Europäisches Wurzeldenken vs. Global Thinking

US-Echtzeitpoller (im Krieg)

 

Norw.-Echtzeitpoller (im Frieden)

 

„Genießt den Krieg, der Friede wird fürchterlich!“ (Curzio Malaparte in Neapel 1944)

 

Wie in fast allen semilinken Geistesprodukten ist auch in dem folgenden Doppel-Beitrag – aus der aktuellen Le Monde Diplomatique (dt.Ausg.) – von der Flasche die Rede,  die aus dem Geist ist – hier bei den Norwegischen Rechten:

 

Alarmismus und Attentismus an dunklen Fjorden

„Mitunter kann es den Menschen auch in einer schweren Zeit gut gehen. Der Schmerz ist gut, und der Ernst im Gemüt ist ebenso blank wie der dunkle Fjord.“ (Torborg Nedreaas, „In Verdunklungszeiten“)

 

…Breiviks im Internet veröffentlichte Positionen sind denen der Fortschrittspartei durchaus ähnlich. So hat 2004 deren damaliger Vorsitzender Car Ivar Hagen erklärt, die Muslime hätten „seit Langem klargemacht, wie es auch Hitler getan hat, dass ihr langfristiger Plan darauf zielt, die Welt zu islamisieren […] Sie sind schon tief nach Afrika vorgedrungen und auch in Europa weit vorangekommen – also müssen wir uns wehren.“

Vor den Parlamentswahlen von 2009, bei der die rot-grüne Koalition(2) eine Mehrheit erzielte, die Fortschrittspartei jedoch mit 22,9 Prozent der Stimmen(3) zur zweitstärksten Kraft wurde, warnte der jetzige Vorsitzende Siv Jensen im Wahlkampf vor einer „schleichenden Islamisierung“ des Landes. Und noch im August 2010 hat Christian Tybring-Gjedde, ein Nachwuchspolitiker der Fortschrittspartei, die sozialdemokratische Arbeiterpartei beschuldigt, „der norwegischen Kultur einen Dolchstoß zu versetzen“. Und der Parteisprecher für Einwanderungsfragen twitterte den Satz: „Ich fürchte, ein neuer Kreuzzug ist unausweichlich.“

Als Plattform dienen der Fortschrittspartei vor allem drei Websites. Eine davon, Right.no, erhält Zuschüsse vom Außenministerium. Die Sites deklarieren sich als „islamkritisch“ und proisraelisch, sie verurteilen den Antisemitismus. Einer ihrer wichtigsten Inspiratoren ist ein Blogger namens Fjordman, von dem Breivik gesagt hat, er sei eine Zeit lang sein Vorbild gewesen. Fjordman legte erst nach dem Anschlag seine Identität offen, um nicht mit Breivik in Verbindung gebracht zu werden.

Fjordman heißt in Wirklichkeit Peder Jensen. Der ehemalige Student der Arabistik, heute Hilfspfleger in einer Einrichtung für geistig Behinderte, war 2002 für eine propalästinensische Menschenrechtsorganisation in Hebron tätig. Seitdem steht er auf der Seite Israels, wobei er sich auf die Verschwörungstheorien beruft, die Bat Ye’or in dem Buch „Eurabia“(4) verbreitet hat. Der Autorenname ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich Gisèle Littman Orebi, eine aus Ägypten stammende britische Jüdin, die in ihrem Buch verbreitet, die europäischen Regierungen hätten beschlossen, sich mit den Muslimen zu verbünden und die weiße Bevölkerung im Austausch für eine garantierte Erdölversorgung zu verraten.

Diese irrwitzige Theorie macht sich an der Erdölkrise von 1973 fest.(5) Als Beweis für die Verschwörung wird auf die „massive“ Zuwanderung von Bevölkerungsgruppen verwiesen, die angeblich eine besonders hohe Geburtenrate aufweisen. Deshalb befinde sich Europa bereits im Krieg. Mit dieser Ideologie fordern Fjordman und seine Komplizen zum „aktiven Widerstand“ auf, wobei sie ganz unverfroren auf den Widerstand gegen die Besetzung Norwegens durch die Nazis verweisen.

„Das sind nicht die klassischen Neonazis, die auf der Straße Muslime verprügeln“, erklärt der Ethnologieprofessor Thomas Hylland Eriksen, der über Fragen der multikulturellen Gesellschaft forscht. „Das sind nicht die männlichen Arbeitslosen, die auf der Straße stehen, weil ihre Fabrik dichtgemacht wurde. Die gehören zur unteren Mittelschicht, die haben viel gelesen, wenn auch nur äußerst selektiv.“(6)

Gibt es überhaupt ein Einwanderungsproblem in Norwegen? Die Politik der Öffnung für ausländische Arbeitskräfte wurde bereits 1975 beendet. Viele Pakistaner waren ins Land gekommen. Sie bilden heute – in erster und zweiter Generation – die größte ethnische Gruppe aus einem außereuropäischen Land und machen zugleich die Mehrheit der 90 000 Norweger muslimischen Glaubens aus. Wobei daran zu erinnern ist, dass es in Norwegen keine strikte Trennung von Kirche und Staat gibt. Das evangelisch-lutherische Bekenntnis gilt vielmehr als „öffentliche Religion des Staates“, der sich 86 Prozent der 5 Millionen Einwohner zurechnen.7

Die seit 1975 gekommenen Einwanderer waren vor allem EU-Bürger aus Schweden, Polen, Frankreich oder Deutschland, die in der Industrie Arbeit fanden, oder aber Flüchtlinge und Asylbewerber, für die strenge Aufnahmekriterien gelten. Die Einwanderer und ihre Nachkommen sind heute gut integriert. Die Arbeitslosigkeit ist bei ihnen zwar mehr als doppelt so hoch wie im Landesschnitt (7,7 gegenüber 3,3 Prozent); in der zweiten Generation schrumpft die Differenz aber auf 1 Prozentpunkt.(8)

Bestätigt wird diese Integrationsleistung durch eine Umfrage aus dem Jahr 2010, in der 70 Prozent der Norweger von sich sagten, dass sie „die Kultur der Immigranten und ihre Teilnahme am aktiven Leben schätzen“, und der Aussage zustimmten, „dass die eingewanderten Arbeitskräfte aus einem nichtskandinavischen Land positiv für die norwegische Wirtschaft sind“.(9 )

Für Norwegens multikulturelle Gesellschaft ist die Integration also offenbar kein kontroverses Thema. Wie lässt sich dann aber die Islamophobie erklären? Norwegen ist dank seiner Erdölvorkommen und seiner Fischereiindustrie ein reiches Land ohne größere Staatsschulden und war deshalb von der globalen Finanzkrise kaum betroffen. Der Anteil der Berufstätigen an der Bevölkerung ist mit 70 Prozent sehr hoch. Der Wohlfahrtsstaat funktioniert. Es gab keine drastischen Einschnitte bei den öffentlichen Ausgaben (trotz einer Reorganisation, der etliche soziale Einrichtungen zum Opfer fielen). Das Land leistet sich nach wie vor den großzügigsten Sozialstaat der Welt. Seit Jahren bescheinigt der Human Development Report der UN den Norwegern die höchste Lebensqualität in der Welt.

Aber auch ihnen blieben neoliberale „Reformen“ nicht erspart, die von der Arbeiterpartei durchgesetzt wurden. Das lässt sich an den Einkommensunterschieden und der wachsenden sozialen Ungleichheit ablesen. Der linke Thinktank „Manifest senter for samfunnsanalyse“ stellt in einem Report fest: „Seit 1990 ist die Differenz zwischen dem, was die Ein-Prozent-Gruppe der reichsten Norweger verdient, und dem Durchschnittseinkommen deutlich schneller gewachsen als in Großbritannien oder den USA.“(10) Der Anteil der Mittelschichten am Geldvermögen (etwa Bankkonten und Aktien) hat sich zwischen 1984 und 2008 halbiert. Die Einkommen der Reichsten sind stark angestiegen, der Anteil der Löhne am Wertzuwachs dagegen ist gesunken.

Erst das macht verständlich, warum die Einwanderungsfrage zu einem zentralen Thema werden konnte. Die Neoliberalen sind, gestützt auf den arbeitgebernahen Thinktank Civitas, um den Beweis bemüht, dass das skandinavische Modell des Wohlfahrtsstaats nicht mehr funktionieren könne – obwohl die tägliche Realität zeigt, dass Steuereinnahmen und Wachstum das System gut finanzieren können.

Für die angebliche Krise des Sozialstaats machten und machen die Fortschrittspartei und Teile der Partei Høyre (Die Rechte) die Migranten verantwortlich. Im Frühjahr 2011 erschien eine Regierungsenquete zum Thema „Migranten im Arbeitsleben“. Sie wurde von der Rechten sofort dazu benutzt, gegen die Einwanderungsgesellschaft und den Wohlfahrtsstaat zu wettern. Die Botschaft lautete, dass die Gesellschaft durch „die nichtwestlichen Immigranten“ einen „Nettoverlust“ erleide. Die Befunde des Reports waren zwar weit weniger eindeutig, aber allein die Tatsache, dass eine rot-grüne Regierung eine Kommission zu diesem Thema einsetzt, zeugt von einem radikalen Wandel.

Das norwegische Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist seit 1998 fast jedes Jahr gewachsen (nur 2009 gab es einen Rückgang), und das BIP pro Kopf ist das drittgrößte in Europa, davor lagen nur die Steueroasen Liechtenstein und Luxemburg. Doch der wachsende Wohlstand hat die Zunahme der sozialen Ungleichheit verschleiert. Und die Frustration der Wähler, die sich benachteiligt fühlen, wird von der populistischen Rechten ausgebeutet. Das gilt vor allem für die Mittelschichten, die seit Anfang der 1990er Jahre immer weiter hinter die Reichen zurückfallen.

So sieht es auch der schwedische Wirtschaftswissenschaftler Ali Esbati, ehemals Vorsitzender der schwedischen Partei Linke Jugend und heute Forscher beim Osloer Thinktank Manifest: „Wenn die politische Diskussion über die Reform des Sozialsystems, die Kräfteverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt oder die notwendigen wirtschaftlichen Maßnahmen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ernsthaft genug geführt wird, rücken andere Themen ins Blickfeld wie zum Beispiel die kulturellen Konflikte.“

Der Ethnologe Eriksen sieht „keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Stagnation und dem Erstarken einer populistischen Rechten“. Allerdings sympathisierten mit der radikalen islamophoben Rechten viele Bürger, die sich benachteiligt fühlen: „Sie empfinden, dass ihr Lebensstandard stagniert; sie fühlen sich an den Rand gedrängt und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Nach dem 22. Juli gab es viele, die lautstark daran erinnerten, dass man nicht auf sie gehört hätte. Sie betrachten sich als wesentliche Kraft der Nation, können sich aber nicht mehr mit ihr identifizieren, weil sich ein anderes Verständnis der nationalen Gemeinschaft durchgesetzt hat: ein eher kosmopolitisches und egalitäres, das mehr auf die Bürgergesellschaft abhebt als auf die ethnisch-nationale Zugehörigkeit.“

Die populistische Rechte strebt im Grunde danach, diesen „Volkswillen“ zu repräsentieren. Genauer gesagt, den Willen derer, die Ali Esbati so beschreibt: „Sie gehören in bestimmten Bereichen zur Elite und können es nicht ertragen, dass diejenigen, die sie verachten, sich in der Gesellschaft weiter nach vorn schieben und damit sichtbarer werden. Sie hassen die Arbeiterbewegung, die Organisationen für die Befreiung der Frauen und erst recht jene Figuren des akademischen und kulturellen Lebens, die sich für eine andere Gesellschaftsordnung aussprechen.“

Eine Stimme dieser populistischen Rechten ist der „Terrorismusexperte“ Helge Lurås vom renommierten Norwegischen Institut für Internationale Angelegenheiten (Nupi). Er hat noch am Tag des Attentats im russischen Fernsehen (Russia Today) erklärt, die Verantwortung für das Attentat liege bei den Multikulti-Anhängern, weil diese „mit ihrer Immigrationspolitik den Volkswillen erstickt haben“.

Der unvorstellbare Gewaltakt vom 22. Juli 2011 hat zwar in Norwegen stattgefunden, aber die rechte Welle ist keineswegs auf Skandinavien beschränkt. Ihre tieferen Ursachen liegen jenseits von Nordeuropa, meint Ali Esbati: „Im gesamten Westen haben in den letzten Jahrzehnten die gut organisierten Kräfte des Kapitalismus gegen die ökonomische Stagnation gekämpft, indem sie die Ausbeutung verstärkt und die alten Bastionen der Arbeiterbewegung geschleift haben.“ Esbati meint damit vor allem die Angriffe auf die Rentensysteme, das öffentliche Gesundheitswesen und die Rechte der Arbeiter. Daher witterten die rechten Kräfte nicht nur in Skandinavien, sondern überall die Chance, „die allgemeine Angst auszubeuten und eine soziale Landschaft herzustellen, die durch ethnische und religiöse Trennlinien zerklüftet ist“. Rémi Nilsen

Fußnoten:
(1) Dagsavisen, Oslo, 25. Juli 2011.
(2) Sie besteht aus der Arbeiterpartei, der Sozialistischen Linkspartei und der Zentrumspartei.
(3) Bei den letzten Wahlen im September 2011 erhielt sie nur 11,5 Prozent der Stimmen.
(4) Bat Ye’or, „Eurabia. L’axe euro-arabe“, Paris (Editions Jean-Cyrille Godefroy) 2006.
(5) Andreas Malm, „Hatet mot muslimer“ („Der Hass auf die Muslime“), Stockholm (Atlas) 2011.
(6) Aftenposten, Oslo, 1. August 2011.
(7) In Artikel 2 der norwegischen Verfassung heißt es: „Die evangelisch-lutherische Konfession verbleibt öffentliche Religion des Staates. Die Einwohner, die sich zu ihr bekennen, sind verpflichtet, ihre Kinder in derselben zu erziehen.“
(8) Angaben des Nationalen Amts für Statistik, www.ssb.no.
(9) „Die Immigration und die Immigranten 2010“, Nationales Amt für Statistik, www.ssb.no.
(10) „Das neue Norwegen. Die Konzentration der Wirtschaftsmacht im Zeitraum seit 1990“, Manifest senter for samfunnsanalyse, Oslo 2011.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Rémi Nilsen ist Journalist und Redakteur der norwegischen Ausgabe von Le Monde diplomatique.
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Kurzum: Die Angst der Mittelschicht vor Entwurzelung und sozialem Abstieg bringt Geister hervor, die u.U. tödliche Flaschen fabrizieren. Marx und Engels haben dazu beizeiten bereits angemerkt: “ Der norwegische  Idealismus sondert sich durch keinen spezifischen Unterschied von der Ideologie aller andern Völker ab. Auch diese betrachtet die Welt als durch Ideen beherrscht, die Ideen u[nd] Begriffe als bestimmende Prinzipien, bestimmte Gedanken als das den Philosophen zugängliche Mysterium der materiellen Welt.“
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Orient-Poller
Okzident-Poller

Texmex-Poller

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Dunkle Wälder

 

…Anfang der 1990er Jahre beherrschten ein paar junge Leute aus nicht gerade benachteiligten Milieus die norwegischen Schlagzeilen: Der schwedische Sänger der norwegischen Band Mayhem (Englisch: Chaos, Radau) nahm sich 1991 das Leben. Euronymous, Bandgründer, Komponist und Gitarrist von Mayhem, fotografierte die Leiche für das Cover der nächsten Platte. Ein Jahr später wurden mehrere Kirchen angezündet, und einer dieser Brände schmückte später das Cover eines Albums der Band Burzum. Samoth, Gitarrist der Band Emperor, und Varg Vikernes, Gründer von Burzum und Bassist von Mayhem, wurden wegen Brandstiftung verurteilt, zeitgleich landete Emperor-Schlagzeuger Bård Guldvik Eithun für den Mord an einem Homosexuellen für 9 Jahre ins Gefängnis. 1993 ermordete Vikernes seinen Bandkollegen Euronymous und ging dafür 16 Jahre in den Knast.

Diese jungen Leute, die zu Straftätern und Mördern wurden, erfanden gleichzeitig eine neue Musik – und eine eigene Welt. Sie radikalisierten den aus dem Hardrock hervorgegangen Metal. Dröhnen und Kreischen, erbarmungsloses Schlagzeug, eindringliches Psalmodieren, verzerrte Gitarren: Die Atmosphäre des Black Metal gleicht der einer schwarzen Messe, einer kriegerischen Beschwörung. Die Musik ist eine Art „Kathedralenrock“, wenn man so will, sie bringt Trance und tiefes Unbehagen. Sie wird nicht „gespielt“, sie breitet sich aus und umfängt den Hörer mit ihrer kalten Wut.

Black Metal Bands – der Name geht auf ein Album der britischen Band Venom von 1982 zurück – entstanden überall in Europa. Ihre Bilderwelt ist gotisch, mittelalterlich, satanisch-heidnisch, auf den Bühnen sind Kreuze, dunkle Wälder, Schädel und Skelette zu sehen. Die Musiker selbst sind oft schwarz-weiß geschminkt, sehen aus wie Leichen; angsteinflößend oder wohlige Schauer weckend, je nach dem Blick des Zuschauers.

Die Texte sind nicht explizit politisch, sondern frönen eher einem gewaltverherrlichenden Nihilismus. Im Mayhem-Stück „View from Nihil“ heißt es: „I can see the wreckage floating ashore of the dying culture“ („Ich kann die ans Ufer treibenden Trümmer der sterbenden Kultur sehen“). Oder es wird der Apokalypse, der Zerstörung und dem Tod gehuldigt: „This is War / I lie wounded on wintery ground / With hundred of corpses around“ („Das ist Krieg / verwundet liege ich auf dem eisigen Boden / zwischen hunderten Leichen“), intonierte Burzum-Sänger Vikernes auf dem Album „War“.

Das sind zwar keine Naziparolen, aber durchaus Anlehnungen an die Wurzeln des Nazismus: Hass auf die Gesellschaft, Sehnsucht nach verlorener Reinheit, nach der alten Zeit und der ewigen Natur. Glorifiziert werden ein unklares Heidentum, schrankenlose Gewalt und die reinigende Kraft des Blutes. Black Metal feiert die Auserwählten, deren Hellsicht sie in Verzweiflung stürzt, die ihnen aber auch den Mut verleiht, Krieg gegen die Agenten der menschlichen Verderbnis zu führen.

Man kann die Black-Metal-Jünger natürlich als kleine Sekte spinnender Fans betrachten. Man kann ihre Pseudonyme und Maskeraden belächeln, auch wenn es schwierig ist, gegenüber der Musik gleichgültig zu bleiben. Sie offenbaren jedoch eine tiefe Verbitterung, deren Ausstrahlung nicht unterschätzt werden darf. Und sie verkörpern – je nach Betrachtungsweise – entweder die höchste Vollendung oder die Pervertierung der Metal-Szene.

Zum französischen „Hellfest“, einem dreitätigen Metal-Festival, das seit 2006 im bretonischen Clisson stattfindet und zehntausende Fans aus aller Welt anzieht, kommen auch Bands aus der „NSBM“-Szene („Nationalsozialistischer Black Metal“). Die intonieren Refrains wie „Hitler was a sensitive man“ werden erst dann aus dem Programm gestrichen, wenn es wirklich Proteste hagelt.

Andererseits regen sich rechte politische und religiöse Gruppen regelmäßig über das Hellfest und den „Teufelskult der Langhaarigen“ auf(.2) Und auf den Festivalbühnen treten auch Musiker aus der linken Szene auf. Im Juni 2010 war etwa Jello Biafra dabei, der sich bei den US-amerikanischen Grünen engagiert, oder die altgediente englische Punkband 999. Man kann das Hellfest also nicht unbedingt als Brutstätte rechter Ideologie bezeichnen. Beobachter erklären immer wieder, dass die Fans sich nur für die Musik interessieren und mit den Ideen der Bands gar nichts am Hut hätten.

Extremistische Neigungen in der Musik gibt es nun nicht nur beim Black Metal, das anzunehmen wäre naiv. Wenn man sich den Mörder von Euronymous, Varg Vikernes, ansieht, ist das Klischee allerdings perfekt. Der enigmatische Musiker mit seiner Band Burzum (der Name stammt aus Tolkiens „Herr der Ringe“) trägt seinen Fanatismus offen zur Schau. Auf seiner Website tut er kund: „Wir sind schwach geworden, wir wurden gebrochen und ruiniert“, denn „wir haben die Freiheit geopfert, um uns Sicherheit zu kaufen.“ Schuld daran sind für Vikernes Juden und Freimaurer, die angeblich die Muslime benutzen, um die Nationen zu zerstören. Solche Hirngespinste erinnern auffällig an die Tiraden des Anders Breivik, des Attentäters von Utøya und Oslo. Der hatte sich während seines Prozesses in Oslo als „Tempelritter“ im Kampf gegen einen angeblich selbstmörderischen Multikulturalismus bezeichnet. Vikernes übrigens bedauert, dass Breivik einen Nationalismus ohne Antisemitismus vertrete.

Die paranoide Furcht vor einer „Verunreinigung“ der edlen Gemeinschaft ist kein Alleinstellungsmerkmal der norwegischen Rechten. Anlässlich der Annahme der Minarettinitiative in der Schweiz 2009 schrieb der französischsprachige Autor Maurice G. Dantec auf der Website „Ring“: „Das öko-eugenische / multikulturalistische / sozial-islamisierte IV. Reich, das heute die Verwaltungsagentur des ,Menschenparks‘ darstellt, ist das schlimmste Komplott, das je gegen die Menschheit geschmiedet wurde. Es ist der Feind. Es muss zerstört werden.“ Auch die Schuldigen hat Dantec ausgemacht: „Die Komplizen dieses demokratischen Totalitarismus sind Länderblocks, offizielle politische Parteien, Kommissionen für Menschenrechte, Richter, Gewerkschaftsfunktionäre, ,nichtstaatliche‘ humanitäre Organisationen.“ Um „das zivilisatorische Projekt neu zu begründen, das die Menschheit dreitausend Jahre lang geleitet hat“, geboren aus der „Begegnung von drei Ursprüngen: den keltischen Nationen, der griechisch-römischen Kultur und den germanischen Stämmen“, müsse man „sich von der demokratischen Weltdiktatur befreien“.

Dantec ist belesen, und das führt er auch gern vor. Den Begriff „Menschenpark“ hat er von Peter Sloterdijk übernommen, andere Einflüsse kommen von Léon Bloy und Philip K. Dick. Er ist brillant, dynamisch, spektakulär und atemberaubend romantisch. In seinen Romanen, zwischen Krimi, Science-Fiction und Essay, breitet er seine Weltsicht aus (2009 hat er über 2 Millionen Bücher verkauft). Und er ist eindeutig „Kult“ – auch wenn (oder vor allem wenn) der „futuristische Katholik“ und Rocker peinlich wird.

Richard Millet, Mitglied im Lektoratskomitee des großen französischen Verlags Gallimard und Essay-Preisträger der Académie Française, steht Dantec da nicht nach. Er hält es mit „der alten Weisheit, die darin besteht, die Rassen für das zu lieben, was sie sind, und das in ihrem jeweiligen Territorium“.(3) Und er möchte wissen, „welchen Sinn die Nation und worin ihrer Identität besteht angesichts einer außereuropäischen Immigration, die deren Wert bestreitet und diese, sagen wir es offen, nur zerstören kann. […] Denn ihre Zustimmung zu den Diktaten des internationalen Liberalismus trifft auf eine entsetzliche Sinnmüdigkeit der angestammten Europäer.“(4) Dantec und Millet sehen sich gern als stigmatisierte Herolde der Wahrheit. Aber im literarischen Establishment werden sie gefeiert: Dantec als Dandy-Prophet und selbst proklamierter „christlicher und zionistischer Kämpfer“ und Millet, der Bewahrer der Tradition des klassischen Stilisten, für sein freiwilliges Engagement aufseiten der Christen beim libanesischen Bürgerkrieg der 1970er Jahre.

Vom weitgehend bedeutungslosen, aber zählebigen Black Metal bis zu einer angesagten, etablierten Literatur stellt eine kulturelle Rechte, die so stolz darauf ist, „extrem“ zu sein, gemeinsame Obsessionen zur Schau: Es geht immer um die Kraft, die man zurückerobern müsse, und gegen die Schwäche, die durch eine von unten vereinheitlichte Gesellschaft zum Wert erhoben werde, oder – das ist dieselbe Denkschiene – um die Bewahrung der Reinheit vor der Korruption durch die ausländischen Agenten mit ihrem Gift.

Genau diese Fantasiewelten werden in zahlreichen Bestsellern beschrieben, in denen es entweder um die Apokalypse geht, die das Ende – und die mögliche Auferstehung – des Homo occidentalis bedeutet, oder um die Manipulation der Welt durch dunkle Kräfte, die nur durch auserwählte Helden verhindert werden kann. Man muss sich nur an die kommerziellen Erfolge von Filmen wie „Matrix“ oder Büchern wie „Sakrileg“ (mit weltweit 86 Millionen verkauften Exemplare) erinnern. Bemerkenswert ist auch der sagenhafte Erfolg der Fantasy-Literatur. Die transportiert genau jene paranoide und tief nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit, in der der Mutige, der Held sich beweisen muss, und derjenige, der zu den größten Opfern bereit ist, über den schwachen Herdenmenschen siegt.

Die Fantasy-Schwarten spielen in einem fiktiven blutrünstigen Mittelalter. Dort besitzt die Vernunft keine (schwächende) Macht über den Instinkt, die Technik ist wieder Magie, und der Auserwählte beweist sich in Prüfungen, die zugleich Initiations- und Läuterungsriten sind. Was zählt, ist der Kampf gegen das Böse, die Kräfte der Dunkelheit. J. R. R. Tolkiens Trilogie „Der Herr der Ringe“, deren Hauptmotiv die Suche nach dem einzigartigen Ring ist, dessen Besitzer die Welt beherrscht, ist das große Vorbild.

Erst lange nach ihrem Erscheinen 1954 wurde Tolkiens Werk zu einem Riesenerfolg und verkaufte sich 200 Millionen Mal. Die von ihm inspirierten Figuren bevölkern nicht nur Fantasy-Bücher, sie tauchen auch im Metal auf, in Video- und Internet-Rollenspielen und in zahlreichen aufwendig produzierten Spielfilmen. Die Fantasy-Welt zelebriert Anti-Modernität, Anti-Egalitarismus, die Bindung des Individuums an seinen Stamm, die Tugenden einer abgeschlossenen Welt, die Kühnheit und die Einsamkeit des Anführers. Vor einer fantastischen Kulisse werden Figuren erschaffen wie der Barbar oder der Hexer.

Fantasy-Autoren sind zwar keine Kryptofaschisten, aber so etwas wie Aufklärung und Emanzipation scheint ihnen auch nicht unbedingt ein Anliegen zu sein. Die fiktive Vergangenheit mit Burgen und Drachen, das archaische, obskurantistische Universum wird zum verlorenen Paradies, in dem Gesellschaft und Politik hinter dem Triumph eines höheren Individuums verschwinden. So raunt es entsprechend dem Geist der Zeit, dass die Geschichte keinen Sinn habe, ebenso wenig wie Fortschritt oder Demokratie, und dass einzig die Rückkehr zur naturgegebenen Ordnung und zu den Hierarchien unserer Vorfahren der Wahrheit des Menschen angemessen sei.  Evelyne Pieiller

Fußnoten:
(1) Courrier international, Paris, 5. August 2011.
(2) 2010 gab sogar es in der französischen Nationalversammlung heftige Diskussionen.
(3) Richard Millet, „Désenchantement de la littérature“, Paris (Gallimard) 2011.
(4) Richard Millet, „Fatigue du sens“, Paris (Pierre-Guillaume de Roux) 2011.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
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Euro-Poller
Russian-Poller
National-Poller
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Man sollte vielleicht noch hinzufügen: Les extremes ses touchent – d.h. es gibt Anzeichen dafür, dass die mitteleuropäischen Drogenfreaks, vornehmlich deutscher, türkischer und arabischer Abstammung, die am Liebsten House und Trance hören und sämtliche Techno-Festivals in Brandenburg im Sommer abklappern, sich oft und gerne bei den Salafisten „clean“ halten – „von der Spritze zur Knarre,“ so sagte es einer, d.h. den Kampf nach innen (um des Paradieses willen) nach draußen tragen.  „Aber das mach mal einem Verfassungsschutzmann klar!“
Wie die taz von gewöhnlich gut unterrichtenden Greisen erfuhr, rufen die  deutschen Salafisten gerade in einer Videobotschaft dazu auf, sich im syrischen Befreiungskampf der dortigen „Opposition“ anzuschließen – um eine Art von interreligiöse Brigaden zu bilden…
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Norw. Polarforscher Roald Amundsen
Norwegischer Polarbiologe mißt Eisbär-Puls
Das Management des norwegischen Polar-Instituts
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Reuters meldet heute:
Einen Tag nach dem Anschlag auf den engsten Führungszirkel in Syrien hat die Opposition den Druck auf Präsident Baschar al-Assad weiter verstärkt. Bewohner der Hauptstadt Damaskus berichteten am Donnerstag von Kämpfen in Sichtweite des Präsidentenpalastes und des Regierungsviertels. Unklar war der genaue Aufenthaltsort des Staatschefs, der seit dem Attentat auf drei seiner wichtigsten Gefolgsleute nicht in der Öffentlichkeit aufgetreten ist. Er sollte sich aber noch in Syrien aufhalten.
Dpa meldet:
Vor der Entscheidung des Sicherheitsrats über eine neue Syrien-Resolution hat der Leiter der UN-Beobachtermission den Rat zur Einigkeit aufgerufen. „Um der Menschen in Syrienwillen brauchen wir vom Sicherheitsrat eine effektive Führung und eine echte Einigkeit über einen politischen Plan“, sagte der norwegische General Robert Mood in Damaskus.

Ebenfalls aus Damaskus meldete die dortige beim syrischen Informationsministerium in Damaskus akkreditierte Junge-Welt-Korrespondentin Karin Leukefeld angesichts des gestrigen Bombenattentats:

“Die syrische Führung sprach von einem »terroristischen Akt«. Der Anschlag bestärke die Armee darin, »das Vaterland von den Resten der terroristischen Banden zu säubern«, teilte das Militär über das Staatsfernsehen mit.”

