vonHelmut Höge 12.10.2026

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt. Gonzo-Journalismus der feinen Art.

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Stauffenberg

Bekanntlich wollte der Berufsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg Hitler mit einer Bombe im ukrainischen Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ töten. Er hatte laut Wikipedia „eine innere Distanz zu Hitler und dem NS-Regime“. Seine Mitverschwörer und er beabsichtigten danach gemeinsam mit den Westmächten Russland (die Sowjetunion) zu besiegen. Damit gilt es nun seit ein paar Jahren noch einmal, Russland zu besiegen.

Als Vasallen der USA hört Deutschland dabei vor allem auf Brainwashington, von dort tönt z.B. der ehemalige US-Senator Richard Black: „Es ist uns egal, wie viele Ukrainer sterben – wir wollen gewinnen.“ Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin war 2022, vier Wochen nach Kriegsbeginn, noch zögerlich. Bei seinem Besuch in Kiew, einen Tag nach dem NATO-Sondergipfel, auf dem beschlossen wurde, die Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine nicht zu unterstützen, sagte Austin, man wolle die Gelegenheit nutzen, Russland durch diesen Krieg auf Dauer militärisch und wirtschaftlich zu schwächen.

In Deutschland versuchte man zunächst, die Nazi-Propaganda, dass die Russen „Untermenschen“ seien, ins Spiel zu bringen. So z.B. in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ die stellvertretende Leiterin des EU-Instituts für Sicherheitsstudien Florence Gaub: „Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, einen anderen Bezug zur Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben.“ Der ukrainische Dichter Serhij Zhadan sagte, als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam: „Die Russen sind Barbaren,Verbrecher, Tiere, Unrat, sie sind gekommen, um unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Bildung zu vernichten.“ Der auf Sicherheitsfragen abonnierte Politologe Sergej Sumlenny, ehemals Leiter der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, machte den Vorschlag: „Der sicherste Weg zu einem nachhaltigen Frieden ist es, das nukleare Russland zu zerstören. Einige Atombomben könnten dabei explodieren, aber sie werden ohnehin explodieren.“

Eine Umfrage von Infratest ergab: „Erstmals Mehrheit (52 %) für US-Atomwaffen in Deutschland.“ Weil die Ukrainer vielleicht doch nicht durchhalten und der „Iwan“ dann vielleicht schon bald vor Berlin stünde, betonte die Außenministerin Annalena Baerbock: „Wir müssen der Ukraine helfen, auch wenn wir einen Atomkrieg riskieren.“

Erst einmal wurde die abgeschaffte Wehrpflicht peu a peu wieder eingeführt. Man mußte auf die sensible Psyche des zukünftigen Kanonenfutters Rücksicht nehmen. Zumal die Zahl der Pazifisten bei den Ostermärschen wieder zunahm. Der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff war entsetzt: „Die Ostermarschierer sind die fünfte Kolonne Wladimir Putins, politisch und militärisch,“ meint er. Zwar gab es nicht wie derzeit in Kiew riesige Demonstrationen von Kriegsmüden gegen Selensky, aber es mehrten sich hier plötzlich die Kriegsdienstverweigerer in Größenordnungen. Sie erkannten die Zeichen der Zeit anscheinend.

Der Verteidigungsminster Boris Pistolius hatte gemeint: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein“ und kündigte bis dahin laut „euronews“ immer wieder „neue Waffenlieferungen an die Ukraine“ an. Beim Waffenkonzern Rheinmetall freute man sich darob besonders. Der Bundeskanzler Friedrich Merz war sich sicher: „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns.“

Merz war, bevor er in die Politik ging, deutscher Aufsichtsratschef des weltweit größten US-Vermögensverwalters BlackRock. Die für gewöhnlich gut unterrichteten Greise vermuten, dass BlackRock sich erst einmal bei Merz kundig machte, wie Deutschland die Ukraine militärisch unterstützen wolle, bevor sie Aktien bei Rheinmetall erwarben und daraufhin deren zweitgrößter Anteilseigner nach der französischen Großbank Société Générale wurden. Kurz danach kam prompt „ein Großauftrag der Bundeswehr“, heißt es auf „kettner-edelmetalle.de“.

Der US-Finanzdienstleiter Vanguard Group meldete über BlackRock: „Etwa ein Drittel des gesamten ukrainischen Ackerlands ist in Händen von drei großen US-Konzernen: Cargill, Dupont und Monsanto. Die Hauptaktionäre dieser drei sind BlackRock und Vanguard.“ Als Rheinmetall 2026 in die Produktion von Weltraumsatelliten und Taurus-Marschflugkörpern einstieg, beeilte sich Harald Kujat, Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr und Ex-Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, klar zu stellen: „Die Ukrainer können Taurus nicht einsetzen, sondern wir müssen die gesamte Durchführung in die Hand nehmen. Das heißt: Wir machen den Schritt zur direkten Kriegsbeteiligung. Wer das nicht versteht, der hat es nicht verdient, irgendein politisches Amt auszuüben.“

Der Gründer und Sprecher von WikiLeaks Juilan Assange fing wieder an, regelmäßig Einschätzungen zur Weltlage zu posten. Eine lautete: „Das Ziel ist es, die Ukraine zu benutzen, um Geld aus den USA und Europa zu waschen, durch die Ukraine und zurück in die Hände einer transnationalen Elite – BlackRock. Das Ziel ist ein endloser Krieg, nicht ein erfolgreicher Krieg.“

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Indulis Bilzenz in Paris

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Wahlkämpfe

Das dümmste Wahlplakat ließ der Berliner SPD-Spitzenkandidat aus Hannover Steffen Krach aufstellen: „Ich schwöre“. Das muß doch jeder, der Regierungschef sein will, aber damit werben, dass man es tun wird, wenn man gewinnt…Das klingt eher wie eine Drohung. Genauso wie sein Vorabversprechen: Eine Surfwelle für Berlin – wie in München. Aber auch so manches andere SPD-Wahlversprechen: „Spielplatz ohne Spritze“ und „Grundschule ohne Handy“ z.B..

Jetzt muß wahrscheinlich die Wahlgewinnerin der Linken Elif Eralp schwören. Sie tut mir jetzt schon leid: Wen sie alles gegen sich hat: die ganzen nicht schwören dürfenden Spitzenkandidaten der Verliererparteien, die Unternehmer, Manager, Banker, Couponschneider, Kapitalmedien, Judenverbände, Burschenschaften, ihre wacklige Querulanten-Koalition, die schnell auseinanderbrechen wird, ihre zu hohe Frauenstimme usw..

Mit der Volt-Wahlwerbung könnte man allerdings auch sagen: „Endlich eine Schmutzkampagne“, denn die wird es ganz sicher geben, die Springerstiefelpresse hat schon am Wahlmontag damit angefangen: „Clan-Chef Remmo taucht bei Linken-Wahlparty auf – ‚Das wird die Partei erklären müssen‘“, auch die „provokante Pro-Palästina-Symbolik“ (Palitücher). Außerdem wird nun ab sofort stets daran erinnert werden, dass Elifs Partei einst die Berliner Schandmauer, den „Touristenmagneten Number One“ (John F. Kennedy), errichten ließ. Und dann auch noch das Megaargument (nach Faschisten): „Antisemiten“. Ach, ihr mainstream-konditionierten Dreckschleuderjournalisten…

Wie die komische Partei „Volt“ will Eralp doch auch nur eins: „Unfuck Berlin“, aber weder wird ihr das gelingen, noch würde sie so etwas Dummes Amimäßiges jemals sagen. Allein die FDP weiß, wie man das macht: „Von der Miete zum Eigentum“ – und das Schönste: Die Partei will den Berlinern sogar dabei helfen. Wo leben diese Liberalen eigentlich? Ich tippe auf Schmargendorf oder Schwabing. Jedenfalls nicht da, wo es eine Buschzulage gibt.

In Kreuzberg waren sich CDU und Grüne fast einig: „Unser Bezirk kann mehr“ – wenn man sie wählt. Das behaupten die Rabenschwarzen und die Natoolivgrünen: „Raus aus dem Rückwärts“. Aber auch die unselige AfD will „Berlin stark machen“. Unselig, weil wir doch wissen: „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal“ (Hegel) – „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“ (Marx). Die unglückliche Partei BSW dagegen würde gerne mehr Beton auf die Berliner Grünflächen kippen und nicht woanders hin: „Sozialer Wohnungsbau statt in der Ukraine“.

Die Witztruppe „Die Partei“ plakatierte „Wo bleibt die RAF, wenn man sie mal braucht?“ Ein Wahlplakat gab es einmal in der Stadt, das mir gefiel. Es zeigte den schönen Glatzkopf des Performers Kaethe B. mit dem Spruch „Immer eine gute Wahl“ und dazu seine Telefonnummer.

Unvergessen ist auch der paranoide – hellsichtige – „Sendermann“, der mit dickem Pinsel an vielen Stellen der Berliner Mauer/Westseite schrieb: „Der Senat foltert mit getexteten Reden“. Wie wahr! Es gibt einen Katalog über ihn und seine gepinselten Gedanken, herausgegeben von Andreas Seltzer (die Mauer war ja von 1966 bis 1976 ein Medium analog zu den chinesischen Wandzeitungen während der Kulturrevolution – freimütig)

Diesmal hatte eine aktivistische Künstlergruppe drei Wahlplakate aufgehängt, die nicht dazu aufriefen sie oder irgendjemand zu wählen, sondern bloß basisdemokratisch Mut machen sollten: „Mehr Chaos Weniger Miete“, „Mehr Schlaglöcher Weniger Arschlöcher“ und „Mehr Müll weniger Miete“. Der letzte Spruch stammt von einigen Neuköllner Anarchos, die damit ab 1999 hofften, Immobiliengangster abzuschrecken. Die aber, gewohnt über Leichen zu gehen, ließen sich nicht von Kotze, kaputten Möbeln, toten Ratten und räudigen Katzen abschrecken, als es galt, auch im „Problemviertel“ eine „schöpferische Zerstörung“ des Sozialen (Joseph Schumpeter) anzurichten. Allein im „Schillerkiez“ entmieteten sie in einem Jahr 500 Mieter mit deren Anhang.

Die Justiz schien diese neuen Zeiten zu begrüßen und blieb weitgehend untätig, auch wenn die meisten Neuköllner Entmieteten dem liberalen Vorschlag, von der Miete zum Eigentum, nicht folgen mochten bzw. konnten. Ein anscheinend klassenkampf- oder klassenjustizerfahrener Richter entschuldigte seine Kollegen mit den Worten: „Revolutionen haben es so an sich, dass die Ordnung etwas zu kurz kommt.“ (Eigenbedarf!)

Müßte ich diese ganzen Wahlsprüche, die das Weichbild der Stadt zu meinem Lesemißvergnügen machten (weil sie allesamt mehr oder weniger dämlich waren), zusammenfassen – meine Eindrücke also, dann würde ich mit der Werbung der altdeutschen Schadstoffschleuder Aral sagen: Wir bieten „Kraftstoffe, die Dich weiterbringen“. Am Wahlabend war das für alle Parteisprecher, die sich um die ARD-Mikrophone scharrten, eine „Erzählung“ – derzeit ein Modewort. Bei der nächsten Wahl ist es dann ein „Narrativ“ und bei der übernächsten ein „Diskurs“. Letzterer materialisiert sich, wenn die AfD Regierungs-„verantwortung“ oder -„vertrauen“ (auch Modewörter) übernimmt, als ICE und DOGE, denn wir bleiben (M)amis Liebling. Ich schwör.

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Jane Goodall mit ihrem Hund

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Demokratieerosion

Die attische Demokratie verdankt sich der Erosion des Athener Gemeinwesens, die den Lyriker und Politiker Solon die Möglichkeit gab, sie 594 v. Chr. durchzusetzen. Aber 180 Jahre später ist in der Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes bereits von Korruption und politischer Demagogie die Rede. Im 1. Jhd. v. Chr. begriff Diodoros aus Agyrion die Demokratie gar als eine Farce, weil sie zwar die allgemeine „Gleichheit vor dem Gesetz“ (isonomia) gewährte, aber ohne die „Gleichheit des Eigentums“ (isomoiria) meint zu funktionieren. Das hatte auch schon Solon beunruhigt, weil mit der Durchsetzung des Geldverkehrs der Reichtum Einzelner unbegrenzt möglich wurde, er beruhigte sich jedoch mit dem Gedanken, dass ein Reicher auch nicht viel mehr Genüsse als ein Armer auskosten kann.

Die Viehzüchterinnen in der Wüste Gobi sehen das realistischer. 2005 erzählten sie mir: Nach Auflösung der Kolchosen und den Niederlagen ihrer Männer in der Marktwirtschaft hätten sie beschlossen, Agrargenossenschaften zu gründen. Erst einmal arbeiteten sie jedoch alle in der Kreisstadt in Fabriken und kauften von ihrem Geld Vieh, das sie unter den Frauen verteilten – um eine Gleichheit des Besitzes in ihren 80 Genossenschaften mit zusammen 2000 Mitgliedern herzustellen.

Auf der politischen Ebene erodierte jedoch die neue mongolische Demokratie bereits. Obwohl der tschingiskhansche Nomadismus Staatsideologie wurde, arbeitet man darauf hin, einige Reiche zu Viehbaronen zu machen, die die Armen als Cowboys beschäftigen.

In der frühen Sowjetunion sah der marxistische Literaturtheoretiker Michail Lifschitz den neuen sowjetischen Modernismus als mit der faschistischen Staatskunst verwandt. Damals sprachen die Künstler der Gruppe Linke Front (LEF) davon, dass Zeitungsreportagen Romane und Gedichte ersetzen und das Proletariat die Berufskünstler überflüssig machen werde, denn „Kunstwerke würden in Zukunft maschinell erzeugt,“ schreibt Ewgeniy Kasakow (in: „konkret“ 9/2023). Diese Zukunft könnte bald wahr werden.

In der Jungen Welt (v. 1.9. 2026) lese ich in einem Artikel von Kai Köhler über Peter Hacks, dass dieser die Komödie von Aristophanes „Der Reichtum“ umgearbeitet und als „Der Geldgott“ quasi aktualisiert habe – nicht mehr lustig, eher bitter. Diese letzte Komödie des griechischen Dichters entstand 408 v.Chr., es ist jedoch laut Wikipedia „nur eine bearbeitete, dem Zeitgeschehen angepasste Version von 388 v. Chr. überliefert“.

Bei Hacks heißt es: „‚Durch Arbeit verliert man das Geld nur’. Wahr sei vielmehr: ‚Das Geld verdient sich selber.‘ Der Gedanke an Produktion sei ‚durch und durch voriges Jahrhundert. Den Umweg über die Ware macht die moderne Wirtschaft nicht mehr.‘“ Der Rezensent Köhler fügte hinzu: „Als Peter Hacks 1991 die Aristophanes-Komödie ‚Der Geldgott‘ umarbeitete, war der Finanzmarktkapitalismus bei weitem noch nicht so entwickelt wie heute.“

Heute, das ist jetzt. In der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) schreibt der „Zukunfts- und Trendforscher“ Mathias Horx am 11.9.2026: „Könnte es sein, dass das rechtsradikale Drama gar nicht in dem Bereich der Politik oder Ökonomie zu finden ist? Sondern vielmehr auf einen fundamentalen Wandel der Welt hinweist?“ Diese Frage beantwortet er selbst: „Die Demokratie, wie wir sie kennen und erwarten, ist aus der Zeit gefallen. Ihre Regelsysteme stammen aus einer anderen Epoche, als Klassen, Schichten, konsistente Milieus noch die Gesellschaft dominierten.“

Ist das ein globaler„Trend“? Ich habe mit Horx früher in der Frankfurter Stadtzeitung „Pflasterstrand“ zusammengearbeitet, zudem wohnten wir beide im nordhessischen Vogelsberg, nur durch einen Berg getrennt. Mit meinem Umzug nach Westberlin habe ich ihn aus den Augen verloren und seit seiner Karriere als „Zukunfts- und Trendforscher“ auch aus dem Sinn, weil ich diesen, seinen Beruf für Amiquatsch halte. Der US-Weltökonom Jeffrey Sachs hält dagegen die deutsche Demokratie, die EU und die NATO für eine Art Amiquatsch. Andere sprechen von einem „Plattform-Kapitalismus“, wieder andere von „nachgesellschaftlichen Projektwelten“. Und weil das bedeutet, dass es keine Gesellschaft mehr gibt, deswegen sollte man auch den Begriff fallen lassen. Dieser Vorschlag kommt aus der Soziologie, als Credo kam er zuvor schon von Margaret Thatcher, die zusammen mit Ronald Reagan als Initiatorin eines rechten Neoliberalismus gilt. Sie meinte 1987: „So etwas wie die Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und es gibt Familien.“ Die letzteren erodieren allerdings ebenso wie die Demokratie, die ihren Höhepunkt zwischen den Perserkriegen und dem Peloponnesischen Krieg hatte. Und ihren Tiefpunkt vielleicht zwischen dem Ukraine- und dem Gaza-Krieg.

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Anarcho-Jimmy mit einem mir unbekannten Freund

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Reich-Hauptstadt

Den kommunistischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich kann man getrost als den konsequentesten Vertreter der ursprüngliche Lehre Freuds von der „Sexuellen Ätiologie der Neurose“ und der Libidotheorie bezeichnen. Gut freudianisch war auch noch seine Fundierung der Neurosenlehre im Biologischen – zuletzt gar im Kosmischen. Seine Bücher wurden 1956 in den USA öffentlich verbrannt. Es war dies die bisher letzte Bücherverbrennung im Okzident. Er selbst starb im Gefängnis. Die Reichschen Schriften wurden erst wieder in der Studentenbewegung neu aufgelegt – zunächst als Raubdrucke.

Seitdem kann man Berlin als Hauptstadt der Wilhelm-Reich-Forschung bezeichnen. Das begann praktisch-politisch damit, dass hier 1973 der größte Ableger der Wiener Aktions-Analyse-Kommune entstand. Diese„AA-Kommune“ des Malers Otto Muehl war an der Reichschen Körperpsychotherapie orientiert, die sie mit kollektiver Lebensform verband. Heute existieren davon noch kleine Ableger in Form einer Landkommune bei Belzig, eines Cafés in Neukölln und einer „Erotischen Akademie“ auf Lanzarote – als „Ort, wo die freie Liebe real erfahrbar wird,“ wie es auf der Webpage des „Zentrums für experimentelle Gesellschaftsgestaltung ZEGG“ heißt.

Es gibt in Berlin ferner ein „Wilhelm-Reich-Institut“, das der inzwischen gestorbene Mediziner Heiko Lassek leitete. In einem Nachruf heißt es: Er hatte sich ganz der „Weiterführung der Forschungen Wilhelm Reichs, u. a. im Bereich Körperpsychotherapie sowie zum Themenkomplex Krebs“, verschrieben und war dazu von Wilhelm Reichs Tochter Eva Reich sogar als offizieller Nachfolger ihres Vaters eingesetzt worden.“

Nicht von schlechten Reich-Eltern ist auch der Biologe Stephan Krall,der das Reichianische „Scientific and Medical Network – German Group“ leitete und in der „Wilhelm-Reich-Zeitschrift ‚emotion'“ Beiträge zum Stand der Reich-Forschung veröffentlichte.

Die „emotion“ – nicht zu Verwechseln mit der gleichnamigen Zeitschrift für die „Frauen der Zukunft“ aus dem Verlag Gruner& Jahr – wird von der Berliner „Wilhelm-Reich-Gesellschaft“ herausgegeben, die zudem Konferenzen über „Körper, Energie und Emotionen – Wilhelm Reichs Emotionstheorie im Kontext der Moderne“ veranstaltet.

In Kreuzberg gibt es auch noch den Verlag „Simon & Leutner“, der die große Reich-Biographie von Myron Sharaf „Der Heilige Zorn des Lebendigen“ veröffentlichte. Scharaf war der letzte Archivar des Reichschen Orgon-Instituts in Maine. An einer Stelle seiner Reich-Biographie heißt es: „Nach einer längeren Diskussion sagte W.R. zu mir ‚Du hast Angst, daß jemand dir etwas in den Hintern steckt. Du hast Angst beim Geschlechtsverkehr, daß du, wenn du dich gehen läßt, in die Hosen scheißt. Keiner, der solche Angst hat, Mann oder Frau, kann sich jemals einem Orgasmus hingeben. Du willst deinen Hintern loswerden. Verstehst du, daß Millionen Menschen ihren Hintern loshaben wollen? Das ist von größerer Bedeutung als all die philosophischen Schriften, die es jemals gegeben hat‘.“

Erwähnt sei außerdem die „marxistisch-reichistische Initiative“ in Freiburg, von denen einige die Berliner Fuck-and-Go-Location „Kitkat-Club“ gründeten, der 2000 Mitorganisator eines „Internationalen Wilhelm-Reich-Kongresses“ war, auf dem es wie auch im Club selbst um „Genitalität“ ging – mit Filmen von Kate Bush und über Reichs Tochter Eva.

Das Reichsche Orgon-Institut, dass die US-Behörden 1956 schließen ließen, heißt heute samt eines Wilhelm-Reich-Museums und -Archivs „The International Wilhelm Reich Orgone Institute“. Es hat Ableger in fünf weiteren Ländern, in Deutschland ist ihm die „Wilhelm Reich Akademie“ sowie die im Grünen Salon der Volksbühne mit Musik tagende „Orgon-Lounge“ angegliedert. Ihr Direktor, der Therapeut Joachim Trettin, veröffentlichte ebenfalls eine Reich-Biographie. Der Kreuzberger Verlag gab neben Sharafs Reichbuch noch die Biographie des Reich-Sohnes Peter über seinen Vater heraus: „Der Traumvater“ betitelt. Es war dann Grundlage für den Film „Der Grenzgänger“ (2009) – mit Klaus-Maria Brandauer als Wilhelm Reich. Regie führte Antonin Svoboda, von dem bereits die Doku „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich ?“ stammt. Das Reichforum „orgonomie.net“ urteilte: „Der Film ist viel zu lang. Die Interviews sind fast durchweg nichtssagend.“

Berühmter wurde der Hollywoodfilm des jugoslawischen Regisseurs Dusan Makavejev: „Wilhelm Reich – Mysterien des Organismus“ (1971). Makavejev fotokopierte dafür heimlich Reich-Briefe, die ein rechter „Thinktank“ in Kalifornien gekauft, aber nie studiert hatte. U.a. einen Briefbericht von Willy Brandt für Wilhelm Reich über die Sexualmoral der jungen spanischen FreiheitskämpferInnen. Brandt schrieb: „Ich möchte Dir sagen, dass die Verkrampfung der Bewegung hier einen bedrückenden Eindruck macht. Wie häufig habe ich daran gedacht, was ein Freund mal über die Spanier gesagt hat: daß sie Jahrhunderte mit dem Hintern zu Europa gestanden haben!“

Für Reich war der Faschismus die Angst der sexuellen Krüppel. Am Ende des Films von Makavejev heißt es: „Den Mädchen wird die sexuelle Befreiung gelingen, aber der multiple Orgasmus ist teuer erkauft…“

Den Brandtschen Bericht aus Barcelona 1937 hatte ihm seine Lübecker Genossin Gertrud Meyer finanziert, die inzwischen Assistentin in Reichs Osloer Exil-„Institut für Sexualökonomische Lebensforschung“ geworden war. Makavejev schenkte mir die Kopien – als Dank dafür, dass ich ihm lang und breit von der Treuhand und ihren DDR-Betriebsabwicklungen erzählt hatte. Ich veröffentlichte sie in der taz mit einem Vorwort von Christian Semler über die spanische Arbeiterpartei Poum. Es gab so gut wie keine Resonanz darauf, aber dann übernahm „El Pais“ den Bericht und da der „Ziehsohn von Willy Brandt“ Felipe González damals Ministerpräsident war, stieß er dann doch auf großes Interesse.

Abschließend sei noch eine Ausstellung der norwegischen Botschaft in Berlin erwähnt, in der u.a. Wilhelm Reichs Wirken in Norwegen zwischen 1933 und 1939 thematisiert wurde: Dort hatte man einen Reichschen „Orgon-Akkumulator“ nachgebaut, in den man sich krank reinsetzt – und gesund wieder rauskommt. Daneben wurde die Arbeit von Sigurd Hoel gewürdigt: ein Osloer „Kulturradikaler“, der vor allem im Kampf gegen den Faschismus engagiert war und dabei mit Reich zusammenarbeitete, dessen Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ 1934 auf Norwegisch erschienen war. Eine Zeit lang war Hoel Redakteur der Reichschen „Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie“. Nachdem Reich jedoch sein Buch „Die Bione“ veröffentlicht hatte, brach Hoel mit ihm, dessen Wechsel von der Psychologie zur Biologie er mißbilligte und zudem eine öffentliche „Kulturdebatte“ in Norwegen auslöste, was schließlich 1939 zu Reichs Ausreise in die USA führte, wo die einstige Karstadt-Verkäuferin Gertrud Meyer ihm ein neues Institut verschaffte.

Heute geht es andersherum: Die mit Hightech verrammelte Biologie wieder in Soziologie/Sozialpsychologie zurück zu transformieren.

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Ich mit meinem Pferd

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Spatzen

In Homers „Ilias“ wird erzählt, dass es, bevor die Männer in den Kampf gegen Troja zogen, zu einem „Spatzenwunder“ kam. Aphrodites Wagen wurde laut Sappho von „schönen Spatzen“ gezogen und Catull widmete dem zahmen Spatzen seiner Geliebten ein Gedicht.“ Es gab eine regelrechte griechisch-römische Verherrlichung des Spatzen als Göttervogel. Danach kam es zu einer russischen bzw. sowjetischen – als „proletarischer Vogel“.

Bei Andrej Platonow heißt es in seinem Roman „Tschewengur“: „Die Spatzen spektakelten auf den Höfen wie vertrautes Hausgeflügel, und wie schön die Schwalben auch sind, sie fliegen im Herbst in üppige Länder, die Spatzen aber bleiben hier, um Kälte und menschliche Not zu teilen. Das ist ein wahrhaft proletarischer Vogel, der sein bitteres Korn pickt. Auf der Erde können durch lange bedrückende Unbilden alle zarten Geschöpfe umkommen, aber solche unverwüstlichen Wesen wie Bauer und Spatz bleiben und halten aus bis zum warmen Tag.

Kopjonkin lächelte dem Spatzen zu, der es in seinem mühseligen winzigen Leben vermocht hatte, ein großes Versprechen zu finden. ‚Sieh an, so klein, aber wie zäh…Wenn der Mensch so wär, dann wär die ganze Welt längst erblüht’. Auch Tschepurny lobt die Spatzen. ‚Auf euch hab ich gehofft!‘ sagte er. ‚Ihr seid uns blutsverwandt, bloß Angst braucht ihr nicht mehr zu haben – die Bourgeoisie gibt’s nicht mehr, lebt bitte!'“

Von Puschkin, Turgenjew, Dostojewski, der Kinderzeitschrift „Worobej“ (Spatz) bis zu Gorki, Swetajewa und Bulgakow wurden Spatzengeschichten erzählt. Aber mit der Perestroika und der anschließenden Auflösung der Sowjetunion änderte sich die russische Spatzenverherrlichung – gründlich. 1994 heißt es in dem Roman „Wettlauf.Lauf“ von Valeria Narbikova: Während „am Himmel die letzten Individuen fliegen – superexotische Spatzenvögel, weil alle übrigen Spatzen ausgestorben sind, reisen Petja und Gleb durch ein zunehmend irrealeres Land.“ Bereits 2010 meldet Leon Weissmann von den Sperlingsbergen bei Moskau (die bis 1999 Leninberge hießen): „Weit und breit keine Spatzen mehr zu sehen!“

Ich zog als Jugendlicher einen Spatzen groß, Benjamin, der aus dem Nest gefallen war und sich zu unserem liebsten Haustier entwickelte. Vögel interessierten ihn nicht, Mittags schlief er auf der Brust meines Vaters, Nachts bei meiner Mutter am Kopf. Mit mir ging er spazieren, flog voraus, setzte sich auf meine Schulter und tschilpte in mein Ohr.

2011 fing ich an, eine Buchreihe „Kleiner Brehm“ zu veröffentlichen über alle Tierarten, von denen ich ein oder mehrere kennengelernt habe. Der erste Band hieß „Spatzen“. Damals bemerkte man schon ihr stilles Verschwinden. Erst wurden die Pferde abgeschafft, deren Scheiße ihnen Nahrung gab, dann riß man die Hecken zwischen den Feldern aus, die ihnen Sicherheit boten und schließlich machte ihnen der Verkehr auf den Straßen zu schaffen und die Nahrung (Weißbrotreste) bekam ihnen nicht. Dann wurden auch noch die Hausfassaden wärmeisoliert, so dass sie kaum noch Nistgelegenheiten fanden, außerdem wurden die Insekten immer weniger, die sie für die Aufzucht ihrer Jungen benötigen.

In Berlin kannte ich aber noch viele ihrer Sammelplätze – bis zum Dezember 2025: Da waren sie plötzlich verschwunden, bis auf den einen oder anderen hier und da. Ich fragte viele Leute, ob sie das auch bemerkt hätten. Ja, das hatten sie, aber über die Ursache wußte man nichts. Im September 2026 titelte die FAZ: „Das rätselhafte Verschwinden der Hausspatzen“ und der Tagesspiegel berichtete über das „mysteriöse Verstummen der Spatzen“. Ebenso t-online. „Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst,“ schrieb der NABU und erinnerte daran, dass Berlin die „Spatzenhauptstadt“ ist bzw. war. 190.000 Brutpaare gab es hier noch 2021. Man vermutet eine Seuche, die sie dahingerafft hat. Der Biologe Saetre, der gerade ein Buch über den Spatz veröffentlichte, beruhigte uns: Weltweit bedroht ist der Spatz nicht. „Von allen wild lebenden Vogelarten hat der Haussperling die weltweit größte Ausbreitung.“

Schön und gut, aber ich bin nicht beruhigt. Ein Lehrer aus Lodz berichtete mir entsetzt: „Es gibt auch hier keine Spatzen mehr.“ In London verschwinden die Spatzen, weil die Vorgartenhecken massenhaft Carports weichen. In England gibt es schon lange eine Spatzenforschung (und einen „Wunderspatz“, Clarence, der, begleitet von einem Klavier, singen konnte). Die Spatzenbuch-Autoren Donald Lyven und Dennis Summers-Smith kritisieren die Wissenschaftler, weil sie zu langsam sind bei der Erforschung der Ursachen für das Spatzenverschwinden. Daneben geben sie aber auch der Presse die Schuld, weil sie viel zu viel über Politiker und Sportler berichtet und viel zu wenig über Spatzen.

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Heiner Müller mit einer nicht von ihm getexteten Rede

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Bakterien

„Das Ich ist nicht nur hassenswert, es hat nicht einmal Platz zwischen Uns und dem Nichts,“ meinte der Ethnologe Claude Lévy-Strauss. Wenden wir uns deswegen gleich Escherichia coli zu – zumal „wir selbst nichts anderes sind als eine Kolonie eng assoziierter Bakterien,“ wie einige Mikrobiologen behaupten.

Obwohl wir heute über das Kolibakterium mehr wissen als über jedes andere Lebewesen auf der Welt, ist vieles an ihm unerforscht oder strittig. Noch weniger weiß ich über meine eigenen Kolibakterien im Darm. Dabei befinden sich dort zehn mal mehr Bakterien als mein Organismus Zellen hat, wobei diese auch wiederum aus mehreren kooperierenden Mikroorganismen entstanden sind. Allein die Gesamtzahl der Organismen, die frei in meiner Mundhöhle leben, ist größer als die Gesamtheit der Erdbevölkerung. Und meine Darmflora besteht aus ca. 500 verschiedenen Bakterienarten. An und in meinem Körper befinden sich insgesamt etwa 2 Kilogramm Bakterien. Auch meine Scheiße besteht zu einem großen Teil aus ihnen (100 Milliarden Individuen in einem einzigen Gramm). Andersherum schafft es E.coli mit seiner extremen Säureresistenz nahezu problemlos, durch meinen Magen wieder zurück in den Dickdarm zu gelangen.

Dort werden die Bakterien für die Synthese von Stoffen benötigt, die ich selbst nicht produzieren kann (u.a. Vitamine) – und E.coli ist dabei das wichtigste und auch am häufigsten vorkommende Bakterium. Außerdem ist es das erste gewesen, das nach meiner Geburt den vorher sterilen Darm besiedelte – und es wird wahrscheinlich auch das letzte dort sein, nach meinem Tod, wenn die Darmmikroorganismen mich auffressen, weil ich sie/mich nicht mehr füttere und meine Schleimhäute, die mich zu Lebzeiten davor schützten, sich zersetzen.

