Kairo-Virus 145

„Orientkämpfer“

 

„Der Libyer war noch bleicher denn zuvor und verfolgte, beide Fäuste auf die Terrassenmauer gestützt, mit starrem Blick etwas am Horizont. Spendius beugte sich vor und entdeckte endlich, was jener betrachtete. Ein goldner Punkt rollte in der Ferne im Staub auf der Straße nach Utika. Es war die Radnabe eines mit zwei Maultieren bespannten Gefährts. Ein Sklave lief an der Spitze der Deichsel und hielt die Tiere an den Trensen. Auf dem Wagen saßen zwei Frauen. Die Schöpfe der Tiere standen nach persischer Sitte kammartig hoch zwischen den Ohren unter einem Netz von blauen Perlen. Spendius erkannte die Insassen. Er unterdrückte einen Aufschrei.“ (Gustave Flaubert, „Salambo“)

 

T.E.Lawrence – Orient-Mimikry

 

Im Gegensatz zu den englischen – wie z.B. T.E.Lawrence – sind die deutschen „Orientkämpfer“ relativ unbekannt geblieben. Schon vor dem 1. Weltkrieg waren das in der mit Deutschland verbündeten Türkei, damals noch ein (osmanisches) Kolonialreich, 70 Offiziere und 3000 Soldaten. Zu sagen, dass alle anschließenden Berichte, Erinnerungen oder Romane  darüber veröffentlichten, wäre übertrieben, aber unter den höheren Ränge taten es fast alle, zumal ja bereits ihre aktive Dienstzeit z.B. an der „Gaza-Linie“, wo es ihnen zwei Mal gelang, die Engländer und Araber abzuwehren, nicht zuletzt aus dem Verfassen von „Kriegsberichten“ und „Memoranden“ bestand. Nach der dritten Schlacht mußten die Offiziere mit „operativer  Kommandogewalt“,Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein und Erich von Falkenhayn, sich zurückziehen und mit  ihren türkischen Truppenteilen Jerusalem kampflos räumen.

Peter O‘ Toole – Lawrence-Mimikry

 

Das Photo vom englischen General Allenby und seinem Geheimdienstoberst T.E.Lawrence, den man später „König von Arabien“ nannte, wie sie mit ihrer Eskorte durch das Jaffator reiten, wurde berühmt. Noch berühmter wurde dann der Rechenschaftsbericht des „Lawrence von Arabien“, der mit viel Geld und guten Willen die arabische Revolte gegen die osmanische Herrschaft begleitet hatte, beginnend in Mekka 1916 bis zur Einnahme von Damaskus 1918: „Die sieben Säulen der Weisheit“. (1)

Obwohl der Autor sich bei seinem Engagement nicht schonte (und 12 Kamele zuschanden ritt) wußte er, dass seine aktive Mithilfe beim „Nation-Building“ der Araber eine verlorene Sache war, da seine Regierung sich bereits 1915 die ganze Region mit Frankreich geteilt hatte, ausgenommen ein Teil von Palästina, wo die Ansiedlung von Juden vorgesehen war. Lawrence haderte deswegen während der ganzen Zeit seines Einsatzes unter den Aufständischen mit diesem, seinem „Verrat“. Zumal er sich immer mehr den Beduinen annäherte – in einer Art „doppelten Mimikry“, wie die Lawrence-Biographin Kaja Silverman schreibt. „Indem er nämlich den Arabern in seiner Person vorführte, was es heißt, Araber zu sein.“ (2)

 

Peter Sellers – Lawrence-Mimikry

 

Was dabei herauskam, war jedoch bloß ein etwas lächerliches „Stereotyp“ – zu diesem Schluß kommt  der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said in seiner großen Studie über den westlichen „Orientalismus“. Anders der Kultusminister unter dem französischen Staatschef de Gaulle, André Malraux, der sich Lawrence von Arabien zum Vorbild nahm, wenn man seinem Biographen Jean-Francois Lyotard glauben darf: Demnach unternahm Malraux all seine partisanischen Aktionen – u.a. im spanischen Bürgerkrieg und gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, vor allem, um anschließend darüber Bücher zu schreiben. T.E. Lawrence versuchte dagegen nach dem Rummel um die Veröffentlichung seiner „Sieben Säulen der Weisheit“ wieder ein Unbekannter zu werden – als einfacher Soldat. Malraux und Lawrence eint, dass ihr Rang eines Oberst mehr oder weniger angemaßt war.

André Malraux – Lawrence-Mimikry

 

Von solch einer Würdigung, Herabwürdigung, Bearbeitung eines „Orientkämpfers“ können die deutschen WK-1-Orient-Offiziere nur träumen. Auch ist kein einziges Photo von ihnen in türkischer oder arabischer Kleidung  bekannt. Die meisten waren biedere preußische Adlige, ob sie diese „Bürde“  authentisch oder ebenfalls stereotypisch „rüberbrachten“, ist nicht überliefert, (3)  wohl aber ihre klischeehafte Sichtweise auf die türkischen Soldaten und ebenso auf ihre Gegner – die arabischen Partisanen. So taucht z.B. bei fast allen ihren Beschreibungen des türkischen Soldaten der Fatalismus auf, der oft als „blindes Gottvertrauen“ geschmäht wird, wie der Historiker Jan Christoph Reichmann  2009 in seiner  Doktorarbeit „‚Tapfere Askers‘ und ‚Feige Araber‘ –  Der osmanische Verbündete aus der Sicht deutscher Soldaten im Orient 1914-1918“ herausarbeitet.

Er bezieht sich dabei u.a. auf Carl Endres und dessen 1919 veröffentlichtes Buch  „Der Weltkrieg der Türkei“, in dem es heißt: „Der türkische Soldat ist, sofern er anatolischer Bauer ist, sehr gut, namentlich im Ertragen von Strapazen und im Erdulden von Hunger, Durst und Entbehrungen jeder Art. Sein Temperament ist nicht groß, seine Selbständigkeit noch geringer. Aber er vertraut auf Gott.“

In einem Bericht des Majors Fischer an Oberst Freiherrn Kreß von Kressenstein hieß es bereits 1915: „Den [türkischen] Soldaten fehlte der Wille zum Sieg. Ohne Freude am Handwerk, ohne Liebe zum Vaterland, ohne Sinn für die Größe der Aufgabe liefen sie mit mattem Herzen einer gleichgiltigen Zukunft entgegen, die vom Willen Allahs längst vorherbestimmt war und an der sie doch nichts mehr ändern konnten.“ Aus dieser recht vordergründigen Erklärung für eine militärische Niederlage, wie Jan Christoph Reichmann schreibt,  „spricht zugleich eine deutsche Erwartungshaltung, die wirklichkeitsfremd war. Nationalistische Tendenzen keimten erst seit der ‚jungtürkischen Revolution‘ auf und hatten seither nur in einem kleinen – überwiegend in Konstantinopel beheimateten – Bevölkerungskreis Wiederhall gefunden. Für die Masse der osmanischen Mannschaften und insbesondere die arabischen Soldaten, die von dem jungtürkischen Nationalismus noch stärker diskriminert wurden, konnte ‚Liebe zum Vaterland‘ keine Motivation sein.“

Karl-Heinz Wischnewski – Ben-Wisch-Mimikry

 

Eher schon auf der anderen, der  arabischen Seite die Liebe zur  Freiheit, zumal wenn sie mit Aussicht auf Beute einherging und einer dicken  Belohnung. (Die Beduinen waren bereits frei, warum sollten sie da noch für die Freiheit kämpfen? fragte sich der deutsche Lawrence-Biograph Peter Thorau, der sich dabei auf mehrere türkische und arabische Historiker der „Arabischen Revolte“ bezieht.) Insgesamt zahlten die Engländer für den beduinischen Partisanenkrieg  des Emirs von Mekka und seinen Söhnen  umgerechnet 330 Millionen Goldmark. Hinzu kamen noch kleinere Beträge von der anderen Seite – der osmanischen Regierung, die, um ihre 1908 in Betrieb genommene Hedschasbahn von Damaskus nach Medina (einer Abzweigung der Bahnstrecke von Berlin nach Bagdad) zu schützen, „Überfall-Ausfallprämien“ an die aufständischen Beduinen zahlten.

Bei den eigenen Truppen  wurde mit anderen Mitteln  gearbeitet: „Gegen Trägheit und Ungehorsam erwies sich den Mannschaften gegenüber als bestes Mittel die körperliche Züchtigung. Jeder Vorgesetzte konnte eine Anzahl Stockschläge verhängen. Die türkischen Offiziere erklärten mir, ohne Stockschläge könne man nicht auskommen. Die Strafe war gesetzlich. Arreststrafen machten fast gar keinen Eindruck. Der Türke ist zu phlegmatisch, als daß er die Freiheitsentziehung als harte Strafe empfinden könnte,“ heißt es in einer Notiz eines Oberleutnants namens Heuck. Rückblickend schreibt  der Oberst Freiherr Kreß von Kressenstein über einen Vorstoß in der Sinai-Wüste – bis nahe an den Suez-Kanal: „Wir begegneten einer Anzahl militärischer Kamelkolonnen. Der Anblick dieser mangelhaft ausgerüsteten türkischen Formationen ohne Disziplin und Ordnung, mit halbverhungerten Tieren und mit den in Lumpen gehüllten, wie die übelsten Landstreicher aussehenden Kameltreibern unter Führung energieloser, unbrauchbarer Offiziere deprimierte mich in hohem Grade und erfüllt mich mit ernsten Zweifeln über die Durchführbarkeit des geplanten Unternehmens.“ Dieses wurde dann auch auf halber Strecke abgebrochen, immerhin stationierten die Engländer daraufhin 400.000 Mann zum Schutz des Suez-Kanals, der „Lebensnerv“ des britischen „Empire“ – seitdem ihr Marineminster – Churchill – die britische Kriegsflotte von Kohle auf Öl umgestellt hatte. Das Öl kam zunächst aus Persien und Burma, später auch aus dem Irak.

Als Oberst Freiherr Kreß von Kressenstein den deutschtürkischen Vorstoß gegen den Suez-Kanal durchführte, waren darunter auch arabische Einheiten, reguläre und irreguläre. Hierbei unterschied man laut Jan Christoph Reichmann noch einmal zwei verschiedene „Typen“ von Arabern: Den „Stadtaraber“ und den „Nomaden“ oder „Beduinen“. „Die Stadtbewohner waren direkt der türkischen Verwaltung unterworfen, das bedeutet, sie waren abgabenpflichtig, wehrpflichtig und unterstanden der Rechtsprechung des türkischen Provinzgouverneurs. Amtssprache in den überwiegend von Arabern bewohnten südlichen Provinzen war die türkische Sprache. Die ‚Beduinen‘ hingegen unterwarfen sich nicht der türkischen Militär- oder auch Zivilbürokratie. Im Gegensatz zu der übrigen Bevölkerung konnten aus ihnen demnach keine Infanterie- Einheiten gebildet werden und ebenso schieden sie für die Belange des Personalersatzes aus.“

Auch der Rittmeister Welsch fällte in seinen  „Kampfberichten“ ein „düsteres Urteil“ über die Araber in der Truppe: „Daß die Araber im modernen Gefecht nicht zu verwenden sind, ist eine alte Sache, die sich neuerdings wieder bestätigt hat. Sie gehorchen nur, wenn sie wollen oder wenn sie Gold sehen und machen kein Hehl daraus, daß sie sich vor Inf.- und Art.-Feuer fürchten. Und als ich einmal vor einem Erkundungsritt, bei dem sie mich zuerst angeschossen hatten, eine Postenlinie passierte und im Trab zurückreiten wollte, legte man mir nahe, lieber Schritt zu reiten, weil das die Araber falsch auslegen und davon laufen könnten.“

Ähnlich urteilte  Kreß von Kressenstein: „Der Stadtaraber und auch der Beduine scheint religiös vollständig gleichgiltig zu sein. Ebenso wie der Ägypter dient er demjenigen, der ihm das meiste Geld bietet und auch diesem nur solange, als ihm nicht ein anderer mehr Geld bietet. Seiner Habsucht sind lediglich Grenzen gesetzt durch seine Feigheit; sein Leben setzt er auch für hohe Summen nicht aufs Spiel.“

Richard Burton  –  Orient-Mimiky

 

Meldungen vom Anfang des Jahres 1916 an die 6. Armee in Mesopotamien bestätigen, „daß diese Situation während des Krieges nicht nur anhielt, sondern sich noch verschlimmerte“. Jan Christoph Reichmann zitiert dazu aus einem Kommandeursschreiben aus Mesopotamien: „Im Irak steht die Sache ganz anders. Im Irak ist die Bevölkerung degeneriert. Sie hat keinen festen Halt an der Religion, die Liebe zum Herrscher ist gering und die Befehle der Regierung werden widerwillig ausgeführt. Ausserdem ist die Wirkung des fremden Einflusses auch sehr gross. Die Bevölkerung und die Stämme, die es nicht gewohnt sind die Staatsgesetze zu achten, ziehen es vor, sich vor den Gesetzen zu drücken, die sie als Last empfinden statt dieselben zu befolgen. Besonders in Kriegszeiten suchen dann diese Völker die ihnen lästigen Gesetze zu umgehen, indem sie sich dem Feinde unterwerfen, der ihnen Freiheiten gewährt.“ Kreß von Kressenstein forderte 1917 „nach der zweiten Schlacht um Gaza trotz angespannter Personallage die Auflösung einer kompletten arabischen Division, da sich diese als politisch unzuverlässig und militärisch völlig unbrauchbar erwiesen habe.“

Auf der arabischen Halbinsel hatte die Revolte 1918 ihren „Höhepunkt erreicht und spätestens nach dem Fall von Jerusalem war die Haltung der arabischen Zivilbevölkerung in den südlichen Provinzen gegenüber den türkischen und deutschen Truppen sogar feindselig geworden. Der deutsche Kommandeur des Infanterie-Regiments 146 schreibt in sein Kriegstagebuch, daß seine Truppen sich den Weg durch die Stadt Damaskus „frei schießen“ mußten aus Angst, von aufgebrachten Einwohnern gelyncht zu werden. Auch Oberstleutnant Guhr berichtet von solchen Straßenkämpfen in der Stadt. Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung des damaligen Leutnants im ersten Bataillon des I.R. 146, Adolf Treitz. Er berichtet in seinem Buch „Die Vergessenen“ ausführlich von seinen Erlebnissen als Führer einer kleinen Gruppe Deutscher inmitten des Zusammenbruchs der Palästinafront und von der „Jagd“ der arabischen Bevölkerung auf die Deutschen. Sie waren also im Westen schon 1933, als Treitz seinen Erlebnisbericht veröffentlichte, „vergessen“.

Der Ruhm von T.E.Lawrence fing da quasi erst an, forciert vor allem durch eine amerikanische Wander-Show über ihn, die alles enthielt, wofür der Orient stand: verführerische Musik, Schleiertänze usw.. Über seine deutschen Gegner, namentlich das 1. Masurische Infanterie-Regiment Nr. 146, urteilte Lawrence, nachdem er sich mitleidig über den osmanischen Gegner geäußert hatte:

„Eine Ausnahme machten die deutschen Abteilungen; und hier wurde ich stolz auf den Feind, der meine Brüder getötet hatte. Sie waren 2000 Meilen von ihrer Heimat entfernt, ohne Hoffnung im fremden, unbekannten Land in einer Lage, verzweifelt genug, um auch die stärksten Nerven zu brechen. Dennoch hielten ihre Truppen fest zusammen, geordnet in Reih und Glied und steuerten durch das wirr wogende Meer von Türken und Arabern wie Panzerschiffe schweigsam und erhobenen Hauptes. Wurden sie angegriffen, machten sie Halt, gingen in Gefechtsstellung und gaben wohlgezieltes Feuer. Da war keine Hast, kein Geschrei, keine Unsicherheit. Prachtvoll waren sie.“

Lord Byron – Balkan-Mimikry

 

Spätestens seit Beginn des Arabischen Aufstands, wie die jetzigen Revolten in Nordafrika und im Nahen Osten genannt werden, seit 2011 mithin, besinnt man sich noch einmal wieder auf T.E.Lawrence – mit Feuilletons, Büchern, Vorträgen, Fernseh-Features, Theaterstücken und Ausstellungen. Seine  27 Artikel, die er als Memorandum 1917 an seine Vorgesetzten in Kairo schrieb, sind heute eine Art Handbuch über den alltäglichen Umgang mit arabischen Alliierten, wie John Hulsman sie 2005 in einem Vortrag für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik nannte, der sich mit dem State-Building in Ländern mit zerfallenden Herrschaftsformen befaßte: Entscheidend war für Lawrence, dass die Araber selbst politische Ziele formulierten und durchsetzten. Für die westlichen Berater sollte gelten: Legitimität folgt aus der Ankennung der kulturellen Normen, und nicht, indem man westliche Muster überträgt. „Es ist der Krieg der Araber und deine Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, und nicht den Krieg für sie zu gewinnen,“ so Lawrence in bezug auf den Partisanenkrieg im Hedschas. „In jedem erfolgreichen Prozeß der Staatenbildung müssen lokale Eliten zu Akteuren für deren eigene Interessen werden,“ so Hulsman – im Hinblick auf die heutige Situation im Irak und in Afghanistan.

Vor allem die Militärs studierten und studieren Lawrence‘ Darstellung der Partisanen-Kriegsführung. In der Zeit der Nationen sind Kriege immer auch Bürgerkriege. Es gilt nach wie vor, den Lawrenceschen „Lokalismus“ mit einer globalen Strategie gewissermaßen organisch zu verbinden. Dieser praktische Schulterschluß ist noch immer nicht gelungen – der zwischen Soldaten und Partisanen. Wobei es spätestens seit dem Algerienkrieg der Franzosen darum geht, dem partisanischen Netzwerk ein adäquates entgegenzustellen, und mit diesem jenes zu unterwandern. So stellen sich z.B. Bundeswehr- und Nato-Strategen wie Dirk Freudenberg – in seiner „Theorie des Irregulären“ – die kommenden Kämpfe vor.

Auf der Bonner Hardthöhe erläuterte uns 1998 ein Bundeswehr-Major die neue NATO-Verteidigungsdoktrin: „Sie ist nicht mehr nach Rußland hin angelegt, die russischen Soldaten haben inzwischen die selbe Einstellung zum Krieg wir wir auch – sie wollen nicht sterben! Außerdem ist die Stationierung von Atomwaffen in Ungarn und Polen z.B. so gut wie gesichert, es geht eigentlich nur noch darum, wie viel wir dafür zahlen müssen. Ganz anders sieht es jedoch bei den Arabern aus, mit dem Islam. Deswegen verläuft die neue Verteidigungslinie jetzt auch“ – Ratsch zog er hinter sich eine neue Landkarte auf – „etwa hier: zwischen Marokko und Afghanistan“. (4)

Kress von Kressenstein – Osmanien-Mimikry

Erich von Falkenhayn – authentisch (?)

Otto Liman von Sander und Mustafa Kemal Atatürk

 

Anmerkungen

(1) Lawrence‘ Bericht war aber auch anspruchsvoller als als alle anderen: Er beinhaltete nicht nur eine „Partisanentheorie“ für den beduinischen Kampf in der Wüste, sondern versuchte auch orientalisches Philosophieren mit okzidentalem Sprengstoff zusammenzubringen. An einer Stelle heißt es dazu in seinem Buch:

„In Um Kes – zwischen Haifa und Dera – ist das alte Gadara, die Geburtsstätte des Menippos und des Meleager, des unsterblichen griechischen Syriers, dessen Schriften den Höhepunkt der syrischen Philosophenschule bedeuten. Der Ort liegt genau oberhalb der Jarmukbrücke, eines stählernen Meisterwerks, dessen Zerstörung meinen Namen rühmlichst in die der Schule von Gadara einreihen wird.“

Daneben hatten mehrere der im Orient eingesetzten englischen Geheimdienstoffiziere Mimikry erfordernde sexuelle Vorlieben sowie auch extravagante Hobbys. So war John Philby z.B. auch noch Ornithologe – er benamte viele Vögel Arabiens, nach Frauen, die er begehrenswert fand, eine Vogelart, das Steinhuhn, wurde nach ihm benannt: Alectoris philbyi. Der Arabischen Revolte arbeitete er von Bagdad aus zu. Sein erster Führungsoffizier in Kairo war die Archäologin Gertrude Bell, die gleich dem Amateurarchäologen Lawrence den Orient bereist hatte. Allerdings nur halb als Araber verkleidet. Im Gegensatz zu Lawrence hielt sie es für notwendig, ebenso Ibn Saud zu unterstützen wie Scheriff Hussein in Mekka.

Zu der englischen Gruppe zählte ein weiterer Ornithologe: der englische Oberst Richard Meinertzhagen, der als ein „Hostapler und Betrüger“ gilt, dessen Lügengebäude zunächst durch die Arbeiten einiger Ornithologen zusammenbrach, wie es heißt. Der Naturforscher und Geheimdienstoffizier arbeitete im Hedschas einige Male mit Lawrence und seinen Beduinenkriegern zusammen. In der Negev-Wüste gelang es ihm, die türkischen Militärs mit falschen Angriffsplänen zu täuschen, eine Episode, die Lawrence in seinem Bericht erwähnt.  Der deutsche Kommandeur der türkischen Truppen im Negev, General Kreß von Kressenstein, schreibt jedoch in seinen Erinnerungen, dass er sich davon nicht täuschen ließ. Meinertzhagen wurde 1919 auf Drängen des Zionistischen Büros von Chaim Weizmann zum Politischen Offizier für Palästina ernannt. Kurz zuvor hatte man ihn zusammen mit Lawrence an der Friedenskonferenz in Paris beteiligt, wo er die jüdische Seite vertrat und Lawrence die arabische.

Die Vorliebe der Ornithologen für den Nahen Osten hält bis heute an. In Israel gibt es im Negev eine ornithologische Forschungsstation mit jüdischen und palästinensischen Wissenschaftlern. Einer, Amoz Zahavi, beschäftigt sich insbesondere mit der „Hilfe beim Nestbau und beim Füttern von Lärmdrosseln“, sowie auch mit dem „angeblichen Altruismus von Schleimpilzen“. Er, hat dabei zwar nichts Neues entdeckt, aber er interpretiert diese fast klassischen Fälle von Kooperation nun einfach in „ein selbstsüchtiges Verhalten“ um, das er dann mit Darwinscher BWL-Logik durchdekliniert: „die Individuen wetteifern untereinander darum, in die Gruppeninteressen zu investieren…Ranghöhere halten rangniedere Tiere oft davon ab, der Gruppe zu helfen“. Es ist von „Werbung“, „Qualität des Investors“ und „Motivationen“ die Rede. Zuletzt führt Zahavi das Helfenwollen der Vögel quasi mikronietzscheanisch auf ein egoistisches Gen zurück, indem die „individuelle Selektion“ eben „Einmischung und Wettstreit um Gelegenheiten zum Helfen“ begünstige – der „Selektionsmechanismus“ aber ansonsten erhalten bleibe.

Zuletzt, 2009, veröffentlichte ein amerikanischer Hobbyornithologe, der als Soldat im Irak stationiert war, seine dortige Feldforschung: „Birding Babylon“ heißt das dünne Büchlein. Wir werden darin weniger in das irakische Vogelleben als in das New Great Game versetzt. In diesem geht es nicht mehr nur um die Sicherung der Öl- und Gas-Fundorte, sondern auch und vor allem um den gesicherten sowie mit wenig Transitgebühren belasteten Rohstofftransport vom Orient in den Westen.

Isabelle Eberhard – Orient-Mimikry

 

Mathias Bröckers schrieb über das Pipeline-Netz im New Great Game:

„Seit Mitte der 90er Jahre plante der US-Konzern Unocal TAPI – die Turkmensistan-Afghanistan-Pakistan-Indien Pipeline. Nachdem sich die ursprünglich als Hüter der Pipeline in Afghanistan installierte Taliban-Regierung bei den Verhandlungen über die Transitgebühren als zu hartnäckig erwies, wurde der vom Unocal-Vertreter angedrohte ‚Teppich voller Bomben‘  prompt geliefert und die Taliban unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung aus Kabul wieder verjagt. Als erste Amtshandlung unterzeichnete der danach installierte Prädident Kharzai dann in Dezember 2002 den Vertrag über TAP – ohne ‚I‘, denn die Verlängerung nach Indien blieb noch offen. Die Inder verhandelten unterdessen über IPI – eine Iran-Pakistan-Indien Pipeline, die den USA ein Dorn im Auge ist, weil sie TAPI relativ unrentabel macht. Doch weder Indien noch Pakistan wollen sich auf eine allein US-kontrollierte Versorgung mit Erdgas verlassen und halten trotz amerikanischem Druck an IPI fest, die auf iranischer Seite schon fertig ist und 2014 in Betrieb gehen soll.  Schon seit 2010 in Betrieb ist die russische Pipeline Blue Stream, die Gas durch das Schwarze Meer in die Türkei befördert, und die jetzt mit ‚Blue Stream 2‘ verlängert werden soll – nach Syrien. Dass sich Assad auf dieses Angebot eingleassen hat – statt auf die von USA und EU angebotenen Gaslieferungen aus Ägypten – ist ein entscheidender Grund für den vom Westen massiv propagierten Regimewechsel in Damaskus: der Zugang für russisches Gas zum Mittelmeer. Zudem hat Syrien unlängst einen milliardenschweren Vertrag mit Iran und Irak über die Lieferungen von iranischem Erdgas ans Mittelmeer geschlossen – und damit weitere drohende Konkurrenz für das anglo-amerikanischen Piplinegeschäft ebenso wie für die Exploration der 2010 entdeckten großen Erdgasreserveroirs im ‚levantinischen Becken‘  vor Zypern, die Israel ausbeuten will. Es geht bei den aktuell hochgekochten Konflikten also weniger um ein autokratisches Mullah-Regime in Teheran oder einen Diktator in Damaskus, die zugunsten von Demokratie und Humanität ‚beseitigt‘ werden sollen, es geht um Konkurrenten und strategische Kontrolle im Erdgasgeschäft.

„When everyone is dead the Great Game is finished. Not before. (Rudyard Kipling 1901)  Das New Great Game, in dem es ebenfalls noch um Öl und Gas und die Vorherrschaft in Zentralasien geht, um die Russland, USA, China, Indien und die NATO/EU kungeln und kämpfen, hat als Epizentrum Afghanistan. Der Spiegel berichtete gerade  (am 26.3.) von einer neuen Konfliktlinie – sprich Pipelineplanung:  „Gemeinsam wollen Teheran und Islamabad eine mehr als 1600 Kilometer lange Pipeline bauen. Pakistan benötigt dringend Erdgas – einen Rohstoff, von dem Iran genügend hat: Es besitzt nach Russland die zweitgrößten Reserven der Welt. In Pakistan hingegen fehlt es an Strom und Gas. Oft stehen ganze Fabriken still, sind Wohnviertel ohne Licht.  Bis Ende 2014 soll die Pipeline beide Länder verbinden: vom South-Pars-Gasfeld im Persischen Golf bis zur ostpakistanischen Stadt Nawabshah. Dort wird das Gas ins pakistanische Netz eingespeist werden. Iran baut bereits an dem knapp acht Milliarden Dollar teuren Projekt. Jetzt sollen auch auf der anderen Seite der Grenze die Arbeiten beginnen, für Präsident Asif Ali Zardari ein politisch nicht ungefährliches Unterfangen. US-Außenministerin Hillary Clinton deutete an, Pakistan abzustrafen, sollte der Bau der Pipeline nicht abgesagt werden. Der US-Botschafter in Islamabad kritisierte das Vorhaben als ‚keine gute Idee‘. Washington sei bereit, stattdessen andere Projekte zu fördern, um die Energienot zu lindern. Für die USA ist jede Kooperation mit Iran tabu, solange das Regime sein Nuklearprogramm nicht offenlegt.  Teheran hofft, dass Islamabad die Verträge einhält. Ahmadinedschad reiste jüngst nach Pakistan und erinnerte seinen Amtskollegen an die Vereinbarungen. Zardari gelobte Solidarität, die Pipeline sei im ’nationalen Interesse‘. Sollte Islamabad dennoch dem Druck aus den USA nachgeben, wären millionenschwere Strafzahlungen an Iran fällig.“

Mata Hari – Orient-Mimikry

Greta Garbo – Mata-Hari-Mimikry

 

(2) Den Araber gibt es in Wirklichkeit nicht, seinen schon gar nicht, so Edward Said in seinem Buch „Orientalismus“, desungeachtet hätten sich insbesondere die Engländer, darunter Lawrence, immer wieder gerne als „repräsentative Orientalen“ in Szene gesetzt. Die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn spricht in diesem Zusammenhang von „Mimikry“.

Sich als Araber zu verkleiden, um ungehindert durch den Orient zu reisen, hat eine lange Tradition im Okzident. So verkleidet schlichen sich z.B. Orientalisten in das für Nichtmuslime gesperrte Mekka, erforschten wie Richard Burton Nordafrika oder führten als Scheich verkleidet gar – wie T.E.Lawrence – beduinische Partisanenkämpfer gegen die Türken an. Daneben gab es auch viele orientreisende Frauen, die sich als Araberinnen verkleidet bis in die für Männer gesperrten Harem und Frauenbäder wagten. Berühmt wurden die Bücher der 1900 als Araber verkleidet in die algerische Wüste gezogenen Russin Isabelle Eberhard: „Im korrekten Kleid eines jungen europäischen Mädchens hätte ich nie etwas gesehen, die Welt wäre mir verschlossen geblieben, denn das Außenleben scheint für den Mann und nicht für die Frau gemacht zu sein,“ schrieb sie. Andere Orientreisende Frauen taten es ihr nach.

