Aufstandsforschung und Verwandtes

 

 

Da ist immer ein kluger Kopf drauf und dran.

 

Die FAZ hat heute ihr Feuilleton durchkomponiert – zum Thema Fortschrittskritik. Den argumentativen Reigen eröffnet Evgeny Morozov mit einer ganzseitigen Hymne  auf den neuen Roman von Thomas Pynchon „Bleeding Edge“, der gerade ausgeliefert wird.

 

Morozov ist ein u.a. in Berlin lebender weissrussischer Publizist, der für die taz den „Medienkongreß“ 2011 mit einer Rede über das „Netz“ einleitete. Dazu hieß es über ihn in der taz – und etwa gleichlautend dann auf Wikipedia:

 

„Evgeny Morozov ist prominenter Vertreter der These, dass die Möglichkeiten des Internets, demokratischen Wandel in autoritären Regimen herbeizuführen, beschränkt sind. Das Internet sei genauso sehr eine nützlicher Verstärker für nationalistische und autoritäre Ideologien. Auch im Interview mit der taz erklärte er: „Das Internet wird überschätzt“.

 

In seiner Pynchon-Rezension nun schreibt Morozov:

 

Noch ist nicht alles verloren – „neben dem Eingang einer Starbucks-Filiale“ finden sich „zwei Cyberflaneure“. Aber man darf sicher sein, dass diese „Cyberflaneure“ kein besseres Schicksal erwartet als die von Walter Benjamin in Paris einst gefeierten. Wie eine der Figuren es ausdrückt: „Man möchte gerne glauben, es ginge immer so weiter, aber die Kolonisatoren sind im Anmarsch … Es gibt schon ein halbes Dutzend gut ausgestatteter Projekte zur Entwicklung von Programmen, die das ,Deep Web‘ durchsuchen … Der Sommer wird nur allzu bald zu Ende sein, und sie machen sich über das ,Deep Web‘ her, und alles wird schneller eingemeindet sein, als man ,Spätkapitalismus‘ sagen kann.“ (Pynchons Narrativ, wonach die Interessen des Kapitals und der nationalen Sicherheit die verschrobene und wilde Heterotopie des „Deep Web“ zerstören, läuft parallel zu einem ähnlichen Narrativ des kulturellen Verfalls, und zwar New Yorks, das vom Geld beschmutzt wird, während Bürgermeister Giuliani für Korruption und Sicherheitswahn steht.) Der Verfall des „Deep Web“ erklärt, warum so viele in der digitalen Kultur sich verraten fühlen – ein Gefühl, das 2013 viele kennen. Eric, ein radikaler Hacker, der ein paar Hackeraufträge für Maxine erledigt, bringt es am besten zum Ausdruck:
„Jeden Tag mehr Luser als User, Tastaturen und Bildschirme verwandeln sich in Portale zu Websites für Dinge, nach denen, so hätte das Management es gern, alle süchtig sein sollen: Shopping, Spiele, Wichsvorlagen, endloser Müll … Gleichzeitig rufen hashslingrz und Konsorten immer lauter nach ,Internetfreiheit‘, während sie immer mehr davon an die Bösen abtreten … Sie kriegen uns, gut, wir alle sind einsam und bedürftig, fühlen uns unbeachtet und glauben verzweifelt an jede schäbige Ersatzzugehörigkeit, die sie uns verkaufen wollen … Man spielt mit uns, und es ist ein abgekartetes Spiel, und es wird erst zu Ende sein, wenn das Internet – das wirkliche, der Traum, das Versprechen – zerstört ist.“

 

 

 

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Clifford Beer – einer der Pioniere des Internets: heute durchgedreht – kann keine lebenden Esel von bronzenen mehr unterscheiden.

 

 

Auf Seite 2 des FAZ-Feuilletons wird ein „neues Sachbuch“ gewürdigt:
„Sie wollen einem Land dienen, das sie im Kern für verrottet halten. Amerikas freiwillige Miliz, die an der Grenze zu Mexiko gegen illegale Einwanderer vorgeht: Der Soziologe Harel Shapira ist mit den Minutemen auf Patrouille gegangen.“

 

Über die Darstellung der bewaffneten Bürgerwehr an der Grenze, die es unbewaffnet auch an der polnischen gab, diese nennt sich „Minutemen“ – nach den Selbstschutz-Brigaden der Siedler gegen Indianer, die bei Gefahr in einer Minute mit Gewehr auf dem Versammlungsplatz zu erscheinen hatten und nach denen man dann eine Rakete benannte, die den Kern der amerikanischen Atomstreitmacht bildet, heißt es in der Rezension:

 

„Was eigentlich treibt diese Menschen an – ganz überwiegend Männer jenseits des fünfzigsten Lebensjahrs aus dem amerikanischen Arbeitermilieu des Mittelwestens, geschieden oder verwitwet mit Kindern an einem College oder einer Universität? Frauen finden sich in der männlich dominierten Welt ihrer Camps und Stützpunkte selten, beim Wachdienst überhaupt nicht. Und tatsächlich: Die Aktivitäten der Minutemen dienen der Selbstvergewisserung dieser Männer. Fast alle haben in Vietnam oder den Golfkriegen als Soldaten gedient.“

 

Sie löschen zwar keine mexikanischen Schurken in Computerspielen aus, gelegentlich dafür reale. Weiter heißt es in der FAZ-Rezension:

 

„Aber My Lai hat doch Spuren hinterlassen. Ihre Mythen sind insgesamt flexibel, situationsbezogen und inkonsistent, aber das sind sämtliche Mythologien, die wir kennen. Shapira vermeidet es in aller Regel, hier voreilig Stellung zu beziehen oder gar kritisch zu kommentieren. Er lässt seine eindrucksvollen Erlebnisse und Gespräche für sich selbst stehen. So gewinnen sie an Intensität, Authentizität und lebendiger Farbigkeit. Man beginnt ansatzweise zu verstehen, was jenseits aller Ideologie diese Männer antreibt.“

 

 

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Drei Männer auf Gebirgspatrouille – kein Job für Stubenhocker und Computernerds – vor allem im Winter.  Ob es sich auch bei ihnen um hirnlose Killer mit „lebendiger Farbigkeit“ handelt, geht aus dem Photo allerdings nicht hervor.

 

 

 

Auf Seite vier polemisiert der Professor für Computerwissenschaft an der Yale Universität David Gelernter – über den „Robotismus als soziale Krankheit“. Gemeint ist mit dem Robotismus „das genaue Gegenteil von einem Humanismus“: ein seelenloser „Funktionalismus“:
„Der Funktionalismus gewann an Bedeutung, als die Computer an Bedeutung gewannen. Viele Philosophen und Wissenschaftler glauben, der Verstand arbeite wie ein Computer. Niemand weiß, wie man es schaffen könnte, dass ein Computer etwas fühlt oder ob so etwas überhaupt möglich ist. Aber wenn man Fühlen und Bewusstsein eliminiert hat, wird es viel leichter, einen Computerverstand zu erschaffen. Der Philosoph Thomas Nagel nennt diese Ansichten einen „heroischen Triumph ideologischer Theorie über den gesunden Menschenverstand“.“

 

„Wir brauchen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft und Kunst und spirituelles Leben, um im vollen Sinne Menschen zu sein. Die drei letztgenannten verlieren zunehmend an Bedeutung, und die erstgenannte versteht fast niemand mehr. Robotistische Vorstellungen sind daran nicht allein schuld, aber sie spielen eine große Rolle.“
„Was ist da falsch gelaufen? Viele prominente Denker glauben, wenn sie die Realität des Bewusstseins und subjektiver Gefühle zugäben, verrieten sie die Wissenschaft. Deshalb weisen sie subjektive Gefühle zurück. Thomas Nagel, Professor für Philosophie und Recht an der New York University, sagt zur modernen Kognitionswissenschaft und Philosophie: „All diese Theorien erscheinen unzulänglich als Analysen des Mentalen, weil sie etwas Wesentliches außer Acht lassen.“ Nämlich? „Die erste Person, den inneren Standpunkt des bewussten Subjekts: zum Beispiel, wie Zucker Ihnen schmeckt oder wie Rot aussieht oder wie Zorn sich anfühlt“. Wie konnte man solche Dinge auslassen? Weil der „Funktionalismus“ heute unter den Theoretikern des Geistes die vorherrschende Sicht darstellt.“

 

Der Autor David Gelernter gehörte zu den Pionieren der Computernutzung, dazu heißt es auf Wikipedia:
„David Gelernter war ursprünglich bildender Künstler (Maler) und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten des Computers.
Das Tupelraum-Konzept (engl.: Tuple Space), das er in seiner Programmiersprache Linda mit Nicholas Carriero 1983 implementierte, ist ein wichtiges Konzept im parallelen Rechnen und Computer-Netzwerken.
Sein Buch Mirror Worlds von 1991 gilt vielfach als visionär in Hinblick auf die Entwicklungen des World Wide Web. Einige der Ideen wurden auch in Software-Konzepte (Lifestream) der Firma Mirror Worlds umgesetzt (Scopeware, 2001), die er mit gründete, und deren Chef-Wissenschaftler er war…Gelernter gilt auch als Pionier des Konzepts des Cloud Computing.“

 

1993 schickte ihm der in den Bergwäldern Montanas untergetauchte Mathematiker der Universität von Berkeley, Theodore Kaczynski, eine Briefbombe, die ihn schwer verletzte, woraufhin er als Professor an die Yale-Universität wechselte.

 

Auf Wikipedia findet sich die folgende „Bombenliste“ von Theodore Kaczynski, den man auch „UNA-Bomber“ nennt (Abkürzung für „University und Airlines“), er  sitzt seit 1998 lebenslänglich in einem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado:

 

Datum
Ort
Opfer
Verletzungen

25. Mai 1978
Northwestern University, Evanston, Illinois
Terry Marker, University Police Officer
Kleinere Schnitt- und Brandwunden

9. Mai 1979
Northwestern University, Evanston, Illinois
John Harris, Student
Kleinere Schnitt- und Brandwunden

15. November 1979
American Airlines Flight 444 von Chicago nach Washington, DC, Explosion während des Flugs
Zwölf Passagiere
Rauchvergiftung

10. Juni 1980
Lake Forest, Illinois
Percy Wood, Präsident von United Airlines
Schnitt- und Brandwunden am ganzen Körper

8. Oktober 1981
University of Utah, Salt Lake City, Utah
Keine, Bombe entschärft
keine

5. Mai 1982
Vanderbilt University, Nashville, Tennessee
Janet Smith, Universitätsangestellte
Schwere Brandwunden an Händen und Splitterwunden am Körper

2. Juli 1982
University of California, Berkeley
Diogenes Angelakos, Professor für Ingenieurwissenschaft
Schwere Brandwunden am Körper und Splitterwunden an rechter Hand und Gesicht

15. Mai 1985
University of California, Berkeley
John Hauser, Student
Verlust von vier Fingern der rechten Hand durchtrennte Arterie im rechten Arm, geringer Sehverlust im linken Auge

13. Juni 1985
Auburn, Washington
Keine, Bombe entschärft
Keine

15. November 1985
University of Michigan, Ann Arbor
James V. McConnell, Psychologieprofessor und Nicklaus Suino, Forschungsassistent
McConnell: vorübergehender Gehörverlust; Suino: Brand- und Splitterwunden

11. Dezember 1985
Sacramento, California
Hugh Scrutton, Computerladenbesitzer
Tod

20. Februar 1987
Salt Lake City, Utah
Gary Wright, Computerladenbesitzer
Schwere Nervenbeschädigungen am linken Arm

22. Juni 1993
Tiburon, California
Charles Epstein, Genetik-Forscher an der University of California
Schwere Trommelfellverletzungen und Hörverlust an beiden Ohren, Teilverlust dreier Finger

24. Juni 1993
Yale University, New Haven, Connecticut
David Gelernter, Informatikprofessor
Schwere Brand- und Splitterwunden, dauerhafte Beschädigung von rechter Hand und rechtem Auge

10. Dezember 1994
North Caldwell, New Jersey
Thomas J. Mosser, Werbetreibender
Tod

24. April, 1995
Sacramento, California
Gilbert P. Murray, Lobbyist der Holzindustrie
Tod

 

 

 

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Auch diese Software-Pionierin, Ellen Lynch, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, sie nennt es „burned-out“, die gute Laune der Frühpensionierte hat dadurch aber nicht gelitten.

 

 

 

Der UNA-Bomber, von Wikipedia als „Neo-Luddit“ bezeichnet, war ein Maschinenstürmer während der Dritten Industriellen Revolution (ähnlich den  Ludditen der ersten industriellen Revolution, welche zur massenhaften Arbeitslosigkeit von Textilproduzenten führte).  Die dritte Industrielle Revolution bereitete sich zur selben Zeit wie die Gründung von IWF und Weltbank am Ende des letzten imperialistischen “Zweiten Weltkriegs” vor. Dazu fanden zwischen 1946 und 1953 die so genannten “Macy-Konferenzen” statt, auf denen sich die “technokratische Wissenschaftselite der USA”, darunter viele Emigranten aus Europa, versammelt hatte – um ausgehend von der Waffenlenk-Systemforschung, der Kryptologie, der Experimentalpsychologie und der Informationswissenschaft sowie von Erwin Schrödingers 1943 erschienenem Buch “What is Life?” Theorie und Praxis der “Circular Causal and Feedback Mechanisms in Biological and Social Systems” zu diskutieren. Hierzu gehörten u.a. John von Neumann, Norbert Wiener, Claude Shannon, Gregory Bateson und Margret Mead, als Konferenzsekretär fungierte zweitweilig Heinz von Foerster. Im Endeffekt entstand daraus die inzwischen nahezu weltweit durchgesetzte und empirisch fruchtbar gewordene Überzeugung, dass die Gesetze komplexer Systeme unabhängig von dem Stoff, aus dem sie gemacht sind – also auf Tiere, Computer und Volkswirtschaften gleichermaßen zutreffen.  Inzwischen sind wir schon fast vollständig von mathematisch konstruierten Dingen umgeben – und man macht sich anheischig, nun auch noch die letzten Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen derart zu „verbessern“.  Daneben wird „das Ernten von Informationen zum Hauptmittel der Profiterzeugung,“ wie Slavoj Zizek meint.
Als einer der ersten Gegner dieses bald immer mehr Wissenschaftsbereiche erfassenden Paradigmenwechsels trat 1953 der Schriftsteller Kurt Vonnegut mit seinem Buch “The Piano Player” auf, in dem er die Massenarbeitslosigkeit produzierenden Folgen des kybernetischen Denkens bei seiner umfassender Anwendung beschrieb, die Herbert Marcuse dann als “Herrschaft eines technologischen Apriori” bezeichnete, was der Wiener Philosoph Günters Anders wiederum zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen und Recherchen zur “Antiquiertheit des Menschen” machte. Diese besteht nach ihm darin, dass spätestens mit dem Koreakrieg (1950-53) die rechnerischen Kalküle alle moralischen Urteile ersetzt haben. Selbst die antifaschistischen Charakteranalysen von Adorno im amerikanischen Exil fanden noch Eingang in die Macy-Konferenzmaschine, indem man schließlich auch den “‘Antiautoritären Menschen nach Maß’ noch zum Ziel der Kybernetik erklärte”.
In dem Aufruhr-Horrorszenario, das Vonnegut entwarf – indem er die Militärforschung des “Fathers of Cyborg” Norbert Wiener und des Mathematikers John von Neumann weiter dachte – geht es um die Folgen der “Maschinisierung von Hand- und Kopfarbeit”, d.h. um die vom Produktionsprozeß freigesetzten Menschenmassen, die überflüssig sind und nur noch die Wahl haben zwischen 1-Dollarjobs in Kommunen und Militärdienst im Ausland, wobei sich beides nicht groß unterscheidet. Theoretisch könnten sie sich auch selbständig machen – “Ich-AGs” gründen, wie das 1997 in Wisconsin entwickelte “Trial Job”-Modell nach Übernahme durch die rotgrüne Regierung hierzulande heißt. “Reparaturwerkstätten, klar! Ich wollte eine aufmachen, als ich arbeitslos geworden bin. Joe, Sam und Alf auch. Wir haben alle geschickte Hände, also laßt uns alle eine Reparaturwerkstatt aufmachen. Für jedes defekte Gerät in Ilium ein eigener Mechaniker. Gleichzeitig sahnen unsere Frauen als Schneiderinnen ab – für jede Einwohnerin eine eigene Schneiderin.”
Da das nicht geht, bleibt es also dabei: Die Massen werden scheinbeschäftigt und sozial mehr schlecht als recht endversorgt, während eine kleine Elite mit hohem I.Q., vor allem “Ingenieure und Manager”, die Gesellschaft bzw. das, was davon noch übrig geblieben ist – “Das höllische System” (so der deutsche Titel des Romans) – weiter perfektioniert. An vorderster Front steht dabei Norbert Wiener. Schon bald sind alle Sicherheitseinrichtungen und -gesetze gegen Sabotage und Terror gerichtet. Trotzdem organisieren sich die unzufriedenen Deklassierten im Untergrund, sie werden von immer mehr “Aussteigern” unterstützt. Der Autor erwähnt namentlich John von Neumann.
Nach Erscheinen des Romans beschwerte sich Norbert Wiener brieflich beim Autor über seine Rolle darin. Die Biologiehistorikerin Lily E. Kay bemerkt dazu in ihrem 2002 auf Deutsch erschienenen “Buch des Lebens” – über die Entschlüsselung des genetischen Codes: “Wiener scheint den Kern von Vonneguts Roman völlig übersehen zu haben. Er betrachtete ihn als gewöhnliche Science Fiction und kritisierte bloß die Verwendung seines und der von Neumanns Namen darin.” Vonnegut antwortete Wiener damals: “Das Buch stellt eine Anklage gegen die Wissenschaft dar, so wie sie heute betrieben wird.”
Tatsächlich neigte jedoch eher Norbert Wiener als der stramm antikommunistische von Neumann dazu, sich von der ausufernden “Militärwissenschaft” zu distanzieren, wobei er jedoch gleichzeitig weiter vor hohen Militärs über automatisierte Kontrolltechnologien dozierte. Der Roman geht dann so weiter, dass die von der fortschreitenden Automatisierung auf die Straße Geworfenen sich organisieren, wobei sie sich an den letzten verzweifelten Revivalaktionen der Sioux im 19. Jahrhundert orientieren: an den Ghost-Dancers, die gefranste westliche Secondhand-Klamotten trugen. Im Roman heißen sie “Geisterhemd-Gesellschaften” – und irgendwann schlagen sie los, d.h. sie sprengen alle möglichen Regierungsgebäude und Fabriken in die Luft, wobei es ihnen vor allem um den EPICAC-Zentralcomputer in Los Alamos geht. Ihr Aufstand scheitert jedoch. Nicht zuletzt deswegen, weil die Massen nur daran interessiert sind, wieder an “ihren” geliebten Maschinen zu arbeiten. Bevor die Rädelsführer hingerichtet werden, sagt einer, von Neumann: “Dies ist nicht das Ende, wissen Sie.”

 

 

Literarisch ging es dann mit dem Ludditismus so weiter, dass sich Thomas Pynchon 1984 in der “New York Times Book Review” in einem längeren Artikel fragte: “Is it o.k. to be a Luddit?” Sein Text endete mit dem Satz:

 


“Wir leben jetzt, so wird uns gesagt, im Computer-Zeitalter. Wie steht es um das Gespür der Ludditen? Werden Zentraleinheiten dieselbe feindliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie einst die Webmaschinen? Ich bezweifle es sehr. Aber wenn die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren… Jungejunge! Es wird unglaublich und nicht vorherzusagen sein, und selbst die höchsten Tiere wird es, so wollen wir demütig hoffen, die Beine wegschlagen. Es ist bestimmt etwas, worauf sich alle guten Ludditen freuen dürfen, wenn Gott will, dass wir so lange leben sollten.”

 

„1995 verschickte Theodore Kaczynski anonym ein 35.000 Wörter langes Manifest mit dem Titel Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft (Industrial Society and Its Future, auch bekannt als Unabomber-Manifest) an verschiedene Adressaten mit dem Angebot, die Bombenattentate zu beenden, falls dieser Text in einer bekannten Zeitung veröffentlicht würde. Am 19. September 1995 veröffentlichten The New York Times und die Washington Post das Manifest.
Darin schildert Kaczynski, warum er der Menschheit wünscht, die Technisierung unserer Gesellschaft möglichst bald zu stoppen. Er beschreibt die seiner Ansicht nach vorliegenden psychischen Wirkmechanismen, mit denen sich die Mitglieder der Gesellschaft jeden Tag einreden würden, sie hätten von nichts gewusst und alles sei gut. Er fordert, die Technik nur zu verwenden, um den Bruch dieses Systems, dessen machthabende Eliten durch die gesellschaftliche Manifestation von Technik mehr und mehr Einfluss auf den einzelnen Menschen gewinnen, zu beschleunigen.
Auf Anregung des Leipziger Künstlers und Filmemachers Lutz Dammbeck hat Theodore Kaczynski später eine autorisierte Fassung des Manifests erstellt, deren deutsche Übersetzung 2005 erschien.“ (Wikipedia)

 

Im selben Jahr stellte Lutz Dammbeck in der Akademie der Künste seinen Film “Das Netz” über den UNA-Bomber Kaczynski vor, in dem er dessen “Werdegang” bis zu den privaten und staatlichen “Thinktanks”, die sich aus den Macy-Konferenzen herausgemendelt hatten , zurückverfolgte, und dabei einige Konferenzteilnehmer interviewte. Ausschnitte aus Dammbecks Interviews, sowie Abschnitte aus den ins Deutsche übersetzten Macy-Konferenzprotokollen lagen 2005 zwei Berliner Workshops zugrunde.

 

 

 

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Zwei Workshop-Teilnehmerinnen unterhalten sich während der Mittagspause mit einem Einheimischen.
Vorangegangen war diesen Treffen bereits eine allgemeine Ermüdung bei der Verwendung des Begriff “Cyber” – nachdem die Kybernetik durch ihre Verschränkung von Science and Fiction sich bereits zu einem “Pop-Phänomen” ausgeweitet hatte. Eine Teilnehmerin an den Workshops, Gabriele Grammelsberger, gab in ihrer “Positionsbestimmung” jedoch zu bedenken: Zwar sei die Kybernetik als Theorie der steuerbaren Kommunikation und Information “in vermeintlich neuen Disziplinen aufgegangen”, das ändere jedoch wenig an “ihrer programmatischen Präsenz” in Form der fortwährenden Wirksamkeit von paradigmatischen und präskriptiven Konzepten wie “System”, “Kontrolle”, “Vorhersage”, “Rückkopplung”, “Programmierbarkeit”, “Information”, “Operator” und “Beobachter” sowie der Perspektive “der statistischen Betrachtung, der funktionalen Symbolisierung und der zweckgerichteten systemischen Steuerung und Organisation”.
Rainer Fischbachs Beitrag umriß “das erste große Einsatzfeld der anfänglich fast noch künstlerisch gewesenen Ideen der Macy-Konferenz: den Vietnamkrieg”. Hierbei sei die, vor allem mit den Namen Mc Namara und Henry Kissinger verbundene, Kybernetik jedoch “gescheitert”, was die Militärs bis heute aber nicht daran hindere, sich nahezu weltweit und mit den selben Einsatzmitteln auf Stadtkämpfe einzustellen – wozu sie u.a. Institute für Urbanistik gründen.
Die “Urbanismus-Diskurse” der heutigen Stadtsoziologen und Architekten (für die “Kontrolle” und “Kommunikation” z.T. noch in Opposition stehen) sind in diesem Zusammenhang nur die spielerische Variante der Terrorbekämpfung, wie sie zur Zeit u.a. in den urbanen Zentren des Iraks stattfindet. Wenn hierbei nun die städtische Bevölkerung in toto als Guerilla und somit als Feind fixiert wird (wie sie – ebenfalls mit Clausewitz, aber in anderer Perspektive – auch schon Michel de Certeau in seinem Buch “Die Kunst des Handelns” als potentielle Partisanen dargestellt wurden), dann war es im Vietnamkrieg der unberechenbare Bauer als Vietkong, für den “der Krieg kein Spiel, sondern Kampf” war, so daß “der rationale, kybernetische Krieg im Massaker endete, ohne auch nur ein einziges seiner erklärten Ziele zu erreichen”, wie Rainer Fischbach schreibt, der sich dabei sinnigerweise auf einen Fictionfilm, nämlich Coppolas “Apocalypse Now”, bezieht.
Günter Anders hatte dafür bereits den Begriff des “Telezids” geprägt, um die vorherrschende Form der Gewalt zu charakterisieren, mit der die Differenz von Modell und Realität vernichtet wird. Fischbach fügte dem hinzu: Mit Reagans “Strategic Defense Initiative” (SDI) sei dieses Denken auf ein “totalisierendes System” hinausgelaufen, das im Konzept des “Cyberspace” nun bis in das Leben der Individuen vordringe.