Mathematisch gesehen besteht E.coli aus einer halben Million Funktionseinheiten und ist im Gegensatz zu mir nicht nur als Individuum unsterblich, sondern auch als Spezies ubiquitär, d.h. es kann überall leben – in den Wolken genauso wie im Wasser und in der Erde, aber am Liebsten im Darm von Menschen und Tieren. Dort findet es eine ähnliche Umwelt (Ursuppe) wie seine Vorfahren – vor rund 3,5 Milliarden Jahren. Mit ihnen begann das, was wir Leben nennen. Es gibt Lebensforscher, die der Meinung sind, dass die Bakterien uns – vor allem Pflanzen, Tiere und Pilze – nur geschaffen haben, um immer und fast überall ein ausreichendes Nährmedium zur Verfügung zu haben. Nur in seltenen Fällen artet das in vernachlässigbaren Kommensalismus, in unangenehmen Opportunismus oder gar in einen uns schädigenden Parasitismus aus, in der Regel ist es symbiotisch, d.h. wir haben auch gehörig was davon – um nicht zu sagen, dass wir von ihnen abhängig sind, denn sie können gut und gerne auch ohne uns leben, wir aber nicht ohne sie. Und wenn wir ihnen trotzdem zu Leibe rücken, dann wissen sie sich ebenfalls zu helfen: Bei Antibiotika-Einnahme schaffen es z.B. einige E.coli-Bakterien in meinem Darm, resistent dagegen zu werden, bevor etwa das Schimmelpilzprodukt Penicillin sie alle vernichtet – und damit auch mich. In meiner Blase gelingt es ihnen, sich so lange in Immunzellen zu verstecken, bis die Antibiotikatherapie beendet ist. Außerdem können sie ihren Stoffwechsel bei Bedarf umstellen: Wenn Sauerstoff da ist, atmen sie, wenn nicht, nehmen sie mit anderen Verbindungen vorlieb, mit Nitrat z.B. (als „terminalen Elektronenakzeptor“).

Kürzlich fand man in tiefen losen Gesteinsschichten bei Irkutsk 500 Millionen Jahre alte – lebende – Bakterien, die sich statistisch nur alle paar tausend Jahre teilten. Die meisten Bakterien kommen in der Natur in Form von Biofilmen vor, wo sie sich unter günstigen Umständen so schnell teilen können, dass aus einer einzigen Bakterie innerhalb eines Tages 10 hoch 21 werden, nach einer Woche würden deren Nachkommen schon den ganzen Planeten mit einer dicken Schicht bedecken.

Bei meinen E.coli-Bakterien ist Sexualität und Fortpflanzung getrennt. Mit ihrer Sexualität ist die Berührung oder Kommunikation zweier Individuen gemeint, bei der Gen-Geschenke übergeben werden. Dies geschieht durch direkten Körperkontakt, mittels elastischer Proteinfäden, so genannter Sexual-Pili, die gleichsam aus der Distanz von einem Bakterium zum anderen hinüberwachsen; die Gene können aber auch – über eine noch größere Distanz – durch einen Virus als Bote von einem zum anderen transportiert werden. Die bakterielle Fortpflanzung hat damit nichts zu tun. Diese geschieht durch Teilung jedes einzelnen Individuums, wobei sich seine Chromosomen sowie auch die integrierten Organellen im Zellplasma ebenfalls teilen müssen. Auf diese Weise ist das Bakterium quasi unsterblich – und sozusagen direkt vor 3,5 Milliarden Jahren aus den ersten Urzellen entstanden. Der Bruch im „Gedächtnis“ tritt erst mit der Verbindung von Sexualität und Fortpflanzung ein. Ich erinnere nur an den Seufzer des Dichters Peter Rühmkorf: „Ach könnte man doch angelesene Eigenschaften vererben!“ Und diese Verbindung – „Verschmelzungssex“ von der Zellbiologin Lynn Margulis genannt – wird erst möglich und vielleicht auch notwendig – mit fortschreitender Endosymbiose der Bakterien, die uns aber auch sterblich macht.

E.coli teilt sich alle zwanzig Minuten – bei günstigen Lebensbedingungen: z.B. im Labor in einer Nährlösung aus Mineralsalzen und einer organischen Verbindung, die aus einer Kohlenstoffquelle und als Energieträger dienendem Zucker bestehen kann, aber auch aus einer Fleischbrühe. Dieser Einzeller ist wie wir ein Allesfresser.

Dennoch versucht er an gewünschte Nahrung heranzukommen, indem er uns manipuliert. wenn wir uns z.B. nach einigen Tagen Magermilchdiät entschlossen haben, eine deftige Fleischbrühe zu essen. Was wir uns mit unserem Appetit erklären würden. Er könnte uns jedoch auch von E.coli aufgezwungen sein – in dem Moment, da man von einem „unerklärlichen Heißhunger“ spricht.

Andere Bakterien, die z.B. Syphillis oder Tuberkulose verursachen, bringen die damit Infizierten dazu, dass sie verstärkt Körperkontakt zu anderen Menschen suchen, wodurch ihre Krankheitserreger neue Wirte finden. Daneben „träumt ein Bakterium davon, zwei zu werden“, wie der Bakterienforscher Francois Jacob in seinem Buch „Die Logik des Lebenden. Eine Geschichte der Vererbung“ (2002) schreibt. Ganz im Gegensatz zu uns, die wir zu zweit davon träumen, eins zu werden, was unsere Hautsäcke jedoch nicht (mehr) zulassen.

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Gerhard Gundermann vor seinem Bagger

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Embargolöcher

Bis zur „Wende“ (Egon Krenz) produzierte die DDR alles mögliche für den Westen (für IKEA, Salamaner, Adidas, Bosch, Schiesser, Osram, Quelle, Neckermann, sogar diverse Comics). Insgesamt bezogen 6000 westdeutsche Firmen ihre Produkte aus der DDR. Westberlin bekam sein Benzin günstig von der PCK-Raffinerie in Schwedt.

Umgekehrt kaufte die DDR im Westen Produktionsmaschinen, aber auch z.B. ein Kontingent VW-PKWs. Narva kaufte eine Fließstrecke in Japan und schickte vorher einige Arbeiter zum Anlernen dort hin.

Aber es gab Einschränkungen: „Das sogenannte CoCom-Embargo hatte die Aufgabe, Lieferungen von Kriegsmaterial und Gütern, die militärischen Zwecken hätten dienen können, in die Länder des Ostblocks zu verhindern. Die NATO-Staaten sowie Japan und Australien verhinderten damit unter anderem auch die Entwicklung der Mikroelektronik in der RGW-Zone,“ berichtete der MDR.

Um u.a. das Embargo zu umgehen, wurde im Ministerium für Außenhandel der Bereich Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) geschaffen, der dazu einige GmbHs gründete, in denen u.a. ein Einkäufer über seinen Schwager in Westberlin Elektronikteile und Ähnliches beschaffen konnte. Letzterer wurde dabei reich, ersterer setzte sich in der Wende nach Israel ab, um einer Strafverfolgung zu entkommen.

Schon lange vor der Wende umgingen einige Westkonzerne das Embargo. Als z.B. Manager von Standard Elektrik Lorenz (SEL) 1991 das Institut für Nachrichtentechnik (INT) in Oberschöneweide besichtigten, um eventuell den Betrieb zu „übernehmen“, führte der Betriebsratsvorsitzende sie herum. Zum Schluß sagte er: „Wir müssen noch über den Hof, dort steht ein Gebäude, das geheim war, in dem die Staatssicherheit arbeitete. Wir durften da nicht rein.“ „Wir müssen da auch nicht rein,“ sagten die Westler, „das kennen wir von früher.“ Ach nee?! Wunderte sich der Betriebsratsvorsitzende.

Ein durchgreifendes Embargo gab es eigentlich erst nach der Wende. Und zwar für Ostprodukte im Osten: Sie wurden von den Konsumläden und Kaufhäusern nicht mehr gelistet, die sofort Lieferverträge mit Westkonzernen abgeschlossen hatten. Nicht einmal NARVA-Glühlampen oder BELFA-Gerätebatterien schafften es in die Regale.

Seit einigen Jahren gilt ein ständig erweitertes Embargo für Russland. Man muß dort die Waren aus Weißrussland oder Kasachstan beziehen – Avocados z.B., die in Weißrussland umetikettiert und nun dort angeblich produziert wurden. Andere Westprodukte werden jetzt von russischen Unternehmen verkauft. McDonald’s heißt nun auf Russisch „Lecker.Punkt“ und das neue Logo sieht nur noch von weitem wie ein „M“ aus. Coca Cola heißt jetzt auf Russisch „Die gute Cola“. Starbucks heißt „Stars Coffee“. Und Audi-Fahrer beziehen Ersatzteile aus China. Aber alles wurde dadurch etwas teurer.

Das russische Unternehmen, das McDonald’s am Moskauer Puschkinplatz übernommen hatte, gab bekannt, dass sie mehr Einahmen erzielt hätten als zuvor der US.Konzern. Sie wollen nun in die „ländlichen Gebiete expandieren“.

Die norwegische Kriegsberichterstatterin Asne Seierstad besuchte kürzlich als Touristin Russland. 2025/26 veröffentlichte sie ein dickes Buch über ihre Eindrücke: „Der Krieg ist anderswo. Russland von innen“. Darin läßt sie einen Mann zu Wort kommen, der den Embargos nur Gutes abgewinnen kann: „Wladimir erzählte engagiert von all den Branchen, die im Zuge der Sanktionen einen Aufschwung erlebt hatten. ‚In meiner Branche, Öl und Gas, zählt die Qualität, und da sind wir allen voraus! Bald wird es überall so sein. Man muß sich nur unsere Bauern anschauen, die Landwirtschaft boomt! Die Sanktionen bringen uns zusammen, wir importieren nichts mehr, wir machen alles selbst, die Wirtschaft wird stärker, dank des Westens. Niemand ist arbeitslos, noch ein Pluspunkt‘.“

Und was haben die Amerikaner mit ihrem Embargo erreicht? „Sie haben uns ein gebrauchsfertiges Geschäftsmodell überlassen.“

Trotz des Embargos und des zunehmenden Russenhasses importiert Deutschland weiterhin „Energieprodukte (Öl, Gas), Metalle (Nickel, Chrom), chemische Erzeugnisse und Nahrungsmittel aus Russland, wobei die Mengen seit 2022 aufgrund des Ukraine-Krieges und der Sanktionen stark reduziert wurden, aber der Handel mit bestimmten Rohstoffen wie Nickel und Palladium geht weiter und durch den indirekten Handel (z.B. über andere EU-Länder) bleibt er auch bestehen,“ berichtet „isteshaltbar.de“. An anderer Stelle heißt es: „Düngemittel waren in den ersten elf Monaten des Jahres 2024 mit einem Wert von fast einer Milliarde US-Dollar das wichtigste Importgut aus Russland in die USA, [sowie auch in die EU] gefolgt von Nichteisenmetallen und anorganischen Chemikalien.“ Der Export von Aluminiumprodukten sank jedoch von 3,6 Prozent 2021 auf jährlich 3,5 Prozent im Jahr 2023.

Die wichtigsten Abnehmer russischer Exporte sind derzeit aber „China (mit 129 Mrd. US-Dollar), Indien (mit 66,1 Mrd. US-Dollar), die Türkei (mit 31 Mrd. US-Dollar), Kasachstan (mit 16,1 Mrd. US-Dollar) und Brasilien (mit 11,1 Mrd. US-Dollar).“ Trumps Öl-Diesel-Deal mit Putin lassen wir hier unerwähnt.

Russland bezieht umgekehrt Maschinen und Kriegsmaterial aus dem Westen u.a. über den sich verteuernden Umweg Türkei.

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Félix Guattari vor einem Messerladen

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Personifizierungen

Die Wissenschaftler sprechen von einer „Ontologischen Wende“. Gemeint ist damit, dass Tiere, Pflanzen, Berge, Flüsse und andere Lebensräume, die in der animistischen Weltsicht von Indigenen als Personen wahrgenommen werden, nun mehr und mehr auch von europäisch denkenden Wissenschaftlern und Politikern akzeptiert werden. Dahinter stehen nicht selten regionale soziale Bewegungen der Indigenen, die sich zum Teil international Gehör zu verschaffen verstanden und mit anderen antikolonialistischen Bestrebungen kooperierten.

So wurde zum Beispiel 2008 in der bolivianischen Verfassung die Natur als Rechtssubjekt ausgewiesen. In Kapitel 7 heißt es: „Die Natur oder Pachamama, in der sich das Leben reproduziert und realisiert, hat das Recht, in ihrer Existenz vollumfänglich respektiert zu werden, sowie auf die Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenszyklen, ihrer Strukturen, Funktionen und evolutionären Prozesse.“

Die in Kalifornien lehrende Anthropologin Marisol de la Cadena berichtet (in: „Die ontologische Wende“ 2026) vom Kampf der in den Anden lebenden Indigenen um ihren „Heiligen Berg“ Ausangate, auf den ein Bergwerkskonzern scharf war. Die Einheimischen befürchteten, dass damit das „mächtige Erdwesen“ Unglück über sie bringen würde. Sie wurden von Umweltschützern aus den Städten unterstützt, für die der Glaube an den Berggeist als Akteur allerdings eher ein Aberglaube war.

Ähnliche Auseinandersetzungen gab es in Peru, wo ein Konzern am Heiligen Berg Machu Piccu Gold extrahieren wollte. Die Anthropologin fragte einen der Ausangate verteidigenden bolivianischen Aktivisten, ob man die beiden Kämpfe vergleichen könne. „Nein“, meinte er, „sie sind ganz anders. Ich kenne Ausangate viel besser; ich weiß, was er will, und er kennt mich auch.“

Ich interviewte 2015 einen jungen mongolischen Schamanen. Ihn hatten Arbeiter eines Goldbergwerks nahe Ulaanbaatar aufgesucht. Sie verdienten nicht schlecht, aber es ging ihnen körperlich nicht gut. Er fand heraus, dass der Berggeist ihre Arbeit mißbilligte. Zwar wollte er den Arbeitern helfen, aber auch den mongolischen Bergwerksunternehmer nicht brüskieren. Der Konflikt löste sich dergestalt, dass ein Unwetter die Schächte unter Wasser setzte und die Arbeit beendete.

In Australien war es der Berg Ayers Rock, von den Aborigines Uluru genannt. Jahrelang hatte das dort lebende Anangu-Volk gefordert, touristische Klettertouren auf den Uluru zu unterbinden – 2019 trat das Verbot in Kraft. Für die Aborigines wohnt die Regenbogenschlange aus ihrer Traumzeit dort und die Touristen behandelten ihr Allerheiligstes respektlos.

Die australischen Wissenschaftshistorikerin Helen Verran berichtet (in: „Science and Technology Studies“ 2017) von einem Workshop, organisiert von Aborigines, an dem Umweltwissenschaftler teilnahmen, die sich über ihre Strategien beim geplanten Abbrennen von Buschland austauschten. Während erstere über das Land und die dortigen Pflanzen sprachen, die mit bestimmten Geistwesen der Vorfahren in Verbindung stehen, erklärten die Wissenschaftler ihre Brandexperimente auf kleinen Versuchsfeldern, deren Bewuchs sie vorher und nachher katalogisierten. Die beiden Herangehensweisen waren trotz der Bemühungen auf beiden Seiten nicht zu vereinheitlichen. Auch der zuletzt von den Aborigines entfachte Buschbrand irritierte die Wissenschaftler, denn die Einheimischen nutzten das Feuer zum Jagen von Wild (Kängurus) und Sammeln von Yamswurzeln, was sie anschließend mit den abwesenden Clans teilten, deren Land sie mit in Brand gesetzt hatten.

Man muß hinzufügen, dass die Kolonisierung des Westens bei den jüngeren Einheimischen dazu geführt hat, dass sie ihre animistischen Vorstellungen zum Teil ironisch oder in Anführungsstrichen äußerten.

In einem Gespräch mit zwei Papuas, die in den Bergen des Südostens von Neuguinea als „Health-Officer“ arbeiteten (vergleichbar den chinesischen „Barfußärzten“) und sich zwecks Weiterbildung in Manila befanden, erfuhr ich: 1. dass sie die Straßenseite wechselten, wenn ihnen Australier, die ehemaligen Kolonisateure, entgegen kamen; und 2. dass sie ganz unterschiedlich mit den animistischen „Heilern“ umgingen. In ihrem Einsatzgebiet behandelten sie oft Schlangenbisse, aber während der eine, wenig selbstbewußte Health-Officer, sie bekämpfte, weil sie mit ihrem „Hokuspokus“ den Leuten nur Geld abnahmen, ließ der andere, sehr selbstbewußte, die Heiler gewähren: „Sie murmeln Beschwörungen und schmieren Lehm auf die Bißwunde. Aber das hilft auch – und ich spare meine Medizin.“

Abschließend sei noch erwähnt, dass 2014 zwischen der Regierung Neuseelands und den auf der Nordinsel lebenden Maoris ein Abkommen geschlossen wurde, das erstmalig einen Fluß, den Whanganui, rechtlich als Lebewesen anerkannte.

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Gilles Deleuze mit seiner Interviewerin Claire Parnet

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Suizialismus

Beim „Freitod“ gibt es unterschiedlich verstandene Formen: In Frankreich als anklagender Selbstmord (France Telecom), in den USA als bewaffneter Amoklauf, in der ehemaligen Sowjetunion als inneres Verbrennen – durch Alkohol und in einigen islamischen Ländern als Selbstmordattentat mit Sprengstoff. In den letzteren gibt es so gut wie keine „normalen“ Selbstmorde. Diese kommen in einem Ländervergleich am Häufigsten in Litauen, Weißrussland und Russland vor. Ferner gibt es noch Unterschiede zwischen den Selbstmorden von Frauen und Männern: Hierzulande bevorzugen Männer die „harten Methoden“ (Aufhängen, vor den Zug werfen z.B.) und Frauen die „weichen“ (mit Tabletten oder Gas z.B.). Für den Selbstmord gibt es angeblich drei Gründe: Depressionen, eine Angleichung des Organischen ans Anorganische und die Verzweiflung.

Ein vernünftiger Grund zum Selbstmord wurde zu Zeiten des Kalten Krieges und der globalen Medialisierung immer wieder in Form der „Selbstverbrennungen“ praktiziert – angefangen mit dem vietnamesischen Mönch Thich Quang Duc – aus Protest gegen die Vietnampolitik der Amerikaner 1963 in Hué.

1968 verbrannte sich in Warschau der ehemalige Partisan der Heimatarmee Ryszard Siwiec – aus Protest gegen die antisemitische Kampagne der polnischen Kommunisten. Im Januar 1969 verbrannte sich aus Protest gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ der Student Jan Pallach, im Februar tat es ihm als „Fackel Nr.2“ der Student Jan Zajic nach. 1976 verbrannte sich in Zeitz der Pfarrer Oskar Brüsewitz – aus Protest gegen den Kommunismus. 1980 verbrannte sich in Krakau Walery Badylak – der Wahrheit über Katyn wegen.

Das Ende des Sozialismus im Ostblock veränderte den Charakter der Selbstverbrennung: Seitdem sind sie die meisten „privat“ motiviert, gleichwohl sie auch ein (letzter) Protest sind.

2003 verbrannte sich der Roma Lata Aradinovic in Syke, weil seine Familie abgeschoben werden sollte. Im selben Jahr verbrannten sich auch zwei tschechische Studenten. Kurz zuvor hatten sich bereits drei andere mit Benzin übergossen und angezündet. Damit hatten sich in den ersten vier Monaten des Jahres 2003 bereits so viele junge Tschechen verbrannt wie zwischen 1996 und 2002. Als Grund nehmen die Psychologen „Unzufriedenheit mit den Zuständen in Tschechien“ an. 1995 zündete sich der in die USA emigrierte ehemalige polnische Förster Zbigniew K. aus Augustow in Manhattan – in den Räumen des Roten Kreuzes – an. Viele Mitglieder seiner Gemeinde, die der Arbeit wegen nach Amerika auswanderten, kämen „in Metallsärgen zurück“, meinte der Pfarrer in Augustow. Und bis heute hält die Selbstmordwelle indischer Kleinbauern an, denen man das Baumwoll-Saatgut von Monsanto aufzwang und die dadurch in den Ruin getrieben wurden.

Seit dem Massenselbstmord einer US-Sekte in Guayana (Jonestown) 1978 gibt es auch eine steigende Zahl von religiös begründeten Selbsttötungen: 82 Sonnentempler in der Schweiz, 1000 Anhänger einer Sekte in Uganda, 8 Sektenmitglieder in Indien, 7 in Japan, 5 in China usw. Daneben mehren sich die Selbstverbrennungen von islamischen Radikalen: PKK-Anhänger nach der Verhaftung von Öcalan, Volksmujaheddin aus Protest gegen die Teheraner Regierung usw.. Und dann die vielen islamischen Selbstmörder, die sich selbst und andere mit einer Autobombe in die Luft sprengen. Im Juli 2005 waren es an zwei Tagen allein im Irak 15. Die bürgerliche Wissenschaft im Westen reagiert darauf mit fast ebenso vielen „Psychogrammen der Täter“. Während CIA und Mossad diese „Welle“ für sich nutzten, wie Mike Davis in einer Geschichte der „Autobombe“ (2007) nachwies. Was das für die neue, nachwendische „Nato-Verteidigungsdoktrin“ bedeutet, erläuterte uns 1998 ein Bundeswehr-Major auf der Bonner Hardthöhe: „Die ist nicht mehr nach Rußland hin angelegt, die russischen Soldaten haben inzwischen die selbe Einstellung zum Krieg wir wir auch – sie wollen nicht sterben! Außerdem ist die Stationierung von Raketen in Ungarn und Polen z.B. so gut wie gesichert, es geht eigentlich nur noch darum, wie viel wir dafür zahlen müssen. Ganz anders sieht es jedoch bei den Arabern aus, mit dem Islam. Deswegen verläuft die neue Nato-Verteidigungslinie jetzt auch“ – Ratsch zog er hinter sich eine neue Landkarte auf – „etwa hier: zwischen Marokko und Afghanistan“.

In Korea hat die Selbstverbrennung eine lange Tradition: Dort verbrannte sich 2002 ein Gewerkschaftsführer, nachdem sein Tarifabschluß mit Unternehmen der Stahlindustrie von den Arbeitern kritisiert worden war. Und jüngst verbrannte sich ein Tiermediziner – um die durch die Fälschungen des „Klonforschers“ Hwang Woo Suk diskreditierte Gentechnik wieder zu rehabilitieren. Einer der bekanntesten koreanischen Schriftsteller Ko Un erzählt: Einen Bruch in seinem Leben gab es zur Zeit der Militärdiktatur unter Park Chung Hee. Er bezeichnet die öffentliche Selbstverbrennung des Textilarbeiters Chon Tae Il im November 1970 in Seoul als sein einschneidendstes Erlebnis, das ihn aus seinen damaligen Selbstzweifeln aufgeschreckt habe. Chon hatte sich aus Protest gegen die Verhinderung eines Arbeitsgesetzes durch die Regierung selbst angezündet. „Ich sah auf mich selbst zurück, wer ich bin,“ sagt Ko heute. Danach habe eine Schaffensphase eingesetzt, die vor allem durch ein politisch engagiertes, realistisches Schreiben gekennzeichnet sei.

Unerwähnt sind hier all die namenlosen Menschen geblieben, die sich in den letzten Jahrzehnten in äußerster Bedrängnis vor einem Gericht, auf einem Marktplatz, in einem Finanzamt selbst verbrannten. Zusammen bilden sie bereits eine große Fluchtbewegung – aus der Welt. Manchmal hinterlassen sie einen Brief, in dem sie versichern, dass sie nicht verrückt sind.

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Der Lehrer Wilhelm von Osten mit seinem Pferd „Der Kluge Hans“

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Tod

„Jedes Herz ist eine Zeitbombe“ (Türkisches Rekrutenlied)

Man sagt, dass wir – in den modernen Gesellschaften – den Tod immer mehr aus unserem Leben verdrängen. Die Alten und Kranken sterben nicht mehr zu Hause im Kreis ihrer Angehörigen, sondern in Krankenhäusern, Siechenheimen und Hospizen. Es wird immer mehr Geld ausgegeben, um jung und schön auszusehen. Und die Gentechnik kommt regelmäßig mit der Frohbotschaft, sie befände sich kurz vor der Entwicklung lebensverlängernder Maßnahmen, sogar die Unsterblichkeit steht schon auf ihrer Agenda. Wahr ist, dass die Lebenserwartung kontinuierlich steigt – wenn auch bloß in statistischer Hinsicht.

Auf der Jahrestagung des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) ging es gerade um „Das Leben vom Tode her“. Mit Referaten und Diskussionen „zur Religions-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte einer Grenzbestimmung“. Den Anfang machte der Wiener Philosoph Thomas Macho, beginnend mit einem Gedanken von Martin Heidegger: Im Vorlaufen zum Tod liegt die Bedingung zum Sein – d.h. zwischen der Freiheit zum Tod und der Angst vor ihm. Dieser „Vorlauf“ ist laut Macho zur Struktur unseres Lebens geworden. Als Heidegger den Begriff aufnahm, im Ersten Weltkrieg, kreierte Erich Ludendorff die „Feuerwalze“, die wirklich aus einem Vorlaufen bestand – nämlich der Infanterie, die dicht hinter dem Sperrfeuer der Artillerie vorstieß. Die meisten Soldaten liefen dabei tatsächlich in den Tod. Dieser war so massenhaft, dass Sigmund Freud 1920 die Annahme eines „Todestriebs“ wagte. Mit einem solchen Biologismus wollte Macho sich jedoch nicht befassen. „Der Tod ist heute kein Schicksal mehr, sondern etwas, das wir gestalten müssen“. Aus der Sorge um sich sei eine Nötigung geworden, den eigenen Tod quasi zu planen.

Dabei helfen einem z.B. die vielen „Lebenserwartungsrechner“ im Internet (u.a. von der Allianz-Versicherung): Man gibt ein paar Daten von sich ein und bekommt dann mitgeteilt, wann man in etwa mit seinem Tod zu rechnen hat. Auch „die Beerdigungsunternehmen appellieren an die planerische Kompetenz der zukünftigen Toten“ – die wir sein werden. Das gilt selbst für den Staat, der uns mit Plakaten auffordert, z.B. einen „Organspenderpaß“ zu bestellen. Wir sind damit auch Rechtssubjekte unseres Todes geworden. Aus der „Todesgrenze“ wurde inzwischen allerdings eine „Zone“, in der man allerhand lebensverlängernde Maßnahmen ergreifen kann – vom Herzschrittmacher über die Dialyse bis zur Eisernen Lunge, in der man jedoch auch das Leben selbst beenden kann. Dafür gibt es gegen Bezahlung – z.B. in der Schweiz – die „Sterbehilfe“ (früher „Lebensmüden-Fürsorge“ genannt) – mit einer immer ausgetüftelteren Suizid-Technik: Der Sterbewillige braucht bloß noch auf einen Knopf zu drücken, während der „Suizid-Manager“ so lange rausgeht – und dann ist es auch schon aus.

Zum Beleg seiner These, dass „die temporale Struktur des Vorlaufs in eine kulturelle Praxis übersetzt wird“, erwähnte Macho eine Reihe von Künstler (u.a. Arnulf Rainer), die sich ihren Tod vorstellten sowie die „Krebs-Literatur“, die gerade Konjunktur habe. Wenn uns die Arbeit am eigenen Tod aufgegeben ist, dann bilden diese Künstler und Schriftsteller dabei die Avantgarde. Dazu gehören aber auch die Models (früher Mannequins genannt) – mit ihrer kurzen Laufzeit und ihrer Magersucht: „Ist in ihnen nicht schon der Vorlauf präsent?“

Auch beim „Freitod“ gibt es kulturell unterschiedliche Formen: In Frankreich als anklagender Selbstmord (France Telecom), in den USA als bewaffneter Amoklauf, in der ehemaligen Sowjetunion als inneres Verbrennen – durch Alkohol und in einigen islamischen Ländern als Selbstmordattentat mit Dynamit. In den letzteren gibt es so gut wie keine „normalen“ Selbstmorde. Diese kommen in einem Ländervergleich am Häufigsten in Litauen, Weißrussland und Russland vor. Ferner gibt es noch Unterschiede zwischen den Selbstmorden von Frauen und Männern: Hierzulande bevorzugen Männer die „harten Methoden“ (Aufhängen, vor den Zug werfen z.B.) und Frauen die „weichen“ (mit Tabletten oder Gas z.B.). Für den Selbstmord gibt es drei Gründe: Depressionen, eine Angleichung des Organischen ans Anorganische und die Verzweiflung. Macho meint, dass es auch einen vernünftigen Grund zum Selbstmord geben kann.

So einer wurde zu Zeiten des Kalten Krieges und der globalen Medialisierung immer wieder in Form der „Selbstverbrennung“ praktiziert – angefangen mit dem vietnamesischen Mönch  Thich Quang Duc – aus Protest gegen die Vietnampolitik der Amerikaner 1963 in Hué.

1968 verbrannte sich in Warschau der ehemalige Partisan der Heimatarmee Ryszard Siwiec – aus Protest gegen die antisemitische Kampagne der polnischen Kommunisten, aber auch gegen den Einmarsch der Roten Armee in Prag. Im Januar 1969 verbrannte sich aus diesem Grund auch der Student Jan Pallach in Prag, im Februar tat es ihm als „Fackel Nr.2“ der Student Jan Zajic nach. 1976 verbrannte sich in Zeitz der Pfarrer Oskar Brüsewitz – aus Protest gegen den Kommunismus. 1980 verbrannte sich in Krakau Walery Badylak – der Wahrheit über Katyn wegen.

Das Ende des Sozialismus im Ostblock veränderte den Charakter der Selbstverbrennung abrupt: Seitdem sind sie die meisten „privat“ motiviert, gleichwohl sie ein (letzter) Protest sind.

2003 verbrannte sich der Roma Lata Aradinovic in Syke, weil seine Familie abgeschoben werden sollte. Im selben Jahr verbrannten sich auch zwei tschechische Studenten. Kurz zuvor hatten sich bereits drei andere mit Benzin übergossen und angezündet. Damit hatten sich in den ersten vier Monaten des Jahres 2003 bereits so viele junge Tschechen verbrannt wie zwischen 1996 und 2002. Als Grund nehmen die Psychologen  „Unzufriedenheit mit den Zuständen in Tschechien“ an. 1995 zündete sich der in die USA emigrierte ehemalige polnische Förster Zbigniew K. aus Augustow in Manhattan – in den Räumen des Roten Kreuzes – an. Viele Mitglieder seiner Gemeinde, die der Arbeit wegen nach Amerika auswanderten, kämen „in Metallsärgen zurück“, meinte der Pfarrer in Augustow. Und bis heute hält die Selbstmordwelle indischer Kleinbauern an, denen man das Baumwoll-Saatgut von Monsanto aufzwang und die dadurch in den Ruin getrieben wurden.

Seit dem Massenselbstmord einer US-Sekte in Guayana (Jonestown) 1978 gibt es auch eine steigende Zahl von religiös begründeten Selbsttötungen: 82 Sonnentempler in der Schweiz, 1000 Anhänger einer Sekte in Uganda, 8 Sektenmitglieder in Indien, 7 in Japan, 5 in China  usw. Darüberhinaus mehren sich die Selbstverbrennungen von islamischen Radikalen: PKK-Anhänger nach der Verhaftung von Öcalan, Volksmujaheddin aus Protest gegen die Teheraner Regierung usw.. Und inzwischen vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens ein islamischer Selbstmörder sich selbst und andere mit einer Autobombe in die Luft sprengt. Im Juli 2005 waren es an zwei Tagen allein im Irak 15. Die bürgerliche Wissenschaft im Westen reagiert darauf mit fast ebenso vielen „Psychogrammen der Täter“. Während CIA und Mossad diese „Welle“ für sich nutzen, wie Mike Davis gerade in einer Geschichte der „Autobombe“ nachwies. Was das für die neue, nachwendische „Nato-Verteidigungsdoktrin“ bedeutet, erläuterte uns 1998 ein Bundeswehr-Major auf der Bonner Hardthöhe: „Die ist nicht mehr nach Rußland hin angelegt, die russischen Soldaten haben inzwischen die selbe Einstellung zum Krieg wir wir auch – sie wollen nicht sterben! Außerdem ist die Stationierung von Atomwaffen in Ungarn und Polen z.B. so gut wie gesichert, es geht eigentlich nur noch darum, wie viel wir dafür zahlen müssen. Ganz anders sieht es jedoch bei den Arabern aus, mit dem Islam. Deswegen verläuft die neue Nato-Verteidigungslinie jetzt auch“ – Ratsch zog er hinter sich eine neue Landkarte auf – „etwa hier: zwischen Marokko und Afghanistan“.

