vonImma Luise Harms 30.07.2019

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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„… Den Rest, der ihm gehört, haben sie aufgeladen und sind damit durchs Dorf gefahren. Einmal die Straße lang durchs Dorf, von einem Ende zum anderen Ende. Ein neuer Anfang, dritter Stock links, ein Zimmer, Küche, Bad. Er steht am Fenster und staunt. Der Blick von hier oben. So hat er das Dorf nie gesehen, so von oben. Guckt man über die Dächer der Häuser, sieht die Lagerfeuer in den Gärten der Berliner, dahinter die Felder, sogar den Kirchturm vom Nachbarort…“
(aus: „Die Unruhe der Frau auf dem Land“, ein Gedicht aus dem Oderbruch.)

 

Am Rande des Dorfs kann man weit gucken, jedenfalls im Oderbruch und in der Wellenlandschaft des Barnim. Viele Bewohner der Häuser, die in den 50er Jahren auf Bodenreform-Land gebaut wurden, haben einen weiten Blick, weil hinter ihren Gärten ein Stück Land noch ihnen gehört. Damals war es zum Anbau von Getreide und Kartoffeln bestimmt. Jetzt ist es meistens verpachtet, weil niemand mehr auf einem Hektar seine Kartoffeln oder sein Korn selbst anbaut. Also wogen die Ähren hinterm Gartenzaum bis zum Horizont, wenn man nicht das Pech hat, den Sommer über auf einen dichten Wald von Mais zu schauen.

So sieht die Neue Dorfstraße in Reichenow aus: rechts und links Nachbarn, optisch getrennt durch Edeltannen, Koniferen und Carport, vorne der Blick auf die Straße, eigentlich ein breiter Wiesenstreifen mit einer Fahrrinne aus Schotter. Und nach hinten der Horizont. In der Ferne vielleicht die dunklen Schatten eines Waldrandes oder die gepunktete Linie einer Allee.

Am Rand von Reichenberg entsteht ein neues Wohnquartier. Eine große Plakatwand an der Straße wirbt für „Traumgrundstücke mit fantastischem Blick“. Sechs Häuser stehen schon. Wenn es mehr werden, wird der fantastische Blick für die meisten am Dachgiebel des Nachbarn hängen bleiben. Aber so ist das eben: Was schön ist, wollen alle haben. Wenn es alle haben, ist es nicht mehr schön.

In Klosterdorf, zehn Kilometer näher an Berlin dran, ist die Siedlungsblase schon ganz anders gefüllt: 200 Häuser im Neubau-Viertel. Und sie wird platzen, die Blase, und sich auf den umliegenden Acker ergießen. Landwirtschaftliche Fläche wird umgewidmet, neues Bauland gewonnen. Der Druck aus der Stadt ist enorm, die Mieten dort steigen, die Verkehrslinien strecken ihre Adern ins Land hinein und geben den Preisdruck weiter, mit einiger Verzögerung. Wer weiß, wie sich die Mietpreise weiterentwickeln, lieber jetzt was Eigenes im Umland sichern! Diese Ruhe, diese Weite, da lohnt sich doch die tägliche Stunde Fahrt zur Arbeit!

Die Weite ist ja doch eigentlich Leere. Was ist dran an der Weite, dass sie so ein kostbares Gut ist? Ich biete eine physiologisch-psychologische und eine moralische Antwort an.

Öfter mal aus dem Fenster sehen, wird Menschen empfohlen, die am Bildschirm arbeiten, die Augen entspannen! Sie entspannen sich, wenn sie geradeaus schauen dürfen, also nicht per Muskelanspannung einen nahen Blickpunkt von zwei Seiten abtasten müssen. Loslassen, die Augen parallel, ihren Fokus wie auf einem Gleis fortschicken bis zu einem Punkt in der Ferne. Oder noch besser zu gar keinem Punkt, in den Himmel schauen, ihn in die Wolken eintauchen lassen, den Blick auf bewegtem Wasser immer weiter weggleiten lassen. Ihn im Dunst des Horizontes verschwimmen lassen. Gar nichts mehr angucken, sondern einfach nur schauen. Eine geöffnete Tür sein. In Gedanken versinken, in sich sein. Die Absichten und Bedenken ruhen für einen Moment, für eine Weile; die Zeit verliert ihre Konturen. Das stille Glück der Kontemplation. Das ganz Andere zu dem, womit es herbeigeschafft werden soll: planvolles, zielgerichtetes, energisches und diszipliniertes Handeln. Arbeiten. Sparen. Die Augen an die Zeiger der Uhr geheftet, jede Stunde nutzen. Zeit ist Geld und die Weite kostet – das Seegrundstück, der unverbaubare Feldrand.

