Kairo-Virus 142

„Ich will aus meiner Mördergrube kein Herzchen machen.“ (Max Hoelz)

 

Aus Syrien meldete dpa gestern:

Einen Tag nach den heftigen Gefechten in der Hauptstadt Damaskus haben Regierungstruppen nach Angaben von Aktivisten erneut die Protesthochburgen Syriens unter Beschuss genommen. Dabei seien am Dienstag mindestens neun Menschen ums Leben gekommen, die meisten in Al-Rastan und dem Al-Chalidija-Viertel in Homs, wie die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Auch in der Provinz Hama habe es Angriffe der Armee von Präsident Baschar al-Assad gegeben.

Damaskus, wo sich am Vortag in einem Nobelviertel Rebellen und Assad-Soldaten Kämpfe geliefert hatten, war am Dienstag massiv abgesichert. Meldungen aus Syriensind wegen der vom Regime erhobenen Medienblockade von unabhängiger Seite nur schwer zu überprüfen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) warf auch der Opposition in einem offenen Brief an den Syrischen Nationalrat (SNC) und anderen Aktivisten schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Dazu gehörten Entführungen, Inhaftierungen und Folter von Sicherheitskräften und Regimetreuen Milizen. Einige Angriffe seien offenbar auch religiös motiviert und richteten sich gegen die schiitische oder alawitische Minderheit, der auch Assad angehört. Es habe zudem Berichte über Hinrichtungen gegeben.

Die Organisation in New York forderte die Oppositionsführung auf, solche Taten zu verbieten und deutlich zu machen, dass derartige Menschenrechtsverletzungen nicht hinnehmbar seien. Human Rights Watch betonte, dass die Protestbewegung noch bis September 2011 sehr friedlich gewesen sei. Doch dann habe sie mit dem Argument der Selbstverteidigung begonnen, sich zu bewaffnen. Seit Beginn der Massenproteste gegen Assad vor einem Jahr sind nach UN-Schätzungen mehr als 8000 Menschen getötet worden.

Reuters meldet aus Syrien heute  (am 22.3.):

Syrische Panzer haben nach Oppositionsangaben am Donnerstag ein großes Wohnviertel in der Rebellen-Hochburg Hama beschossen. Dabei seien in dem Bezirk im Nordosten der Stadt Menschen zu Schaden gekommen und Häuser zerstört worden, hieß es aus Kreisen der Aufständischen. Eine Opferzahl wurde nicht genannt. Die Attacke folgte den Informationen zufolge auf Gefechte zwischen Rebellen und Truppen von Präsident Baschar al-Assad. In den vergangenen zwei Tagen seien durch Armeebeschuss auf Hama und Umgebung mindestens 13 Menschen getötet worden.

Aus Libyen meldete AP:

In der libyschen Hauptstadt Tripolis ist es am Sonntag zu einem Feuergefecht zwischen Milizen und Einwohnern gekommen. Dabei wurde nach Angaben des Milizenführers Mohammed el Rebai einer seiner Männer getötet. Die Kämpfer der Rebellenmiliz aus der Region Sintan lieferten sich demnach einen Schusswechsel mit bewaffnete Anwohnern des Stadtteils Abu Selim, der als Hochburg von Anhängern des ehemaligen Machthabers Muammar al Gaddafi gilt. Die Rebellen aus der westlich gelegenen Gebirgsregion Sintan besetzten nach dem Fall Tripolis im vergangenen August eine Schule in dem Bezirk und wandelten sie in einen Stützpunkt um.

Aus Saudi-Arabien meldete AFP Mitte März:

Bei erneuten Protesten von Schiiten im Osten von Saudi-Arabienist nach Angaben von Aktivisten ein Demonstrant getötet worden. Der 21-Jährige sei von der Polizei erschossen worden, als sie gewaltsam gegen eine Kundgebung zum Gedenken an einen am Donnerstag getöteten Demonstranten vorging, sagte ein Aktivist am Samstag per Telefon der Nachrichtenagentur AFP. Die amtliche Nachrichtenagentur SPA berichtete ihrerseits unter Berufung auf die Polizei, die Sicherheitskräfte seien am Freitag während einer verbotenen Kundgebung in Awamija von maskierten Männern beschossen worden.

Bei dem anschließenden Schusswechsel sei einer der Bewaffneten verletzt worden, hieß es bei SPA weiter. Awamija liegt in der Provinz Katif, in welcher der Großteil der schiitischen Minderheit Saudi-Arabiens lebt. In der Provinz kommt es immer wieder zu Protesten. Erst am Donnerstag war nach Angaben von Aktivisten bei einer religiösen Prozession zum Geburtstag des Propheten Mohammed ein Mann erschossen worden. Demnach hatten die Teilnehmer bei der Prozession die Freilassung politischer Gefangener und Reformen gefordert.

Die Staatsführung Saudi-Arabiens vertritt eine sehr strenge Auslegung des Islam. In der vorherrschenden Form des sunnitischen Islam werden die vor allem von Schiiten begangenen Feiern zum Geburtstag Mohammeds abgelehnt, weswegen es zuletzt immer wieder zu Konflikten kam. Die schiitische Minderheit klagt seit langem über religiöse und soziale Diskriminierung durch das Herrscherhaus. Seit Mitte März 2011 kommt es im Osten des Landes daher immer wieder zu Protesten, gegen die die Sicherheitskräfte gewaltsam vorgehen.

Aus Ägypten berichtete AFP:

Durch einen Erdrutsch bei illegalen Ausgrabungsarbeiten in Ägyptensind zehn Menschen ums Leben gekommen. Wie die Polizei am Montag mitteilte, wurden zudem zwei Menschen verletzt, als auf der Suche nach archäologischen Schätzen im zentralägyptischen Dorf Arab al-Manasra nördlich von Luxor die Wände des ausgeschaufelten Loches einbrachen. Die Opfer seien lebendig begraben worden. Unter den zehn Toten seien auch vier Brüder. Rettungskräfte versuchten, die Toten zu bergen.