Aber anderswo – in Korea z.B. – hat die Selbstverbrennung noch eine viel längere Tradition: Dort verbrannte sich 2002 ein Gewerkschaftsführer, nachdem sein Tarifabschluß mit Unternehmen der Stahlindustrie von den Arbeitern kritisiert worden war. Und jüngst verbrannte sich ein Tiermediziner – um die durch die Fälschungen des „Klonforschers“ Hwang Woo Suk diskreditierte Gentechnik wieder zu rehabilitieren. Einer der bekanntesten koreanischen Schriftsteller Ko Un erzählt: Einen Bruch in seinem Leben gab es zur Zeit der Militärdiktatur unter Park Chung Hee. Er bezeichnet die öffentliche Selbstverbrennung des Textilarbeiters Chon Tae Il im November 1970 in Seoul als sein einschneidendstes Erlebnis, das ihn aus seinen damaligen Selbstzweifeln aufgeschreckt habe. Chon hatte sich aus Protest gegen die Verhinderung eines Arbeitsgesetztes durch die Regierung selbst angezündet. „Ich sah auf mich selbst zurück, wer ich bin,“ sagt Ko heute. Danach habe eine Schaffensphase eingesetzt, die vor allem durch ein politisch engagiertes, realistisches Schreiben gekennzeichnet sei.

Unerwähnt sind hier all die namenlosen Menschen geblieben, die sich in den letzten Jahrzehnten in äußerster Bedrängnis vor einem Gericht, auf einem Marktplatz, in einem Finanzamt selbst verbrannten. Alle zusammen bilden sie bereits eine große Fluchtbewegung – aus der Welt. Manchmal hinterlassen sie einen Brief, in dem sie versichern, dass sie nicht verrückt sind.

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Dr. Salm-Schwader als „Burkhard Scherer“ am gelben Mikrophon

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Müll

So wie Robert Habecks große Idee das „Heizungsgesetz“ war, hatte auch der erste grüne Umweltminister in Hessen, Joschka Fischer einen zentralen Gedanken: „Die Mehrkomponentenwertstofftonne ist eine völlige Sackgasse,“ verkündete er eins ums andere Mal. Daraus entstanden die Mülltrennung in verschiedenfarbigen Mülltonnen und immer raffiniertere Recyclingsfirmen und -anlagen. – Ohne dass allerdings die Mülltransporte aus Europa mit Schiffen nach Afrika weniger wurden. Wenn sie Elektroschrott dorthin bringen, dann wird der z.T. auch recycelt – meist von Kindern. Cosima Dannoritzer hat 2014 einen Dokumentarfilm darüber gemacht: „Giftige Geschäfte“, davor einen über geplanten Verschleiß von Industrieprodukten mit dem Titel „Kaufen für die Müllhalde“ (2010).

Der oberste Beamte für Abfallentsorgung in Sachsen meinte auf einer Leipziger Veranstaltung, dass in Deutschland 84 Prozent des anfallenden Abfalls recycelt werde, mehr sei nur mit Chemie möglich. Das freute die angehenden Chemikerinnen unter den Zuhörern. Er verglich diese Anstrengungen mit denen in anderen europäischen Ländern, die ähnlich vorgingen – bis auf Italien, „wo man das Abfallproblem der Mafia überlassen hat, die den Müll irgendwo in der Landschaft entsorgt.“ Das kann ich bestätigen, weil ich eine Weile in den Bergen der Toscana gelebt habe, wo mit dem Müll die Täler aufgefüllt werden, was den Vorteil hat, dass die Wolfs- und wilden Hunderudel immer genug zu fressen haben und die Nutztiere der Bauern weitgehend in Ruhe lassen.

In der DDR wurden mit der BRD mehrere Müll-Abkommen getroffen: Gegen Bezahlung deponierte die DDR jährlich 700.000 Tonnen Westmüll. Allein ihre Giftmüll-Deponie Schönberg nahm jährlich 350.000 Tonnen Sondermüll auf. In Westberlin gab es für die Müllwagen extra einen Grenzübergang. Der Schäfer der LPG in Saarmund zeigte mir einmal eine planierte Tongrube, in der man den Sportpalast nach seinem Abriß entsorgt hatte.

In Wannsee hatte Westberlin eine eigene große Mülldeponie. Sie ist inzwischen – versiegelt – ein wilder Wald. Allerdings mit zum Teil giftigen Ausdünstungen, Als sie noch in Betrieb war, hatten rundum in den Bäumen Kolkraben ihre Nester. Das war derart ungewöhnlich (normalerweise haben Kolkrabenpaare riesige Reviere, aus denen sie alle Artgenossen vertreiben), dass sogar Rabenforscher aus den USA,wie der berühmte Professor Bernd Heinrich, kamen, um sich das Brutgeschehen anzusehen. In den Neunzigerjahren wurden hierzulande alle Müllkippen versiegelt. Das hatte u.a. zur Folge, dass z.B. die polnischen Saatkrähen, die sich im Winter ihr Futter im hiesigen Wohlstandsmüll suchten, nicht mehr nach Deutschland kamen.

Nach „89“ wurden die Stadtreinigung im Osten mit der BSR im Westen zwangsvereinigt. Der Sozialdemokrat Norbert Gansel fragte 1997 einen Müllmann aus Marzahn, wie er seitdem seine Arbeit sähe. Der meinte: „Eijentlich hat sich nischt jeändert, außer det Jesellschaftssystem“.

Das absolute Gegenteil zu Italien ist die riesige amerikanische Antarktisstation McMurdo, wo jedes der vielen Gebäude eine eigene Müllstation mit Containern und Tonnen hat, in denen alles getrennt wird – nach 20 Kategorien. Flugzeuge bringen das Zeug nach Neuseeland, Australien oder in die USA, wo angeblich 75 Prozent davon recycelt wird. Auch die Scheiße und Pisse der Forscher und Dienstleister, der Soldaten, Ingenieure und reichen Touristen wird gesammelt und ausgeflogen.

In Dänemark nutzen die Archäologen gerne steinzeitliche Müllplätze, Kjökkenmöddings genannt, die ihnen in vielfacher Hinsicht Aufschluß geben über die prähistorische Lebens- und Ernährungsweise. Die Menschen aßen dort um 5000 v.Chr. vor allem Muscheln, wenn man ihren Abfällen glauben darf.

In den USA, vor allem in Kalifornien, wird noch heute der Abfall – in Mülltonnen – untersucht, um daraus Schlüsse über seine Produzenten zu ziehen. Anfänglich interessierten sich Studenten der Sozialwissenschaften dafür. Sie versuchten, ähnlich wie die Dänen, aus dem Müll Vorstellungen über die Lebensweise der Mülltonnenbesitzer zu entwickeln. Dann interessierten sich auch Journalisten dafür, man sprach von „Trash Journalism“. Sie durchsuchten heimlich die Mülltonnen von Reichen und Prominenten und zogen dann aus den gefundenen Flaschen mit Alkoholika und Medikamtenpackungen ihre möglichst skandalträchtigen Schlüsse. Die potentiell davon Betroffenen stellten aber bald ihre Mülltonnen nicht mehr auf die Straße. Heute kennt man vor allem den „Trashy journalism“ und meint damit die Schmierfinken in den Boulevardblättern. Die alten Schnüffler in dieser Branche, wie Bob Woodward zum Beispiel, sprechen von einem „Triumph der Idiotenkultur“.

Die wohl größte Müllhalde der Welt befindet sich auf den Philippinen bei Manila. Sie ist so groß, dass darauf Menschen leben, sogar ein Priester. Eine gewundene Straße führt durch brennende Plastikhaufen nach oben. Es stinkt erbärmlich. Die Müllhaldenbewohner recyceln den Abfall auf ihre Weise, d.h. sie suchen nach Verwertbarem.

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Der Dichter Bert Papenfuß mit dem Verleger Bernd Kramer

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Kontrolle

Keine Arbeit finden wir überall! Aber dafür gibt es immer mehr zu kontrollieren. Im Opelwerk Eisenach z.B. fingen sie plötzlich an, die Arbeiter beim Verlassen des Werks nach „mitgenommenem Opel-Eigentum“ zu durchsuchen, also nach geklauten Teilen, Werkzeugen etc.. Die Arbeiter nahmen es gelassen, sie sagten sich, das geschähe wegen der Polen, die in Eisenach für das neue Opelwerk geschult wurden. Was natürlich nicht stimmte.

In zwei anderen Betrieben wurde ein Experiment veranstaltet: In einem kontrollierte man die Beschäftigten, wenn sie das Gelände verließen, im anderen gab es weiterhin keine Kontrollen. Das Ergebnis überraschte: In der Firma, die ihre Mitarbeiter kontrollierte, wurde mehr geklaut als in der ohne Kontrollen.

Vielleicht war es für die ersteren „Ehrensache“, die Kontrolleure, auch Kontrollettis genannt (sie kamen aus einer „Sicherheitsfirma“), zu überlisten. Ich habe das im Bremer Überseehafen noch mitbekommen: Wenn dort Whisky entladen wurde, standen die Männer der internationalen Firma „Controllco“ quasi Spalier – an der Luke, auf der Plattform vor dem Lagerschuppen und innen drin vor einem großen Drahtkäfig, in das die Paletten mit den Whiskyflaschen diebstahlsicher geschützt wurden, bis der Händler sie abholte. Zwischen der Schiffsluke und der Halle („Schuppen 14“) hing die ebenso wertvolle wie begehrte Fracht am Haken des Krans. Für die Hafenarbeiter war es eine Ehrensache, sich trotz der nahezu lückenlosen Kontrolle mit Whisky einzudecken. Das gelang ihnen auch meist.

Anders als der Bremer Walter Momper, der einmal als junger Mann im Überseehafen vom Zoll mit geklauten Apfelsinen erwischt wurde – und lebenslängliches Hafenverbot bekam. Als Momper Westberliner Bürgermeister wurde, hob die Bremer Hafenverwaltung das Verbot offiziell auf, was die Frontstadtpresse anderntags süfisant meldete.

Eine Zeitung zitierte Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser!“, was im Zusammenhang mit Momper aber keinen Sinn ergab, eher beim Kontrollexperiment der zwei oben erwähnten Firmen. Dort hatte sich jedoch das Gegenteil herausgestellt: Kontrolle ist gut, Vertrauen besser!

Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, in Berlin BVG genannt, scheint das allerdings nicht zu gelten, denn die Angst der Fahrgäste, ohne Fahrschein von Kontrolleuren erwischt zu werden, treibt sie an die Fahrkartenautomaten, wo sie erst einmal ratlos davor stehen und nicht wissen, was sie für eine „einfache Fahrt“ wo anklicken sollen. Also steigt man ohne „Ticket“ ein und kontrolliert dann mit den Augen jeden, der einsteigt, ob er vielleicht ein Kontrolleur sein könnte. Und wenn es einer ist, ob man es schafft, noch rechtzeitig die U-Bahn zu verlassen, bevor der oder die Kontrolleure einen mit dem Satz „Die Fahrscheine bitte!“ ansprechen. Mich hat mein Anzug, den ich meist trage, mehrmals davor gerettet, weil ich darin zu seriös wirkte, um als „Schwarzfahrer“ in Betracht gezogen zu werden. Zwei Mal hat es mich aber doch erwischt: Einmal von zwei männlichen und einem weiblichen Kontrolleurstrio türkischer Herkunft. Sie waren lustig, zahlen mußte ich dann aber im BVG-Büro trotzdem. Beim zweiten Mal waren es freundliche BVG-Rentner und im Büro dann reichte ich zähneknirschend dem Mann am Schalter einen Fünfziger-Euroschein und einen Zehner rüber. Den Fünfziger schon er mir sofort zurück, den Zehner behielt er ein, gab mir dafür aber drei Euro zurück. Ich mußte also nur sieben Euro „erhöhtes Beförderungsentgeld“ zahlen, was mich froh stimmte.

So ähnlich wie unsere Club- oder Stadionjugend, wenn der Türsteher-Kontrolleur am Eingang sie durchläßt. In der Schlange vor der Einlass- und Personenkontrolle sind alle ganz nervös: Hoffentlich werde ich reingelassen.

Nervös wurde ich auch immer, wenn ich bei einem Bauern auf dem Hof arbeitete und der sich neben mich stellte, um genau zu kotrollieren, ob ich auch alles richtig machte – in seinem Sinne. Solche „Kontrollfreaks“ gibt es auch im Privaten: Wenn ich z.B. bei einer Freundin koche und die mir dabei ständig auf die Finger schaut – und die ganze Zeit womöglich hinter mir her wischt, um ihre Küche sauber zu halten. Eine Freundin wollte immer ganz genau wissen, was ich ohne sie gemacht, getan oder mit wem ich was besprochen habe. Sie nannte sich selbst ein „Kontrollfreak“.

Die ganzen, immer mehr werdenden videokamera- oder algorithmusbasierten Überwachungssysteme lasse ich hier weg. So wie die „elektronischen Fußfessel“ für Kriminelle werden seit einigen Jahrzehnten auch alle Tiere – Milliarden: von den Insekten bis zu Vögeln, Fischen und Walen – mittels GPS-Sender, die man an ihnen befestigt, überwacht, d.h. ihre Bewegungen verfolgt. Eine schreckliche Mode von verrohten Biologen, über das ich ein ganzes Buch veröffentlichte: „Das Leben der Anderen“ (2006).

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Der Elefantenforscher Iain Douglas-Hamilton mit Flugzeug

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Russophobie

1948 erklärte der belgische Außenminister Paul Henry Spaak: Die Basis unserer Politik ist die Furcht vor den mörderischen Deutschen. Nein, er wandte sich vielmehr während einer Generaldebatte der UNO-Vollversammlung an den russischen Außenminister und sagte: „Die Basis unserer Politik ist die Furcht vor Ihnen, Furcht vor Ihrer Regierung, Furcht vor ihrer Politik.“

Die Hamburger Schriftstellerin Gabriele von Arnim merkte dazu 1989 in ihrem Buch „Das große Schweigen“ an: „Worte wie diese mußten den Deutschen [drei Jahre nach ihrem verbrecherischen Krieg] wie ein halber Freispruch in den Ohren klingen…Es erlaubte ein Stück Hass von früher ins Heute mitzunehmen. ‚Lernt nur tüchtig Gedichte‘, hörte ein Junge in dieser Zeit in der Schule, ‚solltet ihr auch mal in russische Gefangenschaft geraten, werden euch die Verse helfen‘. Das Feindbild als Zuflucht – das war ein zuverlässiger Hort…‘Als wir Nazis waren’ – das sagte kaum einer. ‚Die Russen kommen – davor warnten viele,“ schrieb die Autorin.

Und heute sind es noch viel mehr, die vor dem Iwan warnen. Schon allein, um angesichts des Ukrainekrieges die Aufrüstung Deutschlands und der anderen NATO-Partnerländer gut zu heißen, wozu der US-Präsident sie gedrängt hatte.

Einst hatte die Wehrmacht die Truppen und die Zivilbevölkerung in der Ukraine bekämpft und gleichzeitig überall Plakate im Land aufgehängt: „Kommt nach Deutschland und lernt an den modernsten Maschinen der Welt“. Auf die Unglücklichen, die der Aufforderung folgten, wartete Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben.

Im Spiegel fragte sich der Kulturforscher Wolfgang Schivelbusch in den Neunzigerjahren, was gewesen wäre, wenn statt der rheinischen Schwerindustrie die moderne Berliner Elektroindustrie mehr Einfluß bei den Nazis gehabt hätte? Sie hätte vielleicht – wie nun die Elektronikkonzerne des Silicon Valley das US-Militär gedrängt, die ganzen Panzer zu verschrotten und stattdessen mit einer Vorform von KI und Drohnen anzugreifen. Viel Überredungskunst brauchte es dazu jetzt in den USA nicht. Die Journalistin Lisa Margonelli schrieb in ihrem Buch „Underbug“ (2018), dass in Harvard Roboterbienen („Mobees“) entwickelt wurden, die militärisch als „Minidrohnen“ eingesetzt werden sollen: „Die Militärs phantasieren bereits riesige Schwärme von tödlichen Insekten, die auf 3D-Druckern hergestellt ein Dollar pro Stück kosten würden.“

2026 berichtete der TV-Sender „Euronews“: „Obwohl die USA ihre Unterstützung für die Ukraine im vergangenen Jahr nahezu eingestellt haben, ist das Gesamtvolumen der Hilfen 2025 relativ stabil geblieben –dank eines Kraftakts der europäischen Länder, allen voran Deutschlands.“

Die Ukrainer bekommen nicht nur deutsche Waffen, sie werden hier auch geschult: „Bei der Ausbildung an den Waffensystemen geht es nicht nur um deren Bedienung, sondern auch um Taktik, damit die Ukrainer eine größtmögliche Wirkung gegen ihren Gegner erzielen können,“ postete ein Oberst auf „bundeswehr.de“. Dabei gilt jetzt das Selbe wie vor dem Rückzug der Amerikaner: „Es ist uns egal, wie viele Ukrainer sterben – wir wollen gewinnen,“ so sagte es der ehemalige US-Senator Richard Black in einer Videobotschaft, in der er den Krieg mit einem „großen Footballspiel“ verglich.

Im Februar 2026 berichtete die „Financial Times“, in der NATO habe man sich mit der Ukraine darüber verständigt: Sollte Russland ein hypothetisches Waffenstillstandsabkommen dauerhaft verletzen, kämen „Kräfte einer ‚Koalition der Willigen‘ zum Einsatz, zu der neben Deutschland viele EU-Mitglieder, Großbritannien, Norwegen, Island und die Türkei gehören.“ Auch das US-Militär wäre dann wieder dabei.

Während all dieser materiellen Anstrengungen und Vereinbarungen nimmt der Revanchismus, das Russland-Hassen und -Bashen zu (der SPD-Mann Alexander Freier-Winterwerb möchte das Denkmal am Treptower Park umgestalten, die Berliner Grünen wollen etwas gegen das „Russische Haus für Wissenschaft und Kultur“ unternehmen).

Es gibt dazu aber auch Bedenkenträger. Im Juni 2026 machte „Der Spiegel“ mit dem Titel „Unser Krieg in Russland“ auf. Bereits auf dem Umschlag hieß es: „Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion wirkt auch nach 85 Jahren in Familien und Politik nach“ – in Ost- und Westdeutschland allerdings unterschiedlich. Im Osten meinen 41% der Befragten, Deutschland solle die Ukraine weniger militärisch unterstützen, während in Westdeutschland nur 24% dieser Meinung sind. Und trotz des russischen Einmarschs in die Ukraine, fühlen sich 25% der befragten Ostdeutschen Russland kulturell näher als den USA, im Westen waren das nur 7%. „Der Spiegel“ vermutete mutig: „Das Feindbild des ‚bösen Russen‘ wurde in Westdeutschland vielleicht nie ganz überwunden.“ Ja – vielleicht, man steckt da ja nicht drin.

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Alice P. Liddell mit Topfpflanze

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Soziale Erfindungen

In den Siebzigerjahren kam es im Nachklang der westlichen Studentenbewegung zu einer Vielzahl sozialer Erfindungen. Im englischen „Guardin“ gab es wöchentlich eine Kolumne, die jedesmal eine solche „Erfindung“, meistens im Erziehungsbereich, vorstellte. In der „Times of India“ wird noch immer gelegentlich über ein neues Schul- oder Kindergartenexperiment berichtet.

In Dänemark gründete sich während der Ölkrise und der Energiediskussionen in den Siebzigerjahren die „Private Bildungsorganisation ‚Tvind’“, deren Ideen von einer linken Gruppe in Westberlin übernommen wurde. Sie gründeten im Wedding in zwei leerstehenden Häusern eine „Werkschule“ für Heimkinder und Heimausreißer (Trebegänger). Ihr Curriculum war von der Marcuseschen „Randgruppenstrategie“ der „68er“ beeinflußt, es bestand u.a. aus der Renovierung der Gebäude und schließlich aus dem Ausbau eines Busses, mit dem man ins Ausland (nach Marokko z.B.) zu einigen linken Gruppen fuhr. Anschließend beendeten die Schüler ihre Ausbildung mit einer Abschlußarbeit über diese Fahrt. Sie hatten das selbe Geld monatlich wie ihre „Erzieher“ bekommen und alle zusammen sich an der alltäglichen Arbeit im Haus beteiligen.

Ähnliches geschah in New York mit der Gründung der „First Street School“ in einer „Arme-Leute-Gegend“. Zuvor hatten dort bereits die „Black Panther“ ein „Frühstücksprogramm“ organisiert.

Auch auf medizinischem Gebiet kam es in den Siebzigerjahren und noch danach immer wieder zu sozialen Erfindungen. Erinnert sei nur an die vielen Projekte der „Anti-Psychiatrie“, von denen es einige bis heute gibt. Genannt sei nur der in Finnland entwickelte „Offene Dialog“, dessen einer Ableger in Leipzig existiert. Als Kritiker der Apparate-Medizin, die soziale Alternativen entwickelten, seien überdies auch noch der Philosoph Ivan Illich und der Neuropsychologe Oliver Sacks genannt. Auf anderen Ebenen haben auch die mexikanischen Zapatisten sich bei der Organisation ihres Widerstands eine Vielzahl von sozialen Erfindungen einfallen lassen. Ebenso stößt man bei der Hinwendung zu indigenem Denken und Handeln (zu „Indigenialität“) auf viele soziale Erfindungen, die geeignet sind, dem westlichen Weltverständnis und seiner technologischen Herrschaft über die Natur entgegen zu wirken.

In jeder Bürgerinitiative oder Protestgruppe (von Waldschützern z.B.), die sich auf eine längere Auseinandersetzung einläßt, werden soziale Erfindungen nötig und auch erdacht.

Das gilt u.a. für die „Bürgerinitiative Grünheide“, die den Widerstand gegen die Tesla-Fabrik organisiert. In dem Aufsatzband „Teslokratie“, die kürzlich als „Nautilus Flugschrift“ veröffentlicht wurde, von C. Chwatal, A. Karschnia und H.Lattner, findet sich dazu die Chronologie ihrer Aktivitäten eines Beteiligten von 2019 bis 2026. Am Schluß des Bandes haben die Herausgeber ein Interview mit dem US-Autor der „Mars-Trilogie“ Kim Stanley Robinson abgedruckt. Darin meint dieser: „Erst durch den Gebrauch vormenschlicher Technologien haben wir uns überhaupt zu Menschen entwickelt…Unsere Lösungen werden immer auf die eine oder andere Art technologischer Natur sein.“

Ein solches Ingenieur-Denken scheint mir typisch amerikanisch zu sein. Es ist jedoch längst globalisiert und das, obwohl der den Ingenieuren eingeimpfte „Fortschritts“-Begriff längst von Zweifeln heimgesucht wird. Mit der US-Journalistin Elizabeth Kolbert könnte man sagen, es handelt sich bei ihnen „um Menschen, die Probleme zu lösen versuchen, die Menschen beim Versuch, Probleme zu lösen, geschaffen haben“.

Desungeachtet gilt, dass die „sozialen Erfindungen“ mit dem „Regime-Change“-Bestrebungen der empathiefeindlichen Silicon-Valley-Mafia und überhaupt den rechten Neoliberalen fast weltweit nicht mehr gefragt sind. Im Gegenteil, fragt so mancher, den man darauf anspricht, zurück: „Was soll das denn sein?“ Anderen fallen dabei prompt die „Sozialen Medien“ ein. Dem hielt 2025 Geert Lovink mit „Extinction Internet“, seiner Antrittsvorlesung als Professor für Kunst- und Netzwerkkulturen an der Uni Amsterdam, entgegen: „In den letzten zehn Jahren ist das Internet schnell vom Status, die Lösung zu sein zu einem Teil des Problems geworden – unfähig, seine eigenen zerstörerischen Trends umzukehren.“ Eine junge Tierpflegerin namens Elisa Mende meinte: „Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen.“ Das ist wahrscheinlich ein Grund für das Verschwinden von sozialen Erfindungen aus unserer Aufmerksamkeit. Ein anderer ist der um sich greifende Individualismus.

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Alfred Sohn-Rethel vor Bremer Kolonialdenkmal

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Alfred Sohn-Rethel, gemalt von Kurt Schwitters

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Mitleidige Helfer

Nietzsche fragte: „Ist es euch selber zuträglich, vor Allem mitleidige Menschen zu sein? Und ist es den Leidenden zuträglich, wenn ihr es seid?“ Ich komme zwecks Beantwortung noch einmal auf den kenianischen Ökologen Mordecai Ogada zurück und seine Kritik am Naturschutz in Afrika: „The Big Conservation Lie“. Für Ogada besteht der größte Fehler beim Naturschutz darin, die Menschen zu vergessen. Die Zeitschrift „Geo“ fragte ihn: »Wer lügt?« Er antwortete: »Sobald jemand denkt, er wäre ein Retter: Das ist der Moment, an dem alles schiefgeht. Es gibt keine Heilsbringer. Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten.“

Als Beispiel erwähnt Ogada eine NGO, die im Norden Kenias ein Schutz-gebiet für Nashörner eingezäunt hat: „Dort gibt es gutes Weideland und dauerhaft Wasser. Die Gegend ist sehr trocken, also ist Wasser sehr wichtig. Wegen des Zauns können aber die Menschen dort ihre Herden nicht mehr tränken. Sie zerschneiden den Zaun und werden verhaftet. Das ist ein Konflikt, den es ohne Zaun nicht gäbe. Naturschutz ist nicht nur Biologie. Er ist Soziologie, Geschichte, Politik, Anthropologie. Diese Nashörner leben nicht auf einer einsamen Insel. Und somit trägt die Wissenschaft zur Apartheid bei. In den Anzeigen sieht man weiße Touristen, Savanne bis zum Horizont und sonst keine Menschen. Sie lassen mit Photoshop Dörfer verschwinden und preisen ein Produkt an, das nicht existiert. Naturschutz ist der neue Kolonialismus. Früher nahm man den Afrikanern das Land mit Gewalt ab. Heute ist das nützlichste Werkzeug, um an Land zu kommen, ein Nashorn.“

Mitleidige Retter gab und gibt es jedoch auch hierzulande. Wollen sie auch Land gewinnen? Es waren zunächst begüterte Ehefrauen, die in die Armenbezirke gingen, um den Familien dort christliche Nächstenliebe, Sauberkeit, Ordnung und Nüchternheit zu predigen. Sie waren die ehrenamtliche Hilfstruppe von Pfarrern und Priestern. Der Hintergrund für solch Engagement war nicht zuletzt die Angst des Bürgertums vor Seuchen und Aufständen. Das änderte sich auch nicht, als der Journalist Henry Mayhew in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts systematisch die Lebensbedingungen in den Londoner Slums studierte – und 1851 publizierte. Wenig später taten es ihm deutsche Armutsforscher nach – zunächst im Arbeiterbezirk Friedrichshain. Parallel dazu entwickelten sich dann aber auch die ersten Hilfsorganisationen und Suppenküchen.

Die ehrenamtlichen Helfer werden besonders gerne von konservativ-reaktionären Politikern motiviert, die ansonsten vor allem dem Kapital zugute kommende Maßnahmen und Gesetze beschließen. Auch jetzt wieder. Seit einiger Zeit sind denn auch erneut die begüterten Ehefrauen und ansehnlich lächelnden Damen aus der Mittelschicht dabei. Sie bekommen gelegentlich Geldpreise für ihr hilfreiches Engagement.

Die Zeitung „Bild der Frau“ wirbt mit ihren Porträts in den Bahnhöfen. 2026 beglückwünschte sie fünf Preisträgerinnen, mit denen sie zuvor geworben hatte. Rita Ebel: „Wir bauen Brücken für mehr Teilhabe“; Charlotte Arnold: „Wir lassen junge Mütter mit Krebs nicht allein“; Jermabelle Westner: „Wir helfen Kindern raus aus den Armutsbezirken“; Dr. Juliane Kronen: „Wir verwandeln Überfluss in Hilfe“; Kara Schott: „Wir sorgen dafür, dass Mensch und Tier zusammenbleiben“. Weil die Armut zunimmt, wirbt deswegen eine Dame zur Zeit für ihr Projekt „Wir helfen Kindern in Armutsbezirken“.

Rita Ebel, auch „Lego-Oma“ genannt, hat konkret neben ihrem Mann ein Dutzend Helfer, mit denen sie an Treppen Rampen für Behinderte aus Leog-Steinen baut. Im Juli hat man sie damit nach Amerika eingeladen zu einem Baptisten-Kongress „Social Inclusion – Two-Way Empathy“.

In den USA, wo der Staat derartiges traditionell bürgerschaftlichem Engagement überläßt, werden solche Initiativen auch gerne von Künstlern und Wissenschaftlern übernommen. So unterbrach 1987 z.B. ein New Yorker Fotograf sogar sein Berlin-Stipendium, um nach Hause zu fliegen, wo er vor einer Kirche für die Verteilung von Essen für Obdachlose eingeteilt worden war. Andy Warhol formulierte diesbezüglich einmal einen Verbesserungsvorschlag: Statt regelmäßig Lebensmittel zu verteilen, sollte man lieber für anständige Toiletten und Duschen in der Stadt sorgen und Kleidung für die Obdachlosen zur Verfügung stellen, dann könnten sie sich jederzeit bei Vernissagen und Premieren einfinden und dort kostenlos essen und trinken.

Auch in Berlin gab es bis 1989 bei Ausstellungseröffnungen in vielen Galerien noch belegte Schnittchen, Wein, Bier und Mineralwasser für jeden. Ich kannte vier Arme, die dieses Angebot regelmäßig nutzten und sich dabei in Kunst schulten. Seit den Neunzigerjahren gibt es stattdessen nur noch „Tafeln“, an denen Ehrenamtliche (in der Nachwende-DDR auch ABM-Kräfte) Lebensmittel an Bedürftige austeilen, sogar Tierfutter – für arme Hunde- oder Katzenbesitzer. Inzwischen haben die über 980 deutschen „Tafeln“ mit ihren 77.000 Helferinnen einen eigenen „Dachverband“. Er bildet mit der „Dachser Food Loistics“ eine „Allianz für Lebensmittelrettung“. Sie sammelt pro Jahr rund 265.000 Tonnen Lebensmittel ein und die „Tafeln“ geben diese an rund 1,5 Millionen Menschen weiter.

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Der russische Dresseur Anatoli Durow mit einem Affen

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Mitgefühl und Autismus (1)

Nachdem die autistische US-Nutztierexpertin Temple Grandin auf einer Ranch mit einem Fang- und Behandlungsstand für Rinder gearbeitet hatte, in dem diese fixiert wurden, baute sie einen ähnlichen Stand für sich selbst: einen „Berührungsapparat“, den sie PACES nannte: Pressure Apparatus Controlled Environment Sensory. Er steht in ihrem Schlafzimmer und ermöglicht ihr „zu lernen, wie man sanft und liebenswürdig reagiert und Mitgefühl entwickelt … Ich lernte zu fühlen … Die Wahrnehmung des beruhigenden Drucks, den mein Apparat auf mich ausübte, versetzte mich allmählich in die Lage, Mitgefühl zu entwickeln,“ schreibt sie in ihrem „Lebensbericht einer Autistin. Durch die gläserne Tür“ (2014). Darin zitierte sie einen autistischen Mann: „Ich war sehr kaltherzig. Es war mir nicht möglich, zu lieben oder Liebe anzunehmen … Ich ziehe Dinge Menschen vor und mache mir überhaupt nichts aus meinen Mitmenschen.“ Ein Psychiater notierte laut Grandin über einen anderen autistischen Erwachsenen, „er scheint nicht in der Lage zu sein, sich ganz selbstverständlich in einen anderen hineinzuversetzen“.

Ein Mangel an Empathie gilt „als zentrales Merkmal des Autismus-Spektrums“, heißt es in einem Forschungsbericht, der 2008 in der Online-Zeitschrift der Max-Planck-Gesellschaft „mpg.de“ veröffentlicht wurde. Temple Grandins Arbeit und ihre Berichte legen nahe, dass es ihr leichter fiel, Mitgefühl für Tiere als für Menschen zu entwickeln, wobei sie davon ausgeht, Tieren und Autisten ist gemeinsam, dass sie in Bildern denken, die sie wie Filme abspielen können, und dass Autisten das Außen zuerst in Details wahrnehmen, wohingegen Nichtautisten zur abstrakten Wahrnehmung neigen. Sie zeichnen einen Hund, während Autisten den Hund zeichnen, meint Temple Grandin. Und während sie selbst an einem Baum erst einige Blätter sieht, dann Zweige, Äste usw. und schließlich den ganzen Baum, würden Nicht-Autisten umgekehrt zuerst den Baum sehen und dann Einzelheiten daran wahrnehmen. Zwei Bücher von ihr seien erwähnt: „Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier. Eine Autistin entdeckt die Sprache der Tiere“ (2006) und „Visual Thinking. The Hidden Gifts of People Who Think in Pictures, Patterns and Abstractions“ (2022).

