vonImma Luise Harms 21.05.2020

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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„In der Corona-Krise verhalten sich alle, wie sie sich immer verhalten“, sagt meine Freundin C. Damit meint sie, wie Menschen in dem Polarisationsfeld von Bedrohung, von medial vermitteltem Elend, von fürsorglichen Schutzmaßnahmen und von Einschränkung der Handlungs- und Bewegungsfreiheit ihre eigenen Meinungen und Handlungsweisen bestimmen, sage etwas darüber aus, wie sie sind. Es sei durch ihre Grundeinstellung bestimmt.

Ich wollte das erstmal nicht so glauben; es kam mir wie eine hinterhältige Festschreibung vor, die dann als Delegitimierungs-Strategie für eine andere Position genutzt werden kann. Also: du bist doch immer ängstlich oder immer leichtsinnig oder immer verantwortungslos! Du glaubst doch immer jeden Scheiß oder du bist doch immer allem gegenüber misstrauisch. Na, dann ist es ja kein Wunder…

Inzwischen frisst sich das Würmchen weiter durch mein Gehirn. Ist vielleicht doch was dran an der Prädispositions-Vermutung? Sogar mehr, als die, die damit im Corona-Streit argumentieren, selbst in Stellung bringen würden? Ist nicht vielleicht die ganze Art, wie sich jemand politisch positioniert, von dem abhängig, was man leichtfertig seine/ihre „Mentalität“ nennt? Ich verfüge ja über eine jahrzehntelange, wenn auch nicht sehr spektakuläre, politische Erfahrung, die ich sortierend sichten kann. Also könnte ich mal, ganz heuristisch, politische Phänotypen zu klassifizieren versuchen (in männlicher Form, um es etwas von mir und meinen Freundinnen wegzuhebeln):

Der Dogmatiker. Er ist von der Existenz einer objektiven Wahrheit überzeugt, zu der er Zugang hat, weil er denjenigen, die die Macht haben, sie als Parole herauszugeben, vertraut, sich ihnen also anvertraut.  Ein Dogma ist eine unbezweifelbare Lehrmeinung. Wer sie dennoch bezweifelt, ist ein Abweichler oder Verräter und wird – auf die eine oder andere Weise – isoliert. Es ficht den Dogmatiker nicht an, dass die Dogmen, denen man sich jeweils zu unterwerfen hat, im Laufe der Geschichte häufig gewechselt und sich nicht selten im Nachhinein als  Irr-Dogmen herausgestellt haben. Auffällig ist, dass der Dogmatiker im Disput häufig seine Gefühle in die Waagschale wirft. Er findet eine abweichende Position ganz schrecklich, empörend, menschenverachtend und niederträchtig. Er setzt die Schwere seiner persönlichen Beleidigung an die Stelle eines Argumentes. Er achtet wie ein Hütehund bissig darauf, dass die Ränder der für ihn korrekten Linie nicht ausfransen.

Der Sponti. Er macht sich keine großen Gedanken über immerwährende Wahrheiten. Er tritt in der Figur des Anarcho, des Autonomen oder des Punk auf. Er geht von seinem Bauchgefühl aus, liebt seine Bewegungsfreiheit über alles, verbindet sich in kurzlebigen Assoziationen, hat aber auch kein Problem damit, mal alleine dazustehen. Er engagiert sich impulsgesteuert und angetrieben durch sein Mitgefühl, das er als Solidarität versteht, oder durch seine Einsicht in das, was ihm selbst gerade als wirklich wichtig erscheint. Er kennt zwar Treue zu seinen Genossen, aber wenig Treue zu einer grundlegenden Idee, außer sie hat sein eigenes Leben so geprägt, dass es da sowieso kein Zurück mehr gäbe. Für den Sponti ist Politik eigentlich Party.

Der Opportunist. Er hat die meiste Zukunftsangst und das wenigste Selbstvertrauen. Er folgt der Herde, hält sich im Mittelfeld. Das Problem ist, dass man aus dem Innern der Herde nicht immer sehen kann, ob das Leittier, dem man folgt, tatsächlich noch das Leittier ist. Er muss deshalb immer auf einen Kurswechsel vorbereitet sein – deshalb das Mittelfeld – und keine verräterischen Spuren hinterlassen, dass er mal anders drauf war. Der Opportunist folgt der Bewegung, versucht dabei aber immer, die ausgegebenen Parolen abzuschwächen, damit sie ihm später nicht auf die Füße fallen.

