vonImma Luise Harms 30.07.2020

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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„Die gehen nie raus, zum Beispiel mal mit ihren Kindern an den See. Wahrscheinlich sitzen die Kinder den ganzen Nachmittag vor der Glotze. Ich versteh das nicht, dabei langweilen die sich total“, erzählt Freundin O. über ihre Nachbarn. Unklar, ob sich die Kinder langweilen oder die Eltern. Vielleicht auch beide. Die Kinder haben noch Ferien; warum die Eltern die Zeit haben, sich zu langweilen, weiß ich nicht. Vielleicht Corona-bedingt oder Konjunktur-bedingt. Aber halt! Zeit haben und sich langweilen ist nicht das gleiche. Dem will ich nachgehen.

Ist Langeweile überschüssige Zeit? Ich bleibe bei den Nachbarn und spekuliere. Sie haben einen großen Garten. Dort ist alles prick in Ordnung. Die Blumen stehen stramm und blühen, der Rasen ist getrimmt, das faulende Obst unter den Bäumen ist zusammengeharkt. Eine Glasveranda ist gebaut, auch ein Holzschuppen für das Kaminholz, das sauber geschichtet darin liegt. Ohne Not ein größeres Projekt in Haus oder Garten anzufangen, kommt ihnen vielleicht sinnlos und daher anstrengend, oder auch anstrengend und daher verzichtbar vor.

Sie haben Kinder. Die sind kurz vor der Pubertät, haben viele Fragen, nörgeln, streiten sich dauernd, ersatzweise mit den Eltern. Ausflüge? Dazu müsste man sie überreden. Ein Puzzle legen? Da verlieren sie doch mittendrin die Lust, und dann bleibt das hier wieder alles liegen! Nein, die sollen raus in den Garten gehen und Trampolin springen. Wozu haben wir das angeschafft?

Sie haben Freunde und Freundinnen in der Nachbarschaft. Ach, die sind mit sich selbst  beschäftigt, die haben Gäste, die waren letzte Woche so kurz angebunden. Die waren doch neulich zum Essen hier und haben uns aber nicht eingeladen. Die reden immer dasselbe. Wir brauchen die nicht!

Bei Langeweile schwingt immer eine Art Überdruss mit. Ein Fehlen an Kraft oder an Motiv, um sich aufzuraffen. Vielleicht ist das auch das gleiche. Ein Motiv, ein Ziel gibt mir die Kraft, es anzustreben und Unbequemlichkeiten zu überbrücken. Geh spazieren! sage ich mir oft am Abend, in der Zeit zwischen Abendessen und Zubettgehen. Das wird dir gefallen, das wird dir guttun! Ich weiß, dass ich in einen angenehmen Zustand komme, wenn ich mir nur die Schuhe anziehe, die Haustür hinter mir zumache und mir die Runde um die Felder zum Ziel setze. Während ich gehe, höre ich auf zu fragen, warum. Aber nein, ich falle zurück in den Überdruss, in die Lethargie, lande mit schlechtem Gewissen, daher Chips-kauend, vor dem Fernseher und schaue Inspektor Barnaby dabei zu, wie er seinen Fall löst.

Ist Langeweile Luxus? Wenn die Wasserleitung undicht ist und der Keller überschwemmt wird, habe ich ein Problem, aber keine Langeweile. Wenn ich nicht weiß, wo ich morgen was zu essen herkriege, habe ich Not, aber keine Langeweile. Ich habe mich vielleicht ein Leben lang danach gesehnt, keine belastenden Verpflichtungen, keinen Zeitstress mehr zu haben. Und jetzt ist es so weit. Und was tue ich nun damit? Ich war gewohnt, mein Leben zwischen Notwendigkeiten und den Erwartungen anderer an mich zu bahnen. Mich dem gewachsen zu zeigen, hat mir ein Gefühl von Befriedigung gegeben; das war mein jeweiliges Ziel, auch wenn ich es vielleicht nicht selbst gewählt hatte, es mir teilweise sogar zuwider war.