Viele Ägypter suchen in der Hoffnung auf schnell verdientes Geld illegal nach archäologischen Schätzen. Vor allem die Regionen Luxor, Assuan und Kairo sind reich an Hinterlassenschaften aus der Antike. „Die Menschen graben nach einer Illusion“, sagte Mansur Boreik, Chef der Antiquitätenbehörde von Luxor, der Nachrichtenagentur AFP über das Phänomen der illegalen Ausgrabungen.

Ob es sich bei den Toten um Angehörige der Sippe Abd el-Rassuls handelt, wurde nicht gemeldet. Die französische Photographin Francine Marie David fuhr vor einigen Jahren nach Ägypten. In Luxor verliebte sie sich in einen Ägypter, heiratete ihn und stellte dann fest: Nun gehörte sie zur Sippe der Abd el-Rassuls, der berühmten »Grabräuber-Familie«, die seit Jahrhunderten das Tal der Könige beherrscht. Sie wurde selbst heimisch zwischen Tempeln und Pharaonengräbern und erlebte, was es bedeutet, sich als Europäerin in einer fremden Kultur zurechtzufinden. Allmählich drang sie ein in die Geschichten jener Familie, die weit mehr über die großen Archäologen weiß, als in den Geschichtsbüchern steht. Ihr Buch darüber Bei den Grabräubern. Meine Zeit im Tal der Könige erschien 2011 im Unions-Verlag.

Aus Israel berichtet heute AFP:

Die Zahl der im Nahostkonflikt getöteten Zivilisten ist im vergangenen Jahr sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite deutlich gestiegen. Wie die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem am Mittwoch in ihrem Jahresbericht mitteilte, starben 2011 durch israelische Sicherheitskräfte 115 Palästinenser, darunter 37 Zivilisten. Im Jahr zuvor waren 80 Palästinenser getötet worden, darunter 18 Zivilisten. Die meisten Opfer gab es demnach im Gazastreifen.

Auf israelischer Seite wurden 2011 B’Tselem zufolge elf Zivilisten getötet, darunter auch eine fünfköpfige Familie, die im März in einer jüdischen Siedlung im Westjordanland ermordet wurde. Im Jahr 2010 waren es demnach fünf israelische Zivilisten.

Die Organisation kritisierte die Menschenrechtsverstöße der israelischen Besatzung. Was als eine „vorübergehende Situation“ gedacht war, sei nun „fest verankert“ und es sei kein Ende in Sicht, erklärte B’Tselem. Israelhatte im Sechstagekrieg 1967 das Westjordanland, die Golanhöhen, Teile von Jerusalem sowie den Gazastreifen besetzt. Aus dem Gazastreifen, den mittlerweile die radikalislamische Hamas kontrolliert, zog sich der jüdische Staat 2005 zurück.

Aus Marokko berichtete die FAZ:

Der Suizid einer jungen Marokkanerin, die mit ihrem Vergewaltiger verheiratet worden war, hat in dem nordafrikanischen Land zu heftigen Protesten von Frauenorganisationen und einer Demonstration vor dem Parlament in der Hauptstadt Rabat geführt. Sie richtete sich vor allem gegen ein umstrittenes Gesetz, das es erlaubt, die „Ehre“ der Betroffenen wiederherzustellen, wenn der Täter einer Eheschließung zustimmt.

So geschah es im Fall der damals 15 Jahre alten Amina Filali aus einem Dorf nahe der Stadt Larache, die nach Angaben ihres Vaters im vergangenen Jahr von dem zehn Jahre älteren Mustafa Sallak mit einem Messer bedroht und vergewaltigt wurde. Angeblich auf Anraten eines Staatsanwalts stimmte der Vater, der eigentlich Anzeige erstatten wollte, schließlich einer Heirat zu. In der vergangenen Woche nahm sich die inzwischen Sechzehnjährige, die wiederholt auch noch häuslicher Gewalt in der Familie des Mannes ausgesetzt gewesen sein soll, mit Rattengift das Leben.

Aus Tunesien meldete AP:

Tausende Tunesier haben am 56. Jahrestag der Unabhängigkeit ihres Landes von Frankreich bei einem Marsch durch die Hauptstadt für eine säkulare Ausrichtung des Staates demonstriert. Der Marsch durch Tunis am Dienstag ist Teil der anhaltenden Auseinandersetzung zwischen Islamisten und weltlich orientierten Tunesiern um die Zukunft des Landes. Seit dem Sturz von Langzeitpräsident Zine al Abidine Ben Ali im vergangenen Jahr haben islamistische Kräfte Aufwind, darunter auch die ultrakonservativen Salafisten. Sie plädieren für eine stärkere Rolle der Religion im Staat. Während die neu gewählte Volksversammlung eine neue Verfassung ausarbeitet, veranstalten beide Seiten regelmäßig Demonstrationen. „Tunesienist frei und kein Kalifat rückwärtsgewandter Geister“, stand auf einem der Plakate.

Aus dem Irak berichtet taz-Korrespondentin Inga Rogg:

Jeden Morgen geht Dr. Fadhel Jatti durch die Hörsäle und hält Ausschau nach Studentinnen und Studenten in engen Jeans und Emo-Shirts. Als Leiter der Fernsehabteilung des Medien-Colleges an der Universität von Bagdad hat Jatti eigentlich Wichtigeres zu tun. Aber Befehl sei Befehl, sagt Jatti.

Die irakische Regierung hat in den letzten Wochen die Eliminierung des „Phänomens der Emo“ angeordnet. Emo ist die Kurzbezeichnung für Emotional Hardcore, ein Musikstil, der seine Wurzeln im Punk hat. Daraus erwuchs im letzten Jahrzehnt eine Jugendkultur, die sich durch ihr androgynes Äußeres ausdrückt. Wie anderswo in der Welt fand die neue Bewegung auch im Irak ihre Anhänger – in der Hauptstadt und in anderen Städten des Landes dürften sich schätzungsweise ein paar Hundert Jugendliche dazu zählen.

