vonImma Luise Harms 07.07.2021

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Was habe ich zum Thema Eigensinn beizutragen?  Was ist überhaupt Eigensinn? Im Zweifel den eigenen Erfahrungen mehr Glauben zu schenken als den gesetzten Wahrheiten? Den selbst gewählten Überzeugungen treu zu bleiben, schon aus Loyalität zur eigenen Geschichte? Einfach die Lust daran, aus der Spur zu treten und sich selbst dabei neu zu erleben?

Sicher, ich bin eingefleischte Autonome – im kantischen Sinn − mache, was ich glaube verantworten zu können; das kann man auch protestantisch nennen. Sicher, ich bin überzeugte Antikapitalistin – im marxistischen Sinn – das kann man auch romantisch nennen. Aber ich bin wie alle anderen Menschen abhängig von GefährtInnenschaft, von Gemeinschaft, von Gesellschaft. Das begrenzt die Eigensinnigkeit, das bringt mich zum Suchen nach Übereinstimmung, zu Kompromissen, zum Einlenken, auch zum Aufgeben – bis zur nächsten Rebellion, zum nächsten Abenteuer. So durchpflüge ich im Zickzack-Kurs meine Lebenswelt und werde doch letztlich von ihr durchpflügt; merkwürdige Muster bleiben zurück.

Ich will vom Abenteuer „Rübelunion“ erzählen, dem Tauschmarkt-Projekt, das mich in enge Verbindung mit dem Oderbruch gebracht hat. Es fängt aber woanders an: in der Märkischen Schweiz.

Der Märkischer Tauschring

Im Frühling 2006 fand im Ihlower Gutshaus ein sogenannter Tauschmarkt statt; ich weiß nicht mehr, wie ich davon erfahren hatte, jedenfalls zog es mich dorthin: ländliche Produkte, Kontakte in die Region, eine andere, nicht-kapitalistische Form von Warenaustausch, das Gutshaus mal von innen angucken können. Als ich kam, war die Veranstaltung schon fast vorüber. Es gab noch ein paar Stände mit Marmeladen und anderem Selbstgemachten, auch ein paar Pflanzen, die schon ihre Köpfe hängen ließen. Ich ging von Stand zu Stand und befingerte das Ausgestellte. Der Verkäufer der Pflanzen saugte sich an meinem Interesse regelrecht fest, ich schlenderte aber weiter. Als ich schon am Ausgang war, kam er mir hinterher und fragte, ob ich denn nun seine Pflanzen haben wolle − keine Ahnung mehr, was es für welche waren – er wolle nach Hause, und das seien seine letzten. Was geht mich das an, ob er seine Produkte los wird? dachte ich, und fragte dann aber doch aus Höflichkeit nach dem Preis. „Zwei Klosterthaler“, meinte er, „nur noch zwei Klosterthaler jetzt“. „Ich hab aber gar keine Klosterthaler“, gab ich zurück. Er guckte mich verwirrt an. „Bist du denn nicht Mitglied?“ „Nee, ich wollte erstmal gucken“, antwortete ich ebenfalls verwirrt, „wie wird man das denn?“ „Du brauchst ein Konto, und dann kriegst du einen Kontobogen, und dann kannst du Klosterthaler ausgeben!“ „Na, dann besorg ich mir den erstmal“, beendete ich das Gespräch und war froh, dem Pflanzenverkäufer auf diese Weise entkommen zu sein.

Erst beim nächsten Treffen der Gruppe wurde ich Mitglied im Märkischen Tauschring. Er war aus einem Seminar über Geld und Zins in der Kommune Ökolea in Klosterdorf entstanden und stellte den Versuch dar, die Zinskritik praktisch werden zu lassen: Geschäfte sollten nicht mehr auf der Erwartung von Zugewinn, sondern auf einem fairen Tausch beruhen. Dazu muss der Tausch vom  Medium Geld abgekoppelt werden, weil das Geld den Zwang zu seiner Vermehrung ständig in sich trägt; es ist der Transmissionsriemen in die kapitalistische Welt. Das hat mir eingeleuchtet.

Kontenblatt statt Geld

Klosterthaler hieß nur die Verrechnungseinheit, tatsächlich trat die Führung des Kontenblatts an die Stelle der Bezahlung. Ich bekam also so ein Kontenblatt mit der Mitgliedsnummer 73 und einem Anfangs-Kontostand von Null. Wenn ich etwas kaufte, habe ich das auf meinen Blatt als Minus, die Verkäuferin bei sich als Plus eingetragen, anschließend mussten wir uns die Eintragung gegenseitig quittieren. Am Schluss des Marktes wurden die Kontenblätter wieder in den zentralen Ordner zurück geheftet. Natürlich musste man selbst auch etwas beitragen, sich also Klosterthaler erwerben. Was konnte ich machen? Marmeladen und andere Küchenprodukte gab es schon zu Hauf; Gemüse, Obst und Pflanzen konnten andere besser produzieren. Es war wie im richtigen Leben: ich suchte nach einer Marktlücke, um meine Konsumwünsche mit einem entsprechenden Beitrag decken zu können.

