vonImma Luise Harms 22.10.2019

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Der Frontenverlauf ist unübersichtlich. Aufgebrachte DorfbewohnerInnen aus Haselberg und den Nachbargemeinden vom Barnim, zum größten Teil in der traditionellen Landwirtschaft erfahrungsklug geworden; Jürgen Lindhorst, Großunternehmer und Agrarindustrieller aus Niedersachsen, Kapitalist mit paternalistischer Maske, der heute, zur Überraschung der Anwesenden, als Öko auftritt; AfD-Parteikader, die hier eine Bürgerinitiative vor ihren Karren spannen; ein paar Grünen-Parteigänger, die versuchen, auf dieser AfD-Veranstaltung nicht aufzufallen; ein paar Linke, die den dörflichen Widerstand nicht den Rechten überlassen wollen und innerlich kochen, dass sie sich das hier antun müssen.

Den Lindhorst-Unternehmen gehört eine Menge Land in der Region. Bisher haben sie vor allem mit Maisanbau für Biogas-Anlagen Geld gemacht – auf inzwischen knüppelhartem, künstlich am Leben gehaltenem Boden. Die großen Schweinemastbetriebe sind inzwischen in Subunternehmen ausgelagert, dafür wird jetzt das Geschäft im Solarfarm-Business gesucht. In Harnekop sollte in Kombination mit einem gigantischen Solarfeld sogar ein riesiger Wasserstoffspeicher entstehen. Nach Protesten aus dem Dorf ist das erstmal vom Tisch, aber die Pläne für ein Solarkraftwerk „in Größenordnungen“, wie an diesem Abend immer wieder formuliert wird, sollen beibehalten werden.

Aber die Lindhorst-Unternehmensgruppe fährt mehrgleisig. Jetzt will sie einen Teil ihrer Flächen auf dem Barnim vom knüppelharten Maisanbau auf den windelweichen Anbau von Bio-Gemüse umstellen, auch wieder „in Größenordnungen“, um in das florierende Geschäft der kleineren Ökobetriebe im Berliner Umland hineinzugrätschen. Dazu braucht das Unternehmen Wasser, und zwar viel Wasser, denn das Land auf dem Barnim ist karg und trocken. Das Wasser soll aus dem Untergrund kommen. Die Lindhorst-Gruppe hat Probebohrungen in die unterste Schicht des Grundwassers beantragt, genehmigt bekommen und durchgeführt. Zunächst fünf Bohrlöcher, aus denen jeweils 100.000 Liter pro Stunde hochgepumpt werden können.

Was unterscheidet ein Bohrloch von einem Brunnen? Eigentlich nichts, außer dass der gerade nicht in Betrieb ist. Ein Loch, das nach dem Probelauf nicht wieder zugeschüttet wird, ist dem Wesen nach ein Brunnen, und für den hat das Lindhorst-Unternehmen keine Genehmigung, beharren die DorfbewohnerInnen. Sie sind nach den  letzten beiden Dürre-Sommern besonders wütend, weil sie selbst nicht mal mehr Eimerweise Wasser aus dem Seen holen durften.

Der Saal der Dorfkneipe in Haselberg ist dicht besetzt. Die Anwesenden mustern sich misstrauisch gegenseitig, zu welcher Fraktion sie wohl gehören. In den Ecken stehen Partei-nahe Aufpasser im XXL-Format. Der AfD-Landtagsabgeordnete Lars Günther, der hier ein Heimspiel hat, lehnt lässig an der Wand. Von den eingeladenen VertreterInnen der Behörden und Gemeinderäte ist niemand gekommen. Nur der Firmen-Senior, Jürgen Lindhorst, hat sich weder vom Bürger-Zorn noch vom AfD-Kalkül abschrecken lassen, was kein großes Problem für ihn ist; seine Nähe zur rechtsradikalen Partei ist bekannt. Lindhorst steht heute Abend Rede und Antwort.

