vonElisabeth Wirth 16.08.2020

Kaleidoskop

Kühne Kunst, rare Objekte, kuriose Dinge – Elisabeth Wirth besucht besondere Ausstellungsorte in Berlin.

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Die Keramik gehört zu den ältesten Kulturgütern der Welt. An ihr lassen sich unzählige Geschichten erzählen. Dennoch erfährt das Kunsthandwerk in Deutschland wenig Anerkennung. Das Keramik-Museum Berlin möchte dies ändern.

Noch gut erinnere ich mich an den erdigen Geruch in der Werkstatt, an das Gefühl des kühlen, feuchten Tons zwischen den Fingern und an die Zuckerberge, die wir in den Pfefferminztee schaufelten, bis der Tee sogar für den Geschmack von uns Kindern zu süß war. Irgendwann zog die Keramiklehrerin Elke Steckhan aufs Land und die Nachmittage in der Jugendkunstschule endeten. Geblieben sind zwei, vom wilden Wein umrankte Masken, die noch heute am Haus der Eltern böse Geister abwehren, und meine Freude an schönen Tellern, Tassen, Schüsseln und Vasen aus Keramik. Das unperfekte Dekor des Salattellers von Christine Pfundt, die warme Haptik der Tassen von Klünder-Keramik, der Anblick der Pasta in den leuchtend blauen Tellern aus Portugal. Kleine Alltagsfreuden, denen sich in Berlin sogar ein Museum widmet. 

Alltagskultur trifft Kunst

Zwischen zwei Gründerzeithäusern klemmt geduckt in der Charlottenburger Schustehrusstraße das 1712 erbaute und somit älteste Haus des Bezirks. Hier ist das Keramik-Museum Berlin seit 2004 zu Hause. Über zwei lauschige, grüne Höfe und vier Ausstellungsräume erstreckt sich das Museum. Zwei Räume werden im Frühsommer 2020 bespielt, die neue Schau mit Neuzugängen der Sammlung wird gerade vorbereitet. Im Kabinett werden Stücke des Keramikers Andreas Fritsche gezeigt, der kürzlich mit dem Preis der A und A Kulturstiftung für Kunsthandwerk (Keramik) 2020 ausgezeichnet wurde. Im hinteren Ausstellungsraum liegt der Fokus der aktuellen Ausstellung auf „Berlin und Umland – Keramik im XX. Jahrhundert“. In den beleuchteten Vitrinen stehen Krüge, Vasen, Teller, Teeschalen und Figuren aus Steingut, Steinzeug und Porzellan. Unterschiedliche Techniken und mannigfaltige Dekore treffen auf vielseitige Glasuren und offenporige Scherben. Geformt von Keramikkünstler:innen und unbekannten Amateur:innen. Da leuchtet einem eine große, runde Bodenvase von Otto Douglas-Hill in Persisch-Blauer-Glasur entgegen, dann entdeckt man zwei Flaschen und eine Käseglocke aus den Haël-Werkstätten, der Vorgänger-Werkstatt von Hedwig Bollhagen. Eine Vitrine weiter gibt ein kurioses, ungeheuerartiges Objekt aus den 1920ern, vielleicht eine Pflanzenschale, selbst dem Museumsleiter Heinz-Joachim Theis ein Rätsel auf. Gegenüber stehen drei Zylindervasen aus der Jugendstrafanstalt Plötzensee, die irgendwann in den 1960er Jahren entstanden sind. Wie ein Netz umspannt das dunkele Krakelee die gelbe Vase, bei den anderen beiden glänzen unterschiedliche, ineinander laufende Blau- und Grüntöne. Alle drei sind ein bisschen zu hoch oder ein bisschen zu schmal geraten, mehr als ein paar Gräser oder eine einzelne Blume könnten sie nicht tragen, ohne umzukippen. Zwischen den Vitrinen: ein Fliesenbild von Wolfgang Frankenstein, dessen 20 Wandbilder zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung noch heute im U-Bahnhof Magdalenenstraße zu sehen sind und ein Mosaiktisch von Eva Schulz-Endert aus den 1980ern. Fliesenbild von Wolfgang Frankenstein im Keramikmuseum BerlinDaneben eine Vase, die eine Malerei der Künstlerin Cornelia Schleime ziert, und ein vom Künstler Hans Scheib dekorierter Teller. Beides geformt von Kattrin Kühn. Bald muss ich an die Objekte meiner damaligen Keramiklehrerin denken. Elkes Plastiken, deren verschachtelte Platten in die Höhe wachsen, würden auch gut in die Ausstellung passen.