Die Avantgarde der vom Orient nicht nur träumenden Frauen im Westen – zwischen 1717 und 1930 – setzte sich zusammen aus „240 Britinnen, 100 Amerikanerinnen, 58 Französinnen und 28 Frauen aus deutschsprachigen Ländern,“ wie die kanadische Autorin Barbara Hodgson herausfand, sie schätzt: „Rund ein Drittel von ihnen hat Reiseberichte verfaßt.“ Wieviele Frauen vorsichtshalber als Araber bzw. Araberin verkleidet reisten, hat sie nicht gezählt.Während z.B. eine heute mit einem Iraner in Teheran lebende Deutsche sich von Gesetzes wegen verkleidet: „Sobald ich zur Tür rausgehe, muß ich mir ein Kopftuch aufsetzen und einen Mantel anziehen.“ Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss schrieb über diese „Lösung“ des Islam: „Macht ihr euch Sorgen um die Tugend eurer Gattinnen oder Töchter, wenn ihr auf Reisen seid? Nichts einfacher als das: werft ihnen einen Schleier über und sperrt sie ein. Auf diese Weise gelangt man zum modernen ‚burkha‘. Aber damit hat sich die Grenze der Besorgnis lediglich verschoben, denn um euch zu entehren, reicht es nun schon aus, wenn einer eure Frau nur leicht berührt, und so quält ihr euch noch viel mehr.“

Die muslimischen Badeorte am Mittelmeer werden inzwischen von tausenden von Frauen aus dem Westen bereist, wobei sie sich dort heute keinen Zwang mehr antun müssen. Wohl aber die arabischen Männer, die sich mit ihnen liieren wollen: indem sie vorgeben, unverheiratet und verliebt zu sein. Dieser Umkehrung der orientalistischen Mimikry fallen jährlich einige hundert okzidentale Frauen zum Opfer, indem sie mit gebrochenem Herzen und teilweise erheblichen finanziellen Verlusten wieder nach Hause fahren – wo sie dann allerdings auf Internetseiten wie „1001geschichte.de“ und „dezy-house.ru“ ausführlich von ihrer Orient-Ent-täuschung berichten.

Die Orientreisen von Frauen aus dem Westen interessieren die hiesige Öffentlichkeit bereits seit den Pilgerinnenreisen nach Jerusalem und dem Ägyptenfeldzug Napoleons, dem ein organisierter Ägypten-Tourismus auf den Fuß folgte. Schon bald gab es regelrechte „Orient-Knigge“. Davon ist seit dem 11.September 2001 nur noch übrig geblieben, dass alle Bücher von arabischen Autorinnen, egal, worüber sie schreiben, mit Photos verschleierter Frauen auf dem Cover verziert werden. So zeigt z.B. das Cover des Romans „Die Übersetzerin“ von von Leila Aboulela: „Eine Frau in einem weißen Pilgergewand steht hilflos im Vordergrund, obwohl der Roman hauptsächlich in Schottland spielt und gar nichts mit Mekka zu tun hat. Ich könnte über Außerirdische im Weltall schreiben und die Graphiker würden ihnen afghanische Burkhas anziehen.“ Umgekehrt haben Holland, Belgien und Deutschland jüngst damit gedroht, das französische Burkha-Verbot zu übernehmen – was eine komplette Umdrehung des iranischen Burkha-Gebots wäre.

Pauline und Carola – Iranerinnen-Mimikry

 

Während des algerischen Befreiungskampfes gegen Frankreich organisierten die Franzosen bereits eine öffentliche „Entschleierung“ – als Akt der Frauenemanzipation. Die Algerierinnen reagierten darauf jedoch mit vermehrter Verschleierung. Ihnen folgten die kämpfenden Männer: Sie trugen den Schleier, weil Frauen nicht von den französischen Soldaten durchsucht wurden. Nach dem Sieg legten viele Algerierinnen den Schleier ab. Frantz Fanon hat dieses Hin und Her beschrieben. Mit deutscher Hilfe wurden in Palästina auch einmal Kollaborateure als Araberinnen verkleidet, um als männliche Kämpfer unerkannt Juden zu bekämpfen. Der palästinensische „Orientalismus“-Kritiker Edward Said hat über die Verkleidung des englischen Geheimdienstoffiziers T.E.Lawrence geurteilt, dass sich wohl kaum ein Beduine von dessen Kostümierung täuschen ließ. Said selbst wurde – ebenso wie zigtausend andere arabische Intellektuelle – im Westen zu einem noch viel besseren Orientalisten als der Engländer T.E. Lawrence herangebildet. Dabei verkleidete er sich gerne mit Schlips und Anzug, in Princeton bekam er dabei jedoch Probleme mit seinem Hemdkragen, wie er in seiner Biographie „Am falschen Ort“ berichtete. (Siehe auch weiter unten: „Der syrische Knoten“) Man kann sich fragen, ob hier wie dort der Begriff „Mimikry“ überhaupt noch etwas zum Problem des Verstehens einer fremden Kultur beiträgt.

Auf alle Fälle haben wir es in Arabien nun nicht mehr mit nomadischen Gemeinschaften im Aufstand zu tun, sondern mit jungen gebildeten Städtern, die mehr Freiheiten fordern und gegen die Regime in ihren Ländern kämpfen. Man spricht dabei von einer „Facebook-Generation“. Sie sind antiautoritär eingestellt und dezentral organisiert, werden früher oder später jedoch vor dem selben Problem wie T.E. Lawrence stehen:

„Es war ein arabischer Krieg, geführt und gelenkt von Arabern für ein arabisches Ziel in Arabien. Mein eigener Anteil daran war gering?Wir durchlebten viele Leben während dieser verwirrenden Feldzüge und haben uns selbst dabei nie geschont; doch als wir siegten und die neue Welt dämmerte, da kamen wieder die alten Männer und nahmen unseren Sieg, um ihn der früheren Welt anzupassen, die sie kannten. Die Jugend konnte siegen, aber sie hatte nicht gelernt, den Sieg zu bewahren; und sie waren erbärmlich schwach gegenüber dem Alter. Wir dachten, wir hätten für einen neuen Himmel und für eine neue Welt gearbeitet, und die dankten uns freundlich und machten ihren Frieden.“

 

Frantz Fanon – Verschleierungstheoretiker

 

Der französische Philosoph Michel Foucault hat diese Machtübernahme der Alten, wie sie 1979 in Form der Mullahherrschaft nach dem iranischen Aufstand gegen das Scharegime geschah, zunächst begrüßt: Chomeinis Kampf zur Politisierung der „Strukturen“ im Iran, „die auf unlösbare Weise zugleich sozialer und religiöser Natur sind,“ , fand er „eindrucksvoll“, wie er schrieb. Aber schon bald distanzierte er sich davon – und kam zurück auf einen schon früh geäußerten Gedanken:

„In der Universalität der abendländischen Ratio gibt es den Trennungsstrich, den der Orient darstellt: der Orient, den man sich als Ursprung denkt, als schwindeligen Punkt, an dem das Heimweh und die Versprechen auf Rückkehr entstehen, der Orient, der der kolonisatorischen Vernunft des Abendlandes angeboten wird, jedoch unendlich unzugänglich bleibt, denn er bildet stets die Grenze. Er bleibt die Nacht des Beginns, worin das Abendland sich gebildet hat, worin es aber auch eine Trennungslinie gezogen hat. Die Geschichte dieser großen Trennung müssen wir schreiben und in ihrer Kontinuität und in ihrem Wechsel verfolgen; zugleich müssen wir sie aber auch in ihrer tragischen Versteinerung erscheinen lassen.“

In der arabischen Revolte ging es jedoch gar nicht um die Machtübernahme der „Alten“, sondern um die Inbesitznahme und den Ausbau der Erdölfelder durch die „Neuen“ – Kolonialherren – aus dem Westen. Es ging diesen darum, sich den arabischen Teil des osmanischen Reiches unter den Nagel zu reißen, und darum geht es in gewisser Weise auch heute noch – um „Einflußzonen“ und um eine „neue Weltordnung“.  Wobei nicht wenige Antiimperialisten die arabischen Gewaltherrscher, denen es jetzt im Arabischen Aufstand an den Kragen geht, gerne als verläßliche Partner behalten hätten. So hielt z.B. Chavez bis zuletzt zu  Gaddafi und Assad erfreut sich nach wie vor Sympathie der Russen und z.B. der „Jungen Welt“-Nahostkorrespondentin und anderer Orientexperten. Der in Deutschland lebende Schriftsteller Rafik Schami ereiferte sich kürzlich in der taz über einige derart geopolitisch denkende Deutsche:

„Autoren wie Jürgen Todenhöfer oder Peter Scholl-Latour finden den Absatz ihrer bedenklichen Sympathien für Mörder wie Assad nicht etwa auf den Seiten der Bild-Zeitung. Sie sitzen bei ARD, FAZ, FAS und Die Zeit in der ersten Reihe. Und sind sie einmal da, werden sie von hunderten kleineren Medien zitiert. Man kann darüber den Kopf schütteln, aber das ist zu wenig. Ihre Beiträge sind kaum zu ertragen…Ich rätsle auch darüber, warum Prominenz-Journalisten behaupten, die Syrer hätten ihren Aufstand bislang nicht so zäh führen können, wenn nicht ausländische Kräfte und geheime Mächte dabei ihre Finger im Spiel hätten.  Zunächst einmal ist es purer Rassismus, wenn einer nicht einmal ein arabisches Wort spricht, aber Analysen über die arabischen Aufständischen im Untergrund anstellt. Es erinnert an Marco Polo, der auch kein Wort Arabisch oder Persisch sprach und die bis heute hartnäckig sich haltende Lüge über die Haschaschin (Assassinen) verbreitet hat.

Solche Behauptungen implizieren, dass die Araber unfähig seien zwischen Freiheit und Sklaverei zu unterscheiden, dass sie wie Marionetten aus dem Ausland bewegt würden. Todenhöfer: ‚Insgesamt funktioniert die Lawrence-von-Arabien-Strategie jedoch vorzüglich. Viele Araber erkennen nicht, dass der Westen sie noch nie befreien, sondern immer nur beherrschen wollte.‘ (FAS, 19. 2. 2012). Das ist nicht einmal originell, die Einschätzungen des Prominenz-Journalisten bewegen sich auf dem Niveau des syrischen Propagandaministeriums. Das Assad-Regime behauptete von Anfang an, der Aufstand würde von außen gesteuert. So etwas Herrliches wie diese Revolution hat die Diktatur vom unterjochten Volk nicht erwartet. Der Herrscher ist geschockt. Seit vierzig Jahren führt sein Clan das Land wie eine Farm mit Leibeigenen und ausgerechnet diese sollen nun in der Lage sein, so raffiniert organisierte Demonstrationen täglich und gleichzeitig und mit derselben Parole (jede Woche steht unter einem Moto) an 200 bis 400 Orten stattfinden zu lassen.

Es ist ein großes Zeichen der Stärke, dass die syrische Revolution immer noch mutig auf die Straße geht, trotz massiver Repression des Regimes, das in seiner Gewalt von Geheimdiensten des Irans, Iraks, Russlands und leider auch von US-amerikanischen Computer- und Internetfirmen wie Blue Coat unterstützt wird. Die Oppositionsbewegung hält durch, ohne Parteien, ohne öffentliche charismatische Führung und auch ohne Intellektuelle.  Ich frage mich und hadere täglich mit mir, wenn die Berichte des Prominenz-Journalismus eine Lüge, ein Produkt der Eitelkeit sind. Warum schmerzt mich das so?  Weil ich nicht imstande bin, diese Prominenz-Journalisten ausreichend anzuklagen – wegen Vertuschung von Völkermord, wegen der Verachtung der syrischen Frauen und Männer, die ihr Leben auf der Straße geben, um die Freiheit zu erkämpfen.  Die Prominenz-Journalisten wissen von den Morden, aber sie leugnen sie, weil sie dann ihre Verbundenheit mit den Mördern nicht mehr rechtfertigen könnten. Sie sind in gewisser Hinsicht ihre Gefangenen geworden. Das syrische Volk, das Leid und die ungeheuren Opfer spielen bei ihren eitlen Berichten nur eine Statistenrolle.“ Eine solche Statistenrolle spielen in der westlichen Berichterstattung auch alle anderen Aktivisten in den Arabischen Aufständen.

Christina von Braun – Verschleierungstheoretikerin

 

(3) Über Oberstleutnant Guhr heißt es bei Jan Christoph Reichmann: „Auf dem Weg zu der ihm zugeteilten Einheit wählte er nicht etwa den schnellsten Weg, sondern stattete jedem osmanischen Funktionsträger der Armee zuvor einen Antrittsbesuch ab, bevor er zu seiner Einheit kam. Diese „Zeitverschwendung“ – im preußischen Sinne – brachte ihm die in Kleinasien so wichtigen „persönlichen Kontakte“. Zudem wußte er um die Symbolkraft kleiner Gesten: „Nur für mich allein wurde ein Stuhl bereitgestellt. Es erregte allgemeine Freude, als ich diesen verschmähte und mich gleichfalls in dem Kreise der Kameraden à la turka [d.h. mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden] niederließ. Der Kommandeur rauchte eine Wasserpfeife und schenkte mir ein silbernes Mundstück mit der Aufforderung, gleichfalls aus ihr zu rauchen. In allen Tonarten lobte ich den kräftigen Tabak, jedoch völlig unehrlich; denn tatsächlich war mir hundeschlecht.“

 

(4) Die Partisanenkämpfe der Araber im Nahen Osten waren laut T.E. Lawrence nur ein „Nebenkriegsschauplatz in einem Nebenkriegsschauplatz“ des Ersten Weltkriegs. In diesen kulminierte, was ein anderer britischer Orientalist und Geheimagent, Arthur Conolly, das „Great Game“ nannte. Conolly wurde 1842 vom Emir von Buchara verhaft und hingerichtet.  In diesem Great Game ging es um die Vorherrschaft in Zentralasien, wo in der Hauptsache Russland und England vor und hinter den Kulissen um Einfluß rangen. Was damals die Eisenbahn-Trassen waren, mit der die Moderne Schneisen in diese riesige Steppen- und Wüstenlandschaft schlug, sind heute die Öl- und Gas-Pipelines in den immer mehr Energie verbrauchenden Westen.  Zu Lawrence Zeiten bahnte sich dieser Wechsel erst an: Das erste Ölfeld entdeckten die Engländer 1903 im Iran, deswegen betrachteten sie schon bald den Persischen Golf als ihre wesentliche Interessenssphäre, die sie durch den Bau der Eisenbahn Berlin-Bagdad gefährdet sahen. 1922 wurde im Irak bei Kirkuk der erste Ölfund gemacht. Es galt, für die vom englischen Marineminister Churchill von Kohle auf Öl umgestellte Kriegsflotte den Treibstoff zu sichern. Und diese Modernisierung geschah als Reaktion auf den forcierten deutschen Flottenbau.  Erst in den Dreißigerjahren folgte der englischen BP die amerikanische SOCAL – in Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien. Die Heiligen Städte des Islam werden inzwischen von der wahabitischen Dynastie der Saudis, die 1925 den haschemitischen König Feisal vertrieben hatte, geschützt. Statt von Lawrence wurde Ibn Saud vom Orientalisten und Geheimdienstoffizier John Philby beraten. Philby, dessen Sohn Kim später englisch-sowjetischer Doppelagent wurde, war Vorbild für die literarische Figur des James Bond. Er trug ebenfalls arabische Kleidung auf seinen „Missionen“ und trat später sogar zum Islam über, 1932 wurde er, der inzwischen in Dschidda lebte, Berater des US-Konzerns SOCAL.

Mit den sog. Befreiungskämpfen in der Dritten Welt nach dem Zweiten Weltkrieg wurden all diese Ölkonzerne vor Ort verstaatlicht, wobei sich die italienischen und französischen Firmen jetzt in Libyen wieder berechtigte Hoffnung auf deren Reprivatisierung machen.

Husni Mubarak – Okzident-Mimikry

 

Dazu ein Interview mit William Engdahl über das New Great Game im Orient – übernommen von der Webpage „goldseiten.de“:

„Wir sind inmitten einer epochalen tektonischen Verschiebung“ (Teil 1)

Angesichts der Tatsache, dass der Ölpreis in diesen Tagen auf starkes Interesse stößt, ist es passend ein ausführliches Gespräch mit einem der prominentesten Beobachter des Geschäfts des „schwarzen Goldes“ zu haben: F. William Engdahl. In dem folgenden Exklusiv-Interview diskutiert er seine Ansichten über den aktuellen Ölpreis, der Geschichte des Öl-Interessen im 20. Jahrhundert, die wahren Ziele des „War on Terror“, und last but not least Peak Oil.

F. William Engdahl, geboren am 9. August 1944 in Minneapolis, USA, ist eine amerikanisch-deutscher Journalist, Historiker und wirtschaftlicher Forscher. Er wuchs in Texas auf und arbeitete nach einem Studium an der Princeton University und an der Universität von Stockholm als Ökonom und freier Journalist in New York und in Europa. Sein Hauptgebiet der Forschung ist die Geopolitik des Öls. Neben der Erörterung von Öl-und Energiefragen widmet er sich Fragen der Landwirtschaft, GATT, WTO, IWF, Politik und Wirtschaft seit als 30 Jahren, beginnend mit der ersten Öl- und Welt-Kornkrise in den frühen 1970er Jahren.  Er ist Autor des Bestsellers über Öl und Geopolitik, „Century of War: Anglo-American Oil Politics and the New World Order“, veröffentlicht 1992 (auf Deutsch im Kopp-Verlag erschienen.) “  Darüber hinaus hat Herr Engdahl folgende Bücher verfasst (ebenfalls auf Deutsch im Kopp-Verlag erhältlich):   „Seeds of Destruction. The Hidden Agenda of GMO“, Centre for Research on Globalization Publishing 2007;   „Full Spectrum Dominance: Totalitarian Democracy in the New World Order“, Boxboro, MA: Third Millennium Press, 2009;   „Gods of Money: Wall Street and the Death of the American Century“, edition.engdahl, 2010.   Er ist redaktioneller und wissenschaftlicher Mitarbeiter von Michel Chossudovskys „Centre for Research on Globalization“ (www.globalresearch.ca) und hat an zahlreichen internationalen Konferenzen zu geopolitischen, wirtschaftlichen und energiepolitischen Themen gesprochen.

F. William Engdahl lebt bei Frankfurt am Main und kann über seine Website www.engdahl.oilgeopolitics.net erreicht werden. Das nachfolgende Gespräch ist der Auftakt eines Exklusiv-Interviews in zwei Teilen für Goldseiten.de und LarsSchall.com.

Gurbanguli Berdymuchammedow – Okzident-Mimikry

 

Lars Schall: Herr Engdahl, wird der Ölpreis im großen und ganzen durch massive Spekulation angetrieben? Mike Norman, der Chefökonom der Wall Street Firma John Thomas Financial (http://www.johnthomasbd.com), schrieb mir im Oktober des vergangenen Jahres beispielsweise:  „Die gesamten offenen Kontrakte für Rohöl an der NYMEX entsprechen 1.4 Millionen oder ungefähr 1.4 Milliarden Barrel Rohöl. Das Tagesvolumen von Rohöl, mit dem an der NYMEX gehandelt wird, beträgt über 1 Milliarde Barrel pro Tag. Insgesamt ist die weltweite Nachfrage nur 83 Millionen Barrel pro Tag. Die Menge, die an nur einer einzigen Börse gehandelt wird, beträgt also mehr als das Zehnfache des gesamten täglichen Konsums. Es ist ein riesiges Casino mit Preisen, die durch Spekulanten angetrieben werden, und es sind die Verbraucher, die mehr und mehr zu zahlen haben.“ (i)  Was ist Ihre Meinung dazu?

F. William Engdahl: Ich schrieb in der Zeit von 2008, als Öl kurzfristig bis zu 147 USD pro Barrel dotierte und Goldman Sachs Kundenberatungen veröffentlichte, dass der Preis schnell auf $ 200 gehen würde, und als JP Morgan die chinesische Regierung beriet, dass China „alles physische Rohöl, dass Sie bekommen können“, kaufen sollte, „weil es auf 200 USD gehen wird“ – an diesem Punkt schrieb ich, dass etwa 60-70% des Ölpreises damals reine Spekulation war, manipuliert durch den GSCI, den Goldman Sachs Commodity Index. Es ist ein perfektes Szenario, dass sie an der Wall Street erstellt haben, um den Ölpreis unabhängig von Angebot und Nachfrage zu kontrolieren. (ii) Ich würde nur hinzufügen, dass die entscheidende Zutat in diesen Tagen nicht die NYMEX für die globale Ölpreissetzung ist, sondern der ICE Futures in London.  Warum sage ich das? Da der ICE Futures ein Tochterunternehmen des International Commodity Exchange in Atlanta, Georgia ist, der sich im Besitz von Goldman Sachs, Morgan Stanley, JP Morgan Chase usw. befindet – der großen Öl-Banken, die enorm von innen heraus profitieren. Es gibt absolut keine ernsthafte Regulierung des ICE Futures.

Die Briten halten ihre Hände fern, und die Commodity Futures Trading Commission der USA, die CFTC, erlaubt seit 2006 im Rahmen des „Commodity Modernization Act 2000“ ICE Futures den Handel von Energie-Termingeschäften ohne Offenlegung gegenüber der CFTC im US-Markt durch London. Also hat sie in Wirklichkeit den gesamten Terminwarenhandel von Energie, insbesondere von Öl, dereguliert und jeder staatlichen Aufsichtsfunktion entzogen.  Dies ist ein manipuliertes Spiel. Alles, was man jetzt braucht, ist ein plausibles Ereignis wie diesen Verrückten Gaddafi, der durchdreht, oder auch nur eine CNN-Wahrnehmung dessen, um einen Schneeballeffekt in den Terminmärkten loszutreten. Diese Spiele sind selbstverständlich nicht über eine Spanne von zehn Jahren nachhaltig. Letztendlich muss es immer wieder zu Angebot und Nachfrage auf einer bestimmten Ebene zurückkommen, aber die Realität ist, dass es derzeitig eine reine Preis- und Wahrnehmungsmanipulation ist.

Lars Schall: Wie sehr ist die gegenwärtige Aufwärtsbewegung des Ölpreises mit den Turbulenzen im Nahen Osten verbunden?

F. William Engdahl: Nun, die Aufwärtsbewegung des Ölpreises begann weit vor Weihnachten. Die Hegde-Fonds und Banken, die die NYMEX, den ICE Futures und die Börse in Dubai besitzen und kontrollieren, benutzen die Ereignisse im Nahen Osten. Ich denke, sie wollen sie dazu versuchen zu nutzen, um den Preis vielleicht auf 150 bis 200 USD pro Barrel in den nächsten Monaten zu drücken. Und warum? Um massiven politische Druck auf Deutschland und die Europäische Union auszuüben. Warum sie das tun wollen, ist natürlich eine andere Frage. Aber letztlich, um Druck auf den Schwellenländer-Riesen China auszuüben, der unabhängiger zu handeln beginnt, als sich das einige in Washington wünschen würden.

Lars Schall: Im Falle dessen, dass mehrere Ereignisse im Nahen Osten die Versorgung in gravierender Weise unterbrechen: Besitzt die Welt gegenwärtig genug Öl in den Lagern oder an freien Kapazitäten, um diesen Rückgang abzudecken und einen Preisanstieg zu verhindern? Gregor Macdonald schrieb zum Beispiel in einem Artikel mit der Schlagzeile „Kapazitätsreserven-Theorie“ (iii):  „In Wahrheit sind die ungenutzten Kapazitäten, die die Welt – die die Öl-Terminmärkte – interessiert, nicht die Lagerbestände. Sondern die tatsächliche Produktionskapazität, die sofort erbracht werden kann.“ (iv)  Wie stehen Sie dazu?

F. William Engdahl: Das Problem ist, dass es keine unabhängige, überparteiliche Autorität auf dem Planeten gibt, die die Gesamtheit des wirklich Verwertbaren an Öl-Kapazitätsreserven kennt. Die Saudis hüten es als ein Staatsgeheimnis und die meisten anderen arabischen OPEC-Staaten hüten es ebenfalls als ein Staatsgeheimnis. Vermutlich haben die NSA und verschiedene Geheimdienste Zugriff auf bestimmte sensible Daten in diesen Ländern, aber wir haben es nicht. Darüber hinaus gibt es Berichte, dass die OPEC seit langer Zeit bezüglich der Quoten betrogen hat, und dass sie schon an der Kapazitätsgrenze pumben. Die Saudis haben gesagt, dass sie eine Kapazität haben, um Libyens Öl-Fehlbetrag zu absorbieren. Ich denke, wenn wir ein weiteres Land sehen, sei Oman, Bahrain oder Algerien, das durch eine schwere Krise geht, dann betreten wir kurzfristig einen neuen Gefahrenbereich. Die Frage ist dann, wie lange dies andauern wird.

Lars Schall: Vertrauen Sie Saudi-Arabiens Fähigkeit, seine Ölproduktion zu erhöhen, oder werden sie mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert werden, dies zu tun? (v)

F. William Engdahl: Ich denke die Frage ist, wie viel Infrastruktur in Saudi-Arabien angeschlossen ist und wie schnell dies in den Markt gebracht werden kann. Dass Saudi-Arabien über mehr als bloß reichliche Ölreserven in der Erde verfügt, ist keine Frage für mich. Ich wurde vor 15 Jahren in Washington DC von einem Insider informiert, dass die US-Satelliten und andere nachrichtendienstliche Informationen die Anwesenheit von genügend Öl alleine in dem umstrittenen Gebiet zwischen Saudi-Arabien und Jemen bestätigten, um auf der ganzen Welt den Appetit nach Rohöl in den nächsten 50 Jahren sättigen zu können – und das ist nur dieses eine Stück in der Wüste. Dass also das Öl in diesem Teil der Welt unter der Erde ist, stellt keine Frage für mich dar. Im Irak ist es dasselbe. Im Iran hat man die Sanktionen, die zu diesem Zeitpunkt bequemer Weise viel iranisches Öl vom Markt halten.  Ich denke, dass all dies Teil einer sehr komplexen und langjährig geplanten Wiederholung der US-Ölkrisen der 1970er Jahre ist, mit dem Ziel vor Augen, nicht nur die US-Kontrolle über die Ölmärkte zu erhalten, sondern über die globale Wirtschaftsentwicklung. Zu viele Länder beginnen seit September 2001 Lösungen außerhalb der Abhängigkeit von Washington zu erkunden und zu finden. Ich weiß aus direkten Gesprächen mit führenden Personen in den traditionell „pro-amerikanisch“ eingestellten arabischen OPEC-Ländern, dass es ihnen bis hier steht mit Washington und seinen an sie gestellten Forderungen, mit seinen Militärstützpunkten und seinen Versuchen, einen Krieg gegen den Iran zu bringen und ständige Unruhe zu verursachen. Sie blicken auf Europa, sie blicken auf Russland, sie blicken auf China, es gibt alle Arten von Querströmungen und Aktivitäten, die in diesen Ländern vor sich gehen.

Ich denke, dass ist der Grund, warum das ganze Schachbrett im Nahen Osten gerade dabei ist, von Washington in die Luft geworfen zu werden. Ob das bedeutet, dass Saudi-Arabien das Öl hat oder nicht, darüber gibt es keine zuverlässige Quelle für Informationen, die ich kenne, die ja oder nein besagt, jedenfalls gewiss nicht dieser Schweizer Bericht, den die Ölhändler immer zitieren.

Muammar al-Gaddafi – Okzident-Mimikry

 

Lars Schall: Der Ölpreis steht inzwischen weit über 100 Dollar pro Barrel. Das mag gut sein für Erdöl exportierende Länder, da sie unter der Abwertung des US-Dollars gelitten haben, aber ist es nicht Gift für das Wirtschaftswachstumsmuster der Industriegesellschaften und insbesondere für China?

F. William Engdahl: Es ist sicherlich nicht gut für China. Ich denke, wir haben eine Spanne zwischen 80 bis 110 USD, wo es kein Wachstumskiller für China und die Weltwirtschaft ist, aber es ist wie eine Steuer, eine 20%-ige Steuer auf den Energieverbrauch in China und dem Rest der Welt, in Dollar ausgedrückt. Ich denke, das ist etwas, das die Chinesen handhaben können, solange es kurzfristig bleibt und auf diesem Niveau. Würde sich der Preis auf rund 200 Dollar pro Barrel verdoppeln und dort bleiben, könnte das ernsthafte Probleme für China im Übergang darstellen. Aber das hängt davon ab, ob die Chinesen bilaterale und langfristige Erzeuger-Verbraucher-Lieferverträge-Verträge mit ölproduzierenden Ländern abschließen können, die sie vom Dollar-Preiseffekt isolieren würden.