 

 

 

 

 

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Die gute alte Zeit: Hier werden gerade neu auf den Markt gekommene Elastik-Gummihosenträger vorgeführt.

 

 

 

Auf der nächsten Seite des FAZ-Feuilletons wird der für Kunst und Kultur im Schattenkabinett des SPD-Kanzlerkandidaten zuständige Leiter der „Kulturhauptstadt Ruhr 2010“, Oliver Scheytt, interviewt. „Man muß ein Brandstifter sein“ lautet die aufrührerische Überschrift. U.a. heißt es darunter dann:

 

„Sie sprechen oft vom Ruhrgebiet. Sie sind Standortpolitiker?
Nein. Ich habe allerdings im Ruhrgebiet leibhaftig erfahren, wie wenig der Bund sich um diesen größten Ballungsraum Deutschlands kümmert. Berlin ist unser Schaufenster für die Welt. Doch auch ein Romantikmuseum in Frankfurt zum Beispiel stünde für eine deutsche und europäische Epoche, die Amerika und Asien so nicht erlebt haben. Ich fände es richtig, dass sich der Bund außerhalb Berlins stärker engagiert.
Haben wir Sie da richtig verstanden: Ihr Hebel, um aus regionalen Kulturinstitutionen nationale Anliegen zu machen, wäre ein Konzept zum Weltkulturerbe?
Mein Zauberwort heißt konzeptgestützte Kulturarbeit. Man muss zusammenstellen, was man hat, überlegen, welche Ziele man verfolgt, und dann mit den beteiligten Partner erarbeiten, wer welche Rolle übernimmt. Die SPD-Bundestagsfraktion hat gerade ein Gutachten in Auftrag gegeben, um zu erfahren, wie der Bund die Musikförderung behandelt. Es gibt da zwar viele einzelne Bausteine wie die Rundfunkorchester, den Deutschen Musikrat, das Netzwerk Neue Musik – aber leider kein tragfähiges Konzept mit Zielen, Kriterien und Planungen.
Noch einmal, planen Sie eine Reform der Föderalismusreform?
Das Erste, was die SPD machen würde, wäre, das Kooperationsverbot zu lockern, das verhindert, dass der Bund auch Bildung fördern kann. Im Investitionsprogramm von Peer Steinbrück sind zwanzig Milliarden für Bildung vorgesehen, davon wollen wir einen deutlichen Teil auch für kulturelle Bildung ausgeben.
Sie wollen das Grundgesetz ändern.
Ja. Ich hätte vor zwanzig Jahren nicht zu träumen gewagt, dass der Bund einmal 230 Millionen Euro für kulturelle Bildung ausgeben würde, wie das Frau Schavan in ihren letzten Tagen im Amt als Bildungsministerin gemacht hat. Aber der Bund hat das Geld den Verbänden gegeben, der Verband deutscher Musikschulen hat zum Beispiel zwanzig Millionen Euro bekommen, der Bühnenverein fünfzehn, weil man das Geld ja nicht direkt an die Länder und Kommunen geben darf. Und wer exekutiert das? Die Agentur für Luft- und Raumfahrt! Da sieht man, in welchen Strukturen jetzt operiert wird.“

 

 

(Das aus dem Proletariat entstandene Prekariat hat heute anscheinend nur noch die Alternative:  Sich entweder zum „Kognitariat“ oder zum „Lumpenmilitariat“ zu wandeln. )

 

 

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Auch diese Test-Anlage wurde von der Agentur für Luft- und Raumfahrt „exekutiert“.

 

 

 

Der nächste große FAZ-Feuilletonartikel heißt „Den Markt erobern, indem man ihn kritisiert“. Es geht darin um einen „Krach in Düsseldorf“, wo die Kunsthalle eine Ausstellung zeigt, „in der es nicht um die Werke als solche geht – sondern um die Frage, wie man Künstlerkarrieren inszeniert.“ Eine Frage, die alle Kunststudenten brennend interessiert – wollen sie doch von ihren Kunstprofessoren genau dies Wissen wissen (in Form von Adressen, Netzwerken, Tipps etc.), das diese ihnen jedoch meist vorenthalten, indem sie lieber über ihre Werke und was sie sich dabei gedacht haben dozieren. In der Ausstellungsbesprechung der FAZ heißt es:

 

 

„Was die ambitionierten Studenten Anfang der sechziger Jahre nicht ahnen konnten, ist: dass sich die Ironie ihrer Selbstinszenierung eines Tages im Kunstbetrieb verflüchtigen, ja dass er sie fünfzig Jahre später tatsächlich ganz und gar unmöglich machen sollte. Nichts zeigt das besser als die Reaktion von Kritikern, die den spielerischen Umgang mit den Originalen allein vor dem Hintergrund ihres Markt- und Versicherungswertes zu beurteilen wissen. Und niemand weiß das besser als die Düsseldorfer Kunsthalle.
Eigentlich sollte die Ausstellung „Leben mit Pop“, die noch bis Ende September läuft, mit einem Plakat beworben werden, auf dem die Logos und Namen all der Unternehmen und Stiftungen stehen sollten, die die Schau finanzieren. Eindeutig wollte die Kunsthalle damit den kapitalistischen Realismus in die Gegenwart überführen, also ein Bild schaffen, das die Abhängigkeit kuratorischer und künstlerischer Arbeit von der Wirtschaft thematisiert – ähnlich wie es Richter und andere in den sechziger Jahren versuchten. Der Entwurf des Künstlers Christopher Williams musste jedoch verworfen und durch knallrote, knallknackige Äpfel ersetzt werden, die offenbar weniger sündhaft auf die Sponsoren wirken als ihre eigenen Namen.
In einer Zeit, in der Kunsthallen Sponsoren glücklich machen müssen, in der nicht mehr die Künstler die Unternehmen und Möbelhäuser aufmischen, sondern in denen Unternehmen und Möbelhäuser die Künstler einladen, um ihr Image aufzupolieren, dürfen die Reproduktionen, die Papptafeln, deshalb als letzte Protestform bewertet werden, die einer Kunsthalle im Jahr 2013 noch geblieben ist.“

 

 

 

 

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Die Charlottenburger Künstlerin Sophie Klempner-Wittig mit ihrer Mutter, die ihr half, das Schaufenster dieses Möbelkaufhauses in Schöneberg zu gestalten.

 

 

 

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Etwas ratlos blickt sich hier die Bochumer Künstlerin Irmgard Möller im Show-Room der Möbelfirma Prokler um.  Wenig später hat sie aber schon eine künstlerische Idee dafür (im Bild noch nicht sichtbar).

 

 

 

 

Auf der letzten FAZ-Feuilletonseite geht es noch engagierter zu: „Unter dem Pflaster ruht die Schuld“ heißt dort die Besprechung einer Ausstellung über die „geraubte Mitte“ Berlin, mit der „die Geschichtsvergessenheit der aktuellen Baupläne entlarvt“ wird. Gemeint sind damit die anhaltenden „Arisierungen“ der 225 Grundstücke (von 1200), die sich vor 1933 im Berliner Stadtkern in jüdischem Besitz befanden. Abschließend heißt es in dem Artikel:

 

„Die Auseinandersetzung mit dem Unrecht, das den Juden widerfuhr, präformiert zwar nicht zwangsläufig die Gestaltung der Berliner Stadtmitte. Aber ihr weiterhin auszuweichen heißt, weiterhin Profit aus der deutschen Schuld zu schlagen. Die planerische Debatte um Berlins Mitte muss endlich eine Tiefenschärfe erhalten, die dem Rechnung trägt.“

 

 

Es handelt sich also bei diesen letzten beiden FAZ-Besprechungen um solche Ausstellungen, die etwas bewirken, bewegen, kurz: „die Kacke des Seins umgraben“ wollen.

 

 

„Den Aufstand proben“ – so heißt auch ein „Theaterbuch“ von Karin Beier. Dieser Anspruch gilt erst recht für die in zwei Monaten eröffnende Ausstellung „Global Activism“ im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), die u.a. von der am Pynchonforscher Friedrich Kittler geschulten Petersburger 3D-Bildhauerin Joulia Strauss kuratiert wird. Wegen ihres Engagements in der „Refugee-Bewegung“ wird sie sich dabei u.a. von dem 2003 verstorbenen Exilpalästinenser Edward Said leiten lassen, der meinte: „Die Fackel der Befreiung ist von den sesshaften Kulturen an unbehauste, dezentrierte, exilische Energien weitergereicht worden, deren Inkarnation der Migrant ist.“ Auch für den englischen Publizisten Neal Ascherson sind inzwischen die „Flüchtlinge, Gastarbeiter, Asylsucher und Obdachlosen zu Subjekten der Geschichte“ geworden. Der polnische Künstler Krzysztof Wodiczko zog daraus bereits den Schluss: „Der Künstler muß als nomadischer Sophist in einer migranten Polis aufzutreten lernen – auf ihren neuen Agoren, den Plätzen, Märkten, Parks und Bahnhofshallen der großen Städte.“ Zu diesen neuen Agoren sollen, wenn es nach dem Willen der Kuratorin Strauss geht, auch die Kunstinstitutionen wieder werden.

 

In den Hamburger Phoenix-Hallen wurde das jetzt – Ende September – bereits ansatzweise verwirklicht, indem die in der Stadt gestrandeten Lampedusa-Flüchtlinge eine Ausstellung besuchten und sich dann mit Einwilligung des Künstlers Santiago Sierra unter dessen acht Skulpturen „8 Personen, die dafür bezahlt werden, in Pappkartons zu bleiben“ schlüpften.

 

Seine bisherigen Kunstaktione, die meist mit dem „Hamburger Hafen“ zu tun hatten,  hat man als „Dirty Minimalism“ bezeichnet: Laut SZ „ließ er Tagelöhner für ein paar Dollar einen Strich auf den Rücken tätowieren, Gezwungen, jede Arbeit anzunehmen, ließ er Verzweifelte, nur damit sie einen beschämenden Stundenlohn bekamen, einen sinnlosen Balken oder eine Wand halten, band sie an Pfosten fest, ließ sie stundenlang in einem überfüllten Galerieraum stehen, setzte ihnen Büßermützen auf oder besprühte sie mit Polyurethan.“

 

Die „Lampedusa-Gruppe“ nun und mit ihr die Künstlerin Nadja Hollihore, „die als Initiatorin unter den rund 300 Flüchtlingen aus Lampedusa, die in Hamburg derzeit ein Bleiberecht einfordern, ein gutes Dutzend für die Aktion rekurtieren konnte,“ verkündete: „Wir wollen die acht Plätze hier noch weiter nutzen.“ Laut SZ wird vom heutigen Montag an mit den Betreibern der Phoenix-Hallen verhandelt: Es geht dabei um Fragen des Hausrechts und der Haftung.

 

Sierra arbeitete zuvor bereits einmal mit Flüchtlingen: An der spanischen Küste, wo immer wieder afrikanische Flüchtlinge bei der Überfahrt von Marokko ertrinken,  ließ er von afrikanischen Tagelöhnern 3000 Gräber ausheben. Die SZ-Rezensenten meinen, „dass sich jetzt Sierras Werk in Hamburg unerwartet rundet, beschert nicht nur den Flüchtlingen Sichtbarkeit, …es ist neben dem Medienrummel auch eine inhaltliche Belebung der kühlen Schau.“

 

 

 

Am 24.September legte die FAZ in Sachen Pynchon und sein neuer Roman „Bleeding Edge“ noch einmal enthusiasmiert nach – weil diese „Blutende Kante“ (?) in Amerika bereits „Furore“ gemacht hat. Zu dem Buch gehört auch ein „Trailer“ – ein dort im Feuilleton vieldiskutiertes Fünfminutenvideo von Pynchon, über das nun das FAZ-Feuilleton schreibt:

 

 

„…Ob dumm, brillant oder historisch unerreicht – der Trailer ist durchaus aufschlussreich. Der falsche Pynchon darin erwähnt zwar kurz Maxine Tarnow, die detektivisch bewanderte Quasiheldin des Romans, treibt aber seinen Ulk sonst ganz und gar mit dem und um den richtigen Pynchon. Der, wie jeder literaturklatschkundige Leser weiß, ist ja seit dem Tod vom Kollegen Salinger der scheueste, förmlich verschwundenste Autor unseres Zeitalters…“

 

 

Auch die Autorenrecherche wurde deswegen noch einmal gehörig forciert – wie die FAZ unter Berufung auf das „New York Magazine“ nahe legt:

 

 

„Der sechsundsiebzigjährige Pynchon sei ein literarischer Outsider, der mit einer einflussreichen Literaturagentin, Enkelin eines Verfassungsrichters und Urenkelin eines Präsidenten, verheiratet sei. Ein Stänkerer gegen den Kapitalismus, der seinen Sohn in eine Privatschule geschickt habe und in einer 1,7 Millionen Dollar teuren Sechszimmerwohnung lebe.“

 

 

In „Bleeding Edge“, meint [der NYM-Autor]  Boris Kachka, „enthülle Pynchon nun, wie noch in keinem Buch zuvor, wenigstens seine Heimat, nicht eben liebevoll als „Yupper West Side“ verballhornt. Es sei unmöglich, nicht hineinzulesen, wie ein „ergrauter Wanderer“ vorsichtig Frieden mit New York, mit dem Konformismus und dem öffentlichen Leben mache. Selbst seinen patentierten Hang zu Verschwörungstheorien nehme er auf die Schippe, wenn er Maxine spötteln lässt: „Paranoia ist doch der Knoblauch in der Küche des Lebens, du kannst nie genug davon haben.“ Einen „Liebes-Hass-Brief an das New York von vor zwölf Jahren, als das Internet 1.0 den flüchtigen Traumata des 11. September Platz machte“, will Kachka gelesen haben.“

 

 

 Auf „Wired.com“ wird laut FAZ der Bogen noch weiter gespannt – bis hin zur Aktualität des Romans:

 

 

„Zwei Ereignisse hätten dieses Jahr Pynchons Relevanz, die im Schwinden gewesen sei, wieder solide bestätigt. Durch die Snowden-Affäre, erstens, habe sich Pynchon als erstaunlich prophetischer Autor erwiesen, in „Gravity’s Rainbow“ (1973) ebenso wie in „The Crying of Lot 49“ (1966) mit dem Trystero System, das mit freier Meinungsäußerung warb und heimliche Kontrolle zur Folge hatte. „Dies ist die pynchonsche Geistesverfassung“, erklärt Jason Tanz [von „Wired“], „immer kurz davor, unsere paranoidesten Instinkte zu bestärken, jedoch ohne den Trost, es ganz sicher zu wissen“.“

 

 

Abschließend zitiert die FAZ die anscheinend nicht tot zu kriegende New York Times: „

 

 

„Mr. Pynchons New York City, circa 2001, ist ein dunkler Spiegel des heutigen Amerika: besorgt über die Regierungsüberwachung und das Tracking durch Internetgiganten, eine Welt, in der nicht bloß Paranoiker, sondern auch Normalbürger fürchten, dass ,jeder Klick, jede Bewegung des Cursors‘ von unsichtbaren Kräften aufgezeichnet wird, die wissen, was die Leute wollen, bevor sie es wissen.“

 

 

P.S.: Bei den Intelligenzblättern folgen stets auf die Wirtschaftsseiten die Sportseiten, und das hat gute Gründe: Auf den einen wie den anderen geht es um schneller, weiter, höher – was sich in Zahlen ausdrücken lassen muß. Die Erfindung der Zahlen – von Friedrich Kittler als die große Tat „der Griechen“ – gefeiert, hat uns mit der Zeit (in Zahlen) so dumm und einseitig gemacht, dass ein Gegenstand erst der unsere ist, wenn wir ihn messen und zählen können. Wir leben bereits fast zur Gänze in durchzählbaren Räumen und mit ebensolchen Dingen. Jede Tasse und jeder Gehwegmeter wurde mathematisiert, um diese Dinge industriell herstellen zu können. Laut Friedrich Engels bestanden zu seiner Zeit bereits die Kriege nur noch aus einfachen Rechenexempeln, dies gilt heute auch für die Wirtschaft, das Produkt der Firmen ist ihren  Inhabern bzw. Managern völlig gleich (gültig).  Dem „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung vom 24.September ist zu entnehmen, dass auch die Politik inzwischen eine enge Verbindung zum Sport – genauer gesagt: zum Fußball – eingegangen ist:

 

„Der Fußball ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dort wo fast alle Politiker stehen und dem Volk erklären wollen, warum gerade sie hier genau richtig sind. Deshalb werden in den Parteizentralen ständig Steilpässe angemahnt und Befreiungsschläge aus der bedrängten Abwehr gespielt. Sprachlich ist die Politik mit dem Erfolgsmodell Fußball längst auf Augenhöhe…“ Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sagte nach der Wahl (Zahl): „Der Ball liegt jetzt im Spielfeld von Frau Merkel…“  

 

 

Was den neuen Roman von Pynchon betrifft, dazu mußte die SZ sich früher oder später etwas Euphoriedämpfendes einfallen lassen. Dem SZ-Rezensenten war dann auch „Bleeding Edge“ nicht „finster“ genug, wie er uns am 26.September gestand:

 

„Das heißt nicht, dass Pynchon seinen Frieden mit der Welt gemacht hätte. Nur ist nicht Gabriel Ice, sondern „late fucking capitalism“ der eigentliche Bösewicht. Er kolonialisiert die letzten utopischen Winkel des Internet ebenso wie die letzten Ecken New Yorks, die noch nicht von „Yups“ und Milliardären besetzt sind.“

 

[Auf der SZ-Seite davor wird das von einem anderen SZ-Rezensenten am Beispiel Hamburgs mit der Gegenüberstellung zwischen dem dortigen „Kreativzentrum“ für reiche Werber „Hafencity“ und dem neuen „Kreativquartier“ (ohne Heizung) für arme Künstler, den „Stückguthallen“, erklärt.]

 

Zurück nach New York: Dort endet Thomas Pynchon in seinem neuen Roman, so bedauert der SZ-Rezensent. „als grumpy old man“, der „über ungehobelte Fußgänger schimpft und vom alten New York träumt, voller Schmutz, Laster und ungesundem Essen.“

 

Dennoch freut sich der SZ-Autor schon auf den nächsten Pynchon-Roman – nach „Bleeding Edge“ (Blutige Ecke?), denn „niemand sonst würde die Gäste einer opulent beschriebenen letzten großen Dotcom-Party auch noch auf den „Godfather of postmodern toilets“ schicken, dort einen DJ installieren, der wiederum den ehemaligen Chartbreaker „In the Toilet“ der angeblichen Siebziger-Band Nazi Vegetable auflegt: „All those mirrors, lotsa chrome, stuff you’d / Never do at home, here in thuhuh /Toi-let.“ Während die Pynchon-Fans nun wieder ein paar Jahre zu tun haben, diese und andere Details zu verschlagworten, kann man nur hoffen, dass dem scheuen Mann von der Ecke Broadway und 75. Straße noch die Energie für mindestens einen ganz großen Wurf reicht. Diesmal bitte wirklich finster!“

 

„Die Schweizer Zeitschrift über „Berliner Höhepunkte der gebildeten Stände“ hat einen ihrer „Contentmanager“ in ihrer neuen Ausgabe eines dieser laut SZ „Details“ bereits „verschlagworten“ lassen:

 

Demnach soll die „professionelle Nase“ und Erfinderin der Geruchskanone The Naser“ in Pynchons Roman niemand anders als das an der Harvard Business School „Unsichtbare Kommunikation und Rhetorik“ lehrende Riechphänomen Sissel Tolaas sein, über die es auf Wikipedia heißt:

 

„Sissel Tolaas ( geboren 1959 in Norwegen) spricht neun Sprachen und studierte Mathematik, Chemie, Linguistik und Kunst in Oslo, Moskau, Leningrad, Oxford und Princeton. Sie hat mehr als 7800 Gerüche aus aller Welt archiviert. Die in Berlin lebende Duftforscherin stellte unter anderem im MoMA New York, im Pekinger Nationalmuseum und auf der Biennale von Sao Paulo, Kwangju, Havanna und Berlin aus.“ In ihrem Westberliner Atelier hat sie – wie zuvor die Stasi in Ostberlin – jahrelang Düfte gesammelt – 6703 bis heute.

 

 

2012 hatte die in Luzern erscheinende Zeitschrift bereits berichtet, dass „Die Nase“ ihrem Korrespondenten beim Aussteigen aus dem U-Bahnhof „Rosa Luxemburg“ in Berlin-Mitte mitgeteilt habe, sie würde gerade zu einer Ausstellung über den Krieg den Duft des Zweiten Weltkriegs beisteuern. Wenig später fiel dem Korrespondent dazu Thomas Pynchon ein, der in seinem Roman „Die Enden der Parabel“ so etwas Ähnliches bereits mit den Farben von WKZwo versucht hatte. Elfriede Jelinek brauchte lange Wochen allein für die Übersetzung seiner „Farben“ ins Deutsche. „Farben“ seien überhaupt am schwersten von einer Sprache in die andere zu übersetzen, behauptete die Polnisch-Übersetzerin Esther Kinski in der „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“. Wie ist es mit Gerüchen – ein Problem, dem sich Sissel Tolaan stellt.

 

 

In einem Potsdamer Magazin stellte sie im Frühsommer 2013 erst einmal richtig: Sie habe „das Odeur eines Schlachtfelds des Ersten Weltkriegs für das Militärhistorische Museum [der Bundeswehr in Potsdam] nachgestellt. Sehr, sehr starkes Odeur.“

 

 

Im Hauptquartier der Bundeswehr, auf der Bonner Hardthöhe, hatte uns – der taz – einmal ein Bundeswehr-PR-Major die neue NATO-Verteidigungsdoktrin so erklärt: “Sie ist nicht mehr nach Rußland hin angelegt, die russischen Soldaten haben inzwischen die selbe Einstellung zum Krieg wir wir auch – sie wollen nicht sterben! Außerdem ist die Stationierung von Atomwaffen in Ungarn und Polen z.B. so gut wie gesichert, es geht eigentlich nur noch darum, wie viel wir dafür zahlen müssen. Ganz anders sieht es jedoch bei den Arabern aus, mit dem Islam. Deswegen verläuft die neue Verteidigungslinie jetzt auch” – Ratsch zog er hinter sich eine neue Landkarte auf – “etwa hier: zwischen Marokko und Afghanistan”.