Ist Langeweile Versagen? Die Unfähigkeit, selbstbestimmt zu leben, aus den eigenen Lebensvorstellungen, für die nun endlich Raum ist, sich selbst die Ziele zu geben und sich ihnen verpflichtet zu fühlen, als wären es von außen gesetzte Notwendigkeiten? Die Ausweichmanöver sind vielfältig und bekannt. Man kann, wie gesagt, fernsehen und damit an fiktiven Zweckbestimmungen anderer teilhaben, mitfiebern, mitleiden. Man kann trinken oder essen oder kiffen, sich also mit Körpersensationen betäuben; dann verschwindet die vor einem liegende, beängstigende Zeitspanne im Nebel. Oder man kann rauchen, dann zerteilt man die zähe Zeit in kleine und kleinste Einheiten, die leichter überbrückt werden können. Aber jedes Glas, jede Zigarette und jede neue Serienfolge ist eine Kapitulation vor dem Anspruch, sich selbst zu bestimmen, etwas mit sich anzufangen. Sie werden als Niederlage erlebt und man bedarf dann des Trostes – durch eben die Hingabe an die Zeitverschlucker.

Ich hatte einem damals alleinstehenden Bekannten, den ich auf nonchalante Weise einladen wollte, gesagt: „Komm doch mal zu uns zum Essen vorbei, wenn du dich langweilst!“ „Ich langweile mich NIEMALS!“ hat er erbost zurückgegeben. Ich war beschämt und habe über die komplizierten Botschaften nachgedacht, die sowohl in meiner Form der Einladung als auch in seiner empörten Zurückweisung steckten.

Ist Langeweile die Konfrontation mit der Leere? Die Angst vor dem Nichts? Wenn Kinder Angst vor dem Einschlafen haben, nichts tun können als sich dem schleichenden Kontrollverlust auszusetzen, erleben sie diese Langeweile dramatisch. Je müder sie sind, desto schlimmer wird es; sie schreien, sie wollen noch einen letzten kleinen Haltegriff, ein Lied, eine Geschichte, ein Bonbon, bevor die Bewusstlosigkeit sie übermannt und die gähnende Zeit in eine Zeitlosigkeit übergegangen ist.

Die Langeweile am Tag ähnelt eher dem Gefühl von Ratlosigkeit angesichts des sinnlosen Überflusses an Zeit und der darin liegenden Fülle an Möglichkeiten, die man allesamt ungenutzt verstreichen lässt – ein Gefühl, das in Ärger umschlagen kann. Irgendwie wird jemand anderes oder sogar die ganze Welt dafür verantwortlich gemacht, an der dann unter Umständen Rache genommen wird. Aus Langeweile werden die schlimmsten Taten begangen, etwa Obdachlosen der Schädel eingetreten. Also ist Langeweile nicht nur für den sich Langweilenden bedrohlich, sondern auch für seine Umgebung.

Was ist zu tun? Was ist der Ausweg? Freie, unbestimmte, zur eigenen Verfügung stehende Zeit ist ja ein kostbares Gut in einer Weltanordnung, die aus jeder Minute Lebenszeit Kapital zu schlagen versucht. Wem es gelingt, der und die versenkt sich in den Augenblick, meditiert vielleicht, und streift die Erwartung von sich ab, dass etwas Sinnhaftes immer eine Tat sein muss, die ein sichtbares Ergebnis hat.

Langeweile kann in Muße verwandelt werden, wenn man sie annimmt. Wenn man die Sorge überwindet, dass irgendwo was Aufregendes, aber für einen selbst Unerreichbares passiert. Wenn man die Missgunst überwindet, dass Andere sich nicht langweilen, weil sie über tolle Möglichkeiten verfügen. Wenn man den Selbsthass überwindet, dass man mal wieder nichts draus gemacht hat.
Eine Form, Langeweile in Muße zu verwandeln, ist, das Warten auf ein Ereignis zum Genuss zu machen, wie es glaube ich beim Angeln der Fall ist. Oder auch an aussichtsloser Stelle zu trampen, was sich wohl ähnlich anfühlt. Man kann auch vor sich hin summen oder vor sich hin stapfen oder einfach aus dem Fenster schauen und das Blaue im Himmel beobachten. Dann wird die Zeit zur Weile, ohne lang oder kurz zu sein. Einfach Weile, und das heißt Leben.

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