Lars Schall: Herr Engdahl, bevor wir weiter über Öl reden, möchte ich gerne einen Blick auf den Ort werfen, an dem Sie geboren wurden, die Vereinigten Staaten von Amerika. Ohne Zweifel haben die USA einige tiefgreifende wirtschaftliche und finanzielle Probleme. Aber ist nicht vielleicht die amerikanischen Elite das größte Problem von allen, da es scheint, dass jenen Leute, die zu ihr gehören, nicht die besten Interessen der amerikanischen Öffentlichkeit am Herzen liegt?

F. William Engdahl: Nun, wenn man sich die amerikanische Geschichte im letzten Jahrhundert und noch länger anschaut, bis zurück auf den Bürgerkrieg gehend, mit dem Aufstieg des Hauses JP Morgan, der auf Betrug zu Lasten der Regierung beim Verkauf von Waffen in diesem Krieg gründete, als Morgan als Titan und die Nr. 1 unter den Wall Street „Geldgöttern“ aufstieg, wie ich sie in meinem Buch genannt habe, wird es deutlich. Der amerikanischen Elite – den Leuten mit wirklicher Macht wie den Rockefellers, die das Haus von Morgan nach 1931 beerbten – lag in diesem Sinne nie das Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit am Herzen, und das werden sie auch nie tun. Sie verstehen sich einfach wie vielleicht einige der russischen Oligarchen sich gegenüber dem russischen Volk sehen, nur mehr noch, sie denken, sie seien buchstäblich die Götter der Welt. Die Leute sind einfach für sie viele Objekte, mit denen man umgehen kann, wie sie es als passend erachten, so wie viele Drohnen in einer Insektenkolonie.  Wenn es mit den Vereinigten Staaten zu tun hat, muss man immer unterscheiden zwischen rund 300 Millionen normalen Menschen wie Sie und ich, die versuchen, mit ihrem Leben klarzukommen, und versuchen, für ihre Familien zu sorgen und einer anständigen Arbeit nachzugehen und ein menschenwürdiges Leben zu führen, und vielleicht einer Handvoll von ein paar Dutzend ultra-mächtigen Leute wie David Rockefeller oder in einer früheren Generation das Haus von Morgan. Sie sehen sich buchstäblich als eine seperate Rasse.

Das ist einer der Gründe dafür, warum sie fanatischen Befürworter der Eugenik im Laufe der Jahrzehnte wurden. Schon lange vor dem Dritten Reich finanziert sie das, was später die Hitler-Nazi-Eugenik in Deutschland wurde – ich rede von der Rockefeller Foundation. Dies ist die Art der Mentalität dieser Eliten.     Lars Schall: Sie glauben also, dass diese Elite in Amerika kein Interesse daran hat, die nächste Große Depression zu stoppen?  F. William Engdahl: Nun, lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Im Mai 2009 wurde im Haus des Präsidenten der Rockefeller University eine sehr, sehr elitäre Versammlung von ausschließlichen Milliardären – nicht Millionäre, sondern nur Milliardäre – auf Geheiß von David Rockefeller und Bill Gates eingeladen, sie unterzeichneten die schriftliche Einladung. Sie nannten sich „der gute Club“. Dies sind einige der reichsten Leute der Welt – David Rockefeller natürlich, und Bill Gates mit seinem Microsoft-Vermögen, Warren Buffet war da und Ted Turner, der mit CNN Ruhm erlangte. Das Thema der Diskussion war nach Berichten, die durchsickerten, nicht: „Wie gehen wir mit dieser weltweiten Finanzkrise und der große Depression um?“ Ihre Leidenschaft bei diesem Zusammentreffen, das sie in New York an der Rockefeller University hatten, war: „Wie stoppen wir das globale Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahrzehnten? (vi) Das sollte Ihnen eine Vorstellung geben.

Es ist meine Einschätzng zu diesem Zeitpunkt, dass sie versuchen, die große Depression zu benutzen, die durch ihre finanziellen Machenschaften verursacht wurde. Sie haben ganz bewusst nach 1999 diesen Verbriefungsbetrug geschaffen, dieses Ponzi-System, als Tim Geithner und Larry Summers beide im Finanzministerium der Clinton-Regierung waren und die Gesetzgebung für die Deregulierung des Bankensystems entwarfen, die den Handel von Finanzderivaten ohne jegliche Kontrolle durch die Commodity Futures Trading Corporation, der Derivate-Aufsichtsbehörde der US-Regierung, erlaubte – und sie wussten, was sie taten. Als Paul Volcker in einem interessanten Interview sagte – und ich bin sicherlich aufgrund seiner Vergangenheit kein Fan von Volcker, aber in diesem Fall stimme ich mit ihm überein. Paul Volcker sagte vor etwa einem Jahr, als er gefragt wurde, worauf er als positiven Beitrag an Banken-Innovationen in den letzten zwanzig Jahren zeigen würde: Nun, wenn ich darüber nachdenke, gibt es einen positiven Beitrag – die Erfindung des Geldautomaten. (vii) Alles andere als dies, seien es Derivate und all diese Innovationen der Finanzmärkte, hat nur geschadet. Das ist eine Paraphrase, aber ich denke in diesem Fall, dass Volcker mit seiner Einschätzung richtig liegt.

Lars Schall: Ein großes Problem unserer Zeit könnte sein, dass sich die Zentralbank der USA, das Federal Reserve System, in Privatbesitz befindet.

F. William Engdahl: Ja.   Lars Schall: Zunächst einmal: Ist das normal, dass eine Zentralbank im Besitz eines privaten Banken-Kartells befindet, das in diesem Fall die Geldpolitik der USA durchführen kann?  F. William Engdahl: Lassen wir den Begriff „normal“ einmal außen vor, denn das ist die Richtung, in die diese Geld-Interessen die ganze Welt zu treiben versuchen, um das Welt-Bankensystem von jeder Art partizipativen Drucks von den Wählern zu entkoppeln. Die Federal Reserve wurde, wie Sie wissen, im Jahre 1913 geschaffen. Sie wurde von einer fast leeren Sitzung des Kongresses zwei Tagen vor Heiligabend im Jahre 1913 verabschiedet und innerhalb weniger Stunden von Präsident Woodrow Wilson unterzeichnet, von dem einige Leute sagen, dass er als Präsident eingesetzt wurde – er war zuvor der Präsident der Princeton University und dann Gouverneur von New Jersey -, aber dass er durch das Geld von JP Morgan, Rockefeller und so weiter als Präsident mit dem alleinigen Zweck eingesetzt wurde, um als Demokrat eine linke Verkleidung, wenn Sie so wollen, für die Schaffung des Federal Reserve zu geben. Es war ein sehr umstrittener Gesetzesvorschlag, um den schon lange vor der Finanzkrise von 1907 gestritten wurde.

Tatsache ist, und nur wenige Amerikaner sind sich dessen überhaupt bewusst – sie denken, dass der Präsident einen Vorsitzenden der Federal Reserve vorschlägt, und also ist die Federal Reserve eine staatliche Behörde. Das ist sie mitnichten. Die verschiedenen regionalen Banken der Federal Reserve – die Dallas Fed, die San Francisco Fed, die St. Louis Fed, und vor allem als das primäre Zwischenstück: die New Yorker Fed – sind Aktiengesellschaften, zu deren Aktieninhabern Unternehmen wie AIG, JPMorgan Chase und so weiter gehören. Das sind also Einheiten in Privatbesitz, aus denen sich das Federal Reserve System zusammensetzt. Und das ist der Kern des Problems.  Der Vorsitzende der Federal Reserve hat einen wesentlichen Auftrag: die Macht der Großbanken zu bewahren – wie eine Kongress-Anhörung sie in den 1920er Jahren nannte: die „Money Trust“-Banken. Und das sind in Wirklichkeit nur etwa acht oder höchstens neun Institutionen, würde ich schätzen, die wirklich die weltweiten Multi-Billionen-Derivate, den Verbriefungsbetrug und die Politik des US-Finanzministeriums in Washington völlig dominieren.Die privat geführte Federal Reserve ist, glaube ich, eines der Hauptprobleme für den Ruin der amerikanischen Industrie- und Sozialwirtschaft seit, sagen wir, der Abkopplung vom Gold im August 1971 ganz gewiss, und selbst noch davor.

Lars Schall: Würden Sie als Historiker sagen, dass es eine übertriebene Aussage wäre zu sagen, dass die gesamte Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika bis zum Jahr 1913 die Geschichte des Kampfes einer Republik gegen eine Zentralbank ist, die sich hochkonzentriert in den Händen von ein paar Männern befindet?

F. William Engdahl: Ich denke, das ist eine sehr interessante Möglichkeit, um diese Geschichte zu betrachten. Es gab die Gründung der ersten Bank der Vereinigten Staaten unter Alexander Hamilton, dem ersten Finanzminister. Viele, auch amerikanische Historiker, haben den Eindruck, dass sei eine nationale Bank gewesen, die der US-Regierung gehörte. In keiner Weise war diese Bank-Mehrheit im Besitz der US-Regierung. Ein Minderheiten-Anteil der Aktien wurde durch die US-Regierung gehalten, aber die Hauptaktionäre waren private Banken-Interessen. Interessanterweise wurde einer der größten Aktienblöcke der Bank der Vereinigten Staaten durch das Haus Rothschild in London gehalten. Das, was die Briten während des Unabhängigkeitskrieges nach 1776 verloren, versuchten sie also durch die Hintertür durch den Besitz der Bank, die die US-Staatsverschuldung verwaltete, wieder zu erlangen.

Die Charta dieser Bank wurde nicht erneuert, es gab erbitterte Kämpfe in der Geschichte darüber. Es wurde einige Jahre später eine zweite Bank der Vereinigten Staaten geschaffen und Andrew Jackson war als Präsident ein erbitterter Feind der Idee, dass die Schulden der Vereinigten Staaten von einem privaten Unternehmen gehandhabt werden sollten.  Und dann während des Bürgerkriegs gab Lincoln Greenbacks heraus. Das war eine Form von Papiergeld in einer Notsituation, aber was es bewerkstelligte, wenigstens teilweise, war, dass es die Kontrolle über die US-Schulden vorübergehend aus den Händen der Londoner und New Yorker Banken nahm. Das missfiel London in einem außergewöhnlichen Maß. Interessanterweise deuten die Beweise, die über die Ermordung von Lincoln am Ende des Bürgerkrieges auftauchten, alle auf die Hand des Hauses Rothschild und der London City Banker, die durch Judah Benjamin, einem führenden Beamten der Konföderierten, den ganzen Mordanschlag von John Wilkes Booth auf Lincoln finanzierten. Judah Benjamin verschwand aus den Vereinigten Staaten nach dem Attentat und verbrachte den Rest seiner Jahre in England. Man kann also Rückschlüsse ziehen, wer ein Interesse an der Beseitigung von Lincoln hatte, obwohl wir es natürlich niemals endgültig wissen werden.  Die andere Sache war der Krieg von 1812. Ein sehr bizarrer Krieg, wenn man sich die amerikanische Geschichte anschaut.

Die Briten begannen ihn mit ihren Schiffen vor der Küste von Washington und New Orleans. Sie fingen an Washington zu bombardieren und erklärten den Krieg, und dann versuchten sie sich von Kanada aus nach unten zu bewegen. Und das war offenbar ein Racheakt der Londoner Banken für die Tatsache, dass der US-Präsident die Charta der Erste Bank der Vereinigten Staaten auslaufen ließ und nicht erneuerte. Von daher hat viel von der Geschichte der Vereinigten Staaten bis 1913 mit diesem Kampf zu tun.  Auch die ganze Frage von Silber gegenüber Gold. Gold war etwas, das im Interessen des Hauses Morgan in New York und sicherlich der Londoner Banken lag, weil sie das Herz des Goldstandards der damaligen Zeit bildeten. Wenn also die Vereinigten Staaten auf einem Silberstandard oder auch nur einen zweigeteilten Metall-Standard gegangen wären, würde das erheblich die Macht der JP Morgan, Rothschild und deren Freunde in London, Barrings und andere, verringert haben. Sie kämpften erbittert gegen William Jennings Bryant, ein Mann, der für die Rede: „Du sollst nicht Menschheit an einem Kreuz aus Gold kreuzigen“ berühmt wurde. (viii)

 

Gertrude Bell – Orient-Mimikry

 

 

 

 

Lars Schall: Ja.

F. William Engdahl: Aber sie besiegten die Silber-Fraktion im Wesentlichen durch allerlei Korruption und Manipulation und so weiter im Kongress. Sehr viel der amerikanischen Geschichte hat also mit diesen Kämpfen zu tun, ja.

Lars Schall: Wenn all dies wahr ist, dann ist es umso wichtiger, zu verstehen a), wie der Federal Reserve Act in Kraft gesetzt wurde, und b), wie das Federal Reserve System tatsächlich funktioniert. Ich denke, in Bezug auf a) könnten Sie vielleicht ein bisschen über die Bankenpanik von 1907 sprechen.  F. William Engdahl: Ja.   Lars Schall: Wer steckte dahinter?

F. William Engdahl: Na ja, Überraschung, Überraschung: Es war das House von Morgan und seine Freunde. Sie schufen einen Run auf eine große unabhängige Bank in New York City und lösten damit das aus, was die Panik von 1907 wurde. Sie verwandelte sich in eine industrielle, wirtschaftliche Depression in Amerika mit einer riesigen Arbeitslosigkeit. Durch die Panik und ihre Lobbyarbeit bekamen sie den Kongress dazu, für die Einrichtung einer nationalen Währungskommission zu stimmen, um zu prüfen, wie zukünftige Paniken zu verhindern wären. Nun, es war eine Panik, die durch das Haus von Morgan und Freunden entwickelt wurde, und der Weg, um in der Zukunft Paniken zu verhindern, würde der sein, ihnen die Kontrolle über das Geld der Nation zu geben – weg vom Kongress, wo es nach Artikel 1, Abschnitt 8 der Verfassung hingehörte, und hin zum Kartell der Privatbanken, die die New Yorker Federal Reserve Bank bilden, welche bewusst so gestaltet wurde, dass sie die mächtigste aller Banken im Federal Reserve System ist.

Lars Schall: Und dann wurde der Federal Reserve Act verabschiedet. Wie funktioniert das Federal Reserve System ?

F. William Engdahl: Sie meinen heute?   Lars Schall: Ja.  F. William Engdahl: Grundsätzlich hat sie unbegrenzte Macht, Geld zu drucken, um es im populären Jargon auszudrücken. Dies ist es, was wir Ben Bernanke seit 2008 tun sehen, dies sind Billionen von Dollar, aber natürlich weigert sich Bernanke, irgendwelche großen Details darüber preiszugeben, was sie tatsächlich mit den Banken tun und welche Banken es sind, die von dieser Großzügigkeit der Federal Reserve profitieren. Sie kaufen all die giftigen Abfälle auf und legen sie auf die Bilanz der Federal Reserve, und dafür geben sie den Banken dreifach A bewertete US-Schatzanweisungen zurück.  Die Federal Reserve hat ein Open Market Committee, das FOMC. Sie treffen sich alle sechs Wochen, um die Zinspolitik festzulegen, im Wesentlichen bis heute. Dazu gehören mehrere Mitglieder des Federal Reserve Board in Washington, immer ist der Vorsitzende der Fed, in diesem Fall Bernanke oder vor ihm Greenspan, im FOMC, die anderen zehn oder elf Reserve-Banken im ganzen Land haben rotierende Sitze im FOMC. Also nicht alle elf Banken sind zu allen Zeiten vertreten.  Die Sache ist geschickt so entworfen, um die Mehrheitsmacht an die New Yorker Fed zu geben. Die New Yorker Fed ist aufgrund der internationalen Rolle der New Yorker Fed immer im FOMC – und die Tatsache ist, dass der Federal Reserve Act von Morgan & Company und Rockefeller entworfen wurde, um die Macht den Banken des New Yorker Geldzentrums zu geben. Sie sind daher immer im FOMC. Und natürlich hat der Fed-Vorsitzende enorme Macht über die Entscheidungen des FOMC.

Lars Schall: Offiziell ist eines der Mandate der Fed, die Stabilität und den Wert des US-Dollars zu erhalten. (Herr Engdahl lacht.) Aber einer der realen Ergebnisse der Fed scheint die anhaltende Abwertung des US-Dollar in einer recht bemerkenswerten Art und Weise zu sein – was sich seit den 1970er Jahren beschleunigte. Warum?

F. William Engdahl: Ganz einfach, weil das zum Vorteil der Wall Street war. Nach dem Bruch der Verbindung mit Gold im Jahr 1971, den ich zuvor erwähnt habe, stellte die Gruppe um David Rockefeller, damals bei der Chase Manhattan Bank, der Familien-Bank, fest, dass sie mit einer gleitenden Währung und der Tatsache, dass die USA die einzige militärische Supermacht außerhalb der Sowjetunion war, eine unglaubliche Fähigkeit in den Händen hielt. Die Fiat-Dollar, die von den USA gedruckt wurden, trieben diese Abwertung weltweit in diesem Zeitraum an – ich glaube, es gibt eine 2900%-ige Inflation, das heißt, einen 2900%-igen Anstieg der Menge an Dollar, die in der Weltwirtschaft seit August 1971 zirkuliert, nach den letzten Daten, die ich gesehen habe, und in den zwanzig Jahren davor war es ungefähr etwa ein 56%-iger Anstieg der Dollar-Reserven weltweit, das war also eine Periode der relativ stabilen Inflationsraten oder tatsächlich der Nicht-Inflation, und dann nach der Bruch hatte man diesen höchst inflationären Zeitraum.  Nun, was bestimmte Leute um Paul Volcker und andere herausfanden, das war, dass die Schulden ihre besten Vermögenswerte waren – das heißt, am besten für die Banken, für die privaten Banken, nicht für die Nation, aber für die Privatbanken.

Solange US-Schulden dreifach A bewertet werden, und absolut notwendig: solange der US-Dollar die Leitwährung des Handels und in den Zentralbankreserven weltweit bleibt, können die Vereinigten Staaten im Wesentlichen ihre Inflation exportieren, wie sie es in Japan während der 80er Jahre taten, heute nach China, der Europäischen Union und dem Rest der Welt. In der Tat haben die Dollar-Überschuss-Länder gar keine andere Wahl mit ihren Überschuss-Dollar, als US-Staatsanleihen zu kaufen – um Amerikas Kriege auf der ganzen Welt zu finanzieren, sei es im Irak, der gegen die ultimativen Interessen Chinas oder Russlands ultimativen Interessen gerichtet ist, oder alle anderen US-Kriege. Diese werden in gewisser Weise durch die Dollar-Ansammlungen in den Zentralbanken Asiens und anderswo in der Welt finanziert. Es ist also ein diabolisches und sehr cleveres Arrangement, dass sie erkannt haben. Sie konnten es tun, nachdem die Abkopplung des Dollars vom Gold im Jahr 1971 statfand.

Lars Schall: Seit den frühen 1970er Jahren wird der Dollar im Wesentlichen durch Öl gedeckt.

F. William Engdahl: Nun, das ist, wie ich es nannte. In meinem Buch „Century of War“ spreche ich über den Petrodollar. Das ist etwas, das von einigen Autoren in der letzten Zeit missverstanden wird, sie denken, dass der Dollar noch heute ein Petrodollar sei. Öl ist der größte in Dollar gehandelte Rohstoff der Weltwirtschaft, ohne jede Frage, das ist sehr klar. Aber heute ist der Dollar, würde ich sagen, eine Währung, die nicht so sehr durch Erdölpreise gesichert wird, die in Dollar notiert werden, sondern mehr durch F-16-Kampfjets und Abrams-Panzer, mit anderen Worten: durch rohe militärische Macht der USA und der NATO. Das bricht hier immer mehr auf das Wesentliche der Macht hier seit Beginn der Bush-Administration runter. Bush und Cheney wurden von den Eliten in Position gebracht, um den Samthandschuh abzuziehen und der Welt die eiserne Faust zu zeigen, weil mehr und mehr Dinge aus der Lage einer amerikanischen Hegemonie oder einzigen Supermacht mit dem Aufstieg Chinas, Russlands und einigen andere Dinge, die in der Europäischen Union vor sich gingen, außer Kontrolle gerieten.

Lars Schall: Sagen wir dann, dass der Dollar im Wesentlichen durch Öl gedeckt war.

F. William Engdahl: Ja, zurückgehend auf die Zeit nach 1973.   Lars Schall: Ich möchte mit Ihnen über ein wichtiges Ereignis in diesem Zusammenhang sprechen. Dies war die Ölkrise von 1973/74.  F. William Engdahl: Richtig.   Lars Schall: Sie fanden in Ihrem Buch „Century of War“ heraus, dass dieses Ereignis politisch von einem Club beabsichtigt war, der sich 1973 auf einer schwedischen Insel traf. Können Sie bitte etwas Licht mit uns bei diesem Thema teilen?  F. William Engdahl: Gewiss, äußerst gerne. Ich besaß das faszinierende Vergnügen, persönlich von Scheich Zaki Yamani im September 2000 für sein jährlichen Treffen außerhalb von London eingeladen worden zu sein. Er hat ein Energie-Zentrum in London gegründet, nachdem es Washington geschafft hatte, dass er als saudischer Minister für Energie während der umgekehrten Ölkrise von 1986 entlassen wurde, als Yamani gegen den Druck des US-Außenministeriums auf die saudische Monarchie war. Yamani lud mich ein, weil er das „Century of War“-Buch gelesen hatte – ein irakischer Freund hatte es ihm gegeben. Er rief mich zu einem Vortrag vor dieser Gruppe von Energie-Bankern aus der City of London und Öl-Leuten über das, was wirklich im Jahr 1973 passierte. Er führte ihn mit den Worten ein: „Dies ist die einzige Erzählung, die von dem existiert, was wirklich ’73 geschah, als ich der Vorsitzende der OPEC und der saudische Energieminister war. Ich durchlebte dies, und Herr Engdahl hat es zutreffend beschrieben.“

Baschar al-Assad – Okzident-Mimikry

 

Was passierte ist folgendes: Es gab ein Treffen – und einige Leute werden es jetzt mit der Angst bekommen und sagen, das ist Verschwörungstheorie, aber ich bin im Besitz der eigentlich vertrauliche Dokumente, die ganz legal vor einigen Jahren in meinen Besitz durch Zufall in Paris kamen: Das Protokoll des Treffens vom Mai 1973 der Bilderberg-Gruppe in Saltsjöbaden, Schweden. Ich habe die Teilnehmerliste vom Hoover Institute of War and Peace in Kalifornien und das Faksimile des amerikanischen Sekretärs des Bilderberg-Clubs über die Gäste, darunter Henry Kissinger von der amerikanischen Seite, die zu dieser Mai-Sitzung eingeladen worden waren. Und dort, wenn Sie die Kalkulation machen, hören sie einen Vortrag und eine Diskussion, und das sind einige der mächtigsten Menschen in Europa und den Vereinigten Staaten – übrigens handverlesen von David Rockefeller. Die Leiter aller großen Ölkonzerne, die Siebn Schwestern, waren ebenfalls anwesend. Sie reden über das, was auf eine 400%-ige Steigerung des Preises für OPEC-Öl in der sehr nahen Zukunft hinausläuft. Natürlich geben sie keine Details, sondern sprechen im Abstrakten.

Die ganze Diskussion war nicht: „Wie können wir als einige der mächtigsten Vertreter der Industrienationen der Welt die arabischen OPEC-Länder davon überzeugen, die Ölpreise nicht so dramatisch zunehmen zu lassen?“ Stattdessen sprachen sie darüber: „Was werden wir mit all den Petrodollars tun, die unweigerlich zu den Londoner und New Yorker Banken aus den arabischen OPEC-Öleinnahmen kommen werden?“ Henry Kissinger, der den Begriff nach dem Ölschock in den Jahren 1973/74 prägte, sprach über das „Recycling von Petrodollars.“ Und in der Tat, was passierte war – und das kam direkt von einem Privatgespräch mit Scheich Yamani mit mir in seinem Haus im Jahr 2000, er sagte: „Ich wurde von meinem König, dem saudischen König, als vertrauenswürdiger Bote losgeschickt, um mit dem Schah von Iran zu sprechen und zu fragen, warum der Schah beim OPEC-Treffen im September 1973 nach dem Yom Kippur-Krieg so unerbittlich beim Durchsetzen eines derart großen OPEC-Preisanstiegs als einem dauerhaften Preis war.“ Und er sagte: „Der Schah wandte sich zu mir und sagte: ‚Teilen Sie Seiner Exzellenz, dem König von Saudi-Arabien, mit, wenn er eine Antwort auf diese Frage haben will, muss er nach Washington gehen und Henry Kissinger fragen.'“ (ix) Mit anderen Worten, dies wurde dem Schah diktiert.

Lars Schall: Ja.

F. William Engdahl: Dieser Öl-Schock kam also zwei Jahre nach dem freien Wechselkurs des Dollars, als der Dollar im Wesentlichen wie ein Stein fiel, weil die US-Wirtschaft große Brüche gegenüber der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu zeigen begann, als die US-Industrie eine führende Weltklasse-Industrie war und die Goldreserven und alles andere in einer idealen Korrelation zueinander standen. Die US-Wirtschaft geriet in sehr, sehr schwere strukturelle Probleme in den frühen 1970er Jahren. Der Dollar fiel, und die französische und die deutsche Wirtschaft begannen wirklich zu boomen, wie auch die japanische Wirtschaft, und bestimmte Eliten, die mit den Geldzentrumsbanken in New York verbunden waren, beschlossen, so glaube ich, dass es Zeit für einen großen Schock war, um die Richtung der globalen Wirtschaft umzukehren, selbst zum Preis einer Rezession in der amerikanischen Wirtschaft – das bekümmerte sie nicht so sehr, solange sie die Kontrolle über die Geldflüsse besaßen.

1975 schickte Washington einen sehr hohen Beamten des Finanzministeriums nach Riad, der Riad im Wesentlichen sagte, dass die OPEC kein einziges Barrel Öl verkaufen dürfe, wenn diese nicht in Dollar notiert wären, da damals die deutsche Regierung, die französische Regierung und die Regierung von Japan alle an der Tür der OPEC anklopften und versprachen, ihre Qualitäts-Werkzeugmaschinen, die ausgezeichneten, hochwertigen deutschen Werkzeugmaschinen zu liefern, und den französischen oder japanischen Handel anboten, den die Länder des Nahen Ostens so sehr wollten, um ihre Volkswirtschaften aufzubauen. Aber sie forderten, dass das gegen Ölpreise in ihren eigenen Währungen verkauft werden müsse, damit sie weniger abhängig vom Dollar wären. An diesem Punkt intervenierte Washington und sagte: „Das ist ein Tabu. Öl darf nie außer in Dollar verkauft werden.“ (x)

Lars Schall: Warum war das von essentieller Bedeutung für die USA?

F. William Engdahl: Weil die Machtprojektion der USA seit 1945 in der Welt auf zwei Säulen ruhte. Eine Säule ist, dass die USA die überwältigende militärische Macht auf diesem Planeten haben. Heute geben sie mehr für militärische Ausrüstung, Personal und Machtprojektion aus als die nächsten 42 Länder der Welt, einschließlich Russland, China und ganz Europa zusammen! Die zweite Säule der US-Macht ist die Rolle des Dollars als Leitwährung der Welt. Beide besitzen kombinierte Synergien. Wenn jemand die Macht des „amerikanischen Jahrhunderts“, wie Henry Luce, der Eigentümer des Time-Magazins, es im Jahre 1941 nannte, verstehen will, dann müssen sie sich diese Doppel-Säulen ansehen und wie sie beide miteinander interagieren.  Der Ölpreis, der um 400 Prozent in den Jahren 1973/74 sprang, rettete den Dollar. Der Dollar schwebte auf einem Meer von Öl hinauf. Auch hier dürfen wir nicht vergessen, dass Nixon die Verbindung des Dollars zum Gold unilateral im August 1971 brach, und nach dieser Zeit stürzte er um rund 40 Prozent gegen die wichtigsten Handelswährungen wie die D-Mark und dem japanischen Yen ab.

Was den Dollar rettete, was die Wall Street und die Macht des Dollars als eine finanzielle Sache, aber nicht die US-Wirtschaft in irgendeiner Weise rettete, war der 400%-ige OPEC-Preisschock. Das hielt das Wachstum in Europa an, zerschlugen die Entwicklungsländer, die eine schnelle Wachstumsdynamik in den frühen 1970er Jahren genossen, und es bekräftigte die Machtverhältnisse wieder in die Richtung der Wall Street und des Dollar-Systems.  Wenn man sich also die ganze daraus ergebene Geschichte der lateinamerikanischen Schuldenkrise der Dritten Welt-Schuldenkrise in den 1970er Jahren bis in die 1980er Jahre hinein, die auch Jugoslawien, Polen und einige andere Ostblock-Länder zerstörte, all dies hatte mit dem Recycling von Petrodollars durch die Eurodollar-Banken, US-Banken in London, britische Banken zu tun. Dies war das Herzstück des sogenannten Eurodollarmarktes damals, die City of London. – wie auch auswählte Banken wie Deutsche Bank, UBS und ein paar japanischen Banken waren als Juniorpartner dabei.  Aber die Hauptsache war: Die angloamerikanische Banken-Elite betrieb das Recycling der Überschuss-Dollars, die Saudi-Arabien, Kuwait, die Emirate und all die anderen OPEC-Länder, darunter Iran bis zum Sturz des Schahs, in Umlauf brachten.