 

 

 

Im Magazin der SZ beantwortete Sissel Tolaas in deren Prominenten-Photo-Serie „Sagen Sie jetzt nichts“ die Frage „Sie haben mal gesagt, dass alles auf seine Art reizvoll duftet. Auch ein toter Körper?“ dahingehend pantomimisch, dass sie sich ganzkörperverhüllt in Schwarz die Nase zuhielt.

 

Davor hieß es im „Stern“ – unter der Überschrift „Immer der Nase nach“ über „The Nose“: „Das Leben ist das beste Parfüm – findet die Duftforscherin Sissel Tolaas“. In diesem Text ist nebenbeibemerkt von ihrer „Sammlung von 7800 Gerüchen“ die Rede und dass sie erst 1961 die Gerüche der Welt erblickte, nein: erroch.

 

Apropos: Bei Nietzsche heißt es an einer Stelle in „Ecce Homo“ [so nennt sich heute übrigens eine Schwulen-Eckkneipe in Neukölln]:

 

„Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch daß ich zuerst die Lüge als Lüge empfand – roch… Mein Genie ist in meinen Nüstern.“

Wird man das auch dereinst von Sissel Tolaas sagen?

 

 

Rechtzeitig zum Münchner Oktoberfest ließ sie in der Augsburger Allgemeinen verlauten:

 

bei ihrem neuen „Projekt in München“ gehe „es um ein Porträt der Stadt – nicht um ein generelles Stadtforschungsprojekt, wie ich es in anderen Städten bereits gemacht habe. Ich habe mir mehrere Orte in München unter die Nase genommen und bin zu dem Resultat gekommen, dass die Düfte Bier, Fleisch und teures Parfüm besonders konzentriert vorkommen.“ Und das sei nun „der Duft der bayrischen Hauptstadt“ Zuvor hatte sie laut AA bereits über „Neukölln“ behauptet, es rieche dort „nach Polyester, Reinigungen und Kebab.“

 

In Leipzig wird Mitte Oktober als touristischer Highlight drei Tage lang die „Völkerschlacht“ nachgespielt – bei der 1813 über 120.000 Soldaten qualvoll starben, an ihren Verwundungen, vor allem aber an Krankheiten, Kälte und Mangelernährung. Das Schlachtfeld hat meilenweit gestunken. Diesmal wird der Geruch sehr viel angenehmer sein.  Regie haben jetzt nicht Napoleon und seine Gegnergeneräle aus dem Osten und Norden,  sondern der Leipziger „Förderverein Völkerschlachtdenkmal“ . Alle an dem sächsischen Topevent Mitwirkenden sind schon freudig erregt – und hochmotiviert. Die für diese pädagogisch wertvolle Ereignisnachstellung werbende „Marketingagentur K & KUG Leipzig“ tönt laut „konkret“: „Sind wir bei dieser Reenactment-Veranstaltung dabeigewesen, konnten wir mit allen Sinnen aufnehmen, was die Menschen der dargestellten Zeit erlebten.“  Mit einer Einschränkung: Man muß schon ziemlich durchamerikanisiert sein – um wie einer der Zuschauer, der von „konkret“ zitiert wird, zu urteilen: „Wenn man es im Buch liest, ist es das eine, aber wenn man es live sieht, ist es anders, ich finde es schön.“

 

 

 

 

 

 

 

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Fertig zur Flucht!

 

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„Flieht auf leichten Kähnen!“ (Ernst Trakl)

 

 

 

Zurück zur Genealogie des pynchonesken „Deep Web“:

 

 

1. Um die Ecke denken: Der Worpsweder Künstler Fritz Mackensen erfand 1924 ein Gewehr, mit dem man um die Ecke schießen konnte. Das Patent verkaufte er an die Engländer, weswegen die Nazis ihn später des Geheimnisverrats bezichtigten. Das Gewehr setzte man erstmalig 1965 im Louis-Malle-Film über die mexikanische Revolution „Viva Maria“ ein. Im Internetforum „engadget“ wurde 2012 von der Firma Heckler & Koch ein Granatenwerfer im Gewehrformat namens XM25 vorgestellt, „der praktisch um die Ecke schießen kann -punktgenau auf 500 Meter“. Und für Geheimdienstzwecke wurde nun ein „Maschine“ entwickelt, mit der man laut FAZ „um die Ecke sehen kann“. Bei diesem neuen Verfahren der Computational Photography geht es um die „Kontrolle von Zeitfeldern“, damit ein Motiv erfaßbar wird, das sich in einem Raum befand, indem sich die Schärfeebene nachträglich am Computer einsetzen läßt. „Mit guter Mustererkennung ist es sogar möglich, aus dem Material im Datenpuffer auch Aussagen über Ereignisse zu treffen, die in der Zukunft liegen.“

 

2. Wie der Überläufer Edward Snowden berichtete, hat die NSA mit dem Programm „XKeystore“ praktisch unbegrenzten weltweiten Zugriff auf die Internetdaten der Menschen. „Auch die Beobachtung der Internetaktivität einzelner Menschen in Echtzeit sei mit ‚XKeyscore‘ möglich. Unsere Wut über diesen Überwachungsskandal ist berechtigt, vielleicht resultiert sie aber auch aus einer Kränkung, die daraus bestand, dass das flächendeckende Speichern  unserer Gespräche und Korrespondenzen, gar nicht uns als Individuen galt, wir sind bloß noch quasi-fiktive „Agenten“, die fortlaufend Real-Daten generieren, aus denen „die Rechner“ in nahezu „Echtzeit“ eine Modellgesellschaft „steuern“. Die Zwänge, einst durch Militär und Fabrik organisiert, um funktionale Differenzierung zu gewährleisten  werden damit durch kybernetische Kontrollen  ersetzt, und aus der „Gesellschaft“ werden „Netzwerke“, wie Dirk Baecker in seinen „Studien zur nächsten Gesellschaft“ nahelegt. In einem Staatswesen wie die USA, das vom „außengeleiteten Typus“ dominiert wird, könnte das sogar als Fortschritt begriffen werden. Der Medienwissenschaftler Claus Pias erwähnte in einem Vortrag einen Simulationsversuch des kompletten Lebens in Portland – mit einer (virtuellen) Population von 1,6 Millionen Menschen und ihren täglichen Aktivitäten – „TransSims“ genannt: „In dieses unsichtbare und kaum überschaubare Gewimmel des Alltags lässt sich nun hineinzoomen.“

 

Wenn es z.B. – wie in  der auf „NineEleven“ folgenden  „Anthrax“-Hysterie um eine Epidemie geht, „koppelt man schlichtweg die Übertragung von Personen mit der Übertragung von Krankheiten, initiiert einen bioterroristischen Anschlag auf die Universität und schaut, wie er sich ‚kommuniziert‘.“ Davon ausgehend kann man dann „Knotenpunkte“ („Hub’s“) identifizieren, die man lahmlegen muß, wenn die Sache sich nicht weiter verbreiten soll.“ Dazu „zoomt“ man in diese Knotenpunkte „rein“. Die Frage der Epidemie oder anderer „Unruhen“  und ihrer Simulation mündet laut Claus Pias unvermeidlich in Fragen des Wissens und der Beschreibung von Gesellschaft sowie in Fragen von Regierung, Kontrolle und Macht ein. Solche „agentenbasierte Computersimulationen“ erlauben nämlich nicht nur eine konkrete Infektionskrankheit zu studieren, „sondern vielmehr Verkehr, Wirtschaft, Soziales und Gesundheit als einen einzigen komplexen, kommunikativen Zusammenhang zu verwalten, der alle möglichen Anfragen zu Lage und Austausch von Menschen und Dingen erlaubt.“ Für Claus Pias heißt das: „Das Ausmaß von ‚Welthaltigkeit‘ bemisst sich schlichtweg an der Rechenleistung der Systeme.“ Das zeigte sich bereits 2008, als in den USA die Internet-Suchmaschine Google eine aufkommende Grippewelle schneller registrierte als die Gesundheitsbehörden. Wo die Influenza sich ausbreitete, häuften sich die Anfragen mit diesbezüglichen Suchwörtern. Auch wenn nicht jeder Fragende Grippe hatte, spiegelte die Zahl der Suchanfragen die Entwicklung der Grippesaison wieder, was ein Vergleich mit den Daten der US- Seuchenkontrollbehörde zeigte.

 

Die Frage „Warum simuliert irgendjemand etwas am Rechner?“ hatte in den Sechzigerjahren der Peenemünder Steuerungsingenieur Helmut Gröttrup, der ab 1945 am Raketenbau der UDSSR beteiligt war und dann Chefinformatiker bei Siemens wurde, in einem Vortrag vor Hamburger Geschäftsleuten bereits so beantwortet: „Die unternehmerische Freiheit ist ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruht.“ Das  gilt auch für deren geschäftsführenden Ausschuß: die Regierung, und für uns sowieso.
Der Wissensforscher Bruno Latour sagte es so: „Agent-based“ bedeutet stets „ant-based“. Wie wir da hingekommen sind, hat der Siegener Philosoph Niels Werber in seinem neuen Buch „Ameisengesellschaften – Eine Faszinationsgeschichte“ aufgerollt.

 

 

Jean Baudrillard schlug bereits Anfang der Achtzigerjahre vor, davon auszugehen: „Es gibt kein Medium im buchstäblichen Sinne des Wortes mehr, von nun an läßt es sich nicht mehr greifen, es hat sich im Realen ausgedehnt und gebrochen…” Ebenso ist es „mit dem Zeitalter der Repräsentation, dem Raum der Zeichen, ihrer Konflikte, ihres Schweigens” vorbei: „Es bleibt nur die ‘black box’ des Codes, das Molekül, von dem die Signale ausgehen, die uns mit Fragen/Antworten durchstrahlen und durchqueren wie Signalstrahlen, die uns mit Hilfe des in unsere eigenen Zellen eingeschriebenen Programms ununterbrochen testen.“ 

 

Was mit letzterem gemeint ist, präzisierte die Biologin Silja Samerski in einem taz-Interview, 
in dem es u.a. um das wettlaufähnliche „Projekt“ zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms ging. 
Dazu sagte sie: 

Was meint die Bio-Tech-Firma, wenn verkündet wird, 30.000 ,GENE’ hat der Mensch . . . Wie kommen sie auf diese Aussage? Was wurde sequenziert? Das WIE ist bekannt. Den Hauptanteil der Arbeit erledigen Rechner, Informatiker, Roboter und Techniker, die das Tempo der ,GEN’-Sequenzierung Aufsehen erregend beschleunigt haben. Was sich dabei angesammelt hat, ist eine enorme, durch den Computer gejagte Datenmasse, deren ,Geheimnis’ so wird gesagt, nun ,entschlüsselt’ werden müsse.

 

Das ganze Projekt erinnert doch mehr an die Kalkulationen von Börsenspekulanten über die Chancen und Risiken von Finanzderivaten, also von Optionen, mit denen an der Börse gehandelt wird, ohne dass ihnen noch ein konkreter, existierender Wert zugrunde liegen muss. Und man muss wissen, dass das Ziel dieser gigantischen Verwaltung von Daten die Simulation und Modellierung von Proteinen, der Proteinentstehung, der ,Genomorganisation’ usw. ist, aber nicht deren Analyse. Ich weiß auch gar nicht, ob man dazu noch Wissenschaft sagen kann, es ist eher ein undurchschaubares Konglomerat aus Technologie, Wissenschaft und auch Industrie, wo’s eigentlich nicht so drauf ankommt, ob man ,GEN’ definieren kann oder nicht.

 

 

Irgendwann gab es doch mal so was . . .wie Wahrheit . . . ich glaube, es gibt auch die alte Vorstellung von Objektivität gar nicht mehr, also dass Wissenschaft verifizierbare und reproduzierbare Aussagen über Phänomene macht. Aber heute kommt es primär darauf an, dass es funktioniert. Es gibt dafür ein schönes Beispiel. Richard Strohman, ein Molekulargenetiker, hat vor längerer Zeit in Nature Biotechnology einen Artikel geschrieben über all die Fehlannahmen der Genetik, über den Genkult und genetischen Determinismus. Zu diesem Artikel kam ein langer, ausführlicher Leserbrief von einem Herrn Bains, Engländer, Berater für Biotechnologie-Unternehmen.

 

Er schreibt u. a.: Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden. Und er fragt: Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun . . . Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar. Dann sagt er: Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen . . . Der Leserbrief endet mit dem schönen Satz: Und inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“

 

 

 

 

An anderer Stelle des Interviews sagt Silja Samerski:

 

 

So, wie es in den Lehrbüchern und populärwissenschaftlichen Abhandlungen steht, gibt es ,GENE’ nicht. ,GEN’ bezieht sich nämlich auf keine nachweisbare Tatsache, es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs. Wenn Genetiker von ,GENEN’ sprechen, so bezeichnet das etwas ganz Unterschiedliches, Populations-Biologen benutzen den Terminus anders als Molekulargenetiker oder klinische Genetiker. ,GEN’ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft . . . über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt.

 

 

Es ist doch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von . . . oder Bestandteile einese Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE’ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.

 

 

Dadurch dass ,GENE’ immer was tun, nehmen sie Gestalt an – hieße es X, wäre es ganz klar, X kann nichts tun – ,GENE’ liegen auf den Chromosomen, sind Bausteine des Organismus, Vererbungseinheit und Träger von “Informationen”, wird behauptet, aber das sind alles lediglich Zuschreibungen.

 

 

Man hat mir auch manchmal entgegengehalten, es sei eben abstrakt. Aber ein Abstraktum geht ja immer vom Konkreten aus, das ist beim ,GEN’ nicht der Fall, da gibt’s nichts Konkretes. Auch der Vergleich mit dem Atom ist unzulässig – man hat diese vielfach beschworenen ,Atome der Biologie’ nicht gefunden – der Atombegriff ist formalisierbar, der Genbegriff war ja nie formalisierbar, war nie einheitlich definiert. Und heute glaubt man gar nicht mehr daran, dass er irgendwann mal definiert werden kann.”

 

 

 

 

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Man nennt sie in der Kreisstadt nur Unsere Schwarzen Ameisen. Und sie sind stolz darauf.

 

 

 

Approxi-Daten

 

…Das ist es, was wir brauchen. Es geht bei diesen „Daten“ darum, in der Ungenauigkeit zu bleiben – und die Approximation nicht als Annäherung an eine immer größere Genauigkeit zu verstehen. Das Gegenteil suggerieren die „Proxydaten“ – z.B. in der Klimaforschung, in der es bei ihrem höchsten Gremium, dem  IPCC – „Intergovernmental Panel on Climate Change“ – zu einem „Climategate“ kam. Dabei ging es um Temperaturkurven aus Proxydaten. Ein „Klimaproxy“ (englisch proxy „Stellvertreter“) ist ein indirekter Anzeiger des Klimas, der in natürlichen Archiven wie Baumringen, Stalagmiten, Eisbohrkernen, Korallen, See- oder Ozeansedimenten, Pollen und  menschlichen Archiven wie historischen Aufzeichnungen oder Tagebüchern zu finden ist. Das IPCC hatte einerseits Proxydaten, die aus Baumringdaten seit dem Jahr 1000 bestanden, und andererseits Thermometerdaten aus den letzten Jahrzehnten. Um die Temperaturentwicklung in dieser Zeit „als absolut ungewöhnlich im Lichte historischer Zustände“ zu beschreiben, störte die Inkonsistenz der Proxydaten mit den Thermometerdaten,“ schreiben Hans von Storch und Werner Krauß, beide am Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht beschäftigt – der eine als Klimaforscher und der andere als Ethnologe, in ihrem Buch „Die Klimafalle – Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung“. Anfänglich „klebte“ man die Kurven aus den beiden unterschiedlichen Quellen  einfach zusammen. Gegen einen solchen „Trick“ ist wenig zu sagen,“solange klar ist, dass hier Zahlen mit sehr verschiedener Zuverlässigkeit eingesetzt werden.“ Im Laufe der Zeit wurde „aus den beiden Kurven jedoch stillschweigend eine Kurve.“

 

Zum „Climagate“ wurde dies, zusammen mit Interna der beteiligten Forscher, als jemand heimlich ihre E-Mails veröffentlichte. Da war das Klima aber schon aus einem kleinen Forschungsthema zu einem großen politischen Thema – zu einem Weltproblem gar – geworden. Und Linke wie Rechte verausgabten sich in „Klimadebatten“, man sprach von „Klimaschützern“ und „Klimasündern“. „Immer mehr gesellschaftliche Konflikte, Mängel und Schwierigkeiten werden nun als Klimaprobleme markiert.“ Und Bücher über das Klima füllen in den Buchläden inzwischen ganze Regale. Wobei das Klima als Statistik des Wetters auch noch einmal reduziert wurde, „auf seine Veränderlichkeit, seine Dynamik, Vorhersagbarkeit und die Abhängigkeit von äußeren Antrieben (wie Treibhausgase, Sonnenleistung u.Ä.),“ schreiben die Autoren.

 

Besonders unangenehm stößt ihnen der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, auf. Der „Klimaberater der Bundeskanzlerin Merkel konnte sogar im Wetterbericht im Anschluss an die ‚Tagesschau‘ die Bevölkerung auf die Gefahr des Klimawandels hinweisen. Er wird gern in nachdenklicher Pose gezeigt, mit der Hand auf die Erdkugel in seinem Büro gestützt.“ Der „Alarmist“ und „Gaia“-Anhänger Schellnhuber sagt Sätze wie:  „Gelingt die Abgas-Trendwende bis 2020 nicht, dann dürfte eine Erderwärmung mit verheerenden Folgen, etwa dem Abschmelzen des Grönland-Eisschildes und dem Kollaps des Amazonas-Regenwaldes, kaum noch zu vermeiden sein.“ Die FAZ kritisierte ihn gerade vorsichtig, indem sie eine neue Simulationsstudie von britischen, amerikanischen und brasilianischen Forschern erwähnte, die darin zu dem Ergebnis kamen: „Der Schaden für die Regenwälder dürfte bis zum Jahr 2100 deutlich geringer sein, als frühere Studien vermuten lassen.“ Der Klimastreit geht munter weiter.

 

Wobei sich die Klimaforscher zunehmend als Teil der sogenannten „Erdsystemwissenschaften“ verstehen. Mit  ihren  Powerpoint-Vorträgen entstand  „zugleich eine Ikonographie des Planeten  Erde“. Das erste Farbphoto von „Unserem blauen Planeten“ stammt von der „Apollo-Mission“ der Amerikaner 1972. 1982 hieß ein Album der Rockgruppe Karat so und 2001 eine ganze BBC-Serie. Inzwischen begreift man unseren  blauen Planten mit dem Nasa-Geochemiker James Lovelock als „Gaia“. Seine Hypothese besagt, dass  die Erde und ihre Biosphäre ein lebender Organismus ist, bei dem die Bakterien eine wesentliche Rolle spielen. Kurz nach der „Gaia-Hypothese“  kam der „Whole Earth Catalogue“ von Stewart Brand, der mit Lovelock befreundet ist, auf den Weltmarkt. Der „Catalogue“ war 2013 Thema im „Anthropozän-Projekt“ des Berliner HKW – Haus der Kulturen der Welt. Aber nicht erst seit diesem „Event“ machen sich alle möglichen Wichtigtuer Gedanken um „die ganze Erde“ –  um sie zu retten. Dabei könnten sie noch nicht einmal die halbe Torstraße, auf einer Straßenseite auch nur, bessern, also lebenswerter machen.

 

 

 

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Jedesmal wenn der bekannte  Stadtplanungskritiker Olaf Behrens-Rüttensen ein „Paper“ verfaßt und auch gleich lanciert hat, nimmt er erst einmal ein heißes Wannenbad.

 

 

 

„Es gibt immer zu wenig Fakten und zu viel Deutung; die Akte durch Deutung sind am gefährlichsten für die Freiheit.“ (Francois Ewald) Hier einige wenig lebenswerte, dafür aber umso faktenreichere Existenzentwürfe aus neuerer Zeit:

 

Flaschensammler und -jäger

 

Bei mir in der Straße wohnt ein philipinischer Flaschensammler, der mit einer kunstvollen bunten Flaschensammel-Karre „arbeitet“. Der Slowenische Dichter Ales Stege, der  mit einem Künstler-Stipendium in Berlin wohnte und von da aus die Stadt erkundete, stieß am Olivaer Platz auf einen anderen  „Einwanderer“, der die orangenen Straßen-Abfallbehälter der BSR nach leeren Pfandflaschen durchsuchte. Wieder zurück am Wannsee schrieb Steger über ihn: „In einem Brief hat ihn der Vater aus den Bergen erneut aufgefordert, endlich Geld in die Heimat zu schicken. Er solle aufhören, den Armen zu spielen, zu Hause wüßten doch alle nur zu gut, dass der Sohn im Land der feigen Schachteln lebe. Wenn man viermal an eine dieser Zauberschachteln klopft, spuckt sie vor Schreck eine Handvoll Banknoten aus. Dem Einwanderer war diese Art von Magie unbekannt. Er sammelt weiter Bierflaschen auf dem Olivaer Platz.“

 

Den Schriftsteller Wladimir Kaminer lud man zum Leipziger Kirchentag, damit er dort mit seiner „Russendisko“ aufspiele. Der Veranstalter zeigte ihm vorab die „Location“, dabei wies  er auf eine Gruppe einheitlich blau gekleideter junger Männer, die vor  der Saaltür standen: „Ohne diese Jungs, die sich um alles kümmern, würde auf dem Kirchentag gar nichts gehen, das sind unsere christlichen Pfadfinder.“ Kaminer nickte: „Die haben wir in Berlin auch. Aber sie sind nicht so schön uniformiert wie hier.“ Der Veranstalter kuckte ihn verdutzt an: Kaminer hatte „Pfandfinder“ statt „Pfadfinder“ verstanden – und dabei an die vielen  Flaschensammler gedacht.

 

Ich hörte in Weissensee von einem ehemaligen Chefingenieur, der 2010 in Pension gegangen war – und nun – seit zwei Jahren bereits – täglich die Abfallbehälter der BSR in Mitte nach Pfandflaschen durchsucht. Er hätte das finanziell nicht nötig, warum er das dennoch tue sei mithin nicht ganz klar. Es fällt mir schwer, diese Geschichte weiter zu geben, weil daraus schnell eine  Denunziation der armen Flaschensammler wird – à la „Florida-Rolf“ oder „Goldgräberstimmung beim Flaschensammeln,“ wie die  Süddeutsche Zeitung titelte. Zumal, da man jetzt diese durch das nächtliche Gewühl der zechenden Touristen  huschenden Durchsucher der Mehrkomponentenwertstofftonnen  auch noch staatlich besteuern will. Es ist mir schon mehrmals passiert, dass steinreiche Leute sich mir gegenüber entrüsteten: „Sie dürfen den Bettlern hier nichts geben, das sind alles Millionäre, die lassen sich morgens mit einem Rollcs-Royce zu ihrem ‚Arbeitsplatz‘ fahren.“ Zuletzt sagte mir dies eine Geschäftsfrau ausgerechnet in Bombay, wo es von armen, leprakranken, verstümmelten und hungrigen Bettlern nur so wimmelt. Selbst die elternlosen Jugendlichen auf dem dortigen Victoriabahnhof würden, so behauptete es jedenfalls der Pressesprecher der Eisenbahngesellschaft, ihr erbetteltes Geld nicht für Nahrung, sondern für Kinobesuche ausgeben.

