jugendliche und Studenten an. Die FAZ meint, sie ziehen schon Parallelen zur „Arabellion“, ein Wort, das die Zeitung vor einigen Monaten kreierte. Dpa meldete am Wochenende: „Etwa zehntausend Menschen haben am Samstag in Tel Aviv gegen zu hohe Mieten demonstriert,“ sie solidarisierten sich dabei mit den Protest-Zeltern. Die Regierung versprach umgehend, den Wohnungsbau zu forcieren.

    Die Zeitung „Haaretz“ schrieb – unter der Überschrift „The middle-class anarchists of the tent city revolution“:
    Just last week, when a tent city suddenly snowballed the length of Israel’s most prestigious boulevard in protest of the lack of affordable housing, Likud lawmaker Ofir Akunis, a former spokesman and adviser for Benjamin Netanyahu, took to state radio to elucidate a government response.

    „Part of the protest going on at the moment on Rothschild Boulevard is being driven by a gang of anarchists,“ the Likud member said, claiming the protesters came from „the adjacent Ahad Ha’am Street, where, as you know, the main branch of the Communist Party is located.“
    It took tens of thousands of people filling Tel Aviv’s streets Saturday night, people from all over Israel, from all walks of life, from across the political spectrum, for the government to see their anarchists for what they really are – the middle class – and to realize just how revolutionary all of this is. It took all of them for the government to realize that they had a revolution where they least expected it, when and where they were least prepared for it, led by middle-class young adults that seemed the least likely to ever raise a cry.

    You’d expect an Israeli government to know how to deal with a revolution. After all, the story of Israel is a clash of revolutionary movements, the sum total of which is the cabinet table. Every political party was once a revolutionary movement, from the Revisionists that gave birth to the Likud, to the Soviet Jewry movement which spawned Yisrael Beiteinu, to the Sephardi revolution called Shas.

    But revolutions get old. Their fire goes out, and with it, their memory. This is what their leaders forget:

    When a revolution is born, it is born messy. It erupts hoarse and rough-edged and faltering. Its hunger may not have direction. When a revolution begins to move under its own power, it doesn’t play by the rules. It’s one of the ways you can know that it’s for real. And it’s one of the reasons why this one may be so difficult to contain.

    No one knows what to make of the tent protest – which is exactly where its strength lies. It does not fit into any Israeli pigeon hole. It leaves experts guessing. Its power is in its oddly sharpened innocence, its excess of intuition and inspiration and its lack of polish.

    This revolution is ostensibly about affordable housing. However, it is about much, much more than that. It’s about whether people can actually live in a place like this.

    These are people– not people as Jews or as Arabs, not people as fundamentalists or secular, gay or straight, right or left – just people. These are people who as individuals need to live somewhere, have a chance to work, have a chance to get to work, and send children to decent schools.

    These are people like students and social workers and doctors who are being worked to death. These are people whom others may call children of privilege, but whose future is, in fact, dimming – turning them into the kind of people who make revolutions.

    This revolution is not about the existential threat to Israelis posed by Iran or Hamas. It is about the existential threat to Israelis posed by Israel.

    This revolution, not even two weeks old, has already made new rules. You know Israeli politics? You don’t know this revolution. This is not mean. This is not pre-packaged and machined. This is, thus far, not a circling drain of bottomless rage, that is to say, it is not one tribe set against another.

    This revolution has made even revolutionaries uneasy. It is, thus far, a revolution of humor and heart, of openness and – are you sitting down – respect for differing opinions.

    In standard Israeli terms, the chants are far too general to be taken seriously („The people demand social justice“). Some of the placards are too Yippie-like for dour radicals („My message is too complex for this sign“).

    From an Israeli standpoint, the most radical act of this newborn revolution has already taken place. In a country where, whether on serious television roundtables or the Knesset floor, discourse is defined as everyone screaming simultaneously, the „Tent People“ have adopted a system that sanctifies listening and respect.