Übrigens ließ der Schah die gesamten Ölgewinne der iranischen Ölgesellschaft über eine einzige Bank laufen, und das war die Chase Manhattan Bank von David Rockefeller – interessante Tatsache der Geschichte. Somit war durch das Recycling von Petrodollars der Dollar an den Ölpreis und die Ölkonzerne gebunden, an die Sieben Schwestern, die amerikanischen und britischen Ölkonzerne, die wirklich der Ölpreis steuerten. Sie schoben es auf die arabischen Scheichs, aber die Kontrolle lag in New York und London.  Heute denke ich, werden die USA alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, damit Öl in Dollar notiert bleibt, aber die Rolle des Ölpreises in Dollar ist nicht so stark wie es in der Mitte der 1970er Jahre war, wurde aufgrund der Entstehung dieser Terminmärkte, die durch Banken wie Goldman Sachs kontrolliert werden – dem Aufkommen des sogenannten „Papier-Öls“. Mit dieser Kontrolle über Futures wie der ICE Futures in London können sie den Ölpreises hochtreiben, wie sie es 2008 mit einem Preis von 147 USD machten, um ihn dann bis auf die höheren 30er USD abstürzen zu lassen. Aus welchem Grund? Sie klopften den Wind aus den Segeln von Russland zu dem Zeitpunkt, als Putin und Medwedew dabei waren mit Öl- und Gas-Exporten einen wichtigen Gegenpol zur US-Macht in der Welt zu schaffen.

Lars Schall: Ein hoher Ölpreis ist gut für Russland und schlecht für China, ist das die Gleichung?

F. William Engdahl: Im Allgemeinen ja. Das Problem für Russland ist, dass es keine Kontrolle über den Markt hat.   Lars Schall: Das war auch eine sehr wichtige, aber selten erkannte Ursache für ein echtes Großereignis des 20. Jahrhunderts: dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Dieser Zusammenbruch hatte ebenfalls mit dieser Kontrolle über den Ölpreis zu tun, richtig? (xi)  FWE: Es waren mehrere Dinge. Die Neo-Konservativen in den USA kamen erstmals zu politischer Prominenz, als sie die Demokratische Partei verließen – ich rede von Irving Kristol, Richard Perle und anderen. Sie gingen in die Republikanische Partei während der Reagan-Ära. Sie spielten mit der vereinfachenden Sicht Reagans auf die Welt – er war ein B-Movie-Hollywood-Schauspieler und sehr nützlich, um der amerikanischen Öffentlichkeit wohltuende Worte zu sagen, aber hinter den Kulissen der Reagan-Politik wurde diese von George Bush Senior, den Nachrichtendiensten, dem Außenministerium und einer Handvoll dieser Neo-Konservativen bestimmt, und sie waren Falken gegenüber der Sowjetunion.

Sie wollten die Sowjetunion in hundert Stücke zerbrechen, was letztlich 1989 geschah.  Ein großer Teil der Strategie der Reagan-Bush-Politik – denn es war Bush, der viel von der Reagan-Präsidentschaft als seine Vize-Präsident ausführte – sowohl in Afghanistan gegen die russische Marionetten-Regierung in Kabul (interessanterweise eine Politik, die tatsächlich schon von Zbigniew Brzezinski initiiert worden war, als er Carters Nationaler Sicherheitsberater war xiii), und die Contra-Operation gegen die gleichzeitig gewählte Regierung in Nicaragua, die nach Washingtons Geschmack zu sehr linksgerichtet war und indirekt durch die Sowjetunion und Kuba unterstützt wurde – all diese Brennpunkte wurden simultan zueinander aktiviert, auch das „Star Wars“-Raketenabwehrsystem-Programm, das Reagan im Jahr 1983 angekündigt hatte, die sogenannten „Strategic Defense Initiative“ – oder die Raketenschild, dass erst kürzlich von der Bush-Cheney-Administration gegenüber Russland mit der Raketenbasen und Radar Verteidigungen in Polen und der Tschechischen Republik wiederbelebt wurde.  Das beiseite lassend, der wichtigste Punkt in meiner Einschätzung, der – um es im Jargon zu sagen – in Bezug auf die Sowjetunion dem Kamel den Rücken brach, war die bewusste Entscheidung von George Bush und George Schultz, dem Mann von der Bechtel Corporation, einem der größten militärischen Auftragnehmer der Welt, der damals Außenminister war – sie initiierten mit Druck auf das Königreich Saudi-Arabien bewusst, dass die Saudis Anfang 1986 am Ölhahn drehten und die Welt mit billigem Öl fluteten.

Nun, das gelang glänzend aus der Sicht dieser US-Strategie. Es ruiniert Tausende von kleinen, unabhängigen Öl-Unternehmen in den Vereinigten Staaten, aber für Rockefeller, Standard Oil, BP, Shell und so weiter bedeutete es, kleinen Wettbewerb loszuwerden, und es erlaubte ihnen, ihre Öl-Vermögenswerte auf die billige Tour aufzukaufen.  Aber der eigentliche Punkt war: zu diesem Zeitpunkt war die Sowjetische Militär-Wirtschaft abhängig von harten Dollarwährungseinkünften. Und der einzige Weg, den sie hatten, oder für den größten Teil von bis rund 70 Prozent, den sie hatten, um diese harten Dollar zu verdienen, war durch Exporte in die westlichen Märkte von Öl und in geringerem Maße von Erdgas. Also wurde die russische Wirtschaft durch die einstürzenden Ölpreise von den niedrigen 30ern Dollarständen – es waren 32 oder 33 USD, glaube ich, am Anfang – auf 9 Dollar während der Tiefe der Operation Mitte 1986, plötzlich zum Zerreißen gedehnt . Gorbatschow musste an diesem Punkt einfach den letzten Tropfen Blut aus den Satelliten-Volkswirtschaften Ost-Deutschlands, Polens, der Tschecheslowakei und so weiter saugen, um verzweifelt zu versuchen, Schritt zu halten mit dem Wettrüsten beim „Star Wars“ mit Washington, denn wenn Washington das Wettrüsten gewonnen hätte, und sei es nur halbwegs gewesen, und Russland lag zurück, hätten sie einfach auf die Knie fallen und aufgeben müssen. Daher war es das, laut russischen Ökonomen mit denen ich nach dem Zusammenbruch im Jahre 1994 in Moskau gesprochen habe, was wirklich die Sowjetunion 1988-1989 brach.

Lars Schall: Würden Sie sagen, dass das gesamte 20. Jahrhundert, einschließlich der beiden Weltkriege, ohne die Öl-Interessen hinter den Kulissen nicht sauber verstanden werden kann?

F. William Engdahl: Sicherlich kann ein starkes Argument dafür gemacht werden. Es war nicht das einzige Interesse, aber wie Henry Kissinger in der Mitte der 1970er Jahre gesagt haben soll, als er ohne Zweifel der mächtigste Mann in Washington war: „Wenn man das Öl kontrolliert, kontrolliert man ganze Nationen“ Sogar wenn man bis zum Ersten Weltkrieg zurück geht kann man den Fall belegen, dass die Kontrolle über das Öl im Wesentlichen durch die Angloamerikaner, die britischen und amerikanischen Ölgesellschaften, eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Wie ich ausführlich in meinem neuen Buch, das ich beende, „Oil: The Secret War“, in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs sah eine massive deutsche Westoffensive März 1918, die von Ludendorff entworfene „Operation Michael“, die britischen und französische Kräfte spalten und einen Sieg vor der Ankunft der amerikanischen Truppen in Europa sichern sollte, sehr bedrohlich aus. Der Zusammenbruch der Kerenski-Regierung in Russland und Unterzeichnung des Vertrages von Brest-Litowsk am 3. März des Jahres 1918 durch die Bolschewiki, brachte Russland aus dem Krieg, und ermöglichte Deutschland eine große Zahl von Truppen für die letzte Kampagne in den Westen umzuschichten.

Die US-Truppen waren noch nicht in Frankreich gelandet, und die deutschen Chancen auf einen militärische Durchbruch waren signifikant.  Im Dezember 1916 hatte die deutsche Armee Rumänien eingenommen, nachdem sich dieses Land mit England gegen Deutschland zusammentat. Im November 1916, Tage vor dem deutschen Angriff, waren britische Militär-Kommandos, die vom britischen Sabotage-Experten Colonel John Norton-Griffiths zusammen mit rumänischen Freiwilligen angeführt wurden, in geheime Mission geschickt worden, um die Ölvorräte und Ölquellen in Ploesti durch Sabotage zerstören. Die Sabotage war erfolgreich, die sich als ein verheerender Schlag für die Deutschen erwies, die die Kontrolle über das rumänische Öl zu einem strategischen Schwerpunkt ihrer Invasion gemacht hatten. Rumänien war damals Europas führender Produzent von Öl. Trotz intensiver Arbeit war die deutsche Armee nicht in der Lage, die rumänische Öl-Produktion auf ein nötiges Niveau zu bringen, um die 1918 Frühjahrsoffensive im Westen aufrecht zu halten. Das rumänische Öl war wesentlich für die deutschen motorisierten Offensive an der Somme an der Westfront.  Ludendorffs massive Offensive im Westen gegen Frankreich und die Alliierten Kräfte kam, nach erstaunlichen Fortschritten, an der Somme zum Stillstand. Deutsch Lastwagen, die Verstärkungen für die Schlacht trugen, konnten sich aus Mangel an Brennstoff nicht bewegen.

Es war die erste große Schlacht, in der motorisierte Artillerie und Panzer im großen Stil eingesetzt wurden. Die deutsche letzte Offensive kam weitgehend aus Mangel an Treibstoff für ihre wesentlichen Panzer und Fahrzeuge zum Stillstand. Es war eine neue Art der Kriegführung und Erdöl spielte eine wichtige neue Rolle.  Für ihre Seite waren französisch und britische Streitkräfte in vollem Umfang mit dem amerikanischen Öl aus Rockefellers Standard Oil-Tanks beliefert.  Etwas Ähnliches passierte im Zweiten Weltkrieg. Abgesehen von allen Aspekten der Ideologie und der grausamen Politik des Dritten Reiches, sondern nur streng aus militärischer Sicht gesehen, von militärischer Streitkraft, hatte Deutschland nie eine Chance militärisch den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen, weil der deutsche Generalstab erstaunlicher Weise die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg ignorierte. Es achtete nicht darauf, ihre strategischen Ölreserven für den Krieg zu einem Zeitpunkt militärisch zu sichern, da Luftwaffe, Panzerwaffe und Seemacht alle von Erdöl angetrieben wurde.

Erst sehr spät im Spiel, als Hitler befohlen hatte, Operation Barbarossa Anfang 1941 beginnen zu lassen, hat der Generalstab halbwegs ernsthaft zu versuchen, Rommel in Nordafrika zu unterstützen. Die Idee war, den Suezkanal zu erfassen und die britische Versorgungslinie der britischen Marine im Persischen Golf zu beseitigen, die durch den Suezkanal kam, und damit die der britischen Marine bedrohen. Aber das meiste Öl, ich glaube fast die Hälfte des Öls, dass die deutsche Wehrmacht während des Krieges, abgesehen von den synthetischen Ölen, die im Inland produziert wurden, heranzog, kam aus Rumänien. Und die Unternehmen, die das rumänische Öl besaßen, waren Unternehmen mit Namen wie Standard Oil of New Jersey, Royal Dutch Shell und so weiter.  Ich meine, wenn man nur über reine militärische Strategie redet, kämpft man keinen Krieg, wenn die Feuerkraft von Kraftstoff abhängt, der vom Gegner kontrolliert wird. Ich glaube nicht, dass sie absichtlich ihre Chancen sabotierten. Ich glaube, es war einfach pure Unwissenheit über die Bedeutung von Erdöl-Sicherheit in der modernen Kriegsführung. Sie hatten nicht wirklich diese Dimension militärischer Macht studiert. Sie waren um einen Krieg zurück und sie verloren den Zweiten Weltkrieg, weil sie die Weise, wie die Briten und Franzosen den Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, nicht wahrnahmen. Wie Clemenceau nach dem Ersten Weltkrieg sagte: „Die Alliierten sind in einem Meer von Öl zum Sieg geschwommen.“ Und das war sicherlich buchstäblich wahr.

Saddam Hussein – Okzident-Mimikry

 

 

Anmerkungen:

  i Vergleiche Lars Schall: Der Wert des US-Dollars nimmt ab, der Ölpreis steigt, veröffentlicht auf Lars Schall.com am 19. Oktober 2010 unter: www.larsschall.com/2010/10/19/der-wert-des-us-dollars-nimmt-ab-der-olpreis-steigt/

ii F. William Engdahl: „Perhaps 60% of today’s oil price is pure speculation“, veröffentlicht auf Globalresearch am 8. Mai 2008 unter: www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=8878

iii Gregor Macdonald: „Spare Capacity Theory“, veröffentlicht auf Gregor.us am 21. Februar 2010 unter: http://gregor.us/oil/spare-capacity-theory/. Macdonald definiert die „Spare Capacity Theory“ derart: „the assumption among western bankers, policy makers, economists, and stock markets that OPEC producers can lift oil production at will, and, export all of that spare production to world consumers.“

iv Ebd.

v Vergleiche John Vidal: „WikiLeaks cables: Saudi Arabia cannot pump enough oil to keep a lid on prices. US diplomat convinced by Saudi expert that reserves of world’s biggest oil exporter have been overstated by nearly 40%“, veröffentlicht auf The Guardian am 8. Februar 2011 unter: www.guardian.co.uk/business/2011/feb/08/saudi-oil-reserves-overstated-wikileaks?CMP=twt_fd, Tyler Durden: „Did WikiLeaks Confirm ‚Peak Oil‘? Saudi Said To Have Overstated Crude Oil Reserves By 300 Billion Barrels (40%)“, veröffentlicht auf Zero Hedge am 8. Februar 2011 unter: www.zerohedge.com/article/did-wikileaks-confirm-peak-oil-saudi-said-have-overstated-crude-oil-reserves-300-billion-bar, Tyler Durden: „Jim Rogers: ‚Saudi Arabia Is Lying About Being Able To Increase Its Oil Production‘, veröffentlicht auf Zero Hedge am 28. Februar 2011 unter: www.zerohedge.com/article/jim-rogers-saudi-arabia-lying-about-being-able-increase-its-oil-production, und Lars Schall: „Die schwelenden politischen Risiken sind nicht vollständig im Öl-Preis diskontiert“, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 17. März 2011 unter: www.larsschall.com/2011/03/17/die-schwelenden-politischen-risiken-sind-nicht-vollstandig-im-ol-preis-diskontiert/

vi Vergleiche John Harlow: „Billionaire club in bid to curb overpopulation“, veröffentlicht auf The Sunday Times am 24. Mai 2009 unter: www.timesonline.co.uk/tol/news/world/us_and_americas/article6350303.ece

vii Vergleiche Alan Murray: „Paul Volcker: Think More Boldly“, veröffentlicht in The Wall Street Journal am 14. Dezember 2009 unter: http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704825504574586330960597134.html

viii Die „Cross of Gold“-Rede von Bryant gilt als eine der berühmtesten in der US-amerikanischen Geschichte. Sie wurde am 9. Juli 1896 beim Parteitag der Demokraten in Chicago gehalten. Es ging um ein Silber zu Goldverhältnis von 16 to 1. Die Rede findet sich in „The Annals of America, Vol. 12, 1895-1904: Populism, Imperialism, and Reform“, Encyclopedia Britannica, Inc., Chicago, 1968, pp. 100-105.

ix Vergleiche für diese Art der Erzählung der Dinge Oliver Morgan / Faisal Islam: „Saudi dove in the oil slick“, veröffentlicht auf The Guardian am 14. January 2001 unter: www.guardian.co.uk/business/2001/jan/14/globalrecession.oilandpetrol, und „Opec will play a different role in the future, says Sheikh Yamani“, veröffentlicht auf Business Intelligence Middle East am 17. Oktober 2010 unter: www.bi-me.com/main.php?id=48966&t=1&c=38&cg=4&mset=1011

x Siehe David E. Spiro: „The Hidden Hand of American Hegemony. Petrodollar Recycling And International Markets“, Cornell University Press, Ithaca and London, 1999.

xi Siehe James R. Norman: „The Oil Card. Global Economic Warfare in the 21st Century“, Trine Day, Walterville, 2008, und Peter Schweizer: „Victory: The Reagan Administration’s Secret Strategy that Hastened the Collapse of he Soviet Union“, TheAtlantic Monthly Press, New York, 1994.

xii Siehe beispielsweise das Interview von Le Nouvel Observateur mit Zbigniew Brzezinski, Paris, 15-21 Januar 1998, zitert in Peter Dale Scott: „Drugs, Oil, and War: The United States in Afghanistan, Colombia, and Indochina“, Rowman & Littlefield, Lanham, 2003, Seite 35: Q: When the Soviets justified their intervention by asserting that they intended to fight against a secret involvement of the United States in Afghanistan, people didn’t believe them. However, there was a basis of truth. You don’t regret anything today? Brzezinski: Regret what? That secret operation was an excellent idea. It had the effect of drawing the Russians into the Afghan trap and you want me to regret it? The day that the Soviets officially crossed the border, I wrote to President Carter: We now have the opportunity of giving to the USSR its Vietnam war. Indeed, for almost 10 years, Moscow had to carry on a war unsupportable by the government, a conflict that brought about the demoralization and finally the breakup of the Soviet empire.

 

„Wir sind inmitten einer epochalen tektonischen Verschiebung“ (Teil 2)

Lars Schall: Wie steht der „Krieg gegen den Terror“ am Anfang des 21. Jahrhunderts im Zusammenhang mit Öl?

F. William Engdahl: Der „Krieg gegen den Terror“ wurde von der Bush-Administration nach bestimmten dramatischen Ereignissen in New York City und dem Pentagon im September 2001 erklärt. Die meisten Amerikaner machen sich nicht die Mühe, die Punkte zu verbinden und zu fragen: „Nun, wenn so ist, wie die Regierung sagt, dass dieser fiese Charakter, der durch die CIA für den Krieg in Afghanistan gegen die Sowjetunion ausgebildet wurde, Osama bin Laden – wenn er der Bösewicht ist, der hinter diesem Tod und dieser Zerstörung auf amerikanischem Boden steckt, und er versteckt sich in den Höhlen von Tora Bora in Afghanistan, wie kommt es, dass wir plötzlich Osama bin Laden vergessen, ihn in den Höhlen lassen, und unsere Feuerkraft auf Saddam Husseins Irak richten?“  Nun, bereits im Jahr 1998 hatten Dick Cheney, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und einige andere prominente Neo-Konservativen einen offenen Brief an Präsident Clinton unterzeichnet, in dem sie einen Regimewechsel mit allen Mitteln im Irak forderten. Saddam Hussein müsse gehen. (xiii) Was war die Situation im Irak? Der Druck der Sanktionen, die im großen und ganzen bilaterale Sanktionen waren, die durch die Vereinigten Staaten und Großbritannien über dem Irak während der gesamten 1990er Jahre verhängt wurden, begann innerhalb der UN-Sicherheitsrat auseinanderzubrechen. Laut später durchgesickerten Informationen finanzierte der Irak durch das „Öl für Lebensmittel“-Programm der Vereinten Nationen im Wesentlichen die Wiederwahl der französischen Reierung unter Jacques Chirac. Daher wurde sämtliche Verkäufe von irakischen Öl für Lebensmittel in der UN-Programm durch die französische Bank BNP Paribas durchgeführt, und das geschah in Euro, unter anderem um die Franzosen zu begünstigen.

Die Erklärung des „Kriegs gegen den Terror“ war wirklich Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“, das Konzept der sogenannten Christenheit gegen den Islam. Bush selbst verwendete den Begriff kurz: „Das ist ein heiliger Kreuzzug“, ehe er daran erinnert wurde, dass die früheren Kreuzzüge im 11. und 12. Jahrhundert nicht gerade ein Höhepunkt in der christlichen Kultur waren, dies waren wilden Plünderungs-Expeditionen in den Nahen Osten. Der „Krieg gegen den Terror“ wurde von einigen in Washington als Antwort auf den Verlust des „gottlosen sowjetischen Kommunismus“ als neues „Feindbild“, angesehen, um die Amerikaner zu mobilisieren. Es ist im Wesentlichen ein Krieg, dessen Ziel und Feind nicht definiert sind. Der Terrorismus ist ideal, um ein neues Feindbild zu schaffen.  Das Problem, das das Pentagon nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion besaß, war, dass es keinen Feind übrig hatte. Die Sowjets waren vom Kalten Krieg erschöpft und wehten buchstäblich mit einer weißen Fahne der Kapitulation. Sie sagten: „Okay, Ihr habt das überlegene Wirtschaftssystem, scheint es, wir können nicht mit Euch mithalten. Wir wollen unsere Wirtschaft zu entwickeln; lasst uns mit dieser militärischen Konfrontation aufhören.“

Also demontierte Russland den Warschauer Paktes und begann sein Militär zu verkleinern, mit Ausnahme der Kernwaffen (das ist vielleicht das Einzige, was die Welt heute vor einer globalen Pentagon-Militärherrschaft bewahrt). Aber sei es drum: der „Krieg gegen den Terror“ hatte nichts mit Osama bin Laden zu tun, er war nur ein nützlicher Vorwand. Er hat mit Schaffung eines neuen Feindbildes nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus für die leichtgläubige amerikanische Bevölkerung und die der Welt tun. Obwohl außerhalb der Vereinigten Staaten, das kann ich sagen, sind nur sehr wenige Menschen von der US-Argumentation für den „Krieg gegen den Terror“ überzeugt. Sie betrachten dies als Vorwand für militärische Abenteuer überall dort, wo Washington entscheidet.

Lars Schall: Warum also ist der Irak das Ziel geworden?

F. William Engdahl: Weil Saddam Hussein Verträge zur Entwicklung von Iraks riesigen Ölreserven abgeschlossen hatte. Irak hat, wie Sie wissen, die zweitgrößten Quelle von unerschlossenem Öl in der Welt hinter Saudi-Arabien, zumindest so anerkannt von der US-Regierung. Einerlei, ob dies zutrifft oder nicht, es hat sicherlich riesige Reserven an noch unerschlossenem Öl, aber Saddam Hussein hatte mit dem Wirtschaftsembargo der Vereinten Nationen und der US-amerikanischen „Flugverbotszone“ nicht die Ressourcen, um das Öl für die Wirtschaft zu entwickeln. Also hatte er Verträge mit der staatlichen chinesischen Ölgesellschaft, dem russischen Ölkonzern und französischen Ölkonzern gemacht, vor allem, um ihnen die Entwicklungsrechte an Öl in einigen der vielversprechendsten unerforschten Gebieten im Irak zu geben.  In einem echten Sinn ist der „Krieg gegen den Terror“ gegen China, Russland und das Potential, wie Brzezinski 1997 in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ erklärte, von Eurasien als Landmasse im Hinblick auf die Geopolitik gerichtet. Das geht zurück auf Sir Halford Mackinder, dem britischen Geographen und seinem berühmten Aufsatz von 1904, „The Geographical Pivot of History“, wo er über Russland und seine Landmasse als „Herzland“ der Welt spricht. Brzezinski und Kissinger sind beide Studenten der Mackinder. Sie reden nicht oft darüber, aber es ist klar, dass sie in der britischen Geopolitik-Strategie geschult wurden.

Mahmut Ahmadinedschad – Okzident-Mimikry

 

Und die Idee ist: Sie müssen unter allen Umständen eine Kohäsion unter den Großmächten Eurasiens verhindern.  Interessanterweise schufen dann 2001 die Großmächte Eurasiens: Russland, China und die verschiedenen Ländern der ehemaligen Sowjetunion dazwischen, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan, die sogenannte Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (Shanghai Cooperation Organization), zunächst als ein Dialogforum für eine mögliche Zusammenarbeit. Es war nicht wie die Europäische Union konzipiert, aber zumindest als Anfang für eine Art Zusammenhalt. Und das stellte den ultimativen Halford Mackinder-Alptraum für die amerikanische Geopolitik dar, weil, wie Brzezinski ganz offen schrieb: Der einzige Ort auf diesem Globus, der die personellen Ressourcen hat, die wissenschaftliche Basis, die industrielle Basis, die Energierohstoffbasis, um eine Herausforderung für die amerikanische Weltmacht zu sein, ist Eurasien. Das ist buchstäblich das, um was es im „Krieg gegen den Terror“ geht.     Warum hat Obama den Krieg in Afghanistan vergrößert? Er hat übrigens den Krieg im Irak nicht verkleinert, sondern nur bestimmte Deals und einige kosmetische Änderungen vorgenommen. Aber er den Krieg in Afghanistan gegen China gerichtet vergrößert.  Die Militärbasen, die die USA still und leise in Afghanistan aufgebaut haben, weit über ein Dutzend, sind überwiegend Luftstützpunkte, beispielsweise die Luftwaffenbasis Manas in Kirgisistan.

Und die Luftbasen gibt es für einen Zweck: nicht, um Materialien für den Wiederaufbau der afghanischen Wirtschaft wieder aufzubauen, das Pentagon pfeift darauf – sie sind da, um eine mögliche Eingreiftruppe gegen China in der Zukunft darzustellen. Wie auch die vereinbart militärisch-strategische Zusammenarbeit mit der indischen Regierung, um eine Streitkraft von Indien aus für Pakistan, Afghanistan und den Rand Chinas zu haben.  Der eigentliche Punkt ist die Kontrolle aller strategischen Verkehrsknotenpunkte für den Fluss des Öls aus dem Persischen Golf und aus Afrika nach Eurasien, insbesondere nach China, die Kontrolle der Straße von Malakka, dieser schmale Durchgang in der Nähe von Singapur, und auch die Schaffung von Unruhen in Myanmar, weil die Chinesen dort eine riesige Pipeline bauen, die Myanmar durchläuft, so dass sie Öl aus dem Persischen Golf nach China unter Vermeidung der prekären Straße von Malakka bringen können.

Sie müssen auch bedenken, dass die Orange Revolution in der Ukraine durch das US-Außenministerium finanziert wurde. Das National Endowment for Democracy, NED, das die „farbigen Revolutionen“ in der Ukraine und Georgien organisierte, ist ein von der US-Regierung finanziertes Unternehmen. Das wurde dafür entwickelt, um einen Mann an die Macht zu bringen, Juschtschenko, der persönlich in vertraulichen Verhandlungen zugesagt hatte, die Ukraine in die NATO bringen zu wollen. Das Gleiche in Georgien mit der von den USA orchestrierten Rosa Revolution unter Saakaschwili, der ein Verbrecher ist, aber er ist Washingtons Verbrecher. Sie sagten: „Wir decken Dich, wenn Du Georgien in die NATO bringst.“ Das war wichtig, weil die Pipeline mit den Ölreserven vom Kaspischen Meer, die BP und einige amerikanische Ölfirmen bauten, aus geographischen Gründen durch Tiflis, der Hauptstadt von Georgien, in die Türkei und schließlich in den Mittelmeerhafen Ceyhan laufen musste. Also hing die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline von einer Pro-NATO-Präsidentschaft in Georgien ab.

Lars Schall: Herr Engdahl, ein kritische Thema unserer Zeit ist die Peak Oil-Thematik. Sie sagen, dass Peak Oil ein Mythos ist. Wie sind Sie zu diesem Schluss gekommen?

F. William Engdahl: Ich ging durch eine Evolution in meinem Denken. Während des Irak-Krieges im Jahr 2003 konnte ich einfach nicht begreifen, warum eine US-Regierung die Beziehungen mit seinen engsten europäischen Verbündeten oder Verbündeten auf der ganzen Welt riskierte, dabei alle Vereinbarungen des Völkerrechts und der UN-Regeln und -Verfahren verletzend, um einseitig Krieg gegen den Irak zu erklären (nun gut, Tony Blair war dabei, aber ich glaube, er war dort, weil BP ihm sagte, sie müssten ein Stück des irakischen Öls nach der Invasion abgekommen). Und damals stolperte ich über verschiedene Argumente über das Maximum von Öl. Ich hatte mir gedacht: „Aha, wenn dies der Fall ist, dann könnte das die Antwort sein, dass die USA sicherstellen wollen, dass sie präventiv das Öl für die Zukunft kontrollieren.“  Je mehr ich mich dann damit beschäftigte, desto mehr störten mich die Erläuterungen und die Begründung zu diesem Peak Oil-Argument. Ich ging sogar zu einer internationalen Konferenz der Gesellschaft für das Studium von Peak Oil und Gas, ASPO, in Berlin und traf die meisten der prominenten Namen der so genannten „Peak Oil Bewegung“.

