vonImma Luise Harms 06.08.2021

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Mit meinem Freund N. berate ich gern politische Fragen von grundsätzlicher Bedeutung. Er ruft mich manchmal an, um nach meiner Expertise zu fragen, wenn es um Parolen geht, bittet um Kürzungen oder Modifikationen. N. ist ein Mann der Praxis, ich eine Frau der – ja, sagen wir: der Begrifflichkeiten.

Seit kurzem ist N. bei XR aktiv, ausgeschrieben „Extinction Rebellion“. Sehr aktiv. Er baut, plant, organisiert, hat sogar schon Demos angemeldet und mit einer schülerhaften Aufregung durch die Straßen geführt. Den Broterwerb hat er fürs Erste hinter sich gelassen, um sich ganz der Arbeit für XR widmen zu können. Ich bewundere, wie N. sich immer wieder auf neue Bewegungen einlassen kann, bewundere seinen auch nach 40 Jahren ungebrochenen Mut zur Radikalität. Auf der Wand des von ihm mitbewohnten Hauses hat er vor vielen Jahren die Leuchtschrift „Kapitalismus zerstört, normiert, tötet“ angebracht. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ob ich an der Ausformulierung beteiligt war, weiß ich nicht mehr, auf jeden Fall stimme ich ihr vollinhaltlich zu.

Wahrheiten wie diese sind ewige Wahrheiten; sie gelten auch, wenn ein spezieller Aspekt kapitalistischer Zerstörung sich so in der Vordergrund schiebt, dass man ihn für das ursächliche Problem halten könnte. In diesem Fall die Klimakatastrophe, der jetzt N.‘s ganzer aktionistischer Ingrimm gilt. Das war ein Grund, dass ich das Gespräch mit ihm gesucht habe. Wenn XR den Wachstumszwang und die Ressourcen-Verschwendung, die dem Kapitalismus innewohnt, nicht mitbenennt und angreift, haben sie trotz des radikalen Gestus in kurzer Zeit nichts anderes geschaffen als ein neues Label, unter dem die Produktion in eine andere Richtung, aber trotzdem Wachstums-orientiert neu ausgerichtet wird− ihr Beitrag zum Green-Washing. So, wie das „Tierwohl“-Etikett den wachsenden Unwillen gegen Massentierhaltung in Kauflust  zu verwandeln versucht.

Mein Freund N. schaute nach meiner Rede etwas kleinlaut und suchte nach Gegenargumenten.
Er: Die Klimakatastrophe kann nur abgewendet werden, wenn sofort etwas passiert; es geht um drei, vier Jahre. Da kann die Bewegung nicht in GegnerInnen und BefürworterInnen kapitalistischer Produktion gespalten werden.
Ich: Wenn die AktivistInnen am Wochenende für XR auf die Straße gehen und unter der Woche ohne Widerspruch den Umsatz ihres Betriebes weiter ankurbeln helfen,  dann ist das doch nichts weiter als Selbstbetrug.
Er wieder: Aber den Kapitalismus kann man nicht in ein paar Jahren abschaffen, und so schnell muss aber was passieren.
Ich dann: Das stimmt, man kann den Kapitalismus nicht so schnell abschaffen. Und „abschaffen“ kann man eh nix; das klingt nach Diktatur. Aber man kann ihn delegitimieren, also deutlich sagen, dass der Kapitalismus ein Unrechts-Regime ist. Das wär doch schon was.
Darauf konnten wir uns einigen.

Als wir uns das nächste Mal sahen, erzählte N. mir, er habe meine Kritik den eher inhaltlich arbeitenden Kreisen bei XR vorgetragen. Sie hätten so reagiert, wie er gedacht habe: Das taktische Argument, man dürfe die Bewegung jetzt nicht mit Reizwörtern spalten, und in der Forderung der Klima-AktivistInnen nach „Systemwechsel“ sei das ja implizit mit enthalten. N. war wohl selbst nicht ganz zufrieden mit dieser Auskunft. Jedenfalls habe er vor, erzählte er mir, seinen nickname im Chat der Bewegung umzuändern in „Kapitalismus delegitimieren“.

Eine plausible Kritik ist wie schleichend wirkendes Gift, oder sagen wir lieber: wie eine langsam in den Körperfasern sich verbreitende Arznei. Wenn sie einleuchtet, hat sie auch Auswirkungen auf angrenzende Themen und Tätigkeiten. Gestern rief N. mich an, um von Vorbereitungen für eine größere XR-Aktion zu berichten. Sie haben irgendein großes Teil gebaut, das bei einer öffentlichen Aktion eingesetzt werden soll. Darauf haben sie, die Baugruppe, die Parole „Kapitalismus tötet uns!“ angebracht. Das kam der Planungsgruppe, die offensichtlich auch für die inhaltliche Ausrichtung zuständig ist, zu Ohren. Sie protestierte gegen diese Verkürzung der Zusammenhänge, unter der das konkrete Thema der Aktion verschwinden würde.