 

Zurück zum philipinischen  Flaschensammler: Er klagt, dass es in unserem „Problembezirk“ immer mehr junge – „schnellere“ – Flaschensammler gäbe. Bei ihm zu Hause – nahe Manila – befände sich der  größte Müllberg Asiens, ein ganzes Dorf würde auf und von ihm leben, einschließlich eines Priesters. Er hätte auch eine Weile auf einem solchen – allerdings viel kleineren – Müllberg „gearbeitet“. Manchmal vermisse er den: Er hätte dort, weil sie ein „Team“ waren – neben der „stinkenden Arbeit“ auch viel gelacht, sie hätten abends an Feuern zusammengesessen und geraucht. Ihm würden die Spätkaufläden zwar ohne Murren alle Pfandflaschen abnehmen, nur leider würden es eben  immer weniger. Aber jetzt den Sammelbezirk zu verlassen und einen neuen zu suchen, ginge auch nicht:  Berlin und seine orangenen Abfallbehälter seien längst unter den „Sammlern“ aufgeteilt, von denen  jeder eifersüchtig über seinen Bezirk wache. Ja, wenn einer aufhöre, könne er diesen inzwischen sogar verkaufen – an neu in Berlin Eingewanderte z.B.. Und mancher, der mit der Zeit nicht mehr so viel laufen könne, habe eine „BSR-Tonne“ nach der anderen verkauft – an andere Flaschensammler, die ihr „Revier vergrößern“ wollten.

 

Die Politik macht sich über dieses neue neoliberale Gewerbe ganz andere Gedanken: Ihr sind die Flaschensammler nicht schnell und gründlich genug, d.h. es liegt immer noch zu viel Leergut morgens herum, deswegen will z.B. der Neuköllner SPD-Bürgermeister Buschkowski, dass der Pfand auf 50 Cent pro Flasche erhöht wird – damit das Flascheneinsammeln attraktiver wird. Die Partei „Die Partei“ hat diesen Vorschlag bereits aufgegriffen – auf ihrer zentralen Wahlversammlung in Berlin verteilte sie dazu schon mal 500 leere Bierflaschen.

 

 

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Anschließend hatten die Organisatoren der Partei „Die Partei“ in ihrem Hostel gut lachen.

 

 

 

Pharmakologisierung des Alltags

 

Es gibt U-Bahnwaggons, in denen ausschließlich Werbetafeln für Weiterbildungsmaßnahmen und für Medikamententests hängen.  Eine Werbung ist von einer Bio-Firma, die Tester für ein neues Mittel gegen Depressionen auf Johanniskraut-Basis sucht. Eine andere von einer Firma, die im Auftrag eines namhaften Arzneimittelherstellers laufend neue Versuchspersonen rekrutiert. Bei der dritten geht es um das Testen eines neuen Empfängnisverhütungsmittels, und bei der vierten sucht BayerSchering „junge Frauen, Nichtraucherinnen, nach der Menopause“. Die fünfte Firma umwirbt potentielle  Versuchskaninchen mit dem zynischen Satz: „Testen Sie schon heute die Medikamente von morgen!“

 

Bereits in den Siebzigerjahren suchte der Westberliner Pharmakonzern Schering immer wieder Leute, die seine neue Medikamente testeten. In meinem Bekanntenkreis meldeten sich vor allem „Drogenexperten“ zu solchen – gut bezahlten – Versuchen. Einmal, weil sie immer neugierig auf neue Drogen waren und zum anderen, weil sie wegen dieses „Hobbys“ ständig in Geldnot waren. Es ging ihnen dabei um neue psycho-physische Erlebnisse, auch wenn die jeweilige Scheringdroge nicht dafür, sondern eher dagegen gedacht war. Sie wußten sehr wohl, dass „es ein Unterschied ist, ob ein kreativer Mensch, der ein künstlerisches oder wissenschaftliches Ziel verfolgt, Drogen zu Hilfe nimmt, um sein Ziel zu erreichen, oder ob ein Mensch über den Umweg der ärztlichen Verschreibung eine Substanz nimmt, die von Sozialingenieuren der Pharmaindustrie entwickelt wurde, um ihn in eine Stimmung zu versetzen, die ihm hilft, die Realität zu verleugnen beziehungsweise zu verdrängen,“ wie der Drogenaufklärer Günter Amendt das sagte.

 

Man weiß inzwischen, dass die meisten neuen „Wirkstoffe“ nicht auf bestimmte Krankheiten hin entwickelt werden, sondern diese mittels Tier- und Menschen-Experimente erst noch finden müssen. Das erfolgreichste Mittel in dieser Hinsicht war das US-Medikament „Paxil“ – für das man nach seiner Herstellung den neuen Begriff „Sozialangst“ erfand, gegen das diese Droge wirken sollte. Der Pharmakonzern half dazu Selbsthilfegruppen von „Sozialverängstigten“ zu gründen. Der für das Produkt verantwortliche Direktor bei Glaxo SmithKline verkündete stolz: „Jeder Anbieter träumt davon, einen unbekannten Markt zu entdecken und zu entwickeln. Genau das gelang uns bei der Sozialangst“.

 

In der Le Monde Diplomatique berichtete der US-Philosoph Carl Elliott über die „Riesengeschäfte“ mit den „klinischen Studien“, in denen man neue Medikamente an Menschen testet. Sie werden mehr und mehr von aus den Konzernen outgesourcten Privatfirmen erstellt. Und diese rekrutieren ihr Menschenmaterial vornehmlich in Osteuropa.

 

Der Anthropologe Kaushik Sunder Rajan erforschte in seinem Buch „Biokapitalismus“ bereits 2009, dass und wie westliche Pharmakonzerne ihre neuen Medikamente in Indien testen. Bei den Westberliner Medikamententestern aus meinem Mittelschichts-Freundeskreis kann man vielleicht noch von „Freiwilligkeit“ reden – nicht jedoch bei den indischen Arbeitslosen, die zudem meist gar nicht darüber aufgeklärt werden, dass an ihnen ein neues US-Medikament getestet wird. Die Pharmakonzerne und ihre Helfershelfer, die sie als Versuchskaninchen rekrutieren, werden immer dreister: In den USA bezeichnen sie diese „Probanden“ nun sogar als „Helden der Medizin“. Und Bioethiker des „National Institute of Health“ verkündeten, „im Grunde sei die Teilnahme an klinischen Tests für jeden Staatsbürger eine moralische Pflicht.“

 

Die taz berichtete kürzlich über das soeben in den USA herausgekommene psychiatrische Handbuch (DSM-5) mit den neuesten psychischen Störungen: „Zum Beispiel die „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ – die neue Bezeichnung für Wutausbrüche. Allen Frances hat bei der Vorgängerversion mitgearbeitet. „Wir sollten keine Pillen dagegen nehmen, Menschen zu sein“, sagt er heute. „Neue Diagnosen sind gefährlicher als neue Medikamente“, denn seien sie erst einmal in der Welt, würden sie auch aktiv diagnostiziert werden. So wächst die Zahl der krank gelabelten, derer mit Stigma. „Bevor eine neue Diagnose eingeführt wird, sollte sie eigentlich den gleichen Tests unterzogen werden wie neue Medikamente.“

 

Der Spiegel behauptete gerade: Bis zum Mauerfall testeten die westdeutschen Pharmakonzerne Bayer und Hoechst ihre neuen Medikamente in der DDR an „mehr als 50.000 Patienten“.  Den Versuchskaninchen wurden „die Risiken“ offenbar ebenso „verschwiegen“ wie heute den indischen Arbeitslosen. Hier wie dort gab es dabei „viele Todesfälle“ (2011 in Indien 438). Aber es waren und sind „günstige Teststrecken“. Dies gilt nun anscheinend auch für die Berliner U-Bahn – und ihre inzwischen verarmten Nutzer.

 

 

 

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Noch lachen auch sie: Hier testen die beiden Weddinger Rentnerinnen Josepha Baumgärtner und  Maria Kapilsudski gerade ein „Tablettencocktail“ der chinesischen Firma „Wing-Ju“ (Langes Leben).

 

 

 

Beruf: Witwentröster

 

Bei den Witwentröstern  unterscheiden die Beerdigungsredner  zwischen „weißen“ und „schwarzen“: Erstere wollen wirklich trösten, letztere sind auf echte Werte aus (Bargeld lacht!). Aber manchmal kann man sie auch nicht so genau trennen. Da gibt es z.B. die Gruftis, die sich nicht nur gerne auf Friedhöfen rumtreiben, sondern dort auch gelegentlich Beerdigungen besuchen, wenn sie schon mal da sind. Ihr Interesse ist das (möglichst christliche) Trauerritual und die Nähe das Todes. Daneben gibt es aber auch solche, die das Leben, genauer gesagt: der Hunger, dort hintreibt – in der Hoffnung, am anschließenden Leichenschmaus teilnehmen zu dürfen, wenn sie sich nur überzeugend genug als „Freund“ des oder der „Verstorbenen“ ausgeben. Daneben gibt es auf den Berliner Friedhöfen auch noch sogenannte Winter-Witwentröster: Das sind solche Männer, die sich sommers in den meist ländlichen Reha-Orten als „Kurschatten“ durchschlagen und sich nur in der kalten Jahreszeit auf Friedhöfen rumtreiben, wo jedoch nicht allzu viel los ist. Und dann gibt es auch noch solche wie z.B. den jungen Achmed, der früher einmal Friedhofsgärtner war und die Stille sowie den Vogelgesang auf den Friedhöfen liebt. Einmal lernte er dort „meine“  unter mir wohnende alte Mieterin kennen, die das Grab ihres Mannes pflegen wollte, aber keinen Wasserhahn für ihre Blumen fand, Achmed half ihr. Sie kommt aus dem Osten, wo sie eine Pachttoilette bewirtschaftete. Seit dem Tode ihres Mannes lebte sie sehr zurückgezogen, aber nachdem sie Achmed kennengelernt – und sich quasi sofort mit ihm verheiratet hatte, fühle sie sich „wie neugeboren“ – wie sie mir gestand, als wir uns beim Getrenntmüll runtertragen auf der Treppe begegneten. „Ob er es ehrlich mit mir meint, wird sich herausstellen,“ fügte sie schmunzelnd hinzu.

 

Seit einigen Jahren muß ich andauernd zu Beerdigungen von Freunden, wo ich immer wieder die selben Leute treffe. Meine Bekannte, Gisela, meinte neulich schon: „Ich komm bald gar nicht mehr runter von den Friedhöfen.“ Mir hat sich dabei immerhin das Auge für Witwentröster geschärft: Jetzt, da das alte Ost- und Westberlin zügig wegstirbt, scheint diese Branche hier schier zu boomen. Vor allem im Frühjahr. Überall sehe ich jetzt Männer, die fremden Frauen ihre vollen  Gießkannen oder irgendwelche Blümchen hinterhertragen, sich am Grab  angekommen diskret zurückziehen und anschließend mit diesen Witwen ins nächste Café gehen. Eine Freundin von mir will demnächst an einem der Kreuzberger Friedhöfe sogar ein Café für solche Leute eröffnen. Sie meint, das wäre ein bombensicheres Geschäft – denkt dabei jedoch eher an reine Witwenrunden, denn, so zumindest ihre Beobachtung in Kreuzberg 61: Die Witwen, die regelmäßig die Gräber ihrer Lieben pflegen, kennen sich alle untereinander – und sie würden danach auch gerne noch zusammen einen Kaffee trinken gehen, aber es gibt in der Nähe der Friedhöfe so gut wie keine Cafés bisher, höchstens Steinmetze und Gärtner. Eine Ausnahme sei das schöne Gartencafé am Pankower Russenfriedhof, dort verkehren jedoch keine Witwen.

 

Auf dem Tierfriedhof des Tierheims in Hohenschönhausen lernte ich beim letzten Besuch eine Witwe kennen, die dort ihren 2011 eingeschläferten Hund beerdigt hatte. Sie meinte, dass sie viele „ältere verwitwete Damen“ kennen würde, die ebenfalls auf dem Friedhof das Grab eines tierlichen Angehörigen pflegen. Mit der einen oder anderen Dame ginge sie auch schon mal ins Café des Tierheims anschließend. Auf die Witwentröster angesprochen, winkte sie jedoch ab: „Ach, die Männer!“ Das seien doch fast alles „windige Gesellen“, die einem auf den  Friedhöfen schöne Augen machen oder gar ansprechen. „Pietätlos“ wäre das. Sie gab jedoch zu, dass es dieses „Phänomen“ gibt, was sie sich damit erklärte, dass auf dem Friedhof, nahe dem Grab eines geliebten Verstorbenen, das Herz und die Seele besonders empfänglich seien für Zuspruch und Anrede. „Gelegenheit macht Diebe,“ so drückte sie sich aus. Auf dem Hohenschönhauser Tierfriedhof sei man jedoch, anders als auf dem alten in Lankwitz, relativ sicher vor ihnen: „Der neue jetzt ist viel zu weit draußen für diese Lorbasse, wissen Sie?!“

 

 

 

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Auf diesem Bild sieht man gleich vier Witwentröster beim Erfahrungsaustausch.
Rumtrödeln!

 

Der Eskici – das ist ein türkischer Händler, der mit mehr oder weniger Hingabe Kullanilmis Esya (gebrauchte Waren) an- und verkauft. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu zitierte einen solchen Menschen in seinem Buch „Abschaum“: „Eines Tages, wir sind wieder im Flohmarkt, immer Flohmarkt, mein halbes Leben im Flohmarkt…“

 

Mein Freund Fikret erwarb einen alten VW-Transporter, damit kaufte er über Kleinanzeigen Gebrauchtmöbel auf, die er anschließend auf dem Flohmarkt mit Gewinn wieder zu verkaufen versuchte. Das Geschäft dümpelte müde dahin, bis Fikrets Bruder seinen Laden in Kreuzberg aufgab. Damit versuchte er nun noch einmal sein Glück im An- und Verkauf als vollberuflicher Eskici. „Für alles muß man bezahlen. Am günstigsten sind natürlich die Versteigerungen, weil dort auch größere Posten billig zu haben sind, aber für mich sind sie noch zu teuer.“ Im Endeffekt geht es Fikret wie den meisten Trödlern in Berlin: Ihr Warenangebot besteht fast nur aus Unikaten. Selbst wenn es sich um ehemalige Massenprodukte handelt, sind sie zunächst derart durch einen persönlichen Gebrauch gegangen, daß sie quasi wieder zu einem Einzelstück wurden. 10.000 solcher Gebrauchsgegenstände besitzt jeder Bundesbürger im Durchschnitt. (Bei einem Ghanaer sind es nur siebenunddreißig!) Welche Dinge braucht der Mensch wirklich? Die große Anzahl wirkt hier wie ein Wohlstandspolster, das nun langsam und notgedrungen abgespeckt wird. Folglich entstehen immer mehr Trödelmärkte, auch im sogenannten Speckgürtel.

 

Das war „früher“ ganz anders: 1970 gelang es meiner Freundin Ulrike, dass man in Westberlin Sperrmüll rausstellen durfte. Es wurde ein richtiges Stadtfest, so dass dieses Ereignis fortan regelmäßig wiederholt wurde. Aber bald hatten die „Eskici“ sich schon nachts die besten Sachen rausgesucht und es kam immer öfter zu Streitereien. Um das Ganze zu deeskalieren, schuf man an der Straße des 17.Juni einen Trödelmarkt, den der Galerist Michael Wewerka verwaltete. Bald fanden sich dort literaturkundige Studenten ein: Sie erwarben von den „Eskici“ für wenig Geld Bücher, die sie für teures Geld an der Uni weiterverkauften. Einige konnten sogar davon leben. Dieser Trödelmarkt ist inzwischen touristenüberlaufen und sauteuer, aber es gibt andere. Noch vor der Maueröffnung wurde der „Polenmarkt“ am Potsdamer Platz berühmt, für dessen Erhalt sich u.a. Cohn-Bendit einsetzte. Ich erwarb dort einmal zwei geräucherte Aale, die sich zu Hause als mit Pappe ausgestopft erwiesen. Auf dem Flohmarkt an der Schlesischen Straße entdeckte ich neulich einen Stand, an dem ein Kurde rostige Wolfsfallen verkaufte. Daneben gab es  einen kleinen Stand, der 10.000 (!) verschiedene Fernbedienungen im Angebot hatte. Er gehörte Tina Vollmer und Ahmad Alik. Den Stand haben die beiden seit 1998, sie zahlen 180 Euro im Monat dafür. Ihre Kunden sind meist Studenten und Hartz-IV-Empfänger – „die kommen sogar aus Spandau und dem Umland“ – und haben ihre Fernbedienung (FB) entweder verloren, fallen gelassen, mit Flüssigkeit übergossen, wegen des schlechten Programms zertreten oder Hund, Katze oder Papagei hat das Plastikgehäuse zerbissen. Einmal kam ein Punk, dessen Ratte alle Knöpfe angeknabbert hatte. Die Fernbedienungen kosten zwischen 5 und 20 Euro, für Reparaturen zahlt man 10 Euro. „Die schwierigsten Kunden sind Geschäftsleute, die gar nichts bezahlen wollen, die einen dreist anlügen – nur um ein paar Euro zu sparen. Meistens sind es Leute aus Zehlendorf und Dahlem, die um den Preis feilschen. Und anschließend zahlen sie mit einem Hunderter. Die wissen nicht, sich in Armut zu benehmen.“

 

Inzwischen gibt es an einigen Kirchen sogenannte „Trödelcafés“ und die Stadtzeitungen veröffentlichen regelmäßig Listen mit den „besten Flohmärkten Berlins“. Dazu gehören auch einige „Nachtflohmärkte“. Auf dem am Mauerpark interessierte ich mich einmal für 5000 alte Dias, die 20 Euro kosten sollten, ich hatte aber kein Geld dabei. Als ich das nächste Mal dort hinkam, waren es nur noch etwa 2000 – und sie sollten 150 Euro kosten.  Die anderen hatte eventuell der Dia-Sammler Martin Gotti Gottschild in der Zwischenzeit erworben, er machte daraus kürzlich ein lustiges Foto-Text-Buch – mit dem Titel „Dia-Abend“, das der Verlag mir dann schenkte.  Auf diese Weise kam ich dann doch noch in den Besitz der mir entgangenen Dias, wenn es auch nur wenig mehr als zwei Dutzend waren, die man abgedruckt hatte.  In einem blog kann man da großzügiger verfahren.

 

 

 

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Noch ein neues Buch: „Kriemhilds Lache“ im Verbrecherverlag  erschienen – es enthält  Jörg Schröders und Barbara Kalenders Geschichten aus dem und über den Kulturbetrieb. Das Bild zeigt den Historiker Hans-Dieter Heilmann, wie er dem März-Verleger Schröder in den Mantel hilft.

 

 

 

Subsubvermietungen

 

Statt gegen den Mietwucher der  Berliner Immobilienkonzerne und -Wohnungsbaugesellschaften vorzugehen, der ganze Viertel asozialisiert, soll es nun deren leidenen Mietern an den Kragen gehen: All jenen – meistens prekär Beschäftigten die nicht mehr ihre immer wieder erhöhte Miete zahlen können.  Sie müssen deswegen „zusammenrücken“, wie eine Springerzeitung  schrieb, indem sie ein bis zwei vielleicht ehemalige Kinderzimmer oder Arbeitsräume opfern – um sie ab und zu für sagen wir 250 Euro im Monat an Touristen, Gaststudenten oder temporär hier Arbeitende zu vermieten. Es gibt nicht wenige Leute, die in dafür ungeeigneten Wohnungen leben und diese deswegen komplett vermieten, während sie in der Zeit bei Freunden unterkommen. Sie annoncieren ihre Vermietung zumeist im Internet.

 

Zimmer oder ganze Wohnungen/Flats/Apartments tageweise zu vermieten – das bringt natürlich mehr: „Zwischen 50 und 80 Euro,“ behauptete das Magazin „Focus“ zu Anfang des Jahres  in einem Artikel über den Bezirk Pankow, wo die Zahl der „illegal betriebenen Fremdenzimmer dramatisch zugenommen“ habe – davon sei der Grüne Stadtrat für Stadtentwicklung überzeugt. Der erwähnt  darüberhinaus 1500 Wohnungen in Pankow, die „nicht mehr regulär vermietet werden, sondern tageweise an Touristen.“ Dies würde dem Vermieter drei- bis vier Mal so viel wie die Monatsmiete einbringen. Das sind in dem vornehm und ökologisch  werdenden Bezirk vor allem Besitzer von Eigentumswohnungen aus dem Westen, die nach wie vor woanders leben oder sogar mehrere Immobilien besitzen – die sie deswegen gerne mal für eine zeitlang vermieten oder Freunden überlassen. Die immer immobilienfreundliche Berliner Morgenpost war sich  dann auch sogleich sicher: „Einige Eigentümer geraten zu Unrecht ins Visier der Behörden,“ die bei günstiger Beweislage „hohe Strafen“ (bis zu 50.000 Euro) verhängen können. Überhaupt seien „Wohnungsnot und Umnutzung von Wohnraum im Wahlkampf zu wichtigen Themen avanciert. Die Schuld für steigende Preise wird dabei gerne bei Vermietern gesucht. Fehler in der Raumplanung und Stadtentwicklung werden weniger gern zugegeben.“ Mit  solchen Darstellungen wird das Problem der massenhaften Untervermietung aus Armut unter den Tisch gekehrt und bleibt eins von Immobilienbesitzern und Politik.

 

In Hamburg hat man bereits 1982 ein „Wohnraumschutzgesetz“ erlassen. Wenig später wurde dies auch in Westberlin diskutiert – als in Charlottenburg reihenweise Altbauwohnungen für Anwalts- und Arztpraxen „freigemacht“ wurden, weil sie mehr Miete einbrachten. In Hamburg fällt das gelegentliche Vermieten des  privaten Erstwohnsitzes nicht unter das „Zweckentfremdungsverbot“, es unterscheidet dabei jedoch nicht zwischen dem dadurch erzielten Nebenverdienst eines Immobilienbesitzers und dem eines Mieters, der ohne gelegentliche Untervermietung seine Miete nicht mehr zusammenkriegt. In Berlin, aber auch im noch teureren Hamburg und München, trifft das zigtausende. Die Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und Mietervereine bezeichnen Berlin als „Problemregion Nummer 1“: Etwa ein Viertel der Bewohner (880.000 – nicht gerechnet die „Illegalen“) sei von Armut bedroht. Wehren tun sich gegen die „Internetrecherchen“ der Stadtverwaltung, die an den ganzen privat untergekommenen Berlinbesuchern mitverdienen will, bislang nur die Wohnungs- und Hausbesitzer: „Ein massiver Eingriff in die Grundrechte, das Recht auf Eigentum wird angegriffen,“ meinen ihre Anwälte. Eine Studie der Humboldt-Universität schätzte die Zahl der „Touristen-Apartments“ in Berlin auf 7000, deren Eigentümer haben sich jetzt laut Morgenpost zu einer „Apartment-Allianz“ zusammengeschlossen, ein Sprecher erklärte  kürzlich auch, warum: „Ferienwohnungen seien eine Bereicherung für die Stadt“. Die armen Mieter dagegen, die gegen Bezahlung gelegentlich „Gäste“ in ihre Wohnung aufnehmen, ziehen eher den Kopf ein – und hoffen, nicht erwischt zu werden mit ihrer Schwarzvermietung, und dass ihre „Gäste“ sich gegenüber den anderen Mietern im Haus anständig verhalten und keinen Krach machen. Vor einiger Zeit überließ der Mieter über mir seine Wohnung zwei bulgarischen Touristen – und ging wohlgemut auf Reisen. Die Bulgaren hatten gute Gründe, sich unauffällig zu verhalten: Es waren Schlepper, die auf Geld von vier im Wedding anschaffende Prostituierte warteten, wie später die Polizei herausfand, als sie in der verlassenen  Wohnung die Pässe der Frauen unterm Teppich fand.