Im Nachhinein ist es in gewisser Weise mehr wie ein Religion als eine Bewegung mit einem fördernden Papst namens M. King Hubbert. Aber in jedem Fall fing ich an bestimmte wissenschaftliche Fragen zu stellen, weil ich eine wissenschaftlichere Realität wollte, und ich ging sogar nach Schweden und interviewt den Präsidenten der ASPO, der mir eine detaillierte Dia-Präsentation gab. Er sagte, dass wir im Grunde genommen wüssten, dass Öl ein „fossiler Brennstoff“ und die Menge damit endlich sei im Verhältnis zu dem, was vor 500 Millionen mit Dinosaurier-Überbleibseln, Algen und anderen Pflanzen passierte, die irgendwie durch Vulkanausbrüche oder Erosionen oder Erdbeben unter Boden geschoben und dann irgendwie komprimiert und in das umgewandelt wurden, was wir heute Erdgas nennen, oder in Gas oder sogar in Kohle.  Und dann lenkten mehrere Freunde meine Aufmerksamkeit auf Arbeiten, die in Russland während des Kalten Krieges zur sogenannten abiotischen Theorie der Kohlenwasserstoff-Schöpfung gemacht wurden. Ich traf einige der Russen, die damit über Jahrzehnte gearbeitet hatten, und las ihre wissenschaftlichen Arbeiten. Es waren schwierige Arbeiten, aber sie waren verständlich. Mehr und mehr wurde ich überzeugt, dass das ganze Peak Oil-Geschäft ein Mythos war. In meinem neuen Buch, das ich gerade abschloss, vorläufig mit dem Titel „Oil: The Secret War“ versehen, erörtere ich, wie die britischen und später die amerikanischen Ölkonzerne rund um die Rockefeller-Gruppe seit den Anfängen der Umstellung der Wirtschaft von Kohle auf Erdöl einen Mythos der Ölknappheit kultivierten.

Lars Schall: Einfache Frage: welchen Interessen ist damit gedient?

F. William Engdahl: Die Interessen der Ölkonzerne, ihrer Bankiers und den Machtzirkeln in Großbritannien und den USA Kreise, weil es zu ihrem Vorteil ist, dass niemand sonst eine unabhängige Kontrolle von Energie bekommt. Warum? Weil Energie der Gouverneur ist, über den sie im Wesentlichen die Weltwirtschaft kontrollieren. In Vorbereitung auf dieses Buch und im Zuge meiner Recherchen ging ich zurück zum ursprünglichen Guru der Peak Oil-Bewegung, M. King Hubbard.     Lars Schall: Ja.  F. William Engdahl: Und er war ein recht interessanter Exzentriker, buchstäblich sogar ein führendes Mitglied einer futuristischen technokratischen Gesellschaft in den USA, die zu diesem Zeitpunkt der Nachahmung von Mussolinis Schwarzhemden beschuldigt wurde. King war ein Geologe der Shell Oil Company und als er sein inzwischen berühmtes Papier 1956 anfertigte, das er auf der Jahrestagung der American Petroleum Society vorstellen sollte, gab er es zunächst an seinen Chef bei Shell. Und sein Chef sagte ihm: „Mir ist es egal, was Sie den Geologen in Ihrer Rede sagen, King, solange Sie nicht den Unsinn reden, dass die Ölreserven steigen.“ Natürlich hat er den Unsinn nicht geredet. Aber wenn man sein ursprüngliches Papier von 1956 liest, gibt es keine wissenschaftliche Argumentation, es ist bloße Behauptung. Und die Behauptung beruht komplett auf der Idee, dass Öl ein fossiler Brennstoff ist und beschränkt. Nirgendwo ist das bewiesen.

Nun, die Russen brachten unter dem Mandat von Stalin in den frühen 1950er Jahren die besten geophysikalischen, physikalischen und chemischen Akademiker in Russland und der Ukraine in einem streng geheimen Projekt zusammen, das deswegen als streng geheim klassifiziert wurde, weil es so strategisch war, und sie schauten sich die wissenschaftliche Grundlage an, um zu erklären, was die Ursprünge des Öls waren. Sie sahen sich die Theorie des fossilen Ursprungs an, und nachdem sie tief in der Literatur gegraben hatten, sagten sie, dass dies absolut absurd ist, es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, es gibt keine Kausalität, die demonstriert wurde, es ist nur in amerikanischen Geologielehrbüchern an der Universität behauptet, und weil es so viele Male wiederholt wird, stellt niemand auch nur die Frage, ob Öl ein fossiler Brennstoff ist oder ob Kohle ein fossiler Brennstoff ist, worauf M. King Hubbard enenso in seinem Papier hinwies. Denn um konsistent zu sein, mussten sie sagen, dass Öl, Gas und Kohle allesamt fossile Brennstoffe sind.  Dann hat mir gegenüber jemand das Argument aufgestellt: Wenn man das größte Ölfeld der Welt nehmen würde, Ghawar in Saudi-Arabien, das 1948 entdeckt wurde, und berechnete die Barrel Öl, die Ghawar bis heute produziert hat, und stellte sich dann hypothetisch vor, dass man einen toten Dinosaurier umwandelte, dass man die Biomasse des Dinosauriers nehmen könnte, inklusive Knochen, 100 Prozent, 1 zu 1, und wandelte sie in Erdöl um, was natürlich niemand behaupten würde, dass das möglich ist, aber nur zu vermuten, dass man einen Würfel von komprimierten Dinosaurier-Überbleibseln bräuchte, der 19 Meilen breit, 19 Meilen hoch und 19 Meilen tief ist – um nur dieses eine große Ölfeld in Saudi-Arabien zu berücksichtigen. Ganz zu schweigen von dem Permbecken-Ölfeld in Texas oder den Ölfeldern im Osten von Texas, die riesige Ölfelder sind.

Also fing ich dann an, diese Hubbert-Peak-Oil-Hypothese wirklich sehr ernsthaft in Frage zu tellen.  Die Russen, mit denen ich später in Kontakt war, sagten: „Wir denken, es gibt eine andere Herkunft, und wenn man sich Vulkane anschaut, kommt man der Wahrheit näher.“ Ihre Hypothese zu diesem Zeitpunkt war – jetzt ist sie reichlich bewiesen, selbst durch die Carnegie Institution in Washington in unabhängigen Experimenten, wo sie einige der russischen Wissenschaftler hinzubrachten, um sich mit ihnen zu beraten -, ist, dass Öl unter dem Druck und der Temperatur, die im Erdmantel herrschen, entsteht.  Stellen Sie sich vor, dass der Kern der Erde ein riesiger, gigantischer Kernreaktor ist oder wenn man sich den Seitenschnitt eines Vulkans in einem Geologie-Museum ansieht, kann man ein gutes konzeptionelles Bild davon bekommen, und dieser Riesen-Backofen tief im Erdmantel speit bei enormen Temperaturen und Druckverhältnissen ständig Materie aus, und ein Vulkan bricht aus, weil irgendwie der Erde, die ständig in Bewegung ist, die sich ständig minimal im Laufe der Zeit erweitert, Risse und Spalten schafft. Wir sahen das mit tragischen Folgen in der ersten Hälfte des Jahres 2010 in Haiti, wo drei große tektonische Platten kollidieren und über dem Bereich von Port-au-Prince abweichen. Und auch in der Nähe von Kuba – und dies erlaubt diesen Vulkanausbrüchen bis an die Oberfläche zu drücken und Berge oder Vulkane in bestimmten Fällen zu erzeugen. Und wenn man sich die vulkanischen Spur des Feuerrings im Pazifik ansieht und eine Karte der tektonischen Platten, findet man dort eine faszinierende Korrelation vor.

Also sagten die Russen: „Das muss etwas mit der Herkunft von Erdöl zu tun haben.“ Es kommt aus dem tiefen Inneren der Erde und durch diese geophysikalischen Brüche, Risse oder Fehler oder wie auch immer man das nennen möchte – die Russen nennen sie Migrationskanäle – wie man sie im Golf von Mexiko hat. Dort stieß BP offenbar auf einen riesigen MigrationskKanal, der sehr, sehr tief ging, und das hatten sie nicht erwartet, so dass die ganze Sache völlig außer Kontrolle lief – das Öl wird ständig erzeugt, und was man tun muss, ist nachzuschauen, wo es der Oberfläche am nächsten kommt.  Nun, das ist keine einfache Sache, aber es ist sicherlich eine wissenschaftlich fundierte Sache, und wie gesagt: einige sehr strenge, durch Fachleute geprüfte wissenschaftliche Experimente sind durchgeführt worden, die die Schaffung von Kohlenwasserstoffen unter Laborbedingungen unter den Temperatur- und Druckbedingungen zeigen, die man im Erdmantel hat. Dies ist Granitfelsen, von dem wir hier sprechen, es nicht das so genannte Sedimentgestein nahe der Oberfläche, wo die Überreste von Dinosauriern begraben sein sollen, nein, es ist weit, weit tiefer.

 

Lars Schall: Natürlich kann ich verstehen, was Sie gerade gesagt haben, aber würden Sie mit mir darin einig sein: es ist nicht wirklich wichtig, ob Peak Oil real ist oder nicht, denn wenn Peak Oil real ist, dann sinkt das Angebot. Wenn es nicht real ist, aber mit politischer Absicht durchgedrückt wird, dann wird die Versorgung ebenfalls abnehmen.

F. William Engdahl: Nein, ich denke, das ist eine irreführende Formulierung der Frage, weil Sie davon ausgehen, dass: „wird durchgedrückt“ die ganze Welt bedeutet. Das ist einer der Gründe, wie ich in meinem neuen Buch hinweise, dass die gleichen Eliten, dass Steven Rockefeller die „Erd-Charta“ zusammen mit Maurice Strong entwarf, der ein Rockefeller-Schützling ist, dass das einer der Gründe ist, warum die Rockefeller-Fraktion in der anglo-amerikanischen Welt zunehmend begann, den Betrug von der globalen Erwärmung als Hinterhand-Option vorzubereiten, einen „Plan B“ für den Fall, dass der Peak Oil-Mythos nicht mehr glaubwürdig wäre, einfach, damit man Kriege an jedem Teil der Erde hat, um so die Pentagon-Kontrolle zu expandieren – Full Spectrum Dominance, wie sie es nennen.  Nehmen Sie zum Beispiel Darfur im Sudan, wo die Chinesen das angezapft haben, was nach einem riesigen Ölreservoir aussieht, das vom südlichen Sudan bis in den Tschad und nach Kamerun geht, es ist ein riesiges Reservoir und einige Leute denken, es könnte potenziell ein neue Saudi-Arabien werden. Ich kann das nicht sicher sagen, aber ich habe Karten gesehen und es ist offensichtlich enorm. Und das ist eindeutig der Grund, warum plötzlich Colin Powell erklärte, dass die sudanesische Regierung an einem Völkermord in Darfur schuldig sei. Zur gleichen Zeit haben die CIA und Waffenhändler des Todes Waffen an die Regierung des Tschad für ihre Söldner geliefert, um über die Grenze nach Darfur zu gehen und unschuldige Zivilisten zu erschießen, um den Völkermord-Anschuldigungen Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Die globale Erwärmung, denke ich, ist die Hinterhand-Option, wenn man die Welt nicht von der Knappheit aufgrund von Peak Oil überzeugen kann, denn plötzlich werden Ölgigantenfelder links und rechts entdeckt. Zum Beispiel vor de Küste Kubas helfen die Russen den Kubanern ein großes dortiges Feld zu entwickeln. Es sieht so aus, als ob das Karibische Becken, das wahrscheinlich das Gelände einer Meteoriten-Kollision vor Hunderten von Millionen Jahren war, eines der größten potenziellen Ölgebiete auf dem Planeten wäre – und das ist einer der Gründe, warum diese Ölpest im Golf von Mexiko völlig außer Kontrolle geriet, das war kein normales auf Öl stoßen. Aber die USA sind entschlossen, das Karibische Becken zu militarisieren und zu kontrollieren.     Ein weiteres Beispiel ist vor der Küste Brasiliens, riesige Ölfunde.

Es tauchen also zu viele dieser Dinge auf, um die Welt davon überzeugt zu halten, dass Peak Oil real ist und dass wir bis zu 300 USD pro Barrel Öl bezahlen, die Lichter ausdrehen und Kerzen anzünden müssen.  Wie ja viele der Peak Oil-Befürworter sagen. Sie sagen: „Kuba ist das Modell, weil sie keine Autoshaben, sie müssen sich auf eine Nicht-Erdöl-Wirtschaft wegen des Embargos verlassen, also müssen wir diese Art von Wirtschaft in den Vereinigten Staaten und Westeuropa übernehmen, um das Ausgehen des Öls zu kompensieren.“ Nun, wenn man darüber nachdenkt, vollbringt die globale Erwärmung das gleiche Ziel für diesen Eliten. Wenn die Welt das Märchen schluckt, dass das Öl aus Transportfahrzeugen oder die CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken die Ursache für den so genannten Treibhauseffekt sind, die so genannten Treibhausgase, und dass dies allmählich zur Erwärmung der Erde gegenüber dem führt, was Al Gore den „Umkipp-Punkt“ nennt, und wenn wir den Umkipp-Punkt erreicht haben, dann wird dies das Ende der Straße für die Welt sein.  Nun, kein Klimamodell berücksichtigt den einen großen Einfluss auf das Weltklima: Sonneneruptionen und Sonnenaktivität, unsere Sonne, wie von den wenigen mutigen unabhängigen Wissenschaftlern hingewiesen wurde, deren Karrieren nicht von BP oder Wall Street-Banken gekauft und bezahlt worden sind.

Wall Street steuert die neu gegründeten Kohlenstoff-Börsen in Chicago und London – die Chicago Climate Exchange und dier London European Climate Exchange. Sie steuern diese über ICE, die InterContinentalExchange in Atlanta, Georgia, die von der Wall Street geschaffen wurde, um den Derivate-Handel in Dingen wie Öl zu kontrollieren.  Der Peak Oil-Mythos funktioniert somt nicht, und deshalb haben wir diese erneute massive Propaganda-Aufmerksamkeit von den Elite-Medien über die globale Erwärmung als „die größte Bedrohung für die Menschheit“ gesehen. Diese Bedrohung sieht jetzt ein bisschen fragwürdig aus, nachdem wir erlebten, wie die schlimmsten Winter seit hundert Jahren über Europa und Nordamerika fegten.  Es hat also die Idee, dass das Pentagon das Öl überall kontrollieren kann, ihren Höhepunkt überschritten, wenn man es so nennen will. Sie können es einfach nicht kontrollieren. Es gibt zu viel Öl, es gibt zu viele zufällige Entdeckungen, und sie sind überfordert. Das ist die „imperiale Überdehnung“, wie sie Paul Kennedy vor Jahren nannte. (xiv)

„Die Wüste atmet Freiheit. Reisende Frauen im Orient

Schleiertanz über den Dächern von Duisburg

 

Lars Schall: Zumindest hat also das amerikanische Imperium – oder das amerikanische Jahrhundert – seinen Höhepunkt erreicht?

F. William Engdahl: Das ist eine Möglichkeit, um es auszudrücken. Das Projekt, das die amerikanische Hegemonie nach dem 2. Weltkrieg schuf, wurde – siehe da! – von den Rockefellers, der Rockefeller Foundation finanziert und durch den New Yorker Council on Foreign Relations durchgeführt, der zu diesem Zeitpunkt völlig von den Rockefellers beherrscht wurde…   Lars Schall: Sie sprechen über die „War and Peace Studies“?  F. William Engdahl: Ja, und in den „War and Peace Studies“ zogen Isaah Bowman, der einer der Leiter des Projekts war, ein amerikanischer Geograph, und die anderen Teilnehmer das Fazit – und das war im Jahre 1939, das Projekt begann schon, bevor Hitlers Panzer in Polen hineinrollten -, dass es zu einem zweiten Weltkrieg kommt, es wird ein Weltkrieg sein, kein europäischer Krieg. Und Amerika wird aus diesem Krieg als die weltweit führende Macht hervorgehen.  Aber, sagten sie, wir werden nicht den Fehler wie die Briten und die Franzosen machen: Wir werden es nicht ein Imperium nennen.

Das amerikanische Volk denkt von sich selbst nicht gerne als Imperialisten wie die Briten. Wir nennen es die Ausweitung der Demokratie und der demokratischen Freiheiten. Wir nennen es die Verbreitung des Systems des freien Unternehmertums in andere Teilen der Welt, und unter diesem Deckmantel werden wir unsere Macht als unangefochtener Supremo auf dem Planeten erbauen. Und das, muss ich sagen, war einer der brillantesten Öffentlichkeitsarbeits-Propaganda-Tricks in der modernen Geschichte, es nicht ein Imperium zu nennen.  Aber de facto ist es das in jedem Sinne des Wortes, die Herrschaft des Pentagon und die Kontrolle ist genauso real wie das britische Empire, sogar noch mehr.

Lars Schall: Können Sie uns am Ende erzählen, was Sie in den nächsten Jahren sich entfalten sehen? Wird zum Beispiel das Petrodollar-System komplett beendet werden? Und was glauben Sie wird an den Edelmetallmärkten passieren?

F. William Engdahl: Was ich sich in den nächsten Jahren entfalten sehe, ist dies: Wir sind – und waren seit, würde ich sagen, etwa den frühen 1970er Jahren – inmitten einer epochalen tektonischen Verschiebung in der globalen politischen Macht, der globalen Machtbalance. Die Zukunft – für die Länder der Europäischen Union als auch für einen Großteil der Welt – liegt in der Zukunft der Völker oder Länder Eurasiens. Im Moment sind die europäischen Eliten klinisch schizophren: die eine Hälfte ihrer Anhänglichkeit klammert sich immer noch verzweifelt an das Atlantik-Bündnis mit den Vereinigten Staaten, die andere Hälfte ihrer Vernunft erkennt rational an, dass die Zukunft im Osten liegt – ob es Russland ist, ob es China ist, ob es die zahlreichen Ländern dazwischen in Zentralasien, im Nahen Osten sowie Teile von Afrika sind.

Europa hat jedes Potenzial, jede Möglichkeit und jede Ressource, um eine wirtschaftliche Renaissance zu schaffen, wie die Welt sie noch nie gesehen hat. Wenn die Europäer ihren Wagen weiter an den NATO-amerikanischen Stern orientieren, dann sind die Aussichten für Europa in der Tat düster.  Was wir mit dem Währungskrieg seit Ende des Jahres 2009 gesehen haben, der Dollar gegen den Euro, wurde just zu dem Zeitpunkt initiiert, als die chinesische Regierung über die Verschiebung großer Währungsreserven aus dem Dollar in andere Währungen sprach – was der Euro bedeutet -, und just zu dem Zeitpunkt, als das Ausmaß der Staatsdefizit- und Staatsverschuldungsdimension derart astronomisch wurde, so weit das Auge nach vorn sehen kann , sowohl unter der Obama- wie auch Bush-Regierung und darüber hinaus, gerade an diesem Punkt, wo der Dollar eine systemische Krise erlebte, siehe da explodierte Griechenland unter den Radarschirmen der Welt-Hedgefonds und Devisenhändler, und diese konzentrierte sich sofort auf die Euro-Frage, und dann stellt sich heraus, dass die Berater der konservativen griechischen Regierung im Zeitraum von 2002, als sie es durch Betrug in die Euro-Zone schafften – etwas, das nie hätte erlaubt werden dürfen, aber wurde – Goldman Sachs war.Goldman Sachs beriet sie bei anspruchsvollen Derivate-Swaps, die es ihnen ermöglichten, ihre Staatsschulden zu verstecken und sich unter den Maastricht-Kriterien zu qualifizieren. Goldman Sachs ist heute noch – während der gesamten griechischen Krise, die Ende 2009 ausgebrochen ist – meinen Informationen nach der Berater der sogenannten sozialdemokratischen Regierung Papandreou. Sie haben also Zugriff auf die sensibelsten Finanzdaten und andere Daten von der griechischen Regierung.

Lars Schall: Sie spielen hier eine Trojanisches Pferd-Rolle?

F. William Engdahl: Es scheint so, dass sie eindeutig eine Trojanische Pferd-Rolle ebenso wie JPMorgan Chase und andere Wall Street-„Gods of Money“-Banken spielen. Der Euro ist im Moment in einer fundamentalen Krise, die geht nicht vorbei. Der Plan ist, diese zu eskalieren – die Soros Fund Management Group und einige der größten Hedgefonds hatten tatsächlich ein Treffen in New York, um dies nach dem, was an die Presse durchsickerte, Anfang 2010 zu besprechen. (iv) Sie können darauf wetten, dass sie einen konzentrierten Angriff auf auf die Eurozonen-Schwachstellen diskutierten – wo ist der nächste Achillesferse? Nun, Irland! Wer ist der Berater der irischen Regierung, da sie töricht diese Blanko-Garantie für die bankrotten irischen Banken gab, die im Wall Street-Casino voll zuschlugen, AIB und so weiter? Nun, es stellt sich heraus, dass N.M. Rothschild aus London der Berater für die 77 Milliarden Euro Schulden ist, die die irische Regierung plötzlich durch die Übernahme der betrügerische Banken in Irland erworben hat.  Die irische Regierung hat, ironischer Weise auf Anraten von Merrill Lynch, die selbst untergingen und herausgekauft werden mussten, die Bankenkrise in eine Staatsschuldenkrise verwandelt.

Sehr, sehr anspruchsvoller, geschickter Schachzug.  Die ehemalige irische Regierung ging unglaublich konform mit den Wünschen der internationalen Bankenwelt. George Soros schrieb im Dezember 2010 sogar einen Gastkommentar in der Financial Times, wo er sagte: „Es ist wichtiger, die Banken zu retten, als Staatsschulden zu retten.“ (ivi) Das gibt Ihnen eine Idee, wo Soros steht. Er ist auch ein Verfechter dieser europaweiten und nicht länderspezifischen Euro-Anleihe-Emissionen, der man mit Händen und Füßen widerstehen sollte.  Aber wie dem auch sei: die Zukunft der Euro-Zone und der Europäischen Union befindet sich, meiner Meinung nach, in den nächsten zehn, zwanzig Jahren an einer Kreuzung, und das hängt davon ab, wie sie sich vis-à-vis der Zukunft ihrer Beziehung zu Eurasien und ihrer Beziehung zur NATO und den Vereinigten Staaten entscheiden.

Die US-Eliten, die die NATO beherrschen, werden nicht ohne einen großen Kampf aufgeben, das ist klar. Aber das ist der Kampf auf der Agenda, wenn wir eine lebenswerte Welt in den nächsten Jahrzehnten haben wollen.  Nun, in Bezug auf das Petrodollar-System: Ich denke, dass es heute recht einfach gebrochen werden kann, durch bilaterale de facto Tauschgeschäfte zwischen China und Saudi-Arabien oder anderen Öl-Ländern wie dem Iran, zwischen Konsumenten und Produzenten, ohne die Vermittlung der Londoner International Commodity Exchange, der ICE Futures oder der NYMEX in New York oder der Börse in Dubai, die von der NYMEX kontrolliert wird – welche wiederum von Morgan Stanley, Goldman Sachs und den großen Geld-Zentrumsbanken in New York und London gesteuert wird. Wenn die Kontrolle gebrochen werden kann – und es ist ein sehr kompliziertes System, dass das anglo-amerikanische Establishment seit dem 2. Weltkrieg aufgebaut hat, um den Ölpreis zu kontrollieren -, es ist sicherlich möglich, es zu brechen. Das ist eine politische Entscheidung. An diesem Punkt wird Öl aufhören, eine Waffe der geopolitischen finanziellen Kriegsführung zu sein, und wird eine normale Ware, deren Preis über Angebot und Nachfrage bestimmt wird, was er jetzt nicht ist.  Die Edelmetall-Märkte: Wir stehen sehr nahe an einem Ausbruch des Preises sowohl bei Gold als auch bei Silber. Er ist noch nicht passiert, aber er wird es. Sie werden wesentlich höher klettern.

Das Problem mit Edelmetallen ist, dass die beiden großen Konkurrenten gegen die Dollar-Hegemonie, wie Sie selbst wissen, China und Russland, lächerlich geringe Reserven von Gold in ihren Zentralbanken haben. Wenn sie zu einem System aus beiden Metallen übergehen, Gold und Silber, könnte das funktionieren. Die Chinesen, glaube ich, und vielleicht auch die Russen, könnten erhebliche Reserven von Silber haben. Chinas Währung basierte einst auf dem Silber-Reserve-System, wie in vielen Ländern der Welt, vor den Opiumkriegen – und die Opium-Kriege wurden von den Briten damals in den 1840er Jahren entworfen, um buchstäblich Silber-Schatzkammer des chinesischen Reiches zu plündern, den Staat in den Bankrott zu treiben und sie in die Handelsabhängigkeit von den Briten zu zwingen.

Lars Schall: Okay, eine letzte Frage bezogen auf Silber. Was sind Ihre Gedanken zur Rolle von JP Morgan im Silber-Markt?

F. William Engdahl: Nun, wenn zum Börsenkrach vom Oktober 1987 zurückgeht, das ist gut dokumentiert und ich weiß es von Freunden, die dort beim Börsenhandel während des 23%igen Falls beim Dow während dieses einen Tages auf dem Parkett waren: an diesem Punkt setzte sich Greenspan als Vorsitzender der Fed mit JP Morgan zusammen und verwendete JP Morgan als eine Leitung für offenes Scheckbuch-Geld von der Fed, um in den Aktien-Futures-Markt über Chicago zu gehen. Und am nächsten Tag des offenen Handels kauften sie auf den Terminmärkten, als gäbe es kein Morgen, für minimale Mengen an Geld im Vergleich zu den Kosten, um die tatsächlichen Aktien zu kaufen. Und dadurch, dass die Futures hoch getrieben wurden, begannen die zugrunde liegenden Aktienkurse an der New York Stock Exchange hoch zu treiben, und dann begann natürlich die Gerüchteküche: JP Morgan kauft, die Big Boys kaufen, das Schlimmste ist vorbei, dies ist eine Überreaktion, Bla-bla-bla-bla-bla.  Nun, es scheint ziemlich klar, dass JP Morgan Chase heute eine ähnliche Rolle im Silber-Markt spielt, vielleicht einige andere Banken beim Gold. Aber wenn Gold und Silber wirklich zum Ausbruch starten, dann ist es ein neues Ballspiel vis-à-vis dem Dollar, und sie wissen das.  Die Macht der Vereinigten Staaten als einzige Supermacht der Welt ruht auf zwei Säulen – behalten Sie das im Kopf, Lars.

Dies wird in der Regel nicht diskutiert, aber es ist wichtig, um zu verstehen, wie das amerikanische Establishment seit dem 2. Weltkrieg funktioniert. Die beiden Säulen sind: Amerika als einzige nicht-herauszufordernde militärische Hegemonialmacht, und die zweite ist der US-Dollar als weltweite Reservewährung. Wenn das weg ist, können Sie den Vereinigten Staaten den Abschiedskuss als eine funktionierende Weltmacht geben. Die Geld-Zentrumsbanken der Wall Street wissen das, ebenso wie die City of London und andere.  Die Deutschen sind meiner Meinung nach noch ein wenig naiv, wie die Macht des Geldes seit dem Zweiten Weltkrieg arbeitet. Deutschland besaß einige sehr anspruchsvolle Ökonomen, zurückgehend auf die Zeit von Friedrich List in den 1820er Jahren. Aber seit dem Ende des Ersten Weltkriegs, würde ich sagen, hat sich die Qualität des strategischen ökonomischen Denkens in Deutschland deutlich verringert, vor allem nach 1945 und den US-geführten deutschen „Umerziehungs“-Bemühungen.  Wie gut die Berliner Regierung versteht, dass dies ein Währungskrieg gegen den Euro ist, weil der Euro heute die einzige Währung weltweit am Block ist, sicher nicht der chinesische Yuan oder der japanische Yen, der die Hegemonie des Dollar als Reservewährung herausfordern könnte, darüber kann ich nur spekulieren. Die Euro-Herausforderung muss aus dem Spiel eliminiert werden. Das nächste Ziel wird Spanien sein. Wenn sie Spanien knacken können, dann werden sie sich nach Italien bewegen – und dann wird es wirklich in ein kolossales Chaos für den Euro als Alternative zum Dollar eskalieren.

Lars Schall: Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Engdahl!

 

Umar al-Baschir – Okzident-Mimikry

 

„Der syrische Knoten“ – so heißt ein Text von Alain Gresh in der neuen Ausgabe der Le Monde Diplomatique. Damit ist jedoch keine spezielle arabische Schlipsbindung gemeint: 

Trotz seiner Zustimmung zum UN-Friedensplan setzt das Assad-Regime immer noch auf Gewalt. Ein weiteres Abdriften in den Bürgerkrieg hätte auch Auswirkungen auf Syriens Nachbarn. Denn in Damaskus laufen sämtliche Konfliktlinien der Region zusammen.

Das Buch ist ein Klassiker: „The Struggle for Syria“ des britischen Journalisten Patrick Seale wurde 1965 veröffentlicht. Es schildert den Kampf um die Macht in Syrien nach dem Zweiten Weltkrieg.1 Dieser Machtkampf stand einerseits im Zeichen des Kalten Kriegs zwischen den USA und der Sowjetunion und wurde andererseits vom „arabischen kalten Krieg“ beeinflusst. In diesem zweiten kalten Krieg standen sich das Ägypten Gamal Abdel-Nassers und Saudi-Arabien gegenüber. Deren Rivalität um die regionale Hegemonie erstreckte sich bis in die jemenitische Berge, wo die ägyptischen Truppen die junge Republik gegen die von Riad finanzierten und bewaffneten royalistischen Stämme unterstützten.