Ein Sprecher des „Chaos Computer Clubs“, Frank Rieger, der in den letzten Jahren wiederholt Hightechfirmen im Silicon Valley besucht hat, erzählte, dass dort vor allem „Autisten“ arbeiten, die sich ihre Stimmung mit LSD Microdosing aufhellen; es hilft ihnen, ihre Arbeit zu optimieren. Auch das Berliner IT-Dienstleistungsunternehmen „Auticon“ stellt gezielt autistische Fachkräfte ein. Der „Tagesspiegel“ berichtete am 18.2. 2026, dass der vom ultrarechten Investor Peter Thiel und von Elon Musk gegründete US-Konzern „Palantir“, der Überwachungssoftware an CIA, Mossad, Pentagon und Bundeswehr liefert, ebenfalls „Autismus als Superkraft“ begreift und vermehrt solche „Neurodivergenten“ einstellen will, wie sein Vorstandsvorsitzender Alex Karp verkündete. Er hält sie für die „kognitive Elite“, im Gegensatz zu den von Universitäten „stalinistisch gehirngewaschenen“ Absolventen. Gerade die Autisten seien wie geschaffen für eine „KI-getriebene Welt“.

Diese solipsistischen Computernerds bilden möglicherweise den sozioöko-nomischen Hintergrund für die vehemente Ablehnung der „Empathie“ durch die Drahtzieher der asozialen MAGA-Bewegung und ihre Verachtung der Armen und aller Nichtweißen. Darüber hinaus ist dieser Hintergrund bereits Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz zur Verdinglichung von Beziehungen und umgekehrt, einen um sich greifenden Hang zu libidinösen Besetzungen von Dingen. So erzählte mir z.B. der schleswig-holsteinische Milchbauer Mathias Stührwoldt, der in seinen Büchern oft und gerne über seine Kühe berichtet, dass es inzwischen sogar Landwirte gibt, die Angst vor ihren eigenen Tieren haben – vor ihrer Unberechenbarkeit – und lieber mit Maschinen arbeiten.

Die Zeitschrift „Nature“ veröffentlichte am 18.2.2026 einen Artikel über Autisten. Darin heißt es: „Die Zahl älterer Menschen mit Autismus steigt rapide an. Eine Studie, die Daten aus mehr als 200 Ländern analysiert und letztes Jahr online veröffentlicht wurde, berichtet, dass die Zahl der Menschen mit Autismus im Alter von 70 Jahren oder älter von 894.700 im Jahr 1990 auf fast 2,5 Millionen im Jahr 2021 gestiegen ist. Laut der Studie wird sich diese Zahl bis 2040 voraussichtlich auf 5,1 Millionen Menschen verdoppeln.“

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Die Malerin Frauke Höge mit Dackel

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Mitgefühl (2)

Auf „utopia.de“ befaßt sich ein Artikel mit der „Empathie für Tiere“: „Warum sie so wichtig ist – nicht nur für Timmy“. Mit Timmy ist der in der Ostsee gestrandete Buckelwal gemeint, der dann von der Küste der Insel Poel per Kran zurück Richtung Nordsee gebracht wurde.

„Noch Anfang April hatten Expert:innen seinen Zustand als kritisch eingestuft, weitere Rettungsversuche ausgeschlossen; stattdessen erhielt er palliative Hilfe. Doch bundesweit regte sich Widerstand gegen diesen stillen Abschied. Menschen protestierten, wollten sich nicht damit abfinden, dem langsamen Sterben zuzusehen. Der Wal wurde zum Symbol für Hilflosigkeit, aber auch für Hoffnung.“ Der Biologe Robert Marc Lehmann sagte: „Der Wal bringt das Beste und das Schlechteste in uns hervor.“

Zwar starb der Wal dann in der Nordsee, aber seine Rettungsversuche kosteten ein Vermögen (von einem Reichen gespendet) und beschäftigte viele Menschen, zu schweigen von den Journalistenmassen.

Für den „utopia.de“-Autor gilt desungeachtet: „Empathie gegenüber Tieren ist mehr als sentimentale Regung – sie ist ein Maßstab dafür, wie weit eine Gesellschaft bereit ist, Verantwortung über die eigene Spezies hinaus zu denken. Wer das Leiden eines Tieres wahrnimmt und nicht ignoriert, erkennt an, dass Leben nicht erst im Menschlichen beginnt.“

Es gibt Anzeichen dafür, dass wir es angesichts der immer beunruhigenderen Weltlage (Kriegsgefahr, Klimawandel, Aufrüstung statt Sozialpolitik, Flüchtlingsablehnung statt Flüchtlingsintegration usw.) mit einer Verschiebung der Empathie zu tun tun haben könnten – von Menschen zu Tieren. So schrieb z.B. die NZZ-Redakteurin Birgit Schmid 2018: „Manchmal leidet man mit Tieren stärker mit, als dass einen Kriegsbilder aus Syrien noch erschüttern. Unsere Empathie zu Tieren kennt keine Grenzen. Das macht auch unbehaglich.“ Ähnlich empfand es eine Briefschreiberin auf „psychomeda.de“: „Ich bin weiblich und 49 Jahre alt. Mein Problem ist, dass ich für Tiere erheblich mehr Mitgefühl empfinde als für Menschen! Und ich befürchte, dass das nicht normal ist!!! Wenn ich wählen müsste, würde ich in einer Notsituation von meinem Gefühl her wahrscheinlich eher einem Tier helfen als einem Menschen.“

Die Schriftstellerin Doris Lessing hatte keine solche Bedenken. In einem ihrer wunderbaren Katzenbücher gestand sie, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauere als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten. Auch die finnische Ethnologin und Vogelbeobachterin Ulla-Lena Lundberg meint (in: „Sibirien: Selbstporträt mit Flügeln“ 2003): „Ich will nicht leugnen, dass ein Teil des Entzückens, mit anderen Vogelguckern gemeinsam draußen unterwegs zu sein, in der unausgesprochenen Überzeugung liegt, die Vögel verdienten das größere Interesse“ – als die Menschen.

So ähnlich geht es auch mir, seitdem ich ab 2002 anfing, Biologie zu studieren und dabei quasi hinterrücks in eine Anthropause geriet, die immer noch anhält. In anderen Kulturen, etwa in Japan und Indien, ist diese Trennung (zwischen Kultur und Natur) weniger streng. So meint z.B. der Verhaltensforscher Junichiro Itani: „Die japanische Kultur macht kein Aufhebens um den Unterschied zwischen Menschen und Tieren und ist damit bis zu einem gewissen Grad vor den Verlockungen des Anthropomorphismus geschützt…Wir sind davon überzeugt, daß dies zu vielen wichtigen Entdeckungen geführt hat.“ Leider ignorierte man im Westen ihre Forschungsarbeiten, vornehmlich an Affen, nahezu komplett. Noch weiter geht man bekanntlich in Indien. Es reicht, dazu Mahatma Gandhi zu zitieren: „Eine Zivilisation kann man erst danach beurteilen, wie sie ihre Tiere behandelt.“

Wenn man hierzulande den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit den seit 2000 aus dem Osten eingewanderten Wölfen mitverfolgt, dann kann man nur zu dem Urteil kommen, dass es mit unserer Zivilisation nicht allzu weit her ist. Gegen die konservativ neoliberale Entwicklung seit der sogenannten Wende bemühen sich Tier- und Naturschützer mit geringem Erfolg trotzdem um die „Förderung des Mitgefühls für Tiere“, wie es auf „vegeco.org“ heißt. Es ist dies eine Firma, die sich für vegane Ernährung einsetzt zugunsten vor allem von Nutztieren, und dazu „5 Wege“ aufzeigt mit „praktischen und inspirierenden Ansätzen“.

Ähnliches bietet auch ein gewisser Roger Kern auf seinem blog, der mit Menschen so seine Probleme hat: „Wissen Sie, wann es mir richtig gut geht? Wenn ich mich mit Tieren umgebe. Dann ist meine Welt in Ordnung, ich bin entspannt und fühle mich sicher. Das sind diese Momente, die niemals enden sollen. Erfahren Sie mehr über meine Verbindung zu Tieren und die Akzeptanz im Alltag.“

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Die Baumschützerin Julia Hill auf einem Baum

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Katastrophen

Die Katastrophenphilosophie ist noch immer aktuell, meinte der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich. Die „Katastrophennähe verwandelt in Katastrophenpräsenz macht aufmerksam auf eine Form der Sucht, die mir heute die herrschende zu sein scheint.“ Die wesentliche Verlockung in den Medien ist: Ereignissucht. „Ereignissucht aber, insofern sie eine allgegenwärtige Katastrophenfaszination verrät und ausstrahlt, hat den Namen ‚Katastrophensucht‘ verdient. ‚Süchtig nach Katastrophe‘ ist heute die aktuelle Form der Formel ‚süchtig nach Sog‘.“

Das epiphanisch hochgestochene Wort „Ereignis“, das aus der Mysteriensphäre stammt und von „Eräugnis“ (eräugen, zeigen, vor die Augen bringen) kommt, wurde zur gängigen Münze alltäglicher Kommunikation (vom Kaufereignis bis zum Weihnachtsmarkt und den Protestaktionen). Dahinter steht eine neuerblühte „Mysteriensehnsucht“. Es hat einen gewalttätigen Zug; „es bricht die Zusammenhänge auf, die wir ohnehin nicht mehr durchschauen können“. Anders als das „Erlebnis“ läßt sich das „Ereignis“ weder „haben“ noch mit sich nehmen. Dabei tritt die Katastrophe selbst als der gesuchte Reiz hervor, die „den sexuellen Reizen eindeutig den Rang abgelaufen“ hat. Nur wo diese „katastrophisch verbrämt sind, sind sie solche, sonst bleiben sie den Bedürfnissen einer Generation, die sich vor Katastrophen fürchtet, vorbehalten – So weit selbstverständlich – und doch befremdend.“

Die ungerührte Hinnahme der realen Katastrophen scheint zu bekunden: „sie sind immer noch nicht katastrophisch genug, jede Möglichkeit der visuellen Steigerung wird ausgeschlachtet, die Phantasmagorien laufen der Realität, und zwar mit dem Anspruch, selbst real zu sein oder doch wenigstens so potent, dass sie die Wirklichkeit hinter sich herzuziehen vermögen, lustvoll davon.“

„Katastrophenfaszination und, ihr entsprechend, das süchtige Hinarbeiten auf die Katastrophe scheint im großen das zu sein, was unser ‚normales‘ alltägliches Suchtverhalten im kleinen ist…Und es sind ja auch die gleichen Subjekte, die hier von den Suchtmitteln des Konsums und dort von der medialen Exaltation der Verarbeitung realer und imaginärer Katastrophen angezogen und mit schöner Regelmäßigkeit enttäuscht werden (und die Enttäuschung immer auch herbeizuführen trachten, süchtig nach Enttäuschung, sind, die allein sie weiterbringt auf dem Vertilgungsweg).“

Die „sexuell aufgeladene Realerfahrung und Metaphernwelt des Sogs“ – mit seiner „Maelströmfaszination“, also „diese Schoßmetapher für Vereinigung durch Ausgelöschtwerden“, scheint Heinrich ein sehr realistisches Bild „historischer Ambivalenz und Schuldgefühle, und zwar auf dem Hintergrund der Geschlechterspannung zu sein – die ja das Movens aller Faszination“ ist. Die Figuren von E.A.Poe und Jules Verne versuchen mit ihrem neuen analytischen Umgang mit diesen Metaphern der Sogfaszination zu widerstehen und – „auszusteigen“. „Diese Möglichkeit, auszusteigen, ist heute ebenfalls illusionär, aber für das Thema Sog und Sucht hat gerade diese Illusion Brisanz.“

„Die überspitzte Formulierung: ‚die Welt selbst aus der Welt zu schaffen, und ihr nach!‘ erscheint nur so lange als abstrakte Konstruktion, wie wir sie bildlos dem Maelström gegenüberstellen…Wir bewegen uns in katastrophisch eingefärbten Untergangs- und Auferstehungsvisionen, damit immer noch in einem großen, kosmisch geweiteten Initiationsraum. Und damit nicht genug: Chaostheorien beschwören die Selbstordnungskräfte der Materie und lassen uns als Nutznießer davon profitieren. Wirklich populär geworden aber ist das Bild – die große Phantasie vom ‚Schwarzen Loch‘.

Dazu aktuell – die Bild-Zeitung: „Weltallmonster bedroht Erde. Vor zwei Stunden Schwarzes Loch in Erdnähe entdeckt! Verschlingt alles erbarmungslos! Unser Reporter interviewt den Entdecker exklusiv!“

„Nature“ – sachlich: „Ein Schwarzes Loch in 12 Lichtjahren Entfernung – die Strecke, die Licht in zwölf Jahren zurücklegt. (Licht breitet sich mit knapp 300.000 Kilometern pro Sekunde, d.h. mit etwa einer Milliarde Stundenkilometern aus). Das neu entdeckte Schwarze Loch ist nur dreimal so weit vom Sonnensystem entfernt wie unser nächster Nachbar, der Stern Alpha Centauri, und gehört damit zu unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft. Die Europäische Raumfahrtagentur ESA hat sofort die Entsendung einer unbemannten Raumsonde angekündigt, die fundamentale neue Erkenntnisse liefern wird. Diese Mission ist ein Generationenprojekt: Bis die Sonde das Schwarze Loch erreicht, werden Jahrzehnte vergehen und wenn dann die ersten Daten zur Erde gefunkt werden, brauchen sie weitere 12 Jahre für den Rückweg.“

Aber vielleicht ist alles ganz anders: Am 30. November 2020 im Wissenschaftsforum „spektrum.de“: Wenn „die Masse des Universums in seinem Hubble-Radius so groß ist wie die Masse eines Schwarzen Lochs im gleichen Radius“, dann läßt sich unser ganzes „Universum als das Innere eines Schwarzen Lochs annehmen“, was bedeute, „wir leben in einem Schwarzen Loch“, sind also schon drin. Das konnte Klaus Heinrich 1993 noch nicht wissen.

Bei ihm heißt es weiter über das Schwarze Loch: „Der sexuelle Phantasiehorizont in dem die Forschung metaphorisch eingebunden bleibt, wird aufdringlich deutlich im sogenannten ‚Keine-Haare-Theorem‘ [des Physikers John Wheeler]: ‚Ein Schwarzes Loch hat keine Haare‘ (das bezeichnet den Umstand, dass die Beschaffenheit des Körpers, aus dessen Zusammensturz es resultiert, keinen Einfluß hat auf die Größe und die Gestalt des Lochs.“

„Doch so stark ist die Macht der mit Geschlechterspannung verfahrenden Phantasie, dass dieses letzte katastrophische Suchtprodukt – so möchte ich es angesichts seiner Popularität einmal nennen – doch wieder als Schoß und Schlund erscheint, freilich einer, der nur noch in der einen, der zerstörerischen Richtung tätig ist.

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Der Filmdozent Martin Otting im Strandkorb

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Begehren

Klaus Heinrich sprach in seinem nichtöffentlichen Vortrag, den er 1993 in der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Rudolf Virchow der Freien Universität hielt, von einem „Begehrensmodell“ und davon, dass Begehren „ins Leere laufen“.

In einem abendlichen Mailaustausch mit einer Freundin merkte ich dazu an: Aber ich kenne Dutzende von Begehren, die das Begehrte bekamen, beginnend in der Kindheit mit der elektrischen Eisenbahn.

Dem hielt sie entgegen: „Etwas Anschaffen, Haben, Kaufen wollen – erfüllbare Wünsche sind kein Begehren. Man will ja immer etwas anderes und lässt sich am Ersatz an der Nase führen. Man will das Begehren, nicht die Erfüllung.“

Aber wenn das Begehren doch drängt, hin zu dem Begehrten aktiv zu werden… Oder meinst Du, dass das Begehren im Urgrund immer ein sexuelles ist, Begierde, Wollust?

„Nein. Es ist ein ins Leere gerichtetes Sehnen. Kann sich in fast allem Schein manifestieren und deshalb süchtig machen. Vielleicht ist es zum Teil Ergriffenheit vom Leben? Das ein Glücksrausch sein soll wie ein Wasserfall oder so, aber keine Attrappe?“

Der März-Verlag hat einmal das Buch einer Autorin veröffentlicht, in dem es um sexuelles Begehren und eine elektrische Eisenbahn ging.

„Wer will schon eine elektrische Eisenbahn, sie ist vielleicht interessant, weil man sich immer noch einen und noch einen Waggon dazukaufen/wünschen und so das Begehren rauszögern kann.“

Dabei die sexuelle Erfüllung nicht ins Leere laufen zu lassen, das wäre schon sehr speziell, stimmt. Aber was ist mit lustdirigiertem Lesen und Schreiben, ein Begehren, das sich doch laufend erfüllt.

„Der Antipode zum Begehren ist die Liebe, denke ich. Da ist ‚Erfüllung‘ nicht das Ziel.“

Dann scheint es mir fast identisch mit der „Sucht“ – „ein Wort für den in selbstzerstörerischer Befriedigung leerlaufenden Begehrensprozeß“, wie Heinrich sie definiert. „Sucht“ und „Siech“ haben sich erst spät getrennt. Zuvor hätte die Romantik das „Siechtum“ bereits existentiell aufgeladen und gegen den Fortschrittsbegriff der Aufklärung ins Spiel gebracht. Heute verdanke die Sucht ihre gesellschaftliche Karriere im „Zerfall des Fortschrittsglaubens“ der „gleichsam leerlaufenden Begehrensstruktur“.

Es gibt eine „Zielstrebigkeit des Süchtigen“, sie ist an die Stelle „zielstrebigen Fortschreitens“ getreten. Wobei man bei der Sucht auch immer das Wort „Suche“ mithört. Sich Sehnen als Sucht. Zum Wort „Sehnsucht“ zitiert Klaus Heinrich Goethe: „Nur wer die Sehnsucht kennt/ weiß was ich leide“ – dazu würden „brennende Eingeweide“ assoziiert.

Wichtig dabei – der Sog: Sucht ist eine saugende Strömung, die sich mit dem Metaphernbereich des Meeres verbindet, „eines der faszinierendsten Symbole des Unbewußten“, aber auch mit der oralen Erfahrung des Saugens, das im „Gesogenwerden“ einerseits „eine von der Anstrengung des Saugens entlastende halluzinativ infantile Umdeutung erfährt und andererseits dem weiblichen Part der genitalen Kopulation eine durchaus männlich fixierte, d.h. mit männlichen Lustvorstellungen und Ängsten besetzte ursprungsmythische Überhöhung, richtiger: Vertiefung, bietet.“

„Immerhin trägt das Bild des Meeres und seiner Gefahren als Metapher des Unbewußten weibliche Qualität, auch und vor allem die der vielversprechenden gefährlichen Verlockung, und definiert so das Unbewußte (in der Instanzenlehre Freuds markiert als ‚Es‘) einmal mehr als den weiblichen Pol der Geschlechterspannung gegenüber dem abenteuernden, zum Beispiel das Meer durchpflügenden, männlichen Ich.“

Die psychische Disposition des „Sogs“ ist also nicht nur „die halluzinierte Erfüllung eines Triebwunschs,…sondern berührt auch der Zusammenhang, genauer gesagt, die uns aus Mythologie, Liebesspiel und Analyse wohlbekannte Vertauschung von Mund und weiblichem Genital, die Zusammengehörigkeit also von Gefahr beschwörender und bannender Oralität.“ Bis hin in die entwickelsten Formen der Sprache, mit dem die Gefahr zugleich verkörpernden – um den Preis des Mitausgelöschtwerdens – sie auslöschenden weiblichen Schoß: „‚Sog‘ als Schoßmetapher, sozusagen der Schoß in actu, der uns in Totalregression in sich hineinzuziehen verspricht, überschreitet freilich die Imagines von Geschlecht und Mund, ist daher nicht nur Grund der Faszination von Türen und Ursprungsmäulern, sondern aller jener gefahrvollen Situationen, die uns immer wieder in die Nähe des Ausgelöschtwerdens mit selbstzerstörerischer Lockung vor Augen führen und die wir darum mit lustvollem Schauder teils herbeiführen teils aufsuchen.“

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Die Ex-Lehrerin Ushma Zimmer auf einem polnischem Klettergerüst

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Kleopatra

Peter Sloterdijk widmet sich u.a. der letzten Königin des ägyptischen Ptolemäerreiches: „Die Phantasie, wonach Kleopatra sich von einer Giftschlange töten ließ, hat das Imaginäre des Westens immer wieder beschäftigt.“ Kleopatras Leben und Sterben wurde oft verfilmt, weltberühmt wurde der Hollywoodfilm mit Liz Taylor als Kleopatra – wodurch ihre Darstellerin fast noch berühmter wurde. Im ersten Band seiner „Denktagebücher“ (2008-2011) trug Sloterdijk ein: „Liz Taylor gestorben“.

Er denkt aber nicht weiter über die Schlange und Kleopatra nach, sondern kommt auf ihre Brüste zu sprechen; da sie „zum visuellen Patrimonium Alteuropas gehören“. Dabei scheint er an ein konkretes Bild gedacht zu haben – von den unendlich vielen, auf denen die Maler dieses Motiv gewählt haben: Kleopatra mit entblößten Brüsten auf dem Diwan und neben ihr eine meist etwas kümmerliche Kobra. „Man weiß nicht, ob sie an einem noch lebenden oder schon toten Körper zu sehen ist,“ schreibt Sloterdijk. „Der tragische Akt öffnet das Blickfeld für den gebildeten Voyeur. Ihre Brüste blühen in todesnaher oder postmortaler Unerreichbarkeit.“

Die Bilder mit der vom Kobrabiß schon halb betäubten letzten Königin des ägyptischen Ptolemäerreiches – das waren quasi westliche Auftragsarbeiten für reiche Sammler. Kleopatra hatte sich die Kobra aus Liebe zu einem Römer in die Brust beißen lassen: zum Feldherrn Marcus Antonius. Kleopatra VII. war die bedeutendste unter den römischen Klientelherrschern des Orients. Und die Kobra (lat: „Naja naja“) war den Ägyptern heilig. Das sonst nüchterne Wikipedia thematisiert die Kobra aber nicht, schwelgt dafür in der Beschreibung der groß inszenierten römisch-ägyptischen Hochzeit: Kleopatra schritt als irdische Inkarnation der Göttin Aphrodite (Isis in Ägypten) dem neuen Dionysos Antonius entgegen, der sich zuvor mit der griechischen Kultur beschäftigt und sich über Dionysos, den Gott der Ekstase und des Rausches, kundig gemacht hatte.

Der Münchner Professor für Alte Geschichte Martin Zimmermann veröffentlichte 2018 ein Buch über „Die seltsamsten Orte der Antike“. Darin schreibt er über Kleopatras Selbstmord durch einen Kobrabiß in ihre Brust: „Eine agile Kobra hätte sich nicht einfach unter Feigen verbergen und wie [Kleopatras Biograph] Plutarch berichtet, problemlos an den römischen Wachen vorbeischmuggeln lassen. Zudem sei die Reaktion der Giftschlangen völlig unberechenbar. Zimmermann plädiert für eine „einfachere Lösung: Vermutlich trank die Königin mit ihren Dienerinnen ein aus Pflanzen zubereitetes Gift.“ Möglich, aber kein Kleopatra-Maler hätte gerne auf Brüste und Schlange verzichtet.

Demnach wäre Kleopatras Tod durch die Kobra ein Mythos oder ein Medienfake. Auf einem Gemälde von Sir Lawrence Alma-Tadema läßt sie, ähnlich wie auch im Asterix-Comic, das Gift vorab an Sklaven testen. Ihr zu Füßen liegt ein Leopard. Der Grund ihres Selbstmords war auch, dass sie sich schuldig fühlte, vermuten Kleopatraexperten und Liz Taylor hat das auch sehr schön rübergebracht, wie man so sagt: Kleopatra hatte ihren vor Oktavians Truppen geflohenen Ehemann Mark Anton ausrichten lassen, dass sie Selbstmord begangen habe, woraufhin der sich in sein Schwert stürzte, was man ihr dann berichtet hatte.

Eine vergleichbar tragische Konstellation gab es breits im Mythos von Orpheus und Eurydike, wie er von Vergil erzählt wird: Der Sohn von Apollon will die Nymphe Eurydike vergewaltigen, sie flüchtet, wird von einer Schlange gebissen und stirbt. Ihr Geliebter, der Sänger Orpheus, versucht daraufhin vergeblich, sie aus dem Hades zurück zu holen. Wenig später wird er Ovid zufolge von Mänaden, den berauschten Anhängerinnen des Dionysos, zerrissen. Man erfährt nicht, ob Eurydike durch einen Kobrabiß starb. Aber es gab damals noch Kobras in Griechenland.

Peter Sloterdijk schreibt über Kleopatra: „Seit sie mit den Attributen der Isis auftrat, um ihr 30. Lebensjahr, lebte sie jenseits von Unberührtheit und Defloration; mit jeder Orgie schien ihre Jungfräulichkeit sich zu vervollkommnen…Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, wenn ein phantasievoller englischer Theosoph nach 1900 eine Seelenwanderung von Kleopatra zu Maria schilderte, der zufolge Jesus nicht nur unbefleckt empfangen, sondern auch mit einem ägyptischen Logos ausgestattet war.“ Was immer das gewesen sein mag.

Der verstorbene Medienwissenschaftler hatte eine andere Erklärung für diesen Kleopatra-Faible der Künstler: „Sie wollten nicht immerzu die keusche ‚Heilige Familie‘ malen, sondern lieber etwas Erotisches oder gar Pornographisches.“

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Wolfgang Neuss mit Fritz Teufel

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Katzen (1)

Die Schriftstellerin Doris Lessing besaß viele Katzen in ihrem Leben und veröffentlichte mehrere Bücher über sie. Sie meinte zuletzt, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauere als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten.

Ja, sagt da das Magazin der Max-Planck-Gesellschaft „Forschung“ in seiner Ausgabe vom Mai 2018, das liegt daran, dass es ihr vom Einzeller „Toxoplasma gondii“ aufgedrängt wurde, denn der „tut alles dafür, dass der Mensch und die Katze zusammenfinden. Den Mensch braucht er als Zwischenwirt. Nur im Darm von Raub- und Hauskatzen kann der Parasit neue Eier legen…Das würde erklären, warum sich infizierte Menschen von Katzen besonders angezogen fühlen.“

Auch der Philosoph Hans Blumenberg zählte wohl zu den Infizierten, als er gegenüber den Genpool-Erhaltern einwandte: „Auch ohne naturschützerische Gebärde muß gesagt werden, dass eine Welt ohne Löwen trostlos wäre.“ Leider ist es schon bald so weit: Die Raubtierforscher prognostizieren bereits, dass höchstens die (urbanen) Hauskatzen überleben werden.

Das MPI-Magazin kam zur rechten Zeit: Denn mit „Toxoplasma gondii“ spricht es uns quasi von unserer närrischen Katzenliebe frei: Wir können nichts für unsere Depolitisierung – ein übler Parasit steuert uns. So weit so blöd.

Eine tschechische Studie kam unterdes zu dem kühnen Schluß, dass mit Toxoplasma infizierte Männer attraktiver auf Frauen wirken als nicht infizierte. Und eine dänische Untersuchung an 45.000 Frauen erbrachte das Ergebnis, dass mit dem Neuroparasiten infizierte Frauen mit einer um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einen Suizidversuch unternehmen. Im blog „Mit der Wissenschaft auf Du und Du“ (Januar 2018) wurde dazu eine Kieler Studie zitiert, dass die mit dem Neuroparasiten infizierten Frauen vor allem deswegen Selbstmordversuche unternahmen, weil sie zuvor nur auf „solche attraktiven Männer reingefallen“ waren, die ebenfalls mit dem Parasiten infiziert waren, aber ansonsten emotional und körperlich eine „Katastrophe“ waren.

Ende Juli 2018 erschien auch noch im Magazin für Naturwissenschaft „Spektrum“ die Zusammenfassung einer sozialwissenschaftlichen US-Forschung über die Wirkung des „neurologischen Manipulators ‚Toxoplasma gondii‘“ die über die Ökologie hinaus ins Ökonomische reicht – schon in der Überschrift: „Macht Katzenparasit Berufsanfänger mutiger?“

Das Forschungsergebnis wurde zunächst in den „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht: „Wohl mehr als 2 Milliarden Menschen sind weltweit mit ‚Toxoplasma gondii‘ infiziert“ und schon „seit Langem berichten Forscher über Indizien für mögliche psychische Veränderungen bei Infizierten“. Die neue Studie zeige nun, „dass toxoplasmainfizierte Menschen weltweit häufiger beruflich selbständig sind – und somit Risiken vielleicht anders bewerten als andere.“

Die Autoren der ersten im MPI-Magazin referierten Studie wollten mit dem „Toxoplasma“ darauf hinaus, dass einst, als die Raubkatzen noch viele waren und gefährlicher, die Menschen aber weniger und hilfloser als heute, dieser üble Parasit sie geradewegs in ihre tödlichen Fänge trieb. Er manipulierte sie also derart, dass sie das Risiko, sich einer oder mehreren Raubkatzen zu nähern, anders bewerteten als alle, die auf Distanz zu ihnen blieben.

Die Autoren der zweiten in „Spektrum“ referierten Toxoplasma-Studie testeten ihre steile These erst einmal an Mäusen, indem sie sie mit dem Einzeller infizierten. Und siehe da: Er „macht die Nager zum Teil selbstmörderisch mutig“. Zudem werden sie geradezu magisch von Katzenurin angezogen. Dann untersuchten sie 1495 Studenten: Die mit dem Erreger infizierten „wählen knapp eineinhalb mal so häufig wie Gesunde Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach.“ Und schließlich stellten sie noch „bei Teilnehmern an Berufsbörsen, die auf eine selbständige Tätigkeit vorbereiten sollen,“ fest, dass sie „1,8mal häufiger infiziert sind als der Durchschnitt der Bevölkerung“. Zuletzt durchforsteten sie auch noch demografische Statistiken aus 42 Ländern – und dann stand für sie fest:„Offenbar korreliert die Durchseuchungsrate mit ‚Toxoplasma‘ in einem Land und der Prozentsatz der Selbständigen.“

Da jedoch viele Selbständige scheitern, könne man nicht sagen, „dass der Einfluß des Parasiten Menschen grundsätzlich erfolgreicher“ mache. Er bleibt aber auch im Anthropozän quasi raubtierorientiert. Das hatte bereits die Genetikerin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard geahnt: „dass die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert“.

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Der Ethnopsychoanalytiker Paul Parin mit Zigarette

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Katzen (2)

Man kennt solche Leute: Sie müssen sich auf jede Katze stürzen, um sie mit Entzückensrufen zu streicheln und bezeichnen auch noch den räudigsten Kater als „süß!“. Sie posten auf Facebook ständig Katzen-Clips und -Photos, oder sie schreiben – selbst ein wenig über sich erstaunt – im „stern“-Ableger „Neon“: „Mein Kater ist ein Arschloch. Ich liebe ihn aber trotzdem.“ Er heißt Picasso und ist manchmal „richtig fies“. Erklären kann die Autorin ihre Zuneigung nicht. Im Internetforum „lieblingskatze“ heißt es: „Klar, wir alle lieben unsere Katzen. Doch was ist es eigentlich genau, was uns immer wieder in Verzückung geraten läßt?“

Die Journalistin Stephanie Buttnick berichtete 2014 in der „New York Times“ über eine Umwertung der „Cat Ladys“: „Eine Katze zu besitzen ist für Frauen kein Zeichen von fortgeschrittener Wunderlichkeit mehr. Die neue Cat-Lady-Generation ist jung, sozial, ambitioniert und so unabhängig wie ihre Katzen, die das perfekte Haustier dieser Millennials sind.“ Sie folgen mit der Anschaffung einer Katze einer Mode.

Nun gut, das sind journalistische Schnellschüsse, wie sieht es mit der Katzenliebe von Schriftstellern aus, die ihrem Haustier ein ganzes Buch widmeten? E.T.A. Hoffmann fand eines Tages einen ausgesetzten kleinen Kater, der sich zum „gescheitesten, artigsten, ja witzigsten Tier“ entwickelte. Als er starb, veröffentlichte Hoffmann einen „Nachruf“ auf ihn, aus dem er 1809 eine ganze Gesellschaftssatire machte: Die „Lebens-Ansichten des Katers Murr“. Der Kater fungiert darin als Ich-Erzähler, dessen Schilderung seiner Erlebnisse ausführliche Reflexionen zur „Bildung des Lesers“ enthalten. Murr liefert ein Rezept dafür, „wie man sich zum großen Kater bildet“ und setzt sich kritisch mit der Trivialisierung der Bildungsidee auseinander.

Gut 100 Jahre später schrieb der japanische Schriftsteller Natsume Soseki einen Roman „Ich, der Kater“, nachdem auch er zuvor einen liebevollen Nachruf auf seinen verstorbenen Kater verfaßt hatte. Sosekis Kater spricht ebenfalls, es geht ihm um eine satirische Kritik an der sich ab 1900 stürmisch industrialisierenden Gesellschaft Japans.

1981 veröffentlichte Christa Wolf „Neue Lebensansichten eines Katers“. Allen drei Autoren ging es dabei um Gesellschaftskritik, über die Gründe der Zuneigung zu ihren Katern schweigen sie.