 

 

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Diese fünf Damen fanden während ihres Berlinaufenthalts für die Dauer eines Fortbildungskurses der Industrie- und Handelskammer preiswertes Quartier bei einem Binnenschiffer auf der Spree bei Schöneweide, dessen Frau sich gerade von ihm getrennt hatte.

 

 

 

Am sichern Gestade

 

Der großteils unbehauste Dichter Friedrich Hölderlin dachte gern an das Wohnen: „Will einer wohnen, So sei es an Treppen, Und wo ein Häuslein hinabhängt, Am Wasser halte dich auf.“ Oder so: „Nah wohnen, ermattend auf Getrenntesten Bergen.“ Und so: „Oder geduldig auch wohl im furchtsamen Banne zu wohnen.“
Hölderlin wünschte sich ein Wohnen „am sichern Gestade“, aber es war ihm beschieden: „Zu wohnen einsam, jahrlang, unter Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen Die Feiertage der Stadt, Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.“

 

Er klagte: „Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen …“ Aber: „Freilich ist das Leben arm und einsam. Wir wohnen hier unten wie der Diamant im Schacht …“ Und stellen uns vor: „Ja! im grünen Dunkel dort, wo unsre Bäume, die Vertrauten unsrer Liebe stehn, wo, wie ein Abendrot, ihr sterbend Laub auf Diotimas Urne fällt und ihre schönen Häupter sich auf Diotimas Urne neigen, mählich alternd, bis auch sie zusammensinken über der geliebten Asche, – da, da könnt ich wohl nach meinem Sinne wohnen!“

 

Nicht jedoch in Heidelberg: „An Neckars Weiden, am Rheine, Sie alle meinen, es wäre Sonst nirgend besser zu wohnen. Ich aber will dem Kaukasos zu!“
Hölderlins Wohnungsnot ist heute aktueller denn je. In einer „Übersicht zu einer Philosophie des Wohnens“ heißt es: „Für Heidegger wurden in jener Epoche seines Schaffens die Sprachschöpfungen Friedrich Hölderlins zur Inspirationsquelle, der von einem dichterischen Wohnen des Menschen sprach. Immerhin, so lässt sich mit Heidegger verbinden, kann und muss das Wohnen im Zusammenhang eines allgemeinmenschlichen Daseinsverständnisses und Weltgefühls bzw. Gestimmtseins gefasst werden.“
Für Hölderlin hieß „,Dichterisch wohnen‘: in der Gegenwart der Götter stehen.“ Eine Dissertation an der Universität Oldenburg befasste sich deswegen mit der „Beziehung zwischen der hölderlinschen Kritik der Vernunft und der Möglichkeit eines dichterischen Wohnens, um dem dichterischen Wohnen Bestimmungen zu geben.“

 

Denn dieses macht auch heute noch den Dichtern Probleme, wie Georg Kreisler in seiner Dankesrede für den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausführte: „Ich konnte mir gerade leisten, in einem Hotel zu wohnen, das drei Dollar im Tag kostete und dementsprechend aussah. An eine Wohnung war nicht zu denken, woher hätte ich das Geld für Möbel nehmen sollen? Alles kein Vergleich mit Hölderlin, der nie hungrig war und immer einen Schlafplatz hatte.“

 

Aber die Zeiten haben sich geändert: Es gibt schon ein „,Hölderlinquartier‘: Eine neue Perle im Zentrum Nürtingens. Es erwartet Sie ein attraktives Gebäudeensemble mit sieben Mehrfamilienhäusern, die alle nach Süden ausgerichtet sind.“ Und in Fellbach eine Hölderlin-Wohnförderung: „Durch das kommunale Förderprogramm wird das auch ökologisch zukunftsweisende Baukonzept des ,Hölderlin Carrés‘ mit ,Familienstartgeld‘ von 4.000 Euro für jedes Kind unter 16 Jahren gefördert.“ Aus Frankfurt kommt das Angebot: „In diesem Haus befindet sich oben rechts eine Wohnung, in der seit 1987 Hölderlin-Forscher einige Wochen lang unentgeltlich wohnen und arbeiten können.“
Stuttgart meldet: „Im August 2008 ist es soweit, die ,Hölderlin Suite‘ ist fertig und kann ab September bezogen werden.“ Zu mieten ist dort ferner ein „Ein-Zimmer-Apartment“ im „Hölderlin-Hochhaus“. Aus Essen wird berichtet: „Das Besondere an dem Wohn-Komplex ,Hölderlin 2′ ist, dass die Firma ,Allbau‘ nicht nur die Wohnräume vermietet …“

 

In Hamburg ist ein „Hölderlin e.V.“ ansässig, der Beratung bietet: „… Anthroposophie, Depression, Soziotherapie, Betreutes Wohnen …“ Und in Berlin gibt es die Firma: „,Hölderlin&Co‘. Unser Team arbeitet an dem Ziel des gesamten Unternehmens prenzlkomm: Die vollständige Genesung der Klienten im Kontext ihrer Lebenssituation. prenzlkomm gGmbH Abteilung Hölderlin&Co. Schönhauser Allee.“ Die Katholisch-Theologische Privatuniversität Linz gibt bekannt: „Die Götter Hölderlins wohnen im hegelschen Begriff – Versuch einer Beschreibung dieser göttlichen Wohnstätte. 10.15-10.30. Diskussion.“
Die Schaubühne gibt Hölderlins „Hyperion“: „Auf der Bühne ist eine bürgerliche Wohnung aufgebaut – mit Sitzgruppe.“
Das schlossartige Ensemble „F.X.Mayr-Zentrum“ am Bodensee annonciert: „Wohnen im ,Hölderlinhaus‘ – benannt nach dem Dichter Friedrich Hölderlin, der hier im Juni 1796 glückliche Wochen verbrachte.“ Er dichtete dort: „und liebt er nicht, so ist er eine dunkle Wohnung, wo ein rauchend Lämpchen brennt.“
Deswegen muss hier Heidegger noch mal ran – und einiges über „Das Wohnen des Menschen“ klarstellen: 1. „,Wohnen‘ ist technisch praktisch gesehen das Innehaben einer Unterkunft.“ Und 2. „Hölderlins Wort: ,Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde‘ wird kaum gehört, ist noch nicht gedacht.“

 

 

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Nach vielen Telefonaten fand Erika Dirksen aus Neukölln…

 

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…endlich eine neue Bleibe: in einer Billigpension am Rande der Stadt. Statt sich groß zu grämen, testete sie erst einmal die  Betten in ihrer neuen Unterkunft aus.

 

 

 

Zweite Chance

 

Am Check-Point Charly sah ich an einem Postkartenstand, wie ein etwa Vierzigjähriger Mann aus Stuttgart, ein Ingenieur vielleicht, kurz zögerte, aber dann doch  eine Karte mit der Aufschrift „Berlin liebt Dich“ kaufte. Er schien diesen an sich ja sauverlogenen  Spruch erst auf sich bezogen zu haben – im Sinne von: „Ja, hier bekomme ich nun meine Zweite Chance.“ (Wie ein Staubsauger zieht die neue Hauptstadt Midlifekrisen aus Nah und Fern an, die hier noch mal neu anfangen wollen.) Dann fiel dem „Ingenieur“ jedoch ein, dass die Postkarte ja zum Wegschicken da war. Und man sah richtig, wie er überlegte, wem er sie schicken könnte. Zuerst fielen ihm einige weibliche Adressaten ein – wohl weil er statt „Berlin“ seinen Namen dort gelesen hatte: August Meier (oder wie immer er hieß) liebt dich – komm zu ihm nach Berlin. Aber dann erinnerte er sich an einen guten Freund aus alten Stuttgartzeiten, der dort noch immer in einer Midlifekrise steckte – und dringend eine Zweite Chance brauchte. Ihm würde er die Karte schicken.

 

Die Berliner „Servicestelle Jugendsozialarbeit im Auftrag des Bundesamtes für Familie“ hat für „Schul-verweigerer“, „-schwänzer“ und „-abbrecher“, ein „Programm“ namens „2. Chance“ gestartet, mit dem sie diese Versager „auffangen“ und wieder „ins Schulsystem integrieren“ will.

 

Die FAZ berichtete ausführlich über einen Bestatter namens Quasthoff, der eigentlich ein betrügerischer Leichenentsorger war und deswegen in Moabit vor Gericht stand. Er hatte die Urnen Verstorbener u.a. ins Wuppertaler „DHL-Depot für unzustellbare Sendungen“ abgestellt. Sein früherer Chef, ein „Discount-Bestatter in Köpenick“, der ihn angelernt hatte, war stets mit einem Kofferraum voller Urnen in die Schweiz gefahren, wo er sie in „stillen Forsten“ entsorgt hatte. Es gibt dort bei Zürich angeblich ganze Fluren voller Köpenicker, die nach der Wende starben – und irgendwie billig entsorgt werden mußten. Besagter Quasthoff nun will sich selbst eine „Zweite Chance“ geben, wie er vor Gericht ausführte. Dazu habe er bereits „ein Fernstudium ‚Marketing und Controlling‘ in Stuttgart begonnen“.

 

Einen ähnlichen Fall vermelden die Medien aus den USA – ebenfalls unter der Überschrift „Zweite Chance“. Dabei geht es um den Bestsellerautor Jonah Lehrer, der sich in seinem Buch „Imagine“, das von den „Berufsgeheimnissen der Kreativen“ handelte, die „Weisheiten“ von Bob Dylan selbst ausgedacht hatte. Als das rauskam, rief sein Verlag das Buch aus den Läden zurück, er verlor seinen Job beim „New Yorker“  und seine „Einnahmen als Intellektuellendarsteller im Vortragstourneezirkus.“ Nun will ihn jedoch ein anderer Verlag erneut ins Rennen schicken – mit der Begründung: „Wir glauben an die Zweite Chance“. Josuah Lehrer soll einen weiteren „populärwissenschaftlichen Bestseller“ schreiben. Diesmal über die „Macht der Liebe“ – auf der „Basis verhaltenspsychologischer Erkenntnisse einerseits und autobiographischer Bekenntnisse andererseits“.

 

Auch der ehrliche Ingenieur Gustl Mollath bekommt eine zweite Chance – d.h. sein Fall wird neu aufgerollt: Er hatte Mitarbeiter der bayrischen  Hypo-Vereinsbank, u.a. seine Ehefrau, wegen Schwarzgeldgeschäfte mit Schweizer Banken angezeigt. Stattdessen wurde jedoch er wegen  „schwerer Körperverletzung gegenüber seiner Frau, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung“ angeklagt – und für 7 Jahre in eine Irrenanstalt weggesperrt.

 

Keine Zweite Chance bekam dagegen ein Angestellter des Kantons Zürich, den man entlassen hatte, weil er Aufträge an eine Firma vergab, an der er selbst beteiligt war. Seine Ehefrau hatte ihn angezeigt. Er machte geltend, dass er den Kanton dabei nicht geschädigt habe. Das Gericht wies nun jedoch seine Klage auf Wiedereinstellung ab – mit der Begründung, dass schon der Verdacht auf ein solches Vergehen ausreiche, um das  „Vertrauen der Öffentlichkeit in ein unabhängiges staatliches Vergabewesen nachhaltig zu erschüttern.“ Es fügte hinzu: „Im Falle einer Weiterbeschäftigung bestünde zudem Wiederholungsgefahr, da dem Entlassenen jegliche Einsicht fehle.“

 

Müßte ich ein Fazit aus all diesen Fällen ziehen, würde ich sagen: Man muß schon verdammt einsichtig sein, damit Berlin einen liebt.

 

 

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Diese drei Herren sind anscheinend „gut angekommen“ in Berlin. Jedenfalls begießen sie diesen Umstand dementsprechend. Der Herr im Hintergrund – ein „Altberliner“ – kuckt skeptisch.

 

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Während diese drei jungen Damen schon gleich nach ihrem Einzug in die Kreuzberger WG ganz „cool“ den nächstgelegenen Supermarkt „stürmten“ – eine Penny-Filiale in der Reichenberger Straße.

 

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Und dieser Herr einfach vom Aeroclub Baden-Baden zum Berliner – bei Strausberg – wechselte – mitsamt seiner Maschine.

 

 

 

 

Demokratie an der Universität

 

 

Als die Studentenbewegung sich 1967 radikalisierte und auch aus den Unis raus zum Proletariat hin orientierte, kreierte die mitregierende SPD eine Hochschulreform. Um der studentischen Kritik an der Professorenherrlichkeit („Unter den Talaren – der Muff von 1.000 Jahren“) den Wind aus den Segeln zu nehmen, griff sie die demokratische Forderung nach der Drittelparität (also Studenten, Mittelbau, Professoren) in den Uni-Gremien auf. Sodann wurden ein Dutzend „Reformuniversitäten“ gegründet, in deren Planungsstäben auch herausragende studentische „Rädelsführer“ Arbeit fanden. Die beriefen weitere als Lehrende. Die Drittelparität aber wurde dann trotz gemeinsamer Streiks von Professoren und Studenten für „verfassungswidrig“ erklärt. Und in der Folgezeit bemühten sich die Professoren stattdessen um Drittmittel.
Nach der Wende wurden die (letzten) „Linken“ derart reintegriert, dass sie die Lehrstühle der an den Ost-Unis „rausgegauckten“ Wissenschaftler besetzten. Der Sozialwissenschaftler Peer Pasternack stellte im Rahmen seiner Doktorarbeit über die Wende in den Ost-Unis fest, dass die West-68er dort üppig „Drittmittel aus Westdeutschland“ akquirierten, für die sie „der Politik ohne Hemmungen sogar konkrete Handlungsanleitungen in Form von Aufstands-Präventions-Konzepten für Betriebsschließungen lieferten.“
Und für die Studenten wurde mit dem Bologna-Prozess 2010 die Amerikanisierung der Unis in der EU durchgesetzt. Eine völlige Verschulung und Verteuerung des Studiums. Dazu noch selektiv wirkend. Die Studenten aber freuen sich trotzdem auf das Bachelor-Ritual am Ende, wenn sie als Absolventen, angetan mit einem Talar (!), lachend schwarze Hüte mit Bändern dran in die Luft werfen und sich dabei fotografieren lassen.

 

 

Zwar regte sich dagegen hier und da Widerstand, aber dennoch wunderte man sich, als die Forderung nach Viertelparität aufkam – und der Akademische Senat der Technischen Universität sie sogar beschloss. Dazu hatte man das einst abgelehnte dreigliedrige Mitbestimmungsmodell um „sonstige“ Mitarbeitende erweitert. Diese Woche jedoch erklärte der TU-Präsident den Beschluss für ungültig. Auch an der Humboldt-Uni lehnten die Professoren diese ungehörige Forderung nach Mitbestimmung jetzt „mehrheitlich“ ab. Sie berufen sich auf eine Einschätzung des SPD-Wissenschaftsstaatssekretärs Knut Nevermann. Der hatte 1967 noch auf dem SDS-Kongress über „Bedingung und Organisation des Widerstands“ räsonniert. Ach.

 

 

 

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Immerhin brachte der Universitätsdiener an der Humboldt-Uni den Studenten nach der Sitzung, auf der sie ihre Forderung vorgetragen hatten, die Mäntel.

 

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Anschließend trafen sich ihre Wortführer noch auf der Langgraswiese hinter der Uni zu einer Manöverkritik.

 

 

 

Rächer der Tiere

 

Zwecks Verbesserung der Welt kann und muß man vielleicht auch ganz unten anfangen. Als Rächer der Pflanzen, speziell der Palmen, Gummibäume, Oleander und Philodendron im Konferenzsaal der taz, möchte ich manchmal die dort konferierenden „Ökos“ attackieren, wenn und weil sie mit ihren Stühlen ständig den Pflanzen zu nahe kommen und diese bisweilen auch noch einfach beiseite schieben. Dabei ist dort Platz genug. Aber es geht hier um die Rächer der Tiere…

 

Nachdem ein Rudel streunender Hunde in Bukarest angeblich ein Kind getötet hatte, beschloß die Stadtverwaltung, alle etwa 60.000 Tiere zu töten. In Berlin protestierten dagegen rund 100 Tierschützer, während in Bukarest etliche 1000 dafür demonstrierten. Einige Zeit davor „attackierte“ die Animal Liberation Front (ALF) Berlin ein Pelz- und Ledergeschäft im Zentrum der Stadt. Und italienische ALF-Aktivisten steckten eine Fabrik für Milchprodukte in Montelupo Fiorentino in Brand. Die ALF widmete diese Aktion ihren Mitstreitern für die Befreiung der Tiere, die im Jahr 2009 den Bauplatz des Tierversuchslabors der Firma Boehringer in Hannover besetzt hatten und von denen eine deswegen ins Gefängnis mußte: Isabell Jahnke. Sie wurde von mehreren Unterstützern in die JVA Hildesheim begleitet. Dort mußte sie 20 Tagessätze absitzen.

 

Glimpflicher kamen 13 Tierschützer vom Wiener „Verein gegen Tierfabriken“ (VGT) davon, die  wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation vor Gericht standen. Sie hatten das Konrad-Lorenz-Institut in Grünau besetzt, wo ein „absurdes Experiment“ an Graugänsen stattfand, denen man „Sender und Elektroden einpflanzte, um ihren Herzschlag aufzuzeichnen“. Bei der juristischen Klärung, ob die Gänseforscher oder die Gänseschützer ein Verbrechen begangen hatten, ergab die Abwägung des Tatbestands Tierquälerei versus Hausfriedensbruch, dass das Verfahren eingestellt wurde.

 

In den USA, in Holland, Frankreich Spanien und England geht die Polizei inzwischen rigoros gegen „Igualdad Animal-“  und „Animal Equality-„Aktivisten vor, indem sie diese mit Razzien einschüchtert und ihre Gruppen mit Spitzeln zu durchdringen versucht, weil sich in dieser Scene ihrer Meinung nach die nächsten „Öko-Terroristen“  herausbilden.

 

In Deutschland erläuterte der Verein „tierbefreier“ sein Verhältnis zu den Militanten der ALF in einem Online-Forum: „Da die internationale ALF keine organisierte Vereinigung ist, gibt es in vielen Ländern unterschiedliche Unterstützervereine. ‚die tierbefreier e.V.‘ beispielsweise distanziert sich ausdrücklich von illegalen Aktionen, erklärt sich mit den Aktivisten jedoch solidarisch.“ Eine anderes Tierschützer-Forum warnt jedoch davor, sich allzu schnell, quasi in vorauseilendem Staatsgehorsam.  von militanten Tierbefreiern und ihren Aktionen zu distanzieren.

 

Die FAZ schrieb über die  Tierschutzorganisation Peta („People for the Ethical Treatment of Animals“): „Wenn sich die Massentierhaltung nicht ändere, werde sich bald eine Al Qaida für Tierrechte bilden. Das sagt der mediale Frontmann von Peta, Edmund Haferbeck, und es klingt wie eine Drohung. Haferbeck, Protestant und Agrarwissenschaftler, sagt: ‚Wir kämpfen gegen ein mächtiges System von Industrie, Landwirtschaftsverbänden, Veterinären.‘ Aber aus Sicht des einzelnen Landwirts ist auch Peta übermächtig. Die Organisation hat in Deutschland ein Jahresbudget von rund zwei Millionen Euro Spendengeld, beschäftigt 25 Mitarbeiter, davon vier sogenannte Ermittler, die professionell Skandale aufdecken. Peta selbst, sagt Edmund Haferbeck, werde nicht zu Al Qaida werden, denn sie lehne Gewalt ab. Trotzdem: ‚Wir sind für die Bauernlobby das Hassobjekt für alles, was in der Szene läuft, weil wir effektiv sind, weil wir das System ins Mark treffen‘.“

 

 

 

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Dieser noble Herr aus Westfalen hat als Versuchstiere ausrangierten Schafen eine neue Heimat – im Allgäu – gegeben.

 

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Und diese drei Damen aus Köln haben einem Einheimischen gerade eine Spitzmischung abgekauft, die man auch nicht gut behandelt hat, es war ein „Spontankauf“: noch wissen sie nicht, wie sie das Hündchen nach Deutschland kriegen. 

 

 

Daneben gehen aber auch weniger rabiate Naturschützer wie der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung immer öfter gegen die industrielle Landwirtschaft vor. Kurz vor der „Grünen Woche“, da Bio-Bauern, Vegetarier und Öko-Aktivisten wie die Feldbefreier eine Protestemonstration in Berlin durchführten, forderten sie eine „Abkehr von der massenhaften Fleischproduktion. 1094 Tiere isst jeder Deutsche durchschnittlich während seines Lebens“ – das sei viel zu viel.

 

In der Schweiz wurden 2011 „drei Ökoterroristen“ verknackt, die sich zur „Earth Liberation Front“ zählen. Die ELF sei „eine Bewegung,“ schreibt der Tagesanzeiger, die „sehr aktiv“ ist – und „die ‚Ausbeutung‘ der Erde anprangert. Man sucht den Weg zurück in eine Gesellschaft, die keinen technologischen Fortschritt kennt. Verbindungen bestehen auch zur Animal Liberation Front. Deren Credo: kein Fleisch essen, keine Tiere für Kleider verwenden und keine Tiere im Zirkus.“ Die ALF bezeichnet denn auch die drei Aktivisten aus Bellinzona als „ihre Gefangenen“.

 

Ein Terrorismusforscher an der Universität Freiburg, Jean-Marc Flükiger, hat sich bereits auf die ELF/ALF spezialisiert. Er wird immer dann interviewt, wenn die Tierschützer oder -befreier mal wieder irgendwo zugeschlagen haben. Sie sind seiner Meinung nach „sehr aktiv: Es gab in letzter Zeit Aktionen gegen die Pelzindustrie. Das ging von Spanien über Österreich bis nach Russland. Eine aktive Bewegung gibt es [ferner] in Italien. Zentren sind Rom, Mailand, Bologna und allgemein urbane Zentren. Aktivität haben wir in letzter Zeit aber auch viel in Grossbritannien gesehen. Dort gerät die Firma Huntington Life Sciences unter Beschuss, die im Auftrag von Pharmakonzernen Tierversuche durchführt…In der Schweiz ist eher die Animal Liberation Front aktiv, auch wenn es in der Vergangenheit vereinzelt Aktionen der Earth Liberation Front gegeben hat. Die Zellen sind – wie in anderen Ländern auch – nach dem Prinzip des ‚führerlosen Widerstandes‘ organisiert. In der Vergangenheit haben wir einen ‚Tourismus der Ökogewalt‘ festgestellt, wo aktive Zellen und Individuen aus dem Ausland in der Schweiz Aktionen durchführen. Zwei der drei Angeklagten in Bellinzona stammen aus Italien.“

 

Der Schweizer Inlandgeheimdienst ergänzt: Solche militanten Gegner von Tierversuchen aus dem Ausland können in der Schweiz auf tatkräftige Unterstützung zählen. Im Jahresbericht des Schweizer Bundesamts für Polizei ist seit 2006 speziell von der militanten Tierschutzbewegung ALF die Rede, weil sie die „innere Sicherheit“ des Landes gefährden könnte. Dennoch gibt es dort auch einen Professor (für Philosophie), Klaus Petrus, der sie verteidigt. Die Neue Zürcher Zeitung kritisierte kürzlich seine Thesen: „Im Aufsatz mit dem Titel ‚ALF und die Sache mit dem Terrorismus‘ stellt Petrus die Frage, ob man die ALF als terroristische Organisation bezeichnen könne, wie es die USA tut. Er verneint dies und schliesst mit der Feststellung: ‚Alles in allem denke ich, dass eine klare Stellungnahme zur ALF und der Sache mit dem Terrorismus den Raum öffnen sollte für eine Diskussion darüber, was sich letztlich hinter dem Kürzel ALF verbirgt: Eine denkbar konsequente Methode, jedwelche Form der Instrumentalisierung von Tieren durch die Tiernutzungsindustrie von Grund auf in Frage zu stellen.‘

 

Am 4. Juni hat Petrus zudem auf offiziellem Briefpapier der Uni Bern eine Stellungnahme zugunsten von Martin Balluch verfasst. Balluch, Obmann des österreichischen Vereins gegen Tierfabriken, wird unterstellt, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben, die unter anderem unter dem Kürzel ALF agiere; er sitzt in Untersuchungshaft.“ Die Leitung der Berner Universität, an der Petrus lehrt, war nicht erfreut über diesen NZZ-Artikel.