Tags zuvor hatte Karin Leukefeld von Damaskus aus den kürzlich erschienenen Guardian-Artikel über Who is Who in der “Syrischen Opposition” auf Deutsch für die JW zusammengefaßt:

Wer den Ton angibt

Stichwortgeber syrischer Opposition für westliche Politik sind mit dieser verbandelt. Ein Bericht des britischen Guardian

Wer in der syrischen Opposition den Ton angibt«. So lautet die Überschrift eines lesenswerten Artikels, den die britische Tageszeitung The Guardian am 12. Juli in ihrer Onlineausgabe veröffentlichte. In einer ausführlichen Recherche – die u.a. auf der Wikileaks-Veröffentlichung von E-Mail-Korrespondenzen der US-Botschaft in Damaskus basiert – richtet der Reporter Charlie Skelton das Augenmerk auf Herkunft und Umfeld bekannter Sprecher des Syrischen Nationalrates (SNR). Er schreibt über die »Stichwortgeber« westlicher Politik, die »warnen« und »drängen« und Regierungen und internationale Organisationen »aufrufen zu handeln«. Sie sind es, die die Deutungshoheit über das haben, was in Syrien geschieht, obwohl die meisten von ihnen seit Jahren keinen Fuß mehr auf Boden des Landes gesetzt haben. Ihren Ruf in westlichen und großen arabischen Medien haben diese Personen laut Skelton vor allem ihren guten Beziehungen zum »angloamerikanischen Unternehmen für die Schaffung von Opposition« zu verdanken. Gemeint sind Stiftungen, Medien und Nichtregierungsorganisationen, die vom US-Außenministerium bisher mit mindestens sechs Millionen Dollar finanziert wurden.

Personen wie Bassma Kodmani, Radwan Ziadeh, Osama Monajed oder Najib Ghadbian haben eine zentrale Rolle bei Gründung und Aufbau des SNR sowie von diesem angeschlossenen »Menschenrechtsinstituten« gespielt und wurden dabei von mächtigen Freunden aus Politik und Wirtschaft unterstützt.

Demnach gehen die Wurzeln dieser »syrischen Demokratiebewegung« und ihre Finanzierung zurück auf das Jahr 2005. Damals rief die US-Regierung von George W. Bush ihren Botschafter aus Damaskus zurück. Die Washington Post berichtet, daß gleichzeitig das Geld für syrische Oppositionelle »zu fließen begann«. Bassma Kodmani hatte Anfang 2005 einen Führungsposten in der Ford-Stiftung. Ende des Jahres leitete sie die neu gegründete Arabische Reforminitiative (ARI), ein Studienprogramm, das von der US-Lobbyorganisation »Rat für Auswärtige Beziehungen« (Council on Foreign Relations, CFR) ins Leben gerufen worden war. Die ARI entstammt einer Diskussion im CFR-»Projekt USA – Mittlerer Osten«, in dem hochrangige Diplomaten, Geheimdienstler und Geldgeber permanent mit einer »politischen Analyse« der Region befaßt sind. Geleitet wird der Zirkel vom früheren General Brent Scowcroft. Ein »hochkarätiger Flügel des westlichen Geheimdienst- und Bankenestablishments« habe Bassma Kodmani 2005 ausgewählt, um seine Pläne für den Mittleren Osten umzusetzen, faßt Skelton zusammen. Gleichzeitig wurde mit dem britischen Zentrum für Europäische Reformen (CER) ein weiterer Think Tank finanziell und politisch eingebunden. CER wiederum ist mit dem »Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen« verknüpft, dem neben Bassma Kodmani auch George Soros angehört. Soros finanziert die gemeinnützigen »Stiftungen für eine offene Gesellschaft«. In Frankreich ist Bassma Kodmani Forschungsleiterin an der Internationalen Diplomatischen Akademie, die vom früheren Chef des französischen Auslandsgeheimdienstes, Jean-Claude Cousseran, geleitet wird. Sie sei nicht irgendeine »Demokratieaktivistin«, schreibt Skelton, sie befinde sich inmitten einer Welt der Banken, Diplomatie, Industrie, Geheimdienste und politischer Institutionen und Stiftungen.

Für auswärtige Beziehungen im SNR ist Radwan Ziadeh zuständig. Im Februar 2012 unterschrieb er einen offenen Brief an US-Präsident Barack Obama und forderte diesen auf, eine Intervention in Syrien anzuordnen. Mitunterzeichner waren u.a. James Woolsey (ehemaliger CIA-Direktor), Karl Rove (Berater von Bush junior) und Elizabeth Cheney, die früher das Iran-Syrien-Operationskomitee im Pentagon geleitet hatte.

Ein weiterer im Bunde dieser »Kämpfer für Demokratie in Syrien« ist Osama Monajed, Berater des SNR-Vorsitzenden. Der ehemalige Direktor des US-finanzierten regierungskritischen Barada TV (London) gründete Ende 2010 das Strategische Forschungs- und Kommunikationszentrum (SRCC), das Medien und Politiker mindestens einmal täglich mit »Neuesten Nachrichten von der Syrischen Revolution« versorgt. In der Huffington Post (GB) erklärte Monajed kürzlich, »warum die Welt in Syrien eingreifen muß« und forderte »militärische Unterstützung« und »ausländische Militärhilfe« für die Aufständischen.

Syrien – nach dem Bürgerkrieg

Castrop-Rauxel (lat. für Wanne-Eickel) – Salafisten vor dem Bürgerkrieg

Wanne-Eickel – Anlegestelle

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So weit der JW-Artikel von Karin Leukefeld, die taz wollte den Guardian-Enthüllungsartikel nicht aufgreifen – ihre Begründung lautete ungefähr so:

Der Arm des syrischen Regimes reicht bis in den Guardian. Das war im Falle Libyens ähnlich, völlig unabhängig von den Infos über die diversen Personen, die mal zutreffen und mal nicht…

Umgekehrt unkte neulich der “Rote Stern” von Kungur über die taz-Wahrnehmung des Geschehens auf dem Territorium der aufgelösten Sowjetunion:

Der Arm der CIA-Menschenrechtskämpfer und -killer reicht eben bis in die taz…

In der Gründungsriege der taz, als dort noch auf Nationalen Plenen politisch um die Berichterstattung gestritten wurde, scheint es dagegen eher eine gesuchte Nähe zum bolschewistischen Geheimdienst gegeben zu haben – das legen eventuell die diesbezüglichen Gauck-Akten nahe, die derzeit daraufhin durchsucht werden.

Zwar bin ich, u.a. zusammen mit Mathias Broeckers, von taz-Redakteuren bei der Stasi als politisch doch mehr als unzuverlässig eingeschätzt worden, aber desungeachtet und da ich das sowieso erst aus den bisher ausgewerteten Gauck-Akten erfahren habe, hätte ich auch nichts gegen einen gelegentlichen “Kontakt” mit den Genossen drüben gehabt. Was natürlich die ostdeutschen Bürgerrechtler ganz schlimm finden.

Einige Newcomer wie Dietmar Dath und Slavoy Zizek finden nun erneut Gefallen an den damaligen “harten Ideologien” – gegenüber den von Baudrillard so genannten “weichen” (wie Menschenrechte, Ökologie, Urban Gardening, etc.): Ersterer gab kürzlich die Schrift “Staat und Revolution” von Lenin neu heraus – weswegen Broeckers ihn sogleich als “Lenin 2.0″ bezeichnete. Letzterer meinte im Französischen Fernsehen, er sei für den “Terror”, nur dieser habe noch eine wirkliche Chance – oder so ähnlich.

Norwegische SF-Poller

 

Hydraulischer SF-Poller – aus Boston

 

Englischer Wunder-Pilon. Alle Photos: Peter Loyd Grosse

Kommentare (13)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

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  1. Ist das ein Zeichen der Kapitulation?:

    Die Assad-Regierung hat die syrische Jugend aufgefordert, sich mehr als bisher dem Reitsport zu widmen.

  2. Mal wieder eine Meldung aus Ägypten – von AFP:

    Der Tahrir-Platz in Kairo gilt als Symbol für die Freiheit und den Widerstand des ägyptischen Volks. Für Frauen aber wird dieser Platz, auf dem Demonstranten vor knapp anderthalb Jahren den damaligen Präsidenten Husni Mubarak stürzten, immer gefährlicher. In jüngster Zeit häuften sich erneut die Berichte von Frauen, die dort von einem Mob angegriffen, sexuell belästigt, begrapscht oder sogar vergewaltigt wurden. Eine Gruppe Ägypterinnen macht deshalb gegen diese Übergriffe mobil.

    Zu einem der ersten Opfer eines sexuellen Angriffs auf dem Tahrir-Platz wurde die bekannte Korrespondentin des US-Fernsehsenders CBS, Lara Logan. Der Tag, an dem die Ägypter Mubaraks Rücktritt auf dem legendären Platz in Kairo feierten, endete für die erfahrene Kriegsreporterin brutal: Zwischen 200 bis 300 Männer kreisten sie und ihr Team am 11. Februar 2011 ein, stürzten sich auf sie und vergewaltigten sie „mit ihren Händen“, wie Logan aussagte.

    Im November 2011 berichtete dann die französische Journalistin Caroline Sinz vom Sender France 3, sie sei von einer Gruppe Jugendlicher und Erwachsener verprügelt worden. Die Angreifer hätten ihr die Kleider vom Leib gerissen und sie in einer Art und Weise sexuell belästigt, die einer Vergewaltigung gleichkomme. Die Organisation Reporter ohne Grenzen riet daraufhin davon ab, Journalistinnen nach Ägypten zu schicken.

    Doch von Seiten der ägyptischen Behörden tat sich seither nichts. Obwohl in jüngster Zeit auch wieder Frauen Übergriffe auf dem Tahrir-Platz anprangerten, wurde noch kein einziger Täter gefasst. Vielmehr macht die Polizei geltend, dass inmitten von unzähligen Demonstranten die Täter nicht auszumachen seien.

    Die in Kairo ansässige Frauenrechtsgruppe Nasra nahm Anfang Juni die Aussage einer jungen Ausländerin auf. „Plötzlich haben die Männer um uns herum angefangen, uns überall anzufassen“, erzählte sie der Nichtregierungsorganisation. „Die Männer haben mir die Hose heruntergezogen und mich mit ihren dreckigen Fingern vergewaltigt.“ Die Männer hätten sich „wie Löwen um ein totes Stück Fleisch“ gerissen.

    Kurz nach dem Vorfall berichtete die britische Journalistikstudentin Natasha Smith in ihrem Internet-Blog über einen ähnlichen Angriff auf sich. Laut Nasra haben die Vorfälle, die sich meist in der Nähe eines bestimmten Schnellimbiss-Restaurants auf dem Tahrir-Platz abspielen, System. Sie würden organisiert, um Frauen Angst zu machen, sie aus dem öffentlichen Leben zu verbannen und für ihre Teilhabe zu bestrafen, erklärt die Organisation.

    Das lassen sich die Ägypterinnen nicht gefallen. Aus Protest gegen die anhaltenden Belästigungen und Übergriffe sind sie bereits mehrfach auf die Straße gegangen, haben Menschenketten organisiert und Online-Kampagnen gestartet. „Wie oft bin ich nur deswegen nicht zum Tahrir-Platz gegangen, weil ich nicht begrapscht werden wollte“, sagt die 22-jährige Nana al-Hariri.

    „Wir wollen wir Bürgerinnen behandelt werden, nicht wie Weibchen“, sagt die 38-jährige Gynäkologin Rascha Kamel. Sie organisierte vor kurzem zum ersten Mal die Aktion „Für einen sicheren Tahrir“ mit. „Ich bin wie deine Schwester“, schrieb sie dazu mit einem dicken Filzstift auf ein Schild. Beschützt von freiwilligen Helfern zogen dutzende Frauen mit ihr über den Kairoer Platz. Bei sich trugen sie eine neue Verteidigungswaffe: eine Wasserpistole, die mit roter Flüssigkeit und Chilipulver gefüllt ist. Sie soll künftig Angreifer abschrecken – und sie mit der Farbe für alle sichtbar brandmarken.

  3. Aus den arabischen Bürgerkriegsgebieten kommen nach wie vor immer noch Flüchtlinge in die EU, die auch mit den neuen Regimen dort schon wieder Flüchtlingsabkommen aushandelt. 2001 hatte der Exilpalästinenser Edward Said bereits gemeint:

    “Die Fackel der Befreiung” ist von den seßhaften Kulturen an “unbehauste, dezentrierte, exilische Energien” weitergereicht worden, “deren Inkarnation der Migrant” ist.

    Für den Engländer Neal Ascherson sind es insbesondere die “Flüchtlinge, Gastarbeiter, Asylsucher und Obdachlosen”, die zu Subjekten der Geschichte geworden sind. Der polnische Künstler Krzysztof Wodiczko zog daraus den Schluß: “Der Künstler muß als nomadischer Sophist in einer migranten Polis aufzutreten lernen” – auf ihren neuen Agoren, den Plätzen, Märkten, Parks und Bahnhofshallen der großen Städte. Ebenfalls an die urbane “intellektuelle Zirkulations”-Scene wandten sich die französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari – mit einer ganzen (mehrbändige) “Nomadologie”, deren Credo zuvor Michel Foucault formuliert hatte: “Glaube daran, dass das Produktive nicht seßhaft, sondern nomadisch ist!”

    Dieser positiven Sicht auf alle “Entsetzten” – infolge der dritten industriellen Revolution – hält der selbst einst exilierte polnische Soziologe Zygmunt Baumann das Elend der “Überflüssigen” entgegen: also das Schicksal all derer, die weltweit eine neue Existenzweise suchen – und dabei jedoch nicht mehr wie noch vor 150 Jahren auf so genanntes “unterbesiedeltes Land” auswandern können. Damals stellte der US-Präsident Theodore Roosevelt die Ausrottung der büffeljagenden Indianer durch diese meist aus Europa kommenden armen Siedler und Pioniere noch als einen “gerechten Krieg” dar: “Dieser großartige Kontinent konnte nicht einfach als Jagdgebiet für elende Wilde erhalten werden”.

    Mit der Auflösung der Sowjetunion kamen Flüchtlinge nicht mehr nur aus dem Süden, aus Bürgerkriegsgebieten, sondern auch aus Osteuropa. Während die westeuropäischen Staaten nach der Wende ihre Grenzsicherungsanlagen mit Hightech perfektionierten und Abschiebeverträge mit befreundeten Regimen z.B. im Nahen Osten aushandelten, geriet der davon betroffene “Migrant” in den Fokus der Künstler und Kulturwissenschaftler. Die “Migrationsforschung” konnte Drittmittel in bis dahin unbekannter Höhe aquirieren, die autonome Antifa-Jugend organisierte “Grenzcamps”, Menschenrechtler setzten sich in Brüssel für die Grenzbefreiung von Sinti und Roma ein, und es gründete sich ein “Bundesverband Schleppen & Schleusen” – zur Entkriminalisierung der Schlepperbanden, die von außen versuchten, die EU-Grenzen für ihre Kunden zu überwinden.

    Vorgestern stach ein Schiff unter der linken Parole „Kein Mensch ist Illegal“ in See – d.h. ins Mittelmeer.

    Bezogen auf die kleine Landmasse Berlin stellte sich mir 2006 die Frage:

    „Rheomatik oder Rhizom?“

    Alles ist im Fluss: Bereits kurz nach der Wende entstand um die Margarinefabrik in der Auguststraße ein neues Kunstzentrum – und dem alten in Kreuzberg drohte eine schleichende Abwicklung. Um dem entgegenzuwirken, haben sich nun das Künstlerhaus Bethanien, die Kunsträume des Bezirksamts im Bethanien, die NGBK in der Oranienstraße 25 und das Werkbund-Archiv im selben Haus zu einer engeren Zusammenarbeit entschlossen.

    Man würde darüber hinaus auch noch weitere Kunstinstitutionen in das halb leere Krankenhaus Bethanien einquartieren, wenn nicht dessen linker Flügel von den so genannten Yorckstraßen-Besetzern mit Beschlag belegt worden wäre. Diese wollen alle möglichen sozialen Initiativen dort hineinziehen lassen. In der Stadt gibt es jedoch keinen Mangel an Räumen, sondern einen an Initiativen, sodass sich diese verspätete Besetzerbewegung über kurz oder lang wegen ihrer Immobilienbeschlagnahme bloß noch grämen wird.

    Erst einmal sind jedoch jede Menge Parteien (Grüne, WASG, PDS etc.) auf sie raufgesprungen, um in ihrem Fahrtwasser Eindruck zu schinden – in der Hoffnung, so auch in Fluss zu kommen. Zu diesem Problem präsentierte gerade Adrienne Goehler in den Kunstwerken in Mitte ihr neues Buch „Verflüssigungen“. Gleichzeitig eröffnete im Kreuzberger Kunstraum eine Gruppenausstellung mit dem Titel „Liquid Matter“ – also ebenfalls über flüssige Dinge beziehungsweise Angelegenheiten. Und in der taz erschien ein langes Porträt von Zygmund Baumann, dessen jüngstes Buch von den „überflüssigen Menschen“ handelt – die sich zu wahren Migrantenströmen verdichten.

    Unter Flüssigkeit versteht man einen Stoff, der einer Formänderung keinen, einer Volumenänderung jedoch großen Widerstand entgegensetzt. Adrienne Goehler spricht von der „flüssigen Moderne“, der alles Feste nur zu einer (vorübergehend) „geronnenen Bewegung“ wird. Wobei sie dann unter (Wieder-)“Verflüssigungen“ vor allem „Ansätze“ versteht, „die künstlerisches, wissenschaftliches und Bewegungswissen verbinden“.

    Dazu zählt auch die Bethanien-Ausstellung, insofern dort bei der Beschäftigung mit „Liquid Matter“ künstlerische und wissenschaftliche Mittel zur Anwendung kommen. So befasst sich der Norweger Are Viktor Hauffen mit dem Oberförster Viktor Schauberger, der das Fließverhalten von Wasser studierte und aus Strudeln und derart verzopftem Wasser Implosionskraftanlagen ableitete, deren „Reibungshöhe gegen null“ geht. Der rumänische Künstler Dan Mihaltianu archivierte seine Sammlung von Alkoholika, die er zuvor mit unterschiedlichen Gärstoffen und an diversen Orten in selbst gebauten Kolben destilliert hatte.

    Wo Goehler die „Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft“ nachzeichnet und dabei so manchen „Ausweg“ für die „Überflüssigen“ aufzeigt, sind die Flüssigkeitsforscher bereits als international tätige Berufskünstler angekommen. In gewisser Weise ist damit das Thema ihrer Arbeit („Liquid Matter“) mit ihrer neonomadischen Existenzweise identisch geworden.

    Diese zweifache Deterritorialisierung wird jedoch nach wie vor im Künstlertum reterritorialisiert, trotz oder wegen Wohnungen und Ateliers in gleich mehreren Städten. Von einer Unbehaustheit, wie sie den Migranten kennzeichnet, kann also keine Rede sein. Das neonomadische Künstlertum (im rechten Bethanienflügel) unterscheidet sich vom notnomadischen Proletariat, dem sich die Yorckbesetzer im linken Bethanienflügel zuzählen, dadurch, dass Erstere trotz mehrfacher Immobilität immer in Bewegung bleiben müssen, was ihnen nur durch Berufskunst gelingt, während Letztere ständig hinter sozialen Bewegungen her sind, die sie notfalls simulieren, um sich und sie zu immobilisieren. Die Profikunst gehört noch zur Rheologie und die Berufsrevolte schon zur Rheomatik: Wenn Erstere eine (pädagogische) Bewegungslehre meint, kommt Letztere einem (hysterischen) Bewegungszwang nahe.

  4. Es soll bei aller Kritik am Wurzeldenken jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die Baumwurzeln durchweg eine wunderbare Symbiose mit einem riesigen unterirdischen Pilzgeflecht eingehen:

    Wikipedia erklärt dazu:

    „Die Mykorrhizapilze liefern der Pflanze Nährsalze und Wasser und erhalten ihrerseits einen Teil der durch die Photosynthese der (grünen) Pflanzen erzeugten Assimilate. Der Anteil der Primärproduktion, der an den Pilz weitergegeben wird, kann bis zu 25 % betragen. Im Gegensatz zu anderen Bodenpilzen fehlen vielen Mykorrhizapilzen Enzyme, welche nötig wären, um komplexe Kohlenhydrate abzubauen. Darum sind diese auf die Versorgung durch die Pflanze angewiesen. Die Mykorrhizapilze verfügen über ein im Vergleich zur Pflanze erheblich größeres Vermögen, Mineralstoffe und Wasser aus dem Boden zu lösen. Häufig wird die Wasser-, Stickstoff- und Phosphat-Versorgung der „infizierten“ Pflanzen verbessert, weiterhin bietet die Mykorrhizierung einen gewissen Schutz vor Wurzelpathogenen und erhöht allgemein die Trockenresistenz der Pflanzen, was vor allem an extremen Standorten von Vorteil sein kann.

    Die Symbiose von Landpflanzen mit Pilzen trat schon im Devon, also vor 400 Millionen Jahren auf. Von den Landpflanzen sind etwa 90 % zur Mykorrhizabildung befähigt, wobei sich etwa 6000 Pilzarten mit Pflanzen vergesellschaften können.“

    Die Baum-Wurzeln gehen genaugenommen in das Pilz-Rhizom über. Deswegen hieß ein überall in Westdeutschland angebrachter Zettel der „Anti-Ödipus“-Fans in den Siebzigerjahren auch:

    „Macht Rhizom! (Der rosarote Panther)

    Dieser Panther wird seltsamerweise in dem Bestiarium „Vom Übertier“ unter diese eingereiht, und nicht in dem ebenfalls von Benjamin Bühler und Stefan Rieger verfaßten Buch „Das Wuchern der Pflanzen“. Genaugenommen hätte er aber auch dort nicht reingehört, sondern in ihrem – hoffentlich demnächst auch noch erscheinenden – Pilz-Buch.

  5. Zu den absurderweise besonders stark vom Wurzeldenken beherrschten arabischen Nomaden, auch und erst recht jene, die man in die Städte getrieben hat (wo sie weiterhin dumpf auf männliche Stammhaltung pochen), sei noch dieser Text erwähnt:

    Das Baumdenken und den Baum denken

    Seit dem verheerenden Sturm über Norddeutschland am 10. Juli 2002, der allein in Berlin rund 4.000 Bäume und in Brandenburg 0,5% der gesamten Waldfläche (von 1,09 Mio Hektar) umriss, wird viel über den Baum nachgedacht. Und mancher Landbesitzer ist nachgerade erschüttert, dass seine schöne Akazie am Haus oder sein alter Birnbaum im Vorgarten nun nicht mehr steht. Bei Carwitz sah ich das halbe Dorf zu einer solitären Eiche am Feldrand pilgern, wo man traurig um den völlig zerfledderten Riesen herum Aufstellung nahm. In Vorpommern waren noch Tage danach ganze Straßen gesperrt, weil die vielen umgestürzten Bäume und abgerissenen Äste nicht so schnell beseitigt werden konnten. Überall knatterten Motorsägen. Auch dieses Geräusch quälte die Baumfreunde landauf, landab. Wochenlang standen deswegen die Bäume immer wieder im Mittelpunkt ihrer Gespräche.

    Ein Berliner Dokumentarfilmer wollte bemerkt haben, dass die Wurzelballen der umstürzenden Bäume immer kleiner werden. So als ob sie sich – wie die Menschen drum herum – selbst zu dem immer öfter notwendig werdenden Standortwechsel befähigen wollten. Die Bäume sind den Menschen inzwischen auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert. Ein englischer Botaniker meinte, dass sie auch oberirdisch immer kleiner und dünner würden. Das gelte insbesondere für die Eichen, die man vornehmlich für den Schiffsbau benutzte und die somit Englands Seemacht mitbegründeten, weswegen dort schon vor Jahrhunderten über jeden Eichbaum Buch geführt wurde. Die Bäume sterben aus, behauptete der Botaniker, „so wie die Dinosaurier einst!“. In Berlin sind gerade die rund 20.000 Kastanien besonders bedroht – von einer mazedonischen Motte. Und in den USA die letzten Mammutbäume – von einem Waldbrand, den man an ihrem Standort nicht löschen will. Aber auch anderswo in Kalifornien sind diese „letzten Riesen“ gefährdet. Die Tochter eines amerikanischen Wanderpresdigers Julia Hill kletterte auf einen dieser Redwood-Bäume – und blieb dort oben in 60 Meter Höhe zwei volle Jahre, um ihn vor dem Gefälltwerden durch eine gewissenlose Nutzholz-Mafia zu schützen – wobei sie schließlich zu einem „höheren Selbst“ gelangte. Seitdem nennt sie sich „Butterfly“. Die Schilderung ihres Weges zur individuellen Erleuchtung (Satori) erschien in nahezu allen Kultursprachen, auf Deutsch im Verlag Bertelsmann-Riemann – unter dem Titel „Die Botschaft der Baumfrau“. Die Autorin ist eine Öko-Mystikerin von Rang und mittlerweile einiger Prominenz – und ihr Werk, abgesehen von der gelungenen Rettung des Mammutbaums, ein Erlebnisbericht, der nichts zu wünschen übrig läßt, außer, daß ihre Extremerfahrung nicht leicht Nachahmer finden wird – obwohl: So wie sich derzeit die Selbstmordattentäter im Islam vermehren, könnten bald auch die Säulenheiligen unter den Ökoaktivisten epidemisch werden – die Schlauchboot-Ninjas von Greenpeace sind bereits auf dem Weg dahin. Julia Butterfly Hill jedenfalls ist weiterhin in diesem oberen Bereich (der Bäume) aktiv.

    Die Deutschen denken aber anders – das gilt auch für die Ökoaktivisten. Ein aufs Land gezogener Genetiker aus Gießen sah das Übel im Baumdenken an sich begründet: das heißt, darin, dass man den Baum isoliert denkt und pflanzt. Denn eigentlich handele es sich dabei nur um ein herausragendes Teil eines komplexen Ökosystems, das aus Gräsern, Pilzen, Sträuchern, niedrigen und hohen Bäumen sowie einer vielfältigen Fauna – bis hin zu Insekten, Würmern, Pilzen und Bakterien – bestehe. Indem wir jedoch den Baum theoretisch wie praktisch isolieren, weihen wir ihn dem Untergang.

    So wie es der Mönch Bonifatius einst mit der riesigen Donareiche bei Fulda tat – indem er ihn fällen ließ. Im vorpommerschen Feldberg gibt es noch heute einen „Heiligen Hain“ aus uralten Buchen; ähnliche Baum-Pilgerstätten sind über ganz Deutschland verstreut – und die Menschen unternehmen Gruppenreisen dorthin. Mein Freund, der Baum! Das Zentralorgan der deutschen Baumdenker, die FAZ, listete unlängst sogar die „100 schönsten und größten“ solitären Bäume Deutschlands auf. Anti-AKW-Aktivisten ketten sich in Gorleben regelmäßig an Fichten, um sie vor dem Fällen zu schützen.

    Die dergestalt quasi individualisierten Bäume, aber auch all die individuell gepflanzten und umhegten in unseren Gärten, Straßen und Parkanlagen können inzwischen auf unser Mitgefühl rechnen. Nicht jedoch die sozusagen industriell angebauten und hochmaschinell bewirtschafteten Nutzwälder, deren Bäume zerschreddert nach wie vor den Grundstoff für unsere Ikea-Möbel, Spanplatten, Zeitungen und Bücher abgeben. Diese wie überdüngte Spargelfelder aussehenden Nutzforste rücken ebenfalls den letzten noch einigermaßen organisch gewachsenen, „gesunden“ (Misch-)Wäldern zuleibe, die zudem von oben – durch Luftverschmutzung – und von unten – durch Grundwasserbelastungen – angegriffen werden. In Bayern will man gerade den Wald privatisieren und damit seine Nutzung optimieren – die FAZ-Herausgeber befanden in einer internen Sondersitzung, dass das zu weit geht.

    Bereits 1984 seufzte der erste Ökoredakteur der taz, Manfred Kriener, in seinem gleichnamigen Buch: „Er war einmal“ – und sprach von einem „deutschen Abschied vom Wald“. Dieser Wald ist nicht erst seit der ruchlosen Tat des baumfeindlichen irischen Fanatikers Bonifatius ebenso überdeterminiert wie gefährdet. Zu römischen Hoch-Zeiten bereits machte ein kleines Partisanenheer um Hermann den Cherusker im Teutoburger Wald gegenüber einer ganzen römischen Legion die Schmach wett, dass die Germanen ansonsten nur allzu willig mit den Besatzern kollaborierten und dadurch ihre Freiheit und das wilde Waldleben verrieten, die selbst der römische Geschichtsschreiber Tacitus so gelobt hatte, dass daraus in Italien eine richtige „Germanenmode“ und „Waldverherrlichung“ wurde. Die Nazis drehten dies dann um, indem sie selbst den deutschen Wald und alles was darin kreuchte und fleuchte unter strengstem Staatsschutz stellten.

    Schon bald hatten die gemeinen „Volksgenossen“ jedoch andere Sorgen: nämlich in den kalten Nachkriegswintern 1945 bis 47 ein Brennholzproblem, dem bald ganze Wälder zum Opfer fielen. Erst als alle Schornsteine wieder rauchten, erinnerte man sich auch wieder an den deutschen Wald – als eine vergängliche Nationalressource. Der Jammer über seinen Zustand war so groß, dass das Wort „Waldsterben“ bald in aller Welt von Umweltschützern auf Deutsch übernommen wurde. In diese Spanne – zwischen Teutoburger Wald, Buchenwald und Waldtrauer – gehören auch zwei künstlerische Bewältigungen der Waldproblematik: Ernst Jüngers nachkriegsdeutscher Entwurf eines leichthinnigenen Privatpartisanen, sein „Waldgänger“, sowie die schwermütigen Waldmythen des im Odenwald lebenden Malers Anselm Kiefer. Aus Frankreich kam zur selben Zeit – von der Pariser Philosophie – der Anstoß, sich endlich von jedweglichem „europäischen Baum- und Wurzeldenken“ zu verabschieden – zugunsten eines eher nomadisch-horizontalen „Rhizom“-Begriffs. Dieser sorgte besonders bei den Deutschen für Furore, bei denen noch kurz vorher ein lückenloser (arischer) „Stammbaum“ über Wohl und Wehe aller Lebensläufe entschieden hatte. Darüber hinaus war damit aber auch gemeint, sich endlich von allen Führungskraft-Anstrengungen und der Sehnsucht nach Vertikalität überhaupt zu entbinden. Heute spricht hier schon fast jeder von „flachen Hierarchien“ und sogar die deutsche Forstwirtschaft lässt sich vom „Outsourcing“ anstecken.