Viele der Mitglieder, wenn auch bei weitem nicht alle, waren im Grunde Kleingewerbetreibende, die ihre Produkte auch anderswo anboten, dort dann für Euros, um Miete, Sprit, Zigaretten und andere nicht auf dem Tauschmarkt zu befriedigende Bedürfnisse bezahlen zu können.  Diese KleingewerblerInnen brauchen Zugang zu Kundschaft; sie müssen ihren Namen und ihre Produkte bekannt machen. Ich bot also den Service „Visitenkarten drucken“ an. Ich brachte meinen Laptop, einen Farbdrucker und Schneidwerkzeug mit zu den Tauschmärkten, tüftelte mit den InteressentInnen ein Motiv und eine ansprechende grafische Gestaltung aus und gab ihnen ein Set von hübschen, kleinen Kärtchen mit nach Hause. Die Gewerbetreibenden machten gern Gebrauch davon. Allerdings war der Bedarf bald gedeckt; ich musste mir etwas neues einfallen lassen. Von da an habe ich auch das Stopfen von Wollsachen angeboten. Manche Pullover wurden allerdings nach einem Jahr noch nicht wieder abgeholt, so dass ich die sorgsam gestopften Teile schließlich wegwerfen musste. Ein weiteres Produkt, das andere noch nicht im Angebot hatten, waren kleine Duftkissen mit Lavendel, Waldmeister oder anderen Kräutern.

Auch in die Organisation des Marktes habe ich mich nach einiger Zeit eingemischt, weil ich glaubte, dass man einiges besser machen könnte, und weil die Leute, die das bisher übernommen hatten, keine große Lust mehr dazu hatten. Es gab ein paar kritische Punkte im Marktgeschehen, für die ich neue Lösungen suchte. Ein Hauptproblem sah ich in der Kontenblatt-Führung und in dem strukturellen Nachteil, dass alle zugleich AnbieterInnen und MarktbesucherInnen waren.

Man muss sich das Szenario am Markttag vorstellen: Vielleicht 15 Stände werden aufgebaut, mit diversen Produkten bestückt und dekoriert. Hinter den Ständen sitzen die Anbietenden. Vor den Ständen: Leere – die leere Mitte! Denn man kann ja nicht gleichzeitig an seinem Stand Kunden empfangen und beraten und selbst als Kundin durch den Raum spazieren. Hier fehlte das, was einen Markt bunt und die Waren attraktiv macht: die Laufkundschaft, das Geschiebe, die Zusammenballung vor Ständen mit besonders begehrten Produkten.

So sitzen wir im Kreis und unterhalten uns von Tisch zu Tisch. Und wenn ich dann meinen Stand für einen Moment  verlasse, um an einem anderen einen Kaffee zu trinken, muss ich mein Kontenblatt mit dabei haben. Die Verkäuferin und ich müssen uns umständlich gegenseitig 1,50 Klosterthaler quittieren, nachdem wir den dazu notwendigen Stift gefunden haben. In der Zwischenzeit sehe ich jemanden an meinem eigenen Stand, der vielleicht Auskunft haben will, usw.

Munus – das, was eine Gemeinschaft verbindet

Ein Tauschring ist für sich genommen schon der eigensinnige Versuch, aus den Gesetzmäßigkeiten der Konsumgesellschaft auf dem anonymen Markt herauszutreten und sich auf das zu stützen, was – ganz nach dem Prinzip der kollektiven Subsistenz – aus eigener Kraft gemeinsam möglich ist. Der Eigensinn ist hier ein kollektiver. Der italienische Philosoph Roberto Esposito vertritt eine interessante Auffassung über das, was eine Gemeinschaft ausmacht. Ausgehend von der lateinischen Bezeichnung „communitas“, die als Herzstück den Begriff „munus“ enthält, was sowohl „Verpflichtung“ und „Schuld“ als auch „Gabe“ heißt, identifiziert er die Gemeinschaft als etwas, das durch ein Geflecht aus gegenseitigen Verpflichtungen zusammengehalten wird: den Selbstverpflichtungen zur Gabe. Die Mitte der Gemeinschaft ist nicht ein kollektiver Besitz, sondern gerade der Nicht-Besitz, gewissermaßen die offene Rechnung oder die ausstehende Gabe. Der Begriff der Verpflichtung ist hier nicht als ein von außen durchgesetzter Zwang zu verstehen, sondern als ein inneres Bedürfnis, auf eine Gabe mit einer Gegengabe zu reagieren. Es ist dies die Ökonomie des Schenkens, wie sie zum Beispiel Marcel Mauss als „Potlatch“ für bestimmte indigene Gesellschaften Nordwest-Amerika beschrieben hat.

Auf den Tauschmärkten wird nicht verschenkt, sondern verbucht. Und trotzdem wirkt der bürokratische Akt des Saldo-Eintragens merkwürdig unangemessen für die Begegnung, die über die ausgestellten und bewunderten Produkte zwischen den beteiligten Menschen gestiftet wird. Es wird über den angemessenen Preis eher beraten – in Abhängigkeit von der dafür geleisteten Arbeit, aber auch im Hinblick auf die konkurrierenden Kaufhauspreise, die niemand so ganz aus seinem Kopf verdrängen kann. Schließlich hört man auf, Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen, und gesteht sich gegenseitig die eigentliche Unbepreisbarkeit der kleinen Schätze ein. Solche Gespräche enden oft mit der Aufforderung: „Dann gib dafür, was du willst!“

Transmission ins Oderbruch

Während ich noch grübelte und vorfühlte, auf was an Veränderungen die anderen sich einlassen würden, durchfurchte ein anderes Thema mein Leben: Über den Märkischen Tauschring lernte ich Mateo kennen, der im Widerstand gegen genetische Manipulationen in der Landwirtschaft sehr aktiv war. Das war bis zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt mein Schwerpunkt, aber eine Gelegenheit, in der richtigen Sache nochmal mit anderen Leuten zusammenzukommen. Und dieses Thema stand nicht so sehr für die Märkische Schweiz und den Barnim an, sondern war besonders im Oderbruch virulent, wo von Agrarkonzernen genveränderter Mais angebaut wurde. Unsere kleine Initiative wurde also im Oderbruch aktiv.