    When a speaker is addressing the group, crowd members respond not with interjection but with sign language – raised, fluttering hands signify agreement, crossed fists show disapproval, and a rolling of both hands means the speaker is going on and on without making a point.

    Akunis‘ implication, that the protest was a transient provocation by marginal troublemakers, underscored the government’s early dismissal of the protest as of no consequence.

    The assumption, of course, had long been that if the protest is not about the Palestinian-Israeli conflict, no one will care. If it is about housing or health care, education, or transportation or food prices or employment – and especially, if it is about all of them – no blood will boil, no public outcry will be heard. The business of government, which is business as usual, will proceed.

    But something in the tables has started to turn. Welfare and Social Services Minister Moshe Kahlon has indicated that the government plans to unveil a far-reaching new housing plan in a matter of days. Netanyahu on Sunday dressed down his cabinet for inaction on new ideas to solve the housing crunch. And the prime minister has come under pressure to replace Finance Minister Yuval Steinitz over the issue, possibly with Kahlon.

    There is little question that the government hopes that the protest will soon wither. But there is no question that the government must now take it seriously.

    For Netanyahu and the present coalition, the most dangerous part of this revolution is that its goal is not to topple the government, but to spur the government to do what it was put there to do – see to the most basic, most crucial needs of ordinary people.

    „Der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sieht sich angesichts der israelischen Siedlungspolitik nach eigenem Bekunden „gezwungen“, bei der UNO die Anerkennung eines eigenständigen Palästinenserstaates zu beantragen. „Wir gehen zu den Vereinten Nationen, weil wir dazu gezwungen sind, und das ist keine einseitige Aktion“, sagte Abbas am Samstag zu Beginn eines Treffens mit diplomatischen Vertretern in der türkischen Metropole Istanbul. „Was einseitig geschieht, das ist der israelische Siedlungsbau“, fügte der Palästinenserpräsident hinzu. Ein hochrangiger Palästinenservertreter sagte der Nachrichtenagentur AFP, der offizielle Antrag auf Anerkennung als Staat solle der UNO in der ersten Augustwoche zugehen. In seiner Rede in Anwesenheit des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sagte Abbas, mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sei eine Wiederaufnahme der Nahost-Friedensverhandlungen nicht gelungen „wegen seiner Weigerung, über die Grenzen von 1967 zu verhandeln und den Siedlungsbau zu stoppen“. Die Palästinenser wollten weiter verhandeln.“ (AFP)

    Das Königshaus in Saudi-Arabien will sich offenbar weiter dagegen absichern, dass das Land im selben Ausmaß wie andere Staaten in der arabischen Welt von Protesten erfasst wird. Ein geplantes neues Anti-Terror-Gesetz ermögliche es den dortigen Behörden Dissidenten als Terroristen anzuklagen, erklärte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International am Freitag. Ihr sei eine Kopie des Gesetzesentwurfs zugespielt worden.

    Darin würden Vergehen wie die Rufschädigung Saudi-Arabiens und die Bedrohung der nationalen Einheit als terroristische Akte bezeichnet. Die Rechtschaffenheit des Königs infrage zu stellen, würde gemäß dem Gesetzesentwurf eine Mindesthaftstrafe von zehn Jahren vorsehen, teilte Amnesty International mit.

    Im Jemen wurde am Freitag wieder demonstriert, vor der Luftwaffenbasis in Aden explodierte eine Autobombe, wobei neun Menschen getötet wurden.

    In Syrien demonstrierten am Freitag „mehr Menschen als je zuvor gegen die Herrschaft von Präsident Assad“, schreibt die FAZ. In Damaskus, Daraa und Homs schossen Armeeeinheiten auf Wohnhäuser, 32 Menschen starben. Dort kam es unter den bewaffneten Organen aber auch zu Massendesertionen und Massenprotesten, an denen sich mehr als 500.000 Menschen beteiligt haben sollen.