    In der FAZ wurde kurz nach der letzten Waldzerstörung am 16. Juli „Die Pflanzenseele im Zeitalter der Stadtbegrünung“ diskutiert, denn „nie war der Baumhass größer als heute“, klagen angeblich „Beobachter“ und sprechen von einer „professionellen Abhackmentalität“, die als „Baumpflege“ verkauft wird. Der Autor Ulrich Holbein schwang sich deswegen zu einem gütlichen Vorschlag auf, um den „alten Zwist zwischen heidnischer Baumvergötterung und baumfällenden Christen“ zu schlichten. Dabei ging er von dem (germanischen?) Zusammenhang zwischen „geistlicher Erleuchtung und Fotosynthese“ aus – nach Art einer „Vernetzung“ oder „morphischen Resonanz“? – und empfahl den deutschen „Baumfreunden“ kurzerhand, doch einfach in der ununterbrochenen Zeitungs- und Buchproduktion das aktuelle Murmeln der „Baumgeister“ zu vernehmen. Die FAZ-Redaktion gab dem gegenüber jedoch bereits in der Bildunterschrift zum Thema zu bedenken, dass dieser Vorschlag nur bis zur Durchsetzung des „papierlosen Büros“ gelte. Dann nämlich brauchen wir endgültig keine Texte mehr, die sich einem Baumopfer verdanken – wenn schon sonst nichts.

    Bis jetzt ist aber eher eine sogar noch anschwellende Papierflut zu verzeichnen, die sich thematisch immer öfter mit Bäumen befasst – und so deren „geistliche“ Impulse quasi kurzschließt: überbrückt. Mit Titeln wie „Baumgenossen“, „Geist der Bäume“, „Die Botschaft der Baumfrau“ und „Die Frau in den Bäumen. Eine Biologin erforscht das Leben in der Baumkrone“. Nicht zu vergessen, bebilderte Verkaufskataloge über „Baumhäuser – weltweit“. Daneben gibt es längst populärwissenschaftliche Zeitungen, die sich derart spezialisiert haben, dass sie sich nur noch mit Birken, Weiden oder Ahorn zum Beispiel beschäftigen. In Großdiashows zeigt man „Die schönsten Baobab-Bäume der Welt“ und „Die teuersten Bonsai“. In Talkshows über hiesige Waldstreifen werden Schweigeminuten eingeblendet. Schulklassen übernehmen Baumpatenschaften – und denken sich englische Vornamen für ihre einstämmigen Lieblinge aus. Bürgerinitiativen kämpfen mit Baumschulen für weitere Alleen. Und Künstler konzentrieren ihr ganzes Werk auf einen einzigen Baum – den Gingko beispielsweise. Wenn das papierlose Büro nicht bald kommt, dann treten die letzten alten Bäume womöglich noch selbst an die Stelle der jungen Autoren – mit Titeln wie „Die Laubacher Linde – in Selbstzeugnissen“ und „Wenn der große Ilex erzählt. Geschichten aus dem Unterholz“.

    Das rhizomatische Denken dagegen wird wieder in die Kleinverlage abgedrängt – wo es auch hingehört. Denn das haben ja angeblich sogar die Bäume bereits begriffen: Es gilt, ein Kleinwerden zu schaffen, wo alles individuell nach oben und zur Größe strebt. Aus Westafrika kam dazu bereits der (filmische) Vorschlag – von einigen Bäumen: sich einfach hinzulegen! Und sonst weiter nichts zu tun. Schon Tacitus hatte einst über die Germanen geurteilt: „Kein Volk gibt sich so gerne dem Nichtstun hin!“ – Nun aber nicht mehr unter, sondern neben einem Baum.

    Leider ist hier vom alten Müßiggang nicht viel übrig geblieben, im Gegenteil: Etliche Berliner Spaziergänger in den märkischen Wäldern beschwerten sich sogar beim Forstamt, daß die Aufräumarbeiten nicht vorwärtskämen. Einer der Revierförster im Nordosten von Berlin verteidigte sich: „Schneller gehts nicht…Wir haben hier für 1200 Hektar Wald nur noch zwei Arbeiter“. Aus anderen Revieren wurden ihm zusätzlich sechs weitere überstellt. Sie müssen insgesamt 7000 Festmeter fällen: „Das ist mehr als doppelt so viel, wie wir in diesem Jahr normalerweise geerntet hätten“. Insgesamt sind in den märkischen Forsten 190.000 Festmeter auf die Schnelle zu beseitigen – aus Sicherheitsgründen, aber auch um dem Borkenkäfer- und Pilzbefall vorzubeugen. Einen Teil der Sturmschäden wird man diesmal dennoch nicht beseitigen: Auf 30 Hektar soll die Natur sich selbst helfen. Für die Waldökologen ist das ein „Experiment“: Dort entsteht nun unter ihrer Beobachtung ein „Mini-Urwald“.

  6. Zurück zum „Kairo-Virus“ –

    Aus Damaskus meldet dpa um kurz vor 19 Uhr:

    Während im Sicherheitsrat erneut eine Syrien-Resolution am Veto Russlands und Chinas scheitert, eskaliert nach dem tödlichen Anschlag auf Assad-Vertraute der Bürgerkrieg in dem arabischen Land. Aktivisten berichteten am Donnerstag von heftigen Attacken der Regierungstruppen in vielen Landesteilen. Dabei seien im Großraum Damaskus auch Kampfhubschrauber eingesetzt worden. Die Hauptstadt glich nach Angaben von Bewohnern einer Geisterstadt.

    „Nowlebanon. com“ meldet um 19:27 (in Beirut ist es eine Stunde später):

    Al-Arabiya television is broadcasting live footage of the Free Syrian Army’s takeover of Bab al-Hawa border crossing along the Syrian-Turkish border.

    Um 19:53 heißt es:

    The Free Syrian Army took control of three border crossings along Turkish-Syrian and Iraqi-Syrian borders, Al-Arabiya television reported.

    stern.de schrieb vor drei Stunden:

    Bürgerkrieg in Syrien: Der Anfang von Assads Ende

    …Eines scheint klar: Mit der Eliminierung vierer von Assads Spitzenleuten ist eine Eskalation der Gewalt in Gang gesetzt, an deren Ende der Sturz Assads stehen wird. Nur: Wie lange es noch dauern wird, bis dieses Ende erreicht ist – das ist weiter völlig unklar.

    Zwar scheinen sich die Gerüchte von der Flucht des Staatschefs in die Heimatregion seiner Familie nahe der Mittelmeerstadt Latakia in ein Schema des Zerfalls zu fügen, wie die Welt es vor knapp einem Jahr in Libyen erlebte. Dort war mit dem Sturm der Rebellen auf die Hauptstadt Tripolis und der Flucht Gaddafis in seine Geburtstadt Sirte das Ende des Regimes besiegelt. Doch diese Parallelen taugen kaum zur Einordnung der Lage in Syrien.

    Das an sich friedliebende Handelsblatt tönt plötzlich:

    „Die Kämpfe in Syrien: Die Schlacht um Damaskus tobt

    In der syrischen Hauptstadt liefern sich Armee und Regierungsgegner offenbar schwere Kämpfe. Hunderte Einwohner von Damaskus fliehen vor der Gewalt.“

  7. Im „.trend.infopartisan.net“ veröffentlichte Robert Kurz gelegentlich auch selbst – z.B. einen Text mit dem Titel „KRISEN-IMPERIALISMUS – 6 Thesen zum Charakter der neuen Weltordnungskriege“:

    1.

    Kapitalismus ist keine buddhistische Veranstaltung, ihm ist mit einem ahistorischen Verständnis nicht beizukommen. Die identische Logik des Verwertungsprinzips bewirkt nicht die ewige Wiederkehr des Gleichen, sondern einen irreversiblen historischen Prozeß mit qualitativ verschiedenen Verhältnissen. Die jeweilige Weltkonstellation kann nur aus der Entwicklung des Weltkapitals heraus erklärt werden. Wenn sich eine bestimmte Stufe der Verwertung erschöpft hat, werden auch die damit verbundenen politischen Institutionen, Begriffe und Ideologien obsolet. Das gilt umso mehr bei einem Reifegrad des Weltsystems, wie er am Ende des 20. Jahrhunderts erreicht worden ist.

    Die dritte industrielle Revolution der Mikroelektronik hat seit den 80er Jahren damit begonnen, der Verwertung lebendiger Arbeit eine innere historische Schranke zu setzen. Das Kapital wird in dem Sinne „ausbeutungsunfähig“, daß auf der Höhe der von ihm selbst hervorgebrachten und irreversiblen Produktivitäts- und Rentabilitätsstandards keine realökonomische erweiterte Reproduktion (Expansion der Verwertung) mehr möglich ist. Diese „strukturelle Überakkumulation“ des Weltkapitals führt in den Metropolen qua Anwendung der Mikroelektronik zu einer strukturellen Massenarbeitslosigkeit, zu globalen Überkapazitäten und einer Flucht des Geldkapitals in den Finanzüberbau (Finanzblasen-Konjunktur). In der Peripherie verhindert der Mangel an Kapitalkraft die mikroelektronische Aufrüstung; aber gerade dadurch brechen ganze Nationalökonomien und Weltregionen umso schneller zusammen, weil sie so tief unter die Standards der Kapitallogik fallen, daß ihre gesellschaftliche Reproduktion vom Weltmarkt für „ungültig“ erklärt wird.

    In der Folge kommt es zu einem Kostensenkungs- und Stillegungs-Wettlauf. Globalisierung ist nichts anderes als transnationale Rationalisierung und insofern tatsächlich etwas qualitativ Neues. Der traditionelle Kapitalexport in Form von Erweiterungs-Investitionen im Ausland nach dem Baukasten-Prinzip wird ersetzt durch das Outsourcing von betriebswirtschaftlichen Funktionen, um das globale Kostengefälle auszunutzen. So entstehen einerseits transnationale Wertschöpfungsketten, während andererseits gleichzeitig wachsende Teile der gesellschaftlichen Reproduktion austrocknen und absterben. Dieser Prozeß wird überformt und gesteuert vom ebenso globalisierten Finanzblasen-Kapital.

    Allerdings bleibt der alte Abstand zwischen Metropolen und Peripherie auch unter den Krisenbedingungen der Globalisierung erhalten; jetzt nicht mehr als Abstand im Grad der kapitalistischen Entwicklung, sondern als Abstand im Grad des gesellschaftlichen Zerfalls. Die transnationale Wertschöpfung verdichtet sich in den Räumen der „Triade“ (USA/Nordamerika, EU, Japan/Südostasien), während sie in der übrigen Welt immer dünner wird. Dabei sprengt die Dynamik der betriebswirtschaftlichen Globalisierung im Kontext der transnationalen Finanzmärkte die nationalökonomischen Regulationsräume auf.

    Der Staat in den Metropolen verschwindet nicht, aber er hört auf, im klassischen Sinne „ideeller Gesamtkapitalist“ zu sein. Weil er sich im Unterschied zur Betriebswirtschaft nicht transnational zerstreuen kann, verliert er eine Funktion der Regulation nach der anderen und mutiert zur rein repressiven Krisenverwaltung. Es handelt sich aber nicht bloß um eine soziale Degradation wachsender Teile der Gesellschaft, sondern damit zerschlägt das Kapital auch unfreiwillig eine ganze Reihe seiner eigenen Rahmen- und Existenzbedingungen. Das zeigt sich nicht zuletzt in einem Widerspruch neuer Qualität zwischen transnationaler Verwertung des Kapitals und nationaler Form des Geldes (Währung).

    In der Peripherie lösen sich zusammen mit dem Großteil der kapitalistischen Reproduktion die Staatsapparate in einem weitaus größeren Umfang auf. Die öffentlichen Dienste verschwinden fast vollständig, die Verwaltung kapituliert, die Repressionsapparate verwildern. Übrig bleiben nur kleine Produktivitäts- und Rentabilitätsinseln in einem Ozean von Desorganisation und Verelendung. Jede nationalökonomische Entwicklung kommt zum Stillstand; die global agierenden Konzerne reißen sich jene insularen Sektoren als Bestandteile ihrer transnationalen Betriebswirtschaft unter den Nagel. Parallel dazu entsteht eine Plünderungsökonomie, in der die physische Substanz der zusammengebrochenen Volkswirtschaft ausgeschlachtet wird und Bevölkerungsgruppen nach ethnischen oder religiösen Kriterien in einer Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln übereinander herfallen. An die Stelle gesellschaftlicher Institutionen treten marodierende Gruppen. Ein Großteil der Eliten verwandelt sich in die Führung von Ethno- oder Religionsbanditen und Clan-Milizen, in Warlords und Fürsten des Terrors.

    Diese Verhältnisse bilden nur ein Übergangsstadium der Weltkrise an der historischen Grenze des Verwertungsprozesses. Vorerst kann die Plünderungsökonomie noch an den Weltmarkt andocken und die Ausschlachtung der ökonomischen Ruinen ebenso als weitergehenden Verwertungsprozeß erscheinen lassen, wie es andererseits auch durch die immer neue Aufblähung von Finanzblasen in den Zentren geschieht. Aber beide Phänomene nähern sich der völligen Erschöpfung.

    2.

    Vor diesem Hintergrund hat sich der klassische Imperialismus erledigt. Wie sich einerseits die Betriebswirtschaft nicht mehr national formieren und regulieren läßt, so macht andererseits die Unterwerfung und Einverleibung von kapitalistisch überflüssigen Bevölkerungsmassen keinen Sinn mehr. Die territoriale Form der Herrschaft und Expansion ist obsolet geworden. Die „hands“ haben in ihrer globalen Mehrzahl ausgedient, ohne daß sie jedoch aus der kapitalistischen Logik herauskommen, die als negative Welt-Vergesellschaftung auf Biegen und Brechen aufrecht erhalten wird.

    Schon in der Nachkriegsgeschichte war die Konkurrenz der alten (hauptsächlich europäisch bestimmten) nationalen Ausdehnungsmächte abgelöst worden durch die bipolare Konkurrenz der Supermächte USA und Sowjetunion. Dabei war nicht mehr der Kampf um nationale Einflußzonen bestimmend, sondern die Frage der Regulationsprinzipien und Modalitäten kapitalistischer Reproduktion. Es handelte sich um die Konkurrenz der historischen Nachzügler auf dem Weltmarkt, der Gesellschaften „nachholender Modernisierung“ im Bezugsraum der Pax Sowjetica, mit den Gesellschaften des entwickelten kapitalistischen Zentrums im Bezugsraum der Pax Americana. Die USA waren bereits damals zur alleinigen Führungsmacht des Westens auf der Basis kontinentaler Ressourcen und des größten Binnenmarkts der Welt herangereift; uneinholbar davongezogen durch die Dynamik ihres militärisch-industriellen Komplexes seit dem 2. Weltkrieg.

    Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende der „nachholenden Modernisierung“ in der Krise der dritten industriellen Revolution gibt es kein Zurück zu den alten innerimperialistischen Konflikten nationaler Ausdehnungsmächte. Stattdessen haben wir es mit der planetarischen Vereinheitlichung der Pax Americana zu tun; allerdings im Kontext eines prekären Minderheitskapitalismus von Finanzblasen- und Plünderungsökonomie. Es ist lächerlich, von einer neuen innerimperialen Konkurrenz zwischen USA und BRD bzw. EU zu reden. Der in den Jahrzehnten des Nachkriegsbooms aufgebaute US-Militärapparat ist konkurrenzlos; Jahr für Jahr beträgt der US-Rüstungsetat mehr als das Zwanzigfache des deutschen. Es gibt weder militärische noch politische und ökonomische Bedingungen für eine neue Konkurrenzmacht.

    Trotz einer gewissen einschlägigen Rhetorik und einzelner Interessenmomente agieren die USA nicht im Namen einer nationalen territorialen Expansion, sondern als eine Art globale Schutzmacht des Verwertungs-Imperativs und seiner Gesetze unter Krisenbedingungen des Weltsystems. Alle bewegen sich im Kontext transnationaler Verwertungsprozesse unter gleichzeitigem Druck einer wachsenden Masse von „Überflüssigen“. Deshalb ist die Rolle der USA als letzte, monozentrische Supermacht nicht bloß äußerlich von ihrem militärischen Gewicht her zu erklären, sondern auch aus den deterritorialisierten Verhältnissen der Globalisierung selbst. Das gesamte transnationale Kapital, die Finanzmärkte und die verbliebenen Staatsapparate des Zentrums sind abhängig von der weltpolizeilichen Zugriffsfähigkeit der USA.

    Was sich so herausgebildet hat, ist ein „ideeller Gesamtimperialismus“ unter alleiniger Führung der USA, verlängert über die Nato und andere weltkapitalistische Institutionen. Das Feindbild ist ganz eindeutig kein innerimperialistisches nationaler Interessen, sondern ein demokratisch-gesamtimperiales gegen die Krisengespenster des vereinheitlichten Weltsystems. An die Stelle des staatskapitalistischen Imperiums der gescheiterten „nachholenden Modernisierung“ ist als neues „Reich des Bösen“ ein diffuser Komplex von Störpotentialen, Ethno- und Religionsterrorismus, anomischen Verhältnissen usw. getreten.

    Der „ideelle Gesamtimperialismus“ agiert im wesentlichen als Sicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus des demokratischen kapitalistischen Zentrums gegen die vom Kapital selbst erzeugten Krisenverhältnisse, ohne diese je bewältigen zu können. Sicherheit soll hergestellt werden, um den reibungslosen Ablauf kapitalistischer Transaktionen bis in die prekären Verwertungsinseln der Peripherie hinein zu gewährleisten. Dazu gehört an vorderster Stelle, daß der Zufluß des Treibstoffs für die kapitalistische Weltmaschine garantiert wird. Auch dabei geht es aber nicht um spezifisch nationale Ölinteressen, sondern um den Ablauf transnationaler Verwertung. Erst recht jenseits nationaler territorialer Machtansprüche liegt das gemeinsame Ausgrenzungsinteresse des Zentrums gegen die globalen Flucht- und Migrationsbewegungen aus den Zusammenbruchszonen der Peripherie.

    3.

    Die Widersprüche im Rahmen des demokratischen Gesamtimperialismus (etwa der aktuelle Disput zwischen der BRD, Frankreich, Belgien etc. einerseits und der Führungsmacht USA andererseits) sind bloß zweitrangig. Daraus die Logik eines neuen innerimperialen Großkonflikts nach dem Muster der Weltkriegsepoche zu folgern, wäre ungefähr so intelligent wie der Versuch, die Differenzen etwa zwischen Nazi-Deutschland und Franco-Spanien (das sich bekanntlich aus dem 2. Weltkrieg herausgehalten hat) zum „eigentlichen“ Konflikt jener Zeit zu erklären.

    Es ist kein nationales Konkurrenzverhältnis alten Musters, das die gegenwärtigen innerimperialen Auseinandersetzungen bestimmt, sondern die Furcht einiger subalterner Regierungen vor möglicherweise nicht mehr beherrschbaren Konsequenzen. Nato und übrige Staatenwelt differenzieren sich in devote und in zaudernde Vasallen, ohne daß letztere zur offenen Rebellion gegen die USA fähig oder auch nur willens wären. Das Zaudern entspringt eher der Furcht derjenigen, die nicht selber den Finger am Abzugshahn haben, während die Willfährigen eher solche sind, die nichts mehr zu verlieren, aber auch sowieso nichts zu sagen haben.

    Während es bislang einschließlich der Afghanistan-Intervention keinerlei Widerspruch gegen die Weltordnungskriege unter Ägide der USA gegeben und die rotgrüne Regierung ihre germanischen Hilfstruppen mit hurra-demokratischer Ideologie ins Feld geschickt hatte, weckt nun der angekündigte Präventivschlag gegen den Irak Besorgnisse, weil ganz offen Völkerrecht, Uno und Souveränität – die Garantien der viel beschworenen kapitalistischen Staaten- und „Völker“-Gemeinschaft – mißachtet werden. Die BRD, Frankreich und Konsorten bekommen es mit der Angst zu tun, daß mit ihnen bald ähnlich umgesprungen werden und das bisherige legitimatorische Konstrukt seinen Geist aufgeben könnte.

    Daß die USA derart rüde die Spielregeln der von ihnen selbst nach 1945 installierten kapitalistischen Staatenwelt mit Füßen treten, folgt formal aus dem inneren Widerspruch von nationaler Verfaßtheit der letzten Weltmacht einerseits und ihrer transnationalen „Mission“ als Schutzmacht des globalisierten Verwertungsprozesses andererseits. Der tiefere inhaltliche Grund ist aber, daß das Prinzip der Souveränität selber obsolet geworden ist, das gerade darin besteht, Bevölkerungen territorial als „Gesamtarbeitskraft“ zusammenzufassen. Sogar die Staaten des Zentrums einschließlich der USA selbst geben qua „Privatisierung“ bis hin zum Gewaltapparat immer mehr innere Funktionen der Souveränität ab. Indem sie nun auch in der Außenbeziehung die Souveränität der „Schurkenstaaten“ für nichtig erklären, exekutieren die USA nur die Weltkrise auf der politisch-juristischen Ebene, in der sich das Ende aller bürgerlichen Vertragsverhältnisse überhaupt (und letztlich auch das Ende der Souveränität der USA selbst) ankündigt. Der konservative Widerstand eines Teils der europäischen Staatenwelt gegen diese Dynamik ist zum Scheitern verurteilt. Dabei mögen auch alte antiamerikanische Ressentiments eine Rolle spielen, aber keine entscheidende mehr.

    4.

    Das Problem der gesamtimperialen Weltpolizei besteht darin, daß sie nur auf der Ebene von Souveränität agieren kann, die sie andererseits eigenhändig destruieren muß. Das gilt auch für die High-Tech-Waffensysteme, die auf klassische territoriale Konflikte ausgerichtet sind. Die Krisengespenster, Störpotentiale, Terrorbanden usw. sind damit nicht zu erreichen, weil sie selber in den Falten der Globalisierung agieren. Al Kaida ist genau wie ein transnationaler Konzern strukturiert. Die militärische Überlegenheit wird nutzlos, der „Krieg gegen den Terror“ zum Schlag ins Leere. Gleichzeitig droht mit dem Ende der Finanzblasen-Konjunktur ein schwerer Krisenschub für das kapitalistische Zentrum, insbesondere für dessen Herz, die US-Ökonomie selbst, und in der Folge eine schwere Weltdepression. Damit wäre auch die weitere Finanzierungsfähigkeit des High-Tech-Gewaltapparats der letzten Weltmacht in Frage gestellt.

    Deshalb hat die US-Administration vom „Krieg gegen den Terror“ auf das Paradigma der „Schurkenstaaten“ zurückgeschaltet. Der Präventivschlag gegen den Irak signalisiert eine doppelte Flucht nach vorn. Zum einen soll die Ruine der irakischen Souveränität mit ihrer ausgepowerten Armee als leichter Gegner klassischer staatlich-territorialer Prägung „besiegt“ werden, um der Welt zu zeigen, wer Herr im Haus ist. Zum andern soll der drohende ökonomische Einbruch durch den unmittelbaren Zugriff auf die irakischen (vielleicht auch die saudischen) Ölfelder und die Zerschlagung der Opec aufgefangen werden. Dabei geht es weniger um den materiellen Fluß des Öls, der auch ohne Militärintervention gewährleistet wäre, sondern kurzfristig um die Rettung der Finanzmärkte. Das versiegende Recycling aus den Finanzblasen muß erneuert werden, und das geht nicht ohne eine „Zukunftsoption“ für eine neue säkulare Prosperität. Nachdem sich in dieser Hinsicht die Option des „pazifischen Jahrhunderts“ mit dem Zusammenbruch des japanischen und südostasiatischen Modells ebenso als Flop erwiesen hat wie die New Economy des Internet- und Telekom-Kapitalismus, soll es jetzt die Option „Öl zu Vor-Opec-Preisen“ unter direkter US-Kontrolle bringen.

    Der Schuß könnte jedoch nach hinten losgehen. Die irakische Armee ist zwar kein ernsthafter Gegner; aber ein möglicher Städtekampf um Bagdad und andere Zentren mit hohen Opferzahlen, großen Zerstörungen und Millionen von Flüchtlingen würde die USA in der ganzen Welt moralisch diskreditieren. Vor allem aber kann mit Sicherheit kein stabiles Regime installiert werden; Milosevic und Saddam stellen sowieso Auslaufmodelle der Souveränität dar. Eine US-Militärverwaltung des Irak und der gesamten Ölregion in der ständigen Konfrontation mit Guerilla und Terror wäre jedoch weder bezahlbar noch politisch-militärisch durchhaltbar und überdies alles andere als ein Euphorie-Signal für die Finanzmärkte. Der „Sieg“ über den Irak wird unvermeidlich ein Pyrrhus-Sieg, der die Gesamtkrise des Weltsystems nur verschärfen kann.

    5.

    Es geht allerdings auch gar nicht bloß um die Scheinrationalität bestimmter „Interessen“, die immer schon dem irrationalen Selbstzweck des Verwertungsprinzips untergeordnet sind. Der vulgäre Interessenmaterialismus verkennt die Realmetaphysik des Kapitals als säkularisierte Religion, deren Irrationalität an den Grenzen des Systems die binnenrationalen Interessen überwältigt. Der gegen alle sinnlichen Inhalte gleichgültige Verwertungsimperativ verlangt letztlich die Auflösung der physischen Welt in die leere Formabstraktion des Werts, also ihre Vernichtung. Insofern kann von einem geradezu gnostischen Todestrieb des Kapitals gesprochen werden, der sich in der betriebswirtschaftlichen Zerstörungslogik ebenso äußert wie in den Gewaltpotentialen der Konkurrenz. Weil die Widersprüche nicht mehr in ein neues Akkumulationsmodell aufgelöst werden können, wird dieser Todestrieb heute unmittelbar und global manifest.

    Die Selbsterhaltung des Systems um jeden Preis schlägt in die Selbstzerstörung seiner Akteure um. Amokläufer, Selbstmordsekten und Selbstmordattentäter exekutieren den objektiven Wahn in einem nie gekannten Ausmaß als perspektivlose Krisenreaktion. Eng damit verbunden ist das antisemitische Syndrom als letzte krisenideologische Reserve der kapitalistischen Subjektform, das erneut aufbricht und sich nicht mehr auf eine bestimmte nationalimperiale Konstitutionsgeschichte (wie die deutsch-österreichische in der Vergangenheit) konzentriert, sondern in diffusen postmodernen und postnationalen Amalgamierungen insbesondere religiöser Provenienz die Welt überschwemmt.

    Weil sich die kapitalistische Binnenrationalität des bürgerlichen Aufklärungssubjekts nicht in einem neuen Akkumulationsmodell darstellen kann, bildet sie auch keine immanente Potenz gegen den systemischen Todestrieb mehr, sondern schlägt selber unmittelbar in ein Moment dieser Irrationalität um. Aufklärung und Gegenaufklärung, Vernunft und Wahn, Demokratie und Diktatur fallen in eins. Der demokratische Gesamtimperialismus kann seine eigene Krisenwelt nicht befrieden, sondern wird zum „ideellen Gesamtamokläufer“, bis hin zum Atomwaffeneinsatz gegen die Unsicherheitszonen, die ungreifbaren Krisengespenster und die Massen der „Überflüssigen“, wie ihn die US-Administration bereits offen angedroht hat.

    6.

    Es gibt keine immanente Alternative mehr. Weil aber die Linke nichts anderes kennt, als immanente Alternativen auf dem Boden der kapitalistischen Ontologie und Entwicklungsgeschichte zu besetzen, flüchtet sie großenteils in die Vergangenheit und führt einen absurden Streit darüber, ob wir 1914 oder 1941 schreiben. Beide Fraktionen sind intellektuell in der Epoche eines nationalökonomisch formierten Kapitals und nationalimperialer Ausdehnungsmächte sitzen geblieben, beide sind krisentheoretisch und überhaupt hinsichtlich der Kritik der politischen Ökonomie Analphabeten, beide klammern sich an die kapitalistische Binnenrationalität des bürgerlichen Aufklärungssubjekts.

    Die Nostalgiker von 1914 und Anhänger der Mumie Lenins beschwören das Phantasma eines „antiimperialistischen“ Bündnisses der linken Kriegsgegner in den Metropolen mit den „Souveränisten“ und „Völkern“ der 3. Welt, die ihre bürgerliche Unabhängigkeit gegen den US- und BRD- bzw. EU-Imperialismus verteidigen sollen. Die Nostalgiker von 1941 dagegen delirieren mit der Vorstellung einer „Antihitler“-Koalition unter Führung der „guten“ Westmächte gegen den „islamischen Faschismus“ und seine deutschen Helfershelfer zum Schutz Israels und „der Zivilisation“.

    Aber das Saddam-Regime taugt weder als weltbedrohendes Nazi-Imperium noch als hoffnungsfrohe Kraft nationaler Entwicklung, und bin Laden ist weder ein Hitler noch ein Che Guevara. Der palästinensische Staat zerfällt schon vor seiner Gründung, weil Staatlichkeit überhaupt keine emanzipatorische Option mehr ist; umgekehrt kann die Barbarei von Intifada und Selbstmordattentaten nicht mit der fabrikmäßigen Judenvernichtung von Auschwitz gleichgesetzt werden. Die falschen Freunde der 3. Welt subsumieren Israel unter den Imperialismus und ignorieren seine wesentliche Qualität als Resultat des globalen Antisemitismus; die falschen Freunde Israels verherrlichen die für den Mord an Rabin verantwortlichen reaktionär-ultrareligiösen Kräfte und verfallen selber in primitive rassistische Hetze. Die einen negieren Israel als Zufluchtsort, die anderen ignorieren die Tatsache, daß dessen Existenz mehr durch seine eigene innere Krisenbarbarei gefährdet ist als durch äußere militärische Bedrohungen.

    Die Zombies von 1914 nehmen die völkisch-antisemitische, kulturalistisch-antiamerikanische Verwahrlosung von „Klassenkampf“ und „Antiimperialismus“ in Kauf. Die Zombies von 1941 geben jede Kritik des imperialen Weltordnungskriegs preis, denunzieren hemmungslos die bedrängte israelische ebenso wie die US-amerikanische linke Opposition und funktionieren die notwendige Kritik von Antisemitismus und Antizionismus zur Legitimation des demokratischen Bombenterrors um. Gefordert ist stattdessen eine radikale Kriegsgegnerschaft, die sich der wirklichen Weltsituation stellt und eine kategoriale Kritik der kapitalistischen Moderne jenseits der falschen Immanenz von Scheinalternativen entwickelt, die nur noch verschiedene Formen derselben weltbürgerlichen Krisenbarbarei darstellen.