Es hatte schon ein Jahr zuvor Aktivitäten gegen genveränderten Mais im Oderbruch gegeben, unter anderem eine Feldbesetzung, die für einiges Aufsehen gesorgt hatte. Eine der bedeutenden Folgen von politischen Aktivitäten ist, dass sich darüber Strukturen bilden, Netzwerke von ähnlich Gesinnten, auf die man bei anderen Gelegenheiten zurückgreifen kann. So entstand – ich weiß nicht mehr, von wem zuerst – die Idee, im Theater am Rand in Zollbrücke ein „gentechnik-freies Frühstück“ zu organisieren, mit ProduzentInnen und Produkten aus der Region. Das hat sehr gut funktioniert. Ich habe aus einer mitgebrachten Zentrifuge vor Ort Möhren-Sanddorn-Saft gestreamt.

Bei der Gelegenheit habe ich viele der frei vor sich hinwerkelnden Menschen aus dem Oderbruch kennengelernt, vom Schweinebauern, über die Grafikerin bis zum Imker − Künstlerinnen, Handwerker, Aktivistinnen. Tilmann[1], der Leiter des Theaters, war begeistert über die Beteiligung, den Zulauf und das öffentliche Interesse. Er hätte das heitere Beisammensein gerne als Bauernmarkt verstetigt. Ich hatte eher etwas stärker Antikapitalistisches im Sinn, etwas, bei dem die Absage an ständige Effektivitätssteigerungen und Wachstumsdiktate praktisch wird: einen Tauschmarkt für das Oderbruch, in dem ich dann auch die Mängel aus dem Märkischen Tauschring durch eine andere Struktur zu verbessern versuchen könnte. Dass dies eine Veranstaltung für Mitglieder, jedenfalls für Mitmachende, sein müsste, und nicht für Laufkundschaft, die gerne mal Gesundes vom Lande kaufen will, wollte Tilmann nicht einsehen. Unsere Konzepte kamen nicht zusammen, und so fand auch nur der erste Markt des neu zu gründenden Tauschringes im Theater am Rand statt.

Zuerst aber – es war im Herbst 2008 – habe ich Konzepte geschrieben, die neuen Bekannten abgeklappert, Organisationsformen diskutiert, Logos entworfen. Viele von denen, die heute in diesem Buch auftauchen oder im Oderbruch-Museum aktiv sind, waren dabei.

Rübel und Rapsel

Was sollte anders werden? Möglichst wenig Organisationsaufwand, einfach nur eine für alle einsehbare zentrale Excel-Tabelle mit den aktuellen Kontoständen, vor allem aber keine Kontenblätter auf den Märkten. Es musste dann doch ein Schritt in Richtung Regional-Geld sein, das es zu dem Zeitpunkt schon in einigen Städten und Gemeinden gab. Manche hatten tatsächlich eine große regionale Verbreitung wie der Chiemgauer oder sogar eine historische Bedeutung wie das Freigeld von Wörgl. Aber Parallel-Währungen haben auch ihre Problematik; sie sind keine wirkliche Abkopplung vom Kreislauf der staatlichen Währung und sind letztlich doch akkumulationsfähig.

Andererseits – Geld ist praktisch, praktischer als ein Kontenblatt. Es ist das, was die Rolle der Mittlerin übernehmen muss, aber es muss spielerisch und flüchtig bleiben. Also habe ich eine Temporär-Währung geschaffen, die nur am Markttag ausgegeben und danach wieder eingezogen werden sollte, und die keine andere Funktion hatte, als das lästige gegenseitige Eintragen und Quittieren zu ersetzen. Mit der Abkant-Maschine von Freunden habe ich dicke Plastikstreifen in viereckige Chips geschnitten und beschriftet: in drei Farben − rot, gelb, blau ­− die die Währungseinheiten darstellen sollten: rot für fünf, gelb für eins, blau für ein Halb. Und die Währungseinheit sollte „Rübel“ heißen, die Untereinheit „Rapsel“.

Da gab es die ersten Einwände: „Rübel“ wäre zu nahe an „Rubel“, und die wären hier in schlechter Erinnerung. Auch mein Namensvorschlag für die neue Vereinigung, die „Rübelunion“, stieß auf Skepsis. Das würde an Gewerkschaften erinnern, und auch damit würde man sich keine großen Freunde machen. Das meinte jedenfalls Paul, der von Anfang an dabei war. Ich habe mich mit einer Mischung aus Beharrlichkeit und Überredungskunst – man könnte es Eigensinn nennen – über die Bedenken hinweg gesetzt.

Vielleicht ist es interessant, hier den Einladungstext für die Eröffnung noch einmal nachzulesen:

„Wer wenig Geld hat, ist deshalb nicht arm. Jeder und jede hat Erfahrungen, Fähigkeiten, praktisches Geschick auf irgendeinem Gebiet. Viele haben auch Produkte oder Dinge, die sie gern abgeben würden, für die es aber keinen Euro-Markt gibt.

Sie können Auto-schrauben, verputzen, nähen, Musik machen, eine Geburtstagsfeier vorbereiten, Videofilme drehen, Fotos einscannen…

Sie haben Fleisch, Gemüse, Honig, Frisches oder Eingemachtes, Materialreste von Ihrer letzten Baustelle oder Hausrat von einer Wohnungsauflösung…

Sie suchen Zaunpfähle, Heu für Ihre Tiere, Hilfe beim Fensterputzen, Beratung beim Baumveredeln oder jemanden, die Ihnen einen Reißverschluss einnäht…

Tauschen Sie doch Ihre Produkte, Ihr fachliches Können, Ihre Erfahrungen mit anderen Menschen aus.  Der Oderbruch-Tauschring „Rübel-Union“ hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Austausch zu organisieren.