Das klappt natürlich nicht, dieses Umschalten auf den einfachen Genuss des So-Seins. Der Blick über den Zaun hin zum Horizont und darüber hinaus wird nie zum Schauen; immer bleibt er an der unaufgeräumten Schubkarre hängen. So bleibt der Genuss der Weite immer nur das Versprechen auf dem Genuss der Weite und als solches ein wirksamer Antrieb im alltäglichen Gerödel.

Das Blicken durchlöchert den Anblick. Das fixierende Auge oder vielmehr die doppelt fixierenden Augen zerteilen ein zusammenhängendes Bild in eine Folge von Punkten, auf denen sie sich in schneller Bewegung nacheinander niederlassen. Aus der Gleichzeitigkeit des Bildes wird eine Abfolge von Informationen über das Bild. Aus dem Schriftbild wird durch Erfassen der in Reih und Glied stehenden Wörter die Aussage, die im Kopf in ganz anderer Form, in irgendwelchen Schluchten und Netzen wieder abgelegt wird. Und doch war es auch ein Schriftbild. Auch bei anderen Bildern muss diese Zerlegungsarbeit von den Augen vollzogen werden. Gesichter werden gemustert, die Werkzeugkiste durchsucht, oder der prüfende Blick auf die Koniferen entlang des Zauns, ob die Spitzen geschnitten werden müssen, damit der Blick dann in die Weite gehen kann…

Das ist Aktivität, das ist Arbeit, das ist Anstrengung. Die Augen eilen den Händen voraus. Als übereifrige Tentakeln erfassen sie die Dinge, die geordnet und verstanden werden müssen. In der Sehnsucht nach Weite drückt sich Erschöpfung aus. Sie ist die Sehnsucht nach Ruhe und Geschehen-lassen, nach Nicht-mit-den-Augen-arbeiten-müssen.

Das ist der eine Erklärungsversuch. Der andere kehrt die Perspektive um: Wir wollen nicht sehen, was wir anrichten! Das ist die Fahrt mit den 5000-Personen-Kreuzfahrtschiff über den endlosen Ozean, die Sicht aus den Apartments der dicht bebauten Küstenorte auf lange, weiße und möglichst menschleere Strände, die Trekkingtour durch die Sahara, die Hochgebirgstour zwischen unwegsamen Felsen. Wir sind verstimmt, wenn wir dauernd anderen Trekkinggruppen begegnen. Wir wollen die Weite, die Leere, das Unwegsame nicht teilen, allein sein mit dem großen Erlebnis. Die Mitschauenden verstellen das Bild, nicht weil sie die Weite nicht mehr erfahrbar machen, sondern weil sie unser eigener Spiegel sind: sie erinnern uns daran, dass wir selbst es sind, die die Weite dadurch, dass wir sie konsumieren, verderben. Der störende Fußabdruck am weiten Sandstrand ist unser eigener!

Wer das erfolgreich verdrängen will, muss immer in der ersten Reihe sein, auf dem Logenplatz der Landschaft, und das ist eine Frage des Geldes. Geld verdient man zum Beispiel mit dem Versprechen auf den exklusiven Zugang zu Leere und Weite. Die Eigentümer von Wohnsiedlungen und Kreuzfahrtschiffen wohnen selbst im Grünen, am See oder in den Bergen, dort, wo ihr eigenes Business nicht hinklettern kann. Die, die die Weite aneignen, verkaufen und damit abtragen, sollten selbst dann auch in der Enge leben, das wäre eine moralische Mindestforderung. Oder, um es konkret zu machen: Wenn der Rand des Tempelhofer Feldes in Berlin dann doch bebaut werden sollte – und das wird er sicher irgendwann – sollten die Architekten den Anstand haben, den Ausblick der Mieter auf ihr eigenes Wohnensemble zu reduzieren.

Widersprechen sich die beiden Erklärungsversuche? Oder lassen sie sich zusammenführen? Der Genuss der Weite ist die Lust am einfachen Sein. Wir als kapitalistisch durchdrungene Wesen können das Schöne nur als das Wertvolle denken. Wert ist das, was man sich aneignet, sich gegenseitig wegnimmt oder abverhandelt. Was man sammelt und hortet, um daraus mehr Wert zu machen. Die anderen sind Konkurrenten, Fraßfeinde, die sich vor mich schieben, wenn ich ihnen nicht zuvorkomme. Die geteilte Weite, die freundliche Koexistenz des einfachen Seins ist die Utopie einer anderen Gesellschaft. So lange kann man ja in den Himmel schauen; der ist unverbaubar, jedenfalls hier auf dem Land.

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