    Editorische Anmerkungen

    Robert Kurz, Jahrgang 1943, seit 35 Jahren in der radikalen Linken aktiv, ist Redakteur und Mitherausgeber der Theoriezeitschrift „Krisis“. Letzte Buchveröffentlichung: Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung (Horlemann, Bad Honnef 2003). Die vorstehenden Thesen fassen einige Grundgedanken dieses Buches zusammen.
    Der Text ist eine Spiegelung von
    http://members.chello.at/hedwig.glatz/streifzuege/str_autor_kurz_krisenimperialismus.html

    Weitere Artikel von Robert Kurz gibt es auf der Krisis-Website.

  8. Im „trend.infopartisan.net“ schrieb Gerhard Hanloser 2004 unter dem Titel „Vom ‚Kommunismus der Sachen‘ zur ‚Anti-Moderne‘- Robert Kurz‘ unvollendete Aufhebungsbewegung“ über „Die Krisis-Gruppe – der ideelle theoretische Gesamtlinke der 90er Jahre“ – auch eine Art Nachruf:

    Das Denken und Theoretisieren der deutschsprachigen Linken wurde entscheidend von der Nürnberger Krisis-Gruppe und namentlich vom langjährigen konkret-Autoren Robert Kurz geprägt. Auch in die Milieus der bundesrepublikanischen Linken, die nicht viel von der Krisentheorie der Krisis-Gruppe hielten oder auch generell die blauen Bände scheuten, zog ein Krisis-Jargon ein, der von „Wertvergesellschaftung“und „Wertkritik“ erzählte, in seiner Kritik am Kapitalismus aber mehr idealistisch-weberianisch als marxistisch argumentierte. Auch die Habitus-Form, nun ganz neue Erkenntnisse zu präsentieren und sich allen möglichen „unaufgehobenen“ Vorläuferbewegungen überlegen zu fühlen, teilten etliche Linke mit der Krisis-Gruppe.

    Die theoretischen Schriften der Krisis-Gruppe stellten Versuche dar nach dem offensichtlichen Bankrott der sozialistischen Ideologie und Praxis, eine radikale Kritik des Bestehenden zu erneuern. 1991 brachte Robert Kurz eine fulminante Schrift heraus, Der Kollaps der Modernisierung, die der Gemeinde konsternierter Linker erklärte, dass der Realsozialismus eine einzige, unvermeidbare Modernisierungsdiktatur war, die keineswegs jenseits der kapitalistischen Logik angesiedelt war. Kurz konnte aber der Linken auch prophezeien: der Realsozialismus ist untergegangen – als nächstes ist der Kapitalismus dran. Letztere These war gewagt und die Erkenntnis vom Sozialismus als Modernisierungsdiktatur keineswegs neu, sondern unter linkskommunistischen, libertären und rätekommunistischen Publizisten und Aktivisten schon länger bekannt. Umso lauter musste Kurz diese Erkenntnis marktschreierisch verkaufen. Auch bei der Suche nach positiven Bezugspunkten war Robert Kurz reichlich spät dran, um so lauter gab er die Ergebnisse seines Suchprozesses bekannt: Arbeitszeitverkürzung wurde längst als Instrument der Arbeitsverdichtung durchschaut, da schrieb sie sich Robert Kurz auf die Fahne; die letzten besetzten Häuser wurden geräumt, legalisierten sich oder gingen an internen Widersprüchen zu Grunde, da meine Robert Kurz im Hausbesetzen könne man den „Ware-Geld-Nexus“ auflösen; und die Neuen Sozialen Bewegungen erkannten Linksradikale schon länger als so klassenübergreifende wie bürgerliche Bewegungen, da kokettiert Kurz mit ihnen und wähnte sich damit dem einst selbst vertretenen „Arbeiterbewegungsmarxismus“ haushoch überlegen.

    Als Robert Kurz Ende der trüben 90er Jahre im Schwarzbuch Kapitalismus an die Sozialrevolten des 18. und 19. Jahrhunderts, an die Maschinenstürmer, erinnerte, legte er dabei eine Naivität im Abfeiern dieser „emanzipatorischen Sozialrevolten“ an den Tag, die weder bei autonomen, sozialrevolutionären, noch gewerkschaftsoppositionellen Publizisten und Historiker anzutreffen war, als diese bereits Anfang der 80er die Geschichte der Maschinenstürmer untersuchten.

    Aber Kurz war, nachdem es mit dem 1991 prognostizierten automatischen Zusammenbruch des Kapitalismus nicht so richtig klappen mochte, auf der Suche nach echten, sympathischen Feinden des Kapitalismus – die „verhausschweinte“ Arbeiterklasse, wie Kurz redundant von sich gab, durfte das freilich nicht sein, nicht nur aus Gründen des alten ML- Stallgeruchs, sondern auch weil die Linke schon immer auf der Suche nach dem reinen, vom schändlichen Kapitalismus unbeleckten Subjekt war.

    Welche Gegner?

    Heutzutage scheint es so, als habe der Kapitalismus nur noch unsympathische Feinde: Islamisten, religiöse Tugendwächter, war lords. Und noch mehr scheint es einigen, sie seien es, weil sie so unbeleckt vom Kapitalismus wären. Übersehen wird gerne, dass genau diese Konfigurationen integraler Bestandteil des krisenhaften Zustands des weltweiten Kapitalismus sind. Die mörderischen Banden sind also nicht die Gegner des Kapitalismus, sondern lediglich Konkurrenten in der Ausgestaltung der Überbauformation des ganzen Schlamassels. Antideutsche Linke, auf ihrem langen Marsch des Abschieds von der Linken, wollen jedoch in diesen Tendenzen des kapitalistischen Weltsystems das größere Übel entdecken und klammern sich verstärkt nach dem 11.September 2001 verzweifelt-aggressiv an die Hegemonialmacht USA, die die Feinde „unserer“ offenen Gesellschaft gefälligst in Zaum halten soll.

    Um diese Angstreaktion gegenüber sich selbst und der linken Gemeinde gleichsam zu rationalisieren wie zu legitimieren, sucht nun diese Szene nach linker, am besten marxistischer Begründung ihres Bekenntnisses zum Westen. Fündig werden sie bei geschichtsphilosophischen Einsprengseln in Marx‘ Schriften. Hier trumpft nun Kurz auf und überführt diese Linke einer mörderischen westlichen Geschichtsphilosophie, die über Leichen geht.Der Nürnberger Krisentheoretiker Robert Kurz hat so einen weiteren Abgesang verfasst: nun auf die pseudo-aufklärerische antideutsche Linke und ihre Ideologie vom freien, konsumistischen Westen, den es gegen die Invasion der (antisemitischen) Barbaren zu schützen gilt. Robert Kurz stimmt in seinem jüngsten Abgesang auf die Antideutschen eine Tonlage an, die sich angenehm abhebt von den mit Verbalinjurien gespickten, aber dennoch verständlichen Wutanfällen, die ihn nach dem 11.September und rund um den Golfkrieg angesichts des Elends der deutschen Linken überkamen und die in der publizistischen Linken dafür sorgten, dass er zur persona non grata wurde.

    Die folgende Kritik an Kurz will ihn als radikalen Theoretiker ernst nehmen, seinen antideutschen Gegnern kann diese Ehre jedoch nicht mehr zuteil werden. Im Gegensatz zu Kurz haben die Antideutschen um die Gruppe ISF und die Zeitschrift bahamas mitsamt ihrem racket-haften Anhang die Seite gewechselt – das ist nicht schön, aber so ist es.

    Ihnen stehen nach eigenem Bekunden der Merkur und Die Welt näher als der Rätekommunismus und Reclaim the streets. Bei allen politischen Unterschieden zwischen antideutscher und robert-kurzscher Ideologie gibt es aber auch deutlich Überschneidungen. Vergessen ist mittlerweile, dass der Lieblingsbegriff der antideutschen Szene, der nonsens-Begriff des „strukturellen Antisemitismus“ zuerst von Robert Kurz und der Krisis-Gruppe in Umlauf gebracht wurde. Mittels dieses Begriffs konnten alle ideologischen Formen von Kritik und Räsonieren über den Kapitalismus, beispielsweise eine ablehnende Bewertung des Finanzkapitals oder das Hoffen auf die regulierende Macht des Staates, als „strukturell antisemitisch“ erklärt werden. Die Antideutschen ebenso wie Robert Kurz wirkten dabei mit, den Antisemitismus-Begriff inhaltlich zu entleeren und zu einer beliebig einsetzbaren Chiffre zu degradieren, die nichts erklärt, nur moralisch verdammt.

    Geschichtsphilosophie und ML

    Kurz weist den Antideutschen nach, dass sie die „bürgerliche Geschichtsphilosophie eines kruden Fortschritts-Determinismus“ vertreten. Und tatsächlich: Wenn Antideutsche die US-amerikanischen Kriege als großen Fortschrittsbringer feiern, argumentieren sie bloß oberflächlich betrachtet wie Traditionsmarxisten – denn sie tun es auf unkritische Weise und ohne an einer Aufhebungs- also Revolutionsperspektive festzuhalten. Die Geschichtsphilosophie der Antideutschen ähnelt so auch in pikanter Weise den frühen, traditionsmarxistischen Ausführungen der Krisis-Gruppe und von Robert Kurz selbst und doch gibt es einen Unterschied ums Ganze: Kurz ging es immer um radikale Umwälzung, auch wenn er die verändernde Praxis der Menschen als quantité négligeable ansah. Die Antideutschen halten dagegen von beidem nichts und umso mehr am Bestehenden fest. Doch um eine wirklich aufhebende Kritik der linken Theoriemisere zu betreiben, gilt es, das Erbe des ML wirklich zu überwinden, nicht bloß wie Kurz, es abstrakt zu verwerfen. Eine Kritik der antideutschen mörderischen Geschichtsphilosophie müsste im Falle von Kurz mit einer Selbstkritik der Krisis-Geschichtsphilosophie verbunden sein. Denn auch wenn in den jüngsten Verlautbarungen von Robert Kurz dem Fortschritt, der Aufklärung, der Vernunft, den Produktivkräften eine harsche Absage erteilt wird, um ein Projekt der gespenstisch klingenden „Gegen-Moderne“ hochzuhalten, lohnt es sich, auf frühere Veröffentlichungen der Krisis-Gruppe und von Robert Kurz zurückzublicken.

    Identität und linke Biographie

    Es ist ein beliebtes linkes Spiel, auf die Vergangenheit linker Personen einzugehen, um im großen Gestus der Enttarnung dem Kontrahenten nachzuweisen, er sei immer noch der gleiche (wahlweise:) Stalinist, Leninist, Maoist, Spontaneist geblieben. Wer so verfährt, hält an der Identitätslogik fest. „Einmal Maoist, immer Maoist“, dieses Spielchen lässt sich in der publizistischen Linken zur Besinnungslosigkeit durchnudeln, haben doch viele Publizisten einen K-Gruppen-Hintergrund. Mit dieser Verfahrensweise wird jedoch auch verschleiert, dass die meisten inhaltlichen Bekundungen der publizistischen Linken keinesfalls einer statischen Ideologieproduktion gehorchen, sondern auf teilweise unnachvollziehbare Weise frühere theoretische Fehler durch Überkompensation wettzumachen gedenken. So finden sich bei den antideutschen Publizisten und ihren Jüngern nicht selten welche, die Anfang der 90er Jahre noch in den trüben Gewässern des Antiimperialismus herumschipperten. Besonders unangenehm ist eine Diskussion mit Antideutschen deshalb, weil sie ihre eigene mao-stalinistische, antiimperialistische oder dumpf-autonome Vergangenheit bekämpfen und jeder Kontrahent von ihnen in diese Rolle gepresst wird, damit die schräge antideutsche Vergangenheitsbewältigung auch gelingen mag.

    Auch bei Robert Kurz finden sich solche unüberlegten, man könnte auch sagen: unaufgehobenen, Reaktionsweisen. Zwischen starrem Objektivismus und idealistischem Subjektivismus hat Robert Kurz in seiner über 10 Jahren währenden Publikationsarbeit bereits jeden Aggregatzustand linken Denkens durchgemacht. Dabei lassen sich die Sprünge und Veränderungen der Kurzschen Kritik durchaus als sympathische Suchbewegung nach einer Theorie der Befreiung werten, auch wenn diese objektiv in Teufels Küche führte.

    Apologetische Geschichtsphilosophie, die Kurz nun bei den Antideutschen zu Recht, aber falsch in Grund und Boden kritisieren will, ließ sich so auch nicht zu knapp in seinen eigenen Schriften finden. Bis zum Schwarzbuch Kapitalismus zeichnete sich die Krisis-Gruppe und ihr Vordenker Robert Kurz durch eine Geschichtsphilosophie aus, die sich in den Termini des „noch nicht“ und „nicht mehr“ ausdrückte: Radikale Kritik, Aufhebung der kapitalistischen Verhältnisse und Kommunismus seien erst jetzt möglich, so Kurz am deutlichsten im Kollaps der Modernisierung von 1991, die historischen Versuche der Überwindung des Kapitalismus mußten notwendigerweise scheitern: Arbeiterbewegung und Linksradikalismus – alles eine bloße Modernisierungsbewegung, die die kategoriale Kritik noch nicht leisten konnte und diese notwendigerweise verfehlt hatte. Bis 1991 war nämlich eine Durchsetzungsphase der abstrakten Arbeit angesagt, erst dann (und dieser Zeitpunkt fällt immer genau mit dem Publizieren der Krisis-Erkenntnis zusammen) ist eine radikale Veränderung möglich. Bis dahin war alle Geschichte notwenig. Den Moment der Veränderung versucht die krisis-Gruppe obendrein in einer Krisentheorie zu fundieren, die auf der recht einfachen Überlegung fußt, daß dem Kapital die produktive Arbeit ausgeht aufgrund der Zunahme von Technologien und dem Herauskürzen der lebendigen Arbeit aus dem Produktionsprozeß. Vor diesem Hintergrund wurde von einer finalen Endkrise des Kapitalismus ausgegangen; ein Kapitalismus, der sich ganz von selbst abschafft, aber davor noch – welch frohe Botschaft – einen „Kommunismus der Sachen“ geschaffen hat. Abermals: Die Produktivkräfte werden es richten.

    Kapitalismus und Faschismus

    In früheren Veröffentlichungen mußte die krisis-Gruppe auch den Nationalsozialismus und Auschwitz in die Logik einer linearen „Durchsetzungsgeschichte“ pressen. Auch in der Geschichtsphilosophie von Kurz machte einmal die Barbarei in der Geschichte Sinn, denn sie hatte ja eine fortschrittliche Funktion. Wohingegen die im Jahr 1993 herrschende Barbarei keinen Sinn mehr machte, weil – wie die krisis qua Krisentheorie bewiesen hat – der ganze Laden hic et nunc an sein Ende gekommen sei. 1993 brachte Kurz in der Aufsatzsammlung Rosemaries Babies. Die Demokratie und ihre Rechtsradikalen diese halsbrecherische Geschichtsmetaphysik auf den Punkt: „Die Barbarei in der Modernisierung läßt sich nirgendwo rechtfertigen. Der Unterschied ist nur der, daß in der Vergangenheit aus den barbarischen Schüben immer wieder die Momente des Zivilisatorischen im positiven Sinne hervorgehen konnten; die doppelgesichtige Moderne besaß trotz ihrer mörderischen Durchsetzungsgeschichte immer noch Spielraum für die ‘zivilisatorische Mission des Kapitals’ (Marx). Immerhin ist doch sogar der Nationalsozialismus durch die zivile Marktwirtschaftdemokratie der BRD abgelöst worden, in der nach den ungeheuren Leiden und Verbrechen die Ernte der fordistischen Prosperität in jenem kurzen Sommer der Nachkriegszeit eingefahren werden konnte. Damit ist es jetzt für immer vorbei.“ Kurz erklärte seinen Lesern hier die geschichtsphilosophische Bedeutung von Auschwitz: Die Produktivkraftentfaltung konnte hinterher weitergehen, es gab immerhin (!) Kühlschränke und TV für die Deutschen im Postfaschismus. Zwischen Auschwitz und Treblinka tat sich so noch ein „Spielraum“ für die „zivilisatorische Mission des Kapitals“ auf.

    Im Schwarzbuch Kapitalismus verzichtete Kurz auf solche Behauptungen. Zwar will er nach wie vor den Nationalsozialismus und Auschwitz in den Strom einer linear gedachten Modernisierungsgeschichte eingeordnet wissen, dies jedoch nicht mehr in apologetischer Absicht. Der Blick war nicht mehr leninistisch nach vorn gerichtet, sondern eher wie Walter Benjamins Engel der Geschichte nach hinten, auf die Trümmer und Leiden, die der Fortschritt produziert hat. Der NS war im Schwarzbuch Kapitalismus nicht nur Stufe, Schub und Übergang, sondern barbarische Spitze einer Katastrophengeschichte. Kurz versuchte das Besondere am Nationalsozialismus und an der „negativen Fabrik Auschwitz“ festzuhalten, ohne die allgemeine kapitalistische Grundlage, auf der sich der Nationalsozialismus entwickelte, in Vergessenheit treten zu lassen. Diese im Kern richtige Überlegung war dann auch denjenigen ein Dorn im Auge, die mit der Behauptung der Einmaligkeit von Auschwitz von nun an über den Kapitalismus schweigen wollen oder unverbindliche und sich äußerliche Kategorien aufstellen wollen: auf der einen Seite Kapitalismuskritik, auf der anderen Kritik des NS. So vermochte beispielsweise der reform-antideutsche Publizist Günter Jacob in konkret vom April 2000 nur noch moralisch die Besonderheit und das absolut Böse von Auschwitz gegen einen Rückbezug des NS auf den krisenhaften Kapitalismus hochzuhalten.

    Heutzutage verfallen die Hardcore-Antideutschen mehr und mehr darauf, „normalen Kapitalismus“ und „Deutschland“ als sich äußerliche Prinzipien in der Geschichte zu fixieren. Für sie gibt es sogar eine „deutsche Produktionsweise“, die dem Kapitalismus in der Hinsicht „entsprungen“ ist, dass sie eine andere, nicht-kapitalistische Ordnung darstellt. Der Zweck der Übung ist klar und wird in der „Antideutschen Ideologie“ von Kurz auch prägnant auf den Punkt gebracht: auf gut bürgerlich-antifaschistisch wird der Kapitalismus affirmiert.

    Doch wie sieht Robert Kurz das Verhältnis von bürgerlicher Gesellschaft und NS-Faschismus? Wurde im Schwarbuch Kapitalismus bereits eine Gradlinigkeit skizziert, die Kurz seiner Katastrophengeschichte des Kapitalismus unterstellt, so wird in seinen jüngsten Veröffentlichungen dagegen alles zu einem grauen Brei. Aufklärung und Gegen-Aufklärung, Fortschritt und Regression – alles eins. Dabei wäre es in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus und Nationalsozialismus gerade von Bedeutung aufzuzeigen, dass die Regulation des Kapitalverhältnisses durch die Krise von 1929 an eine Grenze stieß und nur über den so kapitalismusbewahrenden, wie scheinrevolutionären Charakter des NS in anderer, aber der kapitalistischen Krisenhaftigkeit nicht entkommenden Form bewerkstelligt werden sollte. Der Kapitalismus ist mit Freiheit, Gleichheit, Eigentum nicht das Gegenprinzip zur totalen Volksgemeinschaft des NS, er ist aber auch nicht schlicht und ergreifend das Gleiche, sondern bringt die faschistische Formierung in dem Moment hervor, wo er sich selbst auf der bisherigen Grundlage nicht mehr reproduzieren kann. Er muss sich in dem Maße terroristisch radikalisieren, wie eine liberale Handhabung der Krise versperrt ist.

    Kategorie, Empirie und Geschichte

    Kurz weist in der „Antideutschen Ideolgie“ darauf hin, wie die Antideutschen an der Empirie vorbei argumentieren und vom Verlauf der realen Geschichte nichts wissen wollen. Die reale Geschichte dient als formbares Material, um die Kategorien zu unterfüttern. Das lässt sich am besten bei den antideutschen Nahost-Experten der Jungle World beobachten: Es kostet Thomas Uwer und von der Osten-Sacken einige Mühe, die Fakten über den Irak ihren am laufenden Meter produzierten Fehleinschätzungen anzupassen. Sartre kritisierte diese Methode, die Empirie der Theorie nachzuordnen, bereits beim orthodoxen Marxismus: „die Analyse besteht einzig und alleine darin, sich der Details zu entledigen, die Bedeutung bestimmter Ereignisse zu übertreiben, die Tatsachen zu entstellen und sogar welche zu erfinden, um hinter ihnen, als ihre Substanz, unveränderliche und fetischisierte ‘synthetische Begriffe’ wiederzufinden“.

    Die Budapester Metro war im Kopf von Rákosi, dem Generalsekretär der Partei der Arbeit, wirklich; wenn der Untergrund von Budapest nicht erlaubte, sie zu bauen, dann war eben dieser Boden konterrevolutionär. Das von den USA herbeigeführte irakische 1789 war im bellizistischen Kopf von Uwer und von der Osten-Sacken wirklich, wenn sich jetzt im Irak die bürgerliche Gesellschaft nicht so einfach durchsetzen kann, gilt es um so mehr Daumen für die USA zu drücken, damit die Bürgergesellschaft doch noch real werde.

    Doch auch bei der Krisis-Gruppe lässt sich diese Methode finden. Einer dieser ‘synthetischen Begriffe’ der krisis-Gruppe ist der der Warenform, die sich in der Geschichte umfassend ausgebreitet hat. Diese elementare Grundform der kapitalistischen Gesellschaft wurde, so verkündete Kurz noch 1989 in der Marxistischen Kritik, dem publizistischen Vorläufer der krisis, durch den Klassenkampf selbst auf den Weg gebracht. Klassenkampf war demnach für Kurz stromlinienförmig in die Durchsetzungsgeschichte der Warenform eingepaßt. Die heftigen Klassenkonflikte im 19. Jahrhundert seien nicht etwa gegen den Kapitalismus gerichtet gewesen, sondern hätten diesen lediglich auf den Weg gebracht. Der Marxismus und sein Klassenbegriff sind, so Kurz, einer Täuschung aufgesessen. „Dieser falsche Schein konnte nur entstehen, solange die ‘Arbeiterklasse’ innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht als offizielles Konkurrenzsubjekt anerkannt war, solange sie noch gegen den halbfeudalen Staat und/oder gegen mächtige Einzelkapitale ihre ‘Koalitionsfreiheit’, überhaupt ihre ‘Rechte’ als warenförmiges soziales Subjekt geltend machen und durchsetzen mußte“. In der Wirklichkeit war es aber gerade anders herum: Die der Arbeiterklasse zugestandenen Rechte wie die Koalitionsfreiheit waren gravierende Verstöße gegen die Warenförmigkeit der Arbeit.

    Doch im Kollaps der Modernisierung ging Kurz noch weiter. Hier war es auf einmal die Konkurrenz, die noch Vernunft und Sinn in die ganze kapitalistische Modernisierungsgeschichte hineinbrachte. „Marx hat das positive, fortschrittliche, emanzipatorische Moment der Konkurrenz nie verkannt und als ‚zivilisatorische Mission des Kapitals‘ bezeichnet“ – steht’s in der bahamas oder im Kollaps? Tatsächlich in letzterem.

    Statt nur das antideutsche „Konkurrenzsubjekt“ zu verfluchen, wie es Kurz heutzutage beliebt, wäre eine Auseinandersetzung mit den Thesen Polanyis angebrachter, mit denen man zumindest verstehen könnte, dass gerade das Ausschalten der puren Konkurrenz und der reinen Marktlogik die „zivilisatorische Mission von Staat und Kapital“ war. Gegen Polanyi und seine keynesianischen und linksgewerkschaftlichen Freunde müsste aber auch festgehalten werden, dass genau diese vom Staat (teilweise mit, teilweise gegen das Kapital) aufgebauten Strukturen jenseits des puren Marktes einzig zum Zweck errichtet wurden, dass der ganze Laden nicht zusammenbricht oder von unten abgeräumt wird.

    Produktivkräfte

    Beim AEG-Chef Walter Rathenau, der den kriegswirtschaftlichen staatlichen Dirigismus sozialistisch verbrämte, hieß es: „Wir sind doch schon im Kommunismus halb drin“. Bei Kurz, der diesen Satz 1999 im Schwarzbuch Kapitalismus als Beispiel eines imperialistischen Produktivkraftfetischismus zitiert, hieß es 1991 im Kollaps der Modernisierung: „Die Menschheit ist damit konfrontiert, daß sie durch die selbstgeschaffenen Produktivkräfte hinter ihrem Rücken auf der inhaltlich-stofflichen und ‘technischen’ Ebene kommunistisch vergesellschaftet wurde.“ Richtig geklappt hat es mit dem hinterrücks eingeführten Kommunismus nicht, auch Robert Kurz hat das mehr oder minder bewusst wahrgenommen. Die Vergesellschaftungspotenz des Kapitalismus nimmt weltweit ab. Angesichts dieser Situation glauben antideutsche Modernisierungstheoretiker, dass das Vergesellschaften nicht von hinten, sondern von oben zu kommen hat: mittels B-52 und Protektoraten. Alles Schlechte kommt bei ihnen ohnehin von unten. Jeglicher kritische Gehalt, den selbst der orthodoxe Leninismus des Robert Kurz von 91 noch für sich beanspruchen wollte, ist somit suspendiert.

    Die Antideutschen nehmen allerdings weit realistischer als Kurz im Jahre 1991 die Desintegration des weltweiten Kapitalismus wahr. Was dies bei ihnen auslöst ist nicht Geschichtsoptimismus, sondern Angst. Die Angst der Intergrationswilligen führte immer schon zu Aggressivität. Nur so lässt sich erklären, dass die Antideutschen auf die pazifizierende Funktion des aktuellen Hegemons des kapitalistischen Weltsystems hoffen. In ihrer aggressiven Verzweiflung bejahen sie die Entwicklung der Produktivkräfte in ihrer Form als offensichtliche Destruktionskräfte: die Bombe und den Krieg.

    Außerdem affirmieren sie Konkurrenz und Warenfetischismus, als Momente, um das Individuum aus unmündigen Verhältnissen herauszuführen. Dass genau die kapitalistische Produktivkraftentwicklung, die sie abfeiern wollen, auf Weltebene eine schmale Elite von Trägern des General Intellect hervorbringt und ein Heer von Ausgestoßenen und Ausgespuckten, die sich zusehens von fundamentalistischen Eliten auf himmlische Versprechungen vertrösten lassen, müssen die Kapitalismusaffirmativen dabei verdrängen. Der dem westlich-metropolitanen Flaneur begegnende Warenfetisch mag auch nur dort ankommen, wo tatsächlich Produkte mit der Chance auf Realisierung ihres Werts hingelangen, und Konkurrenz ist nicht das Versprechen auf ein bisserl mehr Wahlmöglichkeiten in einer Gesellschaft der fröhlichen einfachen Warenproduzenten, sondern entscheidet auf dem Weltmarkt nun einmal über Prosperität oder Abgehängt-Sein ganzer Regionen. Aber auch das ist kein Argument, das Antideutsche überzeugen mag, wähnen sie sich doch in dieser Hinsicht auf der sicheren Seite.

    Nach dem 11.September radikalisierte sich diese Haltung und mit den Ideologien vom Kampf gegen die Barbarei schöpfte dieser Teil der „Linken“ aus dem Arsenal westlicher Legitimationsstrategien, um schließlich in der offenen Apologie des Bestehenden zu landen.

    Fortschritt

    Auch die beste Kritik an den Antideutschen, die Kurz freilich nicht liefert, wird diese Szene keineswegs überzeugen können, die Gedanken sind nun mal nicht frei. Wollen die Antideutschen idealistisch gestimmt noch so sehr, dass das Bewußtsein das Sein bestimmt, so werden gerade sie in besonderem Maße von den naturwüchsigen Ideologien des aktuellen Kapitalismus übermannt. Der Zustand des Kapitalismus spiegelt sich in unbewusster Weise im Denken der Antideutschen wider. Der Appell an ihr (falsches) Bewusstsein verhallt ungehört. Die antideutsche Szene wird so mehr oder weniger an ihrer eigenen Gang-Struktur zu Grunde gehen, in der jede Abweichung von der reinen Lehre sanktioniert wird und man sich schon über die Frage, an welchem Tag man welche Fahnen schwenken darf, in die Haare kriegt.

    Positiv ist zu vermerken, dass Robert Kurz sich die Antideutschen und ihre Ideologieproduktion vornimmt, um einen alternativen Entwurf kritischer Theorie zu liefern. Doch genau darin scheitert er. In der Ablehnung seiner antideutschen Gegenspieler bleibt Kurz noch den falschen Dichotomien verhaftet, macht tabula rasa, wo eine neue Anstrengung des Begriffs notwendig wäre. So verfällt Kurz dem Reflex, sämtliche Begriffe, die die Antideutschen für sich pachten, dem historischen Orkus zu übergeben.

    Sehen sich die Antideutschen einer Geschichtsphilosophie verpflichtet, wonach den „rückständigen“ und „vor-modern“ behaupteten Länder die Aufklärung durch die US-G.I.s zu bringen sei, macht Kurz gleich ganz Schluss mit der Dialektik der Aufklärung und des Fortschritts. Er zieht generell gegen die „Aufklärungs-Ideologie“ zu Feld, gibt sich nicht die Mühe, einen kritischen Vernunftsbegriff gegen den Begriff der instrumentellen Vernunft abzuheben. Stattdessen bemüht er den reichlich vagen Begriff einer „emanzipatorischen Anti-Moderne“, den es nun stark zu machen gelte.