 

Am 24.12. 2012 meldete sich die ALF aus Thailand mit einem Bekennerschreiben: „Unsere Aktivisten haben acht Meeresschildkröten befreit und diese zurück ins Meer gebracht, wo sie nun frei leben können. Zudem zerstörten sie das Aquarium, in dem die Tiere gefangen gehalten wurden.“

 

In den USA kam und kommt es zu derartig vielen ALF-Aktivitäten, dass Wikipedia eigens eine „Timeline“ für ihre Attacken führt. In ihr findet man deren Aktionen von 1976-1999, von 2000-2004 und von 2005 bis heute aufgelistet. Alleine in den letzten zehn Jahren gab es dort über 60 Pelztierbefreiungen, bei denen um die 100.000 Tiere befreit wurden. In Deutschland gab es die ersten Tierbefreiungen 1981 und 1982. In Österreich trat  die Tierbefreiungsfront 1988 erstmals mit Attacken auf Pelzgeschäfte in Erscheinung. Ihr bisher größter Anschlag fand 1996 auf eine Ei-Verpackungsfirma statt. 1997 gab es die letzte und größte Pelztierbefreiung Österreichs, bei der 600 Tiere gerettet wurden. Mit über 300 Anschlägen war die österreichische A.L.F. 1998 am aktivsten.

 

Die fast weltweite Bewegung entstand Mitte der Sechzigerjahre in England angestoßen von einigen Tierschützern, die Jagden sabotierten. Daraus bildete sich eine Gruppe, die sich  gegen die gewalttätige Jägerschaft wehrte, indem sie deren Fahrzeuge zerstörte. Ab 1973 nannte sie sich „Band of Mercy“ und begann, ihre Aktionen gegen alle Teile der Tiermordindustrie zu richten. Es kam zu  Brandanschlägen und – 1974 – zur ersten Tierbefreiung. Aus der „Band of Mercy“ ging 1976 die Animal Liberation Front hervor. 1977 befreite sie bereits über 200 Tiere aus Tierversuchsanstalten.

 

Als die Zahl ihrer Gefangenen stieg, wurde Anfang der 80er die erste A.L.F. Supporters Group (ALFSG) in England gegründet. Die ALFSG gibt es heute schon in zahlreichen Ländern und dient der legalen Unterstützung der Gefangenen. 1984 erreichte die A.L.F. ihren vorläufigen Höhepunkt – gemessen an der Zahl ihrer  Aktionen und den dadurch erzielten Schaden. Im selben Jahr bildete die britische Polizei eine Anti-Tierbefreiungs-Spezialabteilung zur gezielten Bekämpfung der A.L.F. Bis Ende 1995 hatte die „Bewegung“ immerhin 6.000 Tiere befreit. Die  Polizei schätzt, dass es alleine in Großbritannien 3.000 – 5.000 Aktivisten gibt. Im Schnitt fänden pro Tag 6 Direkte Aktionen statt. Im gleichen Maß wie diese zunehmen, werden aber auch die Gefängnisstrafen für Tierbefreier immer länger. Barry Horne, der wohl bekannteste Tierbefreiungsgefangene, ist auch derjenige, der mit 18 Jahren die bisher höchste Strafe absitzen muss.

 

Der kanadische ALF-Sprecher David Barbarash erklärte in einem Interview auf die Frage, welche Position die ALF zu nicht-gewaltätigen‘ direkten Aktionen einnehme: „Die ALF hat einen Verhaltenskodex, nach dem ausgeschlossen werden muss, dass Leben, menschliches wie nicht-menschliches, gefährdet oder getötet wird. Dies sind die Richtlinien der „non-violence guideline“, die in der Geschichte der ALF noch nie gebrochen wurden. Die Definition von Gewalt, welche die ALF vertritt, besagt, dass einem leblosen Gegenstand, der weder Schmerzen empfinden noch leiden kann, keine Gewalt angetan werden kann. Einen Ziegelstein oder eine Fensterscheibe kann man nicht verletzen. Daher ist die Zerstörung von Dingen nicht als Gewaltausübung anzusehen, auch dann nicht, wenn aggressivere Taktiken wie Feuer angewendet werden. Die ALF ist weiter der Ansicht, dass es gerechtfertigt ist, Gebäude, Werkzeuge und Dinge, mit denen anderen Gewalt zugefügt wird, zu zerstören.“

 

Die Berliner-Tierbefreiungs-Aktion (BerTa) schrieb auf ihrer Internetseite über die Tierschutz-Bewegung: „In allen größeren Städten in Deutschland gibt es mittlerweile Gruppen, die kontinuierlich Aktionen gegen die Ausbeutung der Tiere durchführen. Sie beschränken sich dabei nicht nur auf die illegalisierten Direkten Aktionen, sondern organisieren Kundgebungen und Demonstrationen, machen Öffentlichkeitsarbeit und arbeiten nicht zuletzt auch an theoretischen Fragen zur Befreiung der Tiere…Um die Unterdrückung der Tiere und die zugrunde liegenden Mechanismen zu untersuchen und zu benennen, entwickelte Richard Ryder 1970 den Begriff des Speziesismus. Analog zu Rassismus und Sexismus als Unterdrückungsformen, werden Tiere aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit als minderwertig in Abgrenzung zu den Menschen erachtet. Die Tierbefreiungsbewegung hat diesen Begriff bzw. diesen Ansatz aufgegriffen und weiterentwickelt. Speziesismus wird heute im Zusammenhang mit der Beschreibung von Einstellungen und Handlungen verwandt, welche darauf zurückzuführen sind, dass Tiere als minderwertig erachtet werden.“

 

Den Grundlagentext dazu schrieb – beizeiten schon – Peter Singer: „Animal Liberation. The Definitive Classic of the Animal Movement“. In der Schweiz fanden kürzlich eine Reihe von Vorträgen in verschiedenen Städten statt – zur  „Theorie um Tierbefreiung“. Ziel war es, Einblicke in die theoretischen Auseinandersetzungen über Tierausbeutung zu vermitteln, die in der Tierbefreiungsbewegung geführt werden. Die Vorträge sind kürzlich als Buch erschienen.

 

An dieser theoretischen Auseinandersetzung beteiligen sich inzwischen auch  Philosophen und Publizisten  – mit moralischen bzw. tierethischen Theorien – und bereits einer eigenen Zeitschrift „Tierethik“. Ihre erste Ausgabe  befaßt sich mit dem „Mitleid“, die zweite mit „Tierversuchen“ . Die philosophischen  Positionen balancieren sich meist zwischen Descartes, Kant, Schopenhauer und der sogenannten analytischen  US-Philosophie aus, wobei neueste Ergebnisse der Verhaltenforschung pragmatisch mitberücksichtigt werden. Genannt seien:

 

– Ursula Wolf: „Texte zur Tierethik“ und „Das Tier in der Moral“;

 

– Cora Diamond: „Menschen, Tiere und Begriffe“; eine etwas öde, weil wittgensteinsche Durchdeklinierung des Problems.

 

-„Grundfragen der Tierethik. Haben Tiere eine Würde?“ von Norbert Hoerster;

 

„Am Beispiel des Hummers“ von David Foster Wallace; interessant, weil für das US-Feinschmeckerjournal „Gourmet“ geschrieben, deren Redaktion den Text auch abdruckte.

 

– „Naturethik. Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion“ herausgegeben von Angelika Krebs.

 

– „Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion“ herausgegeben von Dominik Perler und Markus Wild;

 

– „Gerechtigkeit für Igel“ von Ronald Dworkin. „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding.“ Auf dieses Versfragment von Archilochos bezog sich Isaiah Berlin in seinem Essay „Der Igel und der Fuchs“, in dem er eine Unterscheidung traf – zwischen Leuten (Füchsen), die sich von einer unendlichen Vielfalt von Dingen angezogen fühlen, und anderen (Igeln), die alles auf ein einziges, umfassendes System beziehen. Der New Yorker Philosoph Ronald Dworkin hat diese Unterscheidung nun aufgegriffen in einem umfangreichen ethischen Entwurf.  In seiner Theorie der gelungenen Lebensführung geht es jedoch nur mittelbar um dieses Tier. Kommt noch hinzu, wie ein Rezensent in „Die Welt“ bemängelte, dass das Buch 1. doch über weite Strecken eine Gerechtigkeit für Füchse enthält und 2. dass es das von den Klassikern sowie von den zeitgenössischen Autoren erreichte „Problembewusstsein“ leider unterbietet.

 

– Ursula Wolf: „Ethik der Mensch-Tier-Beziehung“. Der Autorin geht es darin nicht um das Wohlbefinden aller „Mitlebewesen“, sondern um die  „bescheidene Vorstellung, man könnte wenigstens dasjenige Leiden vermeiden, das durch moralische Akteure in die Welt kommt.“ Die FAZ fand, sie wäre in dem Buch „ein brisantes Thema mit der nötigen skeptischen Umsicht, mit moralphilosophischer Kenntnis, aber ohne ideologische und metaphysische Voraussetzungen“ angegangen.

 

– Der US-„Anthrozoologe“ Hal Herzog. Er spricht in seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Buch „Wir streicheln und wir essen sie“ von „unserem paradoxen  Verhältnis zu Tieren“, das er für sich amerikanisch-praktisch mit  „folgender „Regel“ gelöst hat: „Wenn ich draußen bin und von einer Bremse gestochen werde, darf ich sie totschlagen. Aber wenn die Bremse zu mir ins Haus fliegt, muß ich sie retten und nach draußen bringen.“

 

– Auch die vegetarische Schriftstellerin Hilal Sezgin, die in der Lüneburger Schafe züchtet, vertritt in ihrem Buch „Landleben: Von einer, die raus zog“ eine praktisch orientierte Position.  – Ähnlich der von Karen Duve, einer ebenfalls aufs Land gezogenen Schriftstellerin, in ihrem Buch „Anständig essen“, in dem sie ihre Beteiligung an Tierbefreiungsaktionen beschreibt sowie  ihre Selbstversuche mit vegetarischer, veganer und frutarischer Ernährung  (für die Frutarier ist sogar das Ausreißen einer noch lebenden Mohrrübe Mord). Indem sie dergestalt das Essen mit Moral verband, wurde ihr „jeder Hackbraten zu Quälfleisch“, wie sie schreibt. Zusammen mit dem US-Bestsellerautor Jonathan Safran Foer, der ein Jahr zuvor das Buch „Tiere essen“ veröffentlicht hatte, ging sie 2012 auf Lesetournee.

 

– Weniger radikal als die hier erwähnten  „Tierbefreierinnen“ (taz) ist der „Tierrechtsexperte“ Antoine F. Goetschel. Der Schweizer Autor des Buches „Tiere klagen an“ meinte auf einem taz-Kongreß gegenüber Hilal Sezgin, er sähe das alles nicht so eng, so würde er z.B. nach wie vor Lederschuhe tragen, jedoch nur gute – solche, die mindestens 15 Jahre halten. Auf dieses reduktionistische Qualitätsargument verfallen derzeit viele Autoren.

 

– Erwähnt seien die Journalisten Iris Radisch und Eberhard Rathgeb: „Wir haben es satt! Warum Tiere keine Lebensmittel sind“, ferner der „Naturbursche“ Marcel Robischon: „Vom Verstummen der Welt. Wie uns der Verlust der Artenvielfalt kulturell verarmen lässt“ und die Kompromißlerin Theresa Bäuerlein: „Fleisch essen, Tiere lieben. Wo Vegetarier sich irren und was Fleischesser besser machen können“.

 

Die konkreten Tiere bleiben in all diesen tierethisch motivierten bzw. argumentierenden Arbeiten merkwürdig blaß. Dabei ist die Empathie, mit der z.B. Konrad Lorenz „seine“ Tiere beobachtete und mit der er dann über sie berichtete, ein viel stärkeres „Argument“ als eine logische Darstellung des Problems „Tier und Wir“. Der amerikanische Philosophieprofessor Rowland hat beides zugleich versucht, indem er sich einen Wolf anschaffte, auf dessen Leben er sich dann quasi für immer einstellte. Sein schönes Buch darüber heißt: „Der Philosoph und der Wolf“. Seine Exkurse in analytische Philosophie hätte er sich darin jedoch sparen können. Anders die französische Wissenssoziologie von Bruno Latour, der den Tieren das Wort – wenn schon nicht gibt, dann wenigstens laufend verspricht.

 

Ganz gewitzte Wissenschaftler drehen den Spieß einfach um – und testen die Tiere auf ihre „Empathiefähigkeit“, das Leipziger Max-Planck-Institut z.B. (1) Aber die meisten ihrer Ergebnisse sind ebenso langweilig wie ihre Darstellung in immer neuen  Publikationen. Und ihre Affen belohnen sie stets mit Bananen. Andere Wissenschaftler – wie Frans de Waal – durchforsten alle Affenforschungsergebnisse nach „Empathie“-Belegen. Eine ebensolche Methode findet man in dem Buch „Wie Tiere fühlen“ des Biologen Donald R.Griffin, der durch seine  Fledermausforschung in den Fünfzigerjahren bekannt wurde (sein Buch darüber heißt „Vom Echo zum Radar. Mit Schallwellen sehen“). Griffin geht es in seinem neuen Buch um einen „Vorstoß ins Bewußtsein der Tiere“. Um deren Gefühlsleben einschließlich des Einfühlungsvermögens geht es auch dem  Pschoanalytiker Jeffrey M. Masson und der Journalistin Susan McCarthy in ihrem der Griffinschen Sammlung von Tierverhaltensbeobachtungen ähnlichen Buch: „Wie Tiere fühlen“.

 

– In diese Reihe gehört auch ein Buch des Ökologen Marc Bekoff: „Das Gefühlsleben der Tiere: Ein führender Wissenschaftler untersucht Freude, Kummer und Empathie bei Tieren. Mit einem Vorwort von Jane Goodall“.

 

Solche Fleißarbeiten richten sich vor allem gegen die in Amerika dominanten „Behavioristen“, die Tiere als wesentlich instinktgesteuert begreifen, wobei  gentechnische, biochemische und neurologische Techniken ihnen helfen, die letzten  Detailfragen zu klären. Den behavioristischen  Forschern geht es genaugenommen nicht mehr um „das Tier“ – wie die Konstanzer Wissenssoziologin Karin Knorr Cetina herausfand, die sich in biologischen  Forschungslaboren umsah. Dort „werden [z.B.]  Mäuse als Umwelt ihrer Reproduktionsorgane betrachtet, deren Funktion benötigt wird – zur Herstellung von transgenen Mäusen, mit Hilfe derer die Funktion bestimmter Gene kontrolliert werden kann.“ Die individuelle Maus wird dabei „zur apparativen Komponente“. Dennoch sieht der individuelle Wissenschaftler darin angeblich auch noch „das Tier Maus“: Wenn er es verletzt oder fehlbehandelt fühlt er sich „moralisch schuldig“. Aber wahrscheinlich eher gegenüber seinen Kollegen, denen er kostbare „Apparatestunden“ wegnahm und seinem Institut bzw. seiner Firma, die ihn bezahlt.

 

„Ohne Tierversuche gibt es keine Schönheit,“ behauptet die Kosmetikindustrie, die ebenso wie die Pharmaindustrie besonders viele Tiere vernutzt. Während die (Tier-)Filmwissenschaftlerin  Christine Noll meint: „Ohne Tiere gibt es keine Schönheit,“ denn „alles leiblich Schöne erlebt man erst an Tieren. Wenn es keine Tiere gäbe, wäre niemand mehr schön.“ Der britische Kunstkritiker John Berger war 1980 der erste, der diese Debatte mit seinem Essay „Why Look at Animals?“ systematisierte, wie der Biologe Cord Riechelmann behauptet.

 

Jenseits der nicht sonderlich erhebenden Moraldebatten der Philosophen setzt sich an vielen Universitäten bei den Kultur- und Sozialwissenschaften ein neuer Forschungsbereich durch: „Animal-Studies“. In „Ich, das Tier“, herausgegeben  von Jessica Ullrich, Friedrich Weltzien und Heike Fuhlbrügge geht es um das Tier als Subjekt – u.a Laika, den Weltraumhund, Bobby, den Gorilla aus dem Berliner Zoo und Bauschan, den Hund von Thomas Mann, daneben aber auch um namenlose Laborratten.

 

Erwähnt sei ferner der Sammelband „Human-Animal-Studies“ der Berliner Arbeitsgruppe „Chimaira“, deren Interesse an den „menschlichen“ und „nicht-menschlichen Wesen“ zum Einen aus dem Tierschutz und zum anderen – ähnlich wie bei der Kuratorin der diesjährigen Kassler „documenta“ – aus dem Feminismus resultiert. Umgekehrt thematisiert  die erste Ausgabe der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Tierstudien“ die Tiere in der aktuellen ästhetischen Wahrnehmung, z.B. als Akteure auf Theaterbühnen, in der zweiten Ausgabe ging es um „Tiertransporte“.

 

Die Anzahl all dieser theoretischen und praktischen Bemühungen ist beeindruckend. Macht sich da vielleicht bereits eine neue  artenübergreifende Verständigungsbereitschaft bemerkbar? Ein Wunsch nach „interspecies communication“ – wie sie von der feministischen US-Biologin Donna Haraway umrissen wird, die sich u.a. mit der zunehmenden Zahl der  „Haus“ – bzw. „Familientiere“ beschäftigte. In der modernen Industrie- bzw. Informationsgesellschaft und mit dem Zerfall der Familie werden zunehmend Haustiere in die selbe mit aufgenommen, um sie gleichsam wieder mit neuem Leben zu füllen. Den Tieren werden  dabei immer mehr Menschenrechte zugestanden, aber auch andere Annehmlichkeiten, wie Haraway schreibt: Inzwischen werden weltweit für Haustierfutter und -versorgung 46 Milliarden Dollar ausgegeben, Tendenz steigend, vor allem im Marktsegment „Premiumfutter“. Darüberhinaus gibt es immer mehr  psychologische Therapieeinrichtungen für Hunde und „Krankenversicherungen für Haustiere werden zur Normalität.“

 

Auch die Versupermarktung des  Tierfutters gibt es inzwischen. In den riesigen neuen Selbstbedienungsläden, die „Wuff“ oder „Freßnapf“ heißen, kann man nicht nur Futter für alle Haustiere finden, bis hin zu Fliegenlarven für Geckos, sondern auch das absurdeste Spielzeug für sie. Und daneben auch noch lebende Zierfische, Schlangen und kleine Nagetiere. Die Zunahme an Haustieren –  zuletzt legten die japanischen Designerkarpfen zu  (es gibt heute 4,5 Mio Aquarien und 3 Mio Gartenteiche in der BRD) – deutet auf eine weitere Atomisierung der Gesellschaft hin. Zuerst zerfiel die Groß- und dann auch die Kleinfamilie: „Familie – das ist wie eine gute noch intakte Maschine, die von der Welt abgenutzt wird, schade sie aufzugeben, aber sinnlos sie neu aufzuziehen. Es gelingt nicht, Mann und Frau müssen jeden Tag das Defizit decken,“ meinte Viktor Schklowski bereits 1925. Seit der Auflösung der Sowjetunion blüht auch dort der Haustierhandel wie blöd. Der Psychiater Erich Wulff bemerkte 1966 in Vietnam: „Ein Gefühl wie Tierliebe war den meisten Vietnamesen fremd. In ihrem Seelenhaushalt gab es keinen offenen Posten dafür…Das Heer der Ammen, Boys und Boyessen okkupierte bei der mandarinalen Oberschicht die Haustierstelle.“

 

Anders in Russland: Scholochow z.B. berichtet in seinen Werken über den Bürgerkrieg und die Kollektivierung immer wieder, wie viele Sorgen und Gedanken sich die Kosaken um ihre Pferde machten. Und Sergej Tretjakow erwähnt in seinem 1968 veröffentlichten Roman „Das Ableben“, der die  Geschichte des Kirchdorfes Poshary von 1917 bis in die Chruschtschow-Zeit erzählt, ausführlich ein Erlebnis des an der Kollektivierung „gescheiterten Bauernführers“ Iwan: Er will einem Kutscherjungen, der gerade mit Pferd und Wagen von der Molkerei gekommen ist, beim Abladen helfen. „Das Pferd war groß, schmutzig, unter dem enthaarten Fell stachen die Rippen hervor, traurig ließ es den Kopf hängen. Als Iwan hinzutrat hob es plötzlich den Kopf, sah ihn mit feuchtem Blick an und begann leise und wehmütig zu wiehern. Er hatte es nicht erkannt, aber das Pferd hatte ihn erkannt…Einer seiner beiden ‚grauen Schwäne‘ – die Hufe beschädigt, die Fesseln geschwollen, der Bauch schmutzverkrustet, und der feuchte Blick, voller Wehmut und Trauer um das frühere Leben, um die warme Box und die liebevolle Hand des Herrn, die ihm Zuckerstückchen zwischen die samtigen Lippen gesteckt hatte.,Er hatte seine Pferde geliebt, war stolz auf sie gewesen…Nie warf er einen Blick in den Pferdestall der Kolchose; wenn er seine Grauen irgendwo unterwegs sah, wandte er sich ab, zu schmerzlich war ihm der Anblick. Und nun stand er einem seiner Pferde Auge in Auge gegenüber, und das Tier hatte ihn zuerst erkannt.“ .

 

 

Tolstoi erklärte einmal in einer seiner Geschichten das ganze Elend mit dem Privateigentum aus der Sicht eines Pferdes. Und Isaac Babel schreibt in der „Reiterarmee“ erstaunt, dass und wie die Roten Kosaken Dreiviertel des Tages sich auf dem Polenfeldzug mit ihrem Gaul beschäftigten. Es ist ihnen das Wichtigste. Bis dahin mußten sie sich immer zusammen mit einem Pferd den Wehrdienst stellen – und es wurde ebenso wie sie gemustert. Über ihr  Pferd machten sie sich mehr Gedanken als über Menschen. Ähnliches läßt sich auch von den Mongolen und anderen nomadischen Völkern sagen, bei denen Pferd und Reiter eine Einheit bilden (eine „Kriegsmaschine“, wie Deleuze und Guattari sie nennen), die den Männern draußen mindestens ebenso wichtig ist wie die im Inneren der Jurte – mit ihrer Familie. Zwar ist das wohl auch heute noch so, aber im Gegensatz zu früher werde jetzt z.B. die mongolischen Pferde vielfach als Hundefutter in Dosen nach Japan verkauft.  Das ist jetzt der Markt für sie. Die seßhaften Bauern bilden mit ihren Nutztieren eine „Einheit“, die im Osten bei ihrer Kollektivierung zu LPGen und ihrer Umwandlung zu Landarbeitern zerrissen wurde, aber mit der Rationalisierung und Industrialisierung verschwindet diese auch im Westen langsam. In Österreich konnten die Knechte, Mägde und Dienstboten zu Lichtmess ihren Arbeitgeber wechseln, dazu sahen sie sich genau um: „Schau, wo Hund und Katze ihren Platz haben; geht es den Tieren gut, so wird es dem Gesinde auch nicht schlecht gehen,“ hieß es.

