vonImma Luise Harms 09.03.2019

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Stare hüpfen nicht, sie schreiten. Der kleine Körper mit der grün schimmernden Federdecke pendelt dabei hin und her, und die Schwanzspitze wedelt über den Boden wie die Wünschelrute auf der Suche nach einer Wasserader.

Ich habe mich in ein griechisches Café hinter dem Bahnhof Alexanderplatz gesetzt, esse eine Laugenbrezel zum Milchkaffee und begleite mit den Augen die Züge, die in den Bahnhof ein und ausfahren. Wenn mein Blick zu Boden sinkt, sehe ich die Stare, wie sie in rollendem Gang zwischen den Stuhlbeinen der Sitzgruppen vor der Tür des Cafés herumwandern, um nach Essensresten zu suchen.

Ein Vogel hat eine fast vollständige Brötchenhälfte erwischt, die von der Größe auch sein Nest sein könnte.  Er zerrt sie in die freie Fläche vor dem Eingang, hackt auf sie ein und versucht, schnabelgerechte Bissen von der Brötchenmasse abzuzupfen. Drei andere Stare gehen mit etwas Abstand um die zuckende Vogel-Brötchen-Verklammerung herum. Wenn sie näherkommen, weicht der, der im Besitz der Beute ist, ein paar Schritte zurück, zieht ruckend das Brötchen mit. Ein Spatz kommt geflogen, lässt sich auf einer Stuhllehne nieder und versucht, die Situation von oben einzuschätzen. Er ist kleiner als die Stare. Das Brötchen ist groß, viel zu groß, als dass der pickende Star es an allen Stellen gleichzeitig verteidigen könnte. Der Spatz landet auf dem Boden, hüpft an das Brötchen heran und versucht, schnell und unauffällig von der anderen Seite zu picken. Sofort lässt der Star seine Ecke los und hackt in Richtung des kleinen Konkurrenten. Der hüpft etwas an die Seite, bleibt aber in der Nähe.

Die andere Stare kommen jetzt auch näher. Es ist offensichtlich: der Brötchenbesitzer kann nicht gleichzeitig seine Beute schützen und sie fressen. Warum denn auch, denke ich, während ich in meine mit Rucola und Frischkäse belegte Laugenbrezel beiße, über die ich mir für 2,30 Euro das alleinige Verfügungsrecht gesichert habe. Warum denn auch? Das Brötchen ist groß genug. Sie könnten gemeinsam picken, sie könnten teilen. Aber der Brötchen-pickende und -zerrende Star weiß nicht, ob die anderen wirklich teilen würden; würden sie nicht ihrerseits das Brötchen in sichere Entfernung ziehen und es aggressiv verteidigen? Teilen heißt vertrauen. Und vertrauen heißt, die Stärke des Bedürfnisses und die Bereitschaft zu kämpfen beim Anderen einschätzen zu können.

Der Brötchen-verteidigende Vogel kommt nicht mehr zum Fressen; die Artgenossen, die jetzt nur noch Fraßfeinde sind, kommen immer näher und machen Ausfall-Attacken in Richtung des Brötchens. Eine Tragödie, denke ich, die Tragödie des Zu-viel-Habens.

Vom Bahnhof nähert sich eine Frau mit langsamen, zögernden Schritten. Sie könnte 30, aber auch 50 Jahre alt sein. Unter ihrem Kopftuch schauen geflochtene Zöpfe hervor. In der einen Hand hält sie die Straßenzeitung Motz, in der anderen einen zerdrückten Pappbecher. Wird sie das Café betreten? Soll ich ihr etwas Geld geben? Die Motz will ich nicht haben, aber die müsste ich auch nicht nehmen. Unschlüssig denke ich über meinen Gebe- und meinen Zurückhalte-Impuls nach. Unschlüssig steht die Frau vor dem Eingang. Vielleicht wurde sie hier schon mal wieder herausgebeten. Lautstarken Rausschmiss schätzen die Gäste nicht; sie möchten, dass das diskret und unter Wahrung einer höflichen Form geschieht.

Draußen wendet sich die Frau einem Gast zu, der an einem der Tische vor der Tür sitzt, und sagt leise etwas zu seinem Rücken. Er sieht ein bisschen wie Kim Yong-un aus – massig, mit dickem Kinderkopf, die dunklen Haare bis zur Kuppe des Kopfes abrasiert. Jetzt hebt er seinen Blick zu der Frau und sieht ihren Pappbecher und die hingehaltene Zeitschrift. Er steht auf und ist dann nicht nur massig, sondern auch riesig und die Frau daneben plötzlich sehr klein. Der Mann betritt das Café, geht zum Tresen; die Frau ist ihm gefolgt.  Er bestellt sich einen Wrap, wendet sich der Frau zu, fragt, was sie möchte. Sie deutet auf ein Käsesandwich. Es wird ihr eingepackt. „Was zu trinken auch?“ fragt er. Sie nickt. Er holt ihr eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank. Sie packt Brötchen und Colaflasche in einen Beutel, verlässt stumm den Laden und geht in Richtung des Bahnhofsgebäudes davon. Der Mann nimmt sich den Wrap und einen gepressten Orangensaft und setzt sich wieder nach draußen. Ich sehe auf seinen großen, über den Tisch gebeugten Rücken.

Vor dem Eingang versucht der Star noch immer, sein Brötchen in Sicherheit zu bringen. Aber diesen Ort, wo er in Ruhe fressen kann, gibt es nicht. Ein spanisches Touristenpaar, das auf der anderen Seite des Eingangs sitzt, ist auch aufmerksam geworden. Die beiden zerpflücken ihre Brotreste und werfen sie unter die aufgeregt herumlaufenden Vögel. Plötzlich ändert sich das Bild – und bleibt doch gleich. Jetzt sind es vier, fünf, sechs Stare, die sich mit einem Brotklumpen abmühen, hastig picken und fressen, nicht etwa von anderen unterbrochen, sondern von der eigenen Gier. Denn immer wieder lassen sie ihren Brocken los, um zu dem des Nachbarn zu rennen, weil der vielleicht doch größer, besser, leckerer ist. In der Zwischenzeit hat sich ein anderer Vogel das frei gewordenen Brotstück unter den Schnabel gerissen, also muss der allzu gierige Star zurück und seinen Brocken, der ihm jetzt doch plötzlich wieder sehr attraktiv erscheint, zurückerkämpfen. Und in ihrer Aufregung hüpfen sie dann doch. Es sieht wie ein hektischer Kreistanz aus. Niemand gönnt dem anderen etwas; alle, die etwas abgekriegt haben, meinen, dass sie sich noch verbessern können. Die Tragödie ist zur Farce geworden.

Ich schaue von den Vögeln wieder zu Kim Yong-uns Rücken. Wir müssen uns doch verständigen! Meine Laugenbrezel ist aufgegessen. Niemand hat sie mir streitig gemacht. Ich verlasse das Café. Im Vorbeigehen lege ich dem Mann, der wie Kim-Yong-un aussieht, die Hand auf den Rücken. Als er sich überrascht umdreht, sage ich „Danke, dass Sie das vorhin gemacht haben!“ Er stutzt einen Moment und dann klart sein Gesicht auf und seine Augen leuchten. „Das war doch selbstverständlich!“

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