vonImma Luise Harms 27.08.2020

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Landleben macht dick. Das ist leider so. Ich kann sie weder verbergen noch  beschönigen, die Fettschicht, die meinen Magen- und Darmtrakt bedeckt. Es hilft auch nicht, dass ich bei meinen Nachbarinnen  dasselbe, vielleicht noch ausgeprägtere Bauchgewächs feststelle. Die Hosen passen nicht mehr, die Jacketts passen nicht mehr; wenn ich ehrlich bin, schon seit Jahren. Die T-Shirts modellieren eine Hügellandschaft auf meiner Vorderseite. Mein Kleiderschrank quillt über, weil ich die kleineren Größen und damit den Anspruch auf Zierlichkeit nicht aufgeben mag.

Zierlich, füllig – dick, dünn. Was heißt schon „schön“? Was heißt schon „elegant“? Ich will die Abwehrdebatte über Norm und Ebenmaß hier nicht anzetteln. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Eben!

Neben dem Hosen- und Eleganzproblem gibt es die Sorge um die Gesundheit. Das Schwerfällige legt sich nicht nur aufs Gemüt, sondern auch aufs Herz. Die internationalen Gesundheitsbehörden schlagen Alarm, weil sie eine besorgniserregende weltweite Gewichtszunahme feststellen. 6 kg haben die Menschen im Schnitt in den letzten 30 Jahren zugelegt, und das – hört, hört! – vor allem in den ländlichen Regionen, so stellte es eine im letzten Jahr veröffentliche Studie fest. Das ist, als würden wir seit Jahren mit einer dicken, fetten, vor den Bauch gebundenen Weihnachtsgans herumlaufen. Aber warum besonders auf dem Land? Im Allgemeinen gilt die Korrelation: geringes Bildungsniveau, geringes Einkommen = Übergewicht. Nun sind ja auf dem Land die Menschen im Durchschnitt nicht ärmer oder dümmer als in der Stadt. Also warum besonders auf dem Land?

Ich kenne die ländlichen Lebensumstände und -gewohnheiten inzwischen ein bisschen und kann Hypothesen bilden. Einige sind bekannt und werden auch in der Studie genannt, andere weniger.

Fehlende Bewegung. Sport machen auf dem Dorf nur die StädterInnen, die zu Besuch sind. Sie joggen oder kommen mit dem Fahrrad. Der Dorfbewohner geht nicht zu Fuß, nicht mal hinter seinem Rasenmäher her; dafür hat er einen Aufsitz-Mäher. Er geht vielleicht mal eine Runde mit dem Hund, wenn er den nicht einfach auf dem Grundstück sich selbst überlässt. Zu jedem Treffen, jedem Termin fährt der Dorfbewohner mit dem Auto, und zwar jeder in seinem. Spazierwege braucht er nicht. Und auch der See ist nicht zum Schwimmen, sondern zum Angeln.

Einkaufstouren. Geschäfte nebenan gibt es nicht. Zwei, dreimal wöchentlich werden Einkaufsfahrten zum Supermarktzentrum gemacht. Discounter, Drogeriemarkt, Getränkemarkt, riesige Einkaufswagen, unübersehbare Sonderangebote. Da kauft man nicht nur zwei Brötchen und eine Ecke Käse. Da wird der Wagen vollgeladen, dass es kracht im Gestänge. Und noch eine Packung Wiener, und eine Gourmet-Aufschnittplatte und die runtergesetzten Krabben und Grillfleisch fürs Wochenende und Käsecracker und einen Kasten Bier, auch noch Schnaps zum Anbieten. Und natürlich jede Menge Kekse, Schokolade, weil man sich was Gutes tun will. Und dann auch noch ganz viel Gemüse und Salat, weil das ja gesund ist. Und an der Kasse das, was die Kinder noch in den Wagen laden, oder was sie in den Wagen laden würden, wenn sie dabei wären. Zuhause wölbt sich der Kühlschrank über der Essware wie später die Bauchdecke über dem Magen.

Nun muss das alles gegessen werden. Soll ja nicht schlecht werden! Der Supermarkt hat es in den Einkaufswagen gedrückt, der Kühlschrank drückt es in dicken Portionen auf dem Tisch. Und dann drückt der Bauch. Na, dann noch einen Schnaps. Und zum Fernsehen gehen schon wieder Chips. Oder, weil das gesünder ist, Nüsse.

Geselligkeit. Das Essen ist auf dem Land der zentrale, der entscheidende Kommunikationsakt. In der Hektik des Stadtlebens schiebt man sich schnell mal zwischendurch ein Brot rein. Oder man geht, um gesellig zu sein, zusammen essen. Im Restaurant wird einem das Essen in vernünftigen Portionen zugeteilt. Man wird satt davon und hat nicht das Gefühl, irgendwelche Reste auch noch essen zu müssen, damit sie nicht schlecht werden. Auf dem Land lädt man sich gegenseitig ein oder kommt als Familie zum Essen zusammen. Immer gibt es die Angst, dass es zu wenig ist, das wär ja peinlich. Lieber noch zwei Kartoffeln mehr geschält, eine Roulade zusätzlich in den Bräter.
Gerne trifft man sich auch zum Kaffeetrinken und isst dabei ein Stück Kuchen. Oder auch zwei. Wenn man wo hingeht oder sich bei jemand bedanken will, bringt man Kuchen mit. Wenn es Feste im Dorf gibt – Erntefest, Weihnachtsmarkt, Maifeuer – immer werden Kuchen gebacken und mitgebracht. Und immer gibt es danach einen Haufen übrig gebliebener Kuchen, die verteilt und nach Hause getragen werden. Und dort dürfen sie natürlich wieder nicht verkommen! Wenn nicht Kuchen gegessen wird, wird gegrillt. Exzessiv – darfs noch ein Fleischlappen sein?

Selbst Gemachtes. Auf dem Land beschäftigt man sich gerne und viel mit der Herstellung von Lebensmitteln. Nehmen wir mal das Obst im Kreislauf des Jahres: Es geht los mit Rhabarber, dann kommen die Erdbeeren, dann die Kirschen, die Johannisbeeren und Himbeeren. Etwas später die Pflaumen und dann die Äpfeln. Ganz zum Schluss die Quitten und die Walnüsse. Den Kirschbaum hat man gegen die Stare verteidigt, die Erdbeeren gegen die Schnecken. Man hat gedüngt und gewässert. Und nun ist das Obst reif und drängt auf die Kuchen. Anlässe dafür finden sich, wie gesagt.

Vom Nachbarn, dem Jäger gibt es ein schönes Stück Wildschwein. Zum Spottpreis. Die Leber schenkt er noch dazu. Also erstmal die Leber mit Äpfeln und Zwiebeln. Am nächsten Tag dann, wenn die Gäste kommen, den Wildschweinrücken mit Klößen aus eigenen Kartoffeln. Und ein dicker Kopf Salat aus dem Garten. Danach die eigenen Himbeeren, auf Vanilleeis vom Discounter, in der 2Liter-Vorratspackung. Das Eis muss dann auch mal weg, zu wenig Platz in der Tiefkühltruhe.

War das lecker! Haben wir gut gegessen!

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