 

Anmerkungen:

 

(1) Um Empathie ging es Anfang 2013 auch im Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, allerdings primär um die in der ästhetischen Theorie, wo sie „Einfühlung“ genannt wird. „Am weitesten ging in dieser Richtung der New Yorker Kunsthistoriker David Freedberg mit seinem nachdrücklichen Plädoyer für die Aufwertung der körperlichen Einfühlung beim ästhetischen Urteil. Bei der ästhetischen Betrachtung setze sich der Blick unbewusst in Bewegung um,“ schreibt die FAZ in einer Tagungskritik. Eingangs heißt es darin: „Das Empathieprinzip hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere verzeichnet. Im Angesicht der freigelegten Marktkräfte wuchs das Verlangen nach mehr Miteinander; es fehlte nicht an Autoren, die mit wissenschaftlichen Belegen die Wende zum Guten einläuteten. Der amerikanische Stichwortsoziologe Jeremy Rifkin rief das Zeitalter der Empathie aus, ein Paradies auf Erden, in dem sich alle Menschen in den Armen liegen und das, wenn man Mobbing, Mord und Totschlag einmal vergisst, in greifbarer Nähe liegt. Die Empathie betrat als weltrettende Macht die Bühne, die von der Vernunft die Weltregie übernimmt und den drohenden Zivilisationskollaps noch einmal abwendet. Die Naturwissenschaften hatten in dem niederländischen Primatenforscher Frans de Waal ihren Evangelisten des universellen Mitgefühls. De Waal empfahl den neu entdeckten (allerdings schon von Kropotkin behaupteten) Altruismus im Tierreich als Korrektiv des Sozialdarwinismus und als Leitbild einer besseren Menschengesellschaft. Ein Wohlfühldialog zwischen Kultur und Natur.“

 

Trotz aller Zyne: Es handelt sich dabei um einen Dialog zwischen (den) Kulturen. Abgesehen davon gibt es, mit Donna Haraway zu sprechen, „weder die Natur noch die Kultur“, höchstens „viel Verkehr zwischen den beiden.“

 

 

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Kurzmeldungen aus der großen weiten Welt der Wissenschaft:

 

Mutterlandforschung

 

Während in der Türkei ein Anwalt schwangere Frauen aus ästhetischen Gründen aus der Öffentlichkeit verbannen möchte, ringen werdende und gewordene Mütter anderswo – im Prenzlauer Berg – um das genaue Gegenteil: einen „diskriminierungsfreien Bezirk“, quasi eine eigene Öffentlichkeit, die sie bereits stark mitbestimmen. „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter,“ lautet dazu der Buchtitel einer deutschen Prenzlauer Berg-Studie – von Anja Meier. Die Frauen sind laut einer US-Studie in einer neuen Situation, insofern sie nicht mehr „natürlich“ (regelmäßig) schwanger werden, auch keine Nachkommen für einen Hof, einen Betrieb oder eine Familie mehr produzieren, sie nehmen vielmehr ihr Schwangerwerden als eigenes „Öko-Projekt“ in Angriff – als Wahrnehmen einer Option, einer Erfahrungswelt. Es geht dabei nicht um das Kind. In der noch laufenden Studie wird die „Scene“ im Mütterbezirk Prenzlauer Berg mit der ganz ähnlichen in Brooklyn verglichen. Eine dort lebende US-Künstlerin wird darüber 2014 in Berlin mit Worten und Bildern informieren.

 

 

 

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Pfauenforschung

 

Neben der „natürlichen“ postulierte Charles Darwin eine „sexuelle Selektion“: „Survival of the Prettiest“ genannt, wozu er sich auf den Pfau berief, bei dem die Hennen stets den Hahn mit dem schönsten Federrad wählen, was dieses evolutionär immer prächtiger werden läßt. Ähnlich argumentierten dann natürlich auch alle Darwinisten – bis hin zu Winfried Menninghaus: „Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin“ und „Josef Reichholf: „Der Ursprung der Schönheit: Darwins größtes Dilemma“.

 

Laut dem Biologen Adolf Portmann brachte jedoch „vor allem die Beobachtung keine  einwandfreien Beweise für eine Wahl seitens der Weibchen.“  „Gerade mit seinem imposantesten Beispiel, dem Pfau, hatte Darwin Pech,“ bestätigte der Tierpsychologe Heini Hediger. Nun haben Biologen der Universität von Kalifornien noch einmal Darwins Postulat an 16  Pfauenhennen getestet – mit dem Ergebnis: Die Weibchen schauten sich die balzenden Männchen nur hin und wieder an, „und wenn sie das taten, betrachteten sie dabei hauptsächlich den unteren Teil der aufgefächerten Schwanzfedern,“ wie die Süddeutsche Zeitung das Forschungsergebnis zusammenfaßte.

 

 

 

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Treueforschung 1

 

Höckerschwäne gehören mit zu den ersten Tieren, die in den Seen unserer Parkanlagen ihre „Wildheit“ von sich aus aufgegeben haben, man schätzt sie dort nicht nur ihrer Schönheit wegen, sie haben, vor allem für das bürgerliche Publikum, auch eine Vorbildfunktion, das ist ihre Treue: Schwanen-Paare bleiben ein Leben lang verbunden, sagt man. Und wenn einer der beiden stirbt, verliert auch der andere seine Lebenslust. „Die Schwäne stehen für eheliche Aufopferung,“ davon sind viele  Wildbiologen überzeugt. Das Gegenteil ist jedoch ebenso wahr: Schwäne sind weder besonders treu noch monogam: „Nach meinen tiergärtnerischen Erfahrungen“, schreibt der Wasservogelforscher Oskar Heinroth, „sind Schwäne leicht umzupaaren, d. h. ein neues Männchen oder Weibchen wird nach dem Verluste des Gatten ohne Umstände angenommen“. Zur Not liieren sich die Schwäne auch mit einem gleichgeschlechtlichen Partner: „In Ermangelung von Weibchen tun sich bisweilen zwei Männchen zusammen und verhalten sich genau wie ein Paar: sie treten sich, machen Anstalten zum Nisten usw.“ Der Sozialforscher Salm-Schwader sieht darin auch wieder  etwas „Vorbildliches“ – für das „Kleinbürgertum“ diesmal.

 

 

 

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Foto: Franziska Handy vom ACC Weimar, wo gerade die Ausstellung „Mein lieber Schwan“ gezeigt wird.  Bei der hier zu sehenden   Performance geht es gerade um den schwarzen Münsteraner Schwan namens Petra, die sich in ein Tretboot in Schwanengestalt verliebte – und deswegen als Verlegensheitsgeste gerne an ihrem Fuß nestelte.  Im Hintergrund sieht man ein rotes Rund mit Rettungsringen, das den Aarsee in Münster andeuten soll, in dem das ganze Schwantheater stattfand. Das Tretboot wurde im übrigen aus England importiert. So wie einst auch unsere närrische Schwanenliebe.

 

 

 

Treueforschung 2

 

Weil bei den Kämpfen innerhalb von Schimpansengruppen gelegentlich Jungtiere zu Tode kommen, haben Evolutionstheoretiker postuliert, dies bringe „dem Killer-Männchen einen Fortpflanzungsvorteil“, zum Einen werden die Weibchen paarungsbereit, wenn sie nicht mehr Stillen, und zum Anderen verbreitet er damit seine Gene schneller. Forscher des Londoner University College haben jetzt 230 Affenarten untersucht. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis: Kindstötungen sind anscheinend der Grund für die Entwicklung von Monogamie, die bei etwa einem Viertel aller untersuchten Arten herrscht. „Dabei kann  der Vater seinen Nachwuchs vor solchen Angriffen schützen. Werden die Kosten für die Aufzucht unter den Eltern geteilt, haben die Mütter zudem mehr Ressourcen für das Stillen. Das wiederum verkürze die Stillzeit, wodurch die Weibchen schneller wieder schwanger werden können. Davon profitierten auch die treuen Männchen,“  so faßt die FAZ die Studie zusammen. Laut der Schimpansenforscherin ist Jane Goodall ist jedoch schon ihr Ausgangspunkt falsch: Sie beobachtete auf ihrer Forschungsstation, dass die Angriffe sich eindeutig gegen Weibchen aus anderen Schimpansen-„Gesellschaften“ richteten, und deren Kinder dabei nur zufällig getötet wurden. In Brunstzeiten werden junge Weibchen dagegen von den Männchen aus anderen „Gesellschaften“ sogar angelockt, was für diese jedoch ein zweifelhaftes Vergnügen sei, wenn sie schwanger geworden dort bleiben: die anderen Weibchen nehmen ihnen ihre Anwesenheit übel und sie verlieren „alle Bindungen zu ihrer Familie und den Gefährten ihrer Kindheit“.

 

 

 

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Gefängnisforschung

 

Es wird nicht nur über den Strafvollzug geforscht, sondern auch in den Gefängnissen. Berühmt und verfilmt wurde die Forschung des auf Alcatraz inhaftierten Raubmörder Robert Stroud, der in seiner Zelle Kanarienvögel züchtete und ein Buch über ihre Krankheiten schrieb. Rosa Luxemburg saß ab 1915 in Breslau im Gefängnis, von ihrem Zellenfenster aus studierte sie  Blaumeisen, worüber sie Sophie Liebknecht schrieb. Der Dichter Ernst Toller studierte im Festungsgefängnis Niederschönenfeld Schwalben, die in seiner Zelle brüteten, er veröffentlichte darüber 1923 ein „Schwalbenbuch“. In Briefen aus dem  Zwangsarbeitslager auf den Solowski-Inseln berichtete der Priester Pawel Florenski seiner Familie über die Forschritte seiner Algenforschung. Der 7 Jahre in der Bayreuther Psychiatrischen Anstalt inhaftierte Gustl Mollath nahm ein seltsames Beerengewächs mit in die Freiheit: eine „Dattelorange“.  Für ihn sei dieser Zuchterfolg ein Zeichen, meinte er: „Wenn man will, kann man vieles durchstehen.“

 

 

 

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Stolz präsentieren sich die vier Sieger des Orchideenzüchter-Wettbewerbs in Unna mit ihren Ehrenabzeichen am Revers.

 

 

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Ulrike mit zwei von ihren acht Ellerhof-Katzen. Hier sind es die gezüchteten Tiere, die „vieles durchstehen“ müssen.

 

 

 

Mongoleiforschung

 

Sicher, es gibt keine ökonomische, sondern nur noch eine ökologische Utopie. Aber doch nicht so, wie sie jetzt die beiden Präsidentschaftskandidaten in der Mongolei verwirklichen wollen. Nämlich das Land mit Hilfe ausländischer Konzerne zu einem Großexporteur von Energie aus Wind- und Sonnenkraft zu machen. Also wieder Gold in Scheiße zu verwandeln.
Die Mongolei besitzt riesige Vorkommen an Öl, Gold, Molybdän und Diamanten. Als das Land dies alles nach 1991 zur Privatisierung freigab, fielen ausländische Bergbauunternehmen darüber her. Mit Bestechung und Heimtücke rissen sie sich die besten Lagerstätten unter den Nagel. Der Konzern „Ivanhoe Mines“ erschöpfte in fünf Jahren eine Goldmine – ohne dass auch nur ein Mongole etwas davon hatte. Aus Wut darüber zerstörten „Randalierer“ (FAZ) 2008 das halbe Stadtzentrum der Hauptstadt Ulaanbaatar. Derzeit versucht der Multi „Rio Tinto“ mit einer Kupfermine dasselbe Spiel noch einmal.
Klar, in der Steppe gibt es genug Wind für alle und das Land hat 280 Sonnentage im Jahr – ideal also für die Produktion regenerativer Energien. Und seit fast 20 Jahren steht an fast jeder Jurte ein chinesisches Solarpanel für 80 Dollar, meist um Fernsehen zu empfangen. Die Ressourcen sind also nicht das Problem.
Aber einst konnten die Mongolen als gefürchtetes Reitervolk in Asien und Osteuropa fast allen Sesshaften Pflichten auferlegen. Doch später pazifizierten sie die Chinesen mit einer Unmenge Buddhisten-Mönche, den letzten nomadischen Mutwillen trieben ihnen die Sowjets mit der Kollektivierung der Landwirtschaft aus.
Die Eroberer von einst wurden in gewisser Weise selbst Eroberte. Das spiegeln auch ihre Körper: Die Mongolen sind kleiner geworden. In den Lederrüstungen aus den Zeiten Dschingis Khans, die heute im Nationalmuseum liegen, würden sie wie Kinder versacken. Dafür werden umso größere Denkmäler des Feldherrn errichtet.
Mongolische Politiker gehen heimlich davon aus, dass das Nomadische ihrer Untergebenen überwunden werden muss – die finden sich über kurz oder lang als zur Sesshaftigkeit gezwungenes Prekariat in städtischen Slums wieder. Die Ausbeutung auf Wind- und Sonnenenergie auszuweiten, wird diese Verelendung beschleunigen.

 

 

 

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Die drei „Sales Managerinnen“ des größten norddeutschen Windkraft-Herstellers haben schon ihre Koffer gepackt.

 

 

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Im Hotel „Dschingis-Khan“ in Ulaan-Bataar freut man sich bereits auf die ersten deutschen Investments  in regenerative Energien. Man hat ihnen dort erzählt, dass Deutschland Weltmarktführer in dieser Branche sei, was natürlich völliger Unsinn ist, denn dazu ist diese BRD-Hightech ingenieursmäßig viel zu verbummfidelt.

 

 

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„Ick bün all dor,“ könnte die Stuttgarterin Bertha von Strutthoff in ihrem Hotel am mongolischen Huvsgul-See auch sagen.

 

 

 

 

Meeresrätsel

 

Jäger, Sammler und Fischer säen nicht, aber sie ernten – wie verrückt. Das wird jedoch zunehmend fragwürdiger. Der NDR meldet: „Der Hummer ist rund um Helgoland selten geworden. Früher bevölkerten rund 1,5 Millionen Hummer den felsigen Sockel rund um die Hochseeinsel. Bis zu 100 Fischerfamilien lebten in den 30er-Jahren vom Fang der Krustentiere – der einen großen Teil der Bevölkerung Helgolands ernährte. Damals wurden jedes Jahr 80.000 Fänge gemeldet. Seit 1980 finden nur noch 300 bis 500 marktreife Hummer jährlich den Weg in die Fangkörbe.“

 

Während die Hummerforscher der Biologischen Anstalt  Helgoland, die zur Bremerhavener Stiftung Alfred-Wegener-Institut und dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung gehört, ein Jahr lang 415 Hummer züchteten, die sie nun am Felssockel der Insel aussetzten, damit sich die dortige Hummerpopulation wieder erholt, deren „Ökosystem“ durch den „globalen Klimawandel durcheinander“ geriet, würde man an der Ostküste der USA stattdessen die Hummerpopulationen gerne künstlich reduzieren. Aus dem selben Grund – wegen der Klimaerwärmung nämlich – vermehren sich diese  Edelkrebse dort wie noch nie: Jedes Jahr werden nun 10.000 Tonnen mehr gefangen, zudem werden die Tiere  beunruhigenderweise immer farbiger. Laut den Behörden in der „Hummerhauptstadt“ Maine wurden 1990 knapp 13.000 Tonnen pro Jahr gefangen, 2012 jedoch bereits mehr als 57.000 Tonnen. Weil aber die Nachfrage nicht so schnell steigt wie das Angebot, fallen die Preise. „Nach Angaben eines Fischerverbandes in Massachusetts müssten die Einkäufer vier Dollar pro Pfund Hummer bezahlen, damit die Fischer keine Verluste schreiben. Tatsächlich würden aber nur etwas mehr als zwei Dollar bezahlt,“ heißt es im Deutschlandradio Kultur. Die Hummerfischer sind über ihre zunehmend üppigeren „Ernten“ alles andere als froh, denn das Überangebot macht mehr Arbeit und kostet mehr Benzin, gleichzeitig verdienen sie aber immer weniger. Jüngst kam es bereits zu einem heftigen Streit zwischen kanadischen und amerikanischen Hummerfischern, weil diese ihre Tiere in Kanada zu Dumpingpreisen verkauften. Nun setzen sie stattdessen ihre Hummer mehr und mehr in China ab, wo die neue Mittelschicht ganz wild auf den Edelkrebs ist. Ähnliches gilt auch in Deutschland für die Neureichen: Auf der „Prominsel“ Sylt gibt es z.B. einen Imbißstand, an dem man ausschließlich Hummer und Sekt bekommt. Und in Bayreuth sind dieses Jahr Bratwürste aus Hummerfleisch der Renner.

 

In den USA ist die einstige Armen- und Gefängnis-Kost Hummer desungeachtet drauf und dran, wieder zu einer solchen zu werden. Dort geraten die Hummerfischer auch noch immer häufiger mit den Tierschutz-Organisationen aneinander, die das Zubereiten der Großkrebse – z.B. auf der weltgrößten „Hummerparty“ in Maine – als barbarisch kritisieren: Die Tiere werden dort lebend in riesige Behälter mit kochendem Wasser geworfen. Das rohe Massenvergnügen in der „Hummerhauptstadt“ wurde auch vom Schriftsteller David Foster Wallace  scharf kritisiert – und das ausgerechnet in einer amerikanischen Gourmet-Zeitschrift. Auf Deutsch heißt sein Essay: „Am Beispiel des Hummers“. Argumentationshilfe lieferten ihm u.a. die US-Invertebratenforscher Fiorito, Sherwin und Elwood, die feststellten, dass Hummer „Nozizeptoren“ besitzen und demzufolge auch Schmerzen empfinden. Die hiesigen Tierschützer berufen sich auf eine schottische Studie von „Advocates for Animals“, die zu ähnlichen Ergebnissen kam, und fordern eine Gesetzesänderung: „Die derzeit gültige Verordnung über das Schlachten von Hummern stammt aus dem Jahr 1936, als über die Leidensfähigkeit der Krustentiere noch wenig bekannt war.“

 

Während die Helgoländer Hummerforscher mit den Hummerfischern auf der Insel zusammenarbeiten sowie mit den Betreibern des Offshore-Windparks Riffgat vor der Insel Borkum, an dessen Fundamenten sie 3000 weitere Tiere aussetzen wollen, wozu sie mehrjährige „Hummerpatenschaften“ anbieten, damit uns das weiße Fleisch der Edelkrebse auch zukünftig als Lebensmittel zur Verfügung steht, sind die Biologen des Düsseldorfer Max-Planck-Instituts für Eisenforschung nur an den „wertlosen“ Schalen des Hummers interessiert: Sie suchen Ideen für neue „Verbundwerkstoffe“ – und hoffen, dass ihnen die leichte, biegsame und doch feste Schale des Hummers dabei auf die Sprünge hilft. Der Panzer und die Scheren verdanken  ihre Eigenschaften einer ausgeklügelten Struktur aus Chitin und Calciumcarbonat, heißt es.

 

 

 

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Hummerforscher Jens Schwieder meldet sich an Land von seiner 4. Unterwasserexpedition  zurück.

 

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Während sein Kollege und Doktorvater, Bernd-Ulrich Senghoff, ihm noch entgegenrudert.

 

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Die amerikanischen Hummerfischer arbeiten mit großer Technik.

 

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Während die bretonischen Hummerfischer gleichzeitig auch Sardinen nicht verschmähen.

 

 

 

Wurmforschung

 

Seit Darwins Regenwurmforschung, die er 1881 als letztes seiner Werke unter dem Titel „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer“ veröffentlichte, wird vielerorts über diesen Wurm geforscht, im Berliner Einfrau-Theater „Fräulein Brehms Tierleben“ ist er gar Bühnenthema. Weltweit gibt es rund 3500 Regenwurmarten.

 

Bayrische Biologen meinen, der Regenwurm sei gut gegen Hochwasser, weil er die die Deiche wasserdurchlässiger macht; während US-Klimaforscher behaupten, dass seine  Wühltätigkeit Treibhausgase im Boden freisetzt.  Wiener Pedologen gehen davon aus, dass Regenwürmer den Pflanzen helfen, sich gegen die sich ausbreitenden Spanischen Wegschnecken zu schützen; und chinesische Forstangestellte entdeckten in der Provinz Yunnan Regenwürmer, die einen halben Meter lang werden. Umgekehrt fand man im Nationalpark Great Smoky Mountain zwei eingewanderte chinesische Regenwurmarten: Amynthas agrestis und Amynthas cortisis. Diese sind nun dabei,  die Bodenbeschaffenheit und in der Folge die Zusammensetzung der Vegetation nachhaltig zu verändern, was von einigen  US-Wurmpezialisten derzeit genauer  erforscht wird.

 

Mit der Öko-Bewegung wird daneben auch  das Geschäft mit Regenwürmern immer lohnender: Die Süddeutsche Zeitung porträtierte gerade die Firma „Superwurm“ des Ehepaars Langhoff in Düren, das Lebendwürmer – 10 Tonnen im Jahr – über das Internet verkauft – an Angler und Gartenbesitzer.

 

In diversen Internetforen wird währenddessen immer noch der uralten „Jugend-Forscht“-Frage nachgegangen, ob aus einem halbierten  Regenwurm zwei ganze werden können.

 

Die Frager verwechseln  Regenwürmer mit Plattwürmern. Kürzlich berichtete Jochen Rink vom Dresdner Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik: „Wir können den Plattwurm – Schmidtea mediterranea – in 200 Teile zerschneiden, und aus jedem Schnipsel wächst wieder ein neuer Wurm“. Ein naher Verwandter, der Milchweiße Strudelwurm dagegen (Dendrocoelum lacteum) muss bei dieser Fähigkeit passen – zumindest wenn es um seine hintere Körperhälfte geht. Aus seinem Schwanzbereich wachsen einfach keine neuen Köpfe und die Wurmhälfte geht zugrunde. Um den Unterschied zwischen den Würmern herauszufinden, verglichen die Forscher ihre Genaktivität. Dann hemmten sie die Wirkung eines Proteins (ß-Catenin), das durch einen bestimmten Signalweg aktiviert wird. Schon wuchs aus der abgeschnittenen Schwanzspitze des Strudelwurms innerhalb von 21 Tagen ein neuer Kopf. Der Regenerationsdefekt habe sich einfach beheben lassen. „Wir dachten, wir müssten Hunderte Hebel in Bewegung setzen, um Regenerationsfähigkeit zu beeinflussen“, sagt Rink. „Nun haben wir gelernt, dass wenige Schaltstellen reichen, an denen man ansetzen muss.“

 

Der Biologe und Journalist Fredrik Sjöberg hat dem schwedischen Regenwurmforscher Gustaf Eisen (1847 – 1940) ein ganzes Buch, allerdings mit vielen Abschweifungen, gewidmet: „Der Rosinenkönig“. Dazu ausführlich im letzten blog-eintrag.

 

 

 

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Die Regenwürmer, die der Eiderstedter Naturschutzwart beobachtet, heißen hier Wattwürmer.

 

 

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Ingrid und Anke aus Rudolstadt interessieren sich dagegen im nahen St. Peter-Ording statt für den Naturschutz eher für ihre eigene „Wellness“, wie sie sagen. 