Näher kam dem vielleicht Franz Kafka. Der Katzenbuchautor Detlef Bluhm, beschreibt in seinem blog „katerpaul“, wie Kafka fast wider Willen eine Freundschaft zu einer Katze entwickelte: „Franz Kafka hatte Katzen, wie er in einem Brief an Felix Weltsch vom 1917 gestand, ‚im Geheimen seit jeher gehaßt‘. Als er sich bei seiner Schwester zu einem Erholungsurlaub einfand, wurde er in seinem Zimmer von Mäusen allerdings so sehr geplagt, daß er sich gezwungen sah, die Katze des Hauses mit aufs Zimmer zu nehmen, die ihm dann tatsächlich Ruhe verschaffte.

Die Katze war anfangs nicht stubenrein. Kafka beschrieb ausführlich die Kalamität, die sich daraus für ihn entwickelte: ‚Wie macht sie es also? Sie wählt z. B. einen Ort, der dunkel ist, der mir ferner ihre Anhänglichkeit beweist. Von der Menschenseite aus gesehen ist dieser Ort zufällig das Innere meines Pantoffels’.“

Aber kamen sich Kafka und die Katze näher und sie bekam ein Katzenklo. Einem Freund schrieb er, „dass er seiner ‚kleinen schlafenden Katze ein Gedicht deklamiert‘ habe. So hatte sich der Katzenhasser Kafka langsam an die Katze gewöhnt.“

Ähnlich ablehnend war zunächst auch die Einstellung des Erziehungswissenschaftlers Hartmut von Hentig gegenüber Katzen. Aber das änderte sich, als er in Chicago im Haus eines abwesenden Freundes lebte, für dessen Kater „Paff“ er verantwortlich war.

Währenddessen bekam er durch dieses Tier eine Lektion in Liebe. Lange nachdem dessen „Seele in den Katzenhimmel“ übergegangen war, schrieb Hentig darüber ein Buch: „Paff, der Kater oder Wenn wir Lieben“ (1978). Dazu fühlte er sich gewissermaßen verpflichtet, denn „meiner Liebe ist daran gelegen, jener Liebe, die ich von Paff – für Paff – erhalten habe, und die mich, wie alle Liebe, reicher und weiser gemacht hat: sie fordert dieses Bekenntnis.“

Auch bei Hentig begann nach einem behelfsmäßig eingerichteten Katzenklo die Beziehung zu Paff, zunächst über Erziehungsfehler, anzunehmen und dann darin zu schwelgen. Paff lehrte ihn schließlich, „das prekäre Verhältnis von Freiheit und Liebe zu erkennen und größere Freundschaft, geläutert von jenen verkrampften Unterscheidungen der ‚selbstsüchtigen‘ und der ‚selbstlosen‘ Liebe…Erst Paff hat mich gelehrt, dass es gleich ist, wie man liebt, wenn man überhaupt liebt…Wir scheitern so oft, weil wir dies können: Zuflucht nehmen zu Wörtern, uns darstellen, wie wir sein möchten und nicht sind, mit uns und den anderen hadern. Der Kater haderte nie.“

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Glücklichsein

„Was ist das nur für eine Einrichtung, dass man an schlechten Tagen mehr am Leben hängt als an den guten Tagen?“ Fragte sich Silvia Bovenschen in „Älter Werden“, 2006. Ein glückliches (oder geglücktes?) Sterben setzt erst einmal ein gehöriges Alter voraus – ein Luxus, den sich unsere Gesellschaft bald nicht mehr leisten kann, fürchtete die Autorin. Das Altern macht einen mit der Zeit immer unattraktiver, darunter leiden besonders diejenigen, die ihr Lebensglück vornehmlich in der Sexualität suchten, wie die Expertin für Liebe und Ängste, Alison Louise Kennedy, (in: „Paradies“ 2017) meint herausgefunden zu haben. Ihre alternden Helden und vor allem Heldinnen bieten gegen das Unattraktiv-Werden Pflegemittel, teure Düfte und Kleidung sowie einen distinktiven „Life-Style“ auf; andere Autoren empfehlen Jogging, Sport, regelmäßige Gesundheitskontrollen, achtsame Ernährung (Bio, Öko, Vegan etc.), Meditation, Yoga, Peeling, Fitnesscenter, Schönheitsoperationen (Ein Zigmilliardengeschäft).

In den USA hat das bereits zu derartigen Exzessen geführt, dass die Publizistin Barbara Ehrenreich in ihrem Buch „Wollen wir ewig leben?“ (2018) von einer regelrechten „Wellness-Epidemie“ spricht. Die eher produktiv tätige als sexversessene 78jährige schreibt darin: „Weil die Zeit, die mir bleibt, immer kürzer wird, ist jeder Monat und jeder Tag zu kostbar, um ihn in einem fensterlosen Wartezimmer und zwischen Untersuchungsapparaten zu verbringen. Alt genug geworden zu sein, um zu sterben, ist eine Leistung, keine Niederlage und die damit verbundene Freiheit verdient es, gefeiert zu werden.“

Mit „Leistung“ meint Ehrenreich wahrscheinlich ihre wirklich guten „Sozialrecherchen“ und mit „Freiheit“ das, was sie ihr an Honoraren einbringen. Daraus scheint für sie eine positive Einstellung zum Altern zu resultieren. Und diese allein erhöht schon die Lebenserwartung um sieben Jahre, wie US-Wissenschaftler meinen herausgefunden zu haben. Selbige behaupten auch laut Neue Zürcher Zeitung: „Wer noch im Alter Freude an Sex hat, lebt gesünder und womöglich länger. Schon das Küssen ist ein kleines Muskeltraining und setzt Glückshormone frei.“ Man sollte sich jedoch nicht aus Muskeltrainingsgründen darum bemühen, das erzeugt „Stress“.

Der Stress wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden und ist für vieles von Übel, auch für einen frühzeitigen Tod. Das ergaben sowohl Verhaltensforschungen an Pavianen wie auch an weißen Amerikanern der Unterschicht. Barbara Ehrenreich spricht vom „großen Sterben der weißen Männer“: Sie rauchen, trinken Alkohol, nehmen Opiate, gehen nicht in Fitnesscenter, ernähren sich von Hamburger und Pommes Frites, hängen vorm Fernseher und verfetten verbittert. Vor allem aber sind sie deswegen gestresst, weil ihre Jobs prekär geworden sind, ihre Einkommen sinken und sie sich von jedem Arsch was sagen lassen müssen. Auch von all den Weißkitteln, die unisono behaupten: „Letztlich liegt es an jedem Einzelnen, sich für ein gesünderes Verhalten zu entscheiden“. Ja die öffentliche Meinung in den USA geht dahin, dass es für alle eine „individuelle moralische Verpflichtung zur Gesundheit“ gibt. Barbara Ehrenreich spricht vom „Gesundheits-Wahn“, schon Susan Sontag kritisierte die „Moralisierung von Krankheiten“ in den USA und damit auch in allen anderen Industrieländern.

Ähnlich sieht das die slowenische Philosophin Alenka Zupancic (in: „Das Reale einer Illusion“ – 2001). Sie diskutiert darin Kants „Ethik“, die im Zuge der Umwandlung des Sozialstaats zu einem Sicherheitsstaat wird, der mit kostengünstigen Gesetzen nur so um sich wirft: Und das eben ist die Scheiße! Denn dadurch wird die Ethik zu etwas „im Kern Restriktives, eine Funktion“. Möglich wird dies laut Zupancic dadurch, dass man „jeder Erfindung oder Schöpfung des Guten entsagt und ganz im Gegenteil als höchstes Gut ein bereits fest Etabliertes oder Gegebenes annimmt (das Leben etwa) und Ethik als Erhaltung dieses Gutes definiert.“ Das Leben mag die Voraussetzung jeder Ausübung von Ethik sein, aber wenn man aus dieser Voraussetzung das letzte Ziel der Ethik macht, ist es Schluß mit der Ethik. Sie basiert nunmehr auf einer regelrechten Ideologie des Lebens. „Das Leben sagt man uns, ist zu kurz und zu ‚kostbar‘, um sich in die Verfolgung dieser oder jener ‚illusorischen‘ Projekte verstricken zu lassen“.

Die Individuen müssen sich immer öfter Fragen lassen: Was hast du aus deinem Leben gemacht? Du hast zehn Jahre mit einer Sache verloren, die zu keinem greifbaren Ergebnis geführt hat? Du hast keine Nachkommen? Du bist nicht einmal berühmt? Wo sind denn die Ergebnisse deines Lebens? Bist du wenigstens glücklich? Nicht einmal das! Du rauchst?“ Zupancic fährt fort: Man wird nicht nur für sein Unglück verantwortlich gemacht, „die Lage ist noch viel perverser: das Unglück wird zur Hauptquelle der Schuldigkeit, zum Zeichen dafür, dass wir nicht auf der Höhe dieses wunderbaren Lebens waren, das uns ‚geschenkt‘ worden ist. Man ist nicht etwa elend, weil man sich schuldig fühlt, man ist schuldig, weil man sich elend fühlt. Das Unglück ist Folge eines moralischen Fehlers. Wenn du also moralisch sein willst, dann sei glücklich!“

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Der Schriftsteller Wladimir Kaminer vor einem Gemälde

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Afrikanische Nationalparks

2016 veröffentlichten der Journalist John Mbaria und der Ökologe Mordecai Ogada eine Kritik des Naturschutzes in Kenia mit dem Titel: „The Big Conservation Lie“. Für Ogada besteht der größte Fehler beim Tierschutz darin, die Menschen zu vergessen. Die Zeitschrift „Geo“ hat ihn interviewt, sie fragte Ogada als erstes: „Wer lügt?“ Er antwortete: „Sobald jemand denkt, er wäre ein Retter: Das ist der Moment, an dem alles schiefgeht. Es gibt keine Heilsbringer. Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten. Naturschutz in Afrika ist eine Form von Selbstverwirklichung geworden. Gott sei Dank hat Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, noch kein Interesse an der afrikanischen Tierwelt gezeigt. Er würde uns den Rest geben. 2018 haben weiße Tourismusinvestoren die Regierung um eine Genehmigung gebeten, für teure Restaurants Tiere schießen zu dürfen. Es ist doch verrückt, den Touristen Impalasteaks zu servieren, während ein schwarzer Dorfbewohner erschossen wird, wenn er bloß den Nationalpark betritt“.

Wilderer werden in Kenia immer wieder erschossen, aber manchmal trifft es laut Ogada eben auch jemanden, „der einfach nur durch ein Schutzgebiet läuft. Geld aus Anti-Terror-Budgets, u.a. von den Amerikanern, fließt in den Naturschutz. So viel, dass private Sicherheitsunternehmen nach Afrika kommen. Typen, die vorher für das amerikanische Militär im Irak oder in Afghanistan gearbeitet haben. Keiner dieser Leute ist in Polizeiarbeit ausgebildet. Alles, was sie können, ist töten. Sie kommen nach Afrika, um Menschen zu töten. Weil es zu viel Geld gibt. Schutzgebiete sind ein unglaublich primitives und gewaltsames Mittel des Naturschutzes“.

Als Beispiel erwähnt Ogada eine NGO, die im Norden Kenias ein Schutzgebiet für Nashörner eingezäunt hat: „Dort gibt es gutes Weideland und dauerhaft Wasser. Die Gegend ist sehr trocken, also ist Wasser sehr wichtig. Wegen des Zauns können aber die Menschen dort ihre Herden nicht mehr tränken. Sie zerschneiden den Zaun und werden verhaftet. Das ist ein Konflikt, den es ohne Zaun nicht gäbe. Naturschutz ist nicht nur Biologie. Er ist Soziologie, Geschichte, Politik, Anthropologie. Diese Nashörner leben nicht auf einer einsamen Insel. Und somit trägt die Wissenschaft zur Apartheid bei. In den Anzeigen sieht man weiße Touristen, Savanne bis zum Horizont und sonst keine Menschen. Sie lassen mit Photoshop Dörfer verschwinden und preisen ein Produkt an, das nicht existiert. Naturschutz ist der neue Kolonialismus. Früher nahm man den Afrikanern das Land mit Gewalt ab. Heute ist das nützlichste Werkzeug, um an Land zu kommen, ein Nashorn“.

Der kenianische Naturschützer Sebunya organisierte 2022 einen „Kongress für Afrikas Schutzgebiete“ in Ruandas Hauptstadt Kigali. Das erste Mal, dass sich Regierungsvertreter von 52 afrikanischen Staaten und Manager der rund 8500 Naturschutzgebiete des Kontinents im eigenen Kreis und nicht unter der Ägide ausländischer Naturschutzorganisationen trafen. „Afrikanischen Experten ist die Deutungshoheit über den Naturschutz seitens der ‚Ersten Welt‘ schon lange ein Dorn im Auge: Sie führen deren Denkweise auf den Kolonialismus zurück – und auf dessen Verständnis des Naturschutzes als ‚Festung‘,“ berichtete die Frankfurter Rundschau. „Europäer sehen Afrikas Bevölkerung als größten Feind der großartigen Fauna und Flora ihres Kontinents. Afrikas Nationalparks sind ausschließlich auf die Bedürfnisse ausländischer Touristen ausgerichtet – ob sie mit Fotoapparaten oder Repetiergewehren kommen. Dagegen kommen Afrikaner und Afrikanerinnen in den Reservaten vornehmlich als tanzende Mädchen in Baströckchen, als Kellner oder höchstens als Spurensucher vor. Solange die Interessen und Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung nicht berücksichtigt werden, könne Naturschutz nur scheitern, sagt Kaddu Sebunya. Unter anderem müsse die Ökonomie in den Regionen um die Parks auf die Schutzgebiete abgestimmt werden, meint der Sozialwissenschafter: Denn nichts ist für wilde Tiere gefährlicher als arme und unzufriedene Menschen“.

Bezogen auf die Perspektiven für Artenschutz-Gebiete in Afrika haben drei Naturwissenschaftler 2021 ihre Überlegungen als „Open-Access-Paper“ in den „Academia Letters“ veröffentlicht: Der Biologe Eric Djom Nana vom Kameruner Institut of Agricultural Research for Development sieht die Entwicklung der Wildtier-Reservate pessimistisch, was er in seiner Studie schon im Titel ausdrückt: „Das Paradigma des Naturschutzes in Zentralafrika ist gescheitert“.

Der südafrikanische Zoologe Mduduzi Ndlovu von der Universität in Mpumalanga schreibt, dass man neue Wege zum Schutz von Wildtieren und -pflanzen gehen muss und schlägt einen „Mixed-Land-Use“ vor, d.h. er fragt sich: „Könnte ein auf den ländlichen Communities basierender Tierschutz ein solches Modell dafür sein?“ Konkret denkt er dabei an die Integration von Rinderherden der Ngunis in die Reservate für Spitzmaulnashörner.

Der nigerianische Umweltforscher Jonathan Chukwujekwu Onyekwelu an der TU von Akure, Abteilung Forst- und Holztechnologien, setzt auf die unter den afrikanischen Menschen weit verbreitete Angst vor den Göttern, die zur Heiligung der Friedhöfe führte – und die deswegen zur Erhaltung der Biodiversität beitragen, d.h. Rückzugsgebiete für bedrängte Arten sein könnten. Dabei sieht Onyekwelu allerdings eine Gefahr im Wechsel der Glaubenssysteme: Die Leute glauben nicht mehr an die (alten) Götter, das entheiligt die Friedhöfe, wodurch aus diesen Standorten für Wildtiere und Wildpflanzen lukrative Immobilien werden könnten.

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Leo Tolstoi auf seinem Pferd

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Alle Besendern

Die Biologen wollen allen Ernstes alle Wildtiere, die es noch gibt, mit GPS-Sendern ausrüsten. Alle. Und tatsächlich ist schon jetzt kein Tier mehr sicher vor den Betäubungsgewehren, –blasrohren, Fallen und Fangnetzen der Biologen, um sie mit verschiedenen technischen Geräten – Geolokatoren, eBirds, Funksendern, Infrarotkameras, Satellitensendern, Nanotags und anderen Geräten – auszurüsten, mit denen ihre Bewegungen in Raum und Zeit verfolgt werden. Ein einziger Satellitensender kostet laut Scott Weidensaul (in: „Auf Schwingen um die Welt: Die globale Odyssee der Zugvögel“ 2022) mehrere Tausend Dollar und die Jahresgebühren für die Satellitennutzung weitere Tausende. Zudem hat man angefangen, die Sender mit KI zu optimieren.

Der englische Biologe und Filmemacher Tom Mustill berichtet begeistert (in: „Die Sprache der Wale: Eine Reise in die Welt der Tierkommunikation“ 2023), dass inzwischen „Silicon Valley“ in das Projekt, die Sprache der Tiere mit Hilfe von KI zu verstehen, eingestiegen ist – mit vielen Experten und Zigmillionen Dollar. Ihr „Thinktank“ nennt sich „Interspecies Internet“.

Der TV-Sender SAT1 begleitete vor etwa 10 Jahren eine vierköpfige Familie beim Test von Überwachungs-Apps. Die Sendung hieß „Kinderkontrolle extrem“. Darin wollten Eltern wissen, wo sich ihre Kinder aufhalten. Die taz (v. 24.1.2026) schreibt: „Die Kinder sind sichtlich genervt. Von Rund-um-die-Uhr-Kontrolle spricht Tochter Joline und davon, dass das Ganze was von einer Fußfessel habe.“ Damals fanden viele Kommentatoren diese elektronische Kontrolle, mit der auch die Polizei arbeitet, noch „richtig krank“, aber seitdem hat sich die Einstellung zu dieser Technik gründlich verändert. „Vor zehn, zwanzig Jahren war das Tracking in Deutschland ein totales No-Go, heute ist es Normalität“, sagt die Medienpsychologin Sabine Trepte, die eine 24jährige Tierpflegerin namens Elisa Mende zitiert: „Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen“.

2024 schrieb der „Tagesspiegel“, dass „auch in den Berliner Zoo die Künstliche Intelligenz eingezogen ist: Wenn die Löwen Mateo und Elsa derzeit lautstark brüllen, werden sie dabei genau vermessen. Ein spezielles Halsband mit Sensoren zeichnet ihre Bewegungen bis in die kleinsten Vibrationen auf. Gleichzeitig filmt eine Kamera, die im Gehege installiert ist, ihr Verhalten. Die Daten, die über das Halsband an Computer gesendet werden, sollen zum Artenschutz wildlebender Löwen beitragen.“

Da diese in afrikanischen Nationalparks ebenfalls mit Sendern bestückt werden, kann man sich fragen, was für einen Erkenntnisgewinn die Daten aus dem Westberliner Zoo dann noch bei der Erforschung wildlebender Löwen bringen sollen? Wahrscheinlich geht es bloß darum, das neue „Tool KI“ einzusetzen, um damit zu demonstrieren, wie modern doch dieser schrecklich veraltete und enge Zoo mitten im Stadtzentrum ist.

Der Münchner „Kommunikationsexperte“ Alexander Pschera veröffentlichte 2014 einen „Neuen Dialog zwischen Mensch und Natur“ (unter dem Titel „Das Internet der Tiere“ ), in dem er sich für die Besenderung von Tieren durch den Biologen Martin Wikelski und anderen Forschern begeisterte. Wikelski, der dazu ein Vorwort schrieb (er ist für Pschera „ein Humboldt des Digitalen“), veröffentlichte 2024 selbst ein Buch: „The Internet of Animals“, in dem er über die weltweite Besenderung von bisher 375.000 Tieren aus über 1000 Arten berichtet, die u.a. vom „ICARUS-Projekt“ der Max-Planck-Gesellschaft durchgeführt wurde, das er 2002 gründete. Über dieses hochdotierte Projekt hatte er im Jahr zuvor schon einen üppigen Bildband „Das ICARUS Projekt“ veröffentlicht, in dem er zusammen mit zwei Koautorinnen erläuterte, „wie wir Tiere aus dem All beobachten und gemeinsam das Leben auf der Erde schützen“.

Die Biologen müssen heute anscheinend immer betonen, wie wichtig ihre Forschung an Tieren und deren Besenderung für die Menschen, mindestens für ihre Geldgeber, ist. „Wenn wir die Wege kennen und sehen, da fliegt jetzt irgendwo in China z.B. ein Schwarm Weidenammern los, dann können wir hier in Deutschland die Bestellung für Impfstoffe auslösen“, erklärte der ICARUS-Projektleiter Friedhelm Claasen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt den guten Zweck der GPS-Sender an den Vögeln. Diese bleiben bis zu zwei Jahren an ihnen, bevor sie von selbst abfallen, bei kleineren Vögeln nach zwei Wochen.

Wikelski ließ für 30 Millionen Euro eine Empfangsantenne mit Computer entwickelt, die dann von den Russen an ihrer Weltraumstation ISS angebracht wurde. Von dort wurden die Signale via Internet zu den Wissenschaftlern zurückgesendet. Aber als Russland 2022 die Ukraine angriff, wurde die Kooperation mit Russland beendet, stattdessen entwickelte sein ICARUS-Projekt laut „tagesschau.de“ eigene Satelliten – „CubeSat“ genannt – für den Empfang der Daten ihrer mit Sendern bestückten Tiere. In kürze soll ihr erster „Mikrosatellit“, dessen Entwicklung rund eine Million Euro kostete, in den Orbit geschickt werden – zunächst mit einer Rakete der von Elon Musk gegründeten Firma „SpaceX“, aber irgendwann vielleicht mit einer „deutschen Rakete“.

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Die Revolutionärin Luise Michel im Rahmen

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Umerziehung

1937 sagteMussolini in seiner Rede auf dem Berliner Olympiastadion: „Das Europa von Morgen wird faschistisch sein.“ Das hat nicht ganz geklappt, aber diesmal geht es um einen globalen Faschismus (BluBo plus HighTech). Um wegen der sich auch hierzulande vermehrenden Neonazis schon mal vorab an die Filmgeschichte der bei den Primärnazis nach 45 eingesetzten Umerziehung (Reeducation) zu erinnern, seien hier ein paar Filme erwähnt.

Zum einen ein US-Film, der von einen Hitlerjungen namens Fritz handelt, der in die USA kommt. Er ist zunächst rassistisch und rüpelhaft, aber nach und nach gelingt es der Familie, bei der er lebt, ihn mit Geduld und Entschiedenheit zu einem anständigen, Englisch sprechenden Amerikaner umzuerziehen. Als ein gelungenes Beispiel für die Entwicklung eines „autoritären Charakters“ zu einem „Demokraten“.

Eher unernst haben etwa zur gleichen Zeit die zwei sowjetischen Autoren Grigorij Kozintsev und Leonid Trauberg eine Agitpropsatire „Der Junge Fritz“ („Junij Fric“) veröffentlicht, der die verhängnisvollen Folgen des militant rassistischen Irrationalismus thematisiert: Ein dümmlich-rassenstolzer „Schädelvermesser“ kündigt den exemplarischen Lebensweg eines „idealen Nazis“ an, der bereits in der Wiege einen Helm auf hat, unter dem Sinnspruch „Wir denken nicht. Wir gehorchen“. Er wird zum brutalen Nazi-Landsknecht abgerichtet und gerät schließlich in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Man stellt ihn in einem Käfig aus…als Beispiel „für die Rückentwicklung des Menschen zum Affen“.

Nebenbeibemerkt: Es gibt jetzt eine „Agentur“, die sich „Der junge Fritz“ nennt, mit dem Zusatz „B2B“ – soll heißen Von Business zu Business. Auf ihrer Webseite heißt es: „Wir leben und arbeiten in Berlin. Der Hauptstadt. Ort der Inspiration. Der persönlichen Entwicklung. Und des wirtschaftlichen Wachstums. Unser Vorbild ist der Alte Fritz. Wie er glauben wir an Tugenden. Die Kraft der Tat. Die Mühen der Aussaat vor den Früchten des Erfolges. Und ein professionelles, kreatives und freundliches Miteinander. Wir stehen für hochwertige B2B-Kommunikation. Verfügen über reichlich Erfahrung bei der Entwicklung besonderer Marken, erklärungsbedürftiger Produkte und komplexer Dienstleistungen. Beherrschen die gesamte Klaviatur effizienter Kommunikation. Von der Strategie über die Kreation bis hin zu außergewöhnlichen Ideen. Offline ebenso wie online.“

Erst 1989 produzierte der Holocaust-Überlebende Artur Brauner den deutsch-polnisch-französischen Antifafilm „Hitlerjunge Salomon“. Auf Wikipedia heißt es: „Der Film erzählt das Leben des Juden Sally Perel, der als Mitglied der Hitlerjugend die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland überlebte. Als Vorlage diente die Autobiographie Perels.“ Als die Deutschen Polen überfallen schicken Sallys Eltern ihn und seinen Bruder von Lodz in die Sowjetunion, wo Sally in einem Waisenhaus in Grodno unterkommt und Russisch lernt. Als die Deutschen Russland überfallen und er in ihre Hände fällt, gibt er sich als „Volksdeutscher“ aus und dolmetscht für sie, die ihn schließlich in eine „Adolf-Hitler-Schule“ stecken. Gegen Ende des Krieges wird er im „Volkssturm“ eingesetzt. Während eines Gefechts ergibt er sich den russischen Soldaten und gerät in Gefangenschaft. Dort trifft er seinen Bruder wieder. Sie sind die einzigen Überlebenden ihrer Familie. Die „Süddeutsche Zeitungen urteilte über den Film: Er erzähle keine Tragödie, sondern vermische „Comic und Agitation zum Agitpop“.

Dies kann man eher über den 1933 gedrehten Spielfilm „Hitlerjunge Quex“ sagen: Heini, Sohn eines Kommunisten, wird von der kommunistischen Jugendorganisation in ein Zeltlager eingeladen. Laut Wikipedia wird diese „Organisation (in der Handlung fortlaufend als „Kommune“ bezeichnet) als liederlich, der sexuellen Ausschweifung ergeben und in ihrer Organisationsstruktur mafiös dargestellt.“ Heini missfällt all dies, er findet die Hitlerjugend viel attraktiver…Während einer Wahlkampagne verteilt Heini ihre Flugblätter in seinem Wohngebiet. Die Kommunisten haben jedoch nicht vergessen, dass er sie aus ihrer Sicht verraten hat, und ermorden ihn.“

Mein liebster Antifafilm ist der quasi vorab – 1927 – gedrehte Spielfilm „Salamandra“ des jüdisch-sowjetischen Regisseurs Grigorij Roschal. Es geht darin um das Schicksal des linken Vererbungsforschers Paul Kammerer, der „in einer alten Stadt“ lehrt, „in der die Faschisten an der Macht sind“. Kammerer versuchte mit Amphibienexperimenten zu beweisen, dass die Umwelteinflüsse sich auf die Erbanlagen auswirken (Lamarck statt Darwin). Das mißfiel den reaktionären Professoren und Geistlichen derart, dass sie seine Ergebnisse verfälschten. In Wahrheit bezichtete ihn 1926 die angloamerikanische Zeitschrift „Nature“ der Fälschung und Kammerer verübte daraufhin Selbstmord. Im Film wird er jedoch vom Volksbildungskommissar Lunartscharski persönlich gerettet, der für ihn ein eigenes Forschungsinstitut in Moskau bereit hält, was Lunartscharski tatsächlich Kammerer angeboten hatte – aber dank „Nature“, dem heutigen KI-Journal, zu spät.

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Der Philosoph Theodor W. Adorno als Faschingspascha

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Narzissen

Sind sie nicht furchtbar narzistisch – diese vielen jungen Frauen, deren Fotos in den sozialen Medien zeigen, wie sie sich lächelnd in ihren Smartphones spiegeln? Manche sogar noch mit einem großen Spiegel hinter ihnen. Sind sie Opfer oder Nutzer der Okulartyrannis?

Der Narzissmus übersetzt sich mit Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung und ist meist peinlich und dumm. „Schön zu sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein, bedeutet auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen,“ meinte Susan Sontag. Und diese Norm wird wesentlich von Männern bestimmt.

Das „Sichzurechtmachen“, schrieb die Feuilletonistin Gabriele Tergit in ihren „Berliner Reportagen“, „sind Waffen im Lebenskampf geworden. Überall haben es die Hübschen und Gepflegten leichter. Die Hübsche verkauft mehr, der Hübschen diktiert der Chef lieber…Das ist grausam. Aber es ist so.“ Das schrieb sie vor dem Krieg.

Etwa zur selben Zeit, 1936, postulierte der Psychoanalytiker Jacques Lacan ein „Spiegelstadium“. Es tritt bei Kindern zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat ein. Dann erkennen sie sich erstmalig im Spiegel, was für die Entwicklung ihres Selbstbewußtseins (des Ichs) maßgeblich ist. Das Kind betrachte sich laut Lacan eingehend im Spiegel und begrüßt sein Bild mit einer „jubilatorischen Geste“ der Verzückung. Kann man sagen, dass auch die von sich verzückten jungen Frauen in einem Spiegelstadium stecken?

Das Lacansche „Spiegelstadium“ ist nahezu identisch mit dem „Schimpansenalter“. Auch Schimpansen erkennen sich irgendwann im Spiegel. Der sowjetische Psychologe Lew Wygotski schrieb in „Denken und Sprechen“ (1906): Der Kinderpsychologe Bühler und der Schimpansenforscher Köhler stellten fest, dass Kinder im vorsprachlichen Stadium zwischen dem 10. und dem 12. Monat „Leistungen ganz von der Art der Schimpansen erbringen, ja es gibt eine Phase im Leben des Kindes, die man nicht unpassend das Schimpansenalter wird nennen können. Im Schimpansenalter macht das Kind seine ersten kleinen Erfindungen, äußerst primitive Erfindungen natürlich, die aber geistig von größter Bedeutung sind.“

Später prüft man vor dem Rausgehen auf die Strasse nur noch kurz, ob man sich dort sehen lassen kann, auch wenn wohl möglich kein Schwein von einem Notiz nimmt. Die Feuilletonistin Sophie Passmann hat sich sogar von einem Schönheitschirurgen zurechtmachen lassen. Sie will damit zu den „Pick Me Girls“ gehören, wie ihr Bestseller 2023 hieß, in dem sie eine ungeschriebene aber allgemeingültige Regel geltend machte: „Der männliche Blick ist die höchste Währung“. Die Biologen sprechen vom „Survival of the Prettiest“, sie haben dabei aber die schönen Männchen im Blick, die untereinander um die eher schlichten Weibchen buhlen.

Das galt in der Antike auch noch für die Menschen: Im griechischen Mythos ist Narziss eine Jüngling. Bis heute haben sich viele Autoren und Künstler mit ihm beschäftigt. Am bekanntesten wurde dieser Mythos von Ovid: In seinen „Metamorphosen“ (1-8 n. Chr.) ist es der Flussgott Cephisos der die schöne Nymphe Liriope vergewaltigte. Sie wurde schwanger und gebar Narziss. Dieser war mit 16 Jahren ein außergewöhnlich schöner Jüngling, der von vielen Liebenden beiderlei Geschlechts begehrt wurde, aber alle zurückwies und sich stattdessen in sein eigenes Spiegelbild verliebte – und schließlich vor Sehnsucht dahinschwand. An der Stelle seines Todes fand sich kein Leichnam, sondern eine Blume, in der Mitte gelb und mit weißen Blütenblättern. Sie wurde Narzisse genannt.

Die Bezeichnung leitet sich von dem griechischen Wort „narkein“ – „betäuben“ – ab (vgl. Narkose). Die Echte oder Dichternarzisse, die Wikipedia zufolge „auch in Griechenland wächst, strömt tatsächlich einen sehr intensiven und betäubenden Geruch aus“. Diese „Narcissus poeticus“ blüht übrigens in Berlin noch immer. Von den Narzissen gibt es heute 24.000 Kulturformen, u.a. die Osterglocken. Sie zählen zu den Amaryllisgewächsen und blühen nur wenige Wochen.

Die Biologen haben derweil herausgefunden, dass den meisten Tieren ihr Spiegelbild gleichgültig ist. Viele vermuten darin ein fremdes Tier und einige greifen es sogar an.

In letzter Zeit tauchte wiederholt auch die Nazisse (Neonazisse?) in den Medien auf: eine Sympathisantin oder Mitstreiterin in einer deutschen Neonazi-Gruppe. Inwieweit sie eine ähnliche Selbstliebe hegt wie der griechische Narziss einst, hat man noch nicht näher erforscht, wohl aber ihren Fremdenhass.

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Der Südseesprachforscher Thor Heyerdahl mit einem toten Hai 

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Algen

Der Präsident des Thünen-Instituts in Braunschweig (in dem Boden-, Holz- und Fischereiforschung betrieben wird), der zugleich Vorsitzender des Bioökonomierats ist, forderte in einem Papier den breiten Ausbau von Aquakulturen auf Bauernhöfen, damit diese weitere Einkünfte erzielen. Durch die Integration von Aquakulturen in agrarische Produktionssysteme ließen sich Synergien erzielen. Mit Algenproduktionen etwa werden weltweit immer mehr Rohstoffe wie Öle oder Nahrungsgänzungsmittel erzeugt.