Zeigen, was mit Keramik möglich ist, das ist der Anspruch des Keramik-Museums Berlin, sagt Heinz-Joachim Theis. Denn die Welt der Keramik ragt weit über den Tellerrand vom Töpfermarkt hinaus, ist mehr als Tasse, Teller, Vase. Im deutschsprachigen Raum hat Keramik einen schweren Stand. Dabei gab es hier einst viele wichtige Manufakturen. In anderen Ländern erfährt eines der ältesten Kulturgüter der Welt sehr viel mehr Wertschätzung, erzählt der Keramik-Experte. 12000 Jahre, bis in die Frühgeschichte, reichen die Ursprünge der japanische Keramiktradition zurück. Hier stellen seit vielen Generationen Töpfer:innen mitunter kostspielige Teeschalen her. Jedes Stück ein Unikat. Die Zeit und der Gebrauch können den Wert einer Teeschale sogar steigern. Ob es sich dann noch um einen Gebrauchsgegenstand für die Teezeremonie oder ein Kunstobjekt handelt, das ist oft nicht auszumachen. So fließend sind die Grenzen in Japan noch heute, so hoch ist die Anerkennung für das Kunsthandwerk. In Deutschland wiederum ist vielen Menschen kaum bewusst, wie vielschichtig und facettenreich die Keramik ist und was sie alles vereint: Chemie und Physik, Kultur-, Kunst-, Design-,Technik- und Gesellschaftsgeschichte. Selbst an den Kunsthochschulen hat sie an Stellenwert verloren. Auch wenn Künstler wie Picasso auf Keramik gearbeitet haben oder die Plastiken von Gertraud Möhwald internationales Ansehen genießen. Im Keramik-Museum, im ersten Hinterhof, von Efeu umrankt, ist ihre „Hommage an die alten Häuser“ zu sehen.Gertraud Möwald Ihre Plastiken aus Keramik sind international anerkannt

OK T42 oder die Entdeckung einer kaum erforschten Welt

Die Keramikleidenschaft von Heinz-Joachim Theis entfachte ein besonderer Fund. Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre studierte er in Paris, wo er gerne über Flohmärkte streifte und mit alten Drucken zu handeln begann. Eines Tages fiel ihm eine angeschlagene Teekanne in Form eines VW-Käfers aus der Art Decor-Sammlung des Modeschöpfers Karl Lagerfeld in die Hände. Auf dem kleinen Nummernschild: OK T42 (OK Tea for two). Heinz-Joachim Theis war verzückt. Zurück in Deutschland begann er zu recherchieren und bemerkte Lücken und Widersprüche in der Forschungsliteratur.

Vor ihm muss sich damals eine wenig erforschte Welt aufgetan haben, der er sich von nun an mit Haut und Haar verschrieb. Er lernte Töpfern, begann, Keramik zu sammeln und die Keramikgeschichte im deutschsprachigen Raum wissenschaftlich aufzuarbeiten. Er recherchierte, wo es einst überall Manufakturen gegeben hatte, schrieb die Orte an und bat um Informationen. Er besuchte Keramiker:innen in Ost und West. Trug alle Informationen, die er kriegen konnte zusammen. Sein Archiv, erzählt Heinz-Joachim Theis, umfasst unzählige Karteikarten. Keine Hürde scheint ihm zu groß gewesen zu sein. Selbst vor der Mauer machte seine Begeisterung nicht halt. Er reiste nicht nur regelmäßig in die DDR um die dortige Keramikszene kennenzulernen. Als er erfuhr, dass im Zeughaus, unaufgearbeitet und für die Öffentlichkeit unzugänglich die Sammlung Velten lagerte, wandte Heinz-Joachim Theis sich ans Museum für Deutsche Geschichte, das hier untergebracht war. Es klingt beinahe phantastisch, wenn er erzählt, wie er beim ersten Besuch das Museum versehentlich durch den Hintereingang betrat, die feine Keramik zum ersten Mal sah und die Erlaubnis erhielt, die Schätze zu sichten und aufzuarbeiten. Noch vor dem Mauerfall begann er eine Sonderausstellung unter anderem mit den Stücken in Ost- und West-Berlin zu planen, die im wiedervereinigten Deutschland 1992 im Zeughaus realisiert wurde.