    „Die libyschen Rebellen haben einen Angriff der Truppen von Machthaber Muammar el Gaddafi auf das Dorf Gualitsch in der Wüste südlich der Hauptstadt Tripolis zurückgeschlagen. Am Sonntagnachmittag hatte sich aus der von der Regierung kontrollierten Ortschaft El Assabaa eine Kolonne mit Zivilisten genähert, wie ein AFP-Reporter berichtete. Die Zivilisten hätten an einem Kontrollposten der Aufständischen den Rebellen erklärt, dass sie von der Regierungstruppen vorgeschickt worden seien, um sie vor einem drohenden Angriff zu warnen. Nachdem die Kolonne in Richtung El Assabaa zurückgekehrt war, habe tatsächlich der Angriff auf die Ortschaft begonnen. Nach Angaben des AFP-Reporters gelang es den Aufständischen aber, den Angriff mittels Raketen zurückzuschlagen. Am Abend waren immer noch Schüsse und Explosionen zu hören. Während der Kämpfe überflogen NATO-Flugzeuge die Region. Später trafen aus der Stadt Sliten mehrere dutzend Aufständische als Verstärkung ein. Gualitsch, das rund hundert Kilometer südlich von Tripolis auf dem Weg zur Hauptstadt liegt, war in den vergangenen Wochen bereits wiederholt Schauplatz heftiger Kämpfe.“ (AFP)

    „Irakische Sicherheitskräfte haben 16 mutmaßliche Mitglieder der Extremisten-Organisation Al-Kaida festgenommen. Die Behörden warfen den Festgenommenen am Sonntag vor, für die Ermordung von mehr als 100 Menschen in der irakischen Hauptstadt – darunter Politiker – verantwortlich zu sein. Die Beamten hätten bei der insgesamt 20 Tage andauernden Operation auch das wichtigste Waffenversteck der Zelle sowie eine Werkstatt zur Herstellung von Bomben entdeckt.“ (Reuters)

    „Zwei Wochen nach den schweren Unruhen in Pakistan mit fast 100 Toten ist die Hafenmetropole Karachi im Süden Pakistans erneut von Straßenkämpfen erschüttert worden. Dabei wurden 19 Menschen getötet und 25 weitere verletzt. Wie Rettungskräfte am Wochenende mitteilten, hatte es seit Freitag Zusammenstöße und gewaltsame Aktionen rivalisierender politischer Gruppen gegeben. Sicherheitskräften gelang es erst in der Nacht zum Sonntag, die Lage in den zwei betroffenen Stadtteilen unter Kontrolle zu bringen. Nach Polizeiangaben waren in die Auseinandersetzungen Anhänger der in der Provinz Sindh mitregierenden Regionalpartei MQM sowie einer Splittergruppe verwickelt, die sich von der Partei abgespalten hatte. Die Organisationen konkurrieren um Einfluss im Urdu sprechenden Teil der Bevölkerung. Diese Menschen oder deren Vorfahren waren nach der Gründung Pakistans 1947 aus dem heutigen Indien zugewandert.“ (dpa)

    „Eine Anti-Taliban-Miliz hat bei Kämpfen nahe der pakistanischen Grenze zu Afghanistan 13 Aufständische getötet. Mehrere Milizionäre und Aufständische wurden nach Behördenangaben bei den Feuergefechten am Freitag und Samstag in der Stammesregion Kurram verletzt. Mit Unterstützung der pakistanischen Regierung hatten Stammesangehörige vor kurzem die Miliz gegründet, um Taliban-Kämpfer und deren Anhänger zu töten oder aus der Region zu vertreiben. Bei Gefechten töteten die Milizionäre in dieser Woche 25 Aufständische. Kurram liegt in der Nähe von Afghanistan. Das pakistanische Militär hat dort mehrere Offensiven gegen Taliban ausgeführt, die sich in der Gegend verstecken, nachdem sie vor einer im vergangenen Jahr unternommenen Offensive in der nahegelegenen Stammesregion Orakzai geflohen waren.“ (AP)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.