Der inzwischen heilig gesprochene russische Priester Pawel Florenski war ein Universalgenie und Pionier der Algenforschung. Er wurde 1933 verhaftet und kam ins Straflager auf den Solowki-Inseln im Weissen Meer. Er sollte sich dort mit Meeresalgen befassen und beim Aufbau einer Fabrik zur Gewinnung von Jod und Agar-Agar aus Algen helfen. In den darauffolgenden dreieinhalb Jahren gelang es ihm, dafür zehn Patente anzumelden. Daneben hielt er dort fast täglich wissenschaftliche Vorträge und schrieb Briefe (vier im Monat waren ihm erlaubt) vor allem an seine Kinder, seine Frau und seine Mutter – über 150 insgesamt. Sie wurden auf Deutsch 2001 im Dornacher Verlag „Pforte“ veröffentlicht unter dem Titel „Eis und Algen“, herausgegeben von Fritz und Sieglinde Mierau, die daneben auch für eine zehnbändige Ausgabe seiner Werke im Berliner Kontext-Verlag verantwortlich waren.

Im ersten Brief an seine Frau schrieb Florenski: „Kein Wunder, wenn bei so vielen ein- und ausgehenden Briefen die Zensoren an nervlicher Zerrüttung leiden“. Und: „Eigentlich sei er mit seiner Isolierung auf den Solowki-Inseln am Ziel seiner Wünsche angelangt. Als Jüngling habe er immer davon geträumt, ins Kloster zu gehen, jetzt lebe er im Kloster, nur dass es eben zum Lager gehört. Als Kind sei es sein sehnlichster Wunsch gewesen, auf einer Insel zu wohnen, Ebbe und Flut zu erleben und sich mit Algen zu befassen. Nun bin ich auf einer Insel, hier herrscht Ebbe und Flut, und ich werde bald mit Algen zu tun bekommen.“

Am 26.11. 1934 schreibt er an seinen Sohn Michail: „Es gibt hier viele Algen und wohl auch Muscheln. Die Stürme werfen die Algen (oder ‚Meerespflanzen‘, wie man sie auch nennt) auf den Strand, so daß sich Wälle von mehreren Kilometern Länge, 1 1/2 Metern Höhe und mehreren Metern Breite bilden. Diese Meerespflanzen sind eßbar (giftige gibt es gar nicht), aber ihre Zubereitung ist ziemlich kompliziert. In manchen Ländern werden sie leicht angekocht, dann getrocknet und so gegessen, aber das schmeckt nicht besonders. In Amerika, Japan, China, Indochina, England, Schottland u.a. Ländern werden Algen sehr viel gegessen, man macht die verschiedensten Dinge daraus. Konfekt, Konfitüre, Blancmanger [Mandelpudding], Kissél [Fruchtpudding], Speiseeis, Salate, Soßen, Sauermilchpudding, ich glaube sogar Gebäck. Bei uns sind wir noch nicht soweit, die Algen auf diese Weise zu verwenden, wir stellen aus ihnen nur Jod her. Man kann aus Algen viele verschiedene technisch wichtige Stoffe gewinnen: einen besonderen Klebstoff, das Algin, dann Zellulose, Mannit, verschiedene Lösungsmittel für die Lackindustrie, Kalisalze usw. Vorerst wird aus den Algen aber nur Jod gewonnen; die Algen werden zu Asche verbrannt, dann wird die Asche in Lauge gewaschen und in diesem Wasser das Jod aus dem Kaliumjodid freigesetzt. Die Asche enthält auch noch Chlorkalium, schwefelsaures Kalium, Soda, Bromkalium und andere nützliche Stoffe. Ich küsse Dich innig, lieber Mik. Folge Mamma, sei lieb zu ihr und vergiß Deinen Papa nicht.“

Als seine Nutzung der Algen in die Produktionsphase überging, wurde die Anlage aufs Festland verlagert und Florenski 1937 erschossen.

Auf der südkoreanischen Insel Jeju-do leben Muscheltaucherinnen, Haenyeos genannt, die auch Algen ernten, die sie trocknen und dann an die Lebensmittelindustrie verkaufen. Sie tauchen bis zu 20 Meter tief und können bis zu drei Minuten unter Wasser bleiben. Sie haben ein erweitertes Lungenvolumen und wie Wedellrobben nutzen sie die Milz als Sauerstoffreservoir. Beim Tauchen zieht sich das Organ zusammen, wodurch sauerstoffreiche rote Blutkörperchen in den Kreislauf gelangen und so einen längeren Tauchgang ermöglichen. Es gibt heute laut Auskunft ihrer Genossenschaft noch etwa 5000 Taucherinnen, ihr Altersdurchschnitt liegt bei weit über 50. Die Haenyeos sind matriachalisch organisiert, die Väter ihrer Kinder, meist Seeleute, spielen kaum eine Rolle auf der Insel und werden „Onkel“ genannt.

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Der Dramatiker Vaclav Havel mit Zementsack

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Hirse (1)

Am 9. Februar fand im Brecht-Zentrum eine Diskussion über Brechts Langgedicht „Die Erziehung der Hirse“ statt. Zwei Tage später ging es im Naturkundemuseum noch einmal um das Brechtgedicht. Beide Veranstaltungen und noch einige mehr fanden im Rahmen der „Brecht-Tage 2026“ statt – unter dem Titel „Die Erde, ‚die große Ernährerin‘‘. Brechts grüne Revolution“. Der kommunistische Dichter als früher Ökologe – ist das nicht übertrieben?

Unser kleiner 2000 gegründeter Biologie-Arbeitskreis, den wir „Anti-Darwin“ nannten, hatte sich schon einmal mit der „Erziehung der Hirse“ befaßt. Damals wurde fast täglich ein neues Gen isoliert: Neid-Gen, Schönheits-Gen, Eifersuchts-Gen etc.. Inzwischen ist der Gen-Hype abgekühlt, dafür gibt es nun einen KI-Wahn. Der Biologe Bernhard Kegel schreibt in seinem Buch „Epigenetik“ (2009): Das „genzentrische Weltbild“ ist allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, meinte auch der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der Columbia University ‚angesichts eines ganzen Universums ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Dieses Eingeständnis verdankt sich nicht zuletzt der Endosymbiontentheorie der US-Mikrobiologin Lynn Margulis. Ihre lange Zeit abgelehnte Symbioseforschung findet sich inzwischen in den Lehrbüchern und es wurden etliche Forschungsinstitute dafür gegründet. Laut Margulis sind Genmutationen selten und oft schädlich, die Evolution verlief vielmehr über Symbiosen zwischen verschiedenen Arten. Im Übrigen meinte sie: Ihre Kollegen „interessieren sich heute nicht mehr für die Geschichte des Lebens auf der Erde, sondern vor allem dafür, bessere Tomaten zu machen“.

In der Sowjetunion ging es in den Jahren nach 1928 darum, mehr Hirse von den Äckern der Kolchosen und auch Neuland zu ernten. Und zwar mit den antidarwinistischen Ideen des damals führenden Agrarbiologen der UDSSR Trofim D.Lyssenko und eine Reihe weiterer Agrarforscher. Brechts Gedicht entstand nach einem Bericht von Gennadi Fisch: „Der Mann, der das Unmögliche wahrgemacht hat“. Fischs Reportage erschien 1949. Brechts Gedicht wurde zuerst 1950 im „Neuen Deutschland“ veröffentlicht, dann von Paul Dessau vertont und im Oktober 1954 in Halle als „Poem“ uraufgeführt. Der Held im Gedicht, der erstmalig eine Hirse-Rekordernte erzielte, ist ein kasachischer Nomade: Tschaganak Bersijew. Und dies sollten ihm die anderen Kolchosen im Land nachmachen.

Im Jahr zuvor, 1953, war das Buch „Die Welt soll blühen“ des sowjetischen Biologiehistorikers Wadim Safonow erschienen. Dort heißt es – im Zusammenhang der Hirse-Ertragssteigerung: „Der Beschluß der Partei und der Regierung ‚Über Maßnahmen zur Sicherung stabiler Hirseerträge in den Dürrebezirken des Südostens der UDSSR‘ wurde am 26. Oktober 1938 angenommen…Die Führung in diesem Kampf um die Steigerung der Hirseerträge übernahm die Lenin-Akademie für Agrarwissenschaften und ihr Präsident Lyssenko“ – wo er dann die Konzeption einer „proletarischen Biologie“ entwarf, die sich zwar auf Darwin berief, jedoch gegen die „bürgerlichen Genetiker“ gerichtet war, die alle Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft mit genetischen Manipulationen erreichen wollten, damals aber noch weit davon entfernt waren, praktische Ergebnisse vorweisen zu können.

In all den sowjetischen Agrartexten ist viel von „Befehlen“, „Kampf“ und „großen Anstrengungen“ die Rede. Die Bücher und Kongressberichte wurden 1951 mit Gründung der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften von der DDR ins Deutsche übersetzt. Und nirgendwo ist darin von Fehlern, Pfusch, Drückebergerei oder geschönten Statistiken die Rede. Dabei weiß man doch: „Auch im Gehorchen liegt ein Widerstreben; es ist die Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben.“ (Nietzsche) Zudem waren die Kolchosniks immer noch unzufrieden mit der Kollektivierung und die administrierten lyssenkistischen Vorschläge muteten ihnen noch mehr Arbeit als bisher zu. Gegen die Brechtsche und andere Kolchose-Propaganda äußerte der sowjetische Untergrunddichter Boris Jampolski 1975:

„Wenn [E.T.A.] Hoffmann schreibt: ,Der Teufel betrat das Zimmer‘, so ist das Realismus, wenn die [Sowjetschriftstellerin] Karajewa schreibt: ,Lipotschka ist dem Kolchos beigetreten‘, so ist das reine Phantasie.“

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Die Marxistin Rosa Luxemburg mit Geschenkkorb

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Hirse (2)

Der oberste Agrarforscher Trofim D. Lyssenko war für uns als Anti-Darwinist interessant und mit seinem partisanischen stets auf die Praxis gerichteten Vokabular sympathisch. Er sorgte dafür, dass die sowjetischen Genetiker ihre Forschungsstellen verloren. Sein Gegenspieler in der DDR als oberster Agrarakademie-Präsident wurde auf Weisung Ulbrichts der Genetiker Hans Stubbe, der alles tat, damit die Lyssenkosche Sowjetbiologe hier in der Agrarforschung nicht Fuß fassen konnte. Die DDR-Biologen danken ihm diesen Abwehrkampf noch heute.

Stubbe war ein Nazi, er führte laut Wikipedia während des Krieges „Sammelkommandos“ im Osten durch, „um Wild- und Kulturpflanzensortimente in den besetzten Gebieten zu rauben“. 1943 übernahm er die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kulturpflanzenforschung in Wien-Tuttenhof. Dort wurden neben ziviler Forschung an Kulturpflanzen auch militärisch relevante Projekte zur Unbrauchbarmachung landwirtschaftlicher Nutzflächen durch den Einsatz von Unkräutern durchgeführt.

Lyssenko ging von der Möglichkeit der „Umerziehung“ von Pflanzen aus: Keimlingen wurde Intelligenz attestiert und Setzlingen solidarisches Verhalten. Einer der sowjetischen Genetiker, Nikolai Timofejew-Ressowsky, konnte sich dessen revolutionären „Wahn“ entziehen: Er ging nach Berlin-Buch und brachte es dort zum bedeutendsten Genetiker des Nationalsozialismus. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er u.a. in „Der Erbarzt“. Im Nationalsozialismus war die Biologie Staatsideologie. 1988 erschien in der DDR vom sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin ein verlogenes Porträt über Timofejew-Ressowsky: „Sie nannten ihn UR – Roman eines Lebens“.

Umgekehrt legte der amerikanische Genetiker Hermann Joseph Muller 1935 Stalin einen großen eugenischen Plan vor, den er „Aus dem Dunkel der Nacht“ betitelte: „Viele zukünftige Mütter, befreit vom religiösen Aberglauben, werden stolz sein, ihr Keimplasma mit dem eines Lenin oder Darwin zu mischen, um der Gesellschaft mit einem Kind von ihren biologischen Eigenschaften zu dienen…Echte Eugenik kann nur ein Produkt des Sozialismus sein“. Gegen diese makropolitischen Pläne protestierten nicht nur die Frauenverbände, auch in den Zeitungen wurden solche und ähnliche Mixturen aus Soziologie und Biologie zur Massenproduktion des Neuen Menschen kritisiert, zumal nachdem ab 1933 das faschistische Deutschland die Rassenverbesserung qua Biopolitik auf seine Fahnen geschrieben hatte und die Eugenik spätestens ab 1941 für die sozialistische Sowjetunion quasi „verbrannt“ war, wobei das Ziel jedoch nicht in Frage gestellt wurde, das man aber eher durch Pädagogik, Kollektivierung, Arbeit auf den Großbaustellen des Sozialismus, mit Taylorismus, Arbeitswissenschaft und – bis zum Sturz Trotzkis – mit Psychoanalyse erreichen wollte. Der Genetiker Muller ging 1941 enttäuscht zurück nach Amerika. 1946 erhielt er für seine genetische Forschung an Fruchtfliegen (über die sich Lyssenko lustig machte), den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Von 1949 bis 1950 war er erster Präsident der „American Society of Human Genetics“.

Während Lyssenko im Westen als Scharlatan und Betrüger dargestellt wurde, ähnlich wie zuvor der linke Biologe Paul Kammerer in Wien, der den Lamarckismus gegen den Darwinismus stark machte. Nach Kammerers Selbstmord wegen Fälschungsvorwürfen drehten der sowjetische Volkskommissar für das Bildungswesen Anatoli Lunatscharski und dessen Ehefrau 1928 mit Geld aus der deutschen Arbeiterbewegung einen Film über ihn: „Salamandra“, der in Deutschland verboten wurde. Der Stalinpreisträger Lyssenko wurde 1956 als Akademiepräsident von Chruschtschow abgesetzt. Gänzlich verschwand der führende Biologe der UDSSR 1962. Er war laut Wikipedias Schmähartikel über ihn davon ausgegangen, dass „die Eigenschaften von Kulturpflanzen und anderen Organismen nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt werden“.

Und dann war da noch der Harvard-Historiker Robert Conquest, dem das riesige außer Landes gebrachte Ukraine-Archiv zur Verfügung stand – für sein 1988 veröffentlichtes Buch „Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1929-1933“. Darin heißt es in völligem Ami-Unverständnis der russischen Revolution: „Wo [der monarchistische Innenminister] Stolypin ‚auf die Starken gesetzt‘ hatte, setzte Lenin auf die Schwachen.“ Das konnte ja nicht gut gehen! Stolypin wurde von einem Sozialrevolutionär erschossen. Warum die Rote Armee das nach der Einnahme von Berlin-Buch und Wien nicht mit Timofejew-Ressowsky und Stubbe tat, ist auch unverständlich.

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Friedrich Nietzsche auf seinem Bett

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Hirse (3)

Die bolschewistische Nomenklatur – Dorfarme-Mittelbauern-Kulaken – auf dem Land führte zu einer ebenso seltsamen wie überraschenden Biopolitik, die die Klassenherkunft wie früher die Rang- und Rasseabstammung anwendete. So mußten z.B. die Arbeiter in dem Roman „Waska in der Unterwelt“ (1989) von Sergej Antonow verheimlichen, dass ihre Kollegin ein aus der sibirischen Verbannung geflüchtetes Kulakenmädchen war. „Soll man sie bei der Miliz anzeigen oder nicht?“ Erst als sie Bestleistungen erbringt, kann sie sich langsam mit Unterstützung ihres Brigadiers von ihrem Geburtsmakel „befreien“.

Stalin verkündete 1927: „Wir sind übergegangen von einer Politik, die Ausbeutertendenzen des Kulaken zu beschränken, zu einer Politik, den Kulaken als Klasse zu liquidieren“. Gegenüber Churchill erwähnte er später einmal die Zahl „10 Millionen“, die davon betroffen waren – also enteignet, erschossen oder verbannt wurden. „Es war [damals] leicht, einen Menschen ins Gefängnis zu bringen,“ schreibt Wassili Grossmann 1955 in seiner Erzählung „Alles fließt“, die erst 1989 veröffentlicht werden durfte, aber dann sofort vergriffen war, auch in der DDR im Jahr darauf. „Du schreibst eine Denunziation; du brauchtest sie nicht einmal zu unterschreiben. Alles, was du sagen mußtest, war, daß er Leute bezahlt hatte, um für ihn als Tagelöhner zu arbeiten, oder daß er drei Kühe besessen hatte.“ Die Leute betrachteten die so genannten Kulaken „als Vieh…; sie hätten keine Seelen, sie würden stinken, sie seien Volksfeinde und beuteten die Arbeit anderer aus…Und es gab für sie keine Gnade“, selbst die Kulaken-Kinder waren geringer als eine Laus, schreibt Grossmann.

In den Dörfern selbst hatte sich jedoch ebenfalls etwas getan: Erst erlangten immer mehr mittlere Bauern die Kontrolle über die Sowjets – der Vertretung der Regierung auf dem Land, dann ließen sich hier und da auch schon Kulaken zu Kolchosvorsitzenden wählen. Siehe dazu: Diana Siebert „Bäuerliche Alltagsstrategien in der Belarussischen SSR (1921-1941)“ 1998.

Es war so ähnlich wie Alexander Solschenizyn es in bezug auf das Verhalten der zaristischen Offiziere 1917 beschrieb: Nach einer Schrecksekunde, da die Soldaten viele Offiziere mit Schimpf und Schande davongejagt oder erschossen hatten, verstanden diese es immer besser, auf der Revolutionswelle zu surfen – und sich sogar an die Spitze der revolutionären Bewegung zu setzen.

Mit der Zeit gerieten überdies der auf Anwendung bedachten „proletarischen Biologie“ von Lyssenko die „konkreten Bedingungen“ der Praxis immer mehr aus dem Blickfeld. Ein Beispiel aus der DDR:

Der spätere Produktionsleiter Hans-Peter Hartmann schloß 1973 an der LPG-Hochschule in Meißen sein Studium zum Diplom-Agraringenieur ab. Seine Abschlußarbeit bestand aus „Vorschlägen zur Erweiterung und rationelleren Nutzung moderner Milchproduktionsanlagen“. Um dafür die Note 1 oder 2 zu bekommen, mußte man eine noch nicht ins Deutsche übersetzte sowjetische Arbeit als Quelle benutzt haben, die meist von der „Mitschurinschen Biologie“ beeinflußt war. Hartmann fand eine von Admin und Savzan aus dem Versuchsbetrieb Kutusowska, in der es u.a. darum ging, den Färsen zwei mal täglich die Euter zu massieren: Das würde die Milchleistung später um ca. einen Liter täglich erhöhen. Als „Praktiker“ nahm Hartmann diese Empfehlung jedoch selbst nicht ernst. Ähnlich wurden damals viele lyssenkistische Empfehlungen in der Tier- und Pflanzenproduktion aufgenommen. „Wer hätte dafür Zeit gehabt, allen Färsen die Euter zu massieren und wieviel das gekostet hätte – dieses zwei mal tägliche Als-Ob-Melken?! Außerdem standen die meisten Färsen in Chrustschowschen Rinder-Offenställen, in denen sie frei herumliefen: Da wäre man gar nicht so einfach an die rangekommen“.

Häufig gerieten die Planvorgaben der Wissenschaftler und ihrer Forschungstationen mit denen der Kolchosen sogar in offenen Widerspruch: So berichtet z.B. der Leiter des Instituts zur Erforschung der Binnengewässer in Borok, Iwan Papanin, dass sie bei ihrem Vorhaben, die Fischzucht und -Fangergebnisse in den Stauseen der Mittleren Wolga zu verbessern, mit den Interessen der dortigen Fischereikolchosen kollidierten, die, um ihren Plan schnell und kräftesparend zu erfüllen, ausgerechnet in der Laichzeit rund um die Uhr und dazu noch mit äußerst engmaschigen Netzen arbeiteten, was ihnen dann von den Wissenschaftlern verboten wurde: Die Mitarbeiter der Station gingen zur Kontrolle ihrer Anordnungen selbst – bewaffnet – auf Patrouille.

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Die Brecht-Schauspielerin Käthe Reichel mit Antikriegsplakat

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Hirse (4)

Auf der Brecht-Veranstaltung im Brechtzentrum zeigte die aus Kasachstan stammende Filmwissenschaftlerin und Ethnologin Vettka Kirillova zu fünf Diskussionsteilen über Hirse fünf Filme mit z.T. altem sowjetischen Filmmaterial über die damalige kasachische Landwirtschaft und KI-Tricks. Daneben bot sie dem Publikum Tee aus gerösteter kasachischer Hirse an. Zuvor hatte sie im Zeiss-Großplanetarium bereits Filme über die „wissenschaftlich-technische Revolution“ in sowjetischen Filmen vorgeführt und dazu eine Einführung gegeben. Alles im Rahmen der „Brecht-Tage 2026“.

Wegen des thematischen Umfangs wurde ein Teil in der Diskussion ausgelassen: Die FAO – Food and Agriculture Organization der UNO. Sie hatte 2023 zum Jahr der Hirse erklärt und ihre Bürokraten eine Unzahl von Aktivitäten dazu initiiert: 1500 Einträge in den Sozialen Medien über Hirse gepostet, 320.000 Klicks auf ihrer Internetseite zu Hirse gezählt, 100 Veranstaltungen zum Thema in 35 Ländern organisiert, die internationalen Medien motiviert, 2250 Artikel darüber zu veröffentlichen, ihre Hirseinfos in 19 Sprachen übersetzen lassen, 100 Hirse-Videos drehen lassen und 10 Influenzer für ihr Hirseprogramm losgeschickt. Die Aufmerksamkeit der FAO richtete sich bei ihren Hirse-Propagandaaktivitäten vor allem auf Länder in Asien und Afrika.

In den Statistiken zum Hirseanbau in verschiedenen Regionen der Erde tauchen Russland, Kasachstan und die anderen Stanländer nicht auf, obwohl sie dort weiter angebaut wird. Dafür diskutiert man jedoch überraschenderweise den Hirseanbau in Deutschland: „Die wärmeliebende Sorghumhirse gilt als robust, nahrhaft und klimafit – doch in Deutschland fristet sie bislang ein Schattendasein. Das Projekt SorBOOM will das ändern: Mit genetischen Analysen, Züchtung neuer Hybriden und modernen Methoden wie Drohnentechnik und Genomeditierung soll Sorghum fit für den heimischen Acker gemacht werden,“ heißt es z.B. auf „pflanzenforschung.de“.

Der Gegensatz zwischen Genetik und Lyssenkoismus hat sich inzwischen erledigt: Fast überall auf der Welt geht es um genetisch veränderte Pflanzen, um die Ernteerträge zu erhöhen und eine Resistenz gegen Parasiten „einzubauen“. Wegen der Klimaerwärmung kommt nun die Hirse auch dort ins Spiel, wo man sie bisher zugunsten der anderen Getreidearten nicht angebaut hat, denn die Hirse verträgt große Hitze, gedeiht auch auf trockenen Böden und ist schnellwachsend. Deswegen will man in Deutschland schon mal den Hirseanbau planen, um vorbereitet zu sein und Erfahrungen mit der Pflanze zu sammeln. „Eine neue Kulturpflanze für Deutschland“ – so wird sie beworben. Bei Berlin gibt es bereits einen Biohof, der sie anbaut. In Asien und Afrika ist sie schon seit zigtausend Jahren bekannt. Dort geht es eher darum, wenigstens für die FAO, die Kleinbauern für ihren Anbau zu begeistern.

Das ist insofern neu als die bisherigen Anstrengungen dahin gingen, nicht nur die Nomaden zur Seßhaftigkeit zu veranlassen, sondern auch große konkurrenzfähige Agrarbetriebe zu fördern, die entweder die Kleinbauern zum Aufgeben ihrer Felder und zum Abwandern in die Städte zwingen oder sie von den Großbauern als Landarbeiter, Cowboys etc. zu beschäftigen. So wie einst im Osten die Kolchosen immer größer wurden, wurde auch im Westen immer eine Agrarpolitik favorisiert, die den großen Landwirtschaften zugute kam: Wachsen oder weichen. Dort wurden jedoch die „Kulaken“ liquidiert, hier wurden und werden sie gefördert.

Zuletzt, 2017, ließ Lukaschenko die Kolchosen in Weißrussland auflösen. Die 347 Kolchosen des Landes wurden „reorganisiert“ und in juristisch selbständige Wirtschaftsunternehmen oder Kommunalwirtschaften umgewandelt.

Im Kapstädter Museum „Mayubuye-Archives“ der University of the Western Cape (UWC) befindet sich kurioserweise ein „Kolchose“ genannter Kasten, den sich Gefangene auf Robben Island gebastelt haben. Dazu zählte über zwei Jahrzehnte lang auch Nelson Mandela. Die frühere Gefängnisinsel liegt etwa 12 Kilometer vor Kapstadt. Die „Kolchose“-Kiste war mit Zeitschriftencovern beklebt und enthielt Dinge von Wert für die Gefangenen wie Zigaretten und andere Dinge, die sie miteinander teilten. „Der Inhalt stand allen zur Verfügung – egal, ob er etwas zur Kisten beigetragen hatte oder nicht. Durch diese Box entstand ein Gefühl von Gemeinschaft und Teilungsbereitschaft, das von gegenseitiger Fürsorge geprägt war,“ heißt es im Katalog zur Archivausstellung „Every Artist Must Take Sides“ (2025/26) über die beiden angloafrikanischen Aktivisten Eslanda und Paul Robeson in der Berliner Akademie der Künste.

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Der Germanist Friedrich A. Kittler am Tisch

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Hirse (5)

Ich kannte Hirse immer nur als Vogelfutter. Meine Eltern hatten in ihrer Wohnung ein großes Beet mit Pflanzen. Als ich mit 12 ein Paar Webervögel in einem kleinen Käfig geschenkt bekam, ließen wir die beiden Vögel frei und hängten mehrere Kugelnester für sie zwischen die Pflanzen, die auch von ihnen angenommen wurden. Zu fressen bekamen sie Kolbenhirse und gelegentlich Kräuter. Die beiden Webervögel, Afrikanische Silberschnäbel, vermehrten sich schon bald. Einmal fing ich einen alten Spatz in unserer Straße, der Atemprobleme hatte, vielleicht Asthma, und nur noch kurze Strecken fliegen konnte. Ich ließ ihn in unserer Wohnung frei, er gesellte sich sofort zu den inzwischen 11 Webervögeln und ernährte sich ebenfalls von der Hirse, der ihm anscheinend gut tat, denn er lebte noch einige Jahre und hatte irgendwann auch keine Atemprobleme mehr. Für die Kugelnester war er zu groß, deswegen schlief er auf ihnen. Irgendwann taten es ihm einige junge Webervögel nach.

Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow berichtet in seiner Erzählung „Staatsbewohner“ (1927/2025) von einem russischen Dorf namens Kosma, wo ein gewisser Pjotr Jewesejewitsch sich fragte: „Sind womöglich Vögel an der Hirse? Die werden die jungen Körner picken, und wovon soll sich dann die Bevölkerung ernähren?“ Eilig ging er zum Hirsefeld „und ertappte dort tatsächlich fressende Vögel“: Spatzen , die er vertrieb. Zu Beginn der Nacht ging er in seine Wohnung zurück. „Auch die Spatzen waren jetzt ruhig, sie werden nicht Hirse futtern kommen; über Nacht werden die Körnchen an den Rispen weiter reifen und erstarken – und morgen wird das Auspicken schon schwerer sein.“ Damit beruhigte er sich. Und wenn sie die Körner doch auspicken? Sollen sie doch, sagte er sich.

Auf „vogelwunderland.de“ heißt es, dass neben dem Sperling auch Kanarienvögel, Wellensittiche und Zebrafinken „Hirse als Nahrung bevorzugen“. Das Forum „wirfuerstier.de“ gibt jedoch zu bedenken: „Obwohl sie vergleichsweise fettarm ist, kann Hirse bei Heimvögeln zu Übergewicht führen. Der Grund dafür ist, dass viele Tiere sie häufig in sehr großen Mengen verzehren, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Kolbenhirse und Rispenhirse sollten deswegen nur in kleinen Mengen und als gelegentliche Leckerbissen gereicht werden.“ Weil wir das damals nicht wußten, gaben wir ihnen so viel Hirsekolben wie sie wollten. Es schadete ihnen nicht.

In dem Buch des amerikanischen Forschungsreisenden Peter Matthiessen „Die Könige der Lüfte. Reisen mit Kranichen“ (2001) berichtet der Autor über seine Besuche der Brut-, Rast- und Überwinterungsplätze der 15 heute noch lebenden Kranicharten in Russland, Asien, Europa, Australien und Nordamerika. Zusammen mit dem Gründer der „International Crane Foundation“ (ICF) George Archibald fuhr Matthissen nach Rajasthan und dort in das Dorf Khichan, wo sich jainistische und hinduistische Händler zusammengetan haben, um für Hunderte überwinternder Jungfernkraniche zu sorgen. Diese sind zwar im Gegensatz zu den Saruskranichen argwöhnischer, aber an Khichan haben sie sich gewöhnt, schreibt er. Sie fliegen zweimal täglich über das Dorf und lassen sich dann auf einem „60 mal 90 Meter großen Gehege nieder, das mit Stacheldraht eingezäunt ist, um Schweine, Hunde und Kinder fernzuhalten.“ Dort werden die etwa 5500 Vögel gefüttert: 6800 Kilogramm feine weiße Hirse täglich. „Mit Hilfe einheimischer Stiftungen wird dieses Opfer seit 20 Jahren dargebracht.“

In Australien beobachtete Matthiessen ebenfalls zwei Kranicharten. Die Brolgakraniche, auch Wüstenkraniche genannt, halten sich auf Farmland im Outback Nordwestaustraliens auf, wo Hirse und Baumwolle angebaut wird, die man aus Reservoirs bewässert. Die großen Vögel, mit einer Flügelspannweite von 2,5 Meter, pickten nicht nur an den jungen Hirsepflanzen, „sondern stachen auch tief in den Boden und holten diese komplett mit den Wurzeln heraus. Die Farmer schossen oder vergifteten sie deswegen. Aber als dies zunehmend kritisiert wurde, hörten sie damit auf. Die Saruskraniche hatten ihre Nester in einer unbewohnten Region mit Savannen und Sumpfwäldern im westlichen Queensland, wo sich auch das Brutrevier der Brolgakraniche befand. Matthiessen besuchte dort eine Viehzuchtstation. Vor einigen Jahren hatte die Regierung die 500.000 Hektar große Ranch, auf der 27.000 Rinder grasten , für 2,5 Millionen Dollar gekauft und sie den Aborigines übergeben, die einen weißen Geschäftsführer eingestellt hatten und selbst als Cowboys arbeiteten. Für die Aborigines ist der Brolgakranich „ein Kamerad“, wie die weißen Ranger sagen, um den sich viele ihrer Mythen ranken.

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Der Pilzforscher Merlin Sheldrake mit einem Pilz in seinem Buch

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Anpassung

Um sich zu entwickeln, muß man sich angeblich anpassen, das heißt sich den Anforderungen der Umwelt stellen. Man sagt, diese und jene Tiere seien „perfekt an ihre Umwelt angepasst“. Aber für Nietzsche setzt Entwicklung im Gegensatz zu den Anhängern der Anpassungstheorie (Darwin/Spencer) die Fähigkeit voraus, sich selbst aktiv und tiefgreifend zu verändern. Das ist keine Frage des Bewusstseins, sondern des Leibes. Nietzsches Bündnispartner ist dabei der Mediziner Rudolf Virchow und dessen Zelltheorie, die Dezentralisierung des lebendigen Subjekts, die es ihm erlaubt, jegliche Zentralisierung zu verwerfen: laut Stiegler „das Gehirn (das zentrale Nervensystem) und das Herz (das Zentrum des Blutkreislaufs) – doch auch und vor allem die Illusion einer Zentralisierung durch das Bewusstsein“.

Die Zellen, das sind für Nietzsche „jene kleinsten lebendigen Wesen, welche unseren Leib constituieren“. Wir sind jeder für sich ein Wir. „Wo Leben ist“, da ist für Virchow „eine genossenschaftliche Bildung“. Nietzsche schreibt: „der freie Mensch ist ein Staat und eine Gesellschaft von Individuen“ Für die Mikrobiologen ist das heute schon fast ein alter Hut. Denn für sie sind wir keine Individuen mehr sondern Holobionten. Man muß (mit Nietzsche/Stiegler) die Anpassungsthese der Biologen umkehren. Jedes Mal, wenn sich ein Lebewesen von der äußeren Wirklichkeit ernährt, ist es das Wirkliche, das sich dem Lebendigen anpasst und nicht umgekehrt.

Am Beispiel von Seeottern hat der Meeresbiologe Joe Roman (in: „Eat Poop Die“ 2024) dargestellt, wie eine Umwelt sich ihnen anpasst – nicht nur durch ihre Ernährungsweise, sondern auch durch ihre Ausscheidungen. An der amerikanischen Westküste lebten einst Millionen Seeotter. Ihr Pelz war so wertvoll wie zehn Biberpelze. Als 1911 die kommerzielle Jagd eingestellt wurde, waren 99 von 100 Tieren getötet worden. „Nur wenige hundert Otter in isolierten Populationen in Kalifornien, Alaska, Russland und Japan hatten überlebt.“ Joe Roman meint: Weil sich die Jagd auf sie nicht mehr lohnte, hatte Russland seine Kolonie Alaska schon 1867 an die USA verkauft.