Der Bürokrat. In gewisser Weise ist er eine Spielart des Opportunisten. Er will schon dabei sein, will sogar mitmachen, aber sich auf Beiträge beschränken, wo er wenig falsch machen kann. Der Bürokrat übernimmt das Eintüten von Briefen, die Pflege von Internetseiten (wenn er den Content nicht selbst verfassen muss), und er führt gern Excel-Listen. Der Bürokrat möchte am liebsten anonym bleiben. Er hat keinen politischen Ehrgeiz, das Dabei-sein, das Informiert-sein und nicht zuletzt das Gebraucht-werden befriedigt sein Bedürfnis auf Selbstverwirklichung im Feld des Politischen.

Der Unterstützer. Er braucht immer Betroffene, mit denen er solidarisch sein kann. Er ist der Solidarische schlechthin. Ob Nicaragua oder Kurdistan, die politischen Gefangenen oder die Menschen der Platzbewegungen, die Menschen in den Flüchtlingslagern oder in den Geflüchteten-Unterkünften. Er sammelt Unterschriften, Geld, weitere Unterstützer. Wenn er zu den Orten des Geschehens hinfährt, kommt er nachdenklich und mitunter kleinlaut zurück. Aber bis dahin ist er extrem aufopferungsvoll und erwartet das auch von seinem Umfeld. Dabei kommt er den Erwartungen der von ihm Unterstützten meist exakt nach – um den Preis der Verleugnung seiner eigenen Zweifel. Denn wer ist er, um zu beurteilen, was für die (vielleicht um ihr Überleben) kämpfenden Menschen gut ist?

Der Aktivist. Er kommt in die Versammlung gestürzt, in der gerade eine Strategiedebatte stattfindet, und schreit: „Ihr quatscht hier rum und in Friedrichshain räumen sie gerade ein Haus!“ Die Praxis steht über allen theoretischen Überlegungen, nur auf sie kommt es an – das ist seine feste Überzeugung. Der Aktivist liebt den Stein mehr als das Transparent und die Drahtschere mehr als das Sitzkissen. Er ist getrieben von Mut und Tatendrang. Die Bewegung, ganz wörtlich genommen, ist sein Milieu, in dem er sich bewegt und sich lebendig und nützlich fühlt. Dort schwimmt er ganz nach vorne, auf die Barrikade oder in die erste Reihe, und versucht beispielgebend andere mitzureißen. Und damit kommen wir zur nächsten Figur.

Der Anführer. Er hat das, was man Charisma nennt, das ich aber für einen Überfluss an Selbstverliebtheit und einen Mangel an Selbstzweifeln halte. Am Anfang hat er sich nur deshalb an die Spitze gestellt, weil er weiß, dass die meisten Menschen sich sicherer fühlen, wenn sie geführt werden. Und einer muss es ja machen. Er hält sich für einen Teil der Avantgarde, die Bescheid weiß. Er lernt die Macht lieben und erhält sie sich durch einen Ring von treuen Bewunderern. Skeptiker sind seine Feinde, aber mehr noch die Ehrgeizigen unter den Mitmarschierenden. Er konkurriert gegen alle, die ihm nahe kommen. Er ist getrieben von der ständigen Angst vor Machtverlust, denn er weiß, dass seine Führung nichts anderes ist, als die Projektionen, die aus der ihn tragenden Welle von Bewunderung aufschäumen.

Und schließlich der Ingenieur. Er wird auch Profi genannt, oder Spindoctor. Er dient der Bewegung mit verschiedensten Effektivierungsmaßnahmen. Ob es ein praktisches Wägelchen mit Buchstaben für austauschbare Parolen ist, oder geschickte juristische Begründungen, die den Gegner in die Enge treiben. Er schlägt taktische Angriffspunkte und strategische Rückzüge vor. Er ist Rat- und Stichwortgeber, durchdrungen von Zweckrationalität. Seine Stellungnahmen sind nicht kategorial sondern konditional: Wenn wir das und das erreichen wollen, müssen wir das und das tun! Dazu muss er sich nicht festlegen, ob es ihm selbst überhaupt wirklich wichtig ist. So kann der Ingenieur verschiedenen Bewegungen und verschiedenen Zielen dienen – nacheinander, versteht sich. Er unterscheidet sich vom Opportunisten darin, dass er nicht Angst-getrieben ist, sondern Lust an seiner Fähigkeit hat, den Hebel an der richtigen Stelle anzusetzen. Vom Anführer unterscheidet er sich, weil er seine Macht im Stillen genießen kann. Und vom Bürokraten unterscheidet ihn, dass er sich in dem Ausfüllen von Excel-Tabellen nicht verwirklicht sieht.

Sicherlich ließen sich noch weitere oder überhaupt ganz andere Phänotypen finden: der Meckerer, der Ironische, der Intrigant, der treue Parteisoldat, der Held. Aber wer bin ich in dem Ganzen denn eigentlich? Vielleicht von vielem etwas; ich kann es nicht sagen. Und das muss ich auch nicht sagen, denn ich bin eine Frau. Und die hab ich hier ja ausgenommen!

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