vonkirschskommode 11.02.2026

Kirschs Kommode

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Nachrichten aus der letzten Woche waren zum Beispiel diese: Der griechische Ministerpräsident lobt Angehörige der Küstenwache, nachdem diese, höchstwahrscheinlich in voller Absicht, ein Flüchtlingsboot gerammt und fünfzehn Menschen umgebracht hatten *** Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände tritt angesichts von Warnstreiks im öffentlichen Dienst für eine drastische Einschränkung des in Deutschland ohnehin sehr restriktiven Streikrechts ein *** Nach einem massivem Schimmelbefall musste D. aus seiner Wohnung ausziehen. Obwohl seine neue Wohnung 100 € günstiger ist, lehnte das Jobcenter den Umzug ab und stellte die Mietzahlung ein. Es begründete die Ablehnung damit, dass Schimmel kein Grund zum Umziehen sei *** Die Ernährungsicherheit gerät weltweit durch den Verlust von Weideland in Gefahr: Bis 2100 droht die Hälfte aller Weideflächen zu verschwinden. *** Der Entwurf des Klimaschutzprogramms der Bunderegierung ist nach Ansicht von Umweltverbänden vollkommen unzureichend.

So geht es Woche für Woche, Tag für Tag. Zwischen ernsten Problemen und ausgewachsenen Katastrophen gibt es sicherlich einige Abstufungen – worauf man sich aber verlassen kann, ist die Unangemessenheit der Antworten aller derer, die Macht haben, etwas zu entscheiden oder zu bewegen. Die regierende Fraktion Faktenfrei übt sich in Realitätsverweigerung und Hetze; die stärkste Oppositionsfraktion toppt regelmäßig beides. Um von den Regierenden  mit erneuter Hetze und Realitätsverweigerung gleich wieder überholt zu werden. Es ist ein einziges blaues Wunder. Und sich von ihm nicht Tag für Tag die Spache verschlagen zu lassen, ist schwierig. Anbei drei Versuche, dem allgemeinen Un- und Irrsinn im kleinen Rahmen zu widersprechen:

Drei Artikel aus dem Stadtmagazin von Rainkrautwall

Vor kurzem traf ich mal wieder einen, der die Realität des menschengemachten Klimawandels schlicht bestritt. Reine Verarsche sei das. Der Mann hatte beruflich mit Biergärten zu tun – ein Gewerbe, das von heißen Tagen profitiert. Es wäre sinnlos gewesen, mit ihm einen Streit anzufangen. Zumal ich sein Gefühl, es mit Verarsche zu tun zu haben, nachvollziehen konnte. Dass das Verfeuern fossiler Brennstoffe zu einem Treibhauseffekt und damit zur globalen Erwärmung führt, ist seit über 50 Jahren bekannt und wissenschaftlich so unumstritten wie die Kugelgestalt der Erde. Aber hat irgendjemand der politisch Verantwortlichen die Notwendigkeit gesehen, das Land beizeiten hitzefest zu machen? Die Seniorenheime haben schöne große Fenster. Kein Gesetz zwingt die Betreiber, sie mit effektivem Sonnenschutz zu versehen. Ebenso wenig wie Vermieter bewegt werden können, ihre Häuser an höhere Temperaturen anzupassen. Eine Stadt wie Rainkrautwall müsste Fassadenbegrünung vorschreiben können – vielleicht existieren einschlägige Förderprogramme, aber für alle verbindliche und sozialverträglich gestaltete Vorgaben fehlen. Die Hitze nimmt zwar nicht gradlinig, aber rasant zu, bei den Gegenmaßnahmen herrscht jedoch, als Freiwilligkeit und Privatinitiative etikettiert, Wurstelei. Bei der vor allem sicher ist, dass ihre Effekte zu spät kommen werden. Wer also bestreitet, dass es die globale Erwärmung überhaupt gibt, leidet wenigstens nicht unter diesem eklatanten Widerspruch.

***

86 % der Deutschen sind laut einer Umfrage des Deutschland-Monitors der Meinung, dass es deutlich härtere Regeln für Bürgergeldempfänger geben sollte. Das ist eine erstaunliche Einmütigkeit für ein angeblich tief gespaltenes Land. Sie wird noch erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass das Problem, das angegangen werden soll – der Missbrauch von Sozialleistungen – in Wirklichkeit recht unbedeutend ist, weit weniger drängend als beispielsweise das vermehrte Auftreten der asiatischen Tigermücke. Dass also die Bundesregierung mit Verschärfungen beim Bürgergeld viel einsparen kann, ist nicht zu erwarten. Allerdings ist absehbar, dass sie den Kommunen damit neue Lasten aufbürdet. Denn viele der politisch mit Schlägen auf den Tisch und entsprechendem Gepolter präsentierten Maßnahmen – Totalsanktionen, Wohnkostenpauschalen, sofortiger Umzug bei zu teurer Wohnung – werden zu mehr Elend führen. Und zu mehr Obdachlosen. Für deren Unterbringung sind jedoch die Kommunen zuständig, sie müssen Notunterkünfte bereitstellen. Und die kosten pro Bett im Monat mit Leichtigkeit einiges mehr als die schönste und größte als unangemessen eingestufte Wohnung eines Bürgergeldempfängers. Es ist viel beklagt worden, dass das Gerede von Lügenpresse und Politikerlügen der Demokratie schade. Beim Thema Bürgergeld aber nimmt die überwältigende Mehrheit eine gehässige, weitgehend faktenfreie, politisch-mediale Kampagne gegen Leistungsbezieher für bare Münze. Es wird auch daraus nichts Gutes entstehen.

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Das hohe Alter ist wie die Kindheit eine Zeit voller Veränderungen, oft gegen Wunsch und Willen der Betroffenen, die sich den Verhältnissen fügen müssen. Eine altersgerechte Wohnung, ein Pflegedienst, ein Platz im Heim müssen her und organisiert werden. Und ich als Angehöriger verhandele, buche und bestelle ab, richte ein und löse auf. Am Ende den gesamten Haushalt, der zu verteilen, zu verschenken und zu entsorgen ist. Ich lerne Rainkrautwall neu kennen, spreche mit Pflegern, Malern, Möbelpackern, Fensterputzern. Schnell kommen die Gespräche darauf, wie mühselig es ist, den Ältesten Hilfe zukommen zu lassen und mit Bürokratie, Personalnot und Wohnraummangel kämpfen zu müssen. Regelmäßig rutscht einem meiner Gesprächspartner dazu die Bemerkung heraus, es gebe ja nur eine Partei in Deutschland, die die Probleme wirklich benennen würde. Weiß ich Bescheid. Und widerspreche: Aus deren Programm gehe eher hervor, dass Hilfe für Alte und Kranke Privatsache sei und Mieterschutz etwas für Schwächlinge; da könne er dann die Oma auf eigne Kosten versorgen – in seiner überteuerten Wohnung. Und regelmäßig erlebe ich auf einen solchen Einwand mein kleines blaues Wunder; der Mann sagt achselzuckend: „Kann sein. Aber trotzdem.“ Offenbar sind ihm schnelle Veränderungen wichtiger als welche zum Guten. Für die Linke ist es also nicht damit getan, vor Ort und überall, Probleme zu benennen und Lösungen aufzuzeigen. Sie muss auch aufgreifen, dass die Geduld vieler Leute erschöpft ist.

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