Ich muss an die Comic-Figur, Hägar, den Schrecklichen denken, den wüsten, zu allem entschlossenen Wikinger, der einmal zur Mobilisierung für einen Feldzug eine Parole entworfen hat. „Sieg oder Tod!“ steht auf den Plakat, das er seinen Gefolgsleuten präsentiert. Die reagieren verhalten: „Och, ich weiß nicht, Chef!“ – „Das klingt so endgültig!“ Hägar fordert Gegenvorschläge ein; die Gefolgsleute ziehen sich zurück und basteln ein eigenes Plakat, auf dem steht in schönster SPD-Manier: „Für den größtmöglichen Erfolg – oder eine annehmbare Alternative!“ Hägar bricht in stummer Verzweiflung zusammen.

Die Planungsgruppe hat auch einen Gegenvorschlag: „Wir schwärmen aus!“ schlagen sie statt der Kapitalismus-feindlichen Parole vor. Dieses Sich-Winden vor der Benutzung des K-Wortes treibt nun N. in die Verzweiflung und er will sich Ermutigung von mir holen. Ich schmeiße meinen Begriffs-Apparat an (ich hätte Werbetexterin werden sollen). Die Kritik an der ultrahoch-verdichteten Parole der Baugruppe finde ich nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber die Angst der Planungsgruppe vor dem K-Wort muss gebrochen werden, sonst ist alles vergebens. Ein direkter Zusammenhang zwischen Klimazerstörung und Kapitalismus muss her! Nennen wir‘s doch so, wie es ist! „Kapitalismus: Klimakiller Nr.1“, schlage ich vor. N. hat erst Bedenken, dass das nicht aufs Gerät passt, immerhin 30 statt 23 Zeichen. Ich meine, man könnte auch einfach „Klimakiller Kapitalismus“ sagen. „…oder ‚Klimafeind Kapitalismus‘“, schlägt N. im Bedürfnis, erwarteten Widerstand abzuschwächen, vor. „Nee“, sage ich entschieden, „das ist zu schwach. Das muss schon aggressiv sein.“ Irgendwie hat ja auch N. Lust an der Konfrontation, deshalb will er das mit dem „Klimakiller Nr. 1“ doch am liebsten; dann wird das Gerät eben größer gemacht, dass der Spruch draufpasst. Und er kichert, als er sich vorstellt, wie die Planungsgruppe reagiert. Ich bin auch gespannt darauf.*

Am nächsten Tag, also heute, denke ich darüber nach, was „Kapitalismus delegitimieren“ eigentlich bedeutet, wie man das griffiger fassen kann. Das kommt nach der Zeitungslektüre, nach dem für ZeitungsleserInnen so typischen Gedanken: ‚Sind die denn alle bescheuert?!‘ Nach Hochwasserkatastrophen, nach apokalyptischen Waldbränden in vielen Ländern kommen die Grünen mit der Forderung nach einem Klima-Ministerium, das mit einem Vetorecht für klimaschädliche Gesetze ausgestattet werden sollte. Und selbst auf diesen zahmen Vorschlag reagieren die Kapitalfraktion-Parteien mit Schaum vorm Mund. Sie ziehen das Ticket „Verbots-Partei“ für die lahmen Grünen, die Entwicklung und ein gesundes Wachstum verhindern wolle. Und um jeden Preis weitermachen wie bisher, darf man ergänzen.

Nein, solche Demagogie nicht einfach als Wahlkampf durchwinken! Widersprechen, protestieren, das Recht dazu streitig machen! Wie sagt man das, dass es einleuchtet und sich einprägt? „An alle AktionärInnen, BänkerInnen, ImmobilienbesitzerInnen: Es gibt kein Recht, aus Geld mehr Geld zu machen, indem man anderen seine Interessen aufzwingt!“, holpere ich. Mein Mitbewohner blickt von der Zeitung auf. „Kapitalismus ist kein Grundrecht“ schlägt er vor. Lakonisch, treffend, schnörkellos. Recht hat er.

*Wer wissen will, wie das Tauziehen um die Parole ausgegangen ist: am 16. August ist die Aktion von XR. Näheres hier.

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