Die Strategien der Kontrahenten wechseln blitzschnell. Mal wird gekumpelt: „Mal ehrlich, Leute, wer würde denn ein gebohrtes Loch, wo später ein Brunnen hinsoll, erstmal wieder zuschütten? Würdet ihr doch auch nicht tun!“, sagt der Unternehmer. Mal werden die Honneurs gemacht: „Herr Lindhorst ist Geschäftsmann und will natürlich Profite machen, kann man ihm nicht verdenken, würde ich auch machen. Die rot-rote Regierung ist schuld, die sowas zulässt“, sagt der AfD-Funktionär. Mal wird gepöbelt: „Da hat er gelogen!“ – „Also als Lügner lasse ich mich hier nicht beschimpfen!“

Und es wird geschleimt. Jürgen Lindhorst gibt sich als entschiedener Gegner von Massentierhaltung, was uns aus der ehemaligen BI gegen Lindhorsts Schweinemastpläne in Reichenow zum Grinsen bringt. Von einem offenen Protest gegen diese Heuchelei sehen wir ab, denn dafür hätte hier niemand Verständnis; die große Mehrheit im Saal hat kein Problem mit Massentierhaltung. Im Gegenteil, die meisten finden, gute Landwirtschaft geht nur im Verbund mit intensiver Tierhaltung.

Lindhorst zieht die nächste Öko-Karte: Das Management denkt über eine Renaturierung von großen Flächen nach, auf denen dann extensive Tierhaltung betrieben werden könnte, „Auerochsen oder sowas.“ Natürlich nur, wenn sie es bezahlt kriegen; sie sind mit dem Umweltamt im Gespräch darüber. Überhaupt, die Natur muss wieder viel natürlicher werden, schleimt Lindhorst weiter, das Artensterben, die Insekten, die immer weniger werden! Meldet sich ein Dorfbewohner: „Wenn Ihnen so viel an den Insekten liegt, warum ist dann Ihre Agrargesellschaft die einzige, die nicht bereit ist, an ihren Feldern Blühstreifen anzulegen?“ Lindhorst ist nur kurz aus dem Konzept gebracht: „Was, was? Das ist mir nicht bekannt, das kann nicht sein! Ich kläre das mit der Firmenleitung, natürlich machen wir Blühstreifen, das wurde im Betrieb anscheinend nicht durchgestellt.“

Ein paar herumlaufende Auerochsen oder andere Wildrinder, davon halten die DorfbewohnerInnen nichts. Gülle muss her, damit die Felder fruchtbar bleiben. Lindhorst: „Dafür haben wir die Gärreste aus unseren Biogasanlagen“. Die bringen aber nicht den nötigen Stickstoff, wird ihm entgegengehalten. Aber hier verstricken sich auch die Lindhorst-Kritiker in Widersprüche, denn gleichzeitig müssen sie zugeben, dass schon jetzt die Nitratbelastung im Grundwasser durch die übermäßigen Stichstoffgaben gefährlich hoch ist.

Eine Diskussionsteilnehmerin fragt, warum Lindhorst, wenn er denn unbedingt Gemüse anbauen will, das nicht im Oderbruch macht; da ist die Erde fruchtbar und das Grundwasser reichlich verfügbar. Aber sein Land ist nun mal auf der Höhe. „Hier wurden doch früher auch Kartoffeln angebaut“, verteidigt sich Lindhorst (der Kartoffelanbau hier in der Region wurde übrigens von seinem Unternehmen vor etwa 10 Jahren komplett eingestellt), „und Kartoffeln sind ja, soviel ich weiß, auch eine Art Gemüse“. Das Argument löst höhnisches Gelächter und die Bemerkung aus, dass die aber nicht bewässert würden.

Was ist nun mit den Brunnen, die ja eigentlich nicht wieder zugeschüttete Bohrlöcher sind, will der von der AfD eingesetzte BI-Sprecher wissen. Zu den Ergebnissen wird ein Gutachten erstellt, das den Behörden zur Prüfung und zur Genehmigung zugeht. Lindhorst verspricht, dass die Haselberger Bürgerinitiative sich das Gutachten gerne angucken darf, „wenn keine Datenschutz-rechtlichen Gründe dagegensprechen“. Wieder ein Schlupfloch, in das sich der grün schillernde Großunternehmer bei Bedarf zurückziehen kann. Die Veranstaltung ist zu Ende; Lindhorst wird von einem bis dahin stummen Grünen-Vertreter beiseite gekommen, die AfD wirbt für die Mitarbeit in ihrer BI, die DorfbewohnerInnen bleiben an den Tischen sitzen, stecken die Köpfe zusammen und trinken Bier. Und wir machen uns vom Acker.

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