Als Startschuss findet am Sonntag, dem 28. Juni, in Zollbrücke der erste Oderbruch-Tauschmarkt statt. Er wird vom Theater am Rand gemeinsam mit  der „Rübel-Union“ organisiert, einem Oderbruch-Tauschring im Aufbau, bei dem jeder mitmachen kann. Zum Markt eingeladen sind alle, die ihre Produkte oder Hilfeleistungen anbieten und dafür andere Produkte und Dienstleistungen in Anspruch nehmen möchten. Tauschmarkt und Tauschring sollen ohne den Einsatz von Euros funktionieren.

Getauscht wird durch Gegenbuchung auf einem Mitgliedskonto oder mit einer temporären Währung, dem „Rübel“. Auf dieser Basis wird es auch Essen und Trinken, Musik und andere Darbietungen geben. Außerdem werden ExpertInnen für Fachfragen und GesprächspartnerInnen aus anderen Tauschringen da sein.

Eine Internet-gestützte Tauschbörse befindet sich im Aufbau. Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Wünsche und Angebote bereits jetzt auf der provisorisch eingerichteten Internet-Seite für alle sichtbar ankündigen.“

Der Tauschring als Gemeinschaft

Ab dem Juni 2009 traf sich also die Rübelunion als Tauschring des Oderbruchs, das erste Mal wie gesagt im Theater am Rand, danach zehn Jahre lang jeden ersten Sonntag im Monat in Wilhelmsaue im Gasthaus „So oder So“ bei Barbara. Seitdem ist Hanno aus Sietzing  „die Kasse“, er hat übernommen, an den Markttagen die Rübel auszugeben. Wer Rübel zum Einkaufen braucht, beleiht sein Konto mit einem selbst gewählten Betrag, kauft ein, tätigt seine Geschäfte und gibt zum Schluss die übrigen Rübel wieder an Hanno zurück. Das wird zunächst auf einem Zettel notiert, später in die große Liste übertragen. Das zurückgegebene Geld des Einzelnen ist mal mehr und mal weniger geworden. Im Saldo muss das aus dem Umlauf zurückgekehrte Geld aber immer Null sein, denn was die einen ausgegeben haben, haben die anderen eingenommen.

Die ersten 12 Mitglieder tauschten Milch- und Fleischprodukte, Pflanzen, Gemüse, Salben, Kräuter, Honig, Brot, aber auch Hilfeleistungen wie Massagen, Haare schneiden, Messer schärfen oder anderes. Wir wurden schnell mehr, nachdem sich herumgesprochen hat, dass es nicht nur eine Möglichkeit ist, ohne Euro-Geld an gute Sachen zu kommen, sondern dass es auch ein fröhlicher kleiner Kreis ist, eine Art Frühschoppen, bei dem auch Barbara ihr Angebot an Essen und Trinken zum Rübelkurs anbietet.

Liquidation des Märkischen Tauschrings

Zwei Jahre später hatte die Rübel-Union 35 Mitglieder. Fast alle kamen aus dem Oderbruch. Ich machte noch einen Versuch, den vor sich hin dämmernden Märkischen Tauschring mit der Rübel-Union zu fusionieren und ihm durch neue Produkt-Kreisläufe noch einmal Leben einzuhauchen. Das misslang. Es zeigte sich mal wieder, was wir oft beobachtet hatten: die Märkische Schweiz auf der einen Seite und das Oderbruch auf der anderen sind zwei grundverschiedene Welten, die wenig miteinander zu tun haben, ja, sich zum Teil kaum kennen − für die einen nur Durchfahrtsgebiet, für die anderen fast in Polen. Wir wohnen im Barnim, oder „auf dem Barnim“, wie die letzte Hügelkette vor der Kante zum Oderbruch heißt. Das ist wiederum die unbestimmte Mitte, aus der heraus man sich mal in diese, mal in die andere Richtung wendet.

Ich hatte, wie gesagt, noch einen Versuch der Fusionierung gemacht und mich dann für das Oderbruch entschieden; der Märkische Tauschring schlief ein, weil sich niemand mehr darum kümmerte, einen Markttag einzuberufen. Ich habe noch jahrelang den Ordner mit den alten Kontenblättern aufgehoben. Beim Ende des Tauschringes hätten sie eigentlich ausgeglichen werden müssen − Bilanz ziehen und auf null setzen.

Es ist dies, was Esposito die „Immunisierung“ nennt, was wieder den doppeldeutigen Begriff des „munus“ einschließt. Damit ist der Akt der Privatisierung gemeint, des Grenzen Ziehens, des Nichts-mehr-schuldig-Seins − die Aufgabe der Gemeinschaft, die sich um das wabernde Gebilde aus Schuld und Gabe in der Mitte gebildet hat.

Wie die Quersumme insgesamt aussah, weiß ich gar nicht, jedenfalls waren die Differenzen zwischen den einzelnen Kontenblättern doch erheblich. Manche sind mit einem Negativsaldo von 100 bis 200 Klosterthalern davon gekommen, waren also schwer im Minus; andere hätten noch Anspruch auf Produkte in ähnlich hohem Wert gehabt. Zu meinem Erstaunen hat das niemand eingefordert. Es gab einfach kein definiertes Ende. Und so habe ich irgendwann im letzten Jahr in einer einsamen Entscheidung den Ordner mit allen Kontenblättern vernichtet, eigenwillig die Mitte eingeebnet − eigenmächtig muss man es wohl eher nennen.

Lernen, Schulden zu machen

Das Wechselspiel von Plus und Minus auf den Konten hat auch die Mitglieder der Rübel-Union zuerst irritiert. Zu sehr waren alle das Sparen und die Schonung ihrer Konten gewöhnt. Bloß keine Schulden machen! Aber wenn beim Einkaufen gespart wird, kann auch niemand seine Produkte absetzen. Alle müssen auch bereit sein, zeitweise ins Minus zu gehen. Wer seine Rübel zusammenhält, trägt zum Erlahmen des Marktes bei. Am besten ist ein lebhafter Wechsel zwischen Schulden und Guthaben. Dass das Minus auf dem Konto kein Grund zur Besorgnis ist,  mussten alle Beteiligten erstmal lernen. Es sind die Schulden, die uns verbinden; sie sind unser Guthaben!