Von den 1950er Jahren bis zum Sechstagekrieg mit Israel im Juni 1967 spielte Syrien für das regionale Gleich- oder vielmehr Ungleichgewicht eine entscheidende Rolle. In dieser Periode, in der in Damaskus ein Staatsstreich auf den anderen folgte, war das Land zugleich eine Hochburg des panarabischen Aufbruchs. Diese von arabischen Nationalisten, linken Kräften und Marxisten dominierte Bewegung strebte nicht nur die politische Unabhängigkeit an, sondern auch wirtschaftlichen Fortschritt und eine gerechte und egalitäre Gesellschaft.

Nachdem Israel 1967 die arabischen Truppen besiegt hatte, versank der Nahe Osten jedoch in einer Stagnation, die vier Jahrzehnte andauern sollte. Keines der Regime, ob Republiken oder Monarchien, wagte auch nur die kleinsten Reformen. Ihre gemeinsamen Merkmale blieben eine autoritäre Herrschaft und die Konzentration des Reichtums in den Händen einer kleinen, mit der Macht verbandelten Elite. Eine diffuse Unzufriedenheit entlud sich zwar in sporadischen Aufständen, doch insgesamt blieben die Regime unangefochten. Konflikte gab es vor allem zwischen den arabischen Regimen, und zwar je nach deren Haltung zu den USA und Israel. Das Primat der Geopolitik ließ keinen Raum für Reformbestrebungen und gesellschaftlichen Wandel.

Was sich veränderte, war lediglich die Zusammensetzung der Allianzen: Während des ersten Golfkriegs (1990/1991) war Syrien unter Hafis al-Assad mit Washington verbündet, während der jordanische König Hussein den Irak unterstützte. Kurz vor den arabischen Revolutionen des Jahres 2011 standen sich die Freunde der USA (vor allem Ägypten und Saudi-Arabien) und die „Achse des Widerstands“ (Iran, Syrien, palästinensische Hamas und libanesische Hisbollah) gegenüber.

Damaskus verdankt seine herausgehobene Stellung in erster Linie seinem Bündnis mit der Islamischen Republik Iran, die schon dreißig Jahre Bestand hat. Und dies trotz unterschiedlicher Auffassung über einen Frieden mit Israel, den Teheran grundsätzlich ablehnt, den Damaskus aber unter gewissen Bedingungen akzeptiert, insbesondere falls Israel die seit Juni 1967 besetzten Golanhöhen aufgeben würde.

 

Abd al-Aziz Bouteflika – Okzident-Mimikry

 

Nach der Ermordung des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri am 14. Februar 2005 und dem überstürzten Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon erlebte das syrische Baath-Regime eine Phase der Isolation, die Präsident Baschar al-Assad erst 2010 beenden konnte. Sein Image als „Pol des Widerstands“ in der Region wurde gestärkt durch die Unbeugsamkeit gegenüber dem Druck der USA unter George W. Bush, der ihn liebend gern gestürzt hätte, wie auch durch seine Unterstützung sowohl der Hisbollah in dem von Israel begonnenen Libanonkrieg vom Sommer 2006 als auch der Hamas während der israelischen Militäroperation („Gegossenes Blei“) im Winter 2008/2009 im Gazastreifen. Diese Politik Assads beschwichtigte sogar die eigentlichen Feinde seines Regimes, die syrischen Muslimbrüder – zumindest vorläufig.

Der Assad-Clan glaubte, dank dieses Prestiges sei Syrien gegen die Bewegung immun, die seit dem Frühjahr 2011 die ganze Region erschütterte. Er unterlag damit demselben Irrtum wie manche Antiimperialisten anderswo, die das Ausmaß des von den arabischen Revolutionen angestoßenen Wandels nicht begreifen oder sogar glauben, der Konflikt um Syrien ließe sich auf seine geopolitische Dimension reduzieren.(2)

Solche Analysen sind so falsch wie ihre Grundannahmen. Tatsächlich untergräbt sich das syrische Regime selbst, und zwar durch dieselben strukturellen Fehler, die alle Länder der Region kennzeichnen: autoritäre Willkürherrschaft; die Plünderung der Ressourcen; eine wirtschaftliche Liberalisierung, die soziale Ungleichheiten weiter verstärkt; die Unfähigkeit, den Erwartungen der jungen Generation zu entsprechen, die zahlreicher und besser ausgebildet sind als ihre Eltern.

Die Weigerung, diese Hoffnungen zur Kenntnis zu nehmen, und die unfassbare Brutalität der Unterdrückung haben die Gewalt eskaliert – und zugleich die Militarisierung eines Teils der Aufständischen begünstigt, die sich zunächst, wie die Demonstranten in Ägypten, in ihrer überwältigenden Mehrheit zur Gewaltfreiheit (silmiyya) bekannt hatten. Damit nimmt die Gefahr zu, dass die Konfrontation zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen wird, zumal das Regime bedenkenlos auf diese Karte setzt, um die Alawiten(3) und die Christen zu verschrecken.

Aber auch die syrische Opposition zeigt sich unfähig, glaubhafte und verlässliche Garantien für die Zukunft abzugeben. Manche ihrer früheren Anhänger haben sich bereits abgewandt. Das gilt etwa für die Kurden, die zu den ersten Demonstranten zählten (vor allem um ihren offiziellen Status als Staatsbürger durchzusetzen, der ihnen vorenthalten wurde). Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen, weil das in der Türkei ansässige Oppositionsbündnis Syrischer Nationalrat (Syrian National Council, SNC) sich weigert, ihre Rechte anzuerkennen.4 Das Assad-Regime wiederum unterstützt neuerdings wieder die kurdische Arbeiterpartei (PKK), die bei den syrischen Kurden nach wie vor populär ist. Damaskus hatte die PKK schon in den 1990er Jahren als Hebel im damaligen Konflikt mit der Türkei genutzt.

Der SNC ist seit Kurzem gespalten. Ehemalige politische Gefangene des Assad-Regimes wie Haitham al-Maleh und Kamal al-Labwani kritisieren die engen SNC-Verbindungen zum Ausland. Und Ammar al-Kurabi, ehemals Präsident der syrischen Organisation für Menschenrechte und heute Vorsitzender der Bewegung für Nationalen Wandel, wirft dem SNC vor, die alawitischen und turkmenischen Mitstreiter auszugrenzen.(5) Die Christen wiederum – die erlebt haben, wie zehntausende ihrer irakischen Glaubensbrüder und -schwestern nach Syrien flüchten mussten – sehen mit wachsender Sorge, wie die Dschihadisten Oberwasser bekommen und die ersten christen- und alawitenfeindlichen Parolen auftauchen.

Der SNC ist nach mehreren Abspaltungen ziemlich zerrissen, wird von den lokalen Komitees in Syrien abgelehnt(6) und von etlichen Oppositionellen ohnehin infrage gestellt. Das gilt vor allem für das Nationale Koordinationskomitee für Demokratischen Wandel (NCC)(7), das eine militärische Intervention des Auslands ablehnt und den Dialog mit dem Regime nicht grundsätzlich verwirft. Der SNC wird von der syrischen Muslimbruderschaft dominiert, die als Fassade noch einige Liberale rekrutiert hat. Auch seine Abhängigkeit von westlichen Ländern und den Golfmonarchien wird von Kritikern übel vermerkt.

Asif Ali Zardari – Okzident-Mimikry

 

Die Situation ist also völlig blockiert: Die Opposition ist unfähig, den Sturz des Regimes herbeizuführen, das Regime dagegen außerstande, einen Aufstand niederzuschlagen, dessen Entschlossenheit so überraschend ist wie die Opferbereitschaft ihrer Aktivisten. Eine Rückkehr zum Status quo ante ist unmöglich: Das Regime kann die Kontrolle über die Köpfe so wenig zurückgewinnen wie die Macht über eine Gesellschaft, die sich immer stärker politisiert hat. Und die eingeleiteten Reformen (eine neue Verfassung und mehrere Amnestien et cetera) bleiben völlig wirkungslos, solange die Geheimdienste und die Armee nach Belieben morden, bombardieren und foltern können.

Gleichzeitig besteht die sehr reale Gefahr eines Bürgerkriegs, der noch dazu auf den Libanon und den Irak übergreifen könnte. Eine militärische Intervention des Auslands würde dabei die Gräben zwischen den Religionen nur noch vertiefen, und dafür sorgen, dass die konfessionellen Konflikte mit Waffen ausgetragen würden. Für die Hoffnungen auf Demokratie in der Region wäre das ein herber Rückschlag.

Allerdings ist das militärische Eingreifen nicht die einzige Option. Der wirtschaftliche Druck auf Syrien (der noch verstärkt werden könnte, vorausgesetzt, er richtet sich gegen die Machthaber und nicht gegen die Bevölkerung) hat den Mittelstand, der im Prinzip auf der Seite des Regimes steht, ins Zweifeln gebracht. Und die erste Beobachtermission der Arabischen Liga hat trotz aller Schwierigkeiten immerhin einen Rückgang der Gewalt bewirkt.(8)

Letztendlich müssen bei dem Versuch, eine Übergangslösung auszuhandeln, Russland und China ins Boot geholt werden. Dagegen wenden manche ein, mit einem Regime, das die eigene Bevölkerung ermordet, könne man nicht verhandeln. Doch in Lateinamerika erfolgte der Übergang zur Demokratie in einigen Fällen mittels einer Vereinbarung über die Amnestierung militärischer Diktatoren.

Dieser schmale und schwierige Pfad ist natürlich nicht der Königsweg, den sich die meisten Außenstehenden wünschen, die den syrischen Konflikt auf eine titanische Konfrontation zwischen Diktatur und Demokratie reduzieren. Aber glaubt irgendjemand, Saudi-Arabien könnte in Damaskus eine demokratische Regierung befürworten? Die Saudis, die keinerlei gewählte Volksvertretung anerkennen, deren Innenminister die schiitischen Demonstrationen im Osten des Landes zu einer „neuen Form von Terrorismus“( )erklärte(9) und die Anfang März in Abha, der Hauptstadt der Region Assir, die Studentenproteste gegen das dürftige Lehrniveau brutal niederknüppeln ließen?

Das saudische Königshaus ist besorgt über die geschwächte Position der USA in der Region und voller Misstrauen gegenüber der im Irak etablierten „schiitischen Macht“. Deshalb stellte sich Riad an die Spitze der Konterrevolution in der Region und half, die Rebellion in Bahrain niederzuschlagen, ohne sie wirklich beenden zu können. Deshalb versorgen die Saudis die Aufständischen in Syrien mit Waffen und mobilisieren die sunnitische Mehrheit im eigenen Land, indem sie das schiitische Schreckgespenst und die Feindschaft mit den „Persern“ beschwören.

Wenn Riad jetzt wieder an die „Solidarität der Sunniten“ appelliert, dürfte dies bedeuten, dass die Saudis mit einer Regierungsbeteiligung der Muslimbrüder in Tunis, Kairo, Rabat und vielleicht sogar in Libyen rechnen (obwohl ihr Verhältnis zu der Bruderschaft in den letzten zehn Jahren miserabel war). Allerdings bleibt die Lage undurchsichtig, denn in der Bruderschaft ist man sich in dieser Frage uneinig. Das zeigt die ablehnende Haltung der tunesischen Regierung gegenüber jeglicher Fremdeinmischung in Syrien, aber auch der Streit innerhalb der Hamas, die ihr Hauptquartier in Damaskus aufgegeben hat.

Nach Aussage von Salah al-Bardawil, der dem Hamas-Politbüro angehört, wird seine Organisation selbst im Fall eines Krieges zwischen Iran und Israel nicht intervenieren. Dem hat jedoch Mahmud az-Zahar, einer der Gründerväter und Hardliner der Hamas, umgehend widersprochen.(10) Die Idee einer großen sunnitischen Allianz gegen Teheran und Damaskus kollidiert also erneut mit dem ungelösten Palästinaproblem. Wobei sich allerdings die Frage stellt, wer noch Widerstand gegen die israelische Strategie leisten wird, wenn der Iran und Syrien ausfallen?

Washington wiederum will mit Syrien einen der Pfeiler der „Achse des Bösen“ ins Wanken bringen, um so auch den Iran zu treffen, den der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu gern bombardieren würde. Doch die USA scheinen kaum gewillt, sich auf ein weiteres militärisches Abenteuer einzulassen; auch wenn der Sturz von Präsident Assad ihre Position in der Region stärken würde. Der Grund ist in den beiden vorangegangenen Kriegen zu suchen: Der Abzug aus dem Irak war wenig glorreich, und in Afghanistan – wo der Abzug für Ende 2014 geplant ist – bleibt die Lage prekär. Dort sind die USA nicht nur bei den Taliban verhasst, sondern auch bei der breiten Bevölkerung, die wegen der „amerikanische Übergriffe“ zunehmend verbittert ist. Es ist also fraglich, ob sich Washington an einer internationalen Militärintervention in Syrien beteiligen würde. Und ob man die Destabilisierung eines Landes riskieren will, in dem sich heute schon militante Dschihadisten und Al-Qaida-Kämpfer tummeln.

Was die Haltung Israels betrifft, so hat sie Efraim Halevy, ehemals Chef des Geheimdienstes Mossad und nationaler Sicherheitsberater, wohl am am besten beschrieben: Der Sturz des Regimes in Damaskus würde Teheran entscheidend schwächen und sei deshalb eine weniger riskante Option als eine Militäraktion gegen den Iran.11 Doch solche öffentlichen Äußerungen aus Israel können der syrischen Opposition eigentlich nur schaden, das weiß man in Tel Aviv sehr genau. Zudem gibt es in Israel andere Stimmen, die vor einem Bürgerkrieg in Syrien warnen, weil es dann mit der Ruhe an der gemeinsamen Grenze vorbei sein könnte.

Russland und China schließlich fürchten den Machtzuwachs der Islamisten und Alleingänge der USA und der EU. Nach ihrem ersten Veto gegen eine UN-Sicherheitsratsresolution zu Syrien stimmten beide Staaten am 21. März einer gemeinsamen Erklärung für einen ausgehandelten demokratischen Übergang in Syrien zu.

All diese Manöver finden in einer Region statt, die durch die Kriege der USA (Afghanistan, Irak) und Israels (Libanon, Palästina) bereits stark destabilisiert wurde. Viele Staaten sind geschwächt; in anderen (Libanon, Irak, Afghanistan, Palästina und nun auch Syrien) wächst die Macht bewaffneter Milizen, die oft über ein beachtliches Waffenarsenal inklusive Raketen verfügen. Hinzu kommen konfessionelle Spannungen, die vor allem für die Minderheiten bedrohlich sind.

So sieht das Umfeld aus, in dem die „arabische Revolte“ ausgebrochen ist. Die Aufständischen fordern Freiheit, Würde (karama), Demokratie und soziale Gerechtigkeit. In Tunesien und Ägypten, in Libyen und im Jemen haben sie zwar die Autokraten gestürzt, in der westlichen Öffentlichkeit aber macht sich bereits Enttäuschung breit. Doch Peter Harling, Leiter der International Crisis Group (ICG) in Ägypten, Syrien und im Libanon, findet es „überhaupt nicht verwunderlich, dass der grandiose Moment der Blitzrevolutionen in Tunesien und Ägypten einer großen Konfusion gewichen ist. Fast überall in der arabischen Welt erleben wir, wie der Gesellschaftsvertrag auf mehr oder minder ehrgeizige und gewalttätige Weise gänzlich neu ausgehandelt wird. Die Situation in jedem einzelnen Land ist an sich schon komplex genug; hinzu kommen noch die starken Abhängigkeiten der Länder untereinander – wobei das „tunesische Modell“ bis in die tiefste syrische Provinz diskutiert wird.(12)

Steuert die Region also auf einen „islamistischen Winter“ zu, in dem konfessionelle Konflikte drohen oder die Niederschlagung der revolutionären Bewegungen durch die Armee, in Syrien wie in Ägypten? Keine dieser Hypothesen ist völlig auszuschließen. Aber jede einzelne unterschätzt die Kraft der Proteste, die Entschlossenheit, mit der die Menschen auf demokratischen Wahlen bestehen, die außerordentliche Widerstandskraft der Bevölkerung – von Bahrain bis Syrien. Die Völker der Region sind bereit, die seit 1967 suspendierten sozialen und demokratischen Kämpfe wieder aufzunehmen, ohne dabei ihre Unterstützung für die Sache der Palästinenser aufzugeben.

In diesem komplizierten Umfeld besteht die Gefahr, dass neuerliche Interventionen von außen die inneren Bruchlinien weiter vertiefen, wie es im Irak und in Libyen der Fall war. Am Ende könnte der Kampf um die Demokratie in einen Kampf zwischen den Konfessionen umschlagen – insbesondere zwischen Sunniten und Schiiten.

Abdullah II. bin al-Hussein – Okzident-Mimikry

 

Fußnoten:

(1) Patrick Seale, „The Struggle for Syria: A Study in Post-War Arab Politics, 1945-1958″, London/New York (Oxford University Press) 1965, Neuausgabe: Yale University Press, 1987.
(2) Zu den Auseinandersetzungen innerhalb der libanesischen Linken siehe Nicolas Dot-Pouillard, “ ,Résistance‘ et/ou ,révolution‘: un dilemme libanais face à la crise syrienne“, Les Carnets de l’Ifpo, 11. Januar 2012: ifpo.hypotheses.org.
(3) Schiitischstämmige Minderheit, der die Familie al-Assad und viele weitere Angehörige des syrischen Regimes angehören.
(4) Dogu Ergil, „Syrian Kurds“, Today’s Zaman, Istanbul, 21. Februar 2012.
(5) Ipek Yezdani, „Syrian Dissidents Establish New Bloc“, Turkish Daily News, Istanbul, 21. Februar 2012.
(6) Das Netzwerk der lokalen Koordinationskommittees entstand zu Beginn des Aufstands im März 2011 und entwickelte sich in der Folge zu einem wichtigen Bestandteil der syrischen Opposition.
(7) Der NCC ist ein Oppositionsbündnis aus meist linksgerichteten politischen Parteien in Syrien.
(8) Dabei waren es die Saudis, die den Rückzug der Beobachter erzwangen und ihren Bericht blockierten, weil er nicht der vereinfachenden medialen Darstellung der syrischen Realitäten entsprach.
(9) Siehe „State has full right to check rioting, Interior Ministry says“, Arab News, 11. März 2012: arabnews.com.
(10) Siehe The Guardian, London, 6. März 2012, und The Jerusalem Post, 8. Januar 2012.
(11) Siehe „Iran’s Achilles‘ Heel“, International Herald Tribune, 7. Februar 2012.
(12) „Le monde arabe est-il vraiment ,en hiver‘?“, Le Monde online, 1. Februar 2012.
Aus dem Französischen von Barbara Schaden
Veranstaltungshinweis:

Die Junge Welt meldet, dass am Dienstag, den 17.April, das Internationale Frauenfilmfestival, Arabische Revolten im Fokus, beginnt. Die Frauen sind das Subjekt der Arabischen Revolten bzw. Aufstände – und sie werden aller Voraussicht nach am ehesten von den alten und jungen Säcken männiglich-islamistisch niedergemehrheitet werden. Aber noch ist es nicht so weit. Die JW-Autorin Gitta Düperthal schreibt:

Wie in den vergangenen Jahren wird das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) auch in diesem nah am Puls der Zeit sein: Alle Welt redet über den arabischen Frühling und darüber, wie die Revolten von Anfang 2011 die globale Situation beeinflußt haben. Frauen waren bekanntermaßen in Tunesien, Ägypten und anderen Staaten ganz vorn dabei. Fast folgerichtig liegt der Fokus des Festivals vom 17. bis 22. April in Köln diesmal auf der arabischen Welt. Vom Aufstand Kamera-»Schnellschüsse« zu zeigen, passe allerdings nicht zum ambitionierten Konzept des Festivals, betont die Filmwissenschaftlerin Betty Schiel vom Team des IFFF. Dementsprechend werde es weder Bilder von wütenden Demonstranten gegen Ben Ali auf der Avenue Bourguiba in Tunis geben, noch von Panzern auf dem Tahir-Platz in Kairo geben. Obendrein könne man nicht wissen, wie zuverlässig solche Berichte seien: »Möglicherweise sind Leute, die zuvor Werbefilme für den früheren ägyptischen Präsidenten Mubarak produziert haben, plötzlich mit Filmen der Gegenseite dabei – oder irgendeine Praktikantin, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, hat mal schnell die Kamera aufs Geschehen gehalten«. Für künstlerische Qualität bürgten solche Momentaufnahmen nicht.

Im Programm finden sich neun Filme, die die Situation vor dem Aufstand beschreiben. Zum Beispiel Amal Ramsis Dokumentation »Forbidden« (Verboten) über das Ägypten von 2010: »Als ich mit dem Drehen begann, lebten wir noch in einer Diktatur, die fast alle politischen Aktivitäten verbot. Die Polizei und Staatssicherheit kontrollierten das ganze Land: Das Wort Forbidden war allgegenwärtig«, so die Filmemacherin über ihr Werk. Jetzt funktioniere der Film als historisches Gedächtnis der letzten Tage vor der Revolution. Er zeige, daß es schon damals starke oppositionelle Bewegungen gab.

Eine marokkanische Hure fordert Anerkennung als Veteranin der französischen Armee: »I loved so much« von Dalila Ennadre
Foto: IFFF Dortmund/Köln

»In Funk und Presse gepflegte Klischees von Frauen mit Kopftuch oder Burka werden beim Festival außen vor bleiben«, verspricht Betty Schiel. Wir zeigen interessante Figuren: Im Dokfilm »I loved so much…«. (Ich habe so viel geliebt…, 2008) der Marokkanerin Dalila Ennadre komme etwa eine alte Berberin zu Wort, die als Prostituierte bei der französischen Armee war und jetzt einen Orden als Kriegsveteranin fordert: Schließlich habe sie auch gedient! Ennadre sei dieser Hure mit Respekt begegnet und habe ihr eine Stimme gegeben. Der Spielfilm »Marock« (2005) der ebenso aus Marokko stammenden Leila Marrakchi erzählt hingegen die Geschichte einer Clique junger Leute aus gutem Hause im Casablanca Ende der 90er Jahre. Darin geht es weniger um die Einhaltung religiöser Rituale als um schnelle Autos, Partys und Liebeleien. Die 17jährige Muslima Rita etwa interessiert sich hauptsächlich für ihren jüdischen Geliebten. In Marokko war der Streifen ein Kassenschlager.

Die Dokumentation »Schildkrötenwut« handelt vom israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Filmemacherin Pary El-Qalqili setzt sich stellvertretend für junge Künstler arabischer Herkunft mit der revolutionären Vergangenheit ihrer Eltern auseinander. Dabei geht es um die innere Zerrissenheit ihres Vaters, dessen Leben von Flucht und Exil geprägt war. Er paßt nirgendwo mehr hin: Nicht nach Deutschland, wo er verarmt in einem dunklen Keller sein Leben fristen mußte, nicht nach Palästina, wo die PLO sich nicht um den einstigen Kämpfer kümmert.

Das IFFF ist traditionell auch ein Ort politischer Debatten. Mehrere Regisseurinnen aus arabischern Ländern werden mit dem Publikum darüber diskutieren, wie es um die Freiheit der Filmkunst einst und heute bestellt ist. Auch im Internationalen Debüt-Spielfilmwettbewerb des Festivals laufen Werke, die zu politischer Auseinandersetzung reizen. »Spanien« etwa thematisiere offensiv die Menschenrechte von Flüchtlingen, sagt IFFF-Sprecherin Stefanie Görtz. Anja Salomonowitz´ Film handelt von einem Flüchtling, der unbedingt nach Spanien fliehen will, infolge eines Unfalls aber in Österreich strandet. »Return«, ein Werk der US-amerikanischen Regisseurin Liza Johnson schildert die Sorgen einer aus dem Krieg zurückgekehrten US-Soldatin, die sich danach in das banale Mittelklasseleben nicht mehr einfügen kann. »Salt white« unter der Regie von Keti Machavariani schildert, wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im postsozialistischen Georgien von der Zukunft geträumt wird: Am liebsten viel Geld machen, letztlich folgt aber nur wieder ein einsam verbrachter Winter. In »Sur la planche« der Marokkanerin Leila Kilani wird das Bild, das Westeuropäer von arabischen Frauen haben, nochmals heftig durcheinandergewirbelt. Arbeiterinnen einer Krabbenfabrik in der Hafenstadt Tanger haben die Nase voll vom ärmlichen Leben, gründen eine Mädchenbande und bessern ihre kargen Einkünfte durch nächtliche Diebeszüge auf.

 

 

Zugabe:

Neben der oben im Zusammenhang mit dem „Kairo-Virus“ thematisierten menschlich-allzumenschlichen Mimikry gibt es auch noch eine molekulare Mimikry:

„Die Molekulare Mimikry bezeichnet das Verbergen bakterieller, viraler oder parasitärer Oberflächenmoleküle vor der Immunabwehr des Wirts. Diese Moleküle werden deshalb nicht vom Immunsystem anerkannt, weil ähnliche oder gleiche Substanzen auch im Wirt vorkommen. Da der Wirtsorganismus gegen die eigenen Moleküle im Normalfall keine Antikörper bildet, werden diese Bestandteile des Pathogens nicht als Antigen erkannt,“ heißt es im entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Und so funktioniert die Molekulare Mimikry – laut edoc.hu-berlin.de:

Kommentare (6)

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  1. In der Jungen Welt faßt Jörg Kronauer den Stand der Kämpfe des Westens gegen Russland um das zentralasiatische Öl und Gas zusammen:

    Schrumpfprojekt

    Hintergrund. Die EU will Rußlands Einfluß bei der Lieferung von Erdgas und Erdöl ­schwächen und sich einen Zugang zu den Ressourcen der kaspischen Staaten sichern. Das Großprojekt Nabucco-Pipeline wird indes höchstens in einer abgespeckten Variante ­realisiert

    Die Nabucco-Pipeline hat eine letzte Chance erhalten. Jahrelang in der EU in den höchsten Tönen gerühmt, dann mehrfach totgesagt, wird sie möglicherweise doch noch gebaut – wenngleich viel später als geplant und in deutlich abgespeckter Form. Ende Juni teilte das Konsortium, das das riesige Erdgasfeld Shah Deniz in Aserbaidschan ausbeutet, mit, es wolle sich im nächsten Jahr definitiv entscheiden, wer sein Gas von der türkisch-bulgarischen Grenze aus in der EU verteilen dürfe. Zwei Pipeline-Optionen seien in der Vorauswahl übriggeblieben; eine davon sei »Nabucco« bzw. die erheblich zurückgestutzte Version »Nabucco West«. Mit der Ankündigung klärt sich der hochkomplexe Machtpoker um die Erdgasröhren, die in den nächsten Jahren durch Südosteuropa gebaut werden sollen, etwas auf. Fällt das Shah-Deniz-Konsortium wirklich 2013 seinen Beschluß – lange läßt er sich nicht mehr aufschieben –, dann werden nach langen Kämpfen zentrale Weichen für die langfristige Erdgasversorgung der EU gestellt. Die Auseinandersetzungen darum gehen auf geostrategische Entscheidungen der westlichen Staaten zurück, die bereits in der ersten Hälfte der 1990er Jahre gefällt wurden – und die weltpolitische Konsequenzen in sich tragen.

    Russische Röhren

    In der ersten Hälfte der 1990er Jahre suchten die Regierungen Westeuropas und Nordamerikas den Zerfall der Sowjetunion und die akute Schwäche Rußlands zu nutzen, um die einst sowjetischen Staaten Zentralasiens und des Kaukasus möglichst nachhaltig aus der Einflußsphäre Moskaus zu lösen – und sie dafür in ihre eigene zu integrieren. Damit stießen sie durchaus auf Wohlwollen in den betreffenden Staaten, die zwecks Stärkung ihrer frisch errungenen formellen Eigenständigkeit ihre engen Bindungen an Rußland lockern und ihre auswärtigen Beziehungen um intensive Kontakte in den Westen erweitern wollten. Einer der ersten Gegenstände, die man zu diesem Zweck nutzte, war genau das, woran Europa und die USA ohnehin erhebliches Interesse hatten – die reichen Erdöl- und Erdgasvorräte des Kaspischen Beckens. Die rohstoffbesitzenden Staaten am Kaspischen Meer öffneten ihre Öl- und Gasfelder dem Zugriff Europas und der USA. Mit dem neuen Ressourcenboom für den Westen stellte sich zugleich eine zweite Frage – die Frage, wie die Rohstoffe aus Zentralasien und dem Kaukasus abtransportiert werden sollten. Das ehedem sowjetische Pipelinesystem stand weitestgehend unter russischer Kontrolle; blieben die kaspischen Staaten darauf angewiesen, dann, das war klar, konnte man sie, ihr Öl und ihr Gas nicht vollständig dem Zugriff Moskaus entziehen. Aus westlicher Sicht waren daher Alternativen gefragt.