Doch seitdem die Regierung Emo ins Visier nahm, hat eine Reihe von ungeklärten Morden eine Schockwelle unter Jugendlichen – aber auch unter Schwulen und säkular gesinnten Irakern – ausgelöst. Wie viele Tote es gegeben hat, liegt im Dunkeln. Irakische Fernsehsender, die der Regierung kritisch gegenüberstehen, berichteten von jungen Männern im Emo-Look, denen mit Zementblöcken der Schädel eingeschlagen worden sei. Von mehr als 100 Todesopfern ist die Rede.

Über Facebook verbreiteten junge Iraker die Fotos eines jungen Mannes mit Gelfrisur, der im vergangenen Monat ermordet wurde. Eine Aufnahme zeigt ihn mit trendiger Sonnenbrille und einem weißen Jackett, auf einem zweiten Bild ist seine blutüberströmte Leiche auf einem Polizeiwagen zu sehen.

Lange Zeit von Milizen und Extremisten in den Untergrund gedrängt, haben irakische Jugendliche in den letzten Jahren begonnen, mit westlichen Modestilen zu experimentieren. Inzwischen gilt freilich jeder als Emo, der sich irgendwie westlich gibt – Männer mit langen Haaren oder Tattoos, Anhänger von Heavy Metall, HipHop und Rap oder Mädchen mit Piercings.

Die Regierung bestreitet, dass es überhaupt Morde an Emos oder Schwulen gegeben hat. Das Innenministerium bezeichnete die Berichte als Gerüchte und Medienlügen. Von keiner Polizeiwache lägen Informationen über Emo-Morde vor, erklärte diese Woche Akil Tureihi, der Generalinspektor des Ministeriums. Es gäbe auch keine entsprechenden Ermittlungen. Menschenrechtler sprechen von Vertuschung.

„Die Regierung hat das Feuer gelegt und tut jetzt so, als habe sie nichts damit zu tun“, sagt ein bekannter Aktivist, der namentlich nicht genannt werden möchte. Vor vier Wochen erklärte der Leiter der Sozialpolizei, der irakischen Sittenpolizei, dass das „Phänomen der Emos oder Teufelsanbeter“ unter Teenagern derart weit verbreitet sei, dass man dagegen einschreiten müsse. Seine Behörde sei autorisiert worden, in sämtlichen Schulen nach Emos zu suchen und sie „so schnell wie möglich zu eliminieren“. Begründung: Die Bewegung sei zu einer Gefahr für die Gesellschaft geworden.

Etwa zur gleichen Zeit verschickte der Minister für höhere Bildung, Ali Adib, ein Schreiben an sämtliche Hochschulen, in dem er ebenfalls die Ausmerzung der Emos fordert. Man erkenne sie an ihren engen Jeans, Shirts mit Totenköpfen und ihren Armbändern, heißt es in dem Schreiben. Die Emos seien Teufelsanbeter, die gegen die Scharia verstießen und von ausländischen Mächten unterstützt würden.

Seitdem macht Departmentsleiter Jatti seine morgendlichen Rundgänge durch die Hörsäle. Wenn er einen Emo entdecke, sage er ihm, dass er sich anders kleiden müsse, sagt Jatti. „Wir müssen gegen das Phänomen vorgehen, es widerspricht unserer Religion.“ Gewalt lehne er aber strikt ab.

Das sieht offenbar nicht jeder so. In mehreren schiitischen Quartieren sind Flugblätter mit Namenslisten, teilweise mit Adresse aufgetaucht. Darin werden angebliche Emos und Schwule bedroht. „Wenn ihr euer Verhalten nicht ändert, wird der Tod euer Schicksal sein“, heißt in einem Flugblatt, das sich an Schwule in Sadr City richtet.

Sadr City ist ein Stadtteil im Nordosten von Bagdad und Hochburg des schiitischen Predigers Moktada as-Sadr. Seine Miliz wurde in der Vergangenheit für den Mord an Dutzenden von Schwulen in Bagdad verantwortlich gemacht. Viele Exmilizionäre dienen heute in der Polizei und der Armee. Sadr nannte die Emos kürzlich „verrückte Narren“ und rief seine Anhänger auf, der „Plage innerhalb des Rechts“ zu begegnen.

Scharenweise strömen junge Männer mit längeren Haaren derzeit zu den Friseuren, um sich ihre Haare schneiden zu lassen. Viele haben ihre auffälligen Hoodies im Schrank versteckt. „Die Kleidung ist die einzige Freiheit, die Jugendliche hier hatten“, sagt der Händler Saif Abdul Kerim. „Jetzt nehmen sie uns auch das noch.“ In seinem Laden im zentralen Stadtteil Karrada verkauft Abdul Kerim die von der Regierung inkriminierte Kleidung. Doch jetzt bleiben die Kunden weg. Zur besten Verkaufszeit an einem Abend in dieser Woche war der Laden leer. Ein paar Blocks weiter hat Serwar, der als bester Tätowierer in der Stadt gilt, die Pforten geschlossen. Er habe Angst, gesteht er offen am Telefon.

Angst haben auch die Jugendaktivisten, Menschenrechtler und Journalisten, die sich im vergangenen Jahr an den Protesten gegen die Regierung beteiligten. Nach dem die Sicherheitskräfte Dutzende von Demonstranten verhafteten und Menschenrechtler zufolge folterten, ist die Protestbewegung weitgehend verstummt.

Im Herbst wurde der prominente Journalist Hadi al-Mehdi, ein scharfer Kritiker von Regierungschef Maliki, in seinem Haus erschossen. Seitdem trauen sich nur noch wenige, laut Kritik an der Regierung zu üben.