Mit der Mitgliederzahl erweiterte sich auch die Palette der Angebote: Es gab Selbstgebranntes – in der Flasche und auf CD – oder Selbstgezogenes – als Pflänzchen oder als Hühnchen. Zum Geräucherten und Eingeweckten kam Gebackenes und Gebasteltes hinzu. Der Kneipenrahmen sorgte dafür, dass wir uns auch im Raum bewegen und unterhalten konnten, immer in Rufweite von unserem Stand. Thomas und ich hatten Filmkopien beizutragen; ich habe öfter Brot gebacken, auch immer mal wieder einen Kuchen mitgebracht, von dem Barbara gleich die Hälfte für ihren Kneipenbetrieb abgenommen hat.

Freunde und Freundinnen kamen mit, waren begeistert, traten gleich bei, kriegten die ersten Rübel in die Hand gedrückt, kauften sich was Schönes – und wurden nicht wieder gesehen. Eigentlich die klassische Laufkundschaft, die sich aber zu Rübel-Neumitgliedern definierten, damit sie teilhaben konnten. Zurück blieb ein Minus auf ihrem angefangenen Konto, das wir schließlich nach ein paar Jahren über die Gemeinschaft ausgeglichen haben. Schwamm drüber.

Die Idee gegen die Gewöhnung retten

Nach fünf Jahren hatte sich die Rübelunion eingespielt – und auch ein bisschen abgenutzt. Auf einem Treffen besprachen wir die Lage. Hier ein Auszug aus dem Protokoll:

(…)
Um die Struktur zu erhalten und gleichzeitig zu beleben, haben wir uns über ein paar Punkte verständigt:
1. Der Euro-Verkauf bleibt die Ausnahme, er wird aber nicht reglementiert, jedeR kennt die Problematik.
2. Alle Mitglieder, vor allem aber die mit den größeren Guthaben, werden dringend gebeten, jeweils vor den Märkten mitzuteilen, was sie sich wünschen, was sie brauchen können. Alle teilen mit, was von den vergangenen Einkäufen ihnen gefallen, bzw. geschmeckt hat. Es wird auch mitgeteilt, was nicht so gefallen hat, anstatt es stillschweigend nicht mehr zu kaufen (da vielleicht besser an die Leute einzeln).
3. Die Rubrik in unserer zentralen Excel-Datei (Buchführung) „ich biete an“ und „ich brauche öfter“ wird mehr gepflegt. Bitte die Erweiterungen und Aktualisierungen mir mitteilen. Ich ergänze dann und schicke die jeweils aktuelle Liste eine Woche vor dem Tauschmarkt herum (wenn ich dran denke)
4. Angebot und Nachfrage von Hilfeleistungen soll ausgebaut werden. Auch hier ist wichtig, den Bedarf mitzuteilen. Einen Richtwert für den Wert der Arbeitsstunde haben wir nicht festgelegt. Es ist aber das allgemeine Prinzip akzeptiert: Arbeitsstunde = Arbeitsstunde, egal, was man tut. Den Rübelwert legen die Beteiligten frei fest. Bei Unsicherheit oder Unstimmigkeiten hilft eine Beratung mit anderen Rübelunion-Mitgliedern. (…)
5. Die OrganisatorInnen (Imma und Hanno) haben kein Interesse an einer Bezahlung ihrer Tätigkeit. Sie betrachten ihre Arbeit nicht als Dienstleistung sondern als Beitrag zur Selbstorganisation. Sie sind aber gelegentlichen kleinen Spenden oder Geschenken nicht abgeneigt und fühlen sich dadurch auch nicht bestochen, sondern wertgeschätzt. Wenn sie keine Lust mehr haben, sagen sie Bescheid.
6. Wir bleiben bei dem Tauschmarkttermin: 1. Sonntag im Monat von 11 bis 13 Uhr; Barbara hat zugesagt, die Räume dafür frei zu halten.
7. Wir werben nicht öffentlich für Mitgliedschaft in der Rübelunion; gern gesehen sind aber FreundInnen oder Bekannte, die Lust haben, einfach mal mit ihren Produkten mitzukommen. Freunde und Freundinnen ohne eigenes Angebot könnten über das Konto derjenigen, die sie mitgebracht haben, Rübel für einmalige Einkäufe bekommen.
(…)
10. Dieser Punkt ist in Nachgesprächen hochgekommen: Da wir alle gleichzeitig KäuferInnen und VerkäuferInnen sind und außerdem auch noch miteinander reden wollen, müssten wir uns an unseren Ständen eigentlich zweiteilen. Es hat sich als hilfreich erwiesen, die Stände zu zwei zu betreiben, so dass eine Person immer frei ist, herum zu gehen, einzukaufen oder zu plaudern. Wer nicht zu zweit kommen kann (oder will), könnte sich überlegen, den Stand mit einem anderen Mitglied zusammen zu betreiben.
(…)

Das Zentrum unseres Tauschzusammenhangs bildeten also drei sich überlagernde Ebenen.

Das Konto.
Wenn es nicht thematisiert wurde, spielte es auch keine große Rolle. Eher der Transfer zwischen Rübel-Chips und der Buchführung. Öfter vergaß jemand, die Chips bei Hanno wieder einzuzahlen, sie fehlten dann in der Bilanz. Oder Leute staunten dann doch, wieviel Miese sich bei ihnen inzwischen angehäuft hatten. Andere fragten sich, was sie mit ihrem Guthaben anfangen sollten. Der Kampf mit der Quersumme blieb mir und meinen Nachfolgerinnen überlassen.