Nach Einstellung der Jagd erholten sich die Otterpopulationen langsam wieder, aber 1965 genehmigte der US-Präsident drei unterirdische Atombombentests auf der zu den Aleuten zählenden Insel Amchitka. Dagegen gründete sich damals die Umweltschutzorganisation Greenpeace und der Biologe John Vania rechnete den Verantwortlichen vor, wie viele Seeotter bei den Atomtests sterben würden. Er schlug vor, sie zu evakuieren. Man stellte daraufhin den Otterrettern ein Flugzeug zur Verfügung, die 50 Otter auf einmal in die von Russen gegründete Alaskasiedlung Sitka transportierte.

Die Tiere wurden mit Netzen gefangen. In Sitka lud der Biologe Jerry Dipka die gestressten Seeotter in ein Wasserflugzeug, das sie zu ihren neuen Habitaten an der Westküste bis nach Kalifornien flog – 710 Tiere insgesamt. Weitere 43 Amchitka-Otter wurden auf Vancouver Island freigelassen. 3000 Otter waren auf Amchitka zurückgeblieben, von ihnen überlebte nur jeder zehnte den Atomtest 1971.

Vor den Fangaktionen hatte man untersucht, wie sich die Otter auf die Seetangwälder ausgewirkt hatten. Auf den Otterinseln gab es ausgedehnte Tangwälder mit spärlichen Populationen von Seeigeln, Seepocken und Muscheln. Die otterlosen Inseln waren fast tangfrei, anstelle von Algen gab es riesige Muschelbänke, Seepocken und jede Menge Seeigel. Diese ernähren sich von den Tangpflanzen, „wobei sie deren Haftorgane fressen, die die Algen am Meeresboden festhalten. Sobald der Seetang losgeschnitten ist, stirbt er jedoch ab. So schaffen sich die Seeigel Brachen fast ohne Seetang, aber dafür mit einer Überpopulation ihrer eigenen Art. Indem sie die Seeigel fressen, reduzieren Otter deren Verzehr der Makroalgen, wodurch die Tangwälder gedeihen können“, die dann wieder zur „Kinderstube und Heimat für Hunderte von Fisch- und Wirbellosenarten“ wird. „Die Anwesenheit der Otter veränderte alles…Die Umsiedlungen gaben Aufschluss darüber, wie die Wiederherstellung einer einzelnen Art zu einer ökologischen Transformation führen kann.“ In Sitka, dem ehemaligen Zentrum des Pelzhandels, werden nun Touristenfahrten angeboten, um von Booten aus Seeotter und Wale im Sitka Sound zu beobachten.

In den Jahrzehnten seit ihrer Evakuierung ist die Otterpopulation im Nordpazifik wieder auf etwa 125.000 Tiere angewachsen. Zwischen 1988 und 2003 fraßen sie 99 von 100 Seeigeln im Sitka Sound und die Tangwälder nahmen in der Region um mehr als 99 Prozent zu. Sie bieten Nahrung und Schutz für mehr als 800 Arten. Alle scheiden Stickstoff in die umliegenden Gewässer aus, die der Seetang aufnehmen kann. „Das passiert nicht in einem unfruchtbaren Seeigel-Ödland,“ schreibt Joe Roman, dem es im Gegensatz zu den meisten Ökologen, die die Nahrungskreisläufe „bottom-up“ erforschen, um das Gegenteil – „top-down“ geht, also wie die Tiere die Umwelt verändern.

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Der Wikileaksgründer Julian Assange unter einem grünen Schirm

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Seelenstärke

Der Biologe Bernhard Kegel schreibt in seinem Buch „Epigenetik“ (2009): Das „genzentrische Weltbild“ ist allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, meinte auch der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der Columbia University ‚angesichts eines ganzen Universums ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Dieses Eingeständnis verdankt sich nicht zuletzt der Endosymbiontentheorie der US-Mikrobiologin Lynn Margulis. Ihre lange Zeit abgelehnte Symbioseforschung findet sich inzwischen in den Lehrbüchern und es wurden etliche Forschungsinstitute dafür gegründet. Eines ihrer Bücher „Die andere Evolution“ hat man 2018 neu veröffentlicht – unter dem Titel „Der symbiotische Planet oder wie die Evolution wirklich verlief“. Laut Margulis sind Genmutationen selten und oft schädlich, die Evolution verlief vielmehr über Symbiosen zwischen verschiedenen Arten. Im Übrigen meinte sie: Ihre Kollegen „interessieren sich heute nicht mehr für die Geschichte des Lebens auf der Erde, sondern vor allem dafür, bessere Tomaten zu machen“.

In ihrem Band „Tausend Plateaus“ (1993) begreifen der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychoanalytiker Félix Guattari „die Geschichte des Lebens“ als Werden. „Werden besteht gewiß nicht darin, etwas nachzuahmen oder sich mit etwas zu identifizieren; es ist auch kein Regredieren-Progredieren mehr; es bedeutet nicht mehr, zu korrespondieren oder korrespondierende Beziehungen herzustellen; und es bedeutet auch nicht mehr, zu produzieren, eine Abstammung zu produzieren oder durch Abstammung zu produzieren.

Das Werden ist keine Evolution, zumindest keine Evolution durch Herkunft und Abstammung. Das Werden produziert nichts durch Abstammung, jede Abstammung ist imaginär. Das Werden gehört immer zu einer anderen Ordnung als der der Abstammung. Es kommt durch Bündnisse zustande. Wenn die Evolution wirkliche Formen des Werdens umfaßt, so im weiten Bereich von Symbiosen, in dem Geschöpfe völlig unterschiedlicher Entwicklungsstufen und Tier- oder Pflanzenreiche zusammenkommen, ohne dass irgendeine Abstammung vorliegt…Wenn der Neoevolutionismus seine Originalität unterstreichen konnte, so lag das zum Teil an solchen Phänomenen, bei denen die Evolution nicht vom weniger zum höher Differenzierten geht und nicht länger eine abstammungs- und erbschaftsmäßige Evolution ist, sondern vielmehr kommunikativ oder ansteckend wird. Das Werden ist eine Vermehrung, die durch Ansteckung geschieht.“

Deleuze und Guattari haben dieses „Werden“ vom Philologen Nietzsche übernommen, der es von Heraklits „Fluss des Werdens“ her begriff, in dem „nichts mit sich selbst identisch bleibt“. Und der sich „ab dem Sommer 1876 mit nichts anderem mehr beschäftigt hat als mit Naturwissenschaften, Medizin und Physiologie“, das die französische Philosophin Barbara Stiegler in ihrem Buch „Nietzsche und das Leben“ (2025) thematisiert. Zwar hat er dabei auch intensiv die Evolutionstheorie von Darwin studiert, aber sie reichte ihm nicht aus, „um das Leben einzufangen“, das eine weitere Aktivität voraussetzt: die Ernährung – „Einverleibung“ im weitesten Sinne. „Evolution und Einverleibung sollten [ihm] fortan als die zentralen Probleme der Philosophie gelten“, die keine Metaphysik mehr ist. Ähnliches hat dann der russische Dichter Ossip Mandelstam unternommen: „Ich habe mein Schach auf die Biologie gesetzt, damit das Spiel ehrlicher werde.“

Nietzsche ging dazu vom damals beginnenden Industriezeitalter aus, das zu einer „Beschleunigung der Lebensrhythmen sowie in der zunehmenden Auflösung aller Eingrenzungen“ führte. In seinen nachgelassenen Fragmenten 1884 heißt es: „Die ehemaligen Mittel, gleichartige dauernde Wesen durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und Heroenglaubens als der Ahnherren). Jetzt gehört die Zersplitterung des Grundbesitzes in die entgegengesetzte Tendenz: eine Zeitung (an Stelle der täglichen Gebete), Eisenbahn, Telegraph. Centralisation einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in Einer Seele: die dazu stark und verwandlungsfähig sein muß.“ Was sie aber nicht ist.

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Der Guerillakämpfer Che Guevara auf einem Traktor

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Empathie

Empathie, Mitgefühl, ist das Gegenteil von Ekpathie, kein Mitgefühl oder die Ablehnung von Einfühlungsvermögen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Satz des erschossenen Trump-Propagandisten Charlie Kirk: „Ich kann das Wort Empathie nicht ausstehen. Ich glaube, Empathie ist ein erfundenes New-Age-Wort – und es richtet großen Schaden an.“

Der Begriff der Empathie bzw. der Einfühlung hat seine Ursprünge in der Romantik. „Er spielte bereits bei Herder und Novalis eine wichtige Rolle, wurde aber erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem terminus technicus weiterentwickelt, um ein inneres Nachvollziehen zu bezeichnen,“ schreibt Íngrid Vendrell Ferran im „Handbuch der Kunstphilosophie“ (2022).

In Dänemark lernen Kinder in der Schule nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen – sondern auch Mitgefühl. Empathie ist ein eigenes Schulfach für alle zwischen 6 und 16 Jahren. Auf „kontrast.at“ heißt es dazu: „So verbessern sie ihre sozialen Fähigkeiten und stärken den Zusammenhalt in den Klassen. Das zeigt sich auch in den Zahlen zu Mobbing: Laut einer Studie des dänischen Instituts für öffentliche Gesundheit sank der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig Opfer von Mobbing wurden, von 24,4 % im Jahr 1994 auf 6,3 % im Jahr 2022.“

Das ist wahrscheinlich grober Unfug, denn immer wenn Lehrer etwas Neues mit Engagement erproben, haben sie anfänglich Erfolg. Man weiß das aus Indien, wo alle nasenlang eine neue private Modellschule gegründet wird. Sie hat jedesmal erstaunliche Erfolge, aber dann kommen die Mühen der Ebene, der Alltagstrott. Auf Dänemark bezogen: das „Mobbing“ nimmt dann wieder sozusagen normale Ausmaße an.

Schlimmer noch: Weil das „Mobbing“ wie fast alles aus Amerika kommt, ist sogar zu erwarten, dass es zu einer Mode unter Schülern wird. Auch bei den Opfern: Das ist so wie beim „Stalking“: In Kalifornien engagieren Schauspieler sogar Stalker, weil wer nicht gestalkt wird, der ist nichts. Denkbar wäre es also, dass dänische Schüler nach Hause kommen und rufen: „Mami, ich bin heute gemobbt worden!“ Und die ganze Familie freut sich, weil das bedeutet, dass seine Mitschüler ihn zur Kenntnis genommen haben. Das wird aber nicht passieren, denn es ist ja schon ein meldepflichtiges Mobbing, wenn man einem Mitschüler ein oder zwei Kröten in die Schultasche packt – fast ein Verbrechen, schon allein unter ökologischem Aspekt, denn bei den Kröten handelt es sich meist um eine geschützte Art.

Zudem ist der Empathie-Unterricht nur ein hilfloser Versuch der dänischen Behörden, die Umwandlung des skandinavischen Sozialstaats in ein neoliberales xenophobes Allerweltsland, das egoistischen Individualismus und Nach-Unten-Treten verlangt, zu kaschieren.

Von der Empathie abgeleitet ist das Wort Empathogen – ein Wirkstoff, der laut Wikipedia „dazu führt, dass die unter seinem Einfluss stehende Person das Gefühl hat, mit anderen Menschen zusammen eine Einheit zu bilden, sie zu verstehen, mit ihnen gemeinsam zu fühlen.“ Die dänischen Jugendlichen werden diesen Empathie-Wirkstoff sicher dem Empathie-Schulunterricht vorziehen.

Zu den empathogenen Wirkstoffen zählen „Ecstasy“ und die „Designerdroge Methylon“ (MDMA). Bis zu ihrem Verbot in den 1980er Jahren wurden diese Drogen in der Psychotherapie eingesetzt, „da sich der Patient unter ihrem Einfluss seinem Therapeuten öffnet und dieser leichteren Zugang zum Patienten und dieser leichter zu sich selbst findet.“ Vor allem nahmen sie jedoch die Besucher in den Technoclubs, u.a. um das ganze Wochenende durchzutanzen – und sich mit allen anderen, die durchhielten verbunden zu fühlen, „eine Einheit zu bilden“. Aber auch, weil sie den Geschlechtstrieb verstärkten, der bereits durch die körperliche Aktivität Tanzen, den Sound, das Halbdunkel, die Lichtblitze etc. angeregt wurde. Südafrikanische Mediziner fanden heraus, dass bereits Trommelrhythmen den Eisprung auslösen können.

Wikipedia erwähnt eine Studie, die dagegen nahelegt, dass das soziale Verhalten unter Einfluss von MDMA eine „verminderte Wahrnehmung von bedrohlichen Gesichtsausdrücken“ bewirkt. Die Autoren der Studie schlossen daraus, dass durch die Droge soziale Annäherung – hier durch Ausblenden von Risiken – gefördert wurde und nicht soziale Einfühlung: Empathie. Das hört sich an als hätten die Autoren der Studie den Auftrag gehabt, zu beweisen, dass MDMA und Exstacy den Kids in den Clubs, in der „Club-Kultur“, wie man sagt, nicht gut bekommt, also dass die unter Droge stehenden jungen Menschen sich die „Einheit“ auf der Tanzfläche nur einbilden, weil die Droge sie allesamt verblödet hat. Ich glaube diesen Medizinern jedenfalls kein Wort.

Mein Empathievermögen ist dagegen eine nüchterne „déformation professionell“: Ich habe so viele Menschen in meinem Leben interviewt, das heißt: mich in sie reinversetzt (selbst in die größten Arschlöcher), dass ich inzwischen selbst Mitgefühle mit einem Grashalm entwickel, wenn jemand ihn platt tritt. Erst recht, wenn es einem Tier schlecht geht. Dies mag jedoch damit zusammenhängen, dass ich 2005 hinterrücks in eine  Anthropause geriet. 

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Die Animismusforscherin Nastassia Martin in der Steppe

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Wüsten

Seltsam: Der Sahara-Reisende Wolfgang Büscher schreibt in seinem Buch „Der Weg“ (2025): „Wohin ich auch ging, ich blieb unter meinesgleichen ein Mann unter Männern. Immer nur Männer. Nie Frauen…Es fehlte die Grundspannung – die der Geschlechter. An diesen Orten [Oasen] knisterte nichts.“

Ich bereiste dagegen zwei Mal die Wüste Gobi – und traf immer nur Frauen, nie Männer. Zunächst meine Fahrerin, eine junge Kasachin, und dann die Vorsitzendenden von 80 Agrargenossenschaften. Eine erzählte mir, warum das so war: Die Männer bekamen von den aufgelösten Kolchosen das Vieh, aber sie wanderten damit nicht, was jedoch in der pflanzenarmen Gobi notwendig ist und dann starben ihnen während zweier extremer Winter fast alle Tiere. Daraufhin probierten sie sich als Händler, aber sie waren den gewieften Chinesen nicht gewachsen. Woraufhin sie bloß noch deprimiert rumsaßen, aßen und sich betranken, so dass „wir Frauen uns schließlich zusammen taten“, Genossenschaften gründeten, dann in der Kreisstadt Geld verdienten, davon Vieh kauften und es so an die Frauen verteilten, dass jede die gleiche Anzahl besaß. „Unsere Genossenschaften ähneln den früheren Kolchosen, nur dass wir jetzt selbst bestimmen, was zu tun ist.“

In der Sahara bekam Büscher gesagt: „Denk immer dran, Du bist [als weißer Tourist] eine Handelsware“ – also Vorsicht. Es gibt dort bestechliche Soldaten, illegale Goldgräber, Menschenschmuggler, Räuber.

Am Rande der Gobi trifft man höchstens Goldschürfer, Familien die am Sonntag Picknick machen, wobei der Mann in den Flüssen Gold aussiebt. Und die „Touristenfalle“, das sind dort die vielen Steine: Wenn man anfängt, sie zu sammeln, guckt man nur noch nach unten.

Büscher steuerte mit seiner Tuareg-Führern eine Einsiedelei unweit der Oase Tamanrasset im Süden Algeriens an, die sich der französische Offizier Vicomte Charles de Foucauld auf einem windumtosten Berg gebaut hatte, um dort als Eremit ein Wörterbuch der Tuaregsprache zu verfassen und die Nomaden zu missionieren. Er wurde 1916 von Anhängern des libyschen Senussi-Ordens ermordet.

In der Gobi fragte ich nach der Festung von Dampignak, der sich zum Herrn über die Südgobi aufschwang – und die russischen sowie chinesischen Okkupanten bekämpfte. Bis er von den Russen gefangen genommen und in Sibirien inhaftiert wurde. Die Revolution befreite ihn: Kein geringerer als der Schweijk-Autor Jaroslaw Hasek, der als Kommissar der Roten Armee in Irkutsk für die Kriegsgefangenen zuständig war, entließ Dampignak in die Heimat, wo er erneut den Freiheitskampf aufnahm – gegen die Kosaken des Weißen Barons Ungern von Sternberg, der zuvor die Chinesen vertrieben und Ulaanbataar erobert hatte. Dessen Truppen wurden 1921 vom mongolischen Aufstandsführer Sukhbaatar mit Hilfe der Roten Armee besiegt und vernichtet. Wenig später ließ Sukhbaatar auch Dampianak umbringen, der sich mit seinen Leuten in seine Festung zurückgezogen hatte.

So wie Büscher den berühmten „Charles de Jesus“ aus Büchern kannte, wußte ich von Dampignak aus den Büchern des Konstanzer Drogisten Fritz Mühlenweg, der in den Dreißigerjahren mehrmals mit Kamelen von China aus in die Gobi aufbrach: „Drei Mal habe ich die Mongolei bereist und jedes Mal war es schöner.“ 1973 hat die Mongolistin Veronica Veit Näheres über Dampignak in den „Serta Tibeto-Mongolica“ veröffentlicht.

In der Sahara wie auch in der Gobi leben Wildesel, ich sah die scheuen Tiere kurz im Vorbeifahren. Hier wie dort gibt es auch Kamele, ebenso neolithische Felsmalereien und endlose „singende Sanddünen“. Während die Tuareg unterwegs kleine Vogeltränken bauen, u.a. für den Saharasteinschmätzer, schaffen die mongolischen Besitzer von Touristencamps beim Bau ihrer Gebäude Nistplätze unterm Dach, die bei Spatzen, Schwalben und Finken begehrt sind.

Im Gegensatz zu Büscher und mir ist der Fotograf Michael Martin ein wahrer Wüstenkenner. Er kennt sie alle, auch die Eiswüsten. Seit 35 Jahren berichtet er über sie, anfänglich in Form von Diavorträgen in Kulturhäusern. In seinem Buch „Das Wesen der Wüste“ (2019) beklagt er unaufdringlich ihre Belebung durch unschöne Kommerzialisierung. Ähnlich, wenn auch ironischer, kritisiert Tyson Yunkaporta, der dem Apalech Clan der Aborigines angehörende Dozent für Indigenes Wissen an der Universität von Melbourne, die nach wie vor unschöne Kolonisierung Australiens durch die „domestizierten Weißen“ (in: „Sand Talk“ 2025). Obwohl er den Kontinent kreuz und quer ergründete, ist von den großen Wüsten dort kaum die Rede.

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Der Maximo Lider Fidel Castro mit einem Bären an der Leine 

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Drogen

Ein Pharmalobbyist behauptete: „Eine Gesellschaft, die meint, auf Psychopharmaka verzichten zu können, ist krank.“ Mit den Beatniks, Hippies und den rebellierenden Studenten verbreiteten sich Cannabis und LSD sowie Mescalin und Psilocybin („Magic Mushrooms“). Dort hieß es: „Turn on, tune in, drope out!“ und hier: „High sein, frei sein, Terror muß dabei sein!“ Der Psychologieprofessor Timothy Leary veranstaltete an der Harvard-Universität LSD-Sitzungen zur „Bewußtseinserweiterung“.

1968 bat der „New York Times“-Herausgeber Arthur Sulzberger den Beat-Dichter Allen Ginsberg um einen freimütigen Text für die Seite 1. Ginsberg schrieb, dass in den Hippie-Quartieren plötzlich die Haschisch- und LSD-Verkäufer durch Heroin-Dealer ersetzt wurden. Und dies sei auf Anweisung des Staates, durch FBI und CIA, geschehen. Sulzberger war über Ginsbergs Artikel so entsetzt, dass er entgegen aller Gepflogenheiten, dazu auf der selben Seite einen Kommentar abgab. In diesem meinte er, die Regierung gegen Ginsbergs infame Unterstellung in Schutz nehmen zu müssen. Zehn Jahre später gestand er jedoch – auf der selben Seite – ein, dass Ginsburg wohl doch Recht gehabt hatte.

Seit 1953 lief in der CIA bereits ein Programm namens „MK-Ultra“, in dem es um „Gehirnwäsche“ mittels Psychodrogen (vor allem LSD) ging, wobei man davon ausging, dass die Sowjetunion in der Hinsicht bereits einen Vorsprung hatte. Als Beweis galten dann u.a. die im Koreakrieg gefangen genommenen US-Piloten, die im nordkoreanischen Fernsehen freimütig über die Greueltaten amerikanische Kriegsführung berichtet hatten: Das konnte nur einer Gehirnwäsche geschuldet sein.

Bei den LSD-Experimenten der CIA, in denen auch Prostituierte zum Einsatz kamen, waren die Probanden ahnungslose Freier, Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen, die z.T. schwere psychische Schäden davontrugen. Es waren „verbrecherische Menschenversuche“, auf Wikipedia heißt es: „Dabei wurden die wissenschaftlichen Untersuchungen von Foltermethoden der Nationalsozialisten weiterentwickelt“. Bald

Ein Pharmalobbyist behauptete: »Eine Gesellschaft, die meint, auf Psychopharmaka verzichten zu können, ist krank.« Mit den Beatniks, Hippies und den rebellierenden Studenten der 1960er kamen Cannabis und LSD sowie Mescalin und Psilocybin (»Magic Mushrooms«) in Mode. Dort hieß es: »Turn on, tune in, drop out!« Und hier: »High sein, frei sein, Terror muss dabei sein!« Der Psychologe Timothy Leary veranstaltete an der Harvard-Universität LSD-Sitzungen zur »Bewusstseinserweiterung«.

Seit 1953 fuhr die CIA das Programm »MK-Ultra« zur Gehirnwäsche mittels Psychodrogen (vor allem LSD), wobei man davon ausging, dass die Sowjetunion in der Hinsicht bereits einen Vorsprung hatte. Als Beweis sah man unter anderem im Koreakrieg gefangengenommene US-Piloten an, die im nordkoreanischen Fernsehen freimütig über die Greueltaten der US-Streitkräfte berichtet hatten: Das konnte nur einer Gehirnwäsche geschuldet sein.

Die Probanden der LSD-Experimente der CIA, in denen auch Prostituierte zum Einsatz kamen, waren ahnungslose Freier, Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen, die zum Teil schwere psychische Schäden davontrugen. Es waren »verbrecherische Menschenversuche«. Bald

beteiligten sich auch etliche Ärzte und Psychiater in Kanada und England an diesem Programm, sie bekamen Geld von der CIA dafür. „Die Experimente liefen an 44 Universitäten, 12 Krankenhäusern, 3 Gefängnissen und 15 nicht näher bezeichneten ‚Forschungseinrichtungen‘.“ Der US-Autor Stephen Kinzer veröffentlichte 2019 die Geschichte von MK-Ultra mit dem Titel: „Poisoner in Chief: Sidney Gottlieb and the CIA Search for Mind Control“. Der Leiter von MK-Ultra, Gottlieb, erklärte später, es ging darum, das Bewusstsein ihrer Probanden zu löschen und ihnen ein neues zu verpassen.

Das MK-Ultra-Programm bestand noch einige Jahre weiter als US-Präsident Nixon 1972 einen „War on Drugs“ ausrief (davor gab es den „War on Poverty“ von Präsident Johnson und danach den „War on Terror“ von Präsident Bush). Seit 2014 ist jedoch Cannabis (der Anbau und Konsum) in vielen US-Bundesstaaten legal und auch mit LSD und Psilocybin darf in Forschungsinstituten wieder experimentiert werden – nicht nur in den USA auch in Europa (in der Basler Uniklinik und an der Berliner Charité z.B.). Aus der Schweiz und aus England wird berichtet, was für gute Erfahrungen man dort mit LSD bei Krebskranken, Depressiven und Traumatisierten gemacht hat.

2022 erschien ein Erfahrungsbericht der ehemaligen Spiegelreporterin Anuschka Roshani, die an einer „LSD-Session“ (Sechs 16stündige Sitzungen mit unterschiedlichen Dosierungen und einem Placebo) in Basel teilnahm: „Gleißen. Wie mich LSD fürs Leben kurierte“. Gleichzeitig lief auf 3Sat eine Dokumentation über Psilocybin-Experimente an US-Unikliniken: „Aware“. Den Forschern geht es dabei um die Frage: Was ist „Bewußtsein“? Für Anuschka Roshani bewirkte das LSD eine Erweiterung ihres „Bewußtseins“ als sie auf ihrem „Trip“ die Bäume atmen sah – und „akzeptieren mußte, nichts auf der Welt, kein Busch, kein Strauch, keine Hummel ist seelenlos“.

Die amerikanischen und Basler Psychodrogenforschern haben Größeres vor: Sie beteiligen sich am US-Pharma-Start-Up „MindMed“. Dieses börsennotierte New Yorker Unternehmen ist „bei der Zulassung von LSD als Medikament [gegen bald alles?] weltweit in der ‚Pole Position‘.“ Der Markt boomt. Schon entstehen in den USA laut Roshani überall „Center for the Neuroscience of Psychodelics“ und „Center for Psychedelic and Consciousness Research“. Es lockt ein „Milliardengeschäft“, denn es gibt viele Cannabis-Dealer, die sich mit der Droge – erst illegal und dann legal – „dumm und dämlich“ verdient haben und nun bereit sind, „unglaubliche Summen zu investieren“ – u.a. in „MindMed“. Dazu gehört wohl bald auch der Multimilliardär Elon Musk, der u.a. das „desolate US-Gesundheitssystem mittels psychedelischer Drogen heilen“ will.

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Die Kunsthistorikerin Sabine Vogel an einem Ortseingangsschild

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Halluzinierte Hühner

Täglich werden fast zwei Millionen Hühner in Deutschland geschlachtet, weltweit sind es jährlich laut der Welternährungsorganisation 68 Milliarden. Dieses Massensterben hat epische Ausmaße (Homer), aus Sicht der Hühner ist es eine Tragödie (Aischylos). Es gibt aber auch Hühner-Komödien (Aristophanes). Da ist zum Einen die massenhaft aufs Land oder an den Stadtrand ziehende Mittelschicht, die sich dort ein paar Hühner anschafft und sie liebevoll – quasi als neue Haustiere – aufnimmt. Dem trägt nun eine Konjunktur von klugen Hühner-Büchern Rechnung. Zum anderen ist da die slowenische Philosophin Alenka Zupancic, die sich in ihrem Buch „Der Geist der Komödie“ (2014) fragt, was das Komische ausmacht und dazu neben anderen Beispielen auch zwei Hühner-Geschichten erzählt.

Die erste ist eine von vielen Varianten des „postaufklärerischen Glaubens“, dessen Schema laut Zupancic „quasi-universell“ ist – „Ich weiß es sehr wohl, aber trotzdem…“. Ein Mann halluziniert, ein Saatkorn zu sein. Er kommt in eine psychiatrische Klinik, wo es den Ärzten gelingt, ihn davon zu überzeugen, dass er kein Korn, sondern ein Mensch ist. Aber kaum hat er die Klinik verlassen, kommt er auch schon wieder zurück: Im Klinikpark sei ein Huhn und er habe Angst, gefressen zu werden. Aber Sie wissen doch genau, dass Sie kein Korn sind, sagt der Arzt, sondern ein erwachsener Mann. Ja sicherlich weiß ich das, aber sind Sie sicher, dass es auch das Huhn weiß? Fragt ihn der Mann.

Die zweite Hühner-Geschichte dreht die Situation um: Diesmal ist es das Huhn, das fürchtet, von einem Verrückten gefressen zu werden. Die Szene stammt aus dem Charlie Chaplin Film „Goldrausch“: Charlie und Big Jim sind in ihrer Hütte eingeschneit und sterben vor Hunger. Big Jim hat plötzlich die Halluzination, dass Charlie ein fettes Huhn ist. Wenn er nach ihm schnappt, verschwindet es, taucht dann aber in der Person Charlies wieder auf, woraufhin Big Jim ihn mit einem Messer durch die Hütte jagt.

Nachdem diese Szene abgedreht war, hatte Charlie eine bessere Idee: Er bestellte ein Hühnerkostüm in seiner Größe, um Big Jims Halluzination selbst zu spielen. „Erst hiermit wurde das ganze komische Potential der Szene zum Leben erweckt, weil sie nicht länger einfach ausgehend von der Diskrepanz zwischen dem, was Charlie ist und wie der andere ihn sieht (nämlich als Huhn) konstruiert ist, sondern etwas anderes hinzufügt. Sie bringt die huhnhaften Eigenschaften des Menschen-Charlie selbst ans Licht,“ schreibt Zupancic.

Und tatsächlich sehen wir, wie Charlie mit seiner gewohnten chaplinesken Gestik, „die Elemente, die haargenau den Bewegungen des Huhns entsprechen,“ zur Schau stellt, wie sein Biograph David Robinson schreibt (in: Chaplin, Sein Leben, Seine Kunst“ 1989). Dieser Kurzschluß macht für Zupancic den Höhepunkt der Komödie aus: nicht einfach nur, dass Big Jim fälschlicherweise ein Huhn sieht, wenn er Charlie ansieht, sondern auch, dass er, trotz seiner Halluzination, irgendwie recht hat, weil Charlie tatsächlich wie ein Huhn aussieht. „Wir könnten auch sagen: Um die Krise zu lösen, reicht es für Big Jim nicht aus, zu realisieren, dass das Huhn, dass er vor sich sieht, eigentlich sein Freund ist – das Huhn selbst muss realisieren, dass es in Wirklichkeit Charlie Chaplin ist.“

Diese Lesart wird von Robinson unterstützt. Er berichtet nämlich: Zunächst wurde ein anderer Schauspieler in das Hühnerkostüm gesteckt, was aber nicht funktionierte, so dass Charlie selbst diesen Part übernahm: „Der Schauspieler konnte nicht mehr sein als ein Mann in einem Hühnerkostüm. Aber Chaplin konnte, wenn er wollte, ein Huhn sein.“

Nebenbeibemerkt gibt es auch einen Sänger namens Charlie Huhn – in der englischen Band „Foghat“. Bekannter ist die DDR-Schriftstellerin Elke Kahlert, die viele Kinder- und Jugendbücher schrieb, daneben auch einige Tierbücher. Eins heißt: „Ich wollt ich wär ein Huhn. Sinn und Unsinn“ (1972).

Im Zusammenhang meiner Beschäftigung mit Tieren sammel ich u.a. Fotos von Menschen, die sich anläßlich einer Party oder Faschingsveranstaltung als Hund, Katze, Hase, Fledermaus etc. verkleidet haben . Was ich als ersten Schritt einer empathischen Einstellung zu einem Tier deute, denn die derart verkleideten sind ja bemüht, sich auch ihrem Kostüm entsprechend zu verhalten. Sie haben einen Begriff von dem Tier, das sie darstellen. Drei meiner Fotos zeigen Paare, die sich als Hühner verkleidet haben, darunter auch eins von einem Ehepaar, das im Tierpark Cottbus arbeitete: Er als Elefantenpfleger und sie als Vogelpflegerin. Beide wissen sehr viel über Tiere, nicht nur über Hühner.

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Die Politaktivistin Angelika Skripczak liest ihre Post 

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Und was nun?