„Fast jeder hat Angst, er könnte der Nächste sein“, sagt ein Journalist. In der Kampagne gegen die Emos sieht er den jüngsten Versuch der Regierung, das Land auf den Kurs der fundamentalistischen Schiiten-Parteien zu bringen. Sowohl der Chef der Sittenpolizei als auch der Bildungsminister sind Schiiten. Bildungsminister Ali Adib ist nach Regierungschef Nuri al-Maliki der zweite Mann in der Dawa-Partei. Während al-Maliki die säkularen Sunniten in der Regierung jüngst in die Knie zwang, hat er schiitischen Extremisten die Tür zur politischen Teilhabe geöffnet. Gemäßigte schiitische Geistliche geißelten die Emo-Morde als Terrorismus – aber al-Maliki hat sich bisher nicht dazu geäußert. Kritiker deuten dies als Zugeständnis an die Radikalen.

Am Medien-College bezeichnet der Studentenvertreter Mustafa al-Kasimi das Vorgehen gegen die Emos als Kulturkampf. „Die militärische Besetzung der Amerikaner haben wir erledigt“, sagt Kasimi. „Nun müssen wir die kulturelle und intellektuelle Besetzung bezwingen.“

Mathias Bröckers schrieb über die ökonomischen Hintergründe der Einmischung des Westens im neuen „Great Game“ Zentralasiens:

Während die Menschenrechtsbellizisten nach den großartigen “Erfolgen” in Afghanistan und Irak ( ca. 1 Mio Leichen) nunmehr Syrien ins Auge fassen um nach bewährter Methode Humanität und Demokratie zu verbreiten, und Israels Präsident mal wieder auf PR-Tour für einen “Selbstverteidigungs”-Krieg gegen die nicht vorhandenen Atomwaffen des Iran tingelt, gerät naturgemäß aus dem Blick, worum es bei dem Zirkus eigentlich geht: Öl und Gas.

Seit Mitte der 90er Jahre plante der US-Konzern Unocal  TAPI – die Turkmensistan-Afghanistan-Pakistan-Indien Pipeline. Nachdem sich die ursprünglich als Hüter der Pipeline in Afghanistan installierte Taliban-Regierung bei den Verhandlungen über die Transitgebühren als zu hartnäckig erwies, wurde der vom Unocal-Vertreter angedrohte “Teppich voller Bomben” prompt geliefert und die Taliban unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung aus Kabul wieder verjagt. Als erste Amtshandlung unterzeichnete der danach installierte Prädident Kharzai dann in Dezember 2002 den Vertrag über TAP – ohne “I”, denn die Verlängerung nach Indien blieb noch offen. Die Inder  verhandelten unterdessen über IPI – eine Iran-Pakistan-Indien Pipeline, die den USA ein Dorn im Auge ist, weil sie TAPI relativ unrentabel macht. Doch weder Indien noch Pakistan wollen sich auf eine allein  US-kontrollierte Versorgung mit Erdgas verlassen und halten trotz  amerikanischem Druck an IPI fest, die auf iranischer Seite schon fertig ist und 2014 in Betrieb gehen soll.

Schon seit 2010 in Betrieb ist die russische Pipeline Blue Stream, die Gas durch das Schwarze Meer in die Türkei befördert, und die jetzt mit “Blue Stream 2″ verlängert werden soll – nach Syrien. Dass sich Assad auf dieses Angebot eingleassen hat – statt auf die von USA und EU angebotenen Gaslieferungen aus Ägypten – ist ein entscheidender Grund für den vom Westen massiv propagierten Regimewechsel in Damaskus: der Zugang  für russisches Gas zum Mittelmeer.  Zudem hat Syrien unlängst einen milliardenschweren Vertrag mit Iran und Irak über die Lieferungen von iranischem Erdgas ans Mittelmeer geschlossen – und damit weitere drohende Konkurrenz für das anglo-amerikanischen Piplinegeschäft ebenso wie für die Exploration der 2010 entdeckten großen  Erdgasreserveroirs im “levantinischen Becken” vor Zypern, die Israel ausbeuten will. Es geht bei den aktuell hochgekochten Konflikten also weniger um ein autokratisches Mullah-Regime in Teheran oder einen Diktator in Damaskus, die zugunsten von Demokratie und Humanität  “beseitigt” werden sollen, es geht um Konkurrenten und strategische Kontrolle im Erdgasgeschäft.

„When everyone is dead the Great Game is finished. Not before.“ (Rudyard Kipling 1901)

Das New Great Game, in dem es ebenfalls noch um Öl und Gas und die Vorherrschaft in Zentralasien geht, um die Russland, USA, China, Indien und die NATO/EU kungeln und kämpfen, hat als Epizentrum Afghanistan. Der Spiegel berichtet heute (26.3.) von einer neuen Konfliktlinie – sprich Pipelineplanung:

„Gemeinsam wollen Teheran und Islamabad eine mehr als 1600 Kilometer lange Pipeline bauen. Pakistan benötigt dringend Erdgas – einen Rohstoff, von dem Iran genügend hat: Es besitzt nach Russland die zweitgrößten Reserven der Welt. In Pakistan hingegen fehlt es an Strom und Gas. Oft stehen ganze Fabriken still, sind Wohnviertel ohne Licht.

Bis Ende 2014 soll die Pipeline beide Länder verbinden: vom South-Pars-Gasfeld im Persischen Golf bis zur ostpakistanischen Stadt Nawabshah. Dort wird das Gas ins pakistanische Netz eingespeist werden. Iran baut bereits an dem knapp acht Milliarden Dollar teuren Projekt. Jetzt sollen auch auf der anderen Seite der Grenze die Arbeiten beginnen, für Präsident Asif Ali Zardari ein politisch nicht ungefährliches Unterfangen. US-Außenministerin Hillary Clinton deutete an, Pakistan abzustrafen, sollte der Bau der Pipeline nicht abgesagt werden. Der US-Botschafter in Islamabad kritisierte das Vorhaben als „keine gute Idee“. Washington sei bereit, stattdessen andere Projekte zu fördern, um die Energienot zu lindern. Für die USA ist jede Kooperation mit Iran tabu, solange das Regime sein Nuklearprogramm nicht offenlegt.