Die Gaben.
Wir begutachten den neuen Schinken von Paul: „etwas fett, diesmal!“ Wir probieren den Eierlikör von Gerlinde und nehmen gern noch ein Gläschen. Wir wissen mit den kleinen Faltschachteln von Iris nicht so recht etwas anzufangen, obwohl wir sie hübsch finden. Wir beraten Daria dabei, einen angemessenen Preis für ihre Kunstpostkarten festzulegen. Der Käse von Hanno ist gleich weg, seine selbstgestrickten Wollsocken liegen etwas länger. Pierre schneidet Haare; alle warten schon, dass er mit seiner Schere anrückt. 20 Minuten braucht er für den Kopf, alle schauen bewundernd zu. Vier Rübel will er dafür haben. Ich finde das zu wenig, will ihm zehn aufnötigen. Er spielt den Beleidigten: „Hier mach‘ immer noch ich die Preise!“ Draußen schleift Sebastian Messer auf seinen mitgebrachten Schleifblöcken, er macht das leise und beiläufig und schiebt uns anschließend die geschärften Messer wie verdächtige kleine Gegenstände in die Hand.

Die Gemeinschaft.
Nach dem Tanzabend an Tag zuvor sind alle noch etwas müde und brauchen erst mal einen Kaffee –oder doch lieber ein Radler?  Hannes, der nach Buckow die die Märkische Schweiz weggezogen ist, ist auch zum Frühschoppen im „So oder So“ gekommen; fast wie ein Besuch aus Übersee! Auch Susanne wird wegziehen, Gerlinde kriegt ihre Wohnung, will sie erstmal umbauen; − kann man da was rübeln? Aber das sind dann ganz andere Beträge, und im Baumarkt muss ja richtig bezahlt werden; die nehmen keine Rübel. „Noch nicht!“, sagt einer, und wir lachen. Oder eine politische Aktivität im Oderbruch wie z.B. die kommende Anti-CSS-Demonstration wird besprochen (gegen die CO2-Einlagerung im Boden, die für das Oderbruch eine Zeitlang geplant war). Es wird natürlich viel getratscht, die vielfältigen privaten Beziehungen der Teilnehmenden untereinander geben dazu immer neuen Stoff.

Politischer Streit

2015 ergreift die politische Bugwelle der „Flüchtlingskrise“ auch das Oderbruch. Die einen organisieren sich in Willkommenskreisen, andere tendieren zum „Heimatschutz“. Das Rübelunion-Gründungsmitglied Ilena wird sogar Kreisvorsitzende der neuen AFD-Partei. Von da an war die Stimmung an den Sonntagen weniger offen. Sprachlosigkeit oder Verlegenheit gegenüber Ilena. Untereinander beratschlagte man, was sie wohl für Gründe hat und wie man jetzt mit ihr umgehen soll. Ihr Parteifreund, der AFD-Landtagsabgeordnete Franz Wiese, taucht plötzlich in der Mitgliederliste und auf dem Email-Verteiler auf, wo er, kaum beachtet, bis 2019 bleibt.

2016, das 25. Jubiläum des Mauerfalls, veranlasst mich zu einem blog-Text, in dem ich die Verdienste der „friedlichen Revolution“ in der DDR in Zweifel ziehe und auf den großen Hunger des westdeutschen Kapitals nach Osterweiterung hinweise. Martin und Sybilla, stolze DissidentInnen aus der Zeit, sind empört und beschimpfen mich in Emails. Von da an meide ich sie bei den Treffen; wir sehen übereinander hinweg.

Ist das noch ein antikapitalistisches Projekt? War es das jemals? Überhaupt setzt bei mir eine gewisse Ermüdung ein; ich bereite meinen Rückzug aus der Organisation vor. Marie übernimmt die Buchführung, d. h. die Weiterführung der Excel-Tabelle, Hanno gibt weiter Rübel-Chips aus und sammelt sie wieder ein.

Es gibt inzwischen einen Überschuss im Saldo, der um die 200 Rübel schwankt. Das klingt gut, ist aber schlecht, weil es bedeutet, dass die Guthaben die Schulden überwiegen, also ein Anspruch auf Produkte besteht, der nicht auf der anderen Seite durch die Verpflichtung, etwas zu liefern, gedeckt ist. Marie und ich weisen auf das Problem hin, dessen Ursache wir trotz vielen Nachrechnens nicht ergründen können. Die Anderen zeigen sich mitfühlend, sind aber mehr an ihrem individuellen Kontostand interessiert. Wir beschließen, den rätselhaften Überhangbetrag in der Summe einfach umzuverteilen – ein Graus für jedes buchhalterische Denken! Die jetzt etwas weniger Guthabenden scheinen fast ein wenig erleichtert, dass sie was abgeben können; sie haben keine Ahnung, was sie mit ihren vielen Rübeln anfangen sollen. Wir ratschlagen über ihre Bedürfnisse, über mögliche andere Produkte (siehe Punkt 2 des Protokolls); sie sollen sich mal was gönnen!

Hilfeleistungen außerhalb des Marktes mit einzubinden, blieb schwierig; das wurde meist durch einen 1:1-Tausch erledigt. Ich hatte schon am Anfang Formblätter, eine Art Wechsel, für den Tausch von Dienstleistungen außerhalb des Tauschmarktes entworfen, die während der Märkte übertragen werden sollten (siehe Punkt 4).  Paul meinte damals lakonisch: „Ich weiß nicht, was das soll. Das hat in der DDR doch auch alles so funktioniert: Nachbarschaftshilfe und Schwarzarbeit!“

Da kamen wir auch in andere Größenordnungen. Wenn mal ein Schaf seinen Besitzer wechselte oder der Goldschmiedin ein alter Ring angeboten wurde oder wenn mal jemand zwei Tage auf dem Bau geholfen hat, hat man das doch lieber in Euros oder in direkten Gegengaben ausgeglichen; das war ja nun kein Spiel mehr. Und die Übertragungswege in die zentrale Excel-Datei schienen ja nicht besonders sicher zu sein.

