vonImma Luise Harms 30.12.2018

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Das betrifft mich als Dorfbewohnerin unmittelbar: Habe ich eine Seele? Bin ich eine Seele?

Neulich habe ich mal wieder in meiner Tageszeitung gelesen, dass Björn Höcke, dem das Zentrum für Politische Schönheit zu Leibe gerückt ist, in Eichsfeld, einem „malerischen 300-Seelen-Dorf“ lebt. Einer von ihnen ist offenbar Höcke selbst. Höcke, ein Seelchen. So hab ich das noch nicht gesehen.

Michael Bartsch hat im letzten Jahr zu dieser Bezeichnung gegriffen, die den SchreiberInnen offenbar immer einfällt, wenn sie über Dörfliches schreiben.

Warum wird die EinwohnerInnenzahl hier im ländlichen Raum in Seelen gemessen, die in Ballungsgebieten aber nicht? Dort heißen sie EinwohnerInnen, BürgerInnen oder einfach Personen. Oder haben Sie schon mal von einem 5.000-Seelen-Bezirk gelesen, oder vom 600-Seelen-Kiez? In der Stadt gibt es ein Einwohneramt, auf dem Dorf manchmal tatsächlich ein Seelenamt, was dann aber etwas ganz anderes ist.

Ich forsche und ermittle. Tatsächlich scheint es mit der Größe zu tun zu haben. Beziehungsweise mit dem Bedürfnis der Schreibenden, über die Größe den Ort zu verniedlichen, zu marginalisieren, dessen eigentliche Trostlosigkeit herauszuarbeiten. Ein 300-Seelen-Dorf ist erheblich kleiner als ein 300-Einwohner-Dorf. Es wird ihm Rückständigkeit unterstellt, dabei aber mit Nachsicht betrachtet.

Warum dieser Dünkel, dieses Herabblicken? Arrogant ist, wer es nötig hat. Da öffnet sich die nächste Frage: Warum haben die StädterInnen die Arroganz nötig? Sind sie sich ihrer Vormachtstellung gegenüber dem Land vielleicht gar nicht so gewiss? Spüren sie, ahnen sie, dass das weite Land ihnen etwas voraus hat, die große Fläche, die sich hinzieht, so weit das Auge reicht? Nur unterbrochen von einer Hügelkette, einem Waldstreifen und hin und wieder einem Dorf, das sie dann Seelen-Dorf nennen. Sind die Menschen darin ihnen vielleicht unheimlich?  Ein Land, das von Seelen bewohnt wird, müsste doch dann das Totenland sein, mindestens totes Land, in dem die Seelenwesen umherirren wie die Irrlichter im dunklen Moor. So fühl ich micht nicht, und ich sehe nicht ein, warum ich mich im Spiegel der ignoranten StädterInnen-Klischées so betrachten soll.

Im taz-Archiv finde ich das „Seelen-Dorf“ und die „Seelen-Gemeinde“ insgesamt 37 mal. Meist ist es ein Synomym für das krasse Mißverhältnis zwischen der unterstellten Bedeutungslosigkeit und dem, was da plötzlich doch für Ansprüche oder Vorhaben entstehen: eigene Stromerzeugung, Landansprüche gegenüber der NATO, erstaunliche Kulturerrungenschaften oder beharrlich ausgetragene Grenzstreitigkeiten. Es geht um Dörfer und Gemeinden, die kollektiv in den Widerstand gehen.

Und dieser Widerstand ist umso erstaunlicher – Augenbrauen hochziehen und Köpfe zusammenstecken in den gläsernen Büros und an den Theken der Coffee-Bars – wenn er selbst ernannt ist. Das ist eine andere, aus dem JournalistInnen-Herzen sich herausstülpende, Wort gewordene Distanzierung (modern: Exklusion) von Leuten, die irgendwie schräg drauf, uncool, aus der Zeit gefallen, politisch indiskutabel sind und trotzdem aufmucken. Frechheit!