Teheran hofft, dass Islamabad die Verträge einhält. Ahmadinedschad reiste jüngst nach Pakistan und erinnerte seinen Amtskollegen an die Vereinbarungen. Zardari gelobte Solidarität, die Pipeline sei im „nationalen Interesse“. Sollte Islamabad dennoch dem Druck aus den USA nachgeben, wären millionenschwere Strafzahlungen an Iran fällig.“

Zwischen dem South-Pars-Gasfeld im Persischen Golf und der ostpakistanischen Stadt Nawabshah liegt die pakistanische Provinz Baluchistan, die New York Times schreibt:

„In the shadow of the Afghanistan-Pakistan-frontier, another conflict has grown new life in recent years and, according to experts, poses a possibly greater existential threat to the Pakistani state. The province of Baluchistan, situated along Pakistan’s west and northwest borders with Iran and Afghanistan, comprises more than 40% of Pakistan’s landmass but less than 5% of its people. Its unforgiving deserts nearly annihilated the armies of Alexander the Great as they marched home. The native Baluch, descendants of nomadic tribes who roamed these arid wastes, number around five million and have for years complained of marginalization and mistreatment, particularly at the hands of the Pakistani military.

Beneath their homeland’s soil lies a treasure trove of natural gas and oil reserves, which, while largely untapped, yield revenues from which the Baluch feel excluded. Successive generations have waged armed rebellions against Pakistani rule — in 1948, 1953, through the 1960s and 70s, and now. According to analysts, continued abuses at the hands of security forces and Pakistan’s shadowy intelligence agency, the ISI, have intensified separatist feeling to an unprecedented scale. „Baluch nationalism is more broad-based, is a more serious phenomenon than at any time in the past,“ says Selig Harrison, a leading authority on the Baluch and director of the Center for International Policy in Washington.

The dimensions of the Baluch struggle are made all the more complicated by the region’s political geography. Around a million ethnic Baluch live on the other side of the border in Iran and there, too, have long agitated against a repressive state for greater freedoms. During Pakistan’s most brutal crackdown on Baluch separatists in the 1970s — when civilians reportedly died in the thousands — Iran lent Pakistan logistical support, including helicopters.“

(US-Politiker votieren inzwischen für ein unabhängiges Baluchistan – dann würde die iranische Pipeline an der Grenze im Nichts enden.)

Der „Freitag“ interviewte den libanesischen Politologen Fawwas Traboulsi über die Kämpfe in Syrien gegen das Assad-Regime:

„Die jetzigen Aktivisten des Protests sind vor allem geniale Organisatoren von Demonstrationen, die wissen, wie man sich schützt, verteidigt und gegenseitig hilft. Sie kommen aus allen Schichten und nutzen die neuen Medien. Ihre Bewegung ist antiautoritär, sie will nicht mehr gehorchen und lehnt jeden Zentralismus ab. Ihre Basis ist die gemeinsame Stimmung. Viele der Aktivisten sind junge Frauen, gerade das ist völlig neu in Syrien. Wir erleben das Großartige einer spontanen Erhebung mit allen Schwächen, die Spontaneität mit sich bringt. Es gibt keine Hegemonien mehr, Botschaften und Bilder sind ungefiltert und entspringen einer völlig neuen Medienkultur.

Die Linken müssen sich zuallererst mit demokratischen Aufbrüchen solidarisieren, selbst wenn diese Bewegungen nicht von einem säkularen Konsens geprägt sind. Die Menschen fordern ja nicht allein eine bessere Zukunft, sie rebellieren auch gegen die monströse Moderne dieser Regime. Das galt für Ägypten, Tunesien oder den Jemen – das gilt auch für Syrien. Es bleibt ein permanenter Kampf, um künftig auch gegen jene aufzustehen, die Macht wieder monopolisieren und Repressionen auf religiöser Ebene installieren wollen.“

APmeldete am Wochenende aus Syrien:

Syrische Regierungssoldaten haben nach Erkenntnissen von Human Rights Watch Zivilisten als Schutzschilde missbraucht. In einem Bericht der Menschenrechtsorganisation hieß es am Sonntag, die Truppen und regierungsnahe Milizionäre hätten Bewohner der Provinz Idlib gezwungen, vor ihnen zu gehen, als sie auf Rebellenhochburgen der Region vorgerückt seien.

Augenzeugen zufolge war das Ziel der Anweisung, die Soldaten vor Angriffen zu schützen. „Die syrischen Streitkräfte müssen diese abscheuliche Methode umgehend stoppen“, sagte Ole Solvang von Human Rights Watch.

Syrische Regierungstruppen nahmen am Samstag laut Aktivisten mehrere Rebellenhochburgen im Zentrum und Norden des Landes unter schweren Beschuss. Dabei sei ihnen heftiger Widerstand von Deserteuren entgegengeschlagen, hieß es. Schauplatz der meisten Kämpfe war die Ortschaft Sarakeb im Nordosten, in die Regierungstruppen mit Panzern vom Norden aus einrückten, wie das Syrische Observatorium für Menschenrechte und die Örtlichen Koordinationskomitees erklärten. Bei den Kämpfen wurden demzufolge neun Soldaten und zwei Rebellenkämpfer getötet. „Viele Bewohner flüchten aus der Stadt“, sagte der Leiter des Observatoriums für Menschenrechte, Rami Abdul-Rahman.

Beide Aktivistengruppen erklärten, die Soldaten würden von regierungsnahen Milizionären, den sogenannten Schabiha, begleitet. Die Truppen durchsuchten Häuser und nahmen Menschen fest. Das in der Provinz Idlib gelegene Sarakeb steht seit Monaten unter Kontrolle von Deserteuren.