„Das Werden ist eine Vermehrung, die durch Ansteckung geschieht,“ meinen die antidarwinistischen Philosophen Deleuze und Guattari. Sie haben dieses „Werden“ von Nietzsche übernommen, der es von Heraklits „Fluss des Werdens“ her begriff, in dem „nichts mit sich selbst identisch bleibt“. Und der sich „ab dem Sommer 1876 mit nichts anderem mehr beschäftigt hat als mit Naturwissenschaften, Medizin und Physiologie“, wie die französische Philosophin Barbara Stiegler in ihrem Buch „Nietzsche und das Leben“ (2025) schreibt. Zwar hat Nietzsche dabei auch intensiv die Evolutionstheorie von Darwin studiert, aber sie reichte ihm nicht aus, „um das Leben einzufangen“, das eine weitere Aktivität voraussetzt: die Ernährung – „Einverleibung“ im weitesten Sinne. „Evolution und Einverleibung sollten [ihm] fortan als die zentralen Probleme der Philosophie gelten,“ die keine Metaphysik mehr ist. Ähnliches hat dann der Dichter Ossip Mandelstam unternommen: „Ich habe mein Schach auf die Biologie gesetzt, damit das Spiel ehrlicher werde.“

Nietzsche ging dazu vom damals beginnenden Industriezeitalter aus, das zu einer „Beschleunigung der Lebensrhythmen sowie in der zunehmenden Auflösung aller Eingrenzungen“ führte. In seinen nachgelassenen Fragmenten 1884 heißt es: „Die ehemaligen Mittel, gleichartige dauernde Wesen durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und Heroenglaubens als der Ahnherren). Jetzt gehört die Zersplitterung des Grundbesitzes in die entgegengesetzte Tendenz: eine Zeitung (an Stelle der täglichen Gebete), Eisenbahn, Telegraph. Centralisation einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in Einer Seele: die dazu stark und verwandlungsfähig sein muß.“

Was sie aber nicht ist. Noch weniger konnten die Individuen sich die vervielfältigten Anforderungen der Zweiten Industriellen Revolution einverleiben. Erst recht fühlen sich die meisten jetzt bei der Dritten nicht mehr in der Lage, sie zu verdauen. Es mangelt jedoch nicht an Beruhigungsmitteln und an aufmunternden Slogans für sie: Der bayrische CSU-Ministerpräsident verkündet, „Hightech und Heimat“ seien in seinem Bundesland „vereint“. Neuerdings heiße es auch noch „Laptop und Lederhose, „Rosenkranz und Raumfahrt“, „Leberkäs und Laser“, „Gigabit und Gamsbart“, „WLAN und Weißbier“, „KI und Knödel“, ergänzte der Herausgeber des bayrischen „Unternehmer-Magazins“. Der bayrische Filmemacher Herbert Achternbusch hatte bereits 1981 den Eindruck: „Früher ist hier Bayern gewesen. Jetzt herrscht hier die Welt. Die Welt vernichtet uns, das kann man sagen.“

Um sich zu entwickeln, muß man sich an die sich verändernden Umstände anpassen, das heißt sich passiv durch die Anforderungen der Umwelt formen lassen, aber für Nietzsche setzt Entwicklung im Gegensatz zu den Anhängern der Anpassungstheorie (Darwin/Spencer) die Fähigkeit voraus, sich selbst aktiv und tiefgreifend zu verändern. Das ist keine Frage des Bewusstseins, sondern des Leibes. Nietzsches Bündnispartner ist dabei der Mediziner Rudolf Virchow und dessen Zelltheorie, die Dezentralisierung des lebendigen Subjekts, die es ihm erlaubt, jegliche Zentralisierung zu verwerfen: laut Stiegler „das Gehirn (das zentrale Nervensystem) und das Herz (das Zentrum des Blutkreislaufs) – doch auch und „vor allem die Illusion einer Zentralisierung durch das Bewusstsein“ oder den „Genzentrismus“. Die Zellen, das sind für Nietzsche „jene kleinste lebendigen Wesen, welche unseren Leib constituieren“. Wir sind jeder für sich ein Wir. „Wo Leben ist“, da ist für Virchow „eine genossenschaftliche Bildung“, Nietzsche: „der freie Mensch ist ein Staat und eine Gesellschaft von Individuen“ – das sind seine 36 Billionen Körperzellen, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit kommen und gehen und auch schon „Ich“ sagen.

Für die Mikrobiologen ist das heute schon fast ein alter Hut. Denn für sie sind wir keine Individuen mehr sondern Holobionten. Zwei Embryologinnen am Pariser Institut Pasteur konstatierten: „Bei der Geburt eines Menschen entsteht ein neuer Staat, beim Krebs bricht die Anarchie aus.“ Man muß (mit Nietzsche/Stiegler) die Anpassungsthese der Biologen umkehren: Jedes Mal, wenn sich ein Lebewesen von der äußeren Wirklichkeit ernährt, ist es das Wirkliche, das sich dem Lebendigen anpaßt und nicht umgekehrt.

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Der Riesenseekühe-Entdecker Georg Wilhelm Steller mit Dreispitz

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Ferne und nahe Ostler

Die Bewohner der Inselkette zwischen Kamtschatka und Alaska nennt man Aleuter. Als Alaska von den Russen kolonisiert wurde, kamen auch einige Missionare auf die Inseln, die den Heiden den orthodoxen Glauben einbläuten. „Das größte Hindernis bei der Verbreitung des rechten Glaubens“ bestand jedoch darin, „dass die Kirche statt fähiger Leute diejenigen in die Kolonien schickte, die sie loswerden wollte“, schreibt die finnische Literaturwissenschaftlerin Iida Turpeinen (in: „Das Wesen des Lebens“ 2024). Als Alaska und die Inseln 1867 von den Amerikanern gekauft wurden, kamen die Missionare aus den USA, sie waren nicht besser.

Und so war es auch bei der Kolonisierung der DDR ab 1990: Die BRD schickte Adlige, die in den Konzernen nur Repräsentationsaufgaben gehabt hatten, ältere Banker, die die Stelle eines jüngeren blockierten, Manager im Ruhestand, unterbeschäftigte Leihbeamte und Gewerkschafter mit Alkohol und sonstigen -problemen. Auf eigene Faust kamen dazu noch Hochstapler, Glücksritter und Betrüger. Letztere taten sich sogar zusammen, um eine gutgläubige Stadtsparkassen-Filialleiterin in Sachsen-Anhalt um 700 Millionen DM zu prellen, wie Wolfgang Sabath in seinem Buch „Peanuts aus Halle“ (1998) berichtete. Oder sie versprachen, wie Klingbeil, Pietsch und Müller, beim Kauf des Lampenbetriebs Narva 1000 Arbeitsplätze „im Licht“ zu erhalten, boten jedoch gleichzeitig Siemens-Osram die Narva-Maschinen an.

Am Ende ging es nur noch um Immobilien. Besonders fiel dabei ein Makler aus Bad Schwartau auf: Christoph Wöhlcke. Er erwarb von einer Erbengemeinschaft für 60.000 Mark elf Hektar Land im Ortskern von Passee, einem Dorf in Mecklenburg: für 52 Pfennig pro Quadratmeter. Das Grundstück hatte zu DDR-Zeiten bereits die LPG für 10.000 Mark gekauft, es jedoch nicht ins Grundbuch eintragen lassen. 1972 war dort eine Kläranlage und die Gemeindeverwaltung mit Post, Arztstation und Konsum errichtet worden. Das alles gehörte dann Wöhlcke, der daraufhin 12.000 DM Miete monatlich für das Verwaltungsgebäude vom ehrenamtlichen Bürgermeister Wittek verlangte, 15.500 DM für die Kläranlage und 5000 DM für den Konsum. Just am Tag, als die Gemeinde Passee ihr 675jähriges Bestehen feierte, ließ Wöhlcke den Konsum von einer Gerichtsvollzieherin, die zwanzig Polizisten mitbrachte, zwangsräumen. Im Sommer 1993 versperrte Wöhlcke die Zufahrt zum Gemeindebüro mit 4 Tonnen Kies.

Es kam zu Schlägereien und Protestveranstaltungen. Um dem bedrängten Dorf wenigstens moralisch beizustehen, erklärte der Kreistag Wöhlcke zur „unerwünschten Person“ im Kreis Wismar. Die BILD-Zeitung nannte ihn „Ein Spezialist für komplizierte Grundstücksfragen“. 1995 veröffentlichte der Rostocker NDR-Reporter Michael Schmidt ein Buch über den Fall: „Krieg in Passee“.

Bei einem anderen Fall ging es um etliche tausend arbeitslose Betroffene: Sie hatten mit ihrer Abfindung und einem Kredit eine Eigentumswohnung zur „Alterssicherung“ von gerissenen „Finanzberatern“ und Maklern erworben, die jedoch unvermietbar waren. Ein Studentenwohnheim auf der „Grünen Wiese“ bei Kassel z.B., dessen Wohnungen viel zu teuer für Studenten waren. Oder ein Supermarkt, ebenfalls auf der „Grünen Wiese“ bei Gera, in den laut eines geheim gehaltenen Vertrages mit Lidl und anderen Lebensmittelkonzernen 10 Jahre lang kein Supermarkt einziehen durfte. Einige hunderte demonstrierten vor dem Reichstag, wo sie sich von Rita Süssmuth sagen lassen mußten: „Ihr hättet besser aufpassen müssen“.

Der erste Treuhandchef Detlev Rohwedder urteilte über diese ganzen „Investoren“: „Die benehmen sich schlimmer als Kolonialoffiziere!“ Sinnigerweise bekamen die Treuhandmanager für ihr „Engagement“ im Osten eine „Buschzulage“. Sie reduzierten erst einmal scheibchenweise die Belegschaften in den Betrieben, die sie dann „abwickelten“. Die Massenentlassungen bezeichneten sie als „Großflugtage“. Diese wurden unter der zweiten Treuhandchefin Birgit Breuel noch forciert. Sie erklärte das mit der von der DDR-Regierung bis 1989 „versteckten Arbeitslosigkeit“: „Die Betriebe waren doch übervölkert.“

Weil in den Achtzigerjahren die Neonazis in Hessen immer mehr wurden, forderten die Grünen, als sie 1985 an der Landesregierung beteiligt wurden, 50 ABM-Stellen zur Betreuung der Eltern von Neonazis – und bekamen sie auch. In den Neunzigerjahren legte Angela Merkel als Familienministerin einen üppigen „Gewalttopf“ auf – für die Neonazis im Osten, mit der Folge, dass z.B. in Marzahn-Nord der Punker-Jugendclub plötzlich ein Neonaziclub wurde, ausgestattet mit Kleinbus, Computern usw.. Betreut wurden diese Herzchen dort (wie auch anderswo) von einem cleveren Sozialarbeiter aus dem Westen.

Aus der Kohlschen „Allianz für Deutschland“ (die AfD in den DDR-Märzwahlen 1990) ging über mehrere Anläufe (Pegida etc.) 2013 die rechtspopulistische „Alternative für Deutschland“ (AfD) hervor.

Als ihren Stichwortgeber könnte man den im Osten geborenen und im Westen ausgebildeten Treuhandmanager Thilo Sarrazin bezeichnen. Danach war er Finanzstaatssekretär, zugleich Vorsitzender der Geschäftsführung der Treuhandliegenschaftsgesellschaft. dann in leitender Position bei der Deutschen Bahn AG, Finanzsenator in Berlin und schließlich im Vorstand der Bundesbank – bis er mit seinem „migrationskritischen“ Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) einen Bestseller schrieb und danach noch acht weitere Bestseller. Nur in einem Punkt irrte er sich, meinte Sarrazin 2025 gegenüber der Morgenpost: Er habe „das Ausmaß der Zuwanderung unterschätzt“.

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Jaroslav Hasek im Grünen

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Mit Tieren sprechen

„Auch wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen,” meinte Ludwig Wittgenstein, vor dem uns Gilles Deleuze gewarnt hat. Um mit Menschenaffen sprechen zu können, hat man ihnen als Gefangene die amerikanische Taubstummensprache (ASL) beigebracht – mit Erfolg. Noch erfolgreicher waren die Versuche der amerikanischen Pavianforscherinnen Shirley Strum und Barbara Smuts, die umgekehrt die Sprache von frei lebenden Pavianen lernten, indem sie sich zu ihren Horden gesellten. Shirley Strum von 1972 bis 2023.

Charles Darwin hatte 1838 postuliert: „Derjenige, der den Pavian versteht, würde mehr zur Metaphysik beitragen als Locke“. Barbara Smuts schrieb über „ihre“ Paviane (in: „Sex and Friendship in Baboons“ 1985), deren Horde sie sich ebenfalls einige Jahre lang zugesellte: „Zu Beginn meiner Forschungsarbeit waren die Paviane und ich in keiner Weise einer Meinung.“ Sie musste zunächst die Paviankommunikation wenigstens annähernd verstehen: „Erst durch ein gegenseitiges Kennenlernen konnten sowohl Paviane als auch Mensch ihrer Arbeit nachgehen“. Dabei interessierte Smuts jedoch nicht mehr die Frage ihres Doktorvaters: „Sind Paviane soziale Wesen?“ sondern sie fragte sich selbst: „Ist dieses menschliche Wesen sozial?“ Als sie das schließlich im Hinblick auf „ihre“ 123-köpfige Affenhorde einigermaßen positiv beantworten konnte und ihre Forschung dementsprechend voranschritt, kam sie zu dem Schluss, den auch andere Ethologinnen äußern, dass die nichtsprachliche Kommunikation, bei der sich die Körper über Blicke und Grüßen „eng austauschen“, der sprachlichen Verständigung in puncto Ehrlichkeit und Wahrheit überlegen ist.

Heute macht man es sich einfacher – zu einfach: Der Frankfurter Neurologe Felix Effenberger wollte mittels KI die „Sprache der Tiere“ entschlüsseln. „Ein erster Chatbot für Zebrafinken in Käfigen funktioniert schon ganz gut,“ behauptete „Die Zeit“ am 4. Mai 2025.

Der Neurobiologe Sebastian Markert meinte dagegen im selben Jahr in einem Interview mit der taz: „Diese KI-Systeme sind eigentlich Zombies. Sie tun zwar Dinge, die wir von Menschen erwarten würden, und wirken daher menschlich. Sie sind es aber nicht. Da würde ich mich, ehrlich gesagt, lieber mit Orcas unterhalten.“

Auch eine US-Psychologin wollte sich lieber mit einem Tier unterhalten – mit einem Graupapagei namens Alex. Und weil man dieser Papageienart besonders leicht Wörter aus der Menschensprache beibringen kann, hatten zwei Sprachlehrerinnen unter der Leitung der Psychologin Irene Pepperberg ihm in 31 Jahren 200 Wörter beigebracht, die er äußern konnte, und einen Wortschatz von ungefähr 500 Wörtern, die er verstehen konnte. Weil man Papageien nicht alleine halten kann, hatte Alex noch Gesellschaft von zwei weiteren Graupapageien, „Kyaroo“ und „Griffin“, denen Irene Pepperberg dann weiter Englisch beizubringen versuchte, nachdem Alex 2007 plötzlich gestorben war.

In ihrem Bericht „Alex und ich“ (2009) kommt sie u.a. auf ein Wort der Verweigerung von Alex zu sprechen, der das erst einmal auf die unter Papageien übliche Weise zu „sagen“ versucht hatte: kreischen, beißen oder, „wenn er keine Lust mehr hatte, auf die Fragen eines Sprachtrainers zu antworten, die betreffende Person ignorieren“, ihr den Rücken zukehren, sich ausgiebig putzen … Meist kam er damit durch, seine Trainer verstanden ihn: „Subtil war unser Alex nicht gerade“, meint Irene Pepperberg. Aber dann hörte er unbeabsichtigt das Wort Nein, „und schon bald verwendete er diese Bezeichnung, um uns zu verstehen zu geben: ,Nein, das mag ich nicht!‘ Und Nein hieß dann auch Nein.“

In einem Dialog mit seiner Sprachtrainerin Kandia Morton hörte sich das so an: „K: Alex, was ist das? [ein quadratisches Holzstück hochhaltend] – A: Nein! – K: Ja. Was ist das? – A: Vier Ecken Holz [undeutlich, aber richtig] – K: Vier. Sag es schöner! – A: Nein! – K: Ja! – A: Drei. Papier [völlig falsch] – K: Alex. Vier, sag vier. – A: Nein. – K: Komm schon. – A: Nein.“

Nietzsche postulierte: „Alles Neinsagen gehört den Armen“ – den Lohn- bzw. Futterabhängigen. Der amerikanische Historiker Jason Hribal veröffentlichte 2003 einen Text unter dem Titel: „Die Tiere sind Teil der Arbeiterklasse“. Dem folgte 2007: „Tiere, Widerstandsformen und Klasse. Die Geschichte der Tiere von unten schreiben“ und 2010: „Angst vor einem Planet der Tiere. Die verborgene Geschichte der Rebellion von Tieren“. Ähnlich wie Hribal interessiert sich auch die kanadische Soziologin Sarat Colling für Tiere im Widerstand. 2018 veröffentlichte sie einen Text mit dem Titel „Animal Agency, Resistance and Escape“ und 2020 das illustrierte Buch „Animal Resistance in the Global Capitalist Era“.

Diese Forschung, die zu den „Animal Studies“ zählt, ist vor allem in den USA verbreitet – und mit einer ganzen Reihe von Zeitschriften, Dokus und Videos verbunden, wobei die Anarchisten wohl die ersten waren, die, inspiriert von Kropotkins Werk „Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1900), Nutz- und Wildtiere und ihre Schicksale sowie Kooperationen thematisierten. Auch der Anarchist Jaroslav Hasek ist eine solche Inspirationsquelle. 1910 verkündete er: „Ich habe mich politisch umgestellt. Ich bin jetzt bei den Tieren“, das war, als er Chefredakteur der Zeitschrift „Welt der Tiere“ wurde.

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Barbara Smuts unter Pavianen

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Shirley Strum vor Pavianen

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Gentechnik

Ab etwa 2000 wurde fast täglich ein neues Gen isoliert. In den Medien war jedesmal triumphalistisch vom endlich entdeckten „Neid-Gen“, „Erfolgs-Gen“, „Schönheits-Gen“, „Eifersuchts-Gen“, „Fettmach-Gen“, „Autisten-Gen“, „Juden-Gen“ usw. die Rede. Sogar das Magazin der Max-Planck-Institute titelte: „Singvögel mit Casanova-Gen“. Jede Lebensäußerung und -einstellung war plötzlich biologisch determiniert und die Biologie damit zur Leitwissenschaft geworden. Als es den Biochemikern Watson und Crick gelang, ein räumliches Modell der DNA-Doppelhelix zu erstellen, teilte ersterer der Presse mit, es sei ihnen gelungen, „den Code des Lebens zu knacken“.

2021 hat die US-Zeitschrift „The New Yorker“ einen 11 Seiten langen Text über die Pro-und-Contra-Diskussion eines Buches der US-Psychologin Kathryn Page Harden: „Die Gen-Lotterie – Wie Gene uns beeinflussen“ veröffentlicht. Dieses „bahnbrechende Buch bietet eine kühne neue Vision einer Gesellschaft, in der es allen gut geht…“

Harden arbeitet auf dem Gebiet der „Verhaltens-Genetik“, u.a. gründete sie das „Texas Zwillings Projekt“. Sie untersucht den Einfluß der Gene auf Charaktereigenschaften (Neurotizismus, Verträglichkeit) und Lebensumstände (wie Bildungs-Errungenschaften, Intelligenz, Einkommen, Kriminalitätsanfälligkeit). Der „New Yorker“ fragte sich: „Kann Harden die Linken davon überzeugen, dass Gene wichtig sind – und die Rechten, dass die Gene nicht alles entscheiden?

Weil sich herausstellte, dass man eben nicht alles mit den Genen erklären kann, kreierten israelische Mäuse-Forscherinnen die „Epigenetik“: Eine nicht-genetisch bedingte Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften. Es ist dies alles die ewige Diskussion „Angeboren oder Anerzogen“ – ein Lavieren zwischen Neodarwinismus und Lamarckismus.

2009 veröffentlichte der Biologe Bernhard Kegel das Buch „Epigenetik“. Darin heißt es: Man hätte den Begriff des „Gen“, der gerade hundert Jahre alt wurde, gebührend feiern sollen, „denn ob dieser Begriff seinen nächsten runden Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich“: Das „genzentrische Weltbild“ war allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, seufzte der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der New Yorker Columbia Universität angesichts eines ganzen ‚Universums‘ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Der französische Wissenssoziologe Bruno Latour hielt die ganze Genetik für einen ärmlichen „Reduktionismus“, er räumt jedoch ein, dass er in der Industrie durchaus Sinn macht – also Profite. Und mit Industrie ist vor allem die angloamerikanische Biologie gemeint: über 80% aller US-Biologen sind Geschäftsführer oder Teilhaber von Firmen.

Die Genkritikerin Silja Samerski sagte in einem Interview: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft… über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist jedoch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“

Wie wirklich hat der Berater von Biotech-Unternehmen William Bains in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“ angedeutet: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“ Und darum geht es!

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Der Dichter Ossip Mandelstam in KGB-Gewahrsam

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Endzeit-Grübeleien

Man sprach vor etlichen Jahren schon von der „German Angst“. Jetzt bescheren die ganzen Kriege und Krisen den Deutschen eine Realangst oder jedenfalls sind die Praxen der Verhaltenstherapeuten und Tiefenpsychologen geradezu überlaufen, wie mir der Berliner Atemtherapeut Christoph Großheim berichtete. Man nimmt auch die Veröffentlichungen von Apokalyptikern wieder wahr.

Ich erinnere mich, dass ein Friedensaktivist, ich glaube, er hieß Kohl, 1982 ein Buch publizierte, in dem er die Folgen einer atomaren Verstrahlung in Oberhessen, dort wo im NATO-Jargon der „thüringische Balkon auf die hessische Taille“ stößt, schilderte. Ein fürchterliches Buch: der Autor suhlte sich geradezu in halbverbrannten und verstrahlten Toten. Dazu muß man wissen, dass der März-Verleger Jörg Schröder, der damals dort lebte, zuvor, 1980, in der Zeitschrift „Transatlantik“ eine Geschichte veröffentlicht hatte, in der es um „Atomminendepots an der DDR-Grenze“ ging. „Alle vierzig Kilometer entlang der Grenze hat die Nato Munitionsdepots eingerichtet, die auch Atomwaffen enthalten. In als Wasserwerke getarnten Sprengstoffbunkern lagern zusammen mit konventionellem Sprengstoff hochradioaktive Atomminen, die für die entlang der Grenze ausgehobenen Atomminenschächte bestimmt sind.“ Die Amerikaner, die diese Atomminen vom Typ „Golf“ dort im Angriffsfall zünden wollten, um die Rote Armee zu stoppen, hatten die Gegend als „Ground Zero“ ausgewiesen. Das war kein Endzeit-Geraune, sondern eine erschreckende Tatsache, die durch Jörg Schröders Bericht die darniederliegende Friedensbewegung noch einmal beflügelte.

Es gab schon früher apokalyptische Phantasien – u.a. von Arno Schmidt, der 1951 eine Erzählung „Schwarze Spiegel“ veröffentlichte. Darin schildert er in Tagebuchform als „der letzte Mensch“, wie er sich aus den menschenentleeren Dörfern Sachen holt, die er für den Bau und die Einrichtung einer Hütte in der Lüneburger Heide braucht. In seinen anderen frühen Erzählungen klagte er bereits, dass es trotz Krieg zu viele Menschen gäbe und dass die Rote Armee den letzten Zug beschoss, in dem er und einige andere Leute flüchten wollten.

Ganz anders das 1938 auf Englisch und 1971 auf Deutsch erschienene Kinderbuch „Die grüne Wolke“ von Alexander Neill, dem Gründer des antiautoritären Internats „Summerhill“. Die Grüne Wolke schwebt über der Erde und versteinert alle Menschen – bis auf acht Internatsschüler und ihren Lehrer Neill, die sich in einem Luftschiff oberhalb der grünen Wolke befanden. Als „die letzten Menschen auf der Erde“ wollen sie daraufhin eine neue Ordnung für sich schaffen. Jedes Kapitel in dem Buch ist eine Episode, die Neill seinen Schülern vorm Einschlafen erzählt. Wenn einer ihn kritisiert, weil er darin zu schlecht weggekommen ist, läßt Neill ihn in der nächsten Episode sterben.

Die Berliner Kulturanthropologin Luise Meier ist weniger rabiat in ihrem halbutopischen Roman „Hyphen“ (2024) vorgegangen und ihre Endzeit ist auch nicht durch Massenvernichtungswaffen oder grüne Wolken entstanden: Die Handlung spielt in naher Zukunft zwischen Rügen und Marzahn und beschreibt Selbstorganisationsformen und vernetzte Wirtschaftsweisen, die in der BRD bereits seit einigen Jahrzehnten real existierten, jedoch aufgrund der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen oft nicht weit kamen. Dem hat Luise Meier nun vorgebeugt, indem sie die „Energieschranke des Kapitals“ (Sandrine Aumercier) derart radikal in Szene setzte, dass das Kapital verschwand, weil die Energieversorgung (Strom, Gas, Öl) zusammengebrochen ist – und mit ihr alle „Top-down“-Institutionen. Diese werden nun aber nicht durch „Bottom-up“-Einrichtungen ersetzt. Die lokalen Initiativen verbleiben in der Horizontalen und verdichten sich dort. Dabei ahmen sie Pflanzenwurzeln (Roots) und Pilzhyphen (sic) praktisch nach, die als Verbündete Mykorrhizen bilden. Mit dem vorläufigen Endergebnis: Ein „Großteil beschreibt sich trotz aller Entbehrungen und traumatischen Erfahrungen, besonders in den ersten Monaten und Jahren, heute als zufriedener als vor 2025“ (dem Jahr des ersten Stromausfalls, der endgültige erfolgte 2027). Diese Zufriedenheit hat laut Luise Meier ihren Grund „eindeutig“ in der „Zunahme von Selbstwirksamkeit oder ‚Sinn‘“ sowie in der „Abnahme von Erfahrungen der Konkurrenz und Isolation“ (die jedoch in der Wirklichkeit 2024-25 zunehmen und den Psychotherapeuten viele Klienten zutreiben).

Eher metaphorisch reden derzeit 600 russische und 15 Belarussische Atomwissenschaftler von „Endzeit“, weil man ihnen in der „European Organization for Nuclear Research“ (CERN bei Genf) gekündigt hat. Eine Embargo-Maßnahme. Von „wahren apokalyptischen Zuständen in der Heimat“ berichten dagegen die nach Deutschland geflüchteten Ukrainerinnen den nach 1991 hierher emigrierten Russinnen, bei denen sie eine Anstellung als Putzfrau, Köchin, Pflegerin oder Kindermädchen fanden – und das sind nicht wenige.

Aber wie apokalyptisch ist das denn – was die US-Mathematikerin Cathy O’Neill in ihrer Studie „Weapons of Math Destruction“ (2016) herausfand? Sie schildert darin die Anwendung von Algorithmen in Versicherungen und bei Stipendienvergabestellen, die Arme, Schwarze und Leute aus „schlechten Wohngegenden“ diskriminieren – und damit laut O’Neill „die Demokratie unterminieren“.

Aktuell hat Tim Caspar Boehme in der taz das neue Buch der slowenischen Philosophin Alenka Zupancic „Das Ende“ besprochen: „ Zupančič, die zur ‚Laibacher Lacan-Schule‘ um den Philosophen Slavoj Žižek gehört, nähert sich Fragen des Endes in oft dialektischen Denkfiguren. So steht für sie etwa der Satz ‚Ich kann es beenden, wann immer ich will‘ für ein Muster, bei dem die Möglichkeit, eine Sache zu beenden, zur Bedingung wird, sie ständig zu wiederholen. Das kann für Liebesbeziehungen wie für das Rauchen gelten. Zupančič spricht daher von einer ‚paradoxen Komplizenschaft zwischen Wiederholung und Ende‘. Die auch vor dem Ende der Welt nicht haltmacht.

Bei der Angst vorm Weltuntergang sieht sie einen ‚komischen Fatalismus‘ am Werk, den ihr Kollege Frank Ruda auf die Formel gebracht hat: ‚Handle so, als hätte die Apokalypse schon stattgefunden!‘ Was nicht auf schlichtes Ignorieren hinausläuft. Der Umgang mit der Apokalypse bekommt für Zupančič gerade da, wo man sich bewusst mit ihr als Möglichkeit beschäftigt und beständig von ihr spricht, etwas von magischem Denken.

Sie bringt diese ideologische Verdrängungsleistung auf Formeln wie: ‚Wir können uns leichter das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus.‘ Für die Weigerung, das Ende der Welt als reale Möglichkeit zu akzeptieren, erinnert Zupančič an eine Einsicht Sigmund Freuds, laut dem gilt: ‚Unser Unbewusstes glaubt nicht an den eigenen Tod, es gebärdet sich wie unsterblich.‘ Dass diese Einsicht weiter aktuell ist, demonstriert Zupančič an Beispielen wie der schwarzen Komödie ‚Don’t Look Up‘ (2021) von Adam McKay, in der ein Komet auf die Erde zurast und das Leben auf ihr auszulöschen droht.

Das Verhalten der Figuren dient ihr als Beleg für die These, dass das Reden über das Ende der Welt es einem ermöglicht, so weitermachen wie bisher und de facto so zu tun, als bleibe alles beim Alten. Im Film wird das auf den Punkt gebracht durch fiktive Nachrichtenschlagzeilen wie diese: ‚Das Ende naht – Wird es einen Super Bowl geben?‘

Untergangsrhetorik ist Zupančič fremd. Sie sieht das Ende auch nicht als ‚Endpunkt‘, zugleich verwahrt sie sich vor allem in politischer Hinsicht gegen ein ‚Weiter so‘. Das Ende geht sie konsequent aus schrägem Blickwinkel an, wobei sie sich eine Anleihe bei Samuel Beckett gestattet, wenn sie ein vorläufiges Fazit zieht: ‚Statt als Endpunkt sollten wir über das Ende eher als Sackgasse (dead end) nachdenken, zu der wir immer wieder zurückzukehren gezwungen sind …, um besser zu sterben…‘.“

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Bohumil Hrabel an seiner Schreibmaschine

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Kaputt

Wir fluchen, wenn irgendetwas allzu schnell kaputt geht; aber wenn man dem marxistischen Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel glaubt, dann gibt es mindestens für den Neapolitaner ein „Ideal des Kaputten“, d.h. wenn er sich z.B. einen neuen Motorroller kauft, dann ist ihm das reibungslose Funktionieren dieser Maschine unheimlich. Erst wenn sie einen Schaden hat, den er mit einem Gummiband oder Ähnlichem reparieren kann, hat er das Gefühl, dass er die Maschine wirklich beherrscht. Der Neapolitaner denkt konstruktiv.

Das deutsche „Ideal des Kaputten“ ist dagegen heute eher destruktiv, es findet seinen Ausdruck im „Wutraum“. Der erste entstand in Halle, der zweite in München, der dritte in Berlin (hier heißt er natürlich „Crashroom“). In diesen Aggressionsabfuhr-Start-Ups schlagen vorwiegend Frauen alles kurz und klein. Sie müssen dafür zwischen 100 und 200 Euro zahlen, je nachdem welche Dinge sie zertrümmern wollen. „Bei manchen Leuten kann die Aggression durch so etwas allerdings noch gesteigert werden“, warnt die US-Psychologin Jennifer Hartstein. Sie denkt dabei an die 2,49 Schnellfeuergewehre, die auf jeden amerikanischen Bürger kommen – und wie schnell man damit nicht nur Dinge, sondern auch Menschen zerstören will, z.B. ein Mann seine Frau oder umgekehrt, was hierzulande (noch) selten geschieht und wenn, dann eher differenziert beurteilt wird. „Frau erschlug Ehemann mit Bratpfanne: Freispruch!“ So lautete eine BILD-Schlagzeile, die für Freude sorgte.

Es gibt noch ein drittes „Ideal des Kaputten“, für das man mitunter auf andere Weise zahlen muß: das „Macht kaputt was euch kaputt macht“ aus dem Lied einer Kreuzberger Musikgruppe, deren Name „Ton Steine Scherben“ dazu bereits so etwas wie eine Handlungsanweisung bietet: erst gröhlen („Ho Ho Tschin Minh“ z.B.) auf Demos, dann Pflastersteine ausbuddeln, und dann damit u.a. die ChiChi-Läden des Kudamms „entglasen“.

Dahinter steht die Marxsche Analyse des Kapitalismus, der eine derart „ungeheure Warenansammlung“ hervorbringt, das die Beziehung zwischen den Menschen und den von ihnen hergestellten Dingen sich umkehrt. Mit Marx gesprochen: Auf der einen Seite „sachliche Verhältnisse der Personen“ und auf der anderen Seite „gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen“ – beides miteinander verklammert. Nämlich dadurch, dass sich erst im Akt des Tausches Gesellschaft – abstrakt – herstellt. Zwar ist der „Tauschakt“ sozial, aber die daran Beteiligten handeln solipsistisch („the act is social the minds are private“).

Z.B. in der Supermarktfiliale von „Kaufland“ (!), wo wir unser als „Ware Arbeitskraft“ verdientes Geld gegen „Waren des täglichen Bedarfs“ eintauschen – bei der „Kassiererin“. Ihre Befindlichkeit ist uns in dem Moment scheißegal. Wir verkörpern dabei das „sachliche Verhältnis zu den Personen“, während unsere Gedanken in diesem Tauschakt bei den „gesellschaftlichen Verhältnissen der Sachen“ sind, beim Käse z.B., den wir einkaufen. Wobei wir uns immer öfter fragen: „War der immer so teuer oder erst seit dem Ende von Corona?“

An der Käsetheke, wo man ja noch nicht zahlen, sondern nur auf den Käse, den man haben will, zeigen muß, und zwar so, dass die Käsefachverkäuferin weiß, welchen man möchte.

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Ich mit einem Elefanten

 

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