    Recht bald schon nahmen die EU, die USA und die kaspischen Ressourcenstaaten den Ausbau eines »südlichen Korridors« in den Blick, über den der Abtransport der Rohstoffe jenseits des – nördlich gelegenen – russischen Territoriums erfolgen sollte. Im Gespräch war damals auch der Bau von Pipelines über Afghanistan und Pakistan zum Indischen Ozean; die Wahl fiel jedoch auf die als zuverlässiger eingeschätzte und für Europa weitaus günstigere Route von der Westküste des Kaspischen Meers durch den südlichen Kaukasus auf das Territorium des NATO-Partners Türkei. Erstes konkretes Ergebnis war die Einigung auf den Bau der Pipeline Baku–Tbilisi–Ceyhan (BTC) im Jahr 1994, die seit dem Jahr 2006 nun Öl aus dem Azeri-Chirag-Güneschli-Feld vor der Küste Aserbaidschans ins türkische Ceyhan transportiert; der dortige Tiefseehafen ist für Tanker aller Art geeignet. Das Azeri-Chirag-Güneschli-Feld, eines der zehn größten weltweit, wird von einem Konsortium unter Führung von BP ausgebeutet, und der britische Konzern führt auch das BTC-Pipeline-Konsortium an. Allerdings ist damit aus westlicher Sicht noch längst nicht alles erreicht: Das Erdöl aus den riesigen Feldern Kasachstans kann von der BTC-Pipeline nur in geringem Umfang transportiert werden und fließt deshalb weiterhin vor allem durch russische Röhren. Zudem bietet BTC keine Lösung für das kaspische Gas.

    Eine erste Lösung für den Abtransport der kaspischen Erdgasvorräte bietet mittlerweile die South Caucasus Pipeline (SCP). Sie verläuft parallel zur BTC-Röhre und ist im Jahr 2006 in Betrieb genommen worden. Durch sie wird Gas aus dem riesigen Shah-Deniz-Feld in Aserbaidschan, das ein Konsortium unter der Führung von BP und der norwegischen Statoil ausbeutet, in die Türkei transportiert. Doch genügt das aus westlicher Sicht immer noch nicht. Der Energiekorridor aus dem Kaspischen Becken durch den Südkaukasus in die Türkei werde »seine volle Dimension« erst dann erreicht haben, wenn eine weitere Pipeline für den Erdgastransport zur Verfügung stehe, urteilte im Jahr 2010 die vom Kanzleramt finanzierte Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Deshalb war schon 2002 das Nabucco-Projekt in Angriff genommen worden. Damals hatten Vertreter der Erdölkonzerne OMV (Österreich) und Botas (Türkei) eine Kooperationsvereinbarung initiiert – mit dem Ziel, eine Erdgaspipeline aus der Türkei via Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich zu bauen. Befüllt werden sollte diese vor allem mit Erdgas aus dem Kaspischen Becken, dessen Verteilung in die westliche EU dann von Österreich aus vorgesehen war. Die genannte Kooperationsvereinbarung wurde im Oktober 2002 von OMV, Botas, MOL (Ungarn), Transgaz (Rumänien) und Bulgargaz (Bulgarien) unterzeichnet – also von Konzernen aus sämtlichen Staaten, über deren Territorium die Gaspipeline verlaufen sollte. Nach getanem Werk, so erzählen es Funktionäre des Konsortiums, begab man sich gemeinsam zur Entspannung in die Wiener Staatsoper und wohnte einer Aufführung von Giuseppe Verdis Oper Nabucco bei. Das Werk beschreibt das Sehnen des jüdischen Volkes nach seiner Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft.

    Babylonische Gefangenschaft – nun, die Anspielung auf die Abhängigkeit der EU von russischen Erdgaslieferungen und auf das Bemühen, Rußlands Rohstoffeinfluß zu schmälern, liegt auf der Hand. Rußland ist größter Erdgaslieferant nicht nur Deutschlands, sondern auch der Europäischen Union – mit je rund einem Drittel des gesamten Imports. Als Land mit den größten Erdgasreserven weltweit, das außerdem Einfluß auf die Transportinfrastruktur der öl- und gasreichen Staaten des Kaspischen Beckens besitzt, wird es auch in Zukunft großen Einfluß haben – zumal die EU, wie im Herbst 2011 Stefan Meister, ein Rußlandexperte von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), schrieb, »in den nächsten Jahrzehnten mit großer Wahrscheinlichkeit vermehrt Erdgas importieren« muß. Schließlich steht die Erdgasförderung in der EU selbst vor einem starken Rückgang, während es aufgrund des Atomausstiegs wohl zu einem zusätzlichen Anstieg des Bedarfs kommt. Passend dazu stuften Europaparlament und Europäischer Rat im Herbst 2006 den Erdgaskorridor aus dem Kaspischen Becken durch den Südkaukasus in die Türkei als »Vorhaben von europäischem Interesse« ein. Im Jahr 2009 unterzeichneten dann Vertreter der mit Nabucco befaßten Staaten eigens eine Regierungsvereinbarung, um das Pipelineprojekt zu unterstützen.

    Entsprechend wurde bei Nabucco nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Pipeline, die allein in der Türkei auf 2581 Kilometer veranschlagt war und bis zum Ziel in Baumgarten (Niederösterreich) eine Länge von fast 3900 Kilometern erreichen sollte, werde im Vollbetrieb bis zu 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich transportieren können, berichtete der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages im Sommer 2006. Damals lag der Gesamtverbrauch der EU bei 550 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Daß man solche Größenordnungen anstreben muß, wenn man die Stellung Rußlands als Erdgasmacht schwächen will, zeigt ein simpler Vergleich: Nord Stream, die sogenannte Ostsee-Pipeline, wird nach Fertigstellung beider Stränge jährlich 55 Milliarden Kubikmeter transportieren können; inzwischen ist sogar ein weiterer Ausbau im Gespräch.
    Neue Option China
    Dennoch: Nabucco hatte schon zu Beginn erhebliche Schwierigkeiten, ausreichend Lieferzusagen einzutreiben. Aserbaidschan, das ja mit dem Shah-Deniz-Feld die Kernquelle für Nabucco stellte, sah sich nicht in der Lage, allein die von Brüssel geforderte Erdgasmenge bereitzustellen. Die Möglichkeiten für das Nabucco-Konsor­tium, weitere Erdgaslieferanten zu finden, sind durch die geographische Lage der Vorkommen begrenzt. Große Mengen an Erdgas besitzen Kasachstan und vor allem Turkmenistan. Beide liegen jedoch – von Europa aus gesehen – jenseits des Kaspischen Meers; Landpipelines von dort nach Aserbaidschan und weiter via Nabucco in den Westen hätten über russisches oder iranisches Territorium zu verlaufen. Ersteres widerspräche dem Zweck des gesamten Projekts; letzteres wäre – die Iran-Sanktionen zeigen es – politisch schlicht inopportun. Es bliebe die Möglichkeit, eine Pipeline durch das Kaspische Meer zu verlegen, doch hätten Rußland und Iran als unmittelbare Anrainerstaaten einige Möglichkeiten, das Vorhaben juristisch und politisch zu torpedieren. Die Verflüssigung des Gases für den Transport per Schiff würde ganz erhebliche Kosten für die notwendige Infrastruktur erfordern. Trotz höchst intensiver Bemühungen hat das Nabucco-Konsortium in dieser Richtung bis heute keinen Erfolg erzielt.

    Der Essener Energiekonzern RWE, der seit Februar 2008 dem Konsortium angehört, konnte sich 2009 eine Explorationslizenz direkt vor der turkmenischen Küste sichern; doch auch dies hat in Sachen Nabucco nichts voranbringen können. Schlimmer noch: Kasachstan hat sich verpflichtet, jährlich gut zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas in die Zentralasien-Pipeline nach China einzuspeisen, die im Dezember 2009 in Betrieb gegangen ist. Im selben Monat begann auch Turkmenistan Erdgas in eine weitere Röhre in die Volksrepublik zu pumpen; die Regierung des Landes hat Peking gar Lieferungen in Höhe von 30 Milliarden Kubikmeter jährlich zugesagt – über einen Zeitraum von 30 Jahren. Mit dem Aufstieg Chinas öffnen sich eben neue Optionen für die Länder östlich des Kaspischen Meers, die den Einfluß des Westens langsam, aber sicher zu relativieren beginnen.

    Wenn’s nur das wäre. Im Falle von Nabucco kommen EU und USA sich auch noch selbst ganz kräftig in die Quere. Immer wieder war im Gespräch, die Nabucco-Pipeline in der Türkei mit einem Anschluß in Richtung Mittleren Osten zu versehen. Anfang Februar 2003 veröffentlichte die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus Hannover einen knappen Überblick über »Erdöl und Erdgas im Irak« – die deutsche Wirtschaft, der die BGR ihre Dienstleistungen zur Verfügung stellt, hatte damals aus einleuchtenden Gründen großes Interesse zu erfahren, was bei dem kurz bevorstehenden westlichen Überfall alles auf dem Spiel stand. Der Irak belege auf der Weltrangliste der Erdgasbesitzer immerhin Rang neun, berichtete die BGR – und wies darauf hin, daß etwa aus Feldern bei Kirkuk längst Gas gefördert werde. Ein Pipelinestrang aus Kirkuk in die Türkei mit Anschluß an Nabucco wäre durchaus denkbar – wenn da nicht die durch den Überfall verursachte desolate Lage im Irak noch heute große Schwierigkeiten verursachte. Denkbar wäre es auch, Erdgas aus dem Iran zu beziehen und es in die Nabucco-Pipeline einzuspeisen. »Die Erschließung der iranischen Gasvorkommen« sei »trotz der politischen Risiken für die Wirtschaftlichkeit des Nabucco-Projektes von großer Bedeutung«, urteilte im Sommer 2006 der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags. Tatsächlich ist auch dieser Plan an der Konfrontationspolitik gescheitert, die besonders die USA und transatlantische Fraktionen in Deutschland und der EU vorangetrieben haben – bis hin zu den aktuellen Erdöl-Sanktionen. Eine Zeitlang waren sogar Erdgaszulieferungen für Nabucco aus Ägypten im Gespräch. Falls jemand immer noch damit liebäugeln sollte – Pipelines aus Ägypten in die Türkei müßten den Irak oder Syrien durchqueren.

    Zu guter Letzt hat Nabucco es auch mit Rußland zu tun, das seine Schwächung nicht kampflos hinnimmt. Rußland hat 2007 angekündigt, eine Pipeline mit dem Namen South Stream zu bauen – erkennbar eine Entsprechung zur inzwischen in Betrieb befindlichen Nord-Stream-Röhre (»Ostsee-Pipeline«). Während Nord Stream ein russisch-deutsches Vorhaben ist, war South Stream ursprünglich ein russisch-italienisches Projekt. Die Röhre soll von Südrußland aus durch das Schwarze Meer verlaufen und dann in Bulgarien die EU erreichen. Von dort soll das Gas innerhalb der EU weiterverteilt werden. South Stream werde sich aus dem russischen Erdgasnetz speisen, teilt das Konsortium mit – und das bedeutet nichts anderes, als daß Rußland prinzipiell auf alle seine Lieferanten zurückgreifen wird, gegebenenfalls auf Kasachstan und Turkmenistan. Die Pipeline soll jährlich sogar bis zu 63 Milliarden Kubikmeter in die EU transportieren können – doppelt so viel wie Nabucco. Der Bau soll nach aktuellem Stand Ende 2012 beginnen. Im Jahr 2010 urteilte die SWP kategorisch über das russische Konkurrenzprojekt: »Nabucco und South Stream schließen einander aus.«

    Moskau bemüht sich dabei, Berlin aus der Nabucco-Front herauszubrechen. In dieser ist Deutschland durchaus solide verankert: Der deutsche RWE-Konzern ist Teil des Nabucco-Konsortiums, das darüber hinaus im Juni 2009 Exaußenminister Joseph Fischer als »Berater« engagiert hat. Nun ist es Gasprom 2011 jedoch gelungen, die Kasseler BASF-Tochter Wintershall, mit der es schon bei Nord Stream kooperiert, mit 15 Prozent der Anteile in das von ihm geführte South-Stream-Konsortium zu holen. Während Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder Vorsitzender des Aktionärsausschusses von Nord Stream ist und das Projekt massiv protegiert, hat im April 2012 der einstige Erste Bürgermeister von Hamburg Henning Voscherau (SPD) den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden beim Nabucco-Rivalen South Stream übernommen. Die deutschen Beziehungen zu Gasprom sind schon seit langem eng, da Deutschland der bevorzugte europäische Kooperationspartner Rußlands in der Erdgasbranche ist. Moskau nutzt seine engen Kontakte nach Berlin nun für den Kampf gegen Nabucco.

    Für Rußland steht beim Ringen um die Kontrolle der kaspischen Ressourcen außergewöhnlich viel auf dem Spiel. Die russische Industrie ist in den letzten Jahrzehnten ziemlich rückständig und marode geworden. Die »Modernisierungspartnerschaft« mit Deutschland, durch die Moskau seine Betriebe auf Vordermann bringen wollte, gilt als gescheitert; Rußlands Abhängigkeit vom Ressourcensektor nimmt zu. Rohstoffe und rohstoffbasierte Produkte stellten in der russischen Exportstatistik des Jahres 2011 rund 80 Prozent; der Anteil von Maschinen, Ausrüstungen und Transportmitteln an den Ausfuhren brach bereits 2010 um ein Viertel ein und belief sich nur noch auf 4,1 Prozent. Moskau bleibt zur Zeit nur der Energiesektor, um sich wirtschaftlich und auch machtpolitisch zu konsolidieren. Gelinge dies nicht, dann werde das Land in absehbarer Zukunft »von seiner geopolitischen Bedeutung her in etwa die Rolle Brasiliens in Lateinamerika spielen«, urteilt Alexander Rahr, einer der profiliertesten Rußland-Kenner im außenpolitischen Establishment Berlins. Allenfalls »mit den Instrumenten der Energiegroßmacht« könne Moskau »eine teilweise Wiederherstellung seines Einflußgebietes« erkämpfen, schreibt Rahr in seinem jüngsten Rußland-Buch (»Der kalte Freund«). Dazu jedoch wäre nötig, was Experten als »Energieimperium« beschreiben: Die Kontrolle über die gesamte Energie-Verwertungskette von der Förderung der Rohstoffe über ihren Transport bis hin zum Verkauf. Daß der Westen ihm seine zentralasiatischen Ressourcenpartner abspenstig zu machen sucht, kann Moskau in seiner aktuellen Lage umso weniger tolerieren.
    Türkische Konzepte
    Den letzten schweren Schlag hat dem Nabucco-Konsortium allerdings weder Rußland noch China oder – unfreiwillig – der Westen selbst versetzt, sondern die Türkei. Im November 2011 haben sich Ankara und Baku geeinigt, selbst eine Pipeline durch Anatolien bis an die türkisch-bulgarische Grenze zu bauen. Den Hintergrund hat die SWP schon 2010 ausführlich beschrieben: Die Türkei gibt sich nicht mehr mit der passiven Rolle eines bloßen Transitlandes zufrieden und will zur aktiven Energiedrehscheibe werden. Hintergund sind größere Verschiebungen in der türkischen Außenpolitik, die seit einigen Jahren sich nicht mehr nur auf den Westen und die turksprachigen Staaten des Kaukasus und Zentral­asiens orientiert, sondern die islamisch geprägten Länder des ehemaligen Osmanischen Reiches enger an sich anzubinden sucht. Dieses Konzept, oft als »Neo-Osmanismus« bezeichnet, ermöglicht Ankara eine größere Eigenständigkeit gegenüber EU und USA, die sich auch auf dem Energiesektor niederschlägt. Warum soll man etwa als Standort einer Pipeline dienen, die vor allem der EU Profite bringt, wenn man die Röhre selbst bauen und den Gewinn in die eigene Kasse wirtschaften kann? Ende Juni haben der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und der aserbaidschanische Staatspräsident Ilham Aliyev die zum Bau der Trans Anatolian Pipeline (TANAP) nötigen Regierungsabkommen unterzeichnet. Für Nabucco in der ursprünglich geplanten Form ist das wohl das Aus.

    Angesichts der Widerstände und der gewaltig explodierenden Kosten – statt acht Milliarden Euro war zuletzt von zwölf oder gar mehr Milliarden die Rede – sah es im Frühjahr 2012 so aus, als ob Nabucco vollständig scheitern würde. Der ungarische MOL-Konzern stieg aus, RWE stellte ebenfalls das Ende seiner Beteiligung in Aussicht. Dann kam – überraschenderweise gerade wegen TANAP – eine Wende: Die Nabucco-Pipeline könnte in einer stark abgespeckten Form doch noch gebaut werden – als »Nabucco West«. Denn das Erdgas, das via TANAP aus Aserbaidschan an die türkisch-bulgarische Grenze gelangen soll, muß von dort ja weitertransportiert werden. Wer dieses Geschäft abwickeln darf, darüber wird im kommenden Jahr entschieden. Zwei Konsortien stehen dabei zur Auswahl: Nabucco und die Trans Adriatic Pipeline (TAP), an der übrigens der E.ON-Konzern beteiligt ist. Weil TAP vor allem auf die Belieferung Südeuropas ziele, während Nabucco sowohl West- als auch Südeu­ropa mit Erdgas versorgen könne, habe es bessere Chancen, vermutet EU-Energiekommissar Günther Oettinger.

    Allerdings kann das nicht darüber hinwegtäuschen, daß von dem ursprünglichen Vorhaben nicht allzu viel übriggeblieben ist. Anstatt mit der eigenen Pipeline bis fast in die Ressourcengebiete vorzustoßen, geht es nun nur noch darum, das Erdgas an der EU-Außengrenze in Empfang zu nehmen und es innerhalb der EU zu verteilen. Von den stolzen 3900 Kilometern bleiben gerade einmal rund 1300 übrig. Und ob TANAP es wirklich schafft, die angekündigten 31 Milliarden Kubikmeter jährlich zusammenzubekommen, die Brüssel gerne hätte, das bleibt abzuwarten.

    Dabei geht nun auch noch der aserbaidschanische Energiekonzern Socar in die Offensive. Socar hat angekündigt, Anteile an demjenigen Konsortium erwerben zu wollen, das in Zukunft das TANAP-Erdgas in die EU weitertransportieren darf. Die Anteile müßten groß genug sein, daß man auch ernsthaft an den Entscheidungen des Konsortiums beteiligt werde, wird Socar-Präsident Rovnag Abdullayev zitiert. Genau das ist in den Konzeptionen Berlins und der EU jedoch überhaupt nicht vorgesehen: Daß kleine, rohstoffbesitzende Staaten wie Aserbaidschan ein Wörtchen bei der Verteilung ihrer Ressourcen mitreden und damit den großen Mächten die Alleinherrschaft streitig machen. Da sind gewiß nicht alle Kämpfe ausgekämpft.

    EU-Energiekommissar Günther Oettinger, der Nabucco stets entschlossen gefördert hat, sucht einstweilen das Beste aus der Sache zu machen. »Unser großes Ziel ist die Öffnung des südlichen Korridors«, sagte er im Juni: »Wie das Kind dann letztlich heißt, ist uns egal.« Es gehe schlicht um die Möglichkeit, Erdgas aus dem Kaspischen Becken in die EU zu bekommen. Wenn man sich die Kontrolle nicht unmittelbar sichern könne und mit TANAP zu handeln habe, dann müsse man eben mit verläßlichen Verträgen arbeiten, um sich die Erdgaslieferungen zu sichern. Ungeachtet solcher Schönrednerei: Eine Schlappe ist es für Nabucco und für die EU allemal, daß das Projekt, wenn es denn wirklich zustande kommt, allenfalls im Kleinformat als Nabucco West realisiert werden kann. Berücksichtigt man Konkurrenzprojekte wie South Stream, dann bleibt selbst das noch abzuwarten.

    Jörg Kronauer ist Sozialwissenschaftler, freier Journalist und Redakteur bei german-foreign-policy.com.

  2. nachtkritik.de veröffentlichte folgende Kritik an der Hannoveraner „T.E.Lawrence“-Inszenierung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner:

    Am Beduinenstammtisch

    von André Mumot

    Hannover, 19. Mai 2012. Manchmal fragt man sich, was das Ganze eigentlich soll. Und bekommt man dann eine eindeutige Antwort, denkt man: Hätte ich bloß nicht gefragt. So ist das an diesem Abend im Schauspiel Hannover leider auch. Denn am Ende steht Mira Partecke als Abendkleidsmoderateuse im nachgeahmten heißen Wüstensand und erklärt uns mit einem Brustton der Überzeugung, dass der Fernseher an allem schuld ist. Oder nein, noch schlimmer: Wir selber sind schuld, weil wir den Fernseher anschalten.

    Die richtige Wüste in der falschen

    Denn im Fernsehen werde grundsätzlich aus allem Fremden, doziert sie uns in wackeligen Sätzen, etwas Vertrautes gemacht, damit wir uns einreden können, dass wir es verstehen. Und das ist nicht gut. Als glorreiches Beispiel für diese These dient dann eine uralte Aufzeichnung von Bill Ramseys Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe, die nämlich am Ende vom Lied aus Wuppertal kommt und nicht aus dem Orient.

    Und deshalb, so heißt es sehr pädagogisch, fänden wir auch die Julija Timoschenko so toll. Weil sie aussieht wie die Frau Ferres. Und vielleicht stimmt das sogar, aber dass der ganze Aufwand dieses langen Abends auf so ein unterkomplexes Häuflein Kulturkitikselend zusammenschrumpft, ist dann doch ziemlich unverzeihlich.

    Dabei zeigt im ersten Teil noch ein anderer deutscher Schlager, dass es so einfach nun wirklich nicht ist. Da dröhnt nämlich Katja Ebsteins Inch‘ allah aus allen Lautsprechern, eine politisch bewegte, sehr beeindruckende Kitschballade über die Zustände im Nahen Osten („Dort an dem Weg ist jeder Stein, auf den man tritt, befleckt mit Blut“). Und während die noch als Scheherazade verkleidete Mira Partecke hierzu pathetisch die Lippen bewegt, geht der türkische Luftangriff auf einen Beduinenstamm nieder. Die Schauspieler ducken sich in ihrer falschen Wüste, das Licht senkt sich dramatisch, und angeheizt von populärkulturellem Grundbausteinen wird kurz – nur ganz kurz – deutlich, dass die wahre Geschichte, die erfundene Geschichte und ihre widersprüchlichen Kommentare durch Film, Gesang und Spiel gemeinsam ein ziemlich vielschichtiges Bild ergeben könnten.

    Und hinein ins Film-Reenactment

    Eigentlich wird hier nämlich „Lawrence von Arabien“ aufgeführt, genauer: einige Schlüsselszenen aus David Leans Monumentalfilm von 1962. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, (der in Hannover bereits einige schräge Revuen auf die Bühne gebracht hat) wollen die Geschichte des britischen Offiziers Thomas Edward Lawrence aufgreifen, der während des Ersten Weltkriegs den arabischen Aufstand gegen die Türken formierte und schließlich erkennen musste, dass er damit nur einen weiteren Sieg des englischen Imperialismus‘ stützte.

    Lawrence hat darüber ein sehr gewichtiges Memoirenbuch geschrieben, aus dem Thomas Neumann, der ihn in Hannover spielt, auch immer wieder einzelne Passagen vorliest. Altgeworden ist dieser kühne Soldat, er erinnert sich nur, schlüpft aber wieder ins vertraute Kostüm und steigt ein ins Film-Reenactment.

    Hierfür besteht die Rückwand der Bühne aus einer gekrümmten Spiegelwand, die bei effektvoller Ausleuchtung tatsächlich fantastische Weite demonstriert. Es werden Brunnen angedeutet, kleine und größere Zelte aufgeschlagen, und auf einer steil ins Publikum ragenden Rampe finden die Diskussionen der britischen (und türkischen) Kommandeure statt. Scheherazade tänzelt durch die romantische Szenerie und gibt die historisch korrekten Hintergrundinformationen, während am Rand drei Musiker auf orientalischen Instrumenten spielen – manchmal auch Maurice Jarres Filmmusik.

    Ausufernde Dekonstruktion

    Das alles ist mit scheinbar schlichter Freude am Kostüm, am Klischee, an der Abenteuerlichkeit der Geschichte aufgezogen und stellt nebenbei auch noch einen Bezug zu den Lawrence-Shows her, die der amerikanische Journalist Lowell Thomas in den 20er Jahren auf die Bühnen der Welt brachte. Diese Nostalgie ist auf nette Weise humorvoll, unaufregend und ohne echten Gegenwartsbezug. Nach der Pause aber folgt dafür die ausufernde Dekonstruktion.

    Die Einleitung zur berüchtigten Vergewaltigungsszene, die Thomas Neumann dann wieder in gravitätischer Ernsthaftigkeit aus den Memoiren vorliest, gibt es als schrill-komische Parodie italienischer Opern. (Denn, aufgemerkt: Echtes Leid machen wir Ignoranten gern zur banalblöden Sangeskunst.) Zwei Schauspieler zwängen sich ins Kamelkostüm und sprechen über die Rolle der Frau in der Revolte. Peter O’Toole wird projiziert, die Scheherazade hält Diavorträge und interviewt holprig die einzelnen Charaktere.

    Sauertöpfisches Leitartikeln

    Und weil Kuttner und Kühnel festgestellt haben, dass in Kleists „Hermannschlacht“ ein ähnliches Problem verhandelt wird, dürfen zwei umfangreiche Szenen daraus in Beduinenkostümen gespielt werden. Und dann, wir hatten es schon, muss Bill Ramsey dran glauben, so dass auf eine hilflos leitartikelnde Weise das ganze Kuddelmuddel zum sauertöpfischen Fernsehen-ist-was-für-Doofe-Schluss kommt.

    Der amerikanische Vizepräsident hat sich übrigens vor Kurzem zur Homo-Ehe bekannt und bei der Gelegenheit die Ansicht vertreten, die Schwulen-Sit-Com Will & Grace habe wesentlichen Anteil an der Aufklärung zu diesem Thema gehabt. Man fand das hauptsächlich peinlich in den USA, aber gestimmt hat es wohl auch. Das mit dem Fernsehen ist manchmal eine komplexe Sache, gerade da, wo es nicht so aussieht.

    Beim Theater ist es dafür hin und wieder genau umgekehrt.

    Kritikenrundschau

    Zu sehr im Ungefähren bleibt dieser Abend für Stefan Arndt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (21. 5. 2012). Warum man heute die Geschichte von Thomas Edward Lawrene erzähle, das machte ihm dieser Abend nicht deutlich. Nicht mal der Arabische Frühling spiele eine Rolle, den der Kritiker ursprünglich als dessen Motivation vermutet hat. Stattdessen wirkt das szenische Potburri auf ihn gelegentlich wie die Zustammenstellung einer Google-Treffe-Liste zum Thema „Orient“, hätte er gern genauer gewusst, was darin nun Ironie sein soll und was nicht. Lediglich das Bühnenbild von Jo Schramm ist aus Kritikersicht ein Volltreffer.

    Hollywoodsche Bildwucht und orientalische Live-Atmosphäre bescheinigt Evelyn Beyer in der Neuen Presse (21.5.2012) diesem Abend, in dem sie viel anklingen hört: abendländische Arroganz dem Morgenland gegenüber, Fremdenhass und Tausendundeine-Nacht-Kitsch zum Beispiel. Allerdings wird der Konflikt um den sich der Abend gruppiert, für sie nicht ganz greifbar. Auch „bordet“ er für ihren Geschmack immer wieder stark an dm Kitsch entlang. Am Ende zerfasere er schließlich im „Mythensalat“. So sei die „bunte Mythentüte“ zwar interessant, aber selten schlüssig.

  3. AFP meldet aus Jerusalem:

    Anlässlich des Tags der palästinensischen Häftlinge sind 1.200 in israelischen Gefängnissen inhaftierte Palästinenser in einen unbefristeten Hungerstreik getreten. Rund 2300 weitere Häftlinge weigerten sich, 24 Stunden lang Nahrung zu sich zu nehmen, wie die israelische Strafvollzugsbehörde am Dienstag mitteilte.

    Die Palästinenserin Hanna Chalabi, die vergangenes Jahr 43 Tage in den Hungerstreik getreten war, ermutigte die Gefangenen zur Fortsetzung ihrer Aktion, bis ihre Forderungen erfüllt seien.

    Der Hungerstreik sei das „einzige Mittel“ zur Durchsetzung der Forderungen, sagte Chalabi. Die 30-jährige war im Oktober gemeinsam mit 26 anderen Frauen im Tausch gegen den israelischen Soldaten Gilad Schalit freigelassen worden, im Februar aber erneut festgenommen worden.

    Sie rief die Palästinenser auf, Druck auf Israel auszuüben, damit die Haftbedingungen verbessert, kranke Gefangene freigelassen und die Administrativhaft abgeschafft werde.

    Diese Maßnahme erlaubt es Israel, Häftlinge unbegrenzt ohne Erhebung einer Anklage festzuhalten. Am Dienstagnachmittag sollte Chader Adnan, ein Mitglied der radikalen Gruppe Islamischer Dschihad, aus der Haft entlassen werden.

    Adnan hatte 66 Tage einen Hungerstreik abgehalten, weil er ohne Erhebung einer Anklage vier Monate in Administrativhaft gehalten worden war. Sein Beispiel hatte in den vergangenen Wochen neun andere Häftlinge inspiriert.