Es wird oft betont, dass rechte oder rechts-verdächtige Umtriebe wie AbtreibungsgegnerInnen oder Bürgerwehr-artige Zusammenrottungen selbst ernannt sind. Darin könnte man noch einen gewissen Sinn erkennen. Denn niemand mit dem Recht auf Zwangsmittel hat diese Leute autorisiert, mich gegen vermeintliche Bedroher oder das Kind in meinem Bauch vor mir zu schützen. Aber ist das ein gültiges Kriterium dafür, ob man der Bereitschaft zum Handeln ablehnend gegenübersteht? Wäre es akzeptabler, wenn die LebensschützerInnen nicht zu den selbst ernannten Taliban gehörten, sondern von der staatlich installierten iranischen Sittenpolizei geschickt wurden? Geht es nicht um das Anliegen, zu dem man ein kritisches Verhältnis einnimmt oder ihm beipflichtet? Und ist es nicht ein großer Unterschied, ob die spontane Organisation der BürgerInnen (um aufs Dorf der Seelen zurückzukommen) dem Schutz des Deiches gegen eine heranrollende Hochwasserwelle dient oder gegen dunkelhäutige Menschen einen Generalverdacht schürt? Beidesmal haben sich die mobilisierten Menschen für zuständig erklärt und damit selbst ernannt.

Interessant ist, was mit gut flutschenden, scheinbar treffenden Formulierungen in der Begriffs-durchfurchten Medienlandschaft passiert: sie werden zum passe-partout! Da werden Sprecher und Experten, Revolutionäre und Heilsbringer als selbst ernannt aufgedeckt, aber auch Natur- und KulturschützerInnen und andere Aufbegehrende. Ganze Städte haben sich zu Friedensstätten selbst ernannt, anstatt auf einen hoheitlichen Akt durch den Bundespräsidenten oder die Vereinten Nationen zu warten. Und auch ein Geschäft in Neukölln hatte die Frechheit, sich selbst zu ernennen, nämlich zur „Oase“, obwohl die Autorin das anscheinend völlig unpassend fand.

Verräterisch wird die Begriffswahl, wenn AutorInnen von selbst ernannten Bewegungen sprechen, egal ob im Hambacher Forst oder auf den Straßen von Dresden. Ja, wie denn sonst? Was ist denn eine Bewegung, die von anderer Seite, von einer dazu befugten Autorität dazu ernannt wurde? Da fällt mir Goebbels Sportpalast-Rede ein, oder andere inszenierte Bewegungen nach dem Muster von Orwells 1984; die sind nicht selbst ernannt. Gegenwärtige Beispiele für sogenannte und eben nicht selbsternannte Bewegungen gibt es mit „Aufstehen“ in Deutschland und mit „en marche“, aber auch „insoumise“ in Frankreich.

Was ist der Unterschied zwischen dem gelobten „zivilgesellschaftlichen Engagement“ und der geschmähten „selbst ernannten Bewegung“? Jede Initiative, die ein politisches Anliegen hat, ermächtigt sich selbst dazu – schlimm, wenn nicht! Jede demokratische Gesellschaft lebt von dieser Art der Selbstermächtigung. Wenn die Berechtigung dazu, seine Stimme zu erheben, durch Ernennung verliehen wird, sind wir zurück in der konstitutionellen Monarchie. Ist das der geheime Wunsch der JournalistInnen, die so gerne mit dem Attribut „selbst ernannt“ hantieren? Übersicht durch klare Zuständigkeiten; das Recht zum Protest, ja sogar zur Meinungsäußerung muss beantragt werden!

Aber lassen wir die Kirche im Dorf – und kommen dahin zurück. Wir sind eben kein „selbst ernanntes 600-Seelen-Dorf“, sondern müssen diese Benennungen durch die städtische Journaille ertragen, wenn wir, wie in der Vergangenheit schon mehrmals geschehen, BI‘s bilden. Gegen Massentierhaltung, gegen CO2-Verpressung, gegen Hochspannungstrassen und – ja – auch schon mal gegen Wind- oder Solarparks. Wir werden benannt. Und dieses Recht bestreiten wir euch, ihr selbst ernannten JournalistInnen-Seelchen!

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2018/12/30/selbst-ernanntes-sprechen-und-fremd-benannte-seelen/

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kommentare

  • Der Artikel gefällt mir sehr gut! Er trifft den Nagel auf den Kopf. Es juckt mich immer selbst, solche Kommentare zu sprachlichen Absurditäten abzugeben. Das trifft aber auch auf die Texte von Filmen und Dokumentationen zu, wo ja mehr Zeit ist, die verwendete Sprache kritisch zu hinterfragen als im Alltagsjournalismus. In Schule und Alltag sollte da noch viel mehr hingehört und gefragt werden, denn alle Missverständnisse und falsche Zuschreibungen beginnen mit sprachlichen Ungenauigkeiten (sagt eine Naturwissenschaftlerin!).

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