Am Samstag beschossen syrische Truppen außerdem erneut die Rebellenhochburg Homs und die nahegelegene Stadt Al-Kusair. Das Observatorium teilte mit, seit dem frühem Morgen seien in Homs Granaten auf den dicht besiedelten Stadtteil Chaldije gefallen, der noch von Regierungsgegnern kontrolliert wird. Die Aktivisten veröffentlichten Online-Videos, die Explosionen in Wohngebieten und riesige Rauchwolken zeigten. Truppen hätten auch die in der Provinz Hama gelegene Stadt Kalaat unter schweren Beschuss genommen, teilte das Observatorium mit.

Nach Angaben des Observatoriums für Menschenrechte wurden am Samstag in Homs 14 Todesopfer gezählt. Die Koordinationskomitees meldeten 24 Tote. Die Zahl der Todesopfer im ganzen Land bezifferten beide Gruppen auf mehr als 40

 

Aus Leipzig berichtete ich – über seltsame Sächsische Schwärme

In Rietschen gibt es seit den Neunzigerjahren einen selbstorganisierten Jugendclub, der sich „Kommärzbanck Hammerstadt e.V.“ nennt. Man kann ihn gut und gerne als Deutschlands wichtigsten Punkschuppen bezeichnen. Daneben finden dort auch „Streetart Workshops“ statt. Der Ort hat einen Bahnhof. Zu manchen Konzerten reisen ganze Züge voll mit Punks an.

Ihre Gegenspieler, die Neonazis, versammeln sich dagegen gerne am anderen Ende von Sachsen – in  Limbach-Oberfrohna, wo es diesen überwiegend jungen Männern darum geht, eine „national befreite Zone“ zu etablieren. Fast täglich kommt  es dort nun zu tätlichen Angriffen auf „bunthaarige  Jugendliche“, wie die Landtagsabgeordnete der Linken, Kerstin Köditz, der Presse mitteilte.

In Leipzig treffen sich zu Pfingsten regelmäßig bis zu 20.000 Grufties. Sie sind eher von „Selbstmord“ als von „Lynchmord“ beseelt, wenn man ihren Lieblingsliedern glauben darf. „Zu dem viertägigen Festival, dem größten weltweit, kommen  die Anhänger der ‚Schwarzen Szene‘ aus ganz Europa, den USA, Südamerika, Südafrika, Japan und Israel,“ wie einer der Organisatoren erklärt, der für ihr Treffen 200 Künstler aufbietet. Die „Wave-Gotik“-Veranstaltungen finden an 40 verschiedenen Orten über die ganze Stadt verteilt statt. Im Herbst treffen sich die „Gothic-Fans“ aus ganz Europa auf der Elfen Fantasy Fair in der holländischen Kleinstadt Arcen.

Zur Leipziger Buchmesse wiederum, die Mitte Februar stattfindet, reisen  „Cosplayer“ von überallher nach Leipzig. Es waren heuer an die 1000. Sie haben dort freien Eintritt, demnächst auch auf der Frankfurter Buchmesse. Bei diesen „Kostümspielern“  handelt es sich überwiegend um junge Mädchen, die sich – orientiert an den „Characters“ japanischer Manga-Comics und -Filme – phantasievoll herausgeputzt haben. Am letzten Messetag findet ein großer „Cosplay-Wettbewerb“ statt, aber schon vorher werden die Mädchen von Photographen, Pädophilen und besorgten Eltern geradezu umlagert. Man sieht Engel mit und ohne Flügel, Sex Dolls, Geishas (mit und ohne Reisbäuerinnenhüten), Schulmädchen, Krankenschwestern, Lolitas, Cheerleader, weibliche Batmen, Supermen (mit und ohne Penisschutz), Transformer, Kellnerinnen, Teufelchen, Astronauten, Anzugträger, Harlekine, Zauberer, Nixen, Blumenmädchen, Cinderellas in Reifröcken, niedliche Peter Pans und Robin Hoods, rote, gelbe und schwarze Hexen, regenbogenfarbene Spacegirls, Schmetterlinge, Kobolde, Raben, Bären, Wölfe, Matrosen, Mädchen in Hochzeitskleidern, mit großen Hüten, mit einer Puppe im Arm, in Bikinis aus Tüll, in Röcken aus Spielkarten, in Phantasieuniformen, Petticoats, in Latex und Leder, mit Spock-Ohren, Hörnern oder Antennen und  Perücken in allen Farben.

Für die wenigen männlichen „Cosplayer“gibt es anscheinend nur ein paar „Characters“: Soldaten, Krieger oder Monster, was wahrscheinlich daran liegt, dass die meisten Mangazeichner junge Männer sind, die am Liebsten Mädchen (mit großen Augen) malen. Andererseits sieht man auf der Messe auch etliche Mädchen in männlichen Verkleidungen und nicht wenige mit großem Mut zur Hässlichkeit, die meisten haben sich jedoch einfach nur süüß und rosa aufgebrezelt. Einige schüchterne kommen mit Koffer und ziehen sich vor der Messe um und alle photographieren sich ständig gegenseitig. Aber zwischendurch gehen sie auch alleine oder in kleinen Gruppen durch die Messehallen. Auf diese Weise kommen sie mit richtigen Büchern in Berührung. Die zunehmend massivere Präsenz dieser bunt verkleideten Mädchen dort bewirkt, dass auch die normal aufgetakelten Messebesucher nach einer Weile alle wie „Cosplayer“ aussehen – die sie ja auch sind: in ihren Erste-Hilfe- und Polizeiuniformen, in ihren Vertreter-Anzügen und Lufthansa-Kostümen, als Zizek- und Sloterdijk-Lookalikes, als Susan-Sontag- und Elfriede-Jelinek-Doubles. Aber man kann sich irren: In der Comic-Halle 2 beglückwünschte ich Mathieu Carrière und Katjka Riemann zu ihrem Auftritt – aber sie waren es selbst – quasi höchstpersönlich. Die Frankfurter Rundschau, die in Wirklichkeit eine Berliner Zeitung ist, schrieb anderntags: „In jedem Darth Vader steckte ein süßer Gentleman, in jeder blaulippigen Vampir-Madonna eine schüchterne Pubertierende. Das hielt die Messeleitung nicht davon ab, vorsichtshalber eigene ‚Waffengesetze‘ zu erlassen: Peitschen durften nicht länger als 1,50 Meter sein, die Stacheln der Halsbänder nicht länger als 5 Zentimeter; Spielzeugpistolen aus Plastik und Schwerter und Lanzen aus Holz oder Pappmaché mussten eindeutig als Nachbauten erkennbar sein.“ Das war dann auch das einzig Eindeutige auf der Messe.