    Wie der palästinensische Minister für die Gefangenen, Issa Karakae, sagte, würden sich später weitere Gefangene dem Hungerstreik anschließen. Nach Angaben seines Ministeriums befinden sich derzeit 4.699 Palästinenser in insgesamt 17 israelischen Gefängnissen, die meisten wegen Sicherheitsvergehen. Davon befinden sich 319 in Administrativhaft, während 534 lebenslange Haftstrafen absitzen und 185 minderjährig sind.

  4. Aus Ägypten meldet AP:

    Die ägyptische Wahlkommission hat zehn Kandidaten von den Präsidentschaftswahlen im Mai ausgeschlossen. Wie der Vorsitzende Faruk Sultan am Samstag in Kairo bekannt gab, zählen dazu der frühere Spionagechef des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak, Omar Suleiman, sowie Chairat el Schater von den Muslimbrüdern. Eine Begründung für den Ausschluss nannte Sultan nicht. Die betroffenen Bewerber können die Entscheidung noch anfechten.

    Das mag zwar die CIA und andere freiheitliche Kräfte im Westen freuen, ist aber nicht sonderlich demokratisch. Dazu ein JW-Interview mit dem Professor für Politische Ökonomie des Ausbildungssektors Freerk Huisken:

    »Erwünscht ist mehr Effektivität der Gesinnungskontrolleure«

    Über mordende Neonazis, demokratischen Volksnationalismus sowie die Haltung von Politik und Antifagruppen zu beidem…

    Über einen Zeitraum von mehr als 13 Jahren hinweg sollen Mitglieder des neofaschistischen Terrornetzwerkes »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) mordend durch die Republik gezogen sein, ohne daß die Inlandsgeheimdienste, die unter dem Label Verfassungsschutz agieren, und die Polizei davon gewußt haben sollen. So zumindest lautet der offizielle Sprech der etablierten Politik und der Behörden selbst. Für wie realistisch halten Sie eine derartige Darstellung?
    Es interessiert mich nicht, ob staatliche Behörden, deren Zwecke ich nicht nur nicht teile, sondern kritisiere, Fehler gemacht oder versagt haben. Wieso sollte ich mich da einmischen? Allerdings muß man das Urteil über das Versagen der Verfassungsschutzorgane schon etwas in Zweifel ziehen. Daß sich der NSU in den Untergrund begab, mehrfach Identität, Pässe, Wohnungen wechselte und Autokennzeichen fälschte, läßt wohl kaum den Schluß zu, daß er unbehelligt und ungehindert – wie es in der Süddeutschen Zeitung hieß – durch das Land ziehen konnte. Zudem muß man sich vor Verschwörungstheorien hüten, denn es kann nicht die Rede davon sein, daß sich neue Faschisten in den nationalen Geheimdienst eingeschlichen haben.

    Vielmehr ist dessen Auftrag seinem Gehalt nach selbst rechtskonservativ angelegt. Er muß alles, was bei ihm den Verdacht erregt, staatskritisch bis staatsfeindlich zu agieren, scharf unter die Lupe nehmen. Dabei ist er sich seiner Verantwortung sehr bewußt, Schaden von der Nation abzuwenden. Und genau aus demselben Geist heraus, wenngleich mit anderer Stoßrichtung, sind Rechtsextreme unterwegs. Auch die haben nichts als den Schutz eines starken deutschen Staats vor Gefährdungen im Sinn. Es kann deswegen nicht verwundern, daß es da zwischen den Verfassungsschützern und der NPD in Gestalt der V-Leute, vorsichtig formuliert, zu Rücksichtnahmen oder Absprachen kam.

    Eines kann man der öffentlichen Aufregung über das behauptete Versagen der staatlichen Sicherheitsorgane jedoch auf jeden Fall noch entnehmen: daß sich Politik und Öffentlichkeit noch größere Effektivität ihrer Volksgesinnungskontrolleure wünschen. Ihrer Kontrolle soll buchstäblich niemand mehr entgehen, der im Verdacht steht, für eine Kritik an deutschen Verhältnissen zu werben, die jenseits des akzeptierten Pluralismus angesiedelt ist. Und es beruhigt mich kein bißchen, wenn es heißt, daß man jetzt, nach der Aufdeckung des NSU, mit Rechtsextremen genauso gründlich wie bisher mit Linken, Kommunisten, Anarchisten oder verdächtigen Moslems verfahren will.

    Während nach neofaschistischen Anschlägen in den 1990er Jahren Tausende Menschen auf die Straße gingen, um gegen Neonazis zu demonstrieren, protestieren aktuell maßgeblich einige Migrantengruppen. Wie erklären Sie sich dieses Mißverhältnis?
    Offensichtlich wissen sich große Teile der kritischen Menschen mit ihrer Empörung von Merkel, Wulff, Gauck und der liberalen Presse gut repräsentiert. Und wenn ihnen nicht auffällt, daß Gedenkveranstaltungen wie die neulich in Berlin allein der Beruhigung ausländischer Mitbürger galten und dem Ausland die polit-moralisch einwandfreie, von faschistischer Vergangenheit emanzipierte Nachkriegsdemokratie vorführen sollen, dann werden sie wohl dieses nationalistische Ordnungs- und Sauberkeitsanliegen teilen.

    Liegt das offensichtliche Desinteresse weiter Teile der Bevölkerung vielleicht daran, daß die Opfer des »Nationalsozialistischen Untergrundes« mit Ausnahme der 2007 in Heilbronn erschossenen Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter einen Migrationshintergrund hatten?
    Daß es nach Rostock, Mölln oder Solingen »weite Teile der Bevölkerung« zu Protesten auf die Straße getrieben hat, ist wohl etwas übertrieben. Eher traue ich schon den Umfragen, denen zufolge sich »weite Teile« der guten Deutschen ausländerfeindlichen Parolen anschließen und sich paradoxerweise gleichzeitig von der NPD distanzieren. Die scheinen gelernt zu haben, daß die NPD nicht gut zu ihrem Vaterland paßt – wegen der deutschen Vergangenheit!

    Aber zugleich haben sie kein Problem mit dem Urteil, daß »Ausländer uns überfremden«. Und wenn sie so ein Urteil nicht den Neofaschisten zuordnen, sondern es auch als Maxime in der demokratischen Ausländerpolitik entdecken, liegen sie gar nicht so verkehrt. Denn die geht nun einmal von dem Prinzip aus, daß Ausländer loyale Diener fremder Herrschaft sind und als solche in Deutschland nicht nur nichts verloren haben, sondern unter dem Verdacht stehen, hier die Sache des fremden Staates betreiben zu wollen; wohlgemerkt: unter dem Verdacht!

    Daß die demokratische Ausländerpolitik, im Unterschied zu den Faschisten, aber auch Gründe kennt, Ausländer ins Land zu holen, ihren Aufenthalt zuzulassen und sie einzudeutschen, widerspricht dem nicht. Jeder Maßnahme sieht man an, daß immer die politische Kalkula­tion unterwegs ist, ob der Nutzen solcher Ausländer für deutsches Wachstum größer ist als ein möglicher Schaden.

    Auch deutsche Antifagruppen, die ansonsten mit Faschismusvorwürfen alles andere als sparsam agieren, sind aktuell ziemlich wortkarg. Vielleicht, weil sie sich selbst als Teil der Gemeinschaft der sogenannten Demokraten verstehen und – zumindest mehrheitlich – seit Jahren auf eine grundlegende Kritik der bestehenden Verhältnisse, von imperialistischen Kriegen und sozialer Deklassierung großer Teile der Bevölkerung verzichten?
    Es stimmt schon: Auch diesmal irritiert es Teile der linken Antifa, wenn sie merkt, daß sich regierende und opponierende Demokraten an die Spitze des »antifaschistischen Kampfes« setzen. Es gibt Verlautbarungen aus diesen Kreisen, in denen das von ihr sogar begrüßt wird und in denen sich die Antifa als die besseren Verfassungsschützer vorstellt, weil man ihr nun wirklich nicht vorwerfen könne, daß sie auf dem rechten Auge blind ist.

    Auf jeden Fall stellen die linken Antifaschisten jetzt weder ihren auf den Neofaschismus fokussierten Kampf in Frage, noch fragen sie sich, ob ihre Kritik an neuen Nazis überhaupt mit der Kritik der deutschen Herrschaft am Rechtsextremismus zusammenfallen kann. Dabei könnte ihnen schon auffallen, daß die Töne aus den Innenministerien mehr als bedrohlich sind: So wie mit dem Linksextremismus und dem islamischen Terrorismus müsse man jetzt mit den Rechtsterroristen umgehen, heißt es! Politisch blind ist, wer sich mit solcher Politik im antifaschistischen Kampf einig weiß. Für die ist nämlich Extremismus gleich Extremismus. Sie registriert nur die Verletzung ihres Gewaltmonopols durch Glatzen bzw. die Angriffe von Vermummten auf Freunde und Helfer. Das reicht ihnen, um jede Differenz, besser jeden Gegensatz zwischen dem Einsatz von Faschisten für einen rassereinen Volkskörper und dem Antirassismus von Antifaschisten für unerheblich zu erachten.

    Also liegt ein Fehler der organisierten Antifagruppen und der in ihrem Umfeld aktiven Rechercheure vielleicht darin, daß sie sich darauf versteift haben zu dokumentieren, wann ein x-beliebiger Faschist irgendwo »Heil Hitler« geschrien hat, sie jedoch nicht in der Lage sind, die Verhältnisse, die die braunen Kräfte hervorbringen, zu analysieren?
    Ja, das sehe ich ähnlich. Es ist nämlich überdies ein Fehler der linken Antifa, daß sie die NPD zu einer Art Hitler-Nostalgie-Verein macht. Sie entdeckt den Faschismus in der Regel nur dort, wo er mit »Heil Hitler«, mit Antisemitismus, Holocaustverehrung daherkommt; und natürlich an ihrer radikaleren Position zu Ausländern. Hilflos sind diese linken Antifaschisten aber, wo die Nazis ihre Kapitalismuskritik auf die Straße tragen, wo sie über Hartz IV schimpfen, sich Antikriegsdemos anschließen und die Globalisierung verteufeln. Mit Opportunismus oder Verschleierungstaktik hat das bei denen nichts zu tun. Faschisten haben eine Kritik am Kapitalismus und an der Globalisierung, an Hartz IV und Steuerpolitik, an Krieg und der NATO. Bloß welche? Menschenfreundlich wird die schon nicht ausfallen, wenn sie alles an dem Maßstab messen, inwieweit sich der deutsche Staat national souverän und unter machtvoller Benutzung seines rassereinen Volkskörpers gegen Feinde von innen und außen durchsetzt. Alles weitere dazu steht in meinem Buch. Wenn linke Antifaschisten immer nur darauf drängen, man müßte sich von denen auf jeden Fall und unbedingt unterscheiden, dann haben sie wohl genau damit so ihre Probleme.

    Würde man dem berühmten Ausspruch des Sozialphilosophen Max Horkheimer folgen, demzufolge vom Faschismus schweigen solle, wer vom Kapitalismus nicht reden will, wäre es also klüger, wenn die Antifagruppen ihre Arbeit einstellen würden?
    Nein. Natürlich braucht es Kritik des Faschismus, wo immer der auftritt. Keine Frage. Mein Problem mit der Antifa besteht darin, daß sie sich so schwer damit tut, den Nationalismus der Bürger, auf den jede demokratische Herrschaft setzt und den sie anstachelt, als den Sumpf zu erkennen, der regelmäßig Rechtsextremismus hervorbringt; daß sie also den falschen Gegner im Visier hat. Ihr Antifaschismus gerät deswegen auch immer zu einem impliziten Bekenntnis zur demokratischen Herrschaft ohne braune Flecken auf der Weste.

    Wer Deutschland nazifrei machen will, legt – ob er es will oder nicht – damit ein Bekenntnis zu jener deutschen Herrschaft ab, die hier ohnehin das Sagen hat. Da mögen die Antifas noch so sehr ihre antikapitalistischen Bekenntnisse auffahren, es nützt nichts. Immer halten sie eine von ihnen behauptete mögliche faschistische Bedrohung für das größere Übel, hinter dem all das, was die realexistierende kapitalistische Herrschaft mit Leuten und Land anstellt, wenn sie das Volk verarmt, seine Gesundheit verbraucht, in Kriege schickt, schulisch verdummt, gegen Ausländer aufhetzt usw., als das kleinere Übel erscheint.

    Das ist übrigens auch der Haken an dem Horkheimer-Spruch: Am demokratisch regierten Kapitalismus ist wirklich mehr zu kritisieren, als daß er regelmäßig Faschisten hervorbringt. Ich finde, daß der auch ganz ohne diese in ihm angelegten Übergänge eine ordentliche Gegenbewegung verdient hat.

    Es ist sattsam bekannt, daß die Bundesrepublik Deutschland maßgeblich von Funktionären in Politik, Justiz, Geheimdiensten und Polizei aufgebaut wurde, die bereits während des deutschen Faschismus in Amt und Würden und etwa in ­NSDAP, SA oder SS aktiv waren. Ist es nicht nahezu absurd, ausgerechnet an die politischen Entscheidungsträger zu appellieren, die diese verbrecherische BRD-Geschichte niemals aufgearbeitet haben, sondern sich einer ernsthaften Aufarbeitung noch heute weitgehend verweigern, die neofaschistische NPD zu verbieten?
    Was heißt hier »verbrecherische BRD-Geschichte«? Die Nachkriegsregierungen haben nicht deswegen auf altgediente Nazis zurückgegriffen, weil sie auf deren Faschismus scharf waren. Vielmehr waren die alle tauglich für höhere Ämter in einem lupenreinen demokratischen Staatsdienst – also in der Justiz, in Universitäten, im Militär und in Staatsämtern. Ich empfehle, den Inhalt und die Zwecke dieser Einrichtungen zu prüfen, statt sich an deren Personal abzuarbeiten. Die haben sich nämlich gar nicht geändert, nachdem die Altnazis weggestorben sind. Aber auch ohne diese Vergangenheit ist es absurd, wenn sich von den Geheimdiensten Observierte und Verfolgte – und dazu zählt auch die linke Antifa – für das Verbot der NPD stark machen.

    Es gibt einige Gründe, die für ein Verbot der NPD, aber auch nicht wenige, die dagegen sprechen. Befürworten Sie ein NPD-Verbot?
    Jedes Abwägen von Pro und Kontra teilt das Verbotsanliegen; auch das Kontra, sofern es nur mögliche negative Auswirkungen des Verbots auf die geheimdienstliche Kontrollierbarkeit und auf das Ausschalten faschistischer Gruppierungen benennt – wie z.B. das Abtauchen in den Untergrund. Gegen das Verbieten und dieses staatstreue Abwägen von Vor- und Nachteilen wende ich mich. Verbot ist das Abräumen einer abweichenden, als Partei organisierten politischen Gesinnung durch überlegene Gewalt. Die kann dann nicht mehr gewählt werden. Das gehört eben zur Demokratie dazu. Wählbar sind nur Parteien, die vom Kartell der herrschenden Parteien zur Wahl zugelassen werden. Und zugelassen werden sie nur, wenn sie sich auf die in der Verfassung niederlegten Grundregeln des demokratisch regierten Kapitalismus eindeutig positiv beziehen. Daß sich die Demokratie soviel auf ihre Meinungsfreiheit zugute hält, ist kein Widerspruch dazu. Nun weiß man eben gleich, wie diese Freiheit gemeint ist und wozu die taugt: Gemeint ist sie als staatliche Erlaubnis zum folgenlosen kritischen Räsonieren. Und sie taugt dazu, daß die Leute regelmäßig über das Lob der demokratischen Freiheit vergessen, daß sie hierzulande ständig und ihr ganzes Leben lang offenbar viel zu kritisieren haben.

    Es ist deswegen schon merkwürdig, wenn linke Antifaschisten, die selbst im Visier des Staatsschutzes sind, entweder dem Staat Mißbrauch seiner Freiheiten vorwerfen oder sich gar für solche Maßnahmen der Staatsgewalt stark machen. Das Abräumen der störenden Partei geschieht dann per Kriminalisierung dieser Gesinnung. Etwas anderes haben herrschende Demokraten gegen die politische Programmatik abweichender politischer Parteien nicht im Köcher. Den Rest erledigen dann Justiz und Knast. So wird man als Inhaber von Gewalt unliebsame Parteien los, entledigt sich einer Konkurrenz und sammelt dann unzufriedene, heimatlos gemachte Wähler – im Fall der NPD – mit eigenen, rechten Angeboten ein.

    Daß solche Wähler Gründe hatten, die geächtete Partei zu wählen, daß man ihnen diese Gründe mit überzeugenden Argumenten doch eigentlich auszutreiben hätte, ist keine Option der herrschenden Demokraten. Wie auch? Sie wissen, daß ihre Programme ein positives Angebot auch für solche rechten Wähler darstellt bzw. enthalten muß.

    Daß der Verbotsantrag von 2002 gegen die NPD gescheitert ist, beweist übrigens, daß die Politiker die Verfassungsfeindlichkeit der NPD in ihrem Programm gar nicht entdecken konnten – was kein Zufall war. Heute kommt ihnen deshalb die Zwickauer Zelle wie gerufen: Sie deklarieren die NPD zum Humus für rechtsextremen Terrorismus und versuchen so eine Neuauflage des Verbots. Beantwortet das die Frage?

    Sie haben unlängst im VSA-Verlag das Buch »Der demokratische Schoß ist fruchtbar – Das Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus« veröffentlicht. Die auffallendste und für viele Menschen sicher am meisten provozierende Ihrer Thesen lautet, daß Demokraten aller Couleur Nazis nicht wirklich kritisieren könnten …
    Wie sollten sie auch? Müßten sie doch dann erstens alles kritisieren, was sie mit dem Faschismus gemeinsam haben: das Ideal des starken Staates und eines loyalen Staatsvolkes, zwei Ideale, die sie leider ziemlich erfolgreich ins Werk setzen können; eine kapitalistische Ökonomie, die für Staatsreichtum sorgt; eine Arbeiterklasse, die sich mit Hilfe der Gewerkschaft längst vom Klassenkampf verabschiedet hat, einen durchgesetzten Antikommunismus mit KPD-Verbot, die Ausgrenzung von Ausländern usw.

    Ganz abgesehen davon, daß es zweitens der demokratische Volksnationalismus selbst ist, der mit der demokratischen Staatsführung unzufriedene Nationalisten hervorbringt, die ihre Unzufriedenheit schon mal bis zum Urteil vorantreiben, daß regierende Demokraten Staatszwecke und Volkseinheit verraten würden. Warum sollten die Demokraten auch kritisieren, was sie als nützliche Produktivkraft für ihren Laden schätzen, vorantreiben und dem sie regelmäßig schwarz-rot-goldene Feiern bescheren: den Patriotismus ihres Volkes. Daß ihre hübsche Demokratie immer wieder Faschisten hervorbringt, ist ihnen denn auch ein ziemliches Rätsel, und sie schätzen Wissenschaftler, die das weiter verrätseln: Von Rückfall ist dann die Rede, von Perspektivlosigkeit von verarmten Teilen der Jugend, von Dummheit oder gar von geistiger Verwirrung. Lauter Urteile, die falsch sind und die nur für eine Botschaft stehen: Mit der feinen Nachkriegsdemokratie hat das nichts zu tun.

    Umgekehrt kritisieren Demokraten deshalb den Faschismus auch nur in dem, was sie von Faschisten trennt: Sie versprechen aller Welt, nie wieder einen Holocaust zu machen, Euthanasie zu bestrafen, nie wieder im Alleingang einen Krieg anzufangen und allen extremistischen Anfängen zu wehren. Lauter Versprechen, bei denen es einem kalt den Rücken runterläuft.

    Nun behaupten ja selbst antifaschistische Gruppen oder in der Bundesrepublik tätige linke Parteien von sich selbst, demokratisch zu sein. Was sind die Gründe dafür?
    Das Bekenntnis von linken Antifaschisten zur Demokratie kommt als Kritik der realen Demokratie daher. Die erklären sie zur unwahren, uneigentlichen Demokratie. Ihre Vorstellungen von Basis- oder pluralistischer Demokratie stellen sie dagegen – wie zu diesen netten Vorstellungen eine Parteinahme für ein NPD-Verbot paßt, könnten sie sich dabei schon mal fragen. All diese Auspinselungen von wahrer Demokratie taugen nichts, denn Demokratie ist und bleibt eine Herrschaftsform; und Herrschaft braucht es nur dort, wo ein Staat Gegensätze zum Schaden großer Volksteile mit Rechtsgewalt reguliert.

    Daß dies in der Demokratie unter Beteiligung großer Volksteile passiert, macht die Sache nur schlimmer. Denn offensichtlich haben es die realexistierenden Demokraten – und andere gibt es nun mal nicht – geschafft, bei ihren Bürgern das Urteil zu befestigen, daß sie mit ihrer Beteiligung an dem Zirkus tatsächlich mehr zu entscheiden hätten als die Frage, wer bzw. welche von den Parteien ihnen in Zukunft das Leben schwerer machen soll.

    Die Demokratieidealisten von der Antifa halten an Volksbeteiligung als Wert an sich fest, fragen weniger danach, woran sich das Volk beteiligt. Sie sollten sich schon mal fragen, was sie eigentlich wollen. Wollen sie flächendeckend so etwas wie »Stuttgart 21« installieren oder den Leuten hierzulande klar machen, daß ihre Basisbeteiligung zu nichts anderem taugt, als die Einheit von Staat und unzufriedenen Volksteilen im Geiste einer eigentlich gemeinsamen nationalen Sache zu festigen. Wollen sie Herrschaft über das Volk mit ein bißchen mehr Volksbeteiligung – was die NPD übrigens auch will? Oder wollen sie gegen den Grund von Herrschaft im Kapitalismus angehen?

    Zuletzt erschien von Freerk Huisken das Buch: Der demokratische Schoß ist fruchtbar – Das Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus. VSA-Verlag, Hamburg 2012

    Zu diesem Buch ein JW-Artikel von Markus Bernhardt:

    Mit seiner Veröffentlichung »Der demokratische Schoß ist fruchtbar – Das Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus« greift der Publizist Freerk Huisken zum richtigen Zeitpunkt in die Debatte um den Zustand antifaschistischer Organisationen und bürgerlicher Neonazigegner ein. Hat sich doch spätestens seit der erstaunlichen Wortkargheit und Hilflosigkeit antifaschistischer Organisationen in Folge der Enthüllungen über die terroristischen Morde des »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU) gezeigt, wie inhaltlich defizitär die antifaschistische Bewegung mittlerweile aufgestellt ist.

    In seinem neuen, im Hamburger VSA-Verlag erschienen Buch untermauert Huisken seine These, derzufolge Demokraten aller Couleur Neofaschisten nicht kritisieren könnten, da sie bei der »unerwünschten Konkurrenz« Einvernehmen mit dem eigenen höchsten politischen Ziel, nämlich dem Erfolg der Nation, entdecken würden. Harsch, aber stets untermauert von Argumenten, rechnet der 1941 geborene Huisken mit weiten Teilen der antifaschistischen Bewegung ab, der er unter anderem vorwirft, daß ihr »außer einer Neuauflage der juristischen Kriminalisierung der NPD und verstärkt auch ihres Umfeldes nicht viel einfällt«.

    In einem eigenen Kapitel geht Huisken, emeritierter Professor für Politische Ökonomie des Ausbildungssektors im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Bremen, zudem auf das Unvermögen antifaschistischer Gruppen ein, dem zunehmend von neofaschistischen Organisationen propagierten rechten »Antikapitalismus« politisch etwas entgegenzusetzen. Dies liegt laut Huisken daran, daß die Antifa »sich in der Kritik an den ›Mißständen‹, die der Kapitalismus hervorbringt, zunächst einmal mit ihren politischen Gegnern einig« sei. »Überall dort, wo der Faschist diese Kritik mit moralischen Kategorien einleitet, weiß die Antifa dem nichts entgegenzusetzen«, so der Autor, der dem Gros der Antifaschisten vorwirft, »hilflos in ihrem Moralismus« zu verharren.

    Neonazigegner seien mittlerweile »so sehr von der antifaschistischen Gesinnung des demokratisch erzogenen Volkes überzeugt, daß sie sich darüber glatt jedes Argument gegen Faschismus, Rassismus und Nationalismus ersparen«, lautet ein weiterer Vorwurf Huiskens, der antifaschistischen Gruppierungen rät, sich endlich zu entscheiden: »Entweder beschließen sie, als die letzten Überlebenden und Personifikationen der berechnend eingeführten Nachkriegsstaatsräson weiterzumachen, dann müssen sie in Deutschland alte und neue Nazis jagen, auch wenn regierende Demokraten längst dabei sind, Hitlers Visionen von deutscher Größe und Weltgeltung per Welteroberung überzuerfüllen. Dann aber behindern sie als Parteigänger der wahren Demokratie zugleich die Kampfansage an den Grund des Faschismus. Oder sie beginnen wirklich einmal damit, nach den Wurzeln des ›Nazismus‹ zu fragen«, wofür sie sich jedoch von »der Vorstellung lösen müssen, daß ein deutscher Staat, in welchem Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus verwurzelt ist, kein demokratischer sein kann; und dafür haben sie sich zugleich an den Gedanken zu gewöhnen, daß sich umgekehrt mittels erfolgreicher demokratischer Betreung einer kapitalistischen Ökonomie im In- und Ausland auch ganz ohne Faschismusimitat, also ohne Antisemitismus und KZ, ohne Euthanasie und Weltkriegsalleingänge, so einiges an Verheerungen an Mensch und Natur anrichten läßt«, so Huisken weiter.

    Das neue Buch des Bremer Professors, der auch das Standardwerk »Erziehung im Kapitalismus« verfaßt hat, dürfte geeignet sein, autonome antifaschistische Aktivisten und Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), die sich mehrheitlich für ein Verbot faschistischer Organisationen und Parteien aussprechen, bis aufs Blut zu provozieren. Eben dies zeichnet den Band jedoch aus. So wirft Huisken Fragen auf, die in der antifaschistischen Bewegung – wenn überhaupt – einzig hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden. Huiskens offensive und vollkommen rücksichtslose Kritik am mehrheitlichen Wirken der antifaschistischen Bewegung verdient daher in jedem Fall Beachtung. Der Autor verweist auf politische Defizite in deren Reihen und verweigert sich der antifaschistischen Selbstinzenierung als »guter Demokrat«.

    Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Mordserie der Untergrundgruppe »NSU«, der Verstrickung der bundesdeutschen Geheimdienste in den rechten Terror, der imperialistischen Kriegspolitik Deutschlands und des maßgeblich antimuslimischen Rassismus in diesem Land, ist Huiskens politischer Debattenbeitrag kaum zu hoch zu bewerten. Mit »Der demokratische Schoß ist fruchtbar – Das Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus« hat er ein weiteres Standardwerk verfaßt, das in das Bücherregal jedes Antifaschisten gehört.

  5. Die letzten Tage von Kabul, d.h. die „Frühjahrsoffensive“ der Taliban erinnern an die Tet-Offensive des Viekong in Saigon –

    AP meldet heute:

    Afghanische Truppen haben in der Hauptstadt Kabul die letzten verschanzten Taliban-Kämpfer überwältigt und damit eine 18-stündige Angriffsserie beendet. Vor Sonnenaufgang am Montag feuerten die Soldaten Granaten auf ein Gebäude im Stadtzentrum ab, von dem aus die Taliban am Sonntag ihre Angriffe in Kabul und drei östlich gelegenen Städten begonnen hatten. Auch in der Umgebung des Parlaments waren Schüsse zu hören. Die Kämpfe endeten kurz vor 08.00 Uhr (Ortszeit).

    Ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums erklärte, Aufständische hätten sich in einem noch nicht fertiggestellten Gebäude nahe dem Parlament verschanzt. Inzwischen seien die Gefechte beendet. Augenzeugen in der Umgebung des Parlaments sagten, sie hätten die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen Granatexplosionen und Schüsse gehört.

    Reporter der Nachrichtenagentur AP beobachteten am Morgen einen Angriff auf ein weiteres Gebäude in der Nähe des Präsidentenpalastes und westlicher Botschaften. Kurz vor 03.00 Uhr tauchten Hubschrauber der internationalen Streitkräfte über dem Haus auf. Ab etwa 04.30 Uhr feuerten die Soldaten Granaten auf das Gebäude ab. Um 06.30 Uhr war der Angriff beendet. Aus Geheimdienstkreisen verlautete, der Einsatz in dem Gebäude sei vorbei. Mindestens vier Extremisten seien getötet worden.

    Der Kommandeur der US- und NATO-Truppen in Afghanistan, General John Allen, lobte die Reaktion der afghanischen Sicherheitskräfte. Die Taliban hatten am Sonntag Botschaften, Regierungsgebäude und NATO-Stützpunkte angegriffen. Dabei waren ein Polizist und mindestens 17 Extremisten getötet worden.

  6. Weitere Materialien zur Mimikry finden sich in dem Aufsatzband:

    „Soziologie der Nachahmung und des Begehrens“, herausgegeben von Christian Borch und Urs Stäheli, Frankfurt am Main 2009

    Sowie: „Méduse & Cie“ von Roger Caillois und Peter Berz, Berlin 2007

    und: „Ilinx – Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft“ mit ihrem Heftschwerpunkt „Mimesis“, 2011