 

 

 

Zootierforschung

 

Der Berliner Doppeldirektor von Tierpark und Zoo, Bernhard Blaszkiewitz, wurde jahrelang von Claudia Hämmerling, der tierschutzpolitischen Sprecherin der Grünen, zum Rücktritt aufgefordert. Dass sein Stern nun rasant sank und ihm gekündigt wurde, liegt aber nicht am Dauerfeuer der grünen Tierromantikerin, sondern an der Kritik der beinharten SPD-Finanzexpertin Gabriele Thöne, die man 2008 zum kaufmännischen Vorstand der beiden Tierhaftanstalten gemacht hatte. Da ihr im September auslaufender Vertrag nicht verlängert wurde, schied sie nun „auf eigenen Wunsch“ aus. Nicht ohne dem Aufsichtsrat zu verstehen zu geben, dass Blaszkiewitz ebenfalls zu gehen habe.
Seiner grünen Kritikerin geht es um das Wohl der inhaftierten Tiere, der roten Marketingexpertin dagegen um das der Menschen: Angeblich fehlt es dem Amüsierpöbel an Attraktionen – besonders im Tierpark, weswegen dieser stärker als der Zoo bezuschusst werden muss. Um dem abzuhelfen, wurde ein „Masterplan 2020+“ entworfen, der unter anderem eine „Rocky-Mountains-Landschaft mit Karussells“ und einen „Galapagos-Eingangsbereich mit Computeranimationen“ vorsieht. All das passte Blaszkiewitz nicht.
Schon als die B.Z. 2010 einen „Geheimplan“ zur Modernisierung der beiden Tiergärten veröffentlichte, mit dem man diese aufhübschen und durch mehr Merchandising profitabler machen wollte, hatte er abgewiegelt: Er wolle keinen „Spaß-Zoo“, ihm gehe es um „Zuchterfolge statt Erlebnispark“, Aufgabe der Tiergärten sei der Naturschutz. In dem vom Tourismusboom wie besoffenen Großberlin hatte er damit keine Chance!

 

 

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Die Musealisierung Berlins, die Michael Rutschky gerade im neuen „Merkur“ geißelte, schreitet desungeachtet munter voran: das Bild zeigt die jüngste Anschaffung des neuen Museums für Wehrtechnik am Pankower Schloß.  Das Gerät stammt aus dem Athener Stadtmuseum, das aus finanziellen Gründen schließen mußte.

 

 

 

Zufallsforschung

 

 

Für den brasilianischen Ethnologen Eduardo Viveiros de Castro ist ein „Subjekt“ im Westen – der herrschenden „naturalistischen Auffassung“ gemäß – „ein ungenügend analysiertes Objekt, während in der animistischen Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner das Gegenteil der Fall ist: ein Objekt ist ein unvollständig interpretiertes Subjekt.“

 

Dies sehen die ostafrikanischen Amba und die ihnen verwandten Stämmen ähnlich: Für sie wird die Welt von übernatürlichen Kräften beherrscht – Geisteswesen, Dämonen, die man beschreiben kann, so sagt es Ryszard Kapuscinski. Sie setzen Ereignisse in Gang und verleihen ihnen Sinn, sie lenken unser Schicksal. Daher ist nichts von dem, was geschieht, zufällig, einen Zufall gibt es nicht.

 

Der polnische Reiseschriftsteller erwähnt dazu in seinem Buch „Afrikanisches Fieber“ ein Beispiel: „Sebuya fährt mit dem Auto, er hat einen Unfall und kommt dabei ums Leben. Warum hat ausgerechnet  Sebuya einen Unfall erlitten? An diesem Tag waren in der ganzen Welt doch Millionen Autos unterwegs, die sicher ans Ziel gelangten, und akkurat Sebuya erlitt einen Unfall und kam dabei ums Leben. Die Weißen werden nun nach verschiedenen Erklärungen suchen. Zum Beispiel, dass seine Bremsen versagten. Doch ein solches Denken bringt uns nicht weiter, kann nichts erklären. Denn warum haben ausgerechnet Sebuyas Bremsen versagt? Am selben Tag waren doch auf der ganzen Welt Millionen Autos unterwegs, die funktionierende Bremsen besaßen und ausgerechnet Sebuya hatte schlechte. Warum? Die Weißen, deren Denken tatsächlich der Gipfel der Naivität ist, werden nun sagen, Sebuyas Bremsen hätten versagt, weil er nicht rechtzeitig dafür gesorgt hatte, dass sie überprüft und in Ordnung gebracht wurden. Aber warum sollte ausgerechnet Sebuya dafür sorgen? Am selben Tag waren schließlich Millionen…usw. usw..“

 

„Wir sehen also, dass die Denkungsart der Weißen zu nichts führt. Schlimmer noch! Nachdem der Weiße festgestellt hat, dass an Sebuyas Unfall und Tod kaputte Bremsen Schuld sind, wird er ein Protokoll darüber anlegen und die Untersuchung abschließen. Er schließt sie ab! Dabei sollte sie genau in diesem Moment erst beginnen! Denn Sebuya ist umgekommen, weil jemand einen Zauber gegen ihn gesprochen hat. Das ist ganz einfach und eindeutig. Wir wissen allerdings nicht, wer der Übeltäter war, und genau das gilt es nun herauszufinden.“

 

In Amerika würden Sebuyas Angehörige nach Abschluß des „Falles“ eventuell weiter versuchen, nach den technischen Unfallursachen zu forschen. Ihre Bemühungen gingen dahin, vom Autohersteller oder von der KFZ-Reparaturwerkstatt, die zuletzt die Bremsen von Sebuyas Auto überprüft hatte, „Schadensersatz“ zu fordern. Man nennt das „Produkthaftung“, die in den USA sehr weit gehen und sehr teuer sein kann. Deswegen gibt es dort daneben auch noch eine: „Market Share Liability“. Dieses in den 80er Jahren entwickelte umstrittene Konzept sieht laut dem Wirtschaftsrechtler Rainer Gildeggen vor, dass verschiedene Hersteller einem Geschädigten gegenüber ihren Marktanteilen gemäß haftbar gemacht werden können, wenn die Verletzung des Geschädigten durch austauschbare Produkte verschiedener Hersteller herbeigeführt wurde, und nicht mehr geklärt werden kann, welches Produkt welchen  Herstellers zum konkreten Schaden geführt hat.

 

Wenn es den Angehörigen gelingt, „Schadensersatz“ in Form einer großen Geldsumme zu bekommen, versuchen die Unternehmen, die zahlen mußten, ihrerseits diese Summe von ihren Versicherungen wieder zurückerstattet zu bekommen. Und diese könnten sich u.U. ebenfalls bei einer „Versicherung der Versicherungen“ um eine Rückerstattung der Summe bemühen – man nennt eine solche Einrichtung „Rückversicherung“; sie dient der „Risikobewältigung“ einzelner Versicherungsunternehmen.

 

Man sieht, spätestens mit den ersten gedanklichen Umrechnungen des Todes von Sebuya in geldwerten Gewinn bzw. Verlust, entfernt sich – mindestens in den USA – die Ursachenforschung seiner  Angehörigen, die natürlich juristisch sowie technisch versierte „Experten“ beauftragen – und dabei sozusagen in Vorkasse gehen, vollkommen vom wirklichen Unfall. Insofern stimmt Kapuscinskis abschließende Bemerkung über „den Weißen“: Er legt den „Fall“ zu den Akten – „und schließt die Untersuchung damit ab. Dabei sollte sie in diesem Moment erst beginnen.“

 

Im Endeffekt erreicht man jedoch mit der Untersuchung des „Falles“ in Form seiner Umrechnung in Geld vielleicht das selbe wie die Suche nach den verantwortlichen Geisteskräften und ihren leiblichen Agenten („Zauberer“). Diese Suche muß zudem von Sebuyas Angehörigen in Ostafrika ebenfalls bezahlt werden, indem sie Spezialisten damit beauftragen: „Wahrsager, Älteste, Schamanen usw.“ nennt sie Kapuscinski. Die Feindsuche im Falle von Sebuya oder bei anderen Unfällen wird bei den Amba auch noch dadurch verkompliziert (verteuert), „dass eigentlich niemand weiß, wie ein Zauberer aussieht. Denn schließlich hat ihn noch keiner gesehen. Wir wissen von seiner Existenz, weil wir die Folgen seines Handels sehen: Dürre, Buschfeuer, Krankheiten, Unfälle…“ Kapuscinski zitiert den Ethnologen E.H.Winter, um zu dem Schluß zu gelangen: „Die Amba sind davon überzeugt, dass sich der Feind in ihrer Mitte befindet.“ Am Ende fürchtet jeder jeden, ihr Mißtrauen muß früher oder später die Gesellschaft völlig zersetzen.

 

Es gibt noch eine dritte Ursachenforschung für alle solche Fälle: die statistische  Wahrscheinlichkeit. Dabei gilt das „Gesetz der großen Zahl“: In ihrer einfachsten Form besagt es laut Wikipedia, „dass sich die relative Häufigkeit eines Zufallsergebnisses in der Regel der Wahrscheinlichkeit dieses Zufallsergebnisses annähert, wenn das zu Grunde liegende Zufallsexperiment immer wieder unter denselben Voraussetzungen durchgeführt wird.“ Die statistische Wahrscheinlichkeit ist mit diesem Gesetz „der Grenzwert der relativen Häufigkeit bei beliebig vielen Versuchen.“

 

Wir verdanken die  Wahrscheinlichkeitsrechnung der Leidenschaft der Griechen und Römer für das Glücksspiel, die zur Entwicklung von Rechenmodellen führte, die man dann auch für das Versicherungs- und Regierungsgeschäft, die Physik, die Hygiene, die Gentechnik und die Finanzwissenschaft fruchtbar machte, so heißt es in den Lehrbüchern. Seit Ende des 19. Jahrhunderts und bis heute ist Rußland quasi führend in der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik. Aus der unberechenbaren „Tyche“ bzw. „Fortuna“ ist ein berechenbarer Zufall, letztlich ein Algorithmus geworden.

 

Der Peenemünder und dann sowjetische Chefingenieur für Raketen-Funksteuerung, Helmut Gröttrup, der nach dem Krieg Leiter einer großen Siemens-Abteilung wurde, die sich mit elektronischen Rechenmaschinen befaßte – und z.B. unsere Geldautomaten mit entwickelte, führte Ende der Sechzigerjahre vor Hamburger Geschäftsleuten aus: „Die unternehmerische Freiheit und mithin das Risiko sei ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruhe.“ Ähnliches gilt für den Zufall. „Über die Statistik hat die Wahrscheinlichkeitsrechnung inzwischen Eingang in alle quantitativ operierenden Wissenschaften gefunden,“ heißt es im Lehrbuch.

 

Der Schriftsteller Arthur Koestler hat versucht, ihn qualitativ zu erfassen: „Die Wurzeln des Zufalls – Ist Zufall wirklich Zufall?“ heißt sein 1972 auf Deutsch erschienenes Buch darüber. Ausgehend davon betreibt die 1986 in der Wiener Afrikanerstraße gegründete „Gesellschaft für Phänomenologie und kritische Anthropologie“ sowie die schottische „Koestler Parapsychology Unit “ (KPU) des Psychologie Departments der Universität von Edinburgh heute noch  „Zufallsforschung“.

 

Auf der Internetseite  „kuenstlerkolonie-berlin“ (die es bis 1933 in Wilmersdorf gab) heißt es über Arthur Koestler:  „Er war dreimal in knapp vier Jahren in Haft, stets unter falscher Anschuldigung. Francos Faschisten sperrten den Kriegsberichterstatter 1937 als „Spion“ monatelang in die Todeszelle. 1939 warf das demokratische Frankreich den Mann ins Straflager für Kommunisten, der schon ein Jahr zuvor mit der KP gebrochen hatte, und 1940 brachte die britische Polizei den Antifaschisten Koestler als „NS-Agenten“ hinter Gitter. Daß der Einzelne für die Mächtigen nicht mehr ist als eine Laus, das haben in unserer so überaus humanen Zeit zuerst die Heimatlosen zu spüren bekommen, die Exilierten, die Entwurzelten aller Länder – der ‚Abschaum der Erde‘. Koestler entkam dem Verhängnis durch Glück und durch Zufall.“

 

 

 

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Der Westberliner Flüchtlingsstrom und -schwarmforscher Dr. Alfred Segeberg während seines Urlaubs in den slowenischen Alpen. Auch dort ließ ihn sein Forschungsthema nicht los.

 

 

Neoludditen-Forschung

 

Sofern die Guerilla/Partisanen in einem asymmetrischen Kampf gegen die Kriegstechnologie – einer fremden Macht, die ihr erobertes Territorium zu beherrschen versucht – vorgehen, könnte man sie auch als „Neo-Ludditen“ bezeichnen.

 

Der Leipziger Politikwissenschaftler Hagen Schölzel hat 2013 eine Habilitationsschrift über die „Guerillakommunikation“ im transcript-verlag veröffentlicht. Kurioserweise ist darin so gut wie gar nicht von den Kommunikationsweisen der Guerillaformationen die Rede. Vielmehr „geistert“ für ihn „seit einigen Jahren die Metapher der Guerilla auffällig unauffällig in der Welt der Kommunikation umher, wie es gleich im ersten Satz seiner Einleitung heißt.

 

Diese Metapher existiert für den Autor in „zwei Variationen“: Einmal als „Guerillamarketing“ und als „politische Kommunikationsguerilla“. Davon ausgehend „eröffnet sich“ für Schölzel „der Zugang zu zwei Teilaspekten“ der Metapher „Guerilla“, die für deren „Verständnis bedeutsam“ sind.

 

Dabei wendet er „die Diskursanalyse in Anlehnung an Michel Foucault und Philipp Sarasin“ an. Seine Studie besteht im wesentlichen aus drei „Abschnitten“: 1. „Militärisches Denken“ (Mao/Che…), 2. „Kunstavantgarden als Kulturguerilla“ (Dadaismus, Situationismus…) und 3. „Guerillamarketing als Kommunikationsguerilla (der Schwachkopf Jay Conrad Levinson…).

 

Alle 3 Teile finden sich auch bereits in meiner Textsammlung „WPP – Wölfe, Partisanen, Prostituierte“, die 2007 im Kadmos-Verlag erschien, von Schölzel jedoch nicht zur Kenntnis genommen wurde. Entweder war sie ihm „diskursanalytisch“ zu unprofessionell oder ihn interessierte die Kommunikation der Guerillabewegungen in seinem Buch über die Guerilla als Metapher in der Kommunikation nicht.

 

Um die ging es mir jedoch – vor allem im Abschnitt „P“ (Partisanen). Der 1. Satz im Vorwort dazu lautete:

 

Warum sich mit Wölfen, Partisanen und Prostituierten beschäftigen? Sie gehören einer vergangenen Bukolik an, einer Territorialität, die sie außerhalb des Inneren und innerhalb des Äußeren einschloß. Hier und da und jetzt existieren sie zwar weiter, aber nur noch gleichsam abstrakt, metaphorisch, während ihre Wesensmerkmale allgemein geworden sind. Mit dem Abstreifen ihrer Substanz ähneln sie sich jedoch zum einen an und werden zum anderen quasi vorbildlich.“

 

Es folgt eine Nachzeichnung des „Abstraktionsprozesses“, um sodann W, P und P so unmetaphorisch wie möglich zu behandeln. Bis hin zu Äußerungen und Aktionen von ganz konkreten Personen – mit Namen.

 

Der Diskursanalytiker Hagen Schölzel beginnt seine „Spurensuche“ mit einem Zitat von Umberto Eco und einem Hinweis auf dessen Vortrag am New Yorker „International Center for Communication, Art and Sciences“ 1967, der den Titel „Für eine semiologische Guerilla“ hatte und aus einem „Plädoyer für eine semiologische Guerilla“ bestand, wobei es Eco „zunächst um die Suche nach Möglichkeiten eines kritischen Umgangs mit den Botschaften der damals scheinbar alles dominierenden Massenmedien“ ging.

 

In meiner WPP-Textsammlung kommen diese – positiv – nur im Abschnitt „W“ (Wölfe) vor. Bei den Partisanen (P) spielen die „Massenmedien“ dagegen erst einmal nur eine Rolle als materielles und meistens soldatisch schwer geschütztes Angriffsziel. Bereits im ersten Satz geht es um die Kommunikation der Guerilla in politischer und ökonomischer Hinsicht: untereinander, mit Unterstützern, Anlehnungsmächten, Verhandlern, Verrätern etc.:

 

Jede Existenzweise, und sei sie noch so flüchtig, braucht eine Basis. Die Ökonomie der Partisanen, das ist ihre Widerstandsfähigkeit, sie könnten wie die Zigeuner und Piraten auch sagen: „Überfälle sind unsere Landwirtschaft!“ Das heißt, alles zum Leben Notwendige und vor allem die Waffen müssen die Partisanen ihren Gegnern abringen. Ist dieser ein Okkupant, unter dem immer mehr Menschen zu leiden haben, können die Partisanen darüberhinaus auch mit der Hilfe der Bevölkerung rechnen. Im Endeffekt gipfelt ihr gemeinsamer Widerstand in einen Volksaufstand. In den meisten einst von den Deutschen besetzten Ländern – sowohl Ost- als auch Westeuropas – bekommen die Partisanen-Veteranen heute eine Rente. Die gesichertsten Angaben über den Partisanenkampf befinden sich deswegen in den Unterlagen der Versicherungsanstalten.“

 

Während „meine“ Partisanen auf einen allgemeinen Aufstand hinarbeiten, gipfelt Schölzels Guerilla-“Diskurs“ in den subversiven „Projekten“ der US-Künstlergruppe „The Yes Men“, die vor einigen Jahren auch schon Thema eines taz-Kongresses waren. Ein Rückgriff auf einen der historischen Guerillakämpfe heißt bei mir „Hermanns-Schlacht“, bei Schölzel politisch korrekt „Varus-Schlacht“. Seine „Genealogie der Guerillakommunikation“ endet mit der „Beschreibung von Netzkriegen und Schwarmkonflikten“ – womit er begriffsmodisch sozusagen up to date ist.

 

Sein Versuch, Guerillawirklichkeit (auf den Ebenen Partisanentheorie, Guerillamarketing und Guerillakunst) als Diskursanalyse und Metapherngenealogie zu verhandeln, hat in gewisser Weise bereits der wohl berühmteste homosexuelle Guerillaführer T.E. Lawrence (von Arabien) in seinem großartigen Rechenschaftsbericht „Die Sieben Säulen der Weisheit“ (1926) vorweggenommen. An einer Stelle heißt es darin:

 

„In Um Kes – zwischen Haifa und Dera – ist das alte Gadara, die Geburtsstätte des Menippos und des Meleager, des unsterblichen griechischen Syriers, dessen Schriften den Höhepunkt der syrischen Philosophenschule bedeuten. Der Ort liegt genau oberhalb der Jarmukbrücke, eines stählernen Meisterwerks, dessen Zerstörung meinen Namen rühmlichst in die der Schule von Gadara einreihen wird“.

 

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was er damit meinte, aber diese Verbindung zwischen Sprengkraft und Philosophie hat mich natürlich beeindruckt. Schölzel geht es als deutscher Professor natürlich um das Gegenteil: Um eine philosophische Entschärfung.

 

Auf eine knappe Würdigung des Textes von T.E. Lawrence folgt in „WPP“ ein langer Text, zusammen mit der US-Historikerin Anjana Shrivastava verfaßt, über den „amerikanischen Individualanarchismus“ – am Beispiel des „rechten“ Oklahoma-Bombers Timothy McVeigh und des „linken“ UNA-Bombers Theodor Kaczynski, die beide im selben Gefängnis endeten.

 

Darauf folgt die Zusammenfassung eines US-Romans über eine „nomadische Kriegsmaschine“ im kalifornischen Untergrund: „Die Kunst des Verschwindens“, wozu Thomas Pynchon ein Vorwort beisteuerte.

 

An „Techniken des Widerstands“ werden sodann das Fahrrad und das Telefon behandelt, die für einige Partisanenbewegungen wesentlich waren und vielleicht noch sind.

 

Zur „Guerilla-Kunst“ wird eine Ausstellung des österreichischen Versicherungskonzerns „Generali“ erwähnt: „Die Gewalt – als der Rand aller Dinge“ hieß sie. Darin wurde u.a. eine „Software-Installation“ der taz-bloggerin Imma Harms gezeigt, die im wesentlichen aus der 1978er-Rede der RZ (Revolutionäre Zellen)- Genossin Sabine Eckle bestand. Sie hieß:

 

Warum wir dem Vorsitzenden Richter des Asylsenats am Bundesverwaltungsgericht Günter Korbmacher in die Knie geschossen haben“. Dazu zitierte Eckle, die wegen dieses Anschlags in Moabit angeklagt wurde, Bert Brecht: „Das Unrecht ist nicht anonym, es hat einen Namen und eine Adresse.“ Im Kern bestand ihre Rechtfertigungsrede aus einer „Analyse der Rolle des Asylrechts in der Weltinnenpolitik“, die laut Imma Harms „immer aktueller wird“. Deswegen hat sie sich drumherum nun „mit der Möglichkeit des politischen Attentats“ auseinander gesetzt – wobei ihre Videovisualisierung der Rede zum einen den Sprachduktus (die Argumentation) und zum anderen den Sprachdruck (die Empörung) hervorhebt. Hinzu käme für Imma Harms auch noch so etwas wie eine kantische „Pflicht zum Widerstand“, den sie dialogisch im Katalogbeitrag herauspräparierte: „Wir reden von der Militanz des Augenblicks, der spontanen Überschreitung der Legalitätsgrenze in einer gegebenen Situation.“ Mit der Kuratorin Kreischer war sich Harms einig, dass „die Souveränität im Moment der Entscheidung liegt“ – mithin, dass Militantwerden bedeutet, souverän zu sein, indem man dabei die illegitimen Mittel zu legitimen erklärt. Noch jedes „Bekennerschreiben“ hat diesen Vorgang bekräftigt. Die Feuerversicherung schweifte derweil in ihren Ankündigungen der Ausstellung von der Subjektwerdung der Polittäter (in der selbst erklärten Souveränität) zu der der emanzipierten Handwerker (in der künstlichen Souveränität) ab, wobei die „Generali“ jedoch gleichzeitig in ihrem Leporello behauptete: „Die Begriffe ,Kunst und Militanz‘ können nicht gegeneinander ausgespielt werden.“

 

Zur Guerillakommunikation, wie Schölzel sie versteht, kann und muß man auch die Nahrungsmittelbeschaffung und -zubereitung der Partisanen zählen. Dazu sind neuerdings zwei Bücher erschienen. Das eine: „Die rote Köchin: Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus Weimar“ handelt von der anonymisierten „Hannah R.“, die am Bauhaus Weimar studierte: „Sie ist die rote Köchin. Zusammen mit Genossen betreibt sie am Bauhaus eine Kantine und ist dort Teil einer organisierten spartakistischen Zelle. Mit ihren Mitstreitern diskutiert sie die politischen und künstlerischen Umwälzungen der 1920er-Jahre, baut Bomben für den Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und arbeitet gegen den aufkeimenden Faschismus. Ihre Kochkunst versteht sich als Teil des politischen Kampfes.“ Das andere Buch wurde vom „Berliner Büchertisch“ herausgegeben und heißt „Kreuzberg kocht“. Es beinhaltet 55 Portraits von politischen Initiativen und Kollektiven in diesem „Problembezirk“ samt ihren Lieblingsgerichten.

 

 

 

 

 

 

 

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Wahlplakat, photographiert von Joulia Strauss.

 

 

verbrecherhund

Aber auch im Ausland geht man bisweilen nicht gerade freundlich mit Flüchtlingen und herrenlosen Hunden um.

 

 

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