    Wer mit der antideutschen Ideologie sich auseinandersetzt, sollte sich zumindest mit der „deutschen Ideologie“ von Marx und Engels auseinandersetzen. Hier wird nämlich keine Geschichtsphilosophie präsentiert, sondern eine kritische Geschichtstheorie. Weder die Antideutschen noch Kurz wollen diese zur Kenntnis nehmen. Die von Marx und Engels angenommene Tendenz zur Klassenbildung und Produktivkraftentwicklung und der daraus resultierende Möglichkeit einer umfassenden sozialen Revolution, die keine bloß politische, also bürgerliche ist, wird von den Antideutschen stillschweigend gestrichen. Marx sprach von Fortschritt im emphatischen Sinne nur unter der Voraussetzung und angesichts der Möglichkeit der Revolution. Die antideutschen Ideologen behaupten das Ende der Möglichkeit von Revolution, „Kommunismus“ ist in diesen Kreisen nur noch eine hohle Phrase, reine Reminiszenz. Die Antideutschen wollen am Kapitalismus festhalten, der für Marx als Moment der geschichtlichen Entwicklung nicht schon an sich bewahrenswert war, sondern nur die Voraussetzung einer wirklichen Versöhnung darstellt, indem er erstmal die Emanzipation von unmittelbarer Herrschaft durchsetzt. Marx lehnte die alten Gesellschaften mit ihren Archaismen nicht deswegen ab, weil er die Verdinglichungen und moderneren Fetischformen des Kapitalismus auf Dauer stellen wollte, sondern weil er die Bedingungen der Möglichkeit eines Bruchs mit den kapitalistischen Verhältnissen untersuchen wollte. Der Bruch, die Revolution und die Konstitution eines „wahren Gemeinwesens“ lag Marx aber so sehr am Herzen – teilweise auch gegen sein eigenes evolutionistisches Denken -, dass er gegen Ende seines Lebens selbst mit der Möglichkeit einer unmittelbaren Revolution in Russland und dem Überspringen einer bürgerlich-kapitalistischen Phase kokettierte.

    Dagegen ist das antideutsche Insistieren auf Entwicklung und Fortschritt nur Ausdruck ihrer bürgerlichen Ideologie. Kurz fordert dagegen den Bruch mit den als barbarisch erkannten Verhältnissen, der – soviel hat der Theoretiker eingesehen – nicht mittels eines Selbstläufers des „Kommunismus der Sachen“ zu bewerkstelligen ist. Doch diese Erkenntnis führt bei ihm dazu, jede Diskussion um die materielle Voraussetzung und Möglichkeit von Kommunismus abzuwehren. Außerdem ist Kurz jeglicher Rekurs auf Klassenbildung und Klassenkampf verdächtig. So wird aus seiner Kritik jedoch eine Mischung aus vor-kantianischem Idealismus und Romantik.

    Desintegrierter Kapitalismus

    Antideutsche Irak-Experten begründeten ihren Bellizismus damit, dass sich im US-verwalteten Irak doch endlich bürgerliche Verhältnisse, frei Wahlen, die Entwicklung einer Zivilgesellschaft, der citoyen gegenüber den als vormodern verstandenen Verhältnissen unter Saddam Hussein durchsetzen könnten.

    Nur der Bürger, und die Antideutschen sind eben Bürger im Zustand der Krise, kann die Verhältnisse so von den Füssen auf den Kopf stellen. Denn der bürgerliche Fortschritt, das Fortschreiten und sich Ausbreiten bürgerlicher Rechtsformen beispielsweise, mag auch bloß vor dem Hintergrund einer gelungenen Durchsetzung des Kapitalismus als Vergesellschaftungsmodell funktionieren. Außerdem entwickelt sich dieser Überbau immer im Handgemenge mit dem Klassenkampf, mit politischen und sozialen Ansprüchen, die es zu befriedigen oder zu unterdrücken gilt.

    Der Kapitalismus als Vergesellschaftungsmodell ist heutzutage weniger denn je funktionstüchtig. Er hat seine integrierende Funktion verloren, obwohl alles „innen“ ist und es kein „Außen“ mehr gibt. Das ist auch der entscheidende Unterschied zur Phase des Keynesianismus und Fordismus, die noch alles zum „Innen“ machen konnte. Die Roosevelt-Administration steht ab den vierziger Jahren für einen solchen Gleichklang von zukunftsweisendem sozialen Entwicklungsversprechen und bürgerlicher Emanzipation – Linksradikale sollten dabei jedoch nicht vergessen, dass auch diese ausbeuterische Ordnung nur über Krieg und das Abschleifen der letzten Reste von Arbeitermilitanz möglich war. Auch sollte man sich bewußt machen, dass gegen diese reformistisch-keynesianische Inklusion der Arbeitermassen in die politische Ökonomie – und damit ihre relative Machtstellung – die neoliberale Konterrevolution ab Anfang der 70er vorging, um dieses Machtverhältnis umzukehren und die Arbeiterinnen und Arbeiter wieder verstärkt zu einer abhängigen Größe zu machen.

    Nichts ist besser für die Arbeiterinnen und Arbeiter geworden, und für das Kapital auch nur scheinbar. Der Kapitalismus ist in einer tiefen Systemkrise. Der aktuelle Kapitalismus, der gerne „Neoliberalismus“ genannt wird, ist gut im Zersetzen, er ist aber keine schaffende Kraft. Produziert er im Inneren seiner Hegemonialmacht den großen Stromausfall, so kann er den Rändern des Weltsystems nichts mehr offerieren. So gesehen ist der Islamismus Ausdruck der Unfähigkeit des kapitalistischen Weltsystems integrativ zu wirken, er ist eine barbarische Antwort auf die totale Weltmarktintegration, die nicht sozial integriert, sondern sozialen Ausschluß bedeutet. Die Politik der USA dagegen ist Ausdruck davon, dass der Hegemon lediglich militärisch auf die Krise des Weltsystems antworten kann. Die Möglichkeit eines positiven Angebots von Vergesellschaftung wie sie Japan und Deutschland nach 1945 mit Konsumismus, Integration in die „freie, westliche Welt“ und Antikommunismus, der Dritten Welt dagegen mit formaler Entkolonisierung gemacht wurde, steht heutzutage überhaupt nicht zur Debatte. In den alten Metropolen wird ein Programm der systematischen Verarmung gefahren, und die postkolonialen Staaten, die sich zuweilen in failed states verwandeln, dürfen zwischen Rekolonisierung oder schlichtem Vergessen-Werden und Warlordisierung wählen.

    Die Antideutschen wollen nun diesen zusehend verzweifelten, falschen und kompensatorischen Bemühungen der USA und ihrer westlichen Verbündeten, der Krise Herr zu werden, noch letzte Reste einer Vernunft zusprechen, die sich schon lange auf dieser Ebene verflüchtigt hat. Wo nicht mehr integriert werden kann, muss ausgegrenzt und stillgestellt werden. Dies ist die aktuelle Logik des Kapitalismus, der die Antideutschen folgen wollen. Damit sind sie nolens volens unkritisch geworden und artikulieren die bürgerliche Angst im Kapitalismus, die sie mittels militaristischer „Bomber Harris“-, USA- und IDF-Kraftmeierei überkompensieren. Natürlich ist der antideutsche Bürger vor diesem Hintergrund auch rassistisch.

    Die Moral des Kulturpessimisten und des Konkurrenzsubjekts

    Das ist alles hinlänglich bekannt, man muss nur ein paar Erklärungen antideutscher Sekten lesen, um das deutlich herauszulesen. Kurz‘ Buch liefert dafür nochmals passende Beispiele und Kopfschütteln provozierende Erklärungen antideutscher Autoren, er verpasst dies aber auf den oben skizzierten Verlauf der kapitalistischen Ordnung zu beziehen. Auch einige Kritiken der „Diskursstrategien“ der Antideutschen werden von Kurz sehr klar benannt: zum Beispiel die Verwechslung von Kritik mit Denunziation, die faktenresistente Ideologieproduktion in diesen Kreisen und das bloße Assoziieren, statt Analysen vorzulegen. Andere Diskursstrategien muss Kurz übersehen, weil sie teilweise auch die seinen sind: das Moralisieren und das Skandalisieren. Moralisieren die Antideutschen mit ihrem verselbstständigten Hinweis auf Auschwitz und den Antisemitismus, mit denen besonders deutsche Linke, die in den wenigsten Fällen auf eine glanzvolle Familiengeschichte und Biographie zurückblicken können, eingeschüchtert werden können, so fährt Kurz mit bewegungslinken Skandalgeschützen auf und weiß dem „weissen Mann“ als Ausweg aus der Verstrickung das mehr als vage und arg konstruiert erscheinende wertkritisch-feministische „Abspaltungstheorie“ anzubieten. Der Wert ist der Mann, der Antideutsche ist der weiße Mann – wenn es doch nur so einfach wäre…

    Dem Kapitalismus eine „weibliche“, abgespaltene Dimension zur Seite zu stellen, verdunkelt nur das eigentliche Problem: Das Kapital ist geschlechtsneutral und kennt für seine Zwecke zunehmend kein Geschlecht mehr, die ihm unterworfenen Subjekte jedoch sehr wohl.

    Das „Weibliche“ an sich ist kein Ausweg aus der kapitalistischen Totalität, es ist auch nicht abgespalten, sondern findet sich mal als geschlechtsübergreifend gedachte, abrufbare Eigenschaft der Selbstverwertung, mal als den Frauen zugewiesener und nicht selten von ihnen selbst eingeklagter Archaismus wieder. Als Emanzipationstheorie nützt die Wertabspaltungstheorie nicht.

    Neben dieser halbgaren Rettungsphilosophie verleiht auch das Insistieren auf eine „Anti-Moderne“ den Ausführungen von Kurz einen merkwürdig anmutenden Konservativismus.

    Für den hedonistischen Sozialisationstypus der Postmoderne war die geschichtspessimistische Katastrophengeschichte, die Kurz präsentiert, schon immer ein gefundenes Fressen. ‚Mehr Plastik, weniger kulturkritisches Gejammer‘, forderte so bereits der Popjournalist Dietrich Diedrichsen in einer Schwarzbuch-Rezension in der jungle World (15/2000) „Blind bleibt Kurz systematisch für den ‘Traum von einer Sache’ (Marx an Ruge), der zu Marx’ Zeiten in religiöser Mystifikation und ‘sich selbst unklarem Bewußtsein’, heute aber, wie blind und begrifflos auch immer, in den Bildern und Narrativen der Konsumkultur schlummert, verdreht und verkehrt, aber eben an nicht unwesentlichen Stellen funktional verankert. Die Forderung müßte doch eigentlich heißen, diesen als von heute lebenden Personen tatsächlich geträumten Traum ans Licht des Tages zu bringen, also die Versprechen der Warenwelt zu verwirklichen, statt sich vor ihr in Holz und Wald zurückzuziehen.“ Diedrichsen reflektiert auf das Pop-Spektakel, als das der Kapitalismus außerhalb des Produktionsprozesses auf der Zirkulationspäre in den Metropolen erscheint.

    Auf der gleichen zirkulationsfixierten Ebene argumentieren die Antideutschen, doch wo es Diedrichsen noch um die Verwirklichung der Träume geht, meinen sie, diese seien doch schon lebbar. Liberté toujours – und zwar hier und jetzt! Was gäbe es für die Antideutschen an der kapitalistischen brave new world noch auszusetzen, existierten bloß die Hohmänner und Islamisten nicht?

    Zuweilen gibt man sich ja flotten Konsumententräumen hin, die lediglich im umgangssprachlichen Verständnis „materialistisch“ sind: Wer würde nicht lieber in New York flanieren, als in Bagdad zu darben, wer würde sich nicht lieber mit Fanta erfrischen, anstatt vor der Fathwa zu fliehen?

    Damit wird auf einer prinzipiellen Ebene ausgeblendet, dass der Skandal des Kapitalismus darin besteht, eine ungeheure Warensammlung zu produzieren, technologische Sprünge und Konsumversprechungen zu machen, doch aufgrund der Herrschaft des Wertes nicht zulassen zu können, dass sich der Reichtum auch tatsächlich in frei verfügbare Zeit und ein gutes Leben für die Individuen umsetzt. Auf der Ebene des kapitalistischen Weltmarktes bedeutet die Prosperität hier das Sterben bei „Naturkatastrophen“ woanders, die Ölfressergesellschaft da, die Oligarchie dort.

    It’s dialectic…!

    Ärgerlich sind Kurz eigene Versuche, die Kritik am Kapitalismus zu erneuern. Er streicht die von der Kritischen Theorie festgehaltene Möglichkeit eines anderen Vernunftsbegriffs und der Möglichkeiten, die die Entwicklung der Produktivkräfte an sich bereithalten. Dass zum Beispiel Herbert Marcuse einen emphatischen Vernunftsbegriff vertrat, in dem libidinöses Leben vernünftig ist, mag Kurz aus dem Blick geraten. Auch Adorno hat in seinem „Fortschritts“-Aufsatz wie in der mit Horkheimer verfassten „Dialektik der Aufklärung“ keinesfalls technik-, fortschritts-, und aufklärungsfeindlich argumentiert, war sich aber des Technikschleiers und der Herrschaft des fixen Kapitals durchaus bewußt. Hatte Kurz noch im 1991 verfassten Kollaps der Modernisierung ganz geschichtsoptimistisch einen „Kommunismus der Sachen“ propagiert und die Kritische Theorie wegen „abgetakeltem Aufklärungsdenken“ jenseits der materiellen Bestimmungen abgewatscht, so ist nun Kurz viel kulturpessimistischer und unmaterialistischer als die Kritischen Theoretiker es jemals sich erlaubt hätten. Und wie verhält es sich mit dem Marx des Kurz? Kurz will eine marxistische Kritik ohne Reflexion auf Mehrwert und Klassenstruktur, Begriffe, die er lediglich in einer Arbeiterbewegungstradition situiert sieht. Übrig bleibt die modische Neue Deutsche Wertkritik, die bis weit ins antideutsch inspirierte Lager reicht: Man redet von einem abstrakten, subjektlosen Fetischverhältnis, ohne überhaupt angeben zu können, was denn nun scheinbar naturwüchsig von diesen Verhältnissen verschleiert wird: eben die Ausbeutung lebendiger Arbeit und die dafür notwenige Klassenstruktur des Kapitalismus. Nun mag es nicht mehr allzu chic sein, von Klassenstruktur, Mehrwert und Profit zu sprechen, aber entweder man will die Verhältnisse mit Marx kritisieren, dann hilft ein verhackstückter Marx nicht weiter, oder man meint, Marx verabschieden zu müssen, um eine allgemeinere Kritik üben zu können. In dem Sinne ist auch das jüngst von Kurz bekundete Interesse an der Postmoderne und ihrer Subjekt- und Aufklärungskritik konsequent. Robert Kurz wäre dann aber der erste ex-marxistische Postmoderne im konservativen Gewand. Wenigstens mal was Neues.

    Und jetzt?

    Es bleibt also noch eine Menge zu tun: Es gilt einen Begriff von sozialer Egalität zu verteidigen, den die Antideutschen flott individualistisch gestimmt entsorgen wollen und Kurz als Teil der Aufklärungsideologie abkanzelt. Der Emanzipationsbegriff muss wieder vor dem Hintergrund einer neuen Ideologiekritik reformuliert werden: Wer will sich wohin emanzipieren? Emanzipation war oft genug Befreiung aus herrschaftlichen und ausbeuterischen Verhältnissen, die ihrerseits jedoch nur neue modernisierte Ausbeutungsformen gebiert. Hier gilt es auch den Politiker Marx zu kritisieren, der um 1848 dem Bürgertum doch zu viel zutraute und blind gegenüber der Logik der Revolten und den sozialen Emanzipationsversprechen von unten war. Die Frage der radikalen Umwälzung muss im Rahmen einer materialistischen Untersuchung des Bestehenden gelöst werden, also in der Immanenz. Oder wie Marcuse es formulierte: Die ‚Möglichkeiten‘ müssen sich innerhalb der Reichweite der jeweiligen Gesellschaft befinden. Gegen Negri und Hardt und den Kurz des „Kommunismus der Sachen“ muss allerdings auf den Bruch, auf die Veränderung nicht nur der Form, sondern auch des Inhalts, also auf das Transzendieren im nicht-metaphysischen Sinne insistiert werden. Nie vergessen, nie verzeihen sollte man auch, doch nicht das Nachtrauern und Schönfärben der vergangenen geschlagenen Sozialrevolten, wie es Kurz seit dem „Schwarzbuch Kapitalismus“ beliebte, sondern nur der Aufstand im Hier und Jetzt kann die geschlagenen Schlachten der Vergangenheit rächen. Vor allem müsste es darum gehen, die den Fetischformen verhaftete, wie die sie überschreitende Praxis der Leute im Kapitalismus zu untersuchen. Behaupten Antideutsche, das Kapital sei gottgleiches „automatisches Subjekt“, dessen kalte Logik, Fetischismen und Verdinglichungen sie im Gegensatz zur direkten Herrschaft und dem Zurückgeworfensein vieler Weltgegenden auf unmittelbare Herrschafts- und Ausbeutungsbedingungen als kleineres Übel affirmieren, so raunt Kurz, alles sei ein „subjektloser Fetischzusammenhang“ mit Selbstzweckcharakter. Doch das Kapital folgt nicht einem Selbstzweck (etwa dem „Selbstzweck Arbeit“), sondern dem Zweck der Mehrwertproduktion und des Profits. Als spezifisches Ausbeutungsverhältnis, das in den Formen der formalen Gleichheit und Freiheit die Herrschaft hervorbringt, ist das Kapitalverhältnis ein soziales Verhältnis, das abstrakten Gesetzen, einer scheinbaren Naturwüchsigkeit folgt und sich hinter dem Rücken der Menschen abspielt, es ist aber nicht „subjektlos“. Es braucht vielmehr Träger dieses Verhältnisses (z.B. die Kapitalisten), die jedoch den Sachzwängen dieser Verhältnisse gehorchen müssen und den Fetischformen, die dieses Verhältnis hervorbringt, teilweise erliegen. Die Schwierigkeit einer radikalen Kritik ist nicht nur, die Träger dieses Verhältnisses ins Visier zu nehmen, sondern die Verhältnisse selbst in ihrer Materialität komplett umzuwerfen und neu zu gestalten. Und dies können nur die Produzenten in Angriff nehmen, diejenigen, die in ihrer Leiblichkeit zur Arbeitskraft, zum variablen Kapital degradiert werden: die Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Antideutschen wollen davon nichts mehr wissen, Robert Kurz verbaut sich bislang eine solche Diskussion mit den immergleichen und inhaltsleeren Phraseologien über „warenförmige, subjektlose Fetischverhältnisse“, aus denen nur eine in den „freien Gedanken“ des Kritikers sich generierende „Anti-Moderne“ herausführt.

    „Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus veranlasst, findet ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis.“

    (Karl Marx, 8.These über Feuerbach)

  9. Im Neuen Deutschland veröffentlicht morgen Harry Nick folgenden Nachruf auf Robert Kurz:

    „Der Tod des Philosophen und kundigen Ökonomen Robert Kurz ist ein schwerer Verlust für alle, die sich um eine bessere Welt mühen. Die Leser des »nd« werden den intellektuellen wie emotionalen Genuss entbehren müssen, den ihnen die regelmäßigen Wirtschaftskolumnen von Robert Kurz seit September 1997 bereiteten. Seine scharf geschliffenen Formulierungen kamen von der Schärfe seines Denkens. Seine leicht ironisierende Sprache hob die Klarheit und Bedeutsamkeit des Gedankens.

    Robert Kurz war ein angesehener Wissenschaftler und ein zu Recht hoch gelobter Buchautor. Hervorzuheben ist vor allem das »Schwarzbuch des Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft« (1999). Es hat über 800 Seiten und ist zugleich von erheblicher substanzieller Dichte. Mir wurde seine Weltsicht zuerst am deutlichsten verständlich in seinem 1991 erschienenen Buch »Kollaps der Modernisierung«: Es sei das warenproduzierende System, so Kurz, das »System der abstrakten Arbeit«, welches in einer dreistufigen historischen Abfolge zuerst die dritte Welt, dann die zweite Welt in den Kollaps treibe und schließlich in einem letzten Akt die Selbstzerstörung der ersten Welt bewirke.

    Wir hatten eine wichtige Meinungsverschiedenheit: Kurz konnte wie Karl Marx sich den Sozialismus nur ohne Warenproduktion und Geldwirtschaft vorstellen, was ich für nicht möglich halte. Als bekennender Marxist war ich in nicht geringer Verlegenheit bei dem Versuch, mich mit den Ansichten von Kurz, dem profunden Marx-Kenner, auseinanderzusetzen. Marx und Kurz sind der Meinung, dass menschliche Emanzipation erst jenseits der warenproduzierenden Gesellschaft möglich sei, also die Abschaffung des Geldes voraussetze. Im Sozialismus, so Marx, solle zwar das Leistungsprinzip gelten, aber Geld dürfe es nicht geben. Leistungsprinzip ohne Geld halte ich dagegen für unmöglich. Die Qualifizierung der Ware-Geld-Beziehungen als »kapitalistisches Muttermal« (Marx), das man negativ werten, zurückdrängen, möglichst bald abschaffen solle, war ein nicht unwichtiges Moment unzureichender Funktionsfähigkeit des Wirtschaftsmechanismus im realen Sozialismus. Aber Waren- und Geldwirtschaft, wirtschaftliche Orientierung am Geldgewinn erzeugen auch im Sozialismus Widersprüche, die das sozialistische Ideal beschädigen. Auch deshalb lohnt es sich, bei Robert Kurz nachzulesen.

    Der Verein Helle Panke Berlin gab Robert Kurz und mir die Möglichkeit, unseren Streit um Ware und Geld im Sozialismus auch öffentlich auszutragen. Ich erinnere mich nur an sehr wenige Streitgespräche, die so tief und klar die Substanz der gegensätzlichen Auffassungen ausloteten, so viel Verständnis für die Meinung des Widerparts erzeugten und in solch freundschaftlichem Geist verliefen.

    Kurz‘ Auffassungen sind keineswegs die eines Einzelkämpfers auf sozialtheoretischem Feld. Sie werden getragen von Philosophen, Ökonomen und Soziologen, die man als besondere Schule geisteswissenschaftlichen Denkens ansehen kann. Ihr selbstgewählter Name lautet »Kritik der warenproduzierenden Gesellschaft«. So heißt auch der Untertitel der von ihr herausgegebenen Zeitschrift »Krisis«. Der herausragende Kopf dieser Schule und der Zeitschrift, ab 2004 der Zeitschrift »EXIT«, war Robert Kurz. Er und sein Werk bleiben unvergessen.“

    Dazu verschickte der „Newsroom“ des „Neuen Deutschland soeben folgende Robert-Kurzfassung:

    Berlin (ots) – Der Philosoph, Ökonom und Marxist Robert Kurz ist tot. Nach Angaben politischer Weggefährten starb der 68-Jährige am 18. Juli in einem Nürnberger Krankenhaus an den Folgen einer Nierenoperation. Der Wirtschaftswissenschaftler Harry Nick nennt den Tod seines Kollegen in der Zeitung „neuen deutschland“ (Freitagausgabe) einen „schweren Verlust für alle, die sich um eine bessere Welt bemühen“. Kurz‘ Auffassungen seien nicht die eines Einzelkämpfers auf sozialtheoretischem Feld gewesen, sondern würden von vielen von Philosophen, Ökonomen und Soziologen getragen. Mit Robert Kurz fehle dieser Bewegung nun ein herausragender Kopf, der menschlich und politisch unvergessen bleibe. Zu Kurz‘ herausragenden Veröffentlichungen gehört das „Schwarzbuch des Kapitalismus“.

  10. „Robert Kurz (* 24. Dezember 1943 in Nürnberg, verst. 18. Juli 2012 in Nürnberg) war ein gesellschaftskritischer Publizist und Journalist.“

    – Heißt es lapidar im Wikipedia-Eintrag über den Nürnberger Neomarxisten. Was? Robert Kurz ist gestorben?! Mit 69? Der sah doch aus wie 45! 2500 Zeichen will die taz über dieses „aktuelle Ereignis“ für morgen haben.

    Der von der Münchner „Marxistischen Gruppe“ beeinflußte Robert Kurz, der lange an einer Werbeseiten-Einlegemaschine der Druckerei der Nürnberger Nachrichten arbeitete – bis er und seine Familie von der Veröffentlichung seiner marxistischen Analysen leben konnten, wurde mir durch sein Buch „Honeckers Rache“ bekannt: eine Abrechnung mit dem DDR-Sozialismus, den er sehr klug als zu späte Realisierung des „Geschlossenen Handelsstaates“ (1900) von Johann Gottlieb Fichte begriff.

    Als nächstes plante Robert Kurz eine „Abrechnung“ mit der Treuhand-Politik in Ostdeutschland. Dazu sollte ich ihm alle Unterlagen über die Privatisierung des Berliner Glühlampenwerks NARVA schicken. Ihre Verarbeitung in seinem Buch fand ich dann völlig falsch, d.h. als Gründe für die Abwicklung des Werkes nannte er die von den Elektrokonzernen Osram und Philips ins Spiel gebrachten „Patentprobleme“. Obwohl seine Darstellung meiner Meinung nach falsch war, machte das seiner Analyse nichts. Und das schien mir typisch für seinen marxistischen Ansatz zu sein – die etwas einsteinsches hatte: Und was ist, wenn empirisch bewiesen wird, dass ihre Theorie nicht stimmt? fragte man Einstein. Das wäre umso schlimmer für die Empirie, antwortete er.

    Man warf Robert Kurz vor, dass er in seinen Wirtschafts- und Finanz-Analysen sich stets auf Berichte in den Nürnberger Nachrichten berufe. Diese Kritik wies er elegant zurück: Was für ein Quatsch! Es steht doch in allen Zeitungen das selbe drin.

    Bald konnte er sich nicht mehr retten vor Einladungen zu Vorträgen in linken Versammlungen. Konkret, Jungle World, Junge Welt und taz baten ihn um Artikel. Fast alle endeten damit, das er bewies, dass die baldige Krise so sicher ist wie das Amen in der Kirche.

    Ich las zuletzt „Das Weltkapital“ – mit großem Gewinn, obwohl mich darin wie noch jedesmal seine Marxschen Invektiven und Leninschen Verdammungen störten – zumal es zwischendurch meist auch noch immer wieder gegen irgendwelche langweiligen linken Ökonomen und PDS/DKP-Wirtschaftsexperten ging, die ich nicht mal dem Namen nach kannte – und die zu lesen mich ob ihrer Realvernünftelei echt abschreckte.

    Auf einer Veranstaltung im Kreuzberger Hochzeitssaal trug Kurz frei redend seine Argumentation im „Weltkapital“ vor – das war große Klasse, denn er ließ alle Polemiken dabei weg und begnügte sich damit, uns die globale Kapitalentwicklung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutlich vor Augen zu führen. Wiewohl es sich bei dem Gegenstand um einen Abstraktionsvorgang handelt. Und er zudem stehend freihändig redete.

    Anschließend beim Italiener an der Ecke bedauerten wir es ihm gegenüber, dass er wegen seiner unsinnigen Auseinandersetzungen mit langweiligen linken Ökonomen und Politikern sich die Möglichkeit verbaut habe, dass sein Buch z.B. ins Brasilianische übersetzt wird. Ich vermutete, dass seine Auseinandersetzung mit diesen Leuten aus seinem Engagement beim Neuen Deutschland herrührte, wo er einer der vier Autoren der Kolumne „Kurz, Nick, Luft & Hickel“ war.

    Über die von ihm mitgegründete Zeitschrift „Exit“ lernte ich den zu diesem Theoriekreis gehörenden, aber in Frankreich auf dem Land lebenden Anselm Jappe kennen – dessen Buch „Die Abenteuer der Ware“ mich schwer begeisterte. Er kommt darin wiederholt auf den von mir verehrten marxistischen Erkenntnistheoretiker Alfred Sophn-Rethel zu sprechen. Bei Wikipedia erfuhr ich über die Zeitschrift „Exit“:

    „Bis April 2004 war Kurz Mitherausgeber der Zeitschrift Krisis und Mitglied der gleichnamigen Gruppe. Dann kam es zur Spaltung und Neugründung der Gruppe EXIT! (samt gleichnamiger Zeitschrift), in der Robert Kurz seitdem Mitglied ist. Beide Seiten stellen die Ursachen des Zerwürfnisses unterschiedlich dar: Während die Krisis-Redaktion, die nach der Spaltung unter diesem Namen weitermachte, Kurz‘ als schwer erträglich empfundenen Kommunikationsstil als Ursache der Trennung nennt, warfen dieser und Roswitha Scholz der von ihnen als „Putschisten“ bezeichneten „Rest-Krisis“ vor, formaljuristische Mittel zur „Machtübernahme“ in der Redaktion einzusetzen.“

    Die Robert-Kurz-Fans, die seine Wikipedia-Seite betreuen, umreißen den Kurzschen Marxismus wie folgt:

    „In der Vergangenheit profilierte Robert Kurz sich durch eine radikale Kritik am „Arbeits- und Klassenkampffetisch“ des traditionellen (Arbeiterbewegungs-)Marxismus. Die von ihm maßgeblich mitkonzipierte Wertkritik richtet sich gegen ein soziologistisch verkürztes Verständnis von Herrschaftsverhältnissen und identifiziert in der Wertvergesellschaftung eine totalitäre Tautologie der Akkumulation von „toter Arbeit“, die ad infinitum die gesamte physische wie auch gesellschaftlich-symbolische Welt einem einzigen abstrakten Formprinzip unterwerfe. Der Begriff des Fetischismus postuliert eine kritische Analyse der totalitären Vergesellschaftungsprinzipien der Moderne.

    In den letzten Jahren nimmt das von der EXIT!-Redakteurin Roswitha Scholz entwickelte „Abspaltungstheorem“ einen immer breiteren Raum in der kurzschen Theoriekonzeption ein. Diese Synthese aus der frühen Wertkritik sowie dem postfeministischen Postulat einer strukturellen Geschlechterdifferenz firmiert gegenwärtig als „Wertabspaltungstheorie“.

    Robert Kurz‘ bekannteste Publikation ist das Schwarzbuch Kapitalismus. Die Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte zwei kontroverse Rezensionen, von denen eine das Schwarzbuch als „die wichtigste Veröffentlichung der letzten 10 Jahre“ bezeichnete.“

    Robert Kurz‘ letztes Buch „Weltmacht und Weltkrise. Die Grenzen des Kapitalismus“ (2011) mochte ich nicht mehr lesen.

    Stattdessen hoffte ich und tue das auch weiter, dass Anselm Jappe mal wieder was Neues veröffentlicht. Zuletzt, 2011, fand ich im Internet den Text “ L’argent est il devenu obsolète ? Texte d’Anselm Jappe paru dans le monde !“ von ihm.