Wir machen weiter

Die fröhlichen Zusammenkünfte ging aber unverdrossen weiter; Skandälchen und Gekränktheiten kamen und gingen. Neue Gesichter kamen dazu, die zuerst vielleicht etwas distanziert beäugt wurden. Wenn sie öfter kamen, wurden sie in den FreundInnenkreis eingeschlossen. Und irgendwann hatte man das Gefühl, sie waren schon ewig dabei. Thomas und ich, die wir vom Barnim angereist kamen, was nur noch gelegentlich vorkam, erlebten manchmal, dass auch wir wie „Neue“ misstrauisch beguckt wurden. Mich juckte es dann manchmal, irgendwie fallen zu lassen, dass ich das Ganze hier ja schließlich angefangen habe! Aber wen interessieren die GründerInnen, die Altvorderen? So ein Gebilde wie die Rübelunion führt ein Eigenleben; es bewegt und verändert sich. Der „munus“, das, was den Kreis von der Mitte her zusammenhält, definiert sich ständig neu.

Mal kamen ganz Wenige, mal boomte der Markt; nur Hanno, der Hüter des Rübelschatzes, war immer da, gab Chips aus, führte die Liste, die später in die Tabelle übertragen wurde, und sammelte die Chips wieder ein.

2019 wollten wir unser zehnjähriges Bestehen mit einem kleinen Fest begehen. Es gab ein paar Ideen wie eine Tombola und ein Quizz. Barbara wollte Sekt spendieren. Der Einspruch eines Ex-Alkoholikers führte zu einer Debatte über Toleranz. Die Gründungsmitglieder standen wohlwollend zur Fest-Idee, teilten dann anschließend aber einer nach dem anderen mit, dass sie leider nicht dabei sein könnten. Resigniert gaben Marie und ich die Fest-Idee auf. Als wir zum ordentlichen Markttag zusammenkamen, hatten doch einige aus eigenem Antrieb etwas Feines für ein gemeinsames Festmahl mitgebracht. Ein Gefühl der Rührung ergriff uns Initiatorinnen. Was schon halb zerbröselt erschien, war letztlich doch ein gewachsener, ein stabiler FreundInnenkreis. Wenn die einen enttäuscht oder erlahmt waren, ergriffen unabgesprochen andere die Initiative.

Vom freundlichen Beisammensein gibt es ein kurzes Protokoll, das den Stand der Dinge widergibt:

„Liebe Leute, im kleinen Kreis saßen wir – Dank Hanno mit Entenbraten, Tomate-Mozarella und Kuchen  und  Dank Barbara mit dem angekündigten Sekt, zu einem kleinen Resümee beisammen.
So einige Fragen wurden aufgeworfen und darüber ausgetauscht.

Das Fazit:
– der Rübelmarkt soll unbedingt weiter bestehen
– Treffpunkt soll weiterhin im „So oder so“ sein
– Das Kontoführen wird im weitesten Sinne von allen getragen, indem wir den „Staffelstab“ jährlich weiter reichen. Ab August übernimmt Petra die Aufgabe für die nächsten 12 Monate.
– Sämtlicher Konsum von Speisen und Getränken im „So oder So“ wird bei Barbara in Rübel umgesetzt (wie schon vor Jahren erdacht, aber in Vergessenheit geraten)
– jeder sollte sich Gedanken machen und aktiv werden, seinen Kontostand auszugleichen!!! ob plus oder minus
– nach den Markttagen ist jeder angehalten, seinen Platz wie vorgefunden zu verlassen und dafür zu sorgen, dass sich nachfolgende Gäste an den Tischen wohl fühlen … vielleicht mal drüber wischen … bzw. wieder alles an Ort und Stelle räumen
– das Verbreiten und Streuen von politischen oder anderen gesellschaftskritischen Themen sollte über den Rübel-Emailverteiler nicht stattfinden
– weiterhin wollen wir den Aspekt der Dienstleistungen mehr in den Focus rücken.

Das wars soweit. Ich danke allen für den Austausch und die offenen Ohren und gebe „das Wort“ und „die Fäden“ nun an Petra weiter und wünsche uns allen ein weiterhin gutes und fruchtbares rübelhaftes Miteinander.“

Tauschring auf dem Weg zum Lieferservice

Irgendwann war doch nicht mehr ganz sicher, ob der Markt weiter in Wilhelmsaue stattfinden kann. Der Konsum in der Kneipe ging zurück, unklar, warum. Barbara hatte Schwierigkeiten, ihre Leute zu bezahlen, und wollte eine kleine finanzielle Beteiligung der UnionistInnen an den Kneipenkosten. Vor allem die neueren Mitglieder irritierte das, eine Standgebühr konnten sie sich nicht vorstellen. Einige der frühen Mitglieder, die Barbaras Spagat zwischen ihrer Existenz als Geschäftsfrau und als solidarischer Tauschmarkt-Beteiligte über viele Jahre mitbekommen haben, sind ihrerseits über das Unverständnis irritiert. Es wird zwei Runden per Email geschimpft und drei Runden verhandelt. Im Ergebnis wird ein kleiner Betrag von allen Mitgliederkonten monatlich auf Barbara umgebucht, als Beitrag für ihre Unkosten.

