vonImma Luise Harms 23.11.2019

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

Mehr über diesen Blog

In der Mittagspause sind wir oft zum Inder in der Lausitzer Straße gegangen. „Der Inder“, das war eine kleine indische Kneipe, eher ein Imbiss mit ein paar Tischen. Die Decke war mit einem großen bunten Tuch mit Troddeln abgehängt, eine Art Baldachin, unter der die Gäste sich wie die Abendgesellschaft des Maharadschas fühlen konnten. An den Wänden hingen Bilder von tanzenden, vielarmigen Göttinnen und von glitzernden Elefanten.

„Der Inder“, das war auch der kleine Mann mit der Halbglatze über dem runden, immer lächelnden Gesicht, der gelassen hinter seinem Tresen hervorkommt und uns die abgegriffenen Speisekarten überreicht. Wir nehmen sie entgegen, brauchen sie aber eigentlich nicht. Denn wir wissen, was draufsteht. Meistens essen wir Mixed Suppe, sauer-scharf, mit Huhn und Fisch drin, so gehaltvoll und ergiebig wie Eintopf. Der lächelnde Mann wartet hinterm Tresen auf das Signal, dass wir die Karten zuklappen, tritt wieder an den Tisch und nimmt unsere Bestellung entgegen. Wir reichen ihm die Karten zurück und murmeln höflich „Danke“, was er mit einem nachdrücklichen „Danke Ihnen!“ quittiert. Und zwar jedes Mal.

Wir fanden seine formvollendete Gastgeberschaft in dieser doch etwas speckigen Kneipe lustig und nannten ihn nicht mehr „den Inder“, sondern „DankeIhnen“. Wenn wir mit der Arbeit nicht weitergekommen sind: erstmal zu DankeIhnen!

Jetzt, zwanzig Jahre später, denke ich über diese Doppelgeste nach. Wer dankt wem und warum? Denn es fällt mir auf, dass es eine Inflation des Dankens gibt.

In unserer Dorfzeitung bestehen die meisten Veröffentlichungen aus einem Schwall von Dankbarkeit; besonders nach Festen danken alle allen. Für den Kuchen, für den Kaffee, für den Auf- und Abbau der Zelte, für das Schmücken, für die bereitwillige Anwesenheit. Der Gemeinderat dankt dem MöHRe-Verein; der MöHre-Verein dankt der Feuerwehr, die Feuerwehr dankt ihren Mitgliedern, die LeserInnen danken der Zeitungsredaktion, und die dankt ihren SpenderInnen – und O., dem hilfsbereiten Grafiker. Nur der Druckerei wird nicht gedankt, die wird ja bezahlt und ist außen vor.

Bei akademischen Veranstaltungen wie kürzlich im ICI, dem Institute for Cultural Inquiry, zeigt man nicht nur Fachwissen, sondern auch und vor allem Höflichkeit. JedeR der JungakademikerInnen, die im Anschluss an den Vortrag mit einer klugen und natürlich englisch vorgetragenen Frage glänzen, leitet seine Ausführungen mit einem Dank an den Vortragenden ein. Das verblüfft mich und, ehrlich gesagt, berührt es mich auch etwas unangenehm. Denn ich spüre, da geht es, wenn auch in feinster Form, um Rangordnungen. Wer hat das Recht zu danken?

Der Dank hat einen Januskopf. Er ist einerseits Demutsgeste: Ich verdanke dir etwas, ich stehe in deiner Schuld, ich danke dir, dass du mir etwas gewährt hast! In vielen Sprachen wird darauf mit einer Abwehr reagiert: „nicht der Rede wert“, „don’t mention it“, „pas de quoi“ oder wie die Norddeutschen sagen: „da nich für!“ Die Abwehr entspricht dem huldvollen Aufheben Desjenigen, der sich vor der Herrschaft in den Staub geworfen hat.

Andererseits kann aber auch der Dank selbst eine huldvolle Geste sein. „Danke“ sagt der Herrscher, dem Geschenke zu Füßen gelegt werden, um ihn günstig zu stimmen, oder einfach, weil es ihm zusteht. Sein Dank bedeutet, dass er bereit ist, das Geschenk anzunehmen. Dieses Danke ist Gnade, nicht Demut.