    Über Robert Kurz‘ „Schwarzbuch des Kapitalismus“ (1999), das ich nicht lesen möchte – erstens weil mich der Titel stört, nicht nur weil er allzu anmaßend ist, und zweitens weil da doch nun wirklich – wie im „Schwarzbuch zur Vernichtung der europäischen Juden“ und in DDR-„Schwarzbüchern“ über die BRD – Empirisches reingehört – für das Robert Kurz jedoch wie erwähnt gar keinen Nerv hat. Der Titel verdankt sich denn auch bloß wieder einer Polemik – nämlich gegen das ebenfalls höchst überflüssige „Schwarzbuch des Kommunismus“.

    Über die Schwarzbuch-Entgegnung von Robert Kurz schrieb der ebenfalls der Partei „Die Linke“ nahestehende Marxist Georg Fülberth in der Jungen Welt – unter der Überschrift „Nachruf auf den Kapitalismus“… in dem ich dessen Rezension hier zitiere, wird daraus der Teil eines Nachrufs von mir auf Robert Kurz, der noch vor dem Kapitalismus starb, was bedauerlich ist. Seine Frau meint, dass sein Tod durch „Pfusch am Krankenbett“ in einer privatisierten Nürnberger Klinik, wo man ihn operiert hatte, verursacht wurde. That makes sense!

    Nun Georg Fülberths Rezension:

    Als in den neunziger Jahren ein „Schwarzbuch des Kommunismus“ (siehe Oliver Georgi über Horst Möllers Sammelband zur Schwarzbuch-Debatte in literaturkritik.de 2. Jg., Heft 6, 2000 erschien, verfielen an weit voneinander entfernten Orten sehr verschiedene Leute auf denselben Plan: es müsse jetzt auch ein „Schwarzbuch des Kapitalismus“ geben.

    Aber nur einer hat es dann geschrieben: Robert Kurz. Dass ausgerechnet er das Rennen machte, mag damit zu tun haben, dass er auf ein Konzept zurückgreifen konnte, welches er seit dem Untergang des realen Sozialismus immer wieder schriftlich propagierte. Es handelt sich um die These vom „Kollaps der Modernisierung“. Das Regime der „abstrakten Arbeit“, die einen nirgends mehr sinnvoll anbringbaren Wert produziere, sei an sein Ende gekommen.

    Über diesen Leisten schlägt Kurz nun auch die Geschichte des Kapitalismus. Sie ist bei ihm erstens vor allem Ideengeschichte, und sie gerät ihm etwa dreihundert Jahre kürzer als anderen Autoren (darunter Marx). Allmählich haben sich die Wirtschafts- und Sozialhistoriker darauf verständigt, dass der Beginn dieser Produktionsweise um circa 1500 anzusetzen sei. Da gibt es allerdings vorerst noch nicht ausschließlich „abstrakte“ Arbeit, sondern zunächst Mord und Totschlag wegen sehr konkreter Dinge: Bodenschätze, Roherzeugnisse, Pfeffer, Seide, Sklaven. Diese blutreiche Vorgeschichte sieht der Autor dem Kapitalismus nach, er datiert ihn erst mit der Industriellen Revolution.

    Dass er vornehmlich Geistesgeschichte schreibt, zeigt sich besonders deutlich, wenn wir sein Buch mit den vier Bänden vergleichen, die Eric Hobsbawm mittlerweile diesem Gegenstand – und auch hier erst ca. mit dem Jahr 1780 beginnend – gewidmet hat. Kapitalismus ist für Kurz fast ausschließlich eine verhängnisvolle idée fixe: die zwanghafte Vorstellung von Philosophen (er nennt u. a. Kant, Bentham, de Sade), Unternehmern und Unternommenen, dass alles dem Regime der abstrakten Arbeit unterworfen werden müsse. Das Modell von der „schönen Maschine“ des Kapitalismus, nach dem die Welt umgestaltet werden solle, ist eine Utopie, deren Verfechter buchstäblich über Leichen gehen. Der Gedanke ist nicht neu, man findet ihn schon in Karl Polanyis Buch „The Great Transformation“ (1944).

    Den sogenannten „Arbeiterbewegungs-Marxismus“ nimmt Kurz von der Kritik nicht aus. Auch Marx und Engels hätten ein positives Verhältnis zur abstrakten Arbeit gehabt. Hierin bestehe ihre Gemeinsamkeit mit dem Liberalismus. Von ihm unterschieden sie sich nur durch die unwesentliche Schrulle, dass bei ihnen die abstrakte Arbeit nicht privat, sondern staatlich verwaltet werden sollte. Aus Marx´ magnum opus bleibt praktisch nur das sogenannte Fetisch-Kapitel des Ersten Bandes übrig. Hier finde sich „der ‚andere‘ Marx, der Kritiker des modernen Fetischismus von ‚abstrakter Arbeit‘ und selbstzweckhafter ‚Verwertung des Werts'“. Selbst in der sowjetischen nachholenden Modernisierung ist „jener ‚Traum'“ enthalten, „von dem Marx einst gesprochen hatte und der sich nur dann einlösen läßt, wenn eine soziale Bewegung, die sich nicht mehr als das sich selbst verkaufende Vieh der Arbeitsmärkte definieren läßt, und eine theoretische Kritik des modernen Fetischsystems zusammenkommen.“ Ein Traum also: der Autor hat seine eigene Utopie. Er befindet sich damit wahrscheinlich tatsächlich in Übereinstimmung mit Marx, der vorschlägt: „Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben.“

    Kurz´ eigene Utopie-Variante ist weniger gewaltsam als diejenige des entfesselten Privateigentums, weist aber – anders als Marx´ Theorie – denselben Voluntarismus auf, den er den Marktradikalen vorhält – wenn er etwa annimmt, die Überwindung der Zünfte hätte auch auf nichtkapitalistischem Wege erfolgen können, nämlich „durch einen bewußten Konsens über die Entwicklung der Produktivkräfte, in dem das Verhältnis von Erweiterung der Produktion und der Bedürfnisse einerseits, der Verkürzung der Arbeits- und der Vermehrung der Mußezeit andererseits ständig neu diskutiert und gemeinsam festgelegt wird.“ Hier ist nicht eine denkbare Zukunft gemeint, sondern ein anderes Spätmittelalter.

    Immerhin erkennt man in Kurz´ Text den Kapitalismus durchaus wieder. Er ist in seinen Augen der wahre Totalitarismus, der Stalinismus dessen eher schwache Nachahmung. Die Kritik an Hannah Arendt, die sich nur politischen Totalitarismus vorstellen konnte, nicht aber ökonomischen, überzeugt. Kurz´ historisches Gerüst mit den Drei Industriellen Revolutionen – um 1800 (Dampf- und Wasserkraft), um 1900 (Verbrennungsmotor und Elektrizität), um 2000 (Informationstechnologie) – trägt.

    Überhaupt nicht einsichtig aber ist die These, dass die dritte Umwälzung die letzte gewesen sein soll. Mit ihr hat sich der Kapitalismus nach Meinung des Autors erledigt – nicht moralisch, sondern faktisch. Er sei „am Ende seines Blindflugs durch die Geschichte angelangt“ und könne „nur noch zerschellen“, habe keine ökonomische Basis, existiere aber noch als Zombie kraft fortwirkender Selbstversklavung der Menschen, die ihm Jahrhunderte lang unterworfen waren und sich jetzt einfach nicht vorstellen können, dass das vorbei ist: „Es handelt sich weder um ein materielles noch um ein technisches oder organisatorisches Problem, sondern allein um eine Bewußtseinsfrage.“

    Was tun? Hier die Antwort: „Sich einfach versammeln und die Dinge in die eigene Hand nehmen, ohne sich länger von der kapitalistischen Menschenverwaltung kujonieren und auf lächerliche Notrationen ohne Not setzen zu lassen – nur darin kann die Entfesselung der ‚bösen Horizontale‘ sich darstellen“.

    Das ist die dritte Utopie: der Kapitalismus ist vorbei, und nur Robert Kurz hat es bemerkt. Diese Variante ist allerdings alt und wurde bereits von Marx (zum Beispiel an Wilhelm Weitling) kritisiert, nicht weil er im liberalen Kult der abstrakten Arbeit befangen blieb, sondern weil er, anders als der Autor, wusste, dass eine Sache nicht dadurch aus der Welt geschafft wird, dass wir sie uns wegwünschen.

    Das oben erwähnte Buch von Karl Polanyi „The Great Transformation“ (1944) will ich ich hier abschließend noch einmal erwähnen – um es zu empfehlen.

  11. odinfundmanagement.com: Mit Odin zum Return of Investment :

    1. „The ODIN Funds described on this web site are equity mutual funds managed by ODIN Forvaltning AS, establish under the laws of Norway and registered with the Financial Supervisory Authority of Norway. The funds can only be marketed and distributed in certain jurisdictions (currently Norway, Sweden, Finland and the Netherlands). ODIN Funds aimed at institutional clients are recognised for distribution in the United Kingdom.

    In connection with an investment in ODIN Funds, it is your responsibility as an investor to be aware of, acknowledge and observe all applicable laws and regulations (including possible tax consequences) in your jurisdiction. “

    2. scanpress.de: Von Odin zum Erdöl: Norwegens lange Geschichte

    Erster Weltkrieg

    Norwegen versuchte, im Ersten Weltkrieg Neutralität zu wahren, war aber indirekt durch die Handelsflotte beteiligt und vorwiegend auf der Seite der Entente. 1156 Norwegische Seeleute sind im unbeschränkten U-boot-Krieg verschollen. Die Reeder profitierten von guten Frachtraten. Da Teile der Gewinne als Heuer weitergegeben wurden, war das Geschäft auch für die Seeleute interessant. Den Verdienstmöglichkeiten stand aber die Lebensgefahr gegenüber, die den Seeleuten im Kriegsgebiet drohte. Über die moralischen Aspekte dieser Praxis ist danach viel diskutiert geworden.

    Zwischenkriegszeit
    Norwegen wurde direkt nach dem Ersten Weltkrieg von einem kurzen Wirtschafts-Aufschwung geprägt 1918-1919, als die angestaute Nachfrage an den Markt drängte. Danach verschlechterte sich aber die wirtschaftliche Situation. Wegen der Pari-Politik (Goldstandard) wurde Norwegen von einer Deflationskrise in der ersten Hälfte der 1920er-Jahren am schwersten getroffen. Um die norwegische Krone (Währung) zu stärken, brauchte man hohe Zinsen, die mit der Zeit zu einem Preisverfall führten. Das löste eine Schuldenkrise aus. Immobilienpreise sanken, bis die gekauften Häuser die Kredite nicht mehr sicherten. Nachdem 1927 die Golddeckung sichergestellt war, ging es aufwärts. Daher wurde Norwegen 1929 von der Großen Depression (Weltwirtschaftskrise) nicht so schwer getroffen. Die wirtschaftliche Entwicklung war auch in den 1930ern relativ stabil. Die Weltwirtschaftskrise machte sich bemerkbar, aber nicht so intensiv wie in den 1920ern. 1928 kam erstmals die Arbeiderpartiet (Sozialdemokraten) an die Regierung.

    Zweiter Weltkrieg
    Norwegen verlegte sich auch im Zweiten Weltkrieg auf eine Neutralitätspolitik. Trotzdem legten die Briten Anfang April 1940 Minen an der norwegischen Küste. Am 9. April 1940 wurde das Land von Deutschland angegriffen (Operation Weserübung). Trotz der Übermacht gelang es, mit den Kanonen und den Torpedos der Festung Oscarsborg das deutsche Kriegsschiff Blücher zu versenken. Die Kriegshandlungen der Invasion dauerten 3 Wochen in Süd-Norwegen und 2 Monate im Norden. Als Frankreich kapitulierte, wurde der Widerstand aufgegeben. Der König und seine Regierung verließ der Kriegshauptstadt Tromsø am 7. Juni 1940 und fuhr nach Großbritannien. Das norwegische Könighaus, König Haakon VII. und Kronprinz Olav (später König Olav V.), gewann im Exil eine sehr starke Rolle und viel Sympathie in der norwegischen Gesellschaft. Die aus London gesendeten Reden des Königs Haakon VII., die auf illegalen Radiogeräten gehört werden konnten, hatten eine große Bedeutung für die Moral und die Stimmung im besetzten Land. Durch diesen Rückhalt in der norwegischen Bevölkerung blieb die monarchische Staatsform unangetastet, solange König Olav V. noch lebte. In den letzten Jahren hat sich jedoch die Einstellung zur Monarchie ein wenig geändert.

    Der Führer der norwegischen faschistischen Partei Nationale Sammlung (Nasjonal Samling), Vidkun Quisling nutzte das Chaos für einen Putsch. In einer Radioansprache verkündete er die Machtübernahme durch die Nationale Sammlung. Er wurde aber vom Reichskommissar Josef Terboven, den Hitler zur Verwaltung des besetzten Norwegens einsetzte, größtenteils ignoriert. 1942 wurde er pro forma mit einer Regierungsbildung beauftragt, konnte sich aber als machtloser Premier kaum profilieren. Quisling wurde 1945 wegen Hochverrats in Oslo hingerichtet. International gilt der Name Quisling als Sinnbild für einen Verräter und Kollaborateur.

    Von 1500 norwegischen Juden wurde etwa die Hälfte umgebracht.

    Nachkriegszeit
    Norwegen wurde nach dem Krieg Mitglied der NATO (1948), und akzeptierte den Marshall-Plan zum Wiederaufbau. Die 1940er und 1950er waren geprägt durch Knappheit an Waren und strikte Rationierung. Die erste Regierung unter Einar Gerhardsen (1945) war eine Sammlungsregierung. Später wurde die Arbeiderpartiet (Sozial-Demokraten) zur bedeutendsten Partei, ihre Regierungsperiode ist auch geprägt vom Wiederaufbau und dem folgenden Aufschwung. Die zahlreichen Flüchtlinge aus der armen Finnmark lösten eine enorme Wohnungsnot aus, diese Probleme konnten durch die Regierung gelöst werden, und Gerhardsen wird dafür liebvoll „Landsfader“ (Landesvater) genannt. In den 1960er wurde mehrere Aspekte der Planökonomischen Einrichtung verfasst. 1962 wurde die Regulierung des Auto-Verkaufs aufgehoben.

    Nachdem 1967 Erdöl in der Nordsee gefunden wurde, entwickelte sich Norwegen zu einem der reichsten Länder in Europa.

  12. Der Trend bei den deutschen Gartenfreunden geht heute eindeutig in Richtung Sumpfgärten – wie ich 2009 im Garten der Villa Romana in Florenz dem italienischen Publikum mit einem lichtbildgestützten Vortrag verklickern wollte – natürlich verstand wieder kein Schwein ein Wort:

    Deutscher Sumpf

    „Der Gestus Münchhausens, wie er sich und sein Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, wird zum Schema einer jeden Erkenntnis, die mehr sein will als bloßer Entwurf.“ (Theodor W. Adorno)

    Die Schlacht am Teutoburger Wald im Jahr 9 nach Christi, in der einige germanische Stämme unter der Führung von Hermann dem Cherusker drei Legionen des römischen Feldherren Varus partisanisch aufrieben, jährt sich nun zum 2000. Mal. Die Nachkommen der Sieger von damals wollen das ganz groß feiern – unter der Schirmherrschaft von Angela Merkel. „Die Kanzlerin wagt sich damit auf sumpfiges Gelände“, erklärte dazu Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung. Damit ist nicht das ursprünglich moorige Schlachtfeld gemeint, dass sich im übrigen neuesten englischen Erkenntnissen zufolge gar nicht mehr dort befindet – bei Detmold in Westfalen, wo Kaiser Wilhelm I. ab 1838 das die „Freiheitskriege“ besiegelnde Hermannsdenkmal errichten ließ, sondern im niedersächsischen Kalkriese – bei Osnabrück, wo man 2001 ein Museum errichtete – auf den Resten der erschlagenen Römer sozusagen.Es war der wohl letzte große deutsche Museumsbau. Er bündelt nun die archäologische Erforschung der einzigen deutschen Freiheitsbewegung, die nachhaltig siegreich war – im Gegensatz zu allen nachfolgenden: Bauernkrieg, Befreiungskriege, 1848, 1918, 1953 und 1989. Und hält die Erinnerung daran wach – mit Kostüm- und Volksfesten aller Art. Die Schlacht bei Kalkriese, die endgültig die römische Besatzungsmacht vertrieb, ist nun auch nicht mehr nach dem Germanenführer Arminius (vulgo: Hermann) benannt, sondern nach dem von ihm einst besiegten römischen Heerführer Varus. Bis hin zur linksalternativen „tageszeitung“ hat sich inzwischen die politisch korrekte Meinung durchgesetzt, dass der einzige deutsche Sieg im Partisanenkrieg auf heimischem Territorium – „im sumpfigen Germanien“, wie Gustav Seibt schreibt, ein großer Fehler war: Uns entgingen dadurch nämlich mindestens 500 Jahre Zivilisation: Wenn Rom die Germanen ebenso wie zuvor die Gallier, die eher soldatisch als partisanisch kämpften, besiegt hätte, dann sähe hier jetzt alles noch viel kultivierter aus. Der Altertumsforscher Rudolf Borchardt sprach 1942 von der „verfehlten Romanisierung“ der deutschen Nation. Und bereits 1919 hatte der Schriftsteller Hugo Ball in seiner „Kritik der deutschen Intelligenz“ den Reformator Martin Luther als Zerstörer des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ ausgemacht, indem dieser unselige Mönch für den Feudaladel und gegen die Bauern Partei ergriff. So ähnlich wie dann 1918 die SPD-Führung um Ebert und Noske mit Hilfe der finstersten Reaktion die Aufstände der Arbeiter und Soldaten niederschlagen ließ.

    Über den gallischen Umweg hatten die „Römer“ es unter Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts noch einmal mit den Deutschen versucht. Aber auch hierbei waren die an sich überlegenen französischen Truppen schließlich wieder in den „germanischen Sumpf“ – und in partisanischen Hinterhalt – geraten. Zwar gelang der deutsche Sieg diesmal nur dank des entschlossenen Widerstands der verbündeten Slawen (des russischen Heeres), aber die Ehre, dafür 1808 eine erste partsanische Kampfanleitung geschrieben zu haben, kommt dem Dichter Heinrich von Kleist zu – mit seinem Drama „Die Hermannsschlacht“. An einer Stelle heißt es darin: „Das ist der klassische Morast/ Wo Varus steckengeblieben./ Hier schlug ihn der Cheruskerfürst./Der Hermann, der edle Recke;/ Die deutsche Nationalität,/Die siegte in diesem Drecke.“ Die antinapoleonischen Insurrgenten in Preußen hatten inzwischen Probleme mit einem solchen Kampf: Immer wieder ermahnte der damals ins Exil nach Moskau ausgewichene Freiherr vom Stein die meist unter der Führung von Offizieren gegen Napoleon antretenden deutschen Freikorps, keine schneidigen Attacken zu reiten und sich auch nicht soldatisch zu verschanzen, sondern nach überfallartigen Angriffen rasch den Rückzug – z.B. in die „Emsländischen Moore“ – anzutreten. Umsonst. Erst als die napoleonische Armee bei Moskau ins Leere gesiegt hatte, wendete sich das Blatt. Dennoch waren es schließlich doch die Kosaken, die Berlin von der Franzosenherrschaft befreiten, die Bürger jubelten ihnen bloß zu. Desungeachtet sah sich die Partei- und Staatsführung der DDR stets in der Tradition der Guten, d.h. der wenigen aufständischen Preußen. Nach der Wiedervereinigung 1990 beschäftigte sich deswegen eine Reihe jüngerer westdeutscher Wissenschaftler noch einmal mit dem antinapoleonischen Volkswiderstand in Preußen – und kam dabei in Anlehnung an die Zivilisationstheorie von Norbert Elias zu dem zeitgeistigen Schluß, daß bei der Enthegung des Krieges durch Elemente von Partisanentum „ein Prozeß der Dezivilisierung“ eingeleitet wurde und werde. Besonders an der „Hermannschlacht“ des „Psychopathen“ Heinrich von Kleist liesse sich das Wieder-Barbarisch-Werden des Volkes im Widerstand klar herausarbeiten. Zudem erfolgte die Befreiung von den zivilisierten Franzosen mit Hilfe der eher barbarischen Russen (die Schleswig-Holsteiner erinnern sich angeblich noch heute schaudernd an den damaligen „Kosaken-Winter“), so dass man auch diesen Sieg – rückblickend – eigentlich als eine Niederlage ansehen muß.

    Was war da in der Zwischenzeit geschehen? Aus dem „sumpfigen Germanien“ war ein blühendes Deutschland – ein regelrechtes Gartenland geworden. Derart, dass der Wiedervereinigungskanzler Helmut Kohl auch den Ostdeutschen im Falle ihres Anschlusses an den Westen sogleich „blühende Landschaften“ versprach. Und das tat auch augenscheinlich not, denn die DDR war im Laufe der kommunistischen Herrschaft seit 1945 immer „grauer“ und unansehnlicher geworden. Eine solche Sichtweise gehört jedoch selbst noch zur deutschen Nationwerdung.

    Schon den römischen Gelehrten Gajus Plinius Secundus hatten einst die Germanen, in Sonderheit die küstenkultivierenden Friesen, ins Grübeln gebracht: dieses „armselige Volk“, das auf „hohen Erdhügeln“ in Schilfhütten lebt und mit „getrocknetem Kot“ seine kärglichen Speisen kocht, damit sich „ihre vom Nordwind erstarrten Eingeweide erwärmen“. Bei Flut, „wenn die Gewässer die Umgebung bedecken, gleichen sie mit ihren Hütten den Seefahrern, Schiffbrüchigen aber, wenn die Fluten zurückgetreten sind. Dennoch wollten die Friesen sich partout nicht den reichen, zivilisierten Römern unterwerfen: „wahrlich,“ seufzte Plinius, „viele verschont das Schicksal zu ihrer Strafe“. Ähnlich äußerte sich auch der römische Historiker Tacitus – über ganz Germanien: Das Land „zeigt zwar im einzelnen Unterschiede; doch im ganzen macht es mit seinen Wäldern einen schaurigen, mit seinen Sümpfen einen widerwärtigen Eindruck.“ Dennoch mußte er zugeben: „Eine schärfere Waffe als der Arsakiden [d.h., der persischen] Herrschergewalt ist die Freiheit der Germanen.“ Tacitus‘ Schrift „Germania“ galt den Nazis deswegen als Gründungsurkunde ihres Reiches, Mussolini wollte dem Führer das Manuskript schenken. Er kam aber nicht mehr dazu, es ihm persönlich zu übergeben. Ein SS-Kommando unternahm deswegen 1944 einen Überfall auf eine Villa am Comersee, wo sie das Schriftstück vermuteten. Es befand sich auch dort, aber so gut versteckt, in einer Truhe, dass sie es nicht fanden.

    Die von Tacitus gerühmte „Freiheit der Germanen“, ebenso wie ihr unwirtlicher Lebensraum und dessen gemeinschaftliche Bewirtschaftung, waren nach und nach geschwunden. Aber noch im 18. Jahrhundert „durchstreiften hier Wölfe die Wälder und Sümpfe, zumal im Osten,“ schreibt der Landschaftshistoriker David Blackbourn in seiner 2007 erschienenen „Geschichte der deutschen Landschaft – ‚Die Eroberung der Natur'“. Dann ging es jedoch los – mit dem Preußenkönig Friedrich I.. Zuvörderst nahm der sich die große „morastige Wüste“ vor, wie der 1777 durch Ostelbien gereiste Johann Bernoulli das Oderbruch nannte: eine „natürliche Auenlandschaft“, die zwei Mal im Jahr überschwemmt wurde. Der Sohn des „Alten Fritz“ – Friedrich II., auch der Große genannt, führte das Trockenlegungsprojekt seines Vaters mit Hilfe holländischer Entwässerungsfachleute und dem Einsatz von Soldaten fort. „Ländereien urbar zu machen, beschäftigt mich mehr als Menschenmorden,“ hatte er bereits vor seiner Inthronisierung in Küstrin gemeint. Beim Oderbruch konnte er abschließend stolz verkünden: „Hier habe ich eine Provinz im Frieden erobert.“ Auch in anderen Teilen Brandenburgs, sowie in der Magdeburger Börde, im Emsland, in Friesland, im bayrischen Donaumoos und am Teutoburger Wald begann man im 18. Jahrhundert Sümpfe und Moore massiv anzugehen – d.h. trocken zu legen, den Torf abzubauen und landlose Bauern, gerne auch aus dem Ausland, auf den neugeschaffenen, z.T. sehr fruchtbaren, Böden anzusiedeln. Der Preußenkönig war jedoch geradezu besessen davon, aus „grauen, trostlosen“ Sümpfen „blühende Gärten“ zu schaffen. Ständig entdeckte er bei seinen Provinzvisiten neue Feuchtgebiete und Moore, die der Entwässerung gewissermaßen harrten. Noch kurz vor seinem Tod schrieb er dem Präsidenten von der Goltz in Königsberg: „Hiernechst ist von der Seite von Tilsit annoch ein großer Morast zu defrichiren.“

    Mit der Verwandlung von Sümpfen in Siedlungsland ging die Vernichtung bzw. Vertreibung der Schädlinge (vom Wolf über die Malariamücke bis zu den Spatzen) einher. Der König von Preußen setzte Prämien dafür aus: Zwischen 1734 und 1767 wurden allein in den Grenzen der Alten Mark Brandenburg fast 12 Millionen Spatzen getötet. Den Abschuß der Biber behielten sich die Preußenkönige ob des wertvollen Felles und des Drüsensekrets Bibergeil selbst vor. Wegen der Wölfe ermahnte Friedrich der Große zwei Monate vor seinem Tod noch seinen Kammerdirektor: „…dass die Wolf Jagen in Preußen nicht in Vergessenheit kommen, damit diese Raub Thiere nicht wieder überhand nehmen, sondern vielmehr, soviel es möglich, ausgerottet werden.“

    Seit der Wiedervereinigung gibt es nun aber einerseits – infolge der Arbeitslosigkeit – eine zunehmende Abwanderung aus Ostelbien, andererseits jedoch eine starke Zuwanderung – von Wölfen: Sie sind jetzt ganzjährig geschützt und werden von promovierten Wolfsforscherinnen flankiert, darüberhinaus wurde ein „Wolf-Management-Plan“ aufgestellt.. Geradzu eine 180-Gradwende – nicht nur in landschaftspolitischer Hinsicht. Aus der kleinräumigen Gartenlandschaft wurde unterdes eine großflächige Felderwirtschaft mit Nutzwäldern und postindustriellen Ödflächen.

    Bei den Geräten zur Bodenbearbeitung unterscheidet man grob zwischen Hacke und Pflug – zur Garten- bzw. Feldbestellung. Ersteres ist die effektivste Art, ein Stück Land zu bewirtschaften und letzteres -namentlich in seiner hochtechnisierten Form – die profitabelste. Neuerdings kommt dazu noch ein Mehrgewinn durch die immer billiger werdenden Erntehelfer, die hierzulande meist aus Osteuropa stammen. Von Staats wegen möchte man sie mittelfristig durch deutsche Arbeitslose ersetzen, die dann jedoch in Konkurrenz zu Ernterobotern treten werden. Deren Einsatz hat allerdings nicht nur „quadratische Felder“ und Beete, sondern auch schier „quadratische“ – d.h. EU-genormte – Früchte zur Voraussetzung.

    Der Philosoph Michel Serres hat darauf hingewiesen, dass sowohl Hacke als auch Pflug „Opfermesser“ sind, mit dem alles kurz und klein geschlagen wird, die ganze chaotische Vielfalt, um hernach auf dem sauber gemachten Geviert die Homogenität zu zelebrieren, zu züchten. „Wenn die Wut des Messers sich gelegt hat, ist alles bearbeitet: zu feinem Staub. Geeggt. Auf die Elemente zurückgeführt. Analyse oder: Nichts ändert sich, wenn man von der Praxis zur Theorie übergeht. Agrikultur und Kultur haben denselben Ursprung oder dieselbe Grundfläche, ein leeres Feld, das einen Bruch des Gleichgewichts herbeiführt, eine saubere, durch Vertreibung, Vernichtung geschaffene Fläche. Eine Fläche der Reinheit, eine Fläche der Zugehörigkeit.“

    Diese „Ordnung“ erstreckte sich auch auf den Straßen-, Brücken- und Kanalbau sowie auf die 1200 Dörfer, die allein in Preußen von Mitte bis Ende des 18.Jahrhunderts entstanden – sie wurden streng „geometrisch“ angelegt, und die Felder später der Erntemaschinen wegen „quadratisch“. Es gab Widerstand dagegen: einmal im Osten von den armen, meist slawischen Fischern, die aus ihren „sumpfigen Kietz-Siedlungen“ vertrieben wurden, zum anderen von Gewerbetreibenden, das sich nicht zuletzt ihretwegen dort angesiedelt hatten, aber auch von Deserteuren und gesuchten Kriminellen, die sich im Bruch versteckt hielten. Auch die ersten, romantisch eingestimmten Naturschützer im Westen meldeten Bedenken an. Am Ende wurde jedoch die „ungesunde, entlegene brotarme Sumpf- und Wasserwüste der Slawen durch die lange unentwegte Arbeit der Siedler umgeformt in das prangende Grün der fruchtbaren Wiesen,“ wie Otto Schlüter schrieb, der sich vor allem dem Deutschritterorden (Ordo Teutonicus) widmete, mit denen recht eigentlich die als Kultivierungsarbeit verstandenen Eroberungen des Ostens begannen.