Aus Berlin-Pankow kommt ein kurzer Bericht über Krebs-Kriege:

Auf der Solschenizyschen „Krebsstation“ hing eines Tages ein „Losungswort“: „Patienten, sprecht nicht miteinander über eure Krankheiten!“ Das war 1968 in einer Klinik der Sowjetunion. 1973 wunderte sich eine Anthropologin, die in einer US-Klinik arbeitete: „Es war zwar eine Krebsstation, doch das Wort ‚Krebs‘ wurde vom Pflegepersonal ebenso wie von den Patienten tunlichst vermieden.“ Stattdessen herrschte dort eine „künstlich hergestellte Fröhlichkeit“, wie der Onkologe Siddharta Mukherjee in seiner soeben auf deutschen erschienenen äußerst ami-dumpfmeisterlichen Klinik-Geschichte des Kampfes gegen den  Krebs (vornehmlich in den USA) „Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biographie“ schreibt. In diesem „Kampf“ – zwischen dem „Krebs“ und den Ärzten –  meldeten sich jedoch irgendwann die Patienten zu Wort. Mit dem Internet nahm das dann Ausmaße an, die die Ärzte beunruhigen. Immer öfter wollen die Patienten nun bei Diagnose und Therapie mitsprechen, holen oft weitere Gutachten über ihre Krankheit ein und schulen sich. Als Beispiel mag ein Eintrag in einem „Darmkrebs“-Forum dienen:

„Im Herbst 2000 wurden bei meinem Vater ein Dickdarmkrebs operativ entfernt und ein Teil der Leber, da Lebermetastasen. Leider sind noch weitere Lebermetastasen  da. Anschließend bekam er 6 Zyklen Chemo, die Metas sind unverändert. Außerdem nimmt er Enzyme. Im Sept. 2001 wurde mit Xeloda begonnen. Nach dem ersten Zyklus hatte er häßliche Nebenwirkungen! Nach einer Ultraschalluntersuchung der Leber meinte der Arzt, dass die Metas anfangen zu verkrusten. Was bedeutet dieses Verkrusten? Wie sind die Erfahrungen zu Xeloda? Kann mir jemand noch Infos zu der Hypothermie geben?  Lasern scheidet wahrscheinlich aus, da es mehrere Metas in der Leber sind. Wie sind die Erfahrungen mit der regionalen Chemo?“ Ein Forums-„Gast“ antwortete: „Meine Schwester wurde vor einer Woche ein künstlicher Darmausgang gelegt.  Die Schmerzen z.B. beim Sitzen waren daraufhin fast unerträglich, daher wurde die Naht wieder geöffnet. Da hatte sich extrem viel Eiter angesammelt?! Hat jemand Erfahrungen damit? Auch von den Ärzten bin ich etwas entäuscht. Habe einiges über Bio-Medizin gelesen z.B. Immuntherapie, Misteltherapie… aber diese Themen werden noch gar nicht angesprochen. Muß man sich um Unterstützende Therapien selbst kümmern ? Sollte z.B. eine Immuntherapie nicht so früh wie möglich begonnen werden ?“ „Ein anderer „Gast“ schrieb daraufhin: „über alternative oder zusätzliche Therapiemöglichkeiten kann ich dir nur folgendes sagen: Verlasse dich nicht darauf, daß sich die Ärzte von alleine darum kümmern. Belest euch und sprecht dann die Ärzte darauf an. Wenn du einen guten Hausarzt oder Heilpraktiker an der Hand hast, würde ich die zusätzliche Therapie mit IHM klar machen, denn die meisten Krankenhaus-Ärzte halten diese nicht für notwendig. Wahrscheinlich liegt das einfach daran, daß sie keine Erfahrung damit haben. Anfangs habe ich mich auch blind auf das verlassen, was die Ärzte sagten – mit dem Resultat, daß es meinem Mann immer schlechter erging.“ Usw..

Auch Solschenizyn ging anfänglich mit seinem Krebs zu einem Kräuterheilkundigen in Usbekistan. Seitdem sind viele solcher Mittel hinzugekommen – als „Alternativen“ zu den aus der Rüstungsforschung stammenden konventionellen: Chemo-,  Bestrahlungs- und Gen-Therapien z.B.. Daneben gibt es eine Reihe von  Krebstheorien – u.a. von Wilhelm Reich und Fritz Popp, die einen  ganzheitlichen Ansatz entwickelten und deren therapeutische Ratschläge sich dementsprechend auf das kranke Individuum bezogen und beziehen. Nicht „die vielen Facetten des Tumors“ (SZ) interessieren  hierbei, sondern eher die von krankmachenden Lebensweisen. Auch solche Überlegungen kommen in den Patientenforen zur Sprache. Insgesamt kann man vielleicht . mit dem „Innovationsberater“ des US-Außenministeriums, Alec Ross –  sagen: „Die Macht verschiebt sich nicht von den USA nach Asien und schon gar nicht nach Europa, sondern von oben nach unten – von den Institutionen zu den Individuen, die übers Internet zu einer Macht geworden sind.“ – Indem sie miteinander kommunizieren – das ist laut Professor Popp auch die erste Bedingung zu ihrer Heilung, denn für ihn besteht die Krebserkrankung aus einem interzellulären Kommunikationsabbruch.