Soweit schien alles geregelt, die Wogen glätteten sich, der Tauschmarkt konnte weitergehen. Und dann kam Corona. Barbara musste die Treffen in ihrer Kneipe absagen. Jana, Rübel-Unionistin seit 2016, bot sich an, ein „Tauschen ohne Markt“ zu organisieren, also die Produkte einzusammeln und auszuliefern. Als Überschrift wählte sie „Coro – na und?“  und setzte im P.S. einen missratenen Corona-Witz hinzu, der hier nicht wiederholt werden soll. Entrüstungen, Gegen-Entrüstungen, Links zu den einzig wahren Informationsquellen, Einlenken und Entschuldigungen ohne erkennbare Wirkung. Das Pandemie-Schisma hatte auch unsere Rübel-Union in zwei Teile zerlegt, die wütend aufeinander einhackten.

Als dann noch ein Mitglied die Initiative gegen den Oderausbau mit dem Slogan „Todesstrafe für Biber“ kommentierte – in einer Schrift geschrieben, die ungut an einen ähnlichen Spruch erinnerte, brach der Sturm erst richtig los. Ultimaten wurden gestellt, Austritte nahegelegt, Beschwichtigungsversuche wütend beiseite gekickt und über die Polarität zwischen „klarer Haltung“ und Toleranz gestritten.

Tödliche Beleidigtheit lag in der Luft. Aber es war halt nur die virtuelle Luft über der Email-Debatte, man traf ja nicht aufeinander. In der direkten Begegnung zwischen den Kaffeetischchen im „So oder So“ hätten sich die Feindseligkeiten vielleicht relativiert.

Unbeeindruckt von der Aufregung fuhr Jana in den folgenden Monaten von Haus zu Haus, um Brot, Gemüse, Käse oder Pflanzen zu überbringen – der Einfachheit halber in Euros abgerechnet; der Tauschring war auf dem Weg zum Lieferservice.

Unser Bindeglied, die große gemeinsame, immer weiter fortgeführte Excel-Tabelle, die inzwischen mehrere hundert Spalten umfasste, schien in Vergessenheit zu geraten oder jedenfalls für den Augenblick an Bedeutung verloren zu haben. Irgendwo gab es da noch ein Guthaben oder ein Minus an Rübeln, an die man sich ohne große Sorgen gelegentlich erinnerte wie vielleicht an das Buch, das man irgendwann noch zurückgeben muss, oder an die 20 Euro, die sich ein Freund neulich von einem geliehen hat. Verflechtung ohne Bürde. Letztlich erstaunlich, denn der Überschuss im Saldo, den wir vor fünf Jahren bereinigt hatten und der Ausdruck von in der Summe nicht gedeckten Ansprüchen ist, war mittlerweile wieder auf satte 600 Rübel angestiegen.

Das ist vielleicht das Mystische an Bilanzen; sie führen ein Eigenleben. Wer auf seinem Konto ein Plus von 200 Rübeln hat, sieht das als ein schönes Pölsterchen an, als eine Art  Versprechen. Und auch das Minus ist nicht weiter bedrohlich; es kommt ja keine Mahnung und kein Gerichtsvollzieher. Im Gegenteil, mit jedem – von Hanno bereitwillig ausgegebenen – zusätzlichen Rübel kann man den anderen was Schönes abkaufen und sie mit dem guten Gefühl nach Hause schicken, dass sie etwas Nützliches produziert haben.

Und das ist meine Schlussfolgerung: Nicht ich, nicht wir, die wir den Tauschring initiiert und über die Jahre aufrecht erhalten haben, sind die Eigensinnigen. Die Rübelunion selbst, mit all ihrer rätselhaften Dynamik ist der pure Eigensinn. Das Projekt, das Produkt, zumal das kollektive, entwickelt seinen eigenen Sinn und schreibt ihn den Beteiligten immer wieder neu ein. Das emergente Ganze ist auf andere Weise eigensinnig als die Summe seiner eigensinnigen Beteiligten.

Wiedersehen an der Oder

An einem schönen Junitag, mit dem ersten Atemschöpfen nach der Corona-Krise, hat sich die Rübelunion das erste Mal seit anderthalb Jahren wieder getroffen. Diesmal und wohl auch die weiteren Male im Kienitzer Café „Hafenmühle“ direkt hinterm Oderdeich. Viele, wie auch wir, sind erstmal ohne Produkte gekommen, einfach um zu sehen, ob die anderen da sind, wie der neue Ort ist und ob es überhaupt weitergeht. Marmeladen, Käse, Speck und ein paar andere Kleinigkeiten stehen auf den Tischen.

Heike hat zu viel geredet, hat keinen Käse mehr abbekommen. Da werden die Taschen wieder aufgemacht und ihr wird noch eine Portion abgezweigt. Petra bietet altes Tischlerwerkzeug an, Stück für einen Rübel. Ich finde ein paar Teile reizvoll und will sie mit Euros bezahlen, weil wir doch schon so viele Miese haben. Aber Petra macht sich keine Sorgen über die Werthaltigkeit ihres Rübel-Guthabens und ermutigt mich, trotzdem weiter mit Rübel-Chips zu bezahlen. Das mache ich, belaste unser Konto also mit weiteren zehn Einheiten. Fünf bleiben bei Petra, mit den restlichen gehe ich zu Paul und bitte um Speck für fünf Rübel. Er ist verunsichert; sein Messer streicht an der Speckseite entlang: Wo ist für fünf Rübel? Dann entschließt er sich zum Schnitt, stellt aber doch die Waage an. Ich sage: „Warum? Wir sind uns doch handelseinig, oder?“ „Ach, ich wiege immer gern nochmal nach“, antwortet er und wir müssen beide lachen. Was genau will er jetzt kontrollieren? Es stellt sich raus, dass er mir nur Speck für 4,50 Rübel abgeschnitten hat, was ihm ein bisschen peinlich ist. Ich freu mich, dass es nicht zu viel geworden ist. Es ist auch nicht zu wenig. Es ist gerade recht.

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2021/07/07/der-eigensinn-der-aus-der-mitte-kommt/

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