    Goethe hat diesen Kultur-„Kampf“ 1830 am Ende seiner Tragödie „Faust II“ thematisiert: Dort ordnet Faust kurz vor seinem Tod noch die Vertreibung/Ermordung der letzten Bewohner an, die seinem großen „Kanalbau-Projekt“ im Wege stehen und sich weigern, ihm zu weichen. In einer Weimarer Inszenierung brachte neulich ein junger Westregisseur diese drei letzten Opfer des Faust als ewig „nörgelnde Ostrentner“ auf die Bühne. Inspiriert hatten den Weimarer Dichter aber vor allem die Trockenlegungsversuche in den „Pontinischen Sümpfen“ bei Rom, die er 1787 besichtigte. Hier siedelten bis etwa 300 vor Christi die Volsker. Nachdem die Römer sie besiegt und alle Wälder ringsum abgeholzt hatten, weil sie das Holz zum Schiffsbau brauchten, war die rund 780 Quadratkilometer große einst „blühende Kulturlandschaft“, als die Plinius den „Agro Pontino“ beschrieben hatte, versumpft. Bald war die ganze Ebene malariaverseucht. Bereits Caesar und einige Kaiser nach ihm sowie mehrere Päpste und auch Napoleon versuchten dann, die Sümpfe trocken zu legen. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der preussischen Offizier Fedor von Donat einen neuen Entwässerungsplan, der den Bau eines Ringkanals und mehrere Pumpwerke vorsah. Die Elektrizität dafür sollte von Wasserkraftwerken an den Talsperren des Gebirges kommen. Das Deutsche Patentamt registrierte sein Großprojekt unter der Nummer 17120. Zur Realisierung gründete er zusammen mit Emil Rathenau und dessen AEG um 1900 die „Pontinische Syndikats GmbH“. Donats Plan scheiterte jedoch daran, dass die italienische Regierung sich bereits bei der Trockenlegung der Sumpfgebiete in der Po-Ebene finanziell verausgabte. 1930 nahm Benito Mussolini die Pontinischen Sümpfe in Angriff. Für die Durchführung der Arbeiten wurden 10 Jahre veranschlagt. Italien gewann mit der Realisierung dieses Projekts die Bewunderung der Weltöffentlichkeit. Mussolini nutzte das Arbeitsbeschaffungsprogramm für propagandistische Zwecke. So ließ er sich häufig zwischen den Arbeitern mit nacktem Oberkörper und Schippe in der Hand fotografieren. Da seine Ingenieure die Donatschen Pläne verwandt hatten, ließ der Duce eine Straße im Zentrum der neuen Stadt Pontina nach Donat benennen. Besiedelt wurde das damals nahezu menschenleere Gebiet durch arme, in der Landwirtschaft zumeist unerfahrene Familien aus der Emilia-Romagna, woraus sich die wirtschaftlichen Fehlschläge der ersten Jahre erklären. Heute werden dort hauptsächlich Weizen, Obst und Wein angebaut. „Der Agro Pontino ist nun wieder eine blühende Landschaft mit modernen Städten aus der Nachkriegszeit. Um das Jahr 2000 bewohnten 520.000 Mensche den ehemals öden Landstrich,“ heißt es bei Wikipedia.

    Die innerdeutschen Landgewinnungsprojekte begannen etwa zur gleichen Zeit wie die nordamerikanische Besiedlung durch europäische Einwanderer. Was dort dann jedoch die immer weiter in den „Wilden Westen“ verschobene Frontier (die Zivilisationsgrenze) war, geschah hier nach Osten hin, den man nach 1990 ebenfalls als „wild“ bezeichnete. Und so wie man in Amerika die Indianer bekämpfte, ging es hier gegen die Polen, die von den Nazis dann gleichfalls als „Indianer“ bezeichnet wurden – vor allem, als sie begannen, sich zu Partisanengruppen zu formieren, und aus den riesigen Sümpfen und Wäldern heraus die deutschen Soldaten und Neusiedler angriffen. Auch die Rechtfertigung für die Vertreibung bzw. Vernichtung der slawischen Nachbarn – ihre „Umvolkung“ – hatte man in Amerika vorformuliert. Dort war noch US-Präsident Theodore Roosevelt der Meinung, die Ausrottung der büffeljagenden Indianer durch die meist armen weißen Siedler und Pioniere sei ein „gerechter Krieg“ gewesen: „Dieser großartige Kontinent konnte nicht einfach als Jagdgebiet für elende Wilde erhalten werden“. In Deutschland hatte bereits Friedrich der Große „das liederliche polnische Zeug“ mit „Irokesen“ verglichen, und den neuen „geometrisierten deutschen Dörfern Namen wie Florida, Philadelphia und Saratoga“ gegeben. Der Generalgouverneur des besetzten Polen Hans Frank bezeichnete darüberhinaus 1942 auf einer Parteiversammlung in Lemberg die Juden als „Plattfußindianer“. Adolf Hitler befahl etwa zur gleichen Zeit – angesichts der sich entfaltenden Partisanenkriegs im Osten: „und immer aufknüpfen! Das wird ein richtiger Indianerkrieg werden.“ Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, seinen Soldaten zur moralischen Festigung Karl Mays „Winnetou“-Roman mit auf dem Weg an die Front zu geben. (Im Ersten Weltkrieg hatte man ihnen Goethes „Faust“ in den Tornister gepackt.) Der polnische Schriftsteller Ludwik Powidaj hatte bereits 1864 in seinem Essay „Polacy i Indianie“ das Schicksal der amerikanischen Indianer dargestellt und dabei die Frage gestellt: „Welcher Pole wird darin nicht die Lage seines eigenen Landes erkennen?“ Nachdem Ostelbien kommunistisch geworden war, entstand dort eine ganze Indianerbewegung, die offiziell „Indianistik“ betrieb, d.h. sich dem Studium der Ureinwohner Nordamerikas widmete, die als Pioniere im Kampf gegen den Imperialismus begriffen wurden. Einige Aktivisten sahen darüberhinaus aber auch Parallelen zwischen den letzten Indianern und sich – den Bewohnern der Ostzone: „Wir lebten in der DDR ja auch in einem Reservat.“

    Wenn in Deutschland im Zusammenhang der Trockenlegung der Sümpfe und Moore, der Begradigung der Flüsse und der Errichtung von Talsperren die „Vernichtung der Arten“ beklagt wurde und eine auf Erhaltung bedachte Natur- und Landschaftsschutzbewegung entstand, dann waren damit immer Bio- und so gut wie nie Soziotope gemeint. Auch wenn „Romantiker“ von „Heimatverlust“ oder gar von einem „verlorenen Paradies“ sprachen – angesichts der zunehmenden Vernutzung der Landschaft. Schon der Heilige Augustinus war der Meinung gewesen, Adam und Eva hätten sich glücklich preisen können, in einem Garten zu arbeiten, „denn gibt es einen wunderbareren Anblick als das Säen, das Setzen von Stecklingen, das Umsetzen von Sträuchern?“

    Neuerdings hat die Historikerin Rita Gudermann ein Buch über die Trockenlegung von Sümpfen und Mooren in Westfalen und Brandenburg veröffentlicht – mit dem Titel „Morastwelt und Paradies“. Ihrer kleinräumigen Studie, die sich auf das Ostmünsterland sowie auf das Havelland und zudem auf den Zeitrum von 1830 bis 1880 beschränkt, ist zu entnehmen, dass der Meliorationsprozeß keinesfalls linear „vom Schlechteren zum Besseren verlief, sondern ganz im Gegenteil von harten Auseinandersetzungen geprägt war.“ Dazu beruft sich die Autorin u.a. auf den westfälischen Bauern Philip Richter, für den sich das Verschwinden der „alten Morast-Welt“ mit der Auflösung der Allmende im 19. Jahrhundert verband: Es war in der Tat „ein erklärtes Ziel der auf wirtschaftsliberalen Vorstellungen beruhenden Agrarreformen,“ schreibt sie, „mit der Durchsetzung des Privateigentums am Boden auch eine intensivere Bewirtschaftung zu ermöglichen, der die vielfältigen rechtlichen Bindungen und den Auseinanderfall von Besitz- und Nutzungsrechten zuvor einen Riegel vorgeschoben hatten.“ Kurz gesagt, schuf die Zerschlagung des Gemeindeeigentums einen Binnenmarkt, der die Bevölkerung in Konsumenten und Produzenten aufspaltete – auch auf dem Land, d.h. es entstanden dort wenige reiche Bauern und viele landlose Arme, die sich irgendwo und irgendwie durchschlagen mußten. Diese „Vergrößerung der sozialen Ungleichheit seit dem Ende des 18. Jahrhunderts barg einen enormen Konfliktstoff, der während der Krisenjahre der 1830er und 1840er Jahre geradezu explodierte.“ Was lag da näher als, wo es nur ging, Neuland zu schaffen – und für die Trockenlegungsarbeiten eben diese neuen Dorfarmen, d.h. alle „Überflüssigen“, zu verpflichten. Es ging dabei um die „Begradigung von Fließgewässern, die Anlage von Kanälen, die Ziehung von Ab- und Zuleitungsgräben und das Ablassen von Seen und Teichen.“ Nicht nur die Landesherren, auch Gutsbesitzer und reiche Bauern nahmen nun, z.T. genossenschaftlich organisiert, solche Entwässerungsprojekte in Angriff. Die steigenden Feldfruchtpreise wirkten dabei als Motor: Es lohnte sich. In der thüringischen Rhön inspizierte Goethe 1780 bereits umfangreiche Meliorationsarbeiten – in seiner Eigenschaft als Mitglied der obersten Regierungsbehörde seines Landesherrn.

    Parallel zu solchen Landschaftsumgestaltungen im Kleinen und Großen entstand eine „Landesverschönerungsbewegung“. Sie wollte keinen Gegensatz von Ökonomie und Ästhetik konstruieren, sondern im Gegenteil, „das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden,“ um „die Erde in eine irdisches Paradies zu verwandeln.“ Ihre „Verschönerung“ wurde geradezu als ein „göttlicher Auftrag an den Menschen begriffen“. Dabei kam es zu einer süd- und einer norddeutschen Ausprägung: In Bayern verstand der Baurat Gustav Vorherr unter einer schönen Umwelt eine Art Gesamtkunstwerk, die „Verbesserung der in ihr Lebenden“ begriff er als eine soziale und politische Aufgabe, während in Preußen der Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné „stärker vom Gartenbau geprägt war“. Hier wie dort galt es jedoch, „die vorgefundene Landschaft in eine arkadische zu verwandeln“ – bis, mit den Worten Jonathan Schuderoffs – „ganz Deutschland ein großer Garten“ geworden sei. Und man, wo dies z.B. in und um Potsdam beherzt und mit aller gestalterischen Strenge durchgeführt wurde, mit Herder sagen konnte: „Hier ist die Natur zur Kunst und die Kunst zur Natur erhoben“.

    „Preußens Arkadien“, so hat Wolf-Jobst Siedler in einem gleichnamigen Buch diese „Residenzlandschaft“ – das 180 Quadratkilometer große Gebiet des Potsdamer Werders – dann auch 1990 genannt. Die Idee dazu kam aus England. Vorreiter des Landschaftsgartens war hierzulande Fürst Franz von Anhalt-Dessau mit seinem bereits 1768 angelegten „Wörlitzer Park“. Dabei wurde das gesamte Flußdreieck zwischen Elbe und Mulde östlich von Dessau bis hin nach Wittenberg tiefgreifend umgestaltet. Dies geschah hier allerdings sehr viel „schonender“ als im Oderbruch und war eher von humanistischem als von merkantilistischem Denken beseelt. „Schafft Arbeit, darauf kommt es an!“ hatteeruverfügtt, als er nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges als einer der ersten aufgeklärten Fürsten Deutschlands sein Land aus bitterer Armut zu einem prosperierenden Kleinstaatumwandeln ließe Erwähnt sei ferner der ebenfalls nach englischem Vorbild angelegte Landschaftspark in Muskau an der Neiße und in Branitz bei Cottbus, die der Fürst Hermann von Pückler 1816 anlegen ließ und womit er sich zwei Mal finanziell ruinierte. Das heute sogenannte „Dessau-Wörlitzer Gartenreich“ ebenso wie der seit 1945 zwischen Deutschland und Polen geteilte „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ wurde inzwischen ins Weltkulturerbe-Verzeichnis aufgenommen. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV weitete die Bemühungen seiner Vorgänger und die der eben genannten Gartengestalter Mitte des 19. Jahrhunderts dahingehend aus, ganz Dorfgemarkungen zu verschönern und zu verbessern. Daneben gingen die Anstrengungen zur landwirtschaftlichen Intensivierung weiter. Aber die ästhetische Betrachtungsweise – der Rest-Moore und -Heiden beispielsweise – führte gleichzeitig zu einer Identifikation mit der „unberührten Natur“ – ihr Verschwinden wurde zunehmend als Verlust erlebt.

    Ab 1880 gewann die deutsche Naturschutzbewegung an „politischer Schlagkraft“, schreibt Rita Gudermann. 1904 gründete sich der „Bund Heimatschutz“. Trotz wachsender Kritik an der „Denaturierung“ wurden die Meliorationsarbeiten (lat. melior – besser) jedoch unvermindert weitergeführt. „Dieser Prozeß der Landschaftszerstörung verstärkte sich sogar noch, als ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts professionell und mit Hilfe des Staates gegen die verbliebenen Moore vorgegangen wurde.“ Das Scheitern vieler Moor-Kolonisierungsprojekte erzwang allerdings einige Korrekturen: „1876 wurde eine Zentral-Moor-Kommission eingesetzt; ihr folgte ein Jahr später eine Moorversuchsstation in Bremen…Das Ergebnis der Tätigkeit beider Institutionen war der Entschluss, auch weiterhin Hochmoorkolonien einzurichten, jedoch nach einer neuen ‚wissenschaftlichen Methode‘. Die deutsche Hochmoorkultur war entstanden,“ schreibt David Blackbourn.

    Bei Rita Gudermann findet sich der Hinweis: „Erst gegen Ende der 1960er Jahre wurde die neuere Ökologiebewegung aus den USA importiert. Auf den Schutz der verbliebenen, marginalen Reste der früheren Moor- und Heideflächen wird seither besondere Energie verwandt.“ 1921 erklärte man die Lüneburger Heide zum ersten deutschen Landschaftsschutzgebiet. Weitere folgten – bis heute. 1991 wurde z.B. die Rhön zum „Biosphärenreservat“ erklärt, ABM-Kräfte halten dort seitdem die seltene Rhöndiestel von Überwucherung durch Unkraut frei und am dortigen „Schwarzen Moor“ bzw. an dem, was davon noch übriggeblieben ist, steht nun statt eines Arbeitslager-Wachtturms ein behindertenfreundlicher Aussichtsturm für Öko-Touristen. Ähnlich hat man heute auch den kleinen Rest, Stapeler Hochmoor genannt, der von den einst großen Mooren im Oldenburger Land übrig blieb, unter Naturschutz gestellt. Dazu wurden in diesem „Wiedervernässungsgebiet“ die Entwässerungsgräben, die einst Strafgefangene mit dem Spaten ausheben mußten, wieder zugeschüttet – diesmal mit Baggern. Seitdem die Gegend feuchter geworden ist, haben sich viele bereits so gut wie verschwundene Pflanzen und Tiere dort erneut angesiedelt. Der alte Bauer Georg Streekmann, der jetzt Führungen durch das Stapeler Hochmoor organisiert, befürchtet bereits, dass sich irgendwann auch wieder die Malariamücke einstellen wird.

    Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der deutsche Historiker Heinrich von Treitschke alles daran gesetzt, den Gegensatz zwischen dem „neuen Grün germanischen Fleißes“ und den „Sümpfen und Morästen der Polen“ ins allgemeine Bewußtsein zu heben. Diese waren grau und düster, jenes licht und farbenprächtig: „Die Zuordnung von Farben gehörte unweigerlich dazu, wenn Deutsche die eigene und die polnische Landschaft charakterisierten,“ schreibt David Blackbourn. Währenddessen brachte das Zusammendenken von Sumpf und Slawen einen ganzen neuen Wortschatz hervor, der z.T. noch heute gültig ist: Prostituierte hießen „Sumpfblüten“, sumpfen wurde zu einer Bezeichnung für herumhuren, aber auch durch zu viel Alkoholgenuß versumpfte man – und/oder geriet in den „linken“ bzw. „kriminellen Sumpf“. Das größte Sumpfgebiet auf dem Kontinent – die Pripjet-Sümpfe in Podlasien, mit einer Ausdehnung von 270.000 Quadratkilometern, wo sich ab 1941 gut 100.000 weissrussische, ukrainische, polnische, jüdische und sowjetische Partisanen versteckt hielten – dieser noch heute riesige Sumpf, in dem damals eine Bevölkerung von zwei Millionen Menschen angeblich „in hoffnungslosem Stumpfsinn vegetierte“, wurde 1939 von dem Raumordnungsplaner Martin Bürgener kurzerhand zur „Urheimat“ aller Slawen erklärt. Nach Abschluß des Versailler Vertrags und dem Verlust der Ostgebiete war bereits eine Flut von Veröffentlichungen entstanden, mit denen bewiesen wurde, dass die Deutschen Siedler dort der wilden Natur „lachende Fluren und blühende Felder“ abgerungen – kurzum: einen wahren „Garten“ geschaffen hatten, den die Polen nun verkommen ließen. Mit dem Einmarsch in Polen 1939 versuchten die nationalsozialistischen Gärtner erneut, den Osten, diesmal bis hin nach Moskau, zu kultivieren. Dazu gab es einen „Generalplan“ (unter der Federführung des Agararwissenschaftlers Konrad Meyer), den man zwei Jahre zuvor in einer der ärmsten Gegend Deutschlands, in der Rhön, quasi erprobt hatte. Er hieß dort „Dr.Helmuth-Plan“, nach dem unterfränkischen Gauleiter benannt, und sah die Trockenlegung von Mooren und Sümpfen, die Entsteinung der Äcker, den Straßen- und Brückenbau sowie die Anlage von Truppenübungsplätzen vor. Das Manövergelände in Wildflecken wurde 1938 als „größte Baustelle Deutschlands“ bekannt. In der Region wurden mehrere Arbeitsdienstlager eingerichtet, die man zunächst mit zwangsverpflichteten Arbeitslosen, dann mit Polen und zuletzt mit russischen Kriegsgefangenen besetzte. Vor der Umsetzung des „Hellmuth-Plans“ waren erst einmal die Arierexperten der NSDAP über die Region hergefallen, um die Bevölkerung rassisch zu selektieren. Dazu verkündeten sie: „Wissend, dass Erbgut das Wesen des Menschen bestimmt, tritt der Politiker heute an den Erbbiologen heran mit der Frage: aus welchem Holz ist der Rhöner geschnitzt. Im Vordergrund muß also die Erforschung der menschlichen Tüchtigkeit der Bewohner stehen, und hier galt es nach nationalsozialistischen Grundsätzen, über die Untersuchung des Einzelnen hinauszugehen und nicht mehr und nicht weniger zu erforschen als den Erbwert der gegenwärtig lebenden und in der Zukunft zu erwartenden Bevölkerung. Im Gau Mainfranken ist erstmals an die Verwirklichung dieser Forderung herangegangen worden, um hieb- und stichfeste Grundlagen für das Menschenproblem in der Rhön zu schaffen.“

    Der Schriftsteller und spätere Institutsleiter an der Akademie der Künste in der DDR, Bodo Uhse, versuchte in den Dreißigerjahren die Landarbeiter und Kleinbauern in der Rhön zu organisieren, später veröffentlichte er einen Artikel in einer Exil-Zeitschrift über den „Dr.Helmuth-Plan“: „Hitlers Pontinische Sümpfe“ betitelt. Sein Text beginnt mit einem Besuch des Autors im Rhöndorf „Sparbrot“, wo er von einem Kleinbauern zum Essen eingeladen wird. Er bekommt eine magere Kartoffelsuppe vorgesetzt. „Das Fleisch“, entschuldigt sich der Bauer, „sitzt bei uns um den Tisch“. Er zeigt dabei auf seine Frau und sieben Kinder. Solche und ähnliche Familien, „etwa 100.000 Menschen insgesamt“, will man, gemäß des „Hellmuth-Plans“, von ihren zu kleinen Äckern vertreiben – und dafür lebensfähige Erbhöfe in der Rhön schaffen. Uhse spricht von einer „Klassenbereinigung – die Halbproletarier sollen völlig proletarisiert werden. Das ist der ökonomische Sinn des ,Aufbauplans‘.“ Die Frankfurter Zeitung meldete 1938, dass man von 13.735 landwirtschaftlichen Betrieben in der Rhön 11.552 als „nicht lebensfähig“ eingestuft habe. Der Marburger Politologe Martin Bongards schrieb 2004 über den „Dr.Hellmuth-Plan“: „Bei der Durchführung kam es zur Zusammenarbeit von einer Unzahl verschiedendster nationalsozialistischer Organisationen und staatlicher Stellen, so dass wirklich jeder Rhöner von diesem Plan erfaßt wurde…Die Hauptlast bei den durchzuführenden Arbeiten trug der Reichsarbeitsdienst (z.T. eben die ehemaligen Saisonarbeiter und sonstige Arme der Rhön), die eigentliche ,Finanzierung‘ erfolgte also durch Zwangsarbeit.“ Bei seinen Recherchen vor Ort über die Folgen des Hellmuth-Plans für die Betroffenen konnte Bongards durch Interviews nichts mehr darüber in Erfahrung bringen, auch auf Fragen „nach dem Zustandekommen des jeweiligen Besitzes reagierten die Bewohner unwirsch. Der Dr.Hellmuth-Plan gilt z.B. in Bischofsheim als frühe Flurbereinigung und weitsichtige Infrastrukturmaßnahme.“

    Als dann ab 1939 der „Generalplan Ost“ griff, den man als eine riesige „Aufgabe des Aufbaus im Osten“ bezeichnete, wozu ebenfalls eine rassische Selektion der Bevölkerung gehörte, wurden die Deutschen schon bald von einem regelrechten „Ostrausch“ ergriffen. Fachleute, wie Heinrich Wiebking-Jürgensmann, sprachen von einer „Blütezeit für…deutsche Landschafts- und Gartengestalter,“ die nun angebrochen sei. „‚Rausch‘ ist fast eine Untertreibung für eine derartige Verzückung,“ meint Blackbourn. Es ging darum, dort eine Fläche rassischer Reinheit zu schaffen: Polen und Juden wurden deportiert, „Judenweiber sind in die Sümpfe zu treiben,“ ordnete der Reichsführer SS Heinrich Himmler an. Noch als man Massenvernichtungsmittel anwandte – u.a. im KZ Auschwitz, das auf einem oberschlesischen Moor errichtet wurde, war das „In-die-Sümpfe-Treiben“ laut Blackbourn ein „Euphemismus für Ermordung“. Auschwitz galt dem dort inhaftierten Partisan Primo Levi dann als „die letzte Kloake des deutschen Universums“. Noch 1947 verteidigte der Schriftsteller Otto Flake gegenüber dem aus dem Exil zurückgekehrten „Vaterlandsverräter“ Thomas Mann diese und andere Kriegsverbrechen als Opfergänge: Die westlichen Nationen hätten den bloß „allzu beflissenen“ Deutschen „den Kloakendienst überlassen, während sie selbst „die Hände in den Hosentaschen, verächtlich zuschauten“.

    „In den norddeutschen Moorlagern entstand das Lied „Die Moorsoldaten“. Allein im Emsland gab es 15 solcher Arbeitslager. In einem – Esterwegen – war der Heilpraktiker Arnold Eickmann inhaftiert. Er wurde von dort in das KZ Sachsenhausen verlegt, wo er in der Gärtnerei arbeitete. Zu allen KZs gehörten umfangreiche Gartenanlagen mit Gewächshäusern, daneben mußten die Gärtner auch die Freiflächen in den Lagern und die Appellplätze „verschönern“. Eickmann, der in mehreren KZs inhaftiert war, schreibt in seiner „Erinnerungen“ über das KZ in Oranienburg: „Im Lager und rundherum grünt und blüht alles.“ Jeder Angehörige der SS-Wachmannschaft konnte sich auch noch „einen Garten nach seinem Geschmack einrichten lassen.“ Eickmann wird die Ausgestaltung des Privatgartens von Richard Glücks übertragen: „Ich konnte dabei alle meine Pläne durchführen, denn für den SS-Gruppenführer stehen unbegrenzte Mittel zur Verfügung, Menschen, Geld und Baumaterial.“ Mit Hilfe von 100 Häftlingen bepflanzt Eickmann den breiten Weg vom Toreingang bis zu Glücks Haus mit einer Doppelreihe Pappeln, er legt Blumenbeete, Staudengruppen, einen riesengroßen Steingarten und einen mit Trauerweiden umrandeten künstlichen Teich an. Die Frau von Glücks ist so „erfreut, dass aus der Sandwüste nun nach fünf Monaten ein kleines Paradies geworden ist,“ wie Eickmann schreibt, dass sie ihn mit Rauchwaren verwöhnt. Anschließend soll er den Privatgarten des Generals der Waffen-SS Theo Eicke in Sachsenhausen ausgestalten. Dafür waren bereits fertige Pläne vorhanden: „Der Entwurf trägt die Kennzeichen einer Gartengestaltung, wie sie die Mode gerade vorschreibt. Ich weiß, dass er den Geschmack des Obergruppenführers in keiner Weise trifft.“ Deswegen machte Eickmann einen neuen Plan, den er dann auch sogleich realisieren soll – innerhalb von sechs Wochen: „Mit tausend Häftlingen beginne ich meine Arbeit. Viel ist zu schaffen. Dem Wohnhaus gegenüber soll ein großer Springbrunnen angelegt werden. In drei Kaskaden muß das Wasser in einen großen Teich inmitten des Gartens fließen. Im Park pflanzen wir Vogelschutzgehölze an und errichten ein großes Pfauenhaus. Vier Kilometer Wege sind allein zu bauen. Weite Rasenflächen müssen angelegt, Bäume und Sträucher gepflanzt, Blumen gesät und lange Hecken gezogen werden. Eine gewaltige Arbeit. Aber Hände sind genug vorhanden. So kommen wir schnell voran.“ Später legt er für die Kinder der Familie noch einen Spielplatz an, außerdem wird ihm die Pflege des Wintergartens im Haus übertragen. Aber dann erfolgt seine Verlegung in das KZ Dachau. Seine Arbeit erstreckt sich dort „nicht nur auf die Anlage und Erweiterung der Heilkräuter-Plantage“, die mit Hilfe von 2000 Häftlingen aufgebaut wurde. „Wenige hundert Meter vom Gewächshaus I entfernt liegt ein Teich,“ schreibt er, „um diesen muß ich rundherum einen Steingarten anlegen, der an einigen Stellen bis zu drei Meter erhöht werden soll. Die erforderlichen Steine liefert uns das KZ-Lager Mauthausen. Meine Arbeit wird durch den nassen Moorboden und das feuchte Klima in dieser Gegend sehr erschwert…Ich entwerfe, plane, mache Saatberechnungen, lege Verbesserungsvorschläge vor und führe meine eigenen Entwürfe aus.“

    Weitere – ähnliche – Aufzeichnungen hinterließ der tschechische Maler Karel Kasak. Er arbeitete als Botanischer Zeichner in der Gärtnerei des KZ Dachau, wo auch der bayrische Pfarrer Korbinian Aigner einsaß. Aigner züchtete dort neue Apfelsorten, die er KZ1, 2, 3 und 4 nannte. Die Sorte KZ3 war die beste. Sie wird heute unter dem Namen „Korbinian-Apfel“ vermarktet. Eickmann wurde dann von Dachau nach Auschwitz verlegt. Er soll dort die Lagergärtnerei übernehmen sowie die Privatgärten des SS-Offiziers de Fries und des Lagerführers Höss gestalten: „Höss befiehlt mir, mich im Laufe des Tages bei seiner Frau vorzustellen und von ihr alle Befehle für die Gärtnerarbeiten entgegenzunehmen.“ Nach dem Krieg sagte Rudolf Höss bei seiner Vernehmung aus: „Meine Frau hatte ihr Blumenparadies. Die Häftlinge taten alles, um meiner Frau und den Kindern etwas Liebes zu tun…An den Gärtnern hingen die Kinder besonders.“ Neben Eickmann berichtete später auch der polnische Häftling Stanislaw Dubiel über seine Gärtnertätigkeit im KZ Auschwitz. Er war dort ebenfalls an der Gestaltung des Privatgartens der Familie des Lager-Kommandanten beteiligt. Neuerdings erschien noch ein Buch über einen SS-Offizier, der in Auschwitz die dortige Vogelwelt erforschte – zusammen mit einem polnischen Häftling, der Zeichnungen von den Vögeln anfertigen mußte. Der SS-Ornithologe wurde nach dem Krieg von einem polnischen Gericht zu acht Jahren Haft verurteilt. Das Buch „Die Vogelwelt von Auschwitz“ schrieb Arno Surminski.

    Zurück zum Rhönplan des Gauleiters Dr.Helmuth: Dieser fand lange nach dem Krieg über den 1944 von der Roten Armee gestoppten „Generalplan Ost“ doch noch seine Verwirklichung – im Kleinen: als „Aufbau Ost“ für die ehemalige DDR, nachdem diese der BRD „beigetreten“ war, wie man das ab 1990 nannte. Dabei war wieder – wie erwähnt – von „blühenden Landschaften“ die Rede. Auch diese „Aufgabe“ versetzte die daran Mitgestaltenden in eine Art Ostrausch. Der für die wirtschaftliche Verwaltung Ostelbiens zuständige Treuhandchef Detlef Rohwedder klagte über seine Managerkollegen: „Die benehmen sich im Osten schlimmer als Kolonialoffiziere!“ Einer seiner Privatisierungsmanager meinte z.B. auf einer Berliner Treuhandkonferenz: „Ich muß unbedingt mal wieder Ostweiber beschlafen!“ Fast genauso äußerte sich auch der auf einer Lesetournee durch die untergehende DDR in Leipzig pausierende West-Schriftsteller Michael Stein.

    Sogar das politische Drehbuch für die Wiedervereinigung stammte noch aus der Zeit des nationalsozialistischen Ostrausches, d.h. nach dem Scheitern der DDR wurde das Territorium noch einmal von der ihr vorangegangenen antikommunistischen deutschen Raub- und Raumplanung eingeholt – überrollt, indem bei der Treuhandpolitik ein alter Plan zur Verwirklichung kam, den der Jurist Friedrich Ernst in den Fünfzigerjahren ausgearbeitet hatte. Er begann seine Staatskarriere 1919-31 im preußischen Handelsministerium. Anschließend wurde er Reichskommissar für das Bankgewerbe. 1935 ernannte ihn der Führer zum Reichskommissar für das deutsche Kreditwesen. 1939-41 war er für die Verwaltung des „feindlichen Vermögens“ verantwortlich, dazu arbeitete er die „Richtlinien“ zur Wirtschaftsführung in den „neubesetzten Ostgebieten“ aus. Diese Instruktionen – Hermann Görings berühmte „Grüne Mappe“ – waren dann Grundlage für die Tätigkeit des „Wirtschaftsstabes Ost“: das Drehbuch für die Ausplünderung der Sowjetunion, was die Vernichtung sämtlicher „unnützer Esser“ mit einschloß, d.h. die planmäßige Ermordung von mehreren Millionen Juden, Alten, Zigeunern, Bettlern, Partisanen, Kindern usw.. Dr. Ernst nahm daran nicht mehr aktiv teil, er wurde 1941 Teilhaber einer Hamburger Bank. 1949 holte man ihn aber erneut in ein öffentliches Amt. Bis 1957 half er, das Wirtschaftswunder anzukurbeln: erst als Verwaltungsratsvorsitzender der Berliner Zentralbank, seit 1951 auch noch als Leiter des Kabinettsausschusses für Wirtschaft – damit war er der Vordenker in Adenauers „Wirtschaftsnebenregierung“. 1952 wurde er überdies Vorsitzender des „Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands“. Es ging um eine detaillierte Zusammenstellung „der bei der Wiedervereinigung voraussichtlich erforderlichen Sofortmaßnahmen“. Die Arbeit gipfelte in einer „Empfehlung zur Einfügung der ,volkseigenen‘ Industriebetriebe der SBZ in die nach der Wiedervereinigung zu schaffende im Grundsatz marktwirtschaftliche Ordnung“. Einen Monat nach dem Tod von Dr. Ernst wurde die Empfehlung abgeschlossen.