Es war die erste Ausstellung des Keramik-Museums Berlin, welches Heinz-Joachim Theis 1990 hoffnungsfroh gegründet hatte. Seitdem hat er mit Unterstützung eines Fördervereins über 100 weitere Ausstellungen mit einem breiten thematischen Spektrum konzipiert und umgesetzt: Von der Königlichen-Porzellan-Manufaktur Berlin bis zu den Haël-Werkstätten, von Loriot bis zu zeitgenössischen Keramiker:innen. Keramische Alltagsgegenstände aus den letzten zwei Jahrhunderten erlangen hier ebenso musealen Rang wie Skulpturen aus Ton oder von bildenden Künstler:innen gestaltete Stücke. Und mit großer Selbstverständlichkeit gelingt dem Kurator in seinen Ausstellungen etwas, das in anderen Museen noch längst nicht gängig ist: Gleichberechtigt Arbeiten von Keramikkünstler:innen aus der BRD und der DDR zu zeigen.

An die 10.000 Stücke umfasst die Sammlung, die Heinz-Joachim Theis aufgebaut hat, sowie eine Fachbibliothek. Ein Großteil davon wurde von Sammler:innen der Stadt Berlin vermacht, unter der Auflage, sie dem Keramik-Museum Berlin auf Dauer zu leihen. Da die Sammlung offiziell der Stadt gehört, ist es für Heinz-Joachim Theis unverständlich, dass sich Berlin so wenig für sie interessiert. Bei der Gründung, sagt er, sei eine dauerhafte finanzielle Förderung in Aussicht gestellt worden. Er hat damals geglaubt, dass die Stadt nach paar Jahren sein Museum in öffentlich-rechtliche Trägerschaft übernehmen würde. Im Vorwort des Katalogs der Zeughaus-Ausstellung von 1992 klingt der damalige Senator für kulturelle Angelegenheiten Ulrich Roloff-Momin jedoch weniger verbindlich: „Der Mut“, heißt es hier, „mit dem hier auf öffentliche Förderung für ein weiteres Museum gerechnet wird, ist bewundernswert.“ 

Zukunftsmusik? Ein Museum ersehnt die Klänge

30 Jahre hat dieser Mut getragen. Inzwischen macht der Museumsgründer sich Sorgen um die Zukunft des Museums. Seine Nachfolge ist ungeklärt, viele der ehrenamtlichen Unterstützer:innen sind im höheren Rentenalter, Nachwuchs gibt es kaum. Heinz-Joachim Theis wirkt müde, wie einer, der gerne loslassen würde, aber nicht kann, solange er nicht sicher weiß, dass sein Erbe in guten Händen ist. Um die Zukunft des Museums zu sichern, hat er vor fünf Jahren u. a. Kolleg:innen, Kunsthistoriker:innen und Fachjournalist:innen um Statements gebeten. In den Briefen heben alle das außergewöhnliche Engagement von Heinz-Joachim Theis und die Bedeutung des Museums hervor und appellieren an den Senat, das Museum mit ausreichenden Mitteln zu fördern. 2018 wurde die Ausstellung „Die Berliner Sammlung. Keramik in Landesbesitz. 1990 – 2010“  vom aktuellen Kultursenator Klaus Lederer eröffnet, erzählt er. Die Förderung, die er sich wünscht, hat das Keramik-Museum bisher jedoch nicht erhalten.

Von all dem ahnen die Besucher:innen nichts, wenn sie eine der regelmäßig wechselnden Ausstellungen, eine Veranstaltung des oft ambitionierten Rahmenprogramms oder den zweimal jährlich stattfindenden Keramik-Trödel besuchen. Oder, wie der Direktor erzählt, einfach so vorbei schauen, sich mit einem Buch in den Museumsgarten setzen und mit etwas Glück noch einen Kaffee vom Hausherrn spendiert bekommen.
Nach einem Besuch im Keramik-Museum Berlin blickt man ein bisschen anders in den Küchenschrank und weiß, dass auch feine Risse, ungleiche Formen, Unregelmäßigkeiten in der Glasur oder dicke Tropfen ein Zeichen höchster Kunstfertigkeit sein können.

Keramik-Museum Berlin
Schustehrusstraße 13
Öffnungszeiten: Freitag bis Montag 13–17 Uhr

Die Ausstellung von Andreas Fritsche und die Schau „Berlin und Umland – Keramik im XX. Jahrhundert“ sind noch bis zum 7. September 2020 zu sehen, die Ausstellung „Geschenke an das KMB und Neuerwerbungen“ läuft bis zum 24. Mai 2021.

Zum Keramik-Trödel im Museumsgarten lädt das KMB wieder am 22. und 23. August von 11 bis 17 Uhr ein.

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