Wenn der Veranstalter dem Vortragenden dankt, den er ja eingeladen und bezahlt hat, dann kann das einen Hauch von Herablassung haben. Er hat etwas entgegengenommen, was ihm ohnehin zusteht. Die höfliche Form bemäntelt den geschäftlichen Charakter. Der Dank spielt die Tatsache der Bezahlung herunter, von der in solchen Zusammenhängen natürlich nicht die Rede ist. Die Zuhörenden stellen sich mit ihrem Dank an die Seite der Veranstaltenden; sie sind sozusagen MitveranstalterInnen, die dem Vortragenden danken, nicht, weil sie demutsvoll eine Gunst quittieren, die ihnen erwiesen worden ist, sondern weil er die Aufgabe, die von ihm erwartet werden konnte, gut gemacht hat. Sie schulden den Dank nicht, sondern sie gewähren ihn.

Auch in den Zusammenhängen Solidarischer Ökonomie grassiert das allseitige Bedanken. Es ist viel von Gesehen-werden, von Achtsamkeit die Rede, und es geht um die Anerkennung, die man sich gegenseitig schuldet. Weil aber das Gesetz des nicht-aufrechnenden Beitragens für die gemeinsamen Unternehmungen gilt, ist niemand jemand anderem etwas schuldig; es gibt also eigentlich keinen Grund zu danken. Die Anerkennung müsste aus dem Erfolg in der Sache kommen, die ja allen gleich wichtig ist. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass man der intrinsischen Motivation nicht mehr so richtig traut, jedenfalls gibt es immer öfter Einzelne, die die Initiative ergreifen und ungefragt im Namen aller den AktivistInnen für ihre Verdienste danken – und diese damit zu Diensten machen.

Für einen afrikanischen, französisch-sprachigen Film, den wir letzte Woche auf dem Gutshof gezeigt haben, habe ich in einem dreitägigen Kraftaufwand noch deutsche Untertitel gebaut – aus sportlichem Ehrgeiz, um dem Filmemacher eine Freude zu machen, aber auch, weil wir dafür Geld beantragt hatten. Als mir auf der Veranstaltung dafür überschwänglich gedankt wurde, war ich etwas beschämt und habe mich als Betrügerin gefühlt, der dieser Dank gar nicht zusteht. Irgendwie muss ich das Geld jetzt vergesellschaften.

Mit Dank quittiert man ein Geschenk, tilgt eine Schuld. Die ist dann auch nicht mehr da, jedenfalls, wenn der Gläubiger den Dank annimmt. Die einfachste Form der Annahme im Deutschen ist „bitte“. Antworten, die den Dank abwehren, verwandeln den Gläubiger in einen Gönner, der keine Genugtuung braucht, weil er es sich leisten kann.

Mit der Dankes-Abwehr durch ein „danke Ihnen!“ oder „ich habe zu danken!“ ist es ähnlich wie mit der Geste, anderen an einer Tür den Vortritt zu lassen, nein: sogar darauf zu bestehen. Man achte mal darauf, wie sich Honoratioren und Politiker gegenseitig durch eine geöffnete Tür zu schieben versuchen, jeweils mit ausgestrecktem Arm im Rücken des anderen. Es ist der Ranghöhere, der schiebt. Nur er hat das Recht, oder sagen wir besser: die Position, in diesem Augenblick auf das Privileg seines Rangs zu verzichten. Genau das drückt er damit aus. Und genauso wird es auch verstanden. „Bitte nach Ihnen!“ – „Danke Ihnen!“  Wenn das Krimhild und Brunhild vor der Kirchentür zu Worms klar gewesen wäre – die Geschichte wäre anders ausgegangen.

P.S.: Das geradezu manische Danke-Sagen, dieses Wappnen mit Höflichkeit hat mit dem gesellschaftlichen Trend zur bedingungslosen Affirmation zu tun, meine ich. Und das wiederum hat einen engen Zusammenhang mit seinem Gegenteil, der zunehmenden Tendenz zum Beschimpfen und Zetern, auf die jetzt sogar die Gesetzgebung reagiert. Davon ein anderes Mal.

 

 

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2019/11/23/die-dankbaren/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.