    Im Einzelnen wurde darin u.a. vorgeschlagen: 1. die VEB als potentiell selbständige Unternehmen zu „modifizieren“, 2. von diesen „modifizierten VEB“ eine DM- „Eröffnungsbilanz zu verlangen, und 3. mit dem Übergang eine „Obere Behörde“ (Treuhandanstalt) zu betreuen. Diese obere Behörde sollte Aufsichtsräte einsetzen und die „modifizierten VEB“ gemäß marktwirtschaftlicher Einschätzungen teilen oder mit anderen vereinen. Mit Staatsmitteln errichtete Werke sollten von der oberen Behörde verkauft, d.h. privatisiert werden. Für die LPG sah die Empfehlung vor, sie nach einer Phase als „Übergangsgemeinschaften“ aufzulösen. Als Prinzip galt: „Rückgabe vor Entschädigung“. Dabei würde es zu Arbeitslosigkeit kommen, deswegen wurde empfohlen, gleichzeitig Vorsorge für einen reibungslosen Übergang von landwirtschaftlicher zu anderer Beschäftigung zu treffen (Massen-Umschulung und -ABM). Auch die „Altschulden“-Frage wurde vom Forschungsbeirat bündig geregelt, sowie die Währungsumstellung auf 1:1 – mit Einschränkungen. Außerdem war man bereits 1960 davon ausgegangen: Es gibt jetzt schon in der „sowjetisch besetzten Zone bei Kali Kapazitäten, die im Falle der Wiedervereinigung eine Ausweitung nicht erfordern“, da sich daraus „Überkapazitäten für Gesamtdeutschland ergeben würden“. Dr. Ernst hatte also bereits damals die Schließung u.a. des Kaliwerks in Bischofferode 1993 fest im Blick: Unglaublich!

    Seine praktischen Wiedervereinigungs-Empfehlungen waren 1960 bereits so ausgereift, daß sie noch dreißig Jahre später als „Masterplan“ der Treuhand-Privatisierungspolitik in Ostdeutschland taugten – und auch weitgehend zur Anwendung gelangten. Bei diesem neokonservativen Reloading des „Dr.Ernst-Plans“, über den der letzte DDR-Botschafter in Jugoslawien Ralph Hartmann ein kluges Buch veröffentlicht hat, fehlte es auch nicht an Stimmen, die noch sozusagen „live“ aus dem nationalsozialistischen Ostrausch herübertönten – indem sie von „verwüsteter Raublandschaft“, „sterilen Halden und Abbauflächen, von Dämpfen und Gasen überlagert, von eklen Gewässern durchsetzt.“ sprachen, wie einst der Ostraumplaner Erhard Mäding, sowie auch von einer, inzwischen kommunistisch regierten, „Welt“, weit entfernt von „dem grünen Garten, der von der „[west-] deutschen Hochkultur“ geschaffen worden war. Selbst die eilig eingeflogene Amerikanerin Jane Fonda war sich nicht zu schade, für CNN am chemievergifteten „Silbersee“ (!) zwischen Wolfen und Bitterfeld zu posieren – und bitterlich zu weinen ob des dort zerstörten Naturschatzes. „Das hat uns schwer geschadet,“ meinte 1996 einer der Geschäftsführer der dort inzwischen stillgelegten Filmfabrik Orwo. 2009 ist die CDU-Bürgermeisterin von Bitterfeld/Wolen trotz bzw. gerade wegen der vielen dort abgewickelten Arbeitsplätze stolz, „dass uns der Aufschwung von der dreckigsten Region Europas zum schönen Schwan gelungen ist.“ Aber besonders jetzt, in der Wirtschaftskrise, so sagt sie, haben die hiergebliebenen „Menschen Angst, dass das Märchen bald vorbei sein könnte.“

    Nach Abschluß des Aufbau Ost in der Ex-DDR wird nun zweierlei deutlich: Die diesmal fast friedliche Vertreibung der vom slawischen Schlendrian quasi durchseuchten Ostdeutschen – mittels Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Zwangsarbeit und Ernteeinsätzen – hat Platz geschaffen – nicht nur für viele neue Naturschutzgebiete sowie für die Wiederansiedlung von (russischen bzw. polnischen) Wölfen, es ermöglicht auch immer mehr Westdeutschen, sich dort großzügig anzusiedeln – um vor Ort rekultivierend zu wirken, indem sie ihre Umgebung aufs Liebevollste umgestalten – auf privater Basis diesmal. Die einzigen halbwegs partisanischen Formationen dagegen, das scheinen nun die Neonazis zu sein: Sie begreifen sich als umherschweifende Schlägertrupps in der Tradition der Freikorps, die zuletzt in der SA bzw. SS aufgegangen waren.

    Während die deutsche Kultivierungs- bzw. Kulturgrenze immer weiter nach Osten verschoben wurde, entstanden im bereits so gut wie trockenen Kernland ab Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr idyllische Gartensiedlungen. Die erste – „Marga“ genannt- ab 1907 bei Senftenberg. Sie war für Bergarbeiter gedacht, während die in den 20erjahren gebaute „Gartenstadt Leuna“ für Handwerker geplant wurde.In Staaken und Falkensee bei Berlin entstand etwa zur selben Zeit „Europas größte Gartenstadt“. Jeder Mieter sollte dort über einen eigenen Garten verfügen. Zuvor hatten die Bürger bereits in vielen Städten Botanische und Zoologische Gärten gegründet und die Stadtverwaltungen öffentliche Parkanlagen anlegen lassen, nicht selten mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Arbeitslose verbunden. Für die einkommensschwachen und zudem prekär beschäftigten Schichten wurden zur Not-Selbstversorgung Schrebergärten ausgewiesen. In der DDR kamen später zur Erholung der Werktätigen noch viele Datschensiedlungen hinzu. Die Erbauungszeitschrift „Gartenlaube“, 1853 gegründet, entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten erfolgreichen deutschen Massenblatt, sie wurde 1944 eingestellt. Zuvor hatten die Nazis noch für jedes deutsche Dorf ein Naturschutzgelände und für jeden Kreis ein Naturschutzgebiet geplant gehabt, der Abschuß eines Adlers wurde zu einem todeswürdigen Verbrechen erklärt.

    Heute ist es schon fast wieder so weit: So wurde im Herbst 2007 z.B. der in Ostdeutschland aufgewachsene Schreiadler Sigmar auf seinem Flug nach Afrika über Malta abgeschossen. Da die Insel Malta inzwischen das „Sorgenkind“ der Vogelschützer ist, dem sie sich besonders intensiv widmen, wurde dem jungen Schreiadler schnelle Hilfe zuteil: „Die Naturschützer sammelten das verletzte Tier auf ließen es per Flugzeug in die Tierklinik der Freien Universität Berlin bringen, aber es überlebte nicht. Die Ärzte mussten den Greifvogel wenige Wochen später wegen einer infizierten Wunde einschläfern. Ein bitterer Verlust, denn in Deutschland leben nur noch 90 Paare dieser Art. Auch auf Sigmar ruhte die Hoffnung, dass sich die Schreiadler-Population erhalten lässt,“ schrieb die Süddeutsche Zeitung. Diese ganze naturfürsorgliche Entwicklung bahnte sich in den Siebzigerjahren an – mit der Sonnenblumenpartei Die Grünen, mit Öko und Bio, mit Hinterhofgärten, Dachgärten, Schulgärten, Gemüsebeeten auf Balkonen, immer anspruchsvolleren Blumenläden und immer gigantischeren Gartencentern bzw. Blumengroßmärkten sowie bis heute 70 Zeitschriften, die ausschließlich Gärten thematisieren. Sie heißen „LandLust“, „Mein schöner Garten“, „Country“, „Demeter-Gartenrundbrief“, „Flora“ usw..

    Für die Berliner Gewässer wurde ein „Röhrichtschutzgesetz“ erlassen. Die deutsche „Hauptstadt der Nachtigallen“ ist inzwischen derart begrünt, dass einige New Yorker Urbanisten neulich nach einer Stadtbesichtigung per Schiff – vom Humboldthafen über die Spree zum Landwehrkanal – schon erstaunt fragten: „Where is the city?“ Bei den Agrarwissenschaftlern an der Humboldt-Universität hat man einen Lehrstuhl für „Stadtgärten“ eingerichtet und in einigen Bezirken gibt es bereits „besetzte Gärten“ sowie auch Wohnkomplexe mit einem Hinterhofsumpf als dezentrale Kläranlage. Den Reichen, die ein Haus von einem berühmten Architekten in einer Villengegend erwarben, bietet das beim Innenministerium angesiedelte Gartendenkmalamt sogar an, die bis in die Millionen gehenden Kosten zur detailgenauen Rekonstruktion ihres Gartens zu übernehmen. Die Besitzer dürfen dann allerdings keine Gartenmode mehr mitmachen. (1)

    Diese besteht derzeit vornehmlich im Anlegen von Gartenteichen und -sümpfen. Es gibt in Deutschland bereits gut drei Millionen davon. Der neue deutsche Hang zu Miniatursümpfen, Feuchtbiotopen, Teichen und Sumpfbeeten bzw. „Gartensümpfen“, ein Wort, das auf den Husumer Eindeichungsexperten Theodor Storm zurückgeht, hat bereits eine ganze Industrie nebst dem entsprechenden Bedarfsmarkt entstehen lassen. Das Angebot reicht von Tier- und Pflanzenzüchtungen bis zu Umwälzpumpen, Fertigteichen und qualifizierten Sumpfgarten-Beratern. Einer, Jens Beiderbeken, der über das Gartencenter Havelland vermittelt, reichen Gartenbesitzerinnen in und um Spandau beim Anlegen ihrer Feuchtbiotope hilft, spricht von einem „regelrechten Sumpffieber“. Aber auch z.B. der Bund Naturschutz bzw. seine Ortsgruppen wetteifern beim Anlegen von immer neuen Teichen – Biotopen mit Flachwasser- und Feuchtzonen sowie Ablaichmöglichkeiten für Amphibien. Es gibt außerdem inzwischen einen Studentenclub „Sumpf e.V.“ und eine Kulturkneipe namens „Der Sumpf“, sowie auch einen fortdauernden „Stasi-Sumpf“ und einen „Braunen Sumpf“, den die Bundesregierung angeblich „austrocknen“ will. Überhaupt ist das Wort „Sumpf“ in der Öffentlichkeit immer noch durchaus negativ konnotiert – außer bei den Partisanen: So heißt z.B. ein Beitrag von Sepp Gutsche in einer Sammlung von Erinnerungen deutscher und sowjetischer Partisanen: „Der Sumpf – Freund der Partisanen“. Dieser Sumpf befindet sich jedoch in Weissrussland.

    In Ostdeutschland hat man dafür 1995 das sich etwa ab Hohenwutzen flußabwärts an das Oderbruch anschließende Untere Odertal fast bis zum Stettiner Haff zu einem „Nationalpark“ erklärt. Auf polnischer Seite kamen dazu noch zwei „Landschaftsschutzparks“ – zusammen ist damit eine Fläche von 1172 Quadratkilometern erfaßt. Dort darf die Landschaft nun langsam wieder den Charakter eines Feuchtbiotops annehmen. Zur Einweihung erklang auf deutscher Seite die neue Nationalhymne Brandenburgs, sie beginnt mit der Strophe: „Steige hoch, du roter Adler, hoch über Sumpf und Sand“.

    Noch seltsamer: Im Oderbruch selbst, wo die ganze Trockenlegung der deutschen Sümpfe einst begann, wurde im Mai 2008 eine Ausstellung von zwei Kulturwissenschaftlern – Kenneth Anders und Lars Fischer – eröffnet, mit der ihr Eberswalder „Büro für Landschaftskommunikation“ vier Zukunfts-Szenarien für diese Region vorstellte. Gleich mehrere bestanden darin, auch diese einst völlig denaturierte preußische Landschaft wieder versumpfen zu lassen. Veranstaltet wurde ihre dort vielbeachtete Ausstellung vom „Forum Oderbruch e.V. – „ein Zusammenschluss aus Honoratioren und Honoratioren-Vereinen, der unter dem Eindruck der Hochwasserbedrohung 1997 gegründet wurde und sich das Schicksal des Oderbruchs angelegen sein lässt. Dieses Forum hat die zwei Kulturwissenschafter beauftragt, Szenarien für mögliche Entwicklungstendenzen der Region zu entwerfen und einen regionalen Meinungsbildungsprozess dazu auszulösen,“ schreibt die Rezensentin der Dorfzeitung von Reichenow, Imma Harms, die das Projekt für sehr gelungen hält. Zu die beiden Autoren aus Eberswalde meinte sie: „Das ist wie eine Wiederholung der Geschichte von Hermann dem Cherusker. So wie der in Rom erst eine militärische Ausbildung bekam, um dann als Experte für den germanischen Guerillakampf antreten zu können, sind diese zwei Kulturwissenschaftler auch erst mal von hier weggezogen und haben sich woanders, u.a. bei Thomas Macho an der Humboldt-Universität, ihr Wissen geholt, um nun im Oderbruch, wo sie herkommen, als Experten im besten Sinne aktiv zu werden.“

    Ein taz-Redakteur, Uwe Rada, schrieb über ihre Ausstellung: „Drei der vier Prognosen ist gemeinsam, dass sie eine Absage sind ans ‚Weiter so‘. Im Szenario ‚Intensivierung‘ erobert die Biomasse das Oderbruch, schnellwachsende Weiden und ‚Chinaschilf‘ ersetzen den bisherigen Anbau von Kartoffeln und Gemüse. Infolgedessen bricht der Tourismus ein, die Eisenbahnverbindungen werden eingestellt, Böden und Grundwasser sind mit Düngemitteln verseucht. Nicht viel optimistischer ist das Szenario ‚Extensivierung‘. Weil die Entwässerung der Niederungslandschaft zu teuer geworden ist, lässt die Landesregierung weite Teile des Bruchs vernässen. Weidewirtschaft und Fischerei erleben eine Renaissance. Um den rasanten Bevölkerungsverlust aufzuhalten, setzt die Landesregierung auf eine ‚Disneylandisierung‘ des Oderbruchs. Auch der Naturschutz muss deshalb zurücktreten. Die düsterste Prognose freilich hält das Szenario ‚Katastrophe‘ bereit. Erneut kommt es zu einer Jahrhundertflut an der Oder. Anders als 1997 beschließt die Landesregierung jedoch, das Oderbruch aufzugeben und die Bevölkerung umzusiedeln. Doch auch die Bundeswehr kann nicht verhindern, dass zahlreiche Bewohner zurückkehren und wilde Siedlungen auf Subsistenzbasis gründen. Darüber hinaus rufen Aktivisten die ‚Freie Republik Oderbruch‘ aus. Weil die Hochwasser jedes Jahr im Sommer und Winter das Bruch fluten, haben die Siedler ihre Häuser auf Warften errichtet – wie vor der Trockenlegung im 18. Jahrhundert.“

    Neben dem Wolf darf sich nun auch der Biber an der Oder wieder ausbreiten, nachdem er im 19. Jahrhundert so gut wie ausgerottet worden war. Das ist jedoch kein Zukunftsszenario mehr, sondern bereits Gegenwart, wobei für die beiden Eberswalder Landschaftsforscher sowieso „klar ist, dass die Zukunft, die die Szenarien beschreiben, an der Oder längst begonnen hat“.

    „Biber setzen Oderbruch unter Wasser“ titelte die Berliner Morgenpost im Mai 2008. Laut einer aktuellen Studie wurden bereits „60 Ansiedlungen mit etwa 250 Exemplaren gezählt“. Die ersten hatte man dort schon 1986 ausgesetzt. Sie vermehrten sich und bilden heute eine stabile Population. „Sehr zum Leidwesen der Oderbrücher, die ein Lied davon singen können, wie Biber ganze Felder unter Wasser setzen, dickste Bäume fällen, Gräben umleiten und selbst vor den neu gebauten Oderdeichen nicht Halt machen. Naturschützer schätzen hingegen vor allem die Nützlichkeit des Bibers. Laut europäischer Wasserrahmenrichtlinie soll Regenwasser nicht sofort aus der Landschaft abgeführt, sondern dort gehalten werden. ‚Um Fließgewässer zu renaturieren, werden Millionen ausgegeben. Der Biber macht das mittels Anstauen zum Nulltarif‘, sagt Peter Streckenbach von der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Märkisch-Oderland.“

    In Ostdeutschland leben inzwischen wieder mehr als 6000 Biber. In der märkischen Uckermark, wo ihre Dammbauten bereits große Seen entstehen ließen, gehen Biberschützer heute davon aus, dass diese neuen Feuchtregionen die Landschaft vor dem „Austrocknen“ schützen. Sie begrüßen also im Gegensatz zu den Oderbrüchern die erneute Versumpfung – und die Biber als die noch viel sensibleren Landschaftsumgestalter: „Sie haben ein El Dorado für all jene Tiere geschaffen, die am Wasser leben,“ freut sich z.B. der Leiter des Naturparks Uckermärkische Seen Roland Resch, dem ein solch quasi-natürlicher Rückbau, also die Wiederversumpfung, gar nicht weit genug gehen kann.

    In eine ähnliche Richtung argumentiert die Schriftstellerin Charlotte Roche mit ihrem Bestseller „Feuchtgebiete“, in dem es um die positive Besetzung der bisher eher kulturell-eingedämmten weiblichen Körperöffnungen geht, ihre flüssigen bis sämigen Ausscheidungen, Gerüche, Geräusche und Miasmen. Auch der Münchner Biologe Reichholf hat in sein Buch „Stadtnatur“ ein Kapitel über Gartenteiche bzw. -sümpfe mit hineingenommen. Er gibt darin zu bedenken, dass sie früher oder später „verlanden“, d.h. dass die Teiche über den Tümpel in einen Sumpf übergehen und „dieser nach und nach ähnliche Verhältnisse annimmt wie das umliegende Land.“ Der neue deutsche Hang zum Sumpf ist also nicht nur eine Garten-Modeerscheinung, sondern der Sumpf selbst ist ein Zwischenstadium. (2)Im Gegensatz zur Literatur darüber, die, wie Reichholf schreibt, inzwischen „schier unübersehbar“ geworden ist. Ein Text sei abschließend noch erwähnt: „La Science de Dieu“ von Jean-Pierre Brisset. Der Sprachgenealoge schreibt darin: „Alle Sprachen haben die Erinnerung an die Zeit bewahrt, als man von Fliegen lebte. Das größte Glück für einen Deutschen ist es, zwei davon auf einmal zu töten: Zwei Fliegen mit einer Klappe tot zu schlagen. Wir sehen ihn immer noch leben, unseren ersten Vorfahren, in den Mooren und Sümpfen; er kommt auf die Erde und steigt zur Sonne. Er ist ein Hüpfer, der von Grashüpfern, von Grillen, von allem, was summt, vor allem von Fliegen lebt. Dieser Ahn ist, man ahnt es schon, der Frosch.“ „Es geht darum, sagt Brisset, „die Erschaffung des Menschen mit den Materialien aufzuweisen, die wir in seinem Mund finden, wo Gott sie hingetan hat, bevor der Mensch erschaffen ward.“

    Michel Foucault beschreibt Brissets Vorgehensweise wie folgt: „Um irgendein Wort seiner Sprache herum ruft er mit lautem Gestabreime andere Wörter herbei, von denen ein jedes die alten urvordenklichen Szenen des Begehrens, des Krieges, der Wildheit, der Verwüstung nach sich zieht – oder eben das Gezänk der Dämonen und der Frösche, die am Rande der Sümpfe herumhüpfen. Er gibt die Wörter wieder den Schreien, die sie zur Welt gebracht haben; er inszeniert wieder die Gebärden, die Anstürme, die Gewaltsamkeiten, deren nunmehr schweigendes Siegel sie bilden. Er gibt dem thesaurus linguae germanicae und gallicae dem anfänglichen Heldenlärm zurück; er rückverwandelt die Wörter in Theater, er bringt die Laute wieder in die quakenden Kehlen…“ Heinrich Heine sprach einmal vom „klassischen Morast“, in dem die „Hermannschlacht“ mit der Zeit zur „Geburt der Deutschen“ (so Tillmann Bendikowski) aufgeblasen wurde.

    Der Ökologe Josef H. Reichholf will mit seinem Buch über die „Stadtnatur“ einmal mehr beweisen, dass es in der Großstadt eine größere Artenvielfalt als auf dem Land inzwischen gibt, ja, dass einige Wildarten fast nur noch in der Stadt vorkommen. Der ehemalige englische Partisan Stuart Hood, der einst in der Region Chianti und dann in der Umgebung von Florenz gegen die Deutschen kämpfte, argumentierte ähnlich, nachdem er 1981 das letzte Mal seine ehemaligen Kampfgefährten in der Toskana besucht hatte: „Als ich ging, verstand ich ein wenig, warum der heutige Partisan wahrscheinlich der Stadtguerillero ist, weil mit dem Tod der bäuerlichen Kultur und den bäuerlichen Netzwerken, von denen ich zum Überleben abhängig gewesen war, auf dem Land kaum mehr ein Maquis aufgezogen werden kann“.

    In Mitteleuropa wurden darüberhinaus inzwischen aus den letzten großen Wäldern, die noch sicheres Versteck boten, kleine durchforstete Nutzwälder – bis auf eine Ausnahme: in Ostpolen – der Urwald von Bialowieza (Podlasien), „der Rumpfheimat des Wisent, aber auch aller echten Männer, sowie der polnischen Outlaws und Partisanen,“ wie Simon Shama in seiner Studie „Der Traum von der Wildnis“ schreibt. Ferner Jagdgebiet der Könige, dann kurzzeitig das Revier von Hermann Göring – und Ausgangspunkt der polnischen Forstwirtschaft bzw. -wissenschaft, die wiederum oft Beziehungen zu den Partisanen in ihren Wäldern unterhielt. 1930 erklärte die Pilsudski-Regierung den Urwald zum ersten polnischen „Nationalpark“. Hier beginnen die ersten Gefechte zwischen Nationalökonomie und -ökologie.

    In Weißrussland hat der jetzige Staatspräsident einen Teil der Pripjetsümpfe, wo es heute in fast jedem Dorf ein Partisanendenkmal gibt, unter Naturschutz gestellt – und gleichzeitig auch die Biber. Der russische Autor Wladimir Kaminer berichtete kürzlich: „Der Biber gilt dort als Symbol für den Arbeitsfleiß, die Intelligenz und Bescheidenheit der Weißrussen, er lebt in speziell für ihn eingerichtete Reservate – unter der Schirmherrschaft des weissrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Nun kann niemand mehr dem weissrussischen Biber etwas anhaben.“

    Anmerkungen:

    (1) Kritik an dieser Entwicklung, bei der sich eine Bio-Politik von oben mit einer Öko-Politik von unten verbindet, kommt u.a. von dem englischen Publizisten Neal Ascherson. In einer „Le Monde Diplomatique“-Rezension des Buches „Geschichte der deutschen Landschaft – Die Eroberung der Natur“ von David Blackbourn schreibt Ascherson, wobei er sich insbesondere auf das Oderbruch bezieht: „Grüne Aktivisten, aber auch Regierungen, die sich für die ‚Entwicklung‘ der natürlichen Ressourcen verantwortlich fühlen, stoßen bei ihrem Bemühen um die ‚Rettung der Umwelt‘ immer wieder auf irritierende Fragen. Denn es ist keineswegs eindeutig, wie die Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt zu verstehen sei. Es gibt ja kaum noch Zeitgenossen, die sich auf den Wortlaut der Schöpfungsgeschichte berufen, wonach der Mensch zur Herrschaft über alle Kreatur bestimmt sei, also ‚über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht‘. Längst vorüber ist auch die Selbstgewissheit der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, die sich auf die ‚ehernen Gesetze der Geschichte‘ beriefen, um die technische Umgestaltung der Landschaft und der Biosphären zu rechtfertigen – unter Berufung auf den menschlichen Fortschritt, der doch nur eine neue Variante des Anspruchs auf ‚Herrschaft‘ über die Natur darstellt. Solche alten Überzeugungen leben im Verborgenen fort und beeinflussen nach wie vor unser Denken.

    Das gilt auch für die Vorstellung, dass der Mensch zum ‚Treuhänder für die natürliche Schöpfung‘ bestellt sei. Das klingt nach guten Absichten und bewirkt in der Praxis häufig Positives, und doch drückt sich darin der alte anmaßende Anspruch der menschlichen Gattung auf den Status eines über der Natur stehenden Souveräns aus. Seltsamerweise klingt dieses Dogma auch in gewissen Aspekten des ‚grünen‘ Denkens wieder an, wenn es nämlich behauptet, die Menschen seien für alles verantwortlich, was im Meer und in Seen und Flüssen ’schiefgeht‘, zum Beispiel für die Vermehrung oder das Verschwinden einzelner Tier- und Pflanzenarten und für Veränderungen von deren natürlichen Lebensräumen.

    Damit will ich keineswegs verharmlosen, wie stark das Handeln der Menschen in den letzten zehntausend Jahren zur Verwüstung unseres Planeten und zur Vernichtung vieler Formen des Lebens beigetragen hat. Doch die Formel von der ‚totalen Verantwortung‘ des Menschen bleibt einer anthropozentrischen Philosophie verhaftet. Sie beinhaltet die realitätsferne Vorstellung eines ‚Gleichgewichts der Natur‘ – als ob in der Umwelt zu Lande wie zu Wasser eine konstante und unveränderliche ökologische Balance herrsche, die nur durch die Intervention der Menschen ‚aus dem Lot‘ gebracht würde.“

    (2) Zu den vorübergehenden Garten-Moden interviewte Die Süddeutsche Zeitung am 16.6.09 den Gartendesigner Henning Breimann:

    SZ: Wenn man sich so umschaut in deutschen Privatgärten, herrscht dort ein ziemliches Tohuwabohu: Buddhafiguren und Terrakottatöpfe neben Gartenzwergen, Bambusbüsche neben Stiefmütterchen. Was empfinden Sie bei einem solchen Anblick?

    Henning Breimann: Das ist der Horror. Noch schlimmer ist nur, wenn der halbe Garten gepflastert ist, mit meterhohen Koniferen drumherum. Das ist das Spießigste überhaupt. Dass die Leute jetzt alle einen auf esoterisches Asien mimen müssen, gefällt mir auch nicht.

    SZ: Woran liegt es , dass sich in den vergangenen Jahren so viele Stile in den deutschen Gärten vermischt haben – und jetzt alles aussieht wie eine Art moderner Landhausstil mit mediterranen Elementen, britischem Einschlag und asiatischer Ecke?

    Breimann: Viele Gärten sind leider nach Moden ausgerichtet, nach den Nachbarn oder nach Baumarktprospekten. Früher hatten die meisten Gärten eine Funktion, was ihnen durchaus gut getan hat. Hortus conclusus, der geschlossene Garten, war ein Gemüsegarten zur Selbstversorgung. Heute werden Apfelbäume und Gemüsebeete ersetzt durch Engelsstatuen, bunte Kugeln, Sumpfanlagen und chinesische Brunnen – und das ist die Wurz

  13. „Die Stunde des Verbrechens schlägt nicht für alle Völker gleichzeitig. Daraus erklärt sich die Kontinuität der Geschichte.“ (Cioran)

    Konkret heißt das: Statt alles „Fremde“ zu liquidieren geht das deutsche Wurzeldenken heute nur noch dem Unkraut an den Kragen:

    Einladung: Vortrag A. Huefler: Gartenfreuden, Museum f. Kommunikation Berlin, am: Dienstag, den 7. August 2012, 18.30 Uhr

    Almut Hüfler:
    Gartenfreuden. Paradoxien der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies

    Eine Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung „Do It Yourself: Die Mitmach-Revolution“ (30.03.–02.09.2012). Eine Kooperation des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin mit dem Museum für Kommunikation Berlin.

    Zum Vortrag:

    Das Bedürfnis, einen Garten zu bestellen gehört zu den Urszenen menschlicher Kultur. Michel Foucault verknüpft die Gartenkunst sowohl mit dem Weben von Teppichen als auch mit der Dichtung: der Garten ist dieHeterotopie, der Ort, wo sich Sehnsucht und Wirklichkeit begegnen. Der Vortrag wird den verschiedenen Ausprägungen dieses Urbedürfnisses nach Kultivierung von Natur nachgehen, seien dies (literarische und reale)
    Landschaftsgärten, Balkonidyllen, Guerilla-Gärten oder explizit künstliche Welten wie die Tropical Islands und das Online-Spiel Farmville.

    »Do-it-yourself« bezeichnet dabei die schöpferische Aktivität, mit der ein Stück imaginiertes Paradies in die materielle Wirklichkeit geholt werden soll. Mit der kulturellen Praxis gärtnerischer Tätigkeit stellt sich der Mensch vermittelnd zwischen Kunst und Natur – und sieht sich gerade hier mit den Paradoxien dieser Stellung konfrontiert.

    Zur Vortragenden:

    Almut Hüfler, Germanistin, war von 2009 bis 2011 Mitarbeiterin im ZfL-Projekt
    Susan Taubes-Edition [http://www.zfl-berlin.org/susan-taubes.html] .

    Siehe auch:
    http://www.zfl-berlin.org/veranstaltungen-detail/items/almut-huefler-gartenfreuden-paradoxien-der-sehnsucht-nach-dem-ve.html