Die Beuys-Familie

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  1. taz v. 26.3.2012:

    Ein Jahr nach Beginn des Aufstands in Syrien trafen sich Oppositionelle im Haus der Kulturen der Welt. – von Sonja Vogel

    Vor fast genau einem Jahr im März protestierten in südsyrischen Daraa erstmals Tausende gegen das Regime Baschar al-Assads. Aus diesem Anlass fand am Freitagabend im Haus der Kulturen der Welt unter dem Titel „Ein Jahr Revolution in Syrien – Zwischen friedlichem Kampf und brutaler Unterdrückung“ ein Abend für die syrische Opposition statt.

    Der kleine Saal war mit 400 Menschen überbelegt. Viele trugen Tücher und Fahnen in Grün-Weiß-Rot, den Farben der syrischen Revolte. „Wir wollen aus dem Gefühl der Passivität und Gelähmtheit herauskommen“, erklärte die Journalistin und Moderatorin Kristin Helberg. „Smuggling 23 Minutes of Revolution“, ein Dokumentarfilm einer anonymen Filmemacherin, eröffnete den Abend. Er erzählt die Geschichte der Revolte gegen die Baath-Partei in Hama. Schon 1982 waren hier 20.000 Menschen von der syrischen Luftwaffe ermordet worden. Nun, am 3. Juni letzten Jahres, gab es erneut ein Massaker: Sicherheitskräfte erschossen reihenweise unbewaffnete DemonstrantInnen. „Heute schauen wir wieder nach Hama“, holte Helberg das Publikum ins Jetzt zurück.

    Tatsächlich hat sich die Lage in Syrien dramatisch zugespitzt. Jeden Tag sterben Menschen, von insgesamt 8.500 zivilen Todesopfern gehen Menschenrechtsgruppen und die UNO derzeit aus. Zehntausende flüchten in die Nachbarstaaten.

    Drei Hilfsorganisationen stellten am Freitag ihre Projekte vor. Mit „Adopt a Family“ haben sie ein niedrigschwelliges Hilfssystem entwickelt: Lokale AktivistInnen schmuggeln Spendengelder und Medikamente über die Grenze. „Nicht legal, aber legitim“ nennt dies ein Sprecher der Deutsch-Syrischen Forums.

    Als Suheir al-Atassi vorgestellt wird, gibt es tosenden Applaus. Sie ist eine bekannte Vertreterin des Revolutionsausschusses. Atemlos spricht sie von den zerstörten Vorstädten von Damaskus, klagt Folter und die Tatenlosigkeit der Staatengemeinschaft an. „Wenn man erklärt, nicht zu intervenieren, steigen die Opferzahlen an“, ruft sie. Die Staatengemeinschaft wisse vom Terror des Assad-Regimes gegen die Bevölkerung, sagt auch George Sabra, hochrangiges Mitglied des Syrischen Nationalrats. Trotzdem wolle die UNO sich weder einmischen noch die Freie Syrische Armee bewaffnen: „Man lässt das syrische Volk allein.“

    Sabra plädiert für Schutzzonen, die von UN-Blauhelmen gesichert werden könnten. Gäbe es aber keine Unterstützung durch die Staatengemeinschaft, drohe unweigerlich der Bürgerkrieg. „Wenn Waffen benötigt werden, werden sie auch geliefert.“ Schließlich könne niemand den SyrerInnen verordnen: „Verbringt noch 50 Jahre im Despotismus!“ Al-Atassi sprach sich deshalb für die kontrollierte Bewaffnung der Freien Syrischen Armee aus. Zum Schutz der friedlichen Proteste.

    Schließlich lieferten der Iran und die Hisbollah Waffen an Damaskus. Ohne die Bewaffnung der Freien Syrischen Armee werde es einen konfessionellen Bürgerkrieg geben, eine neue al-Qaida und Hunderttausende Flüchtlinge, prophezeite Monzer Makhous vom Nationalrat.

    „Die Bewaffnung der Rebellen spielt dem Regime in die Hände“, meinte hingegen Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sie erntete Applaus und Protestrufe. Doch was dann? Gespräche mit Baschar al-Assad? Wie oft schon hat die UNO mit Verhandlungen Diktatoren gestärkt, statt diese zu schwächen? Der SPD-Mann und ehemalige Staatsminister im Auswärtigen Amt, Günter Gloser, plädiert dennoch für Gespräche. In Deutschland steht er mit dieser Forderung nicht allein.

    „Ich bin kein alevitischer Vertreter, sondern syrischer Bürger“, wies Monzer Makhous zwar die Moderatorin einmal zurecht. Dennoch blieben die syrischen VertreterInnen in ihren Forderungen uneins. Ein Jahr nach Beginn der Aufstände ist die Gemengelage auch innerhalb der Opposition kaum überschaubar. Alle haben Angst vor einem Bürgerkrieg. Besonders die Minderheiten fürchten die Einflussnahme radikaler Salafisten aus Saudi-Arabien und Katar, die die Freie Syrische Arme mit Waffen beliefert. Das ist auch im Publikum spürbar.

    „Sogar meine Familie ist gespalten“, sorgte sich ein in Berlin lebender Syrer. Die Opposition müsse eingestehen, dass der Rückhalt Assads größer sei als gehofft. „Das Regime ist nicht nur eine einzige Person, es ist im Volk verwurzelt“, sagte er. Auch nach dem Sturz drohe darum ein Bürgerkrieg.

    Schließlich fragte der Politikwissenschaftler Hajo Funke, was sich die DiskutantInnen konkret von Deutschland erhofften. Die Nationalräte blieben eine Antwort schuldig. Trotz der Euphorie der TeilnehmerInnen blieb darum das ungute Gefühl, dass es eben auch der Opposition an Konzepten und Strukturen mangelt; Stimmen aus dem Publikum wünschten sich vor allem mehr Transparenz vom Nationalrat. Daran konnte auch der vierstellige Betrag an Spenden nichts ändern, der am Abend zusammenkam. „Die Geschichte der syrischen Revolution ist lang“, sagte Sabra. Die nächsten Kapitel werden gerade geschrieben, und ein